Paranoia

Kyra

Mitglied
Paranoia

Wawa ging langsam den befestigten Bergweg empor. Sie sah sich immer wieder um, ob ihre Urgroßmutter folgen konnte. Diese wurde von einem alten Mann begleitet, Wawas Vater. Wawa beobachtete ihren Vater aus den Augenwinkeln. Er sah für sein Alter nicht schlecht aus, hatte sich passend zum Berchtesgadener Land eine Kniebundhose und Haferlschuhe angezogen und schwang rüstig seinen mit Andenkenplättchen beschlagenen Wanderstab. Wawas Aufmerksamkeit galt allein seinem Gesichtsausdruck.
Später, während sie zu dritt auf einer Bank Rast machten fing es an. Seine Augen, die grade noch besinnlich ins Tal blickten, begannen fast unmerklich zu zucken. Sein Blick sprang von der Ferne zu einem Punkt direkt vor der Bank und zurück in die Tiefe. Seine Hände kneteten nervös den Wanderstab, er atmete schneller. Wawa wusste was jetzt kommen würde und stieß ihre Urgroßmutter unauffällig mit dem Fuß an. Als die alte Dame zu ihm hinüber sah verstand sie sofort und legte ihm beschwichtigend die Hand auf seine verkrampften Finger. Wawa starrte unglücklich auf ihre dünnen, braunen Beine. Ihre Beine waren sehr dünn und sehr braun, das war zwar auch ein Grund um unglücklich zu sein, alle nannten sie Biafra, aber jetzt galt ihre Sorge doch diesem alten Mann, der ihr Vater war. Mit gesenktem Kopf schielte sie zu ihm hinüber. Inzwischen waren seine Augen starr auf einen unsichtbaren Punkt dicht vor ihm gerichtet. Seine Lippen formten unhörbar Worte, seine weiten Nasenflügel, die Wawa zu ihrem Ärger von ihm geerbt hatte, blähten sich in seinem schweren Atem. Die weißen Haarbüschel, die aus seinen Nasenlöchern kamen, schienen hervorzuzüngeln. Wawa stand auf und trat auf den Abgrund zu, inzwischen hatte sich eine kleine Gruppe Wanderer auf der Nebenbank niedergelassen, von denen sie neugierig beobachtet wurden. Die Urgroßmutter stand jetzt auch auf und versuchte den Vater auf die Beine zu ziehen. Zu Wawas Erstaunen gelang es ihr tatsächlich, obwohl er mindestens zwei Köpfe größer war. Aber es lag wohl vor allem an dem, was sie ihm ins Ohr flüsterte, er sah zu Wawa und für einen Augenblick wurde sein Blick klar.
Sie waren grade wieder auf dem Weg angelangt als der Vater wie ein störrisches Tier stehen blieb, dieses mal waren seine Augen zu Schlitzen zusammengekniffen und der Mund wachsam geöffnet. Drei alte Damen kamen mit freundlichem Wandererlächeln auf sie zu, Gehstöcke schwingend, die kräftigen Beine in gutem Schuhwerk. Der suchende Blick von Wawas Vater warf Anker in der der Dicksten der der drei Frauen, die etwas weiter außen ging und vor Anstrengung ein rotes Gesicht hatte. Er hob seinen Wanderstab hoch über den Kopf, trat einen Schritt vor und brüllte,
„Satan ich sehe dich. Geh weg, geh mir aus dem Weg du verfluchter Teufel!“
Die Damen blieben erstaunt stehen, Wawas Urgroßmutter versuchte ihnen Zeichen zu machen, indem sie sich immer wieder an die Stirn tippte. Wawa, die schon ein Stück bergauf gegangen war, blieb jetzt stehen und sah sich widerwillig um. Sie schämte sich als sie diesen verrückten Alten sah, der dabei war eine dicke Dame auf den Abgrund zu zutreiben. Er schrie jetzt mit verzerrtem Gesicht und einer fremden, seltsam hohen Stimme immer lauter,
„Mich wirst Du nicht versuchen du Sau, du Schwein, fort von mir, verschwinde, hier siehe das Kreuz Jesu“
während er das rief, riss er sich das Hemd auf und suchte zwischen seinen grauen Brusthaaren nach einem kleinen Goldkreuz. Als er es gefunden hatte, riss er es mit einem Ruck von der Kette und hielt es mit beiden Händen vor sich. Das Kreuz verschwand fast in seinen großen Händen, aber die Dame wich trotzdem weiter zurück. Dies bestärkte ihn in seinem Wahn, mit listigem Lächeln kam er ihr immer näher.
„Du Hurenstück, du dachtest ich würde dich nicht erkennen? Ich erkenne dich immer, verkleide dich nur, ich erkenne dich! Verschwinde wieder in der Hölle aus der Du gekommen bist“
Wawa sah entsetzt wie die Frau immer dichter an den Abgrund getrieben wurde. Voller Abscheu rief sie schließlich laut,
„Vater! Vater komm doch bitte zu mir“
Alle sahen zu ihr hin, auch ihr Vater blickte zu ihr empor, sein Gesicht entspannte sich. Er senkte den Kopf, schüttelte ihn kurz und wandte sich ihr zu.
„Kyra, mein Töchterchen, ich komme schon“
und stolz zu den verschreckten Damen,
„habe ich nicht eine hübsche Tochter?“
Wawa hoffte diesen Damen nie wieder zu begegnen, außerdem hasste sie es mit Kyra angesprochen zu werden. Ihr Vater kam langsam den Weg hoch und sah dabei verständnislos auf das Kreuz in seiner Hand. Die Urgroßmutter kam hinter ihm her und verdrehte entnervt die Augen zu Wawa hin. Als er neben seiner Tochter stand, sah er das große zwölfjährige Mädchen voller Liebe an, streckte die Hand aus und sagte,
„Schau was ich hier habe, das Kreuz wollte ich dir schon immer schenken. Komisch dass die Kette zerrissen ist“
Wawa nahm das Kreuz an sich und ging schnell weiter. Etwas später warf sie es in den Abgrund.

Epilog
Wawa kann diesen Mann, der so glücklich war eine junge Tochter zu haben, nur von wenigen Besuchen. Früher hatte er ihr jeden Monat zehn Mark Taschengeld geschickt und ihr ein kleines Kassenbuch geschenkt. Sie sollte da alle Ausgaben notieren. Wawa notierte weder ihre Ausgaben, noch schrieb sie den erwarteten Dankesbrief.
Früher war er wohl nicht so gewesen.
 

Rainer Heiß

Mitglied
Neues von Wawa

Hallo Kyra,

gefesselt habe ich die neue Episode aus Wawas befremdender Jugend gelesen. Auch sie ist wieder ausgezeichnet gelungen, man kann nicht aufhören zu lesen, fühlt und hofft mit Wawa. Eins lässt mir keine Ruhe: Was war mit dem Vater?
Grüße, Rainer
 

Kyra

Mitglied
Hallo Rainer

mein Vater wurde im Alter paranoid, da ich ihn kaum kannte, beschränken sich meine Erinnerungen auf diesen Zustand.

Es freut mich wenn es Dir gefällt, einen Vorteil muss doch so eine blöde Kindheit haben, dass man darüber erzählen kann;)

Kyra
 
I

innergetic

Gast
Hmmmm...(ja, das ist eine Standartantwort)

Gefällt mir. Danke auch für die Nachfragen, dadurch hab ich den Text erst verstanden. Ich sollte öfter auf die Überschrift schauen.
Erst habe ich auf Alzheier getippt, ok, war wohl daneben.

Hast du schon einmal daran gedacht, deine Kindheitserinnerungen (ich vermeide bewußt das Wort "Traumata", habe aus dem heiklen Thema gelernt...) zusammenzustellen, dass andere davon lernen können?
 

Kyra

Mitglied
Hallo innergetic

in der Tat würde ich diese Texte gerne mal zusammenstellen, aber nicht damit jemand etwas daraus lernt. Die Kinder können das nicht lesen, die Erwachsenen würden sich nicht darum scheren ;-).
Hast Du den Text Schlittschuhlaufen gelesen ? das ist die zarte Version von "heikles Thema". Aber ich denke es kommt dabei auch rum ohne zu schockieren, oder ?

Viele Grüße

Kyra
 

 
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