AfshinGholami
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Vorwort
Dieses Buch, „Passage" (persisch: گذرگاه), ist das Ergebnis einer Neuausarbeitung eines kurzen Textes mit dem Titel „Der Aufstieg" (persisch: صعود), der im Jahr 1370 des persischen Kalenders (1991 n. Chr.) in hundert Zeilen niedergeschrieben wurde. In jenen Jahren war Peter – angeregt durch die geistigen Umwälzungen, die das Studium der Bücher in der Bibliothek seines Vaters, darunter insbesondere die Werke des jungen Jean-Jacques Rousseau, in ihm ausgelöst hatte – zu einer neuen Auffassung vom Leben gelangt. Auf der Suche nach sich selbst verließ er eines Tages das Haus, nachdem er einen Brief für seinen Vater zurückgelassen hatte, und zog mit einem Rucksack voller Lebensnotwendigkeiten aus der Schweizer Stadt Thun fort. Sein Plan war es, über die himmelhohen Alpen zu gelangen und jene Frau seiner Träume zu besuchen: Maria Agnesi.
In den folgenden Jahren irrt Peter im „Land der Götter" und in der hölzernen Bergherberge umher – wie im Text des Buches beschrieben – und der Weg vor ihm ist versperrt. Doch nachdem er unendliche Mühsal und den Schmerz langer Einsamkeit im Gebirge ertragen hat, und nachdem in ihm eine neue Erkenntnis gereift ist, wird ihm die Zukunft klar und der Weg geebnet.
In jenen kalten, steinernen Bergen ist es Emily, die wie eine nächtliche Dame mit der Laterne in der Hand ihn in die hölzerne Felsherberge ruft. Peter kann von nun an gehen, und er wird gehen, bis ans Ende des Gehens. Er ist zum Gehen erschaffen, nicht zum Bleiben.
Mein Sohn Kūrush war damals, als der erste Entwurf des Buches – „Der Aufstieg" – entstand, noch nicht auf diese Welt gekommen. Aber „Passage" war zweifellos eine Einladung an ihn, in diese Welt zu treten – damit er wisse, dass sein unruhiger Geist bereits vor seiner Ankunft in dieser geheimnisvollen Welt der Schöpfung in meinen Geschichten eine ernsthafte Präsenz hatte. Und Peter hatte die Anwesenheit meines Sohnes schon im Voraus erzählt.
Während der Niederschrift und Vollendung der endgültigen Fassung dieser Geschichte, die seit dem Jahr 1396 des persischen Kalenders (2017 n. Chr.) meinen Geist und meine Seele gefangen hält, hat Mahbūbe Āḫtarī – geduldig, beständig und mir zur Seite – die Kaffees für die Stunden des Schreibens bereitet und mir die Stille geschenkt, damit kein Störfaktor den Weg Peters behindert.
Abschließend möchte ich meinen Dank gegenüber der lieben Lara Fabian, Pavarotti und Johann Sebastian Bach nicht verhehlen. Sie haben es mit ihren unvergleichlichen Musikstücken vermocht, mich in jene Welt Peters eintauchen zu lassen. Vom Beginn der Niederschrift bis heute – wann immer ich mein Ohr ihren Klängen öffne, trete ich unwillkürlich in die Seiten von „Passage“ ein. Ich hätte es geliebt, wenn das Buch nach seiner Veröffentlichung so gestaltet worden wäre, dass der Leser beim Öffnen des Buches von den Klängen dieser Künstler durch die Zeilen hindurch in den Flug erhoben würde, um zu jener zeitlosen Erkenntnis zu gelangen, die ich während des Schreibens empfand. Doch ich weiß: Wenn dies nicht unmöglich ist, so ist es zumindest in dieser Zeit schwierig und kostspielig. Deshalb werde ich nach diesem Vorwort die Titel der Stücke nennen – in der Hoffnung, dass ein feinsinniger Leser sie aus dem Internet lädt und während der Lektüre abspielt. Möge der Leser jenes Gefühl erahnen, das mich vor Jahren, in einem winterlichen, verschneiten und düsteren Mittagstraum, erfasste, als ich fliegend über die Alpen zog und eine lange Reise in einem Traum erlebte – und möge er mich auf dieser Reise begleiten. Dieser Traum hat sich so sehr mit der Wirklichkeit meines Lebens verwoben, dass ich in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren niemals die Kraft fand, mich aus ihm zu lösen. Wenn ich Stücke von Bach, Pavarotti und Lara Fabian höre – selbst beim Autofahren –, erhebt sich meine Seele wie ein Vogel und macht sich auf den Weg zu jener Bergherberge. Emily habe ich seit der ersten Schöpfung der Geschichte mehrfach im Gebirge gesehen, und ich weiß, dass sie in meinen Träumen lebt.
Die vorliegende Geschichte ist ein unredigierter Text. Wie wir wissen, ist die Redaktion literarischer Werke durch Autoren eine übliche Praxis. Doch sie birgt einen Aspekt, der mich betroffen macht: Meistens sind die Spuren des Redakteurs – insbesondere des literarischen Redakteurs – überall im bearbeiteten Text sichtbar. Besonders wenn der Redakteur fachkundiger ist als der Autor selbst, kann das Buch tiefgreifende inhaltliche Veränderungen erfahren. Zwar ist das Ergebnis dann frei von Rechtschreib- und inhaltlichen Fehlern, doch scheint mir, dass das ursprünglich Geschaffene nicht mehr unverfälscht und authentisch sein wird. Dies ist freilich meine persönliche Meinung, die mit Sicherheit anfechtbar ist und Kritik verdient. Deshalb lege ich meine Geschichten unter dem Titel „Unredigierte Geschichten" vor – in der Hoffnung, dass der verständnisvolle Leser etwaige Unvollkommenheiten des Textes nachsieht und mir diese Abweichung von der gängigen literarischen Praxis verzeiht.
Musikstücke (wie vom Autor genannt):
Lara Fabian & Michel Sardou – Je vais t'aimer
Lara Fabian – Quedate
Lara Fabian – Je t'aime (Cover by Alba)
Lara Fabian – Je t'aime
Lara Fabian – Adagio
Lara Fabian – Caruso
Lara Fabian – Comme Toi
Lara Fabian – I Guess I Loved You
Lara Fabian – Je suis Malade
Lara Fabian & Rick Allison (on piano) – Je t'aime
Lara Fabian – Mistral Gagnant
Lara Fabian – Perdere l'amore
Lara Fabian – Trouver la vie, l'amour, le sens
Luciano Pavarotti – Bella Italia
Adagio – Albinoni
Adagio – Secret Garden
J.S. Bach – Concerto For Violin BWV1042 Adagio
Māǧida al-Rūmī & Lara Fabian – Ḥabībī
Kapitel Eins
April 1789
Stadt Thun, Herrschaft Bern
Geburt
Das goldene Licht der Sonne hatte in jener Morgendämmerung die schneebedeckten Frühlingsberge in zwei Hälften geteilt. Die hohen Gipfel erstrahlten wie eine prachtvolle Krone, und die Hände der Sonne bestrichen fröhlich und siegreich Linie um Linie das Gebirge mit Gold. Die andere Hälfte war ein schüchternes Mädchen mit roten Wangen, das sich vor den Augen der Sonne versteckte. Das Leben stürzte wie ein Wasserfall vom Himmel herab und drängte die Dunkelheit in die stillen Winkel der Schöpfung.
Mit eben erst geöffneten Augen aus dem Schlaf, in jenem Augenblick, da die Grenze zwischen Traum und Wachen wie das Fließen des Wassers im Mondlicht unbestimmt und lieblich ist, sah ich den Niedergang der Nacht mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit und sagte zu mir:
Geschieht dieses unvergleichliche Ereignis jeden Tag, und ich schlafe nur?Oder nur heute?An dem Tag, an dem ich das Haus verlassen und den Fuß auf die Geschichte meines Lebens setzen muss.
Vielleicht war ich bisher nur unachtsam gewesen, und die Künstlerhände der Sonne hatten jeden Morgen hinter meinen schlaftrunkenen Lidern gemalt.
Der Tag wuchs rasch heran, und bald würde mein Vater erwachen, mit seinem runden, gütigen Gesicht, dem blonden Schnurrbart und Bart, mich in die Arme schließen, und ich wäre gezwungen, in einem historischen Augenblick alle meine Ziele und Träume beiseite zu legen, ihm in die Augen zu sehen und mit einem Lächeln, das seiner Güte würdig war, zu sagen:
Vater, ich gehe mit Shirley an den See fischen, und mittags werden wir wieder beieinander sein …
Doch ich war entschlossen zu gehen. Deshalb erhob ich mich eilig, noch bevor er kam, nahm den Rucksack, den ich um Mitternacht für eine lange Reise gepackt hatte, hinterließ einen Brief und machte mich auf den Weg.
Den Text des Briefes hatte ich unzählige Male im Geist wiederholt, und jedes Mal war mir eine Träne aus den Augen gelaufen. Er war schlicht und doch voller Schmerz:
Vater, ich bin gegangen. Bitte bleibe am Leben und lass mich, wenn ich zurückkehre, deine gütigen Hände ergreifen. Peter.
Auf dem Gebirgspass der Stadt Thun war der Verkehr geringer als auf den anderen Straßen, denn im Westen luden die grünen Ebenen, die nach Frankreich führten, Dutzende frühaufstehender Bauern ein, und im Osten beherbergten Obstgärten und Fruchtbäume die Gärtner. Der südliche Weg der Stadt jedoch führte nach dem Vorbeikommen an einem bezaubernden und schönen See geradewegs zu hohen Bergen, die nach der Durchquerung von Interlaken und dann Grindelwald zu den Alpen und dem riesigen Aletschgletscher gelangten. Wenn ich die Einsamkeit und die Gefahren des Gebirges überwinden und mich bis Anfang Juni, wenn der Winter gänzlich den weißen und rosa Orchideen sowie den roten, gelben und gescheckten Primeln weichen würde, bis zum Galmihorn durchschlagen könnte, wo die Spur des Menschen blass und selten wird, so hoffte ich, bis zum Juli und zur Mitte des Sommers die Nacht in der Kirche San Gaudenzio zu verbringen und kurz vor der Ankunft Maria Agnesis noch ein wenig in der Umgebung umherzustreifen und an den Gesprächen in den Kreisen teilzunehmen.
Ich wusste, dass Maria, die nun an der Schwelle des siebzigsten Lebensjahres stand, über die Mathematik und die Integralrechnung zur Askese gelangt war und nach dem Verfassen von Büchern auf diesem Gebiet den Weg ihres Lebens hin zur Weltentsagung und zum Verzicht auf deren Freuden gewendet hatte. Mit dem Verkauf des väterlichen Vermögens hatte sie sich der Fürsorge für die Armen zugewandt. Bevor ich auf Marias Schriften gestoßen war, bedeutete Askese für mich: Enthaltsamkeit im Essen und Trinken, Meiden des anderen Geschlechts und das Leben in den Gebirgsklöstern. Nun aber erfuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass die Askese durch jede Tür eintreten kann und keinen bestimmten Stil besitzt, sondern so vielfältig ist wie die Menschen auf Erden. In Wahrheit öffnete sie ihren Interessierten ein neues Fenster und ließ uns erkennen, dass die Askese im Grunde ein innerer Wert und eine Würde ist, die jeder auf seine Weise entdecken und in Leib und Seele verwirklichen muss. Vielleicht war die alte Askese, die Weltentsagung und Verzicht auf ihre Freuden bedeutete, ein historischer Weg gewesen, um die Grenze des Körpers zu überschreiten und nicht in der materiellen Welt zu versinken, und danach hatte niemand mehr gewagt, andere Wege zu erproben. So hatte Maria Agnesi die Askese durch die Integralrechnung wie eine Lampe in der Mitternacht der Menschheit entzündet und uns einen neuen Weg gewiesen. Doch konnte man auch auf anderen Wegen zur Askese gelangen? Etwa durch Zimmermannsarbeit oder Schmiedekunst? Maria predigte und hielt Ansprachen mit ihrer einzigartigen Beherrschung des Italienischen, Französischen, Deutschen und sogar Hebräischen und warnte die Menschen davor, in weltliche Begierden und die Anhäufung von Gut und Vermögen über den täglichen Bedarf hinaus zu versinken.
Maria hatte viel zu sagen, denn sie hatte das aristokratische Leben und den Geschmack von Dienern, Lehrern, Führern, großen Palästen und farbenfrohen Speisen gekostet und war mit einzigartigem Willen und Bewusstsein der Welt entsagt und hatte das Leben zu einem Bündel der nötigsten Dinge gemacht und war aufgebrochen.
An jenem Morgen, als die Sonne reizvoll und unvergleichlich war und streichelte, setzte ich den Fuß auf den von Morgentau nassen Rasen, und ein neues Gefühl strömte durch meine Adern, ein Gefühl, das anders war als alles, was ich jahrelang erfahren hatte. Der Liebesfelsen, auf dem ich an vielen sonnigen und reizvollen Tagen gelegen und den See zu einer Erinnerung gemacht hatte, erschien mir in neuer Gestalt, und als ich entschlossen an ihm vorbeiging, um zum Gebirge zu gelangen, folgte mir sein Blick wie der eines neugierigen Hausierers den ganzen Weg, und es war, als drehe er sich auf der Stelle und betrachte mein Fortgehen. Wäre ich etwas näher an seinem Leib vorbeigekommen, hätte er mich mit seinen kalten steinernen Händen gefangen, die Bewohner mit Geschrei aus ihrem warmen Morgenschlaf geweckt und zu mir gezogen und mich am Gehen gehindert. Deshalb entfernte ich mich mit der Vorsicht, die einem einsamen Reisenden geziemt, von ihm und ging vorbei, und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass seine Hand meinen Fuß nicht erreichen würde, setzte ich mich unter den roten Apfelbaum Evas (Shirley und ich hatten dem einzigen Apfelbaum am See den Namen Roter Apfelbaum Evas gegeben und aßen manchmal von seinen verbotenen Früchten und baten unseren Gott um Vergebung) und nahm, ohne das Mädchen, einen kleinen dürren Zweig zwischen die Zähne. Der Winter hatte aus unserem Baum einen magern Zweig gemacht, und mein plötzliches Fortgehen würde wahrscheinlich mit Shirley dasselbe tun, was der Winter mit dem Baum getan hatte. Doch konnte man Shirley, das sommersprossige Mädchen, allein lassen und gehen? Das übersehen der faltigen Röcke Shirleys und der köstlichen Rösti ihrer Mutter Emma war schwer, doch Shirley war ein Teil meiner Vergangenheit, nicht meiner Zukunft. Der trockene Zweig, den ich vom Roten Apfelbaum Evas erbeutet hatte, war das einzige Überbleibsel der Begebenheiten unter dem Baum, und während ich ihn im Mundwinkel hin und her schob, war ich schon so weit entfernt, dass der Baum wie ein trockenes und armseliges Gebüsch erschien. Die Geschwindigkeit meiner Schritte war mir fremd, sie ähnelte nicht meinem halb-aristokratischen Lebensstil. Ich schritt entschlossen und ernsthaft voran und wusste, dass das Verlassen des Vaterhauses und des Zimmers, in dem ich aufgewachsen war, das Zurücklassen der Freunde und Nachbarn und des wandernden Milchverkäufers und sogar das Verlassen der Hausdienerin, die ich seit der Kindheit jeden Morgen erwartet hatte und die mich wie eine fürsorgliche Mutter in die Arme geschlossen und sich um meine Angelegenheiten gekümmert hatte, und schließlich die Trennung vom Vater für mich eine Art Angst verbunden mit Atemnot mit sich brachte. Konnte man die Sicherheit der Gegenwart des Vaters übersehen? Der Vater, der der Ursprung aller süßen Träume meines Lebens war – gab es einen besseren Ort zum Schlafen als mein Zimmer, aus dessen schönem mittelalterlichem Fenster der ganze See und die grünen Ufer und die alten Kiefern deutlich zu sehen waren?
Bevor jener Tag und das Fortgehen aus dem Hause kamen, hatte ich unzählige Male die Wörter Verlassen, Gehen, Bleiben, Reise und andere mit diesen unbeschreiblichen, doch jedem Menschen vertrauten seelischen Zuständen verbundene Wörter wiederholt, doch dieses Gehen hatte das Feld der Einbildungskraft erobert, und man hätte es seit Jahren voraussehen können, dort, wo ich in der Jugend und im jungen Mannesalter nicht mit meinem eigenen und dem Wesen der anderen zurechtgekommen war und die Menschen nicht so hatte annehmen können, wie sie sind, oder das Leiden neben der Freude und die Trauer neben dem Sieg, und immer einfältig hatte ich der alleinige Held auf dem Feld aufeinanderfolgender Erfolge sein und kein Schlinggewächs sollte sich um meinen Fuß winden wollen. Man konnte verstehen, dass ich eines Tages auf der Suche nach mir selbst Heimat und Haus und die Meinen verlassen würde.
Mit festen Schritten gelangte ich an einen Ort, von dem aus mein Vater nicht mehr zu sehen war und der See meiner Träume mit seinen silbernen Fischen wie eine Träne in einem nicht sehr tiefen Tal lag. Abermals erschien das Gesicht des Vaters vor meinen Augen. In der Welt der Einbildung, in der jenes bezaubernde Gebirge zu einem wilden Pferd in den nördlichen Steppen geworden war, stellte ich mir das Öffnen der grünen Augen des Vaters und seinen Weg durch das Haus und dann das Erblicken des leeren Bettes seines einzigen Sohnes und das Lesen meines Schreibens vor und betrachtete unablässig und genau aus der Ferne die schöne Stadt Thun, die wie ein in mittelalterliche Mauern eingefasstes Juwel erstrahlte. Die Drehung ihrer bezaubernden und uralten Mühlen konnte ich nur schwer erkennen, und im Traum ging ich ihre hölzernen Läden und Gasthäuser durch, die ich nicht mehr sehen konnte. Noch war der traurige Traum der Trennung nicht zu Ende, als eine unbekannte Stimme von hinten den Faden meiner Gedanken zerriss. Ich sah einen Mann mit einem seltsamen Wagen, nur zwei Räder, die von einem Pferd gezogen wurden. Ich sagte zu mir: Ist auf dem schwierigen Gebirgsweg überhaupt ein Pferdewagen möglich? Das Pferd hatte im Gegensatz zu den kurzen und kräftigen Pferden, die ich in Thun gesehen hatte, einen gestreckten Leib und seine Bewegungen besaßen eine seltsame Würde. Der fremde Mann, der meinen neugierigen Blick bemerkte, sagte:
Es ist ein Pole, und mit der Hand deutete er und sprach:
Bis Gündlischwand (jenem Punkt, der einerseits der Beginn der hohen Alpen und andererseits die letzten Abhänge über dem Kanton Bern und der Ort des Wachstums der wilden Ölweidensträucher ist) fahre ich, ich kann dich bis dorthin mitnehmen …
Das Herannahen der Nacht und das gemeinsame Biwak mit einem Weggefährten, mit dem unser ganzes Gespräch nicht einmal zwei Sätze erreichte, war ein wenig furchterregend, doch was immer es war, es war besser als die Einsamkeit in einem Gebirge, in das ich zum ersten Mal bis zu diesem Punkt aufgestiegen war. Der Mann wirkte mittelalt und erfahren, und wahrscheinlich konnte ihn nichts in Angst versetzen, und dass er ein einsamer Reisender war, war die beste Bestätigung dieser Behauptung. Er entfachte rasch ein Feuer, band das müde Pferd an einen Baum, streute ihm Futter hin und machte sich sogleich an die Zubereitung des Essens. Ich betrachtete ihn, das Feuer und seine Arbeiten schweigend. Obwohl das Anzünden des Feuers, das Kochen und das Anbinden des Pferdes gewöhnliche Dinge sind, schien mir, dass jener Mann in dieser Höhe und an den steilen Hängen und hohen Sträuchern, die manchmal die Größe einer Kiefer erreichen, eine seltsame Herrschaft über alles besaß. Vielleicht hatte ich mein ganzes dreißigjähriges Leben wie ein wohlgefiederter Vogel in einem goldenen Käfig verbracht und nicht gewusst, dass jenseits der Gitterstäbe des bezaubernden Gefängnisses des Lebens Menschen und viele Wege zum Durchkommen existieren.
Vor Mitternacht und dem Aufgehen der Scharen von Sternen und genau in dem Augenblick, da ich der Vorschläfrigkeit nahekam, fragte der Mann:
– Bist du gegen Kurkuma empfindlich?
Ich verstand nicht, was er sagte. Es war das erste Mal, dass ich den Namen Kurkuma hörte. Er wiederholte die Frage, und ich sagte, ohne den Grund seiner Frage zu wissen:
– Nein, bin ich nicht.
Später begriff ich, dass die Speise, die aus wilden Gebirgspilzen und den Wurzeln von Bäumen und Pflanzen bereitet wird, unbedingt mit Kurkuma gegessen werden muss, sonst belästigt ihr scharfer und unangenehmer Geschmack trotz ihrer zahllosen Eigenschaften den Menschen.
Es war eine wohlschmeckende Speise, oder vielleicht stellte ich sie mir unter jenen Umständen so wohlschmeckend vor. Was immer es war, sie brachte mir einen tiefen und ruhigen Schlaf. Ich weiß nicht, ob der Mann des Gebirges ebenfalls wie ich in einen tiefen Schlaf sank oder bis zum Morgen Wache hielt und über unser Hab und Gut wachte.
Am Nachmittag des folgenden Tages, während die Nacht ihren großen Mantel über uns ausbreitete, trennten wir uns, ohne dass ich seinen Namen kannte. Doch was immer er war und wer immer er war, es war ein Mann mit starken Händen und Füßen, ein Mann, der mit seinen Sinnen alles genau beobachtete, ein Mann, der keine Philosophie kannte und wahrscheinlich die Namen Jean-Jacques Rousseau, Francis Bacon, Galileo Galilei, René Descartes und anderer nie gehört hatte, doch auf seltsame Weise wie ein meisterhafter Künstler aus den Pilzen und wilden Pflanzen mehrere Speisen bereiten und im Gebirge und in der Einsamkeit wandeln und andere der Wohltat seines seltsamen Wagens und seines wohlschmeckenden Abendessens teilhaftig machen konnte. Vielleicht war ihm vor uns eine Art Freiheit widerfahren, die von den verwickelten Philosophien des Lebens frei war und von der kein Schriftsteller in keinem Buch je gesprochen hat.
Meine Reise begann in Wahrheit am dritten Tag, und das Fortgehen des Mannes hatte bewirkt, dass ich den Weg wieder zu Fuß zurücklegte. Im Schweigen und beim Gehen überdachte ich alles genau, von der Kindheit bis zur Jugend, die Schule, den Vater und meine kleine Stadt Thun. Wenn die Menschen sich von ihrer Heimat und dem sicheren Ort entfernen, werden sie entweder Dichter oder Philosophen und Propheten, denn fortan sind sie nicht mehr in die alltäglichen Dinge und das gebundene Essen und Schlafen verstrickt und müssen nicht mehr jeden Morgen den Hut ziehen und einer Menge Guten Morgen sagen. Deshalb flohen die Menschen in der Vergangenheit ins Gebirge und wurden Propheten.
Mit dem Vergehen aufeinanderfolgender Tage und Nächte und der Aufmerksamkeit auf diese furchterregende Wahrheit, dass ich nach dem Fortgehen des einsamen Mannes keinen Menschen mehr gesehen hatte, war mein ganzes Wesen auf die Umgebung konzentriert, so dass ich es vorzog, statt über Philosophie und Politik nachzudenken, mich auf die Art meines Schreitens und ein sicheres Lager für den Schlaf zu konzentrieren, und mein Leben war zu einer kurzen Geschichte des Gehens und der ständigen Vorsorge geworden.
Jedes Stäubchen Erde und jeder einzelne Strauch des Aufstiegsweges waren in meinen Augen furchterregende bewegliche Wesen, die in einer überirdischen Sprache miteinander sprachen und mich wie einen Fremden in einer kleinen Stadt einander zeigten. Allmählich gewöhnte ich mich an diese Angst, und sie wurde mir zu einer Art Unterhaltung, und ich hatte begriffen, dass meine Anwesenheit vor dem Erreichen des nächsten Punktes angekündigt wurde.
Gleichzeitig mit dem Sinken der Temperatur und dem Steigen der Höhe veränderte sich auch die Art und der Bewuchs der Pflanzen. Überall war es unberührt, schön und erfüllt von Primeln von einem Meter Höhe (selten erreichen diese Blumen in meiner Heimat fünfzig Zentimeter) und wilden Efeu, in deren Innerem gleichsam eine animalische Lebenskraft strömte und deren Bewegung jenseits der Pflanzen lag und die ein bemerkenswertes Wachstum und eine Bewegung besaßen und Täuschungen hervorriefen.
In den Winkeln der Steine waren kleine gelbe und lachende Rosen verstreut, die kleinen Engeln glichen, die mich vor den zwischen den Steinen und hohen Pflanzen lauernden Fremden schützten und bewahrten. Himmel und Erde und jede Schicht, die ich durchschritt, wurden reiner und unberührter und geheimnisvoller als zuvor. Ich durchschritt die verborgenen Tore des Daseins eines nach dem anderen und wusste, dass ich nach sieben gläsernen Toren an einen Ort gelangen würde, an dem auch die tiefen Täler ringsum keinen Versuch machen würden, meinen müden Leib zu verschlingen, und ich würde mich wie eine Pusteblume auf den Flügel des kleinsten Windes setzen und fortan fliegend reisen.
Mit dem Steigen der Höhe wurden die Bäume kürzer und den Sträuchern und kräftigen Büschen ähnlicher. In diesem gebirgigen Geröll haben die Bäume, um dem Winterfrost und den mörderischen Stürmen der Alpenhöhen zu widerstehen, den steinigen Boden zu ihrem ständigen Lebensraum gemacht und tiefe Wurzeln geschlagen, um das Weiterleben zu ermöglichen. Statt der lästigen Fliegen, die mich seit Beginn der Reise und in den Nächten des Aufenthalts in den niedrigen Höhen jeden Abend und Morgen belästigt hatten, sah ich goldene Bienchen, die wie Spreuteilchen in der Luft schwebten und die Blumen bestäubten und wohl an einem Ort, den ich mir nicht einmal vorstellen konnte, einen winzigen Stock aus Gebirgshonig gesammelt und die Welt mit dem süßen Saft ihres Verhaltens überzogen hatten. Bienchen, die keine Müdigkeit kennen und bestimmt Philosophie oder Dichtung verstehen:
Wie schön wäre es, wenn die Bienen Philosophie kennten oder Dichtung sprächen, dann würden ihre Honige farbig werden, zum Beispiel der eine roten Honig, der andere gelben, einer grünen, einer blauen, und jener vielleicht geschmackvoller und dichterischer als die übrigen würde einen Regenbogenhonig bereiten und sich entfernen und das Werk seiner Kunst betrachten und wieder herantreten und ein Stück ausbessern und sich an diesem Genuss sättigen.
Alles um mich her war erstaunlich und traumhaft. Manchmal dachte ich bei mir, dass, wenn ich tausendmal denselben Weg ginge, den ich jetzt in seinem Herzen durchquerte und bereiste, die Symphonie des Lebens mich nicht so melodiös empfangen würde. Vielleicht würde eines Tages ein feinsinniger Musiker jenes Gebirge durchqueren und ein Stück namens „Der Flug der Hummel“ schaffen und der Welt der Dichtung und Musik schenken.
Die Quellen und Bäume und Sträucher und Blumen waren jede für sich und manchmal in ihrer schönen Gemeinschaft Gastgeber, die alles, was sie hatten, dem Gast darboten und sich um den morgigen Tag nicht kümmerten, und ich war ebenfalls ein würdiger und verdienter Gast, der alles richtig begriff und an diesem gebirgigen Fest Freude hatte.
Der Duft der wassergetränkten Steine des Gebirges und der schmelzenden Schneemassen machte den Geschmack meines Mundes angenehm, und kostend minderte ich die Geschwindigkeit meines Gehens.
Doch jenseits der schönen Dichtung der Reise war das Tragen meines Rucksacks, dessen Gegenwart zu Beginn der Reise genussreich gewesen war und mir ein Gefühl der Größe gegeben hatte, zur Beschwerde und Mühsal geworden, und wäre ich nicht auf die wenigen Geräte und den Wegvorrat in dem Rucksack angewiesen gewesen, hätte ich ihn von den steinigen Höhen ringsum in die Tiefe der tiefen Täler geworfen und einige Augenblicke auch dieses reizvolle Schauspiel betrachtet. Wann immer der Gebirgsreisende seinen Rucksack zu Hause und aus der Ruhe und dem Wohlstand füllt, füllt er ihn ohne Rücksicht auf die Ermüdungen und Hilflosigkeiten der Reise mit Dingen, die ihm auf dem mühevollen und steinigen Weg nie von Nutzen sein werden. Unsere Gedanken haben denselben Zustand. Im Höhepunkt der Unruhen und Bedrängnisse werden sie wie ein großer Rucksack mit unpassenden Gedanken und Meinungen und grundlosen Traurigkeiten und Freuden angefüllt und nehmen uns die Kraft zum Aufsteigen, und nachdem wir eine Zeitlang an ihrem Ablegen verzweifelt sind, sind wir gezwungen, all jene wertlosen Dinge anzunehmen und sie bis ans Ende des Lebens zu tragen.
Mit jedem Tag der Reise begriff ich, dass das Leben unter meinen Schuhen fließt und nicht im Rucksack und in meinem Denken, und das Tragen all jener Last war mir von keinem Nutzen, und das Genießen der umgebenden Welt, das Bewahren der körperlichen Kräfte und die Sorge um die Gesundheit waren die wichtigsten Künste, deren ich in jenen Tagen bedurfte, und um die Wahrheit zu sagen, von einem bestimmten Zeitpunkt an erschien der Name keines der großen Männer und Philosophen, die ich liebte, mehr vor meinen Augen, und nur das Finden von etwas zum Essen und eines sicheren Ortes zum Schlafen und das Erreichen des nächsten Ziels beschäftigte meinen Geist. Es war, als seien Philosophie und die Meinungen und Anschauungen der Großen nur für die hölzernen Stühle vor dem warmen Ofen der Bibliotheken geeignet, und die wirkliche Welt bedürfe nur der Kunst des Lebens und nichts anderes.
Die Zeit verging, und ich schritt mit ihr voran. Nach fünfunddreißig Tagen seit Beginn der Reise und dem Aufbrauchen meines Vorrats zeigte sich, dass meine Voraussicht für das Erreichen der hohen Alpenpässe und die Schätzung der Zeit jenes langen Weges und des Maßes meines Vorrats ein unersetzlicher Irrtum gewesen war, und ruhig und lautlos gelangte ich an einen Punkt des Gebirges, an dem nichts mehr leicht zum Essen zu finden war. Das Essen der Adern des schmelzenden Schnees hatte eine tiefe Durst in meinem Wesen erzeugt, und der Jüngling, der seine Mahlzeiten im Vaterhaus aus dem farbenfrohen und durch und durch schmackhaften Menü des Hausdieners gewählt hatte, hatte sich nun dem Essen der herben und manchmal bitteren und unbekannten Früchte der Höhen zugewendet, und alles, was in Frankreich im Gang und in Bewegung war und was ich einst genau verfolgt hatte, war nun vor meinen Augen verblasst, und während ich auf einer weißen steinernen Schneide über einem tiefen Tal saß, dachte ich an die Vergangenheit und erinnerte mich, wie und woher diese Reise begonnen hatte. In Wahrheit von dem Zeitpunkt an, da das Studium des Buches „Der Gesellschaftsvertrag“ des jungen Jean-Jacques Rousseau meinen Geist ergriffen und mich auf seltsame Weise vom inneren zum äußeren Selbst gedrängt hatte, beeinflusst von den Gedanken des teuren Rousseau, der bemüht war, eine Art Harmonie zwischen den individuellen und den kollektiven Freiheiten herzustellen, und der mit seiner Philosophie und tiefen Einsicht den Boden für geistige Umwälzungen und eine tiefe Strömung in diesen Tagen bereitet hatte, suchte auch ich eine neue Identität.
Im Westen und in Frankreich ereigneten sich Dinge, die mein Land und ganz Europa und sogar die Welt beeinflussten. Ludwig der Sechzehnte und seine Gemahlin Marie-Antoinette standen unter starkem Druck der Gegner und Revolutionäre und waren mit dem Verlassen der Macht und der Verbannung bedroht. In Wahrheit seit dem Zeitpunkt, da unter dem Volk die Kunde verbreitet worden war, dass Marie-Antoinette, die Königin von Frankreich, in einer seltsamen Rede auf die Frage:
Was sollen die Menschen essen, wenn sie kein Brot haben …
aus dem Hochmut ihres aristokratischen Lebens, vielleicht im Scherz, gesagt hatte:
Statt Brot sollen sie Brioche essen
war das Fortbestehen der französischen Regierung in einen Schleier der Ungewissheit gehüllt, und die Handwerker und die Arbeiter- und Unterschicht hatten diesen scherzhaften Satz wie einen Blitzschlag auf ihr Haupt empfunden und ihn nicht vergessen und sich scharenweise den Revolutionären angeschlossen. Vielleicht wusste sie nie, dass die hungrige Masse keinen Sinn für Scherz hat.
In den nächtlichen Gesprächen meines Vaters mit einigen Gebildeten der Stadt und der Herrschaft Bern, die in der reizvollen Atmosphäre seiner Bibliothek stattfanden und an denen ich die Ehre der Anwesenheit in jenen erhabenen Versammlungen hatte, erfuhr ich, dass die gegenwärtige Regierung Frankreichs nicht lange dauern werde, und mein Vater sagte, wenn der Hof die Krise nicht bändigen könne, werde der Tag kommen, an dem das Volk die Bastille selbst angreifen werde. Die Bastille, die das Symbol der Macht Ludwigs des Sechzehnten war – wenn sie fiel, war keine Hoffnung auf die Fortdauer der Monarchie. Das furchtbare Gefängnis, das bisher die Stimme jedes protestierenden Revolutionärs zum Schweigen gebracht hatte.
Der Freund meines Vaters, der französischer Herkunft war, sagte:
Wenn die Bourbonen rechtzeitig zur Unterstützung des Königs und der Königin aufstehen und in diese Krise eintreten, wird die Schreckensherrschaft über Frankreich und dann über ganz Europa nicht herrschen.
Die Angelegenheit Frankreichs war sehr einfach. Ludwig der Sechzehnte und seine schöne Königin hielten die Schreie der Hungrigen und Bauern für einen Scherz, der Lachen auf die Lippen bringt, und nahmen sie nie ernst, und dies war der Beginn der Explosion des Pulvermagazins der Hungrigen, die mit der Flamme der Übelwollenden und Nutznießer alles verbrennen und vernichten würde.
Die Masse der Hungrigen ging auf der Suche nach einem Bissen Brot, ohne Rücksicht auf den verborgenen Willen der scheinheiligen Führer der Revolution, ihren Weg und zerstörte, und mein Vater war stets über diesen untrennbaren Teil der Revolutionen und Bewegungen besorgt und beunruhigt, und ich weiß, er wünscht, dass die Vernunft über alle Pfeiler des menschlichen Lebens herrsche und das Gefühl dem gemütlichen Winkel der Liebenden angehöre und nicht dem Feld der Politik.
Diese Ereignisse und alles, was im Europa des Jahres 1789 in Gärung und Bewegung war, kamen dem einsamen und hungrigen Reisenden nicht zu, der ohne Rücksicht auf die Gefahr des Sturzes in die Tiefe der tiefen Täler auf einer steinernen Schneide saß und dessen müden Leib Hunger und Durst halb tot gemacht hatten. In jener Zeit war ich nur ich und meine Schuhe, die durch Unachtsamkeit und das Nichtverwenden von Rindertalg und das Durchqueren von Wasserläufen und Tümpeln und das nicht rechtzeitige Trocknen am Feuer zu einem weichen, weiten Galoschen geworden waren, die meinen Fuß nicht mehr schützten und zu einem schweren, weichen und ständig feuchten Flicken geworden waren, der seine Aufgaben nicht richtig erfüllte.
Seit einigen Tagen spürte ich merkbare Veränderungen an mir. Die ständigen Fußschmerzen vom Aufstieg auf den schwierigen Gebirgspfaden und die ungeeignete Ernährung und der ungeeignete Schlaf und die Schichten getrockneten Schweißes auf meiner sonnenverbrannten Haut hatten die reine Gebirgsluft für mich bedeutungslos und wirkungslos gemacht und aus mir einen sterbenden Kranken gemacht, der ziellos und ohne Ziel den Fuß auf den schwierigen und endlosen Weg des Lebens gesetzt hatte und ständig vor dem Leid der Reise bangte und verstört war. Ich war ein Bergsteiger, der die Niederlage vor der Eroberung des Gipfels angenommen hatte und ziellos im Gebirge umherirrte und keine Aussicht auf Rückkehr hatte.
Gezwungen und ohne Herrschaft über meine Gedanken schritt ich voran und fiel manchmal stundenlang zu Boden, und der einzige Anblick vor meinen Augen waren Ameisen, die aus der Nähe wie Herkules Körner von der Größe eines Felsens in ihren kraftvollen Händen hielten und zum Haus trugen. In diesen Stunden prägte sich nichts von meinen vernünftigen Zielen in meinem Gedächtnis, und ich hatte Maria Agnesi und die anderen vergessen, und das Sehen der fröhlichen und heiteren Ameisen des hohen Alpengebirges, die noch den Duft des Lebens und der Geschäftigkeit ausströmten, war der schwache Schimmer meiner zu Wahnsinn gewen Hoffnungen, und manchmal wusste ich, dass ich mich mehr als nötig zu Boden warf, um ihr Leben aus der Nähe sehen zu können, und die meiste Zeit hörte ich ihren Schrei:
He, ein anderer Winter wird kommen, und der Vorrat ist knapp.
Wissen auch die Gebirgsameisen Dichtung? Welchen Begriff haben ihre kleinen Leiber von der Philosophie und dem Rätsel der Schöpfung? Bei einem der langen Niederfallen, das von der Schwäche der körperlichen Kräfte herrührte, sah ich die Bewegung und das Verhalten der Ameisen wie eine melodische Weise, die auf einer festen Linie hin und her gingen und mit Händen voller Körner und Speisen fortgingen und mit leeren Händen zurückkehrten, und in dem Augenblick, da eine kleine goldene Schafgarbe sich anschickte, die vom Haus zurückkehrenden Ameisen zu fressen, beobachtete ich auch den melodischen Rhythmus des Lebens bei den Ameisen. Sie schenkten den Vorrat dem Haus, eine Speise, von der sie vielleicht nie zurückkehren und die ihnen vielleicht nie zuteil würde.
Immer ist es so: Wenn wir vor Erschöpfung kraftlos zu Boden sinken, zwingt die Erschöpfung der körperlichen Kräfte sich unserem schönen Geist auf. Vielleicht könnte Speise und ein warmer Kreis und ein weiches Lager mich wieder zum Dichter oder Philosophen machen, doch leider erheben sich die Leiden und Schmerzen des Menschen und die Begierden und Qualen und Leidenschaften und der Zorn und alles, was an Eigenschaften im Menschen und dem Tier in ihm ist, mit einem Anstoß wie ein Dämon und verschlingen auf einmal alle Philosophie und Meinungen und reinen Worte, ohne dass wir begreifen, ob der Verschlingende wir waren oder das Ungeheuer in uns.
Allmählich verloren meine Sinne die Kraft, die unvergleichlichen Schönheiten des umgebenden Gebirges aufzunehmen, und zu den Stimmen, die ich bisher gekannt und mit denen ich gelebt hatte, kamen mehrere Stimmen hinzu, deren Ursprung ich nicht wusste, und bei der Ruhe oder in einem ohnmachtähnlichen Zustand, den ich bisher nicht erfahren hatte, kamen jene Stimmen mit größerer Deutlichkeit über mich und quälten mich bewusst, als bereite die Hölle in mir die Strafe für das Getane und das Nichtgetane vor und die Auferstehung meiner Seele beraube mich des Erreichens meiner Ziele, die ich im warmen Bett im Hause des Vaters zurechtgelegt hatte. Doch das Schicksal entschied anders, und meine Wahnsinnsvorstellungen fanden ein seltsames Ende.
Genau auf dem Gipfel des Gebirges und dem Steigen der Höhe und an jenen steilen und unfreundlichen Hängen gelangte ich an einen Punkt, der trotz der großen Höhe und der verworrenen und gestreckten Felsen aus einem verhältnismäßig ebenen Boden bestand, bedeckt mit bunten Frühlingspflanzen und Blumen und klarem Wasser, das in den Winkeln des Bodens wie Lebensadern hervortrat, und dann kleinen Waldsträuchern voll bunter Früchte, einem Ort gleich einem kleinen Paradies für die armen Rechtschaffenen, geeignet zur Ruhe und ein wenig Erholung der Kräfte.
Vor dem Eintritt in jenes grüne Land erschienen zwei große Steine wie ein Tor vor mir. Das Hindurchgehen zwischen jenen beiden Steinen hatte eine süße Beklemmung, als sei der Alptraum einer missglückten Reise zu Ende.
Mit jedem Schritt wie die Nachtwandler, die langsam und im Schlaf einem anderen Traum entgegenschreiten, erfüllte mich der seltsame und reizvolle Klang einer Musik, von der ich wusste, dass sie ein Teil des Traumes in meinem Geist war. Ich setzte den Fuß in die Gassen jenes Paradieses und fiel sogleich zu Boden, und zwei schwere Lider führten mich in die Gefangenschaft eines seltsamen Schlafes.
In meinem Traum folgte ich dem Weg des Spielens jener himmlischen Musik. Der Duft der wassergetränkten Mauern, der Duft des alten Mooses, das wie ein grüner Schild die alten Mauern vor dem Schaden des Wassers bewahrte, führte mich in die halbdunklen Gänge einer Stadt mitten im Wasser, einer Stadt ohne Passanten und Getöse. Der melodische Klang jener Musik kam näher und näher, und ich ging in jener halbhellen steinernen Stadt, in deren Straßen statt des Pflasters ein gewaltiger Fluss strömte, aus den überdeckten Gängen einem gelben Licht nach, das am Ende eines Ganges flackerte. Der himmlische Klang kam näher und näher und zog mein ganzes Wesen dem Untergang entgegen, und ich hörte wie ein Wahnsinniger das Geräusch der Auflösung meiner Glieder und war in Genuss versunken.
Der Wahnsinn jener Musik trug mich wie eine Pusteblume auf dem Weg des Windes. Den letzten steinernen Gang nahm ich nach rechts, die vierzig Talgampen der Kirche San Marco und danach ein altes Klavier erschienen vor meinen Augen. Dort sah ich einen Mann, der ein schwarzes Gewand trug und um den herum es auf seltsame Weise dunkel war. Er war es, der jenes himmlische Stück zugleich spielte und verbesserte. Wie die Besessenen des Gebirges blieb ich stehen und betrachtete ihn. Er spürte mein Dasein, doch er wandte sich nicht um und setzte seine Arbeit fort. Sein Gesicht und sein Leib waren mit den Tasten des Klaviers vermischt und mit dem Himmel verbunden. Jener Mann spielte, und während er die geschriebenen Noten richtig ausführte und zu Ende brachte, ging sein Wesen allmählich wie die Teile eines Leichnams, die sich auflösen, wie Staubteilchen zum Himmel, und ich, unfähig zu jeder Reaktion, sah ihn, der nicht mehr war, und die Tasten gingen ohne die Anwesenheit des Spielers auf und ab.
Die wahnhafte Dunkelheit um mich klebte wie Pech an meinem Traum. Nach der vollständigen Auflösung des spielenden Mannes war es, als seien meine Füße von der Fessel befreit worden und führten mich zum hölzernen Klavier. Ich sah das Notenheft, das vom Wehen eines sanften Windes umgeblättert wurde und beim Stärkerwerden des Windes gänzlich geschlossen wurde. Nur ein Wort stand auf dem Einband: Adagio. Noch strömte der himmlische Klang in der knöchernen Schale meines Schädels, als ich aus dem Schlaf erwachte. Jener Traum hatte meinen ganzen Mittag in Gefangenschaft gehalten. Das Erwachen kam, und ich erhob mich.
Ich pflückte die runden roten und gelben und orangen Früchte aus dem Strauch und legte sie in den Mund und warf mich wie ein fröhliches Pferd mit dem Gesicht auf die Adern klaren kalten Wassers, das zwischen dem grünen Gras strömte, und sättigte mich. Ein wohlige Schwindel brachte mein Gleichgewicht durcheinander, und wie die Weintrinker der Mitternacht hatte ich Lust zu singen. Wie ein Bär, der aus dem Winterschlaf erwacht, fröhlich und heiter, ließ ich mich auf dem kalten und silbrigen Gras nieder, das unter dem Sonnenlicht wie ein weiches Lager und ein Zimmer, das nach Kindheit duftete, erschien. Der Klang der Symphonie des Fluges der Honigbienen und der Duft der wilden Blumen, die bis dahin hinter einem Vorhang der Wahrnehmung verborgen gewesen waren, raubten mir den Verstand, und nach jenem kalten und endlosen Aufstieg ließ mich der Dämon der Müdigkeit und des Wahnsinns los. Die Hölle in mir war erloschen und kalt geworden. Während die Erde vor meinen müden Augen mich wie ein weiches Kissen umfing und der Geist des Lebens mich aus jedem Glied meines Wesens in die Welt der Lebenden führte, betrachtete ich den blauen Himmel, bis mein Auge am Ende des Himmels zwischen den Sträuchern und Blumen auf ein großes weißes Kreuz fiel, das ein Grab oder ein steinerner Wegweiser für ein Kloster hinter den Bergen vor mir sein konnte. Ohne Rücksicht auf den müden Leib und den zurückgelegten Weg erhob ich mich rasch und ging auf das Kreuz zu. Plötzlich erblickte ich zwischen den wilden Blumen und den stillen Lilien einen alten Friedhof, geschmückt mit Kreuzen aus Elfenbein, und Schlafende, die ruhten und als hätten sie nie den Wein des Lebens von ihren Lippen geküsst. Ein unvergleichlicher Anblick erschien vor meinen Augen, der unbeschreiblich war. In jenen Augenblicken war das Staunen das einzig passende Wort zur Beschreibung meines Zustandes. Die schöne Frühlingssstille und der Gesang der zirpenden Grillen hatten den ätherischen Raum um mich auf erstaunliche Weise noch schöner gemacht. Ich setzte den Fuß zwischen den unumfriedeten und unbegrenzten Friedhof. Die Blumen und wilden Pflanzen zwischen den Gräbern hatten bunte und schöne Mäuerchen gezogen und den Bezirk der Toten gekennzeichnet. Hätte ich statt Philosophie Kunst oder Malerei studieren sollen, so hätte man hier und auf diesem namenlosen Friedhof eines der einzigartigsten Gemälde der Schöpfung schaffen können. Im Hintergrund des Friedhofs ließen die hohen weißen Berge und der blaue Himmel und einige kleine baumwollartige Wölkchen und eine Sonne, die reizvoller als je schien, die Kreuze wie schweigende Herrscher und auf der Erde liegende Götter erscheinen, deren Macht und Erhabenheit zu Stein geworden war, und ich, das einzige sich bewegende Geschöpf dieser Welt, schritt den Göttern Auge in Auge entgegen:
Ich setzte den Fuß in die grünen Gassen des Friedhofs, und während meine nackten Füße die wilden Blumen küssten und den Duft der Blumen meiner durstigen Seele zuführten, strich ich streichelnd über die weißen Kreuze und trank die gewaltige Kraft, die in jenen glänzenden Steinen schlief, wie die dürstenden Zurückgebliebenen auf dem Wege und wurde berauscht.
Genau am Ende des Friedhofs, dort wo das letzte Grab auf unsichere und schreckliche Weise vom steinernen Abgrund mit dem Sturz bedroht wurde, hielt ich an, und bevor ich zum Ausgangspunkt des Rundgangs im Land der Götter zurückkehrte, zog das Geräusch des Wassers meine Aufmerksamkeit auf sich. Mit einer geringen Neigung zum schrecklichen Abgrund, während ich die Hand dem stürzenden Kreuz reichte, sah ich in der Fortsetzung des Felsens und etwa zwanzig oder dreißig Fuß unterhalb des Friedhofs ein schönes Mädchen mit haarfarbigem Haar und sonnenverbranntem Gesicht, das spürbar wild und ungebändigt wirkte, in der Tracht der Gegend, bestehend aus engem Gürtel und buntem faltigem Rock und offenem Kragen, der die Rundung ihrer Brüste sichtbar machte. Das Mädchen hatte einen hölzernen Eimer in der Hand und füllte Wasser aus einer Öffnung, die genau am Ende des benachbarten Felsens unter dem großen weißen Kreuz lag. Das Kreuz bewachte wie ein Wächter des Wassers sorgfältig das Schöpfen des Wassers durch das Mädchen. Etwas weiter auf dem Rand eines großen Felsens zeigte sich eine warme und hölzerne Hütte, die wahrscheinlich ein Gasthaus am Wege war, ein Gasthaus, das zufällig ebenfalls am Rand des anderen Felsens aus Furcht vor dem Sturz die Felsen umklammert hatte, und in jenem Augenblick wusste ich nicht, warum man das letzte Grab des Landes der Götter und jene Hütte nicht etwas weiter von den Felsen errichtet hatte, damit sie nicht so schrecklich seien.
Das Vorhandensein des Gasthauses bedeutete warmes Essen und einen Schlafplatz, und man konnte all jenem selbstgewählten Leid ein Ende machen.
In jenen angenehmen Gedanken war ich, als der Duft warmen Brotes und Spargelsuppe meine müde Nase erreichte und mich berauschte. Ich hielt die Augen halb geschlossen, um mir vorzustellen, was mich erwartete, als das junge Mädchen meine Anwesenheit mit jener unförmigen Gestalt, die am steinernen Kreuz hing, bemerkte und das Füllen des Wassereimers halb unterbrach und zur Hütte lief. Während sie vor jener hängenden und stürzenden Gestalt floh, hob sie mit der rechten Hand den Rock und warf wie ein wohlgefiederter Vogel zwischen den bunten Frühlingsblumen einen neugierigen Blick auf mich und minderte mit der Entfernung von der Stelle der Furcht und der Annäherung an das Gasthaus ihre Geschwindigkeit, und ihr forschender Blick wurde tiefer. Die Sicherheit der Hütte hatte bewirkt, dass sie mich besser und genauer betrachtete. Ihre Furcht war logisch.Mein Gesicht und meine Erscheinung waren durch den langen Aufenthalt in den hohen und kalten Gebirgen mit einer unbeschreiblichen Menge von Leiden und Verdrießlichkeiten zu einem unerwünschten Element für sie geworden.
Die Furcht vor einem Fremden, der am Felsen hing, war logisch, doch die Wahrheit ist, dass ich kein ungeeignetes Bild von mir hatte und mich wahrscheinlich als einen flinken und wohlgestalten Jungen sah, der von den hölzernen Geländern aus die Einladung des Vaters zum Kaffeetrinken am Kamin annahm. Doch der schwierige Weg und der Aufstieg in die Höhen und die aufeinanderfolgenden Hunger und Ermüdungen hatten auf mein Gesicht und mein Verhalten gewirkt.
Über den schmalen und grünen Weg hinter dem Friedhof gelangte ich auf die gebirgige und belebte Straße, die zum Gasthaus führte, und nach dem Passieren eines kleinen und sicheren Passes erblickte ich die Hütte von vorn. Man kann nicht sagen, sie sei wie ein Juwel am Ring, denn dann müsste man alle Berge und Felsen und Pflanzen und Quellen ringsum übersehen, doch ihre rettende Lage in jenen Höhen und der ständigen Kälte war ein Vorzug und hob die große hölzerne Hütte von den übrigen Erscheinungen der Umgebung ab. Sie glich eher einem alten Philosophen, der seine Worte gesagt hat und dessen Erinnerungen sich wiederholen und den die anderen so hingenommen haben, wie er ist, und ihm erlaubt haben, neben dem Feuer auf dem hölzernen Stuhl zu sitzen und zu reden und zu reden, bis die Stunde des Fortgehens kommt und er zu einer Erinnerung wird. Nur zehn oder zwanzig Schritte vor der Hütte hielt ich an. Das hölzerne Gasthaus war mir vertraut, von Kindheit an und vielleicht schon früher kannte ich die Hütte, ja ich wusste sogar, welchem Anblick ich nach dem Eintreten begegnen würde. Dann sah ich das hölzerne Schild über dem Eingang der Hütte, das eine besondere Art des Willkommens in sich barg:
Willkommen, Fremder. Ein unbekannter und seltsamer Satz. Man konnte daraus schließen, dass diese Hütte das letzte Gasthaus auf dem Boden der Kantone und sogar der italienischen Länder war und dass danach kein weiteres Gasthaus mehr auf dem Wege erscheinen würde und dass wahrscheinlich Reisende aus verschiedenen Ländern den Fuß in dieses Wirtshaus setzten und die ersten Erbauer die Absicht gehabt hatten, die Reisenden aller Länder aus jeder Rasse und Sprache und Religion willkommen zu heißen.
In Wahrheit, wenn man Bewohner der Städte Stuttgart in Deutschland oder Basel und Bern im Kanton Bern in der Schweiz oder Belfort und Colmar in Frankreich ist und die Absicht hat, in die italienischen Länder zu reisen und neben dem heiligen Wein die Kirchen zu sehen, die im Entstehen begriffen und mit barocker Architektur geschmückt sind, und den toskanischen Wein zu kosten und seinen herben Geschmack einige Augenblicke im Mund zu behalten, muss man diesen Weg nehmen und am gebirgigsten Punkt davon mit dem Aufenthalt in dem Gasthaus vor einem das Ziel erreichen, um die kürzesten und zugleich schrecklichsten und schönsten Täler und Felsen der Welt mit den eigenen Augen zu sehen und sie zu erfahren. So war ich nach großer Mühsal an einen Ort gelangt, der von einer Menge scharfer Felsen umgeben war und die müden Reisenden in seinem Innern beherbergte. Mit langsamen und neugierigen Schritten untersuchte ich die Wege, die zur Hütte führten, und stellte fest, dass im Vergleich zum Beginn des Frühlings nicht viele Reisende auf dem Wege waren. Vielleicht waren sie noch nicht gekommen, oder einige von ihnen hatten das Gasthaus am Morgen verlassen und andere würden in der Nacht eintreffen.
Das Erreichen der Schwelle der Tür des Gasthauses hatte für mich ein angenehmes und seltsames Gefühl, und das Öffnen der großen hölzernen Tür war das Ende meiner Leiden.
Ruhig und schweigend trat ich in die Hütte ein, um nicht sogleich dem Blick und der Aufmerksamkeit der Anwesenden ausgesetzt zu sein.
Beim Eintritt in die Hütte sah ich einige staubige und sonnenverbrannte Männer, die mit großen Rucksäcken um einen großen hölzernen Tisch mit einer silbernen Talgampe saßen, die genau in der Mitte des Tisches von der Decke herabhing (obwohl es Mittag war und die Sonne mit größtmöglicher Kraft schien, war die Hütte dunkler als gewöhnlich, und das rührte daher, dass die Erbauer der Hütte die Durchdringung der unerträglichen Kälten jener Höhen gefürchtet hatten, deshalb waren die Fenster wenig und klein und es drang nicht genügend Licht in die Hütte), und sich im Gespräch befanden. Die Waren, die sie bei sich hatten, waren bestimmt das Ergebnis eines Handels zwischen den italienischen Ländern und Frankreich. Neben dem Fenster saß ein Mann mit goldenen Haaren und Augenbrauen und Bart und schrieb etwas in ein Heft, und der Wirt redete ihn ehrerbietig mit „der Russe“ an, und später erfuhr ich, dass er Nikolai Karamzin war, ein Mann, der vielleicht wie ich von einem sehr fernen Ort in der Absicht, die Einsamkeit und die Unbekannten der Welt zu sehen, den Fuß ins Gebirge gesetzt hatte. Ihnen gegenüber hinter einem kleinen Tisch sprachen ein deutscher Mann und eine deutsche Frau, ordentlich und sauber, im norddeutschen Dialekt miteinander, und in ihrer Kleidung und ihrem Gesicht war keine Spur langer und mörderischer Wanderungen zu sehen, und es war, als hätten sie an jenem Morgen ihr sauberes und warmes Haus verlassen und seien ins Gasthaus gekommen, und das war mir interessant. Auf der anderen Seite saß ein Mann mit langem grauem Bart in einer Ecke und starrte auf die Talgampe und hatte ein großes Glas Wein in der Hand. Ich stellte ihn mir mit jener Gestalt zwischen den Felsen vor, der mit dem Gebirge verschmelzen und von weitem nicht zu unterscheiden sein konnte. Genau ihm gegenüber saß ein anderer alter Jäger, dessen Ähnlichkeit der Gesichter miteinander verlockend und neugierig machend war und jeden Menschen zum Studium und zur Untersuchung ihrer Ähnlichkeit nötigte, und putzte und glte seine belgische doppelläufige Steinschlossflinte mit einem besonderen Tuch, das aus Marderfell gemacht ist und eine Art mit dem Fell verbundenes Fett enthält. Hinter einem anderen Tisch saß eine Nonne, die nach dem Durchlaufen langer Jahre und der Gewöhnung an das Gebet in verschiedenen Zuständen und Augenblicken im Gebetszustand saß und deren Hände zum Zeichen des Dankes ineinander gefaltet waren und die unter dem Licht der Talgampe dem Raum der Hütte einen geistlichen und sicheren Zustand verlieh. Ich wusste nicht, welche Speise oder welches Getränk sie bewirten konnte, denn der Tisch war leer, und vielleicht hatte ich sie nach dem Verzehr ihrer Mahlzeit gesehen. Immer sind die Nonnen der Gebirgsklöster für mich interessant und ziehen meine Aufmerksamkeit in jedem Zustand auf sich. Das unbedingte Gebet, mit Erkenntnis und ohne Erkenntnis und manchmal aus Gewohnheit, das macht keinen Unterschied. Sie sind immer im Loben und Preisen des Herrn begriffen und unterscheiden sich in dieser Hinsicht von den übrigen, und mit der Zeit treten die geistlichen Zustände auch in ihrem Sitzen und Gehen zutage. Sie schreiten bedächtig und ruhig und ertragen für die Führung der Menschen jedes Leid und jede Mühsal. In einem Buch des bekannten Historikers al-Kindi habe ich gelesen, dass die Muslime Nordafrikas zur Führung der Menschen der Iberischen Halbinsel auf großen Schiffen den Fuß auf das große Spanien gesetzt und für jeden Gläubigen eine Gebetsstätte namens Moschee errichtet haben und dass einige der anderen Religionen auf unmerkliche Weise die Erlaubnis zum Gebet und zum Verbleiben bei ihrer Religion hatten. Deshalb sind in dieser Hinsicht alle Anhänger der Religionen einander ähnlich und laden die anderen ein, sich an den Tisch Gottes zu setzen. In einer anderen Ecke des reizvollen Raumes des Gasthauses saß eine Familie und flüsterte so ruhig, dass sie unter dem schwachen Licht der Talgampe zu einem verblassten Gemälde geworden war, und am Ende des Saales stand der große und gestreckte Bartisch, alt und dick aus Erlenholz, der sorgfältig geölt war und den Anschein erweckte, mehr als Jahrhunderte alt zu sein. Einige schöne Talgampen aus dem Lande Tschechien hingen in einer Reihe, doch mit Abstand, von der Decke über dem Bartisch, und eine mittelalte, doch kräftige Frau war mit dem Servieren der Speisen beschäftigt und wartete wahrscheinlich auf das sommersprossige schöne Mädchen hinter der Hütte, damit sie sie den Kunden bringe. Mein Eintritt bewirkte keine besondere Veränderung im Zustand der im Gasthaus Anwesenden, und während ich fühlte, dass ich von den verborgenen Blicken und den verschiedenen Vorstellungen der Anwesenden auf unmerkliche Weise umzingelt war, setzte ich mich an einen Tisch, dessen Talgampe erloschen war. Unwillkürlich wählte ich den dunkelsten Platz des Saales zum Sitzen, um vor dem Schaden der verborgenen Blicke und des Urteils der Anwesenden sicher zu sein, doch mein Zustand blieb nicht beständig, und vor dem Erscheinen des Mädchens kam die mittelalte Frau mit einem langen Stock, an dessen Ende eine gelbe Flamme in Glanz und Leuchten war, zum Tisch und entzündete die Talgampe über meinem Kopf und kehrte ohne Frage zurück. Ich war frei dem Blick der Reisenden ausgesetzt und zog mich zusammen. Ich bemühte mich, meinen Kopf aus dem Kreis des Lichtes in den dunklen Teil zu bringen und den Lichtkreis zu verlassen, um weniger gesehen zu werden.
Mit dem Erscheinen des jungen Mädchens und dem Servieren der Speisen der Anwesenden war die Reihe an mir, bewirtet zu werden. Mit ihrem Näherkommen an den Tisch und dem stärkeren Scheinen des Lichtes der Talgampe wurden die Winkel ihres Leibes und Gesichtes deutlicher sichtbar und vermehrten mein Staunen. Wie konnte ein so anmutiger und schöner Vogel im Herzen eines kalten und rauen Gebirges Ruhe gefunden haben und nie das Lied des Fortgehens angestimmt haben.
Ich sagte zu mir, vielleicht hat sie ihre Lieder gesungen und ist am Fortgehen verzweifelt, vielleicht hat sie nie andere Länder gesehen und seit der Geburt in dieser Hütte und den umliegenden Gebirgen gelebt und weiß nicht, dass rings um das Vaterhaus in der Stadt Thun ein bezaubernder See wie ein Juwel erstrahlt und man in dieser Jahreszeit ohne Furcht vor der Kälte und mit der geringstmöglichen Kleidung auf ihm Boot fahren und Fische fangen kann und am Abend auf dem Markt der Stadt spazieren und bunte Süßigkeiten verzehren und wahrscheinlich am besonderen Tanz des Feiertags teilnehmen kann. Vielleicht ist sie auch fortgegangen und hat gesehen und die Welt berührt und weiß, dass diese Hütte und die Felsen ringsum der gemütlichste und schönste Ort der Welt sind, und ist dann zurückgekehrt und hat sich dem Gebirge und seinen Reisenden geweiht.
Die Ebenmäßigkeit und Trainiertheit ihres Leibes erinnerte mich an die Zigeunermädchen. Mädchen, die mit den Ihren jeden Frühling fröhlich und anmutig mit Dialekten und schönen Gesichtern und bunten und unbekannten Kleidern eine Zeitlang rings um die Stadt Thun lagern und Freude und Musik mit sich bringen und mit dem Ende des Frühlings fortgehen und bis zum nächsten Jahr den Geist der Frische und Freude uns schenken. Mädchen, die keine Müdigkeit kennen und dem Schmerz und dem Schlaf fremd sind und im Gegensatz zu den weißen und feisten Mädchen der Stadt Thun, die sich selten vor dem Erreichen der Sonne der Mitte des Himmels aus dem warmen Bett erheben, vor dem Anbrechen der Morgendämmerung indischen Tee auf einem schönen Feuer bereiten und sich mit dem Schmücken und dem Anziehen eines anderen dem Tagesprogramm entsprechenden Kleides beschäftigen, und immer wünschte ich mir, wenn mein Vater eines Tages für mich eine Gattin wählen wollte, dass sie aus den Zigeunern sei und nicht aus den Mädchen meiner Stadt.
Der konzentrierte und neugierige Blick des Mädchens zerriss den Faden meiner Gedanken und führte mich in den Raum der Hütte zurück. Fleisch, toskanischer Wein, warmes Brot, ein Bad und einen Platz zum Schlafen – das war die Gesamtheit meiner Wünsche in jenem Augenblick. Das Mädchen entfernte sich ohne ein Wort mit einem kleinen Lächeln aus dem Lichtkreis, und während sie durch die Dunkelheit zwischen den Lampen ging, sah ich sie wie ein fröhliches Kind, für das das Morgen keine Bedeutung hatte. Ein besonderes und unbeschreibliches Gefühl erfüllte in jenen Augenblicken mein Wesen. Das hölzerne Gasthaus, das am Rand eines schönen, doch wilden Felsens klebte, wurde mir wie eine alte Bekanntschaft, die der Staub der Zeit unvertraut gemacht hatte und die sich allmählich hinter den verblassten Erinnerungen zeigte, warm und lieblich. Ich stellte mir das Gesicht des Vaters in der Einbildung vor, der in der Einsamkeit und Stille ein großes Glas Bier austrank und aus dem Fenster meines Zimmers den See betrachtete, vielleicht dass ich eines Tages zurückkehre. Ich liebe meinen Vater nicht, weil er der Vater ist, sondern ich liebe einen Mann, der ruhig und gütig ist und dessen große und rotgefärbte Wangen mit den Linien des Gesichtes und den großen Augen zu einem schönen Anblick geworden sind. Ich erinnerte mich an seine Hände, die warm und groß waren und meinen ganzen Leib und meine Seele in sich aufnahmen, und inmitten jener Hände war es, dass ich von der Güte und Sicherheit gesättigt wurde. Dieselben großen Hände waren es, die wie Gott meine Persönlichkeit geformt hatten, und heute saß ich auf der Höhe des Alpengebirges in einer gemütlichen Ecke und wartete. Ich wusste, dass mein Vater in der Trennung von mir ein Prophet werden würde, der die Stadt nie verlassen hat, und seine Bibliothek eine Höhle sein würde, in der er seine himmlischen Gedichte singen würde.
Plötzlich zerriss die raue und harte Stimme des Jägers den Faden meiner Gedanken:
– Der kommt nicht mehr zurück.
– Wer kommt nicht mehr zurück?
– Der Junge.
– Welcher Junge?
Ich verstand seine Absicht nicht und zeigte keine Neigung, das Gespräch fortzusetzen, doch ohne Rücksicht auf den Ausdruck meines Gesichtes fuhr er fort:
– Ich meine den Jungen, den Grünäugigen. Man sagt, er sei zuerst nach Frankreich gegangen und dann hierher gekommen. Er habe von hier bis zum Montblanc zu Fuß gehen wollen. Seltsam, nicht?
– Ja, sehr seltsam. Es kann sein, dass er einige Monate unterwegs ist.
– Ja, nein, aber er ist nie zum Montblanc gelangt. Weißt du warum?
– Nein, weiß ich nicht.
– Als er hier ankam, war ich hier. Der Himmel war bedeckt, wir waren gefangen. Einige Nächte war er hier, ich auch, viele waren da. Zuerst rief ihn der Berg leise.
– Der Berg rief ihn? Was heißt das?
– Der Geist des Gebirges rief ihn. Niemand hörte es, nur ich hörte es und jener Junge.Dann rief er eines Nachts laut, nannte seinen Namen, ich selbst habe es gehört.
– Wie war sein Name, wenn du ihn gehört hast?
– Mehdi oder so etwas.
– Mehdi? Was heißt das? Diesen Namen habe ich noch nie gehört.
– Ja, ja, so etwas war es. Dann legte er seine Sachen hin und ging.
Meine Aufmerksamkeit war auf die Worte des Jägers gelenkt worden, und ich hatte mich zu ihm umgewendet und Hunger und Müdigkeit vergessen. Ich fragte:
– Der Berg rief ihn? Ruft denn der Berg?
– Offensichtlich bist du kein Gebirgsjunge. Ja, er rief ihn. Von einem sehr, sehr fernen Ort rief er ihn.Bevor er hierher kam, kam er aus einem anderen Land auf einem anderen Kontinent hierher und lief dem Ruf nach.
– Nun, wo ist er jetzt?
– Eins geworden.
– Mit was?
– Mit dem Berg, mit den Felsen, mit seinen Quellen.
– Der, von dem du sprichst, war er Christ? Jude? Was war er?
– Moslem war er.
– Moslem? Hier mitten in den Bergen Europas?
– Ja, ich habe sie früher im Süden gesehen, sie beten auf eine andere Weise.
– Wo sind seine Sachen?
– Hier, hinter dem Bar. Er selbst ist zu Schnee und Regen und Blume geworden, jede Jahreszeit erscheint er in einer Gestalt, jetzt wirst du sehen …
Dann wandte er mir den Rücken zu und setzte das Sprechen unter den Lippen fort. Das Gespräch war bis zu einem gewissen Grad unverständlich und seltsam, doch ohne den genauen Sinn davon zu begreifen, wusste ich, dass auch ich auf eine unbekannte Weise hierher gerufen worden war, wie Mehdi, jener junge Moslem, der aus einem fernen Land gekommen war und nicht mehr zurückgekehrt war.
In eben dieser Zeit kam das Mädchen durch den halbdunklen Raum zwischen den Tischen mit einem Gefäß, in dem ein Stück gekochtes, mit Gebirgskräutern gewürztes und schmackhaftes Fleisch war, und legte es unter das Licht der Lampe und kehrte zurück und kam mit heißem Brot und rotem Wein wieder. Der Duft des toskanischen Weines berauschte mich und machte mich, noch bevor er mit meinen durstigen Lippen die Umarmung begann, trunken und entblößte mich. Die Anwesenheit jenes Weines und eines Stückes Fleisch und eines großen und rissigen Brotes allein vermehrte die Schönheit des Mädchens auf übertriebene Weise und versetzte mich in Furcht, Furcht davor, dass meine schönen Vorstellungen den Mund auftun und alles, was ich in Geist und Seele habe, auf einmal zur Schau stellen und mich entblößen könnten. An ihren roten Wangen konnte man erkennen, dass ein ähnliches Gefühl in ihrem Wesen erwacht war und sie mich von jenem am stürzenden Kreuz hängenden Wesen getrennt hatte. Vielleicht hatte der Schein des Lichtes der Talgampe, der das Gesicht und den Leib des Mädchens auf übertriebene Weise mythisch erscheinen ließ, auch mit mir so getan und mich geeigneter dargestellt, als ich war. Vielleicht würde ich, wenn ich hinter jenem Tisch aufstände, wie der Zauber der Dämonen in die frühere Gestalt zurückkehren und das Lächeln des Mädchens in Schrecken verwandeln.
In der Jugend hatte ich von meinem Vater und meinem Onkel gehört, dass einige der Hirten und Bergsteiger zur Bekämpfung der Kälte und der Höhe und zur Vermehrung ihres Mutes und ihrer Tapferkeit gegenüber Räubern und wilden Tieren besondere wilde Pflanzen in ihre Pfeifen stecken und sie gebrauchen und dadurch ein Gefühl der Überlegenheit und Macht empfinden und die Gefahren ringsum, wenn auch unwirklich, abschwächen und die Lösung der Probleme ihnen leicht wird, und sie hielten es für eine Art Rausch, der für mich und meinesgleichen verboten war und den ich nicht berühren durfte, und dank der Aufmerksamkeit und Ermahnungen meines Vaters hatte ich nie die wirkliche Bedeutung davon begriffen und hatte keine Erfahrung davon im Geist. Doch heute und nach dem Verzehr des schmackhaften Fleisches und des toskanischen Weines und des besonderen Brotes jener Gegend, das mit duftenden Gebirgshölzern gebacken und mit allerlei Kräutern und duftenden Körnern bestrichen war, begriff ich das Gefühl jener Hirten und Gebirgswanderer richtig und erfuhr die Bedeutung des Rausches. Die Höhe und ihre Wirkung auf meine fünf Sinne neben dem endlosen Genuss, den ich hinter dem Tisch unter dem Licht der Talgampe in jener Hütte empfunden hatte, hatten die Reise für mich beendet, als sei ich an einen Traum gelangt, aus dem die Flucht unmöglich war, und die Fortsetzung der Reise mir erschwert. Warum sollte ich überhaupt nach Süden gehen? Hier war alles auf erstaunliche und sagenhafte Weise auf dem Gipfel, und ich war der einzige Reisende der kalten und grünen Pässe dieser Geschichte, der die besten und einzigartigsten Genüsse an einem Tag ganz und gar begriffen hatte. Erwartete mich nach diesem Gebirge und seinen Pässen noch etwas? Würde mich mit dem Durchqueren von Interlaken und dem Erreichen des Nordens der italienischen Länder eine so labende Quelle Leib und Seele sättigen? Fast war ich gewiss, dass alles, wonach meine durstige Seele suchte, in jener Hütte und dem darüberliegenden Friedhof und seinen tiefen Tälern gefunden hatte.
In der Absicht, aus meinen Träumen herauszukommen, presste ich die Hände zusammen, damit das vom Fleisch zurückgebliebene Fett meine rissigen Hände weich mache, und erhob mich, um zu meinen übrigen Wünschen zu gelangen, doch meine Träume waren tiefer und mächtiger als mein halb toter Leib und ließen mich nicht los. Wie hatten sie mich so erstaunlich und schön in sich gefangen? Ich legte den Ellbogen auf den Tisch und forderte, während ich berauscht und halb bewusst meinen Kopf zwischen den Händen hielt, einen weiteren Schluck des toskanischen Weines. Die zusammengezogenen Augenbrauen Petras, von der ich später erfuhr, dass sie die Mutter jenes schönen Mädchens war, vermochten mich auch nicht von meinem Entschluss abzubringen. Die begrenzten Vorräte und der besondere Raum der Hütte hatten wahrscheinlich für jeden Reisenden eine ungeschriebene Quote festgesetzt, und der übermäßige Verbrauch eines jeden der Speisen und Getränke konnte die anderen von unterwegs kommenden Reisenden davon ausschließen, und inmitten dessen spielten die Münzen keine große Rolle. Bei all dem wusste ich, dass, wenn ich einen weiteren Schluck jenes Weines tränke, ich die Hütte und jene schneebedeckten und schönen und von duftenden Pflanzen und breitwüchsigen Sträuchern erfüllten Pässe vom Himmel betrachten würde. Ach, welch ein schönes Gefühl – wie konnte ich meine Seele all dieser Wunder berauben? Wie konnte man die Hütte ohne Unterbrechung und Überlegung verlassen und später zum Beispiel für die anderen mit einer einfachen Erklärung sich begnügen, dass man an jenem Tag und in jenen Augenblicken welches Gefühl und welchen Zustand gehabt habe und dass der Blick auf die Welt und die Ziele an einem besonderen Tag wie verändert sei und wie sagen, dass Peter in jenen Minuten aus seinem körperlichen Leib zu einem gewichtlosen und verdichteten Wesen wie die Wolken der Pässe des Eiger, die auf den Regen warten, geworden sei?
Der rote toskanische Wein in dem alten und tönernen Glas, das auch die Begierde hatte, mich zu trinken, wurde zwischen meine Ellbogen gestellt. Emily hatte den Wein sorgfältig zwischen die Ellbogen gelegt, damit der Duft des Weines mich zu mir bringe und in den Raum der Hütte zurückführe. Ich nahm den Kopf aus den Händen und beobachtete ihr Fortgehen zwischen dem Helldunkel der Talgampen und plötzlich kam mir ein Gedanke: Wenn ich den letzten Schluck des Weines im Land der Götter und mitten auf dem Friedhof über dem Felsen genösse, würde ich wahrscheinlich Schluck für Schluck mit den steinernen Göttern vermischt und verschmolzen werden und das Gefühl der Gewichtlosigkeit und Ruhe und Fröhlichkeit vermehren können. Deshalb verließ ich, während ich bemüht war, dass mein Verhalten und meine Schritte gewöhnlich erscheinen, mit dem Wein in der Hand die Hütte. Petra und Emily und wahrscheinlich einige der Anwesenden, die mich von vornherein zum Ziel ihrer Untersuchungen und Urteile gemacht hatten, wussten bestimmt, dass das Zurücklassen meines ganzen Rucksacks in der Hütte und das Verlassen mit einem Glas Wein nicht die Flucht ohne Bezahlung der Rechnung bedeutete und dass ich bald zurückkehren würde. Beim Durchqueren des schmalen Weges zum Friedhof nahm ich das Auge nicht vom Glas und war darauf bedacht, dass nicht einmal ein Tropfen davon die Erde berausche, obwohl ich zu mir sagte, bestimmt seien die Erde und das Gebirge und die Pässe rings um die Hütte in fernen vergangenen Tagen vom Regen des roten toskanischen Weines getränkt worden, dass sie nun so erstaunlich und geheimnisvoll geworden seien, sonst wären sie wie alle Berge der Welt eine Menge von Steinen und Pflanzen, die auf schöne Weise nebeneinander Platz gefunden hätten.
Beim Erreichen des Friedhofs, den ich das Land der Götter genannt habe, suchte ich nach dem seltsamen und auf der Erde liegenden Kreuz, an dessen Fuß ich vor dem Erreichen des Gasthauses gesessen und Augenblicke im Rausch verbracht hatte. Weiße Kreuze mit besonderen Zeichen des Christentums in vergangenen Jahrhunderten waren überall verstreut, einige schief und einige wie mächtige, stolze und bezaubernde Götter betrachteten den Friedhof. Einige der Kreuze lagen auch wie in der Schlacht besiegte Legionäre mit ihrer ganzen Gestalt mit offenen Armen auf der Erde.
Das Sitzen auf den verstreuten steinernen Stufen mitten im Land der Götter war keine weise Wahl, und ich musste mich mit den auf der Erde liegenden Gestalten verbrüdern, deshalb teilte ich meinen Wein mit dem alten auf der Erde schlafenden Legionär. Die Geschichte seines Fallens auf die Erde ging mehr als tausend Jahre zurück. Es war ein seltsamer Friedhof. Einige Zeichen und Linien waren mir unbekannt. Obwohl ich Deutsch und Schweizerdeutsch und bis zu einem gewissen Grad Italienisch und Französisch konnte, waren einige der Schriften auf den Gräbern und Kreuzen in einer den umliegenden Ländern des Gebirges unvertrauten Schrift abgefasst. Vielleicht waren sie armenisch oder lateinisch und vielleicht Sprachen des Alten Testaments und Hebräisch, die aus Jerusalem oder dem Geburtsort Christi hierher gelangt waren. Doch die Zeichen einiger Gräber hatten eine andere Geschichte. Während ich Schluck für Schluck den Wein an die Lippen führte, erhob ich mich und ging Kreuz für Kreuz die Zeichen und Schriften vor den Augen vorbei. Ein kleiner weißer Stein, geschmückt mit dem neunarmigen Leuchter Chanukkia (einem der Sinnbilder des jüdischen Chanukka-Festes, die in den acht Tagen des Chanukka-Festes einer nach dem anderen angezündet werden), hatte auf seltsame Weise zwischen den Kreuzen Platz gefunden und zog durch sein Alleinsein mehr als die übrigen Gräber meine Aufmerksamkeit auf sich. Leider war ich unfähig, die hebräischen Worte auf jenem Grab zu lesen und seine Geheimnisse zu entdecken, und war gezwungen, weiterzugehen. Das Gefühl der Fröhlichkeit und des Rausches, das in mein Wesen eingedrungen war, hatte sich mit dem Sehen der Zeichen und Schriften des Friedhofs in eine Art erstklassige Wachheit verwandelt, und ich war ungewöhnlichen Wahrnehmungen verfallen. Unbekannte Stimmen und Laute und Geflüster zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Hatte ich die tausendjährigen Seelen der Verstorbenen zu mir gezogen? Gehörten die unbekannten Laute den in den steinernen und kalten Gräbern Schlafenden und Ruhenden, und hörte ich sie richtig und deutlich? Im weiteren Weg war ein schwarzer Stein mit besonderen Zeichen der Eingang eines Grabes mit einem kleinen hölzernen Davidstern, ein Grab ohne Zeichen und Zeremonien, auf dem nur zwei Buchstaben und ein Datum eingraviert waren: 1771, das heißt vor achtzehn Jahren. Seltsam ist, dass inmitten all dieser Kreuze und reich verzierten und prächtigen Steine, die vergangenen Zeitaltern angehörten, das der Gegenwart angehörende Grab unpassend erschien. Mit dem Austrinken des Weines legte ich mich irgendwo mitten im Land der Götter auf das kalte Gras und sah den Himmel, durch den baumwollartige Stücke von Wolken tanzend hindurchgingen und voranschritten, und ich mit offenen Armen wie ein auf die Erde gefallenes Kreuz, besiegt in einem ungleichen Krieg, mit müden und schweren und warmen Lidern die letzten Laute und das Vorüberziehen der kleinen Wolken betrachtete. Ich weiß nicht, wann der Schlaf über mein müdes Wesen gekommen war und wie lange ich in jenem Land unbeweglich und ohne Regung den Kopf auf die Erde gelegt hatte, doch die Wärme des Leibes und der Hände eines Mädchens, während die Sonne in ihr Haus gekrochen war, um den Himmel dem Mondlicht zu überlassen, brachte mich zu mir. Emily hielt mit einem Blick wie die jungfräulichen Heiligen des Klosters, rein und unschuldig, meinen Kopf zwischen ihren Händen und betrachtete mich. Ich erhob mich rasch. Ich verlor Hände und Füße. Ich bat sie um Verzeihung für mein ungeeignetes Verhalten, doch das Mädchen stand, ohne ihr gütiges Lächeln zu verlassen, und streckte die Hand zu mir aus und sagte ruhig unter den Lippen:
– Ein warmes Bad und ein Zimmer zum Schlafen sind bereit.
***
Das hölzerne Bad, das sich im oberen Stock des Gasthauses befand, war durch die Lage des Feuerbeckes des Bades darunter warm und angenehm und ein Ort für langes Ausstrecken, die beste Gelegenheit, sich von den Räuschen des toskanischen Weines zu befreien und sich den angenehmen Erinnerungen hinzugeben. Es war nicht klar, wie lange ich im Bad war, doch als ich vom Bad zu meinem Zimmer unter dem Dach ging, war außer dem kurzen und schwachen Geräusch des Gespräches des deutschen Mannes und der deutschen Frau und dem entfernteren Geräusch des Spülens der Geschirre aus der unteren Küche nichts zu hören, und das bedeutete Ruhe und Sicherheit.
***
Das Aufgehen der Sonne, der Klang des Lebens und der Gesang der Enten rings um das Gasthaus weckten mich aus einem süßen Schlaf. Bevor ich das weiche Bett verließ, in dem ich die ganze Nacht versunken war, bemerkte ich die Landschaft hinter dem Fenster und sah mit einer Bewegung im Bett die fernen und hohen Gebirge, deren gewaltige und schneebedeckte Leiber den Menschen in Entzücken versetzen und auch aus dem Stein einen meisterhaften Dichter machen:
Die schöne Stimme Emilys, die die Reisenden zum Frühstück rief, zog mich aus dem warmen Bett in den halbdunklen und reizvollen Raum des Saales. Die Reisenden der vergangenen Nacht hatten außer dem Jäger mit dem langen und blonden Bart und jenem deutschen Mann und jener deutschen Frau alle ihren Platz neuen Personen und natürlich einer größeren Zahl müder Wanderer überlassen. Es kam mir in den Sinn, wie diese Reisenden am Morgen an diesen heiligen Ort gelangt waren. Waren sie die ganze Nacht in Bewegung und Reise gewesen? Immer wusste ich, dass die Gebirgsreisenden ihre Reise so beginnen, dass sie vor dem Untergang der Sonne an einen Ort wie hier oder an die Städte und Dörfer des Ziels und des Verkehrsweges gelangen und nicht gezwungen sind, die Nacht in den kalten und dunklen Alpen zu biwakieren. Deshalb bedeutet es, wenn die Reisenden am Morgen angekommen sind, dass sie die ganze Nacht unterwegs gewesen sind.
Das Frühstück, bestehend aus Spargelsuppe und großem rissigem Brot und allerlei Milchprodukten im Rahmen der Möglichkeiten des hohen Gebirges, neigte sich dem Ende zu. Emily ging über die andere Seite des Bartisches aus der Hintertür der Hütte, die am Ende der Küche lag, hinaus, und nach einigen Augenblicken zeigte das Geräusch des Spaltens der dort aufgehäuften Holzscheite, womit sie beschäftigt war. Der Ausbruch des Sonnenlichtes aus den Winkeln und Ritzen der Tür und Wand der Hütte und der Eintritt des Lichtes aus dem großen Fenster am Ende der Küche hatten die Zahl der Talgampen vermindert und das Gefühl der Ruhe den Saal erfüllt. Der Klang des kindlichen Spiels dreier Kinder, die zu zwei im Gasthaus anwesenden Familien gehörten, hatte den Raum lieblich gemacht. Petra war rasch mit der Erledigung der Angelegenheiten der Küche und der Gäste beschäftigt, und ich näherte mich dem Ende des Frühstücks. Nach dem Beenden des Frühstücks erhob ich mich in der Absicht, in der Umgebung der Hütte spazieren zu gehen, und abermals erschienen die steinernen Felsen und die schneebedeckten Gipfel vor meinen Augen. Der Klang der Enten und das Sehen des Himmels, der wie ein blauer Schirm über meinem Kopf war, minderten die Geschwindigkeit meiner Schritte, und in der Verlängerung des Felsens, der zum Land der Götter führte, in der Nähe der Quelle, die aus dem Herzen der Felsen den Schrei der Befreiung ausstieß und an der ich Emily zum ersten Mal gesehen hatte, hielt ich an.
Die Quelle, die in Wahrheit ein senkrechter und schmaler und hoher steinerner Spalt war, lag genau unter dem großen weißen Kreuz, und etwa dreißig Fuß darüber zeigten sich die weißen und riesigen Götter. Die Quelle und der Friedhof lagen so in einer Linie, dass sie auf unmerkliche Weise miteinander verbunden waren. Ist eine so wilde Quelle, die brüllt und aus dem Spalt der Felsen ihre unbeständige Freiheit erlangt, ein verzauberter Prinz in den Klauen der stolzen Götter des Landes der Götter, der jeden Augenblick die Freiheit sieht und Schluck für Schluck die Befreiung erlangt und abermals den Fuß in das Gefängnis setzt und den Schrei der Befreiung ausstößt, und dauert diese Geschichte bis in alle Ewigkeit?
Die Muße von diesem endlosen Fluss und die Stille ringsum erinnerten mich an die Holzscheite und Emily, und in der Absicht der Neugier und der Untersuchung des Grundes der Unterbrechung der Arbeit, die vielleicht das Aufbrauchen der Holzscheite oder ein anderer Grund war, ging ich zu dem schmalen Weg, der direkt in den Raum hinter dem Gasthaus mündete, und nach dem Durchqueren der letzten Seite der Mauer, dort wo der Abgrund jedes sich regende Wesen zu sich zog und einen reizvollen Schrecken hatte, sah ich Emily, die auf dem auf die Erde gefallenen Stamm eines großen Baumes saß und den Kopf zwischen den Händen hielt. Vor jeder Frage machte mir die vom Stiel getrennte und um die halbgespaltenen Holzscheite herumliegende Axt den Grund der Unterbrechung der Arbeit klar. Das Geräusch meines Fußes brachte Emily zu sich.Sie erhob sich. Wie das, was uns am gestrigen Abend widerfahren war, ging ich schweigend zu der vom Platz genommenen Axt und setzte alle meine Kraft, die einem jungen, doch unerfahrenen Mann entsprach, ein, um die Axt zum Spalten der Holzscheite bereit zu machen.
Der metallene Teil der Axt mit dem Zeichen von Toledo erzählte von ihrem Ansehen, und das auf ihr eingravierte Datum war auf ungewöhnliche Weise verwischt, doch das Betrachten und das in die Hand Nehmen der Toledo-Axt war eine Ehre. Toledo ist eine Stadt im Herzen der Provinz Kastilien-La Mancha in Spanien. Nach den Worten meines Vaters ging die Geschichte ihrer Metall- und Schwertindustrie bis vor die Geburt Christi zurück, und nach der dreihundertjährigen Anwesenheit der Araber Afrikas und der Herrschaft über jene Stadt und dem Weiterleben der Christen jener Stadt, die als die beunruhigte Bevölkerung bekannt waren (arabischsprachige Christen, die die Erlaubnis hatten, bei der väterlichen Religion zu bleiben), war sie einer Vermischung der Kulturen des Islam, des Christentums und des Judentums verfallen, und nun hielt ich die Begegnung mit der Toledo-Axt für eine Wohltat von seiten des Herrn, vielleicht dass sie mich zur Entdeckung der Wahrheit des benachbarten Friedhofs führe und mir seine Geheimnisse enthülle.
Seitdem ich den Fuß in das Land der Götter gesetzt hatte, hatten das Sehen des namenlosen Friedhofs mit den seltsamen Zeichen auf den Kreuzen, deren Bauzeit unbekannt, doch breitwüchsig waren und aus Granit und Marmor mit Elfenbeinschmuck gefertigt waren, die geheimnisvolle hölzerne Hütte am Rand des tiefen Abgrunds und nun die Axt aus Toledo mich alle auf den Punkt aufmerksam gemacht, dass meine Reise höhere Ziele jenseits der Begegnung mit der Dame meiner Träume, Maria Agnesi, hatte und dass ich mich allmählich dem näherte und wahrscheinlich der Offenbarung und des Ertragens großer Schwierigkeiten bedürfen würde.
War diese Axt ein Geschenk eines alten Wanderers aus den Einwohnern Toledos, der nach dem Durchqueren der hohen Alpenberge sich an diesen heiligen Ort begeben und in derselben Umgebung und wahrscheinlich im Land der Götter Ruhe gefunden hatte? Erzählte das seltsame Willkommen an der Tür des Gasthauses von den Sitten und Religionen der verschiedenen Reisenden, und hatte ich es beim ersten Eintritt nicht begriffen, und konnte der Grund dafür die Schenkung der Axt von seiten eines muslimischen Einwohners Toledos gewesen sein? Eines Muslims, dessen Vorfahren nach der Auswanderung aus Afrika Generation für Generation sich mit der Arbeit am Metall beschäftigt hatten? Ruhte jener Muslim auch unter einem marmornen Kreuz in einem unbekannten Grab, oder hatte er die Gelegenheit zur Rückkehr und zum abermaligen Sehen seiner Stadt gefunden? Ich musste bei der ersten Gelegenheit und mit größerer Genauigkeit das Land der Götter abermals besuchen und seine verborgenen Winkel untersuchen und zu neuen Wahrheiten gelangen.
Der Stiel der Axt, der auf ungeschickte Weise in den ursprünglichen und kostbaren Körper eingesetzt war und aus gewöhnlichem Kiefernholz derselben Umgebung bestand, bestätigte alles, was sich in meinem Geist abgezeichnet hatte, und machte die Verbindung zwischen den Gestalten ringsum deutlicher.
Der Stiel der Axt wurde mit starken Schlägen des Steines und dem Einsetzen einiger metallener Nägel um den zentralen Kern herum zur Übergabe an Emily bereit, und als ich den Kopf hob, um die Axt zu übergeben, bemerkte ich ihre Abwesenheit.
In der Annahme, dass sie zur Hütte zurückgekehrt sei, machte ich mich mit der Axt in der Hand auf die Suche nach ihr. Die Stille der Hütte und das Aufgehen der Sonne versetzten mich in Zweifel, und ich bemerkte, dass Stunden seit meiner Anwesenheit hinter der Hütte vergangen waren und ich, versunken in verschiedene Gedanken, lange Zeit starr auf die schöne Toledo-Axt geblickt hatte und Emily, die wahrscheinlich müde geworden war, den Ort verlassen und ins Gasthaus zurückgekehrt war.
Beim ersten Eintritt in die Hütte fragte Emily:
– Ist die Axt brauchbar?
– Ja, man kann damit arbeiten, aber sie braucht grundlegende Reparaturen.
– Gut.
Ihre kleinen und schönen Hände streckte sie zur Axt aus. Die Spuren der harten Arbeit in der gebirgigsten Hütte der Welt sah ich in jenen schönen Händen. Vor der Übergabe der Axt sagte ich:
– Ich kann es, ich verstehe mich darauf.
– Worauf verstehst du dich?
– Holzscheite spalten, das heißt, bisher habe ich es noch nicht getan, aber gut …
– Kannst du spalten? Es ist keine einfache Arbeit.
– Wenn du es kannst, kann ich es auch.
Mit einem mädchenhaften Lächeln, während sie mich von oben bis unten betrachtete, sagte sie:
– Gut, kannst du die Holzscheite in zwei Größen, eine für den Küchenherd und eine für das Bad, zerkleinern?
– Ja.
Und entschlossen machte ich mich auf den Weg. Ich hatte ein seltsames Gefühl, als sei ich in einem Haus, in dem ich seit Hunderten von Jahren gewohnt und Generation für Generation in ihm gelebt und gestorben hätte. Alles war mir eine vertraute und angenehme Fata Morgana. Die besorgten Blicke Petras, die schönen Hände Emilys, die Schlafzimmer unter dem Dach, die Betten, das Bad, der Raum des Empfangssaales, die Talgampen, der Bar und sogar der Friedhof und die Quelle rings um die Hütte – alles war vertraut. Zum Durchqueren von jedem Teil zu einem anderen bedurfte ich keiner Frage. Alle Wege kannte ich, sogar bevor Emily die Bitte um das Spalten der Holzscheite in den gewünschten Größen aussprach, wusste ich, was ich tun musste und wohin ich die gespaltenen Holzscheite lagern musste.
Die Sonne erreichte die Decke des Himmels. Emily kam mit einem roten Apfel in den Händen, den sie mit ihrem langen Rock glänzend gemacht hatte, wie ein Vogel des Weges, ein Vogel, der sein Netz mitgebracht hatte, um den Jäger in einem Augenblick zur Beute zu machen. Ich führte den Ärmel meines Kleides zur sonnenverbrannten Stirn, um den Schweiß zu trocknen und mich zum Fest bereit zu machen, doch Emily gab keine Gelegenheit und trocknete mit dem Zipfel ihres Rockes meinen Schweiß und stand mit geröteten Wangen, ohne die Gestalt des siegreichen Jägers anzunehmen, einige Schritte entfernt und lud mich zum Sitzen ein. Zum ersten Mal in den vergangenen ein oder zwei Tagen setzte sie sich ohne jede Vorsicht und Frage neben mich und legte den Apfel in meine Hände. Der Duft des Apfels und der Duft des Leibes des Mädchens wetteiferten darum, den Verstand von mir Müdem zu rauben, und manchmal überholte der eine den anderen und streichelte meine Nase. Ich führte den Apfel zu den wartenden Zähnen, und in eben jener Zeit fühlte ich im Schweigen Emily wie den Geist des Lebens, der im Begriff war, in meine Adern zu strömen.
Sogar das Geräusch des Zerbeißens des Apfels unter meinen Zähnen vermochte die Ruhe jener Augenblicke nicht zu stören. Nach dem Verzehr des letzten Stückes des himmlischen roten Apfels betrachtete ich aus einer Entfernung, die keine Entfernung mehr war, ihr Gesicht. Die Linien der Wange und der Lippen, die ebenmäßige Zusammensetzung der Augenbrauen und der großen und grünen Augen waren ein aus dem Alten Testament zurückgebliebenes Gemälde.
Von den Freunden meines Vaters hatte ich gehört, dass Leonardo da Vinci, der italienische Maler, zwei Jahrhunderte zuvor den Entwurf des Gesichtes seiner Geliebten Lisa del Giocondo angefertigt hatte und im Jahre 1516, als er das Gemälde der Mona Lisa in seinem Koffer hatte, den Weg, in dessen Mitte ich mich nun befand und neben einer Gioconda namens Emily saß, durchquert und es mit dem Ziel Frankreich verlassen und das Gemälde an den König von Frankreich, Franz den Ersten, verkauft hatte. Doch wie kann ein Mensch seine Geliebte abbilden und nach dem Ertragen großer Schwierigkeiten und dem Durchqueren der kalten Berge des Nordens der italienischen Länder sie nach Frankreich bringen und an einen König verkaufen? Wer die Gioconda war und welches Gesicht sie hatte, ist mir ohne Bedeutung. Dass er das Gemälde seiner Geliebten an einen König verkauft hat, ist mir ebenfalls ohne Bedeutung. Die Bedeutung der Arbeit da Vincis liegt darin, dass er nach den Worten von Francis Alvardeo, dem Priester der örtlichen Kirche von Thun, der erste Mensch ist, der seine flüchtige Geliebte für die Dauer von drei Jahren und einem halben auf dem Platz hat halten und stundenlang betrachten und abbilden können. Als junger Mann, der mit der Kunst vertraut ist, wusste ich, dass da Vinci alle Einzelheiten des Gesichtes der Geliebten, sogar bevor sie sich auf den Stuhl vor der Leinwand setzte, im Gedächtnis behalten hatte und dass das Verbringen jener langen Zeit nur ein Vorwand gewesen war für die Fortdauer einer Begegnung, deren Ende zu denken quälend ist, und dass auch seine Geliebte auf der anderen Seite der Leinwand keinen Augenblick von der Liebe des Malers abgelassen hat und bestimmt so starr auf ihn drei ganze Jahre das Blinzeln vergessen hat.
Nun war Emily wie Lisa del Giocondo ruhig geworden und betrachtete mich. Ihre Augen waren wie die tiefen, immergrünen Wälder Frankreichs, Augen, die in der Dunkelheit und im Licht glänzten, und die Gebirgsluft und das mythische Wasser des Quellspaltes hatten ihre Wirkung auf sie ausgeübt und ihre Augen glänzend und ein wenig feucht gemacht. Die Linien ihrer Lippen hatten eine besondere Gestalt, als habe sie stets ein Lächeln auf den Lippen, auf das weder die Müdigkeit noch die Nacht eine Wirkung habe, und dieser Umstand war mir interessant. War Emily je müde oder hilflos geworden? Vielleicht hätte sie, wenn auch sie aus der Stadt Thun mit mir an diesen hohen Ort gereist wäre, wie ich nach dem Vergehen vieler Wochen ihre Schönheit und Frische verloren und statt des ständigen Lächelns die Müdigkeit über ihr Gesicht geherrscht, natürlich darf man auch die vielen Tag- und Nachtarbeiten im gebirgigen Gasthaus nicht übersehen, doch keines hatte ihre Ruhe gestört.
Die Hände Emilys hatten zwei verschiedene Gesichter. Ihre Außenseite war von der Zartheit der Frühlingsprimeln, und die Innenflächen ihrer Hände waren durch die Fortdauer der Arbeit und das Spalten der Holzscheite und das Bereiten des Herdes rauh und ein wenig hart, doch hatten sie ihrer Schönheit nichts genommen, und als ich ihre Hände in die Hand nahm, fühlte ich, dass mein geistliches und unkörperliches Wesen mit den verborgenen Adern der unberührten und gebirgigen Natur verbunden war. Der Geist des Lebens strömte aus ihren Händen in mein müdes und suchendes Wesen und füllte mich. Alles, was ich zum Überschreiten meines Selbst bedurfte, war auf einmal in meinen Händen.
Zum ersten Mal wurden mehr Gespräche zwischen uns ausgetauscht. Ich sagte fast alles, was ich wusste, in einigen Sätzen und stellte mich ganz und gar vor, doch das Mädchen begnügte sich in einer Handlung, die ich für eine offenkundige Verletzung der Gesetze der Vorstellung halte, nur mit der Vorstellung ihrer selbst und ihrer Mutter und sagte:
– Mein Name ist Emily, ich bin die Tochter Petras und wahrscheinlich achtzehn Jahre alt.
– Wahrscheinlich?
– Ja, ich bin nicht sicher.
– Meine Mutter ist eine sehr kraftvolle Frau. Allein und natürlich mit meiner Hilfe verwaltet sie das Gasthaus.
Gut, das war auch beim ersten Eintritt begreiflich und bedurfte keiner Erklärung. Vielleicht war ihr Vertrauen noch nicht richtig gewonnen, und in der Zukunft würde sie mehr von sich und den Ihren, dem Geburtsort und der Art des Besitzes der Hütte sagen.
Die Erklärungen Emilys waren kurz, doch öffneten sie an jenem reizvollen Frühlingsabend ein Buch vor mir, dem man sich nicht entziehen konnte, und ich setzte unwillkürlich den Fuß in das gebirgige Gasthaus. Ein Gefängnis, das ich mit Willen und Genuss und Neigung gewählt hatte.
Dieses Buch, „Passage" (persisch: گذرگاه), ist das Ergebnis einer Neuausarbeitung eines kurzen Textes mit dem Titel „Der Aufstieg" (persisch: صعود), der im Jahr 1370 des persischen Kalenders (1991 n. Chr.) in hundert Zeilen niedergeschrieben wurde. In jenen Jahren war Peter – angeregt durch die geistigen Umwälzungen, die das Studium der Bücher in der Bibliothek seines Vaters, darunter insbesondere die Werke des jungen Jean-Jacques Rousseau, in ihm ausgelöst hatte – zu einer neuen Auffassung vom Leben gelangt. Auf der Suche nach sich selbst verließ er eines Tages das Haus, nachdem er einen Brief für seinen Vater zurückgelassen hatte, und zog mit einem Rucksack voller Lebensnotwendigkeiten aus der Schweizer Stadt Thun fort. Sein Plan war es, über die himmelhohen Alpen zu gelangen und jene Frau seiner Träume zu besuchen: Maria Agnesi.
In den folgenden Jahren irrt Peter im „Land der Götter" und in der hölzernen Bergherberge umher – wie im Text des Buches beschrieben – und der Weg vor ihm ist versperrt. Doch nachdem er unendliche Mühsal und den Schmerz langer Einsamkeit im Gebirge ertragen hat, und nachdem in ihm eine neue Erkenntnis gereift ist, wird ihm die Zukunft klar und der Weg geebnet.
In jenen kalten, steinernen Bergen ist es Emily, die wie eine nächtliche Dame mit der Laterne in der Hand ihn in die hölzerne Felsherberge ruft. Peter kann von nun an gehen, und er wird gehen, bis ans Ende des Gehens. Er ist zum Gehen erschaffen, nicht zum Bleiben.
Mein Sohn Kūrush war damals, als der erste Entwurf des Buches – „Der Aufstieg" – entstand, noch nicht auf diese Welt gekommen. Aber „Passage" war zweifellos eine Einladung an ihn, in diese Welt zu treten – damit er wisse, dass sein unruhiger Geist bereits vor seiner Ankunft in dieser geheimnisvollen Welt der Schöpfung in meinen Geschichten eine ernsthafte Präsenz hatte. Und Peter hatte die Anwesenheit meines Sohnes schon im Voraus erzählt.
Während der Niederschrift und Vollendung der endgültigen Fassung dieser Geschichte, die seit dem Jahr 1396 des persischen Kalenders (2017 n. Chr.) meinen Geist und meine Seele gefangen hält, hat Mahbūbe Āḫtarī – geduldig, beständig und mir zur Seite – die Kaffees für die Stunden des Schreibens bereitet und mir die Stille geschenkt, damit kein Störfaktor den Weg Peters behindert.
Abschließend möchte ich meinen Dank gegenüber der lieben Lara Fabian, Pavarotti und Johann Sebastian Bach nicht verhehlen. Sie haben es mit ihren unvergleichlichen Musikstücken vermocht, mich in jene Welt Peters eintauchen zu lassen. Vom Beginn der Niederschrift bis heute – wann immer ich mein Ohr ihren Klängen öffne, trete ich unwillkürlich in die Seiten von „Passage“ ein. Ich hätte es geliebt, wenn das Buch nach seiner Veröffentlichung so gestaltet worden wäre, dass der Leser beim Öffnen des Buches von den Klängen dieser Künstler durch die Zeilen hindurch in den Flug erhoben würde, um zu jener zeitlosen Erkenntnis zu gelangen, die ich während des Schreibens empfand. Doch ich weiß: Wenn dies nicht unmöglich ist, so ist es zumindest in dieser Zeit schwierig und kostspielig. Deshalb werde ich nach diesem Vorwort die Titel der Stücke nennen – in der Hoffnung, dass ein feinsinniger Leser sie aus dem Internet lädt und während der Lektüre abspielt. Möge der Leser jenes Gefühl erahnen, das mich vor Jahren, in einem winterlichen, verschneiten und düsteren Mittagstraum, erfasste, als ich fliegend über die Alpen zog und eine lange Reise in einem Traum erlebte – und möge er mich auf dieser Reise begleiten. Dieser Traum hat sich so sehr mit der Wirklichkeit meines Lebens verwoben, dass ich in den vergangenen sechsundzwanzig Jahren niemals die Kraft fand, mich aus ihm zu lösen. Wenn ich Stücke von Bach, Pavarotti und Lara Fabian höre – selbst beim Autofahren –, erhebt sich meine Seele wie ein Vogel und macht sich auf den Weg zu jener Bergherberge. Emily habe ich seit der ersten Schöpfung der Geschichte mehrfach im Gebirge gesehen, und ich weiß, dass sie in meinen Träumen lebt.
Die vorliegende Geschichte ist ein unredigierter Text. Wie wir wissen, ist die Redaktion literarischer Werke durch Autoren eine übliche Praxis. Doch sie birgt einen Aspekt, der mich betroffen macht: Meistens sind die Spuren des Redakteurs – insbesondere des literarischen Redakteurs – überall im bearbeiteten Text sichtbar. Besonders wenn der Redakteur fachkundiger ist als der Autor selbst, kann das Buch tiefgreifende inhaltliche Veränderungen erfahren. Zwar ist das Ergebnis dann frei von Rechtschreib- und inhaltlichen Fehlern, doch scheint mir, dass das ursprünglich Geschaffene nicht mehr unverfälscht und authentisch sein wird. Dies ist freilich meine persönliche Meinung, die mit Sicherheit anfechtbar ist und Kritik verdient. Deshalb lege ich meine Geschichten unter dem Titel „Unredigierte Geschichten" vor – in der Hoffnung, dass der verständnisvolle Leser etwaige Unvollkommenheiten des Textes nachsieht und mir diese Abweichung von der gängigen literarischen Praxis verzeiht.
Lara Fabian & Michel Sardou – Je vais t'aimer
Lara Fabian – Quedate
Lara Fabian – Je t'aime (Cover by Alba)
Lara Fabian – Je t'aime
Lara Fabian – Adagio
Lara Fabian – Caruso
Lara Fabian – Comme Toi
Lara Fabian – I Guess I Loved You
Lara Fabian – Je suis Malade
Lara Fabian & Rick Allison (on piano) – Je t'aime
Lara Fabian – Mistral Gagnant
Lara Fabian – Perdere l'amore
Lara Fabian – Trouver la vie, l'amour, le sens
Luciano Pavarotti – Bella Italia
Adagio – Albinoni
Adagio – Secret Garden
J.S. Bach – Concerto For Violin BWV1042 Adagio
Māǧida al-Rūmī & Lara Fabian – Ḥabībī
Kapitel Eins
April 1789
Stadt Thun, Herrschaft Bern
Geburt
Das goldene Licht der Sonne hatte in jener Morgendämmerung die schneebedeckten Frühlingsberge in zwei Hälften geteilt. Die hohen Gipfel erstrahlten wie eine prachtvolle Krone, und die Hände der Sonne bestrichen fröhlich und siegreich Linie um Linie das Gebirge mit Gold. Die andere Hälfte war ein schüchternes Mädchen mit roten Wangen, das sich vor den Augen der Sonne versteckte. Das Leben stürzte wie ein Wasserfall vom Himmel herab und drängte die Dunkelheit in die stillen Winkel der Schöpfung.
Mit eben erst geöffneten Augen aus dem Schlaf, in jenem Augenblick, da die Grenze zwischen Traum und Wachen wie das Fließen des Wassers im Mondlicht unbestimmt und lieblich ist, sah ich den Niedergang der Nacht mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit und sagte zu mir:
Geschieht dieses unvergleichliche Ereignis jeden Tag, und ich schlafe nur?Oder nur heute?An dem Tag, an dem ich das Haus verlassen und den Fuß auf die Geschichte meines Lebens setzen muss.
Vielleicht war ich bisher nur unachtsam gewesen, und die Künstlerhände der Sonne hatten jeden Morgen hinter meinen schlaftrunkenen Lidern gemalt.
Der Tag wuchs rasch heran, und bald würde mein Vater erwachen, mit seinem runden, gütigen Gesicht, dem blonden Schnurrbart und Bart, mich in die Arme schließen, und ich wäre gezwungen, in einem historischen Augenblick alle meine Ziele und Träume beiseite zu legen, ihm in die Augen zu sehen und mit einem Lächeln, das seiner Güte würdig war, zu sagen:
Vater, ich gehe mit Shirley an den See fischen, und mittags werden wir wieder beieinander sein …
Doch ich war entschlossen zu gehen. Deshalb erhob ich mich eilig, noch bevor er kam, nahm den Rucksack, den ich um Mitternacht für eine lange Reise gepackt hatte, hinterließ einen Brief und machte mich auf den Weg.
Den Text des Briefes hatte ich unzählige Male im Geist wiederholt, und jedes Mal war mir eine Träne aus den Augen gelaufen. Er war schlicht und doch voller Schmerz:
Vater, ich bin gegangen. Bitte bleibe am Leben und lass mich, wenn ich zurückkehre, deine gütigen Hände ergreifen. Peter.
Auf dem Gebirgspass der Stadt Thun war der Verkehr geringer als auf den anderen Straßen, denn im Westen luden die grünen Ebenen, die nach Frankreich führten, Dutzende frühaufstehender Bauern ein, und im Osten beherbergten Obstgärten und Fruchtbäume die Gärtner. Der südliche Weg der Stadt jedoch führte nach dem Vorbeikommen an einem bezaubernden und schönen See geradewegs zu hohen Bergen, die nach der Durchquerung von Interlaken und dann Grindelwald zu den Alpen und dem riesigen Aletschgletscher gelangten. Wenn ich die Einsamkeit und die Gefahren des Gebirges überwinden und mich bis Anfang Juni, wenn der Winter gänzlich den weißen und rosa Orchideen sowie den roten, gelben und gescheckten Primeln weichen würde, bis zum Galmihorn durchschlagen könnte, wo die Spur des Menschen blass und selten wird, so hoffte ich, bis zum Juli und zur Mitte des Sommers die Nacht in der Kirche San Gaudenzio zu verbringen und kurz vor der Ankunft Maria Agnesis noch ein wenig in der Umgebung umherzustreifen und an den Gesprächen in den Kreisen teilzunehmen.
Ich wusste, dass Maria, die nun an der Schwelle des siebzigsten Lebensjahres stand, über die Mathematik und die Integralrechnung zur Askese gelangt war und nach dem Verfassen von Büchern auf diesem Gebiet den Weg ihres Lebens hin zur Weltentsagung und zum Verzicht auf deren Freuden gewendet hatte. Mit dem Verkauf des väterlichen Vermögens hatte sie sich der Fürsorge für die Armen zugewandt. Bevor ich auf Marias Schriften gestoßen war, bedeutete Askese für mich: Enthaltsamkeit im Essen und Trinken, Meiden des anderen Geschlechts und das Leben in den Gebirgsklöstern. Nun aber erfuhr ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass die Askese durch jede Tür eintreten kann und keinen bestimmten Stil besitzt, sondern so vielfältig ist wie die Menschen auf Erden. In Wahrheit öffnete sie ihren Interessierten ein neues Fenster und ließ uns erkennen, dass die Askese im Grunde ein innerer Wert und eine Würde ist, die jeder auf seine Weise entdecken und in Leib und Seele verwirklichen muss. Vielleicht war die alte Askese, die Weltentsagung und Verzicht auf ihre Freuden bedeutete, ein historischer Weg gewesen, um die Grenze des Körpers zu überschreiten und nicht in der materiellen Welt zu versinken, und danach hatte niemand mehr gewagt, andere Wege zu erproben. So hatte Maria Agnesi die Askese durch die Integralrechnung wie eine Lampe in der Mitternacht der Menschheit entzündet und uns einen neuen Weg gewiesen. Doch konnte man auch auf anderen Wegen zur Askese gelangen? Etwa durch Zimmermannsarbeit oder Schmiedekunst? Maria predigte und hielt Ansprachen mit ihrer einzigartigen Beherrschung des Italienischen, Französischen, Deutschen und sogar Hebräischen und warnte die Menschen davor, in weltliche Begierden und die Anhäufung von Gut und Vermögen über den täglichen Bedarf hinaus zu versinken.
Maria hatte viel zu sagen, denn sie hatte das aristokratische Leben und den Geschmack von Dienern, Lehrern, Führern, großen Palästen und farbenfrohen Speisen gekostet und war mit einzigartigem Willen und Bewusstsein der Welt entsagt und hatte das Leben zu einem Bündel der nötigsten Dinge gemacht und war aufgebrochen.
An jenem Morgen, als die Sonne reizvoll und unvergleichlich war und streichelte, setzte ich den Fuß auf den von Morgentau nassen Rasen, und ein neues Gefühl strömte durch meine Adern, ein Gefühl, das anders war als alles, was ich jahrelang erfahren hatte. Der Liebesfelsen, auf dem ich an vielen sonnigen und reizvollen Tagen gelegen und den See zu einer Erinnerung gemacht hatte, erschien mir in neuer Gestalt, und als ich entschlossen an ihm vorbeiging, um zum Gebirge zu gelangen, folgte mir sein Blick wie der eines neugierigen Hausierers den ganzen Weg, und es war, als drehe er sich auf der Stelle und betrachte mein Fortgehen. Wäre ich etwas näher an seinem Leib vorbeigekommen, hätte er mich mit seinen kalten steinernen Händen gefangen, die Bewohner mit Geschrei aus ihrem warmen Morgenschlaf geweckt und zu mir gezogen und mich am Gehen gehindert. Deshalb entfernte ich mich mit der Vorsicht, die einem einsamen Reisenden geziemt, von ihm und ging vorbei, und nachdem ich mich vergewissert hatte, dass seine Hand meinen Fuß nicht erreichen würde, setzte ich mich unter den roten Apfelbaum Evas (Shirley und ich hatten dem einzigen Apfelbaum am See den Namen Roter Apfelbaum Evas gegeben und aßen manchmal von seinen verbotenen Früchten und baten unseren Gott um Vergebung) und nahm, ohne das Mädchen, einen kleinen dürren Zweig zwischen die Zähne. Der Winter hatte aus unserem Baum einen magern Zweig gemacht, und mein plötzliches Fortgehen würde wahrscheinlich mit Shirley dasselbe tun, was der Winter mit dem Baum getan hatte. Doch konnte man Shirley, das sommersprossige Mädchen, allein lassen und gehen? Das übersehen der faltigen Röcke Shirleys und der köstlichen Rösti ihrer Mutter Emma war schwer, doch Shirley war ein Teil meiner Vergangenheit, nicht meiner Zukunft. Der trockene Zweig, den ich vom Roten Apfelbaum Evas erbeutet hatte, war das einzige Überbleibsel der Begebenheiten unter dem Baum, und während ich ihn im Mundwinkel hin und her schob, war ich schon so weit entfernt, dass der Baum wie ein trockenes und armseliges Gebüsch erschien. Die Geschwindigkeit meiner Schritte war mir fremd, sie ähnelte nicht meinem halb-aristokratischen Lebensstil. Ich schritt entschlossen und ernsthaft voran und wusste, dass das Verlassen des Vaterhauses und des Zimmers, in dem ich aufgewachsen war, das Zurücklassen der Freunde und Nachbarn und des wandernden Milchverkäufers und sogar das Verlassen der Hausdienerin, die ich seit der Kindheit jeden Morgen erwartet hatte und die mich wie eine fürsorgliche Mutter in die Arme geschlossen und sich um meine Angelegenheiten gekümmert hatte, und schließlich die Trennung vom Vater für mich eine Art Angst verbunden mit Atemnot mit sich brachte. Konnte man die Sicherheit der Gegenwart des Vaters übersehen? Der Vater, der der Ursprung aller süßen Träume meines Lebens war – gab es einen besseren Ort zum Schlafen als mein Zimmer, aus dessen schönem mittelalterlichem Fenster der ganze See und die grünen Ufer und die alten Kiefern deutlich zu sehen waren?
Bevor jener Tag und das Fortgehen aus dem Hause kamen, hatte ich unzählige Male die Wörter Verlassen, Gehen, Bleiben, Reise und andere mit diesen unbeschreiblichen, doch jedem Menschen vertrauten seelischen Zuständen verbundene Wörter wiederholt, doch dieses Gehen hatte das Feld der Einbildungskraft erobert, und man hätte es seit Jahren voraussehen können, dort, wo ich in der Jugend und im jungen Mannesalter nicht mit meinem eigenen und dem Wesen der anderen zurechtgekommen war und die Menschen nicht so hatte annehmen können, wie sie sind, oder das Leiden neben der Freude und die Trauer neben dem Sieg, und immer einfältig hatte ich der alleinige Held auf dem Feld aufeinanderfolgender Erfolge sein und kein Schlinggewächs sollte sich um meinen Fuß winden wollen. Man konnte verstehen, dass ich eines Tages auf der Suche nach mir selbst Heimat und Haus und die Meinen verlassen würde.
Mit festen Schritten gelangte ich an einen Ort, von dem aus mein Vater nicht mehr zu sehen war und der See meiner Träume mit seinen silbernen Fischen wie eine Träne in einem nicht sehr tiefen Tal lag. Abermals erschien das Gesicht des Vaters vor meinen Augen. In der Welt der Einbildung, in der jenes bezaubernde Gebirge zu einem wilden Pferd in den nördlichen Steppen geworden war, stellte ich mir das Öffnen der grünen Augen des Vaters und seinen Weg durch das Haus und dann das Erblicken des leeren Bettes seines einzigen Sohnes und das Lesen meines Schreibens vor und betrachtete unablässig und genau aus der Ferne die schöne Stadt Thun, die wie ein in mittelalterliche Mauern eingefasstes Juwel erstrahlte. Die Drehung ihrer bezaubernden und uralten Mühlen konnte ich nur schwer erkennen, und im Traum ging ich ihre hölzernen Läden und Gasthäuser durch, die ich nicht mehr sehen konnte. Noch war der traurige Traum der Trennung nicht zu Ende, als eine unbekannte Stimme von hinten den Faden meiner Gedanken zerriss. Ich sah einen Mann mit einem seltsamen Wagen, nur zwei Räder, die von einem Pferd gezogen wurden. Ich sagte zu mir: Ist auf dem schwierigen Gebirgsweg überhaupt ein Pferdewagen möglich? Das Pferd hatte im Gegensatz zu den kurzen und kräftigen Pferden, die ich in Thun gesehen hatte, einen gestreckten Leib und seine Bewegungen besaßen eine seltsame Würde. Der fremde Mann, der meinen neugierigen Blick bemerkte, sagte:
Es ist ein Pole, und mit der Hand deutete er und sprach:
Bis Gündlischwand (jenem Punkt, der einerseits der Beginn der hohen Alpen und andererseits die letzten Abhänge über dem Kanton Bern und der Ort des Wachstums der wilden Ölweidensträucher ist) fahre ich, ich kann dich bis dorthin mitnehmen …
Das Herannahen der Nacht und das gemeinsame Biwak mit einem Weggefährten, mit dem unser ganzes Gespräch nicht einmal zwei Sätze erreichte, war ein wenig furchterregend, doch was immer es war, es war besser als die Einsamkeit in einem Gebirge, in das ich zum ersten Mal bis zu diesem Punkt aufgestiegen war. Der Mann wirkte mittelalt und erfahren, und wahrscheinlich konnte ihn nichts in Angst versetzen, und dass er ein einsamer Reisender war, war die beste Bestätigung dieser Behauptung. Er entfachte rasch ein Feuer, band das müde Pferd an einen Baum, streute ihm Futter hin und machte sich sogleich an die Zubereitung des Essens. Ich betrachtete ihn, das Feuer und seine Arbeiten schweigend. Obwohl das Anzünden des Feuers, das Kochen und das Anbinden des Pferdes gewöhnliche Dinge sind, schien mir, dass jener Mann in dieser Höhe und an den steilen Hängen und hohen Sträuchern, die manchmal die Größe einer Kiefer erreichen, eine seltsame Herrschaft über alles besaß. Vielleicht hatte ich mein ganzes dreißigjähriges Leben wie ein wohlgefiederter Vogel in einem goldenen Käfig verbracht und nicht gewusst, dass jenseits der Gitterstäbe des bezaubernden Gefängnisses des Lebens Menschen und viele Wege zum Durchkommen existieren.
Vor Mitternacht und dem Aufgehen der Scharen von Sternen und genau in dem Augenblick, da ich der Vorschläfrigkeit nahekam, fragte der Mann:
– Bist du gegen Kurkuma empfindlich?
Ich verstand nicht, was er sagte. Es war das erste Mal, dass ich den Namen Kurkuma hörte. Er wiederholte die Frage, und ich sagte, ohne den Grund seiner Frage zu wissen:
– Nein, bin ich nicht.
Später begriff ich, dass die Speise, die aus wilden Gebirgspilzen und den Wurzeln von Bäumen und Pflanzen bereitet wird, unbedingt mit Kurkuma gegessen werden muss, sonst belästigt ihr scharfer und unangenehmer Geschmack trotz ihrer zahllosen Eigenschaften den Menschen.
Es war eine wohlschmeckende Speise, oder vielleicht stellte ich sie mir unter jenen Umständen so wohlschmeckend vor. Was immer es war, sie brachte mir einen tiefen und ruhigen Schlaf. Ich weiß nicht, ob der Mann des Gebirges ebenfalls wie ich in einen tiefen Schlaf sank oder bis zum Morgen Wache hielt und über unser Hab und Gut wachte.
Am Nachmittag des folgenden Tages, während die Nacht ihren großen Mantel über uns ausbreitete, trennten wir uns, ohne dass ich seinen Namen kannte. Doch was immer er war und wer immer er war, es war ein Mann mit starken Händen und Füßen, ein Mann, der mit seinen Sinnen alles genau beobachtete, ein Mann, der keine Philosophie kannte und wahrscheinlich die Namen Jean-Jacques Rousseau, Francis Bacon, Galileo Galilei, René Descartes und anderer nie gehört hatte, doch auf seltsame Weise wie ein meisterhafter Künstler aus den Pilzen und wilden Pflanzen mehrere Speisen bereiten und im Gebirge und in der Einsamkeit wandeln und andere der Wohltat seines seltsamen Wagens und seines wohlschmeckenden Abendessens teilhaftig machen konnte. Vielleicht war ihm vor uns eine Art Freiheit widerfahren, die von den verwickelten Philosophien des Lebens frei war und von der kein Schriftsteller in keinem Buch je gesprochen hat.
Meine Reise begann in Wahrheit am dritten Tag, und das Fortgehen des Mannes hatte bewirkt, dass ich den Weg wieder zu Fuß zurücklegte. Im Schweigen und beim Gehen überdachte ich alles genau, von der Kindheit bis zur Jugend, die Schule, den Vater und meine kleine Stadt Thun. Wenn die Menschen sich von ihrer Heimat und dem sicheren Ort entfernen, werden sie entweder Dichter oder Philosophen und Propheten, denn fortan sind sie nicht mehr in die alltäglichen Dinge und das gebundene Essen und Schlafen verstrickt und müssen nicht mehr jeden Morgen den Hut ziehen und einer Menge Guten Morgen sagen. Deshalb flohen die Menschen in der Vergangenheit ins Gebirge und wurden Propheten.
Mit dem Vergehen aufeinanderfolgender Tage und Nächte und der Aufmerksamkeit auf diese furchterregende Wahrheit, dass ich nach dem Fortgehen des einsamen Mannes keinen Menschen mehr gesehen hatte, war mein ganzes Wesen auf die Umgebung konzentriert, so dass ich es vorzog, statt über Philosophie und Politik nachzudenken, mich auf die Art meines Schreitens und ein sicheres Lager für den Schlaf zu konzentrieren, und mein Leben war zu einer kurzen Geschichte des Gehens und der ständigen Vorsorge geworden.
Jedes Stäubchen Erde und jeder einzelne Strauch des Aufstiegsweges waren in meinen Augen furchterregende bewegliche Wesen, die in einer überirdischen Sprache miteinander sprachen und mich wie einen Fremden in einer kleinen Stadt einander zeigten. Allmählich gewöhnte ich mich an diese Angst, und sie wurde mir zu einer Art Unterhaltung, und ich hatte begriffen, dass meine Anwesenheit vor dem Erreichen des nächsten Punktes angekündigt wurde.
Gleichzeitig mit dem Sinken der Temperatur und dem Steigen der Höhe veränderte sich auch die Art und der Bewuchs der Pflanzen. Überall war es unberührt, schön und erfüllt von Primeln von einem Meter Höhe (selten erreichen diese Blumen in meiner Heimat fünfzig Zentimeter) und wilden Efeu, in deren Innerem gleichsam eine animalische Lebenskraft strömte und deren Bewegung jenseits der Pflanzen lag und die ein bemerkenswertes Wachstum und eine Bewegung besaßen und Täuschungen hervorriefen.
In den Winkeln der Steine waren kleine gelbe und lachende Rosen verstreut, die kleinen Engeln glichen, die mich vor den zwischen den Steinen und hohen Pflanzen lauernden Fremden schützten und bewahrten. Himmel und Erde und jede Schicht, die ich durchschritt, wurden reiner und unberührter und geheimnisvoller als zuvor. Ich durchschritt die verborgenen Tore des Daseins eines nach dem anderen und wusste, dass ich nach sieben gläsernen Toren an einen Ort gelangen würde, an dem auch die tiefen Täler ringsum keinen Versuch machen würden, meinen müden Leib zu verschlingen, und ich würde mich wie eine Pusteblume auf den Flügel des kleinsten Windes setzen und fortan fliegend reisen.
Mit dem Steigen der Höhe wurden die Bäume kürzer und den Sträuchern und kräftigen Büschen ähnlicher. In diesem gebirgigen Geröll haben die Bäume, um dem Winterfrost und den mörderischen Stürmen der Alpenhöhen zu widerstehen, den steinigen Boden zu ihrem ständigen Lebensraum gemacht und tiefe Wurzeln geschlagen, um das Weiterleben zu ermöglichen. Statt der lästigen Fliegen, die mich seit Beginn der Reise und in den Nächten des Aufenthalts in den niedrigen Höhen jeden Abend und Morgen belästigt hatten, sah ich goldene Bienchen, die wie Spreuteilchen in der Luft schwebten und die Blumen bestäubten und wohl an einem Ort, den ich mir nicht einmal vorstellen konnte, einen winzigen Stock aus Gebirgshonig gesammelt und die Welt mit dem süßen Saft ihres Verhaltens überzogen hatten. Bienchen, die keine Müdigkeit kennen und bestimmt Philosophie oder Dichtung verstehen:
Die Pollen der gelben Blumen
habe ich tanzend gestreut.
Du, meine schöne Geliebte,
fliegst an mir vorbei,
ohne zu wissen,
dass ich meine Pollen deinem Stock …
schenken werde.
habe ich tanzend gestreut.
Du, meine schöne Geliebte,
fliegst an mir vorbei,
ohne zu wissen,
dass ich meine Pollen deinem Stock …
schenken werde.
Wie schön wäre es, wenn die Bienen Philosophie kennten oder Dichtung sprächen, dann würden ihre Honige farbig werden, zum Beispiel der eine roten Honig, der andere gelben, einer grünen, einer blauen, und jener vielleicht geschmackvoller und dichterischer als die übrigen würde einen Regenbogenhonig bereiten und sich entfernen und das Werk seiner Kunst betrachten und wieder herantreten und ein Stück ausbessern und sich an diesem Genuss sättigen.
Alles um mich her war erstaunlich und traumhaft. Manchmal dachte ich bei mir, dass, wenn ich tausendmal denselben Weg ginge, den ich jetzt in seinem Herzen durchquerte und bereiste, die Symphonie des Lebens mich nicht so melodiös empfangen würde. Vielleicht würde eines Tages ein feinsinniger Musiker jenes Gebirge durchqueren und ein Stück namens „Der Flug der Hummel“ schaffen und der Welt der Dichtung und Musik schenken.
Die Quellen und Bäume und Sträucher und Blumen waren jede für sich und manchmal in ihrer schönen Gemeinschaft Gastgeber, die alles, was sie hatten, dem Gast darboten und sich um den morgigen Tag nicht kümmerten, und ich war ebenfalls ein würdiger und verdienter Gast, der alles richtig begriff und an diesem gebirgigen Fest Freude hatte.
Der Duft der wassergetränkten Steine des Gebirges und der schmelzenden Schneemassen machte den Geschmack meines Mundes angenehm, und kostend minderte ich die Geschwindigkeit meines Gehens.
Doch jenseits der schönen Dichtung der Reise war das Tragen meines Rucksacks, dessen Gegenwart zu Beginn der Reise genussreich gewesen war und mir ein Gefühl der Größe gegeben hatte, zur Beschwerde und Mühsal geworden, und wäre ich nicht auf die wenigen Geräte und den Wegvorrat in dem Rucksack angewiesen gewesen, hätte ich ihn von den steinigen Höhen ringsum in die Tiefe der tiefen Täler geworfen und einige Augenblicke auch dieses reizvolle Schauspiel betrachtet. Wann immer der Gebirgsreisende seinen Rucksack zu Hause und aus der Ruhe und dem Wohlstand füllt, füllt er ihn ohne Rücksicht auf die Ermüdungen und Hilflosigkeiten der Reise mit Dingen, die ihm auf dem mühevollen und steinigen Weg nie von Nutzen sein werden. Unsere Gedanken haben denselben Zustand. Im Höhepunkt der Unruhen und Bedrängnisse werden sie wie ein großer Rucksack mit unpassenden Gedanken und Meinungen und grundlosen Traurigkeiten und Freuden angefüllt und nehmen uns die Kraft zum Aufsteigen, und nachdem wir eine Zeitlang an ihrem Ablegen verzweifelt sind, sind wir gezwungen, all jene wertlosen Dinge anzunehmen und sie bis ans Ende des Lebens zu tragen.
Mit jedem Tag der Reise begriff ich, dass das Leben unter meinen Schuhen fließt und nicht im Rucksack und in meinem Denken, und das Tragen all jener Last war mir von keinem Nutzen, und das Genießen der umgebenden Welt, das Bewahren der körperlichen Kräfte und die Sorge um die Gesundheit waren die wichtigsten Künste, deren ich in jenen Tagen bedurfte, und um die Wahrheit zu sagen, von einem bestimmten Zeitpunkt an erschien der Name keines der großen Männer und Philosophen, die ich liebte, mehr vor meinen Augen, und nur das Finden von etwas zum Essen und eines sicheren Ortes zum Schlafen und das Erreichen des nächsten Ziels beschäftigte meinen Geist. Es war, als seien Philosophie und die Meinungen und Anschauungen der Großen nur für die hölzernen Stühle vor dem warmen Ofen der Bibliotheken geeignet, und die wirkliche Welt bedürfe nur der Kunst des Lebens und nichts anderes.
Die Zeit verging, und ich schritt mit ihr voran. Nach fünfunddreißig Tagen seit Beginn der Reise und dem Aufbrauchen meines Vorrats zeigte sich, dass meine Voraussicht für das Erreichen der hohen Alpenpässe und die Schätzung der Zeit jenes langen Weges und des Maßes meines Vorrats ein unersetzlicher Irrtum gewesen war, und ruhig und lautlos gelangte ich an einen Punkt des Gebirges, an dem nichts mehr leicht zum Essen zu finden war. Das Essen der Adern des schmelzenden Schnees hatte eine tiefe Durst in meinem Wesen erzeugt, und der Jüngling, der seine Mahlzeiten im Vaterhaus aus dem farbenfrohen und durch und durch schmackhaften Menü des Hausdieners gewählt hatte, hatte sich nun dem Essen der herben und manchmal bitteren und unbekannten Früchte der Höhen zugewendet, und alles, was in Frankreich im Gang und in Bewegung war und was ich einst genau verfolgt hatte, war nun vor meinen Augen verblasst, und während ich auf einer weißen steinernen Schneide über einem tiefen Tal saß, dachte ich an die Vergangenheit und erinnerte mich, wie und woher diese Reise begonnen hatte. In Wahrheit von dem Zeitpunkt an, da das Studium des Buches „Der Gesellschaftsvertrag“ des jungen Jean-Jacques Rousseau meinen Geist ergriffen und mich auf seltsame Weise vom inneren zum äußeren Selbst gedrängt hatte, beeinflusst von den Gedanken des teuren Rousseau, der bemüht war, eine Art Harmonie zwischen den individuellen und den kollektiven Freiheiten herzustellen, und der mit seiner Philosophie und tiefen Einsicht den Boden für geistige Umwälzungen und eine tiefe Strömung in diesen Tagen bereitet hatte, suchte auch ich eine neue Identität.
Im Westen und in Frankreich ereigneten sich Dinge, die mein Land und ganz Europa und sogar die Welt beeinflussten. Ludwig der Sechzehnte und seine Gemahlin Marie-Antoinette standen unter starkem Druck der Gegner und Revolutionäre und waren mit dem Verlassen der Macht und der Verbannung bedroht. In Wahrheit seit dem Zeitpunkt, da unter dem Volk die Kunde verbreitet worden war, dass Marie-Antoinette, die Königin von Frankreich, in einer seltsamen Rede auf die Frage:
Was sollen die Menschen essen, wenn sie kein Brot haben …
aus dem Hochmut ihres aristokratischen Lebens, vielleicht im Scherz, gesagt hatte:
Statt Brot sollen sie Brioche essen
war das Fortbestehen der französischen Regierung in einen Schleier der Ungewissheit gehüllt, und die Handwerker und die Arbeiter- und Unterschicht hatten diesen scherzhaften Satz wie einen Blitzschlag auf ihr Haupt empfunden und ihn nicht vergessen und sich scharenweise den Revolutionären angeschlossen. Vielleicht wusste sie nie, dass die hungrige Masse keinen Sinn für Scherz hat.
In den nächtlichen Gesprächen meines Vaters mit einigen Gebildeten der Stadt und der Herrschaft Bern, die in der reizvollen Atmosphäre seiner Bibliothek stattfanden und an denen ich die Ehre der Anwesenheit in jenen erhabenen Versammlungen hatte, erfuhr ich, dass die gegenwärtige Regierung Frankreichs nicht lange dauern werde, und mein Vater sagte, wenn der Hof die Krise nicht bändigen könne, werde der Tag kommen, an dem das Volk die Bastille selbst angreifen werde. Die Bastille, die das Symbol der Macht Ludwigs des Sechzehnten war – wenn sie fiel, war keine Hoffnung auf die Fortdauer der Monarchie. Das furchtbare Gefängnis, das bisher die Stimme jedes protestierenden Revolutionärs zum Schweigen gebracht hatte.
Der Freund meines Vaters, der französischer Herkunft war, sagte:
Wenn die Bourbonen rechtzeitig zur Unterstützung des Königs und der Königin aufstehen und in diese Krise eintreten, wird die Schreckensherrschaft über Frankreich und dann über ganz Europa nicht herrschen.
Die Angelegenheit Frankreichs war sehr einfach. Ludwig der Sechzehnte und seine schöne Königin hielten die Schreie der Hungrigen und Bauern für einen Scherz, der Lachen auf die Lippen bringt, und nahmen sie nie ernst, und dies war der Beginn der Explosion des Pulvermagazins der Hungrigen, die mit der Flamme der Übelwollenden und Nutznießer alles verbrennen und vernichten würde.
Die Masse der Hungrigen ging auf der Suche nach einem Bissen Brot, ohne Rücksicht auf den verborgenen Willen der scheinheiligen Führer der Revolution, ihren Weg und zerstörte, und mein Vater war stets über diesen untrennbaren Teil der Revolutionen und Bewegungen besorgt und beunruhigt, und ich weiß, er wünscht, dass die Vernunft über alle Pfeiler des menschlichen Lebens herrsche und das Gefühl dem gemütlichen Winkel der Liebenden angehöre und nicht dem Feld der Politik.
Diese Ereignisse und alles, was im Europa des Jahres 1789 in Gärung und Bewegung war, kamen dem einsamen und hungrigen Reisenden nicht zu, der ohne Rücksicht auf die Gefahr des Sturzes in die Tiefe der tiefen Täler auf einer steinernen Schneide saß und dessen müden Leib Hunger und Durst halb tot gemacht hatten. In jener Zeit war ich nur ich und meine Schuhe, die durch Unachtsamkeit und das Nichtverwenden von Rindertalg und das Durchqueren von Wasserläufen und Tümpeln und das nicht rechtzeitige Trocknen am Feuer zu einem weichen, weiten Galoschen geworden waren, die meinen Fuß nicht mehr schützten und zu einem schweren, weichen und ständig feuchten Flicken geworden waren, der seine Aufgaben nicht richtig erfüllte.
Seit einigen Tagen spürte ich merkbare Veränderungen an mir. Die ständigen Fußschmerzen vom Aufstieg auf den schwierigen Gebirgspfaden und die ungeeignete Ernährung und der ungeeignete Schlaf und die Schichten getrockneten Schweißes auf meiner sonnenverbrannten Haut hatten die reine Gebirgsluft für mich bedeutungslos und wirkungslos gemacht und aus mir einen sterbenden Kranken gemacht, der ziellos und ohne Ziel den Fuß auf den schwierigen und endlosen Weg des Lebens gesetzt hatte und ständig vor dem Leid der Reise bangte und verstört war. Ich war ein Bergsteiger, der die Niederlage vor der Eroberung des Gipfels angenommen hatte und ziellos im Gebirge umherirrte und keine Aussicht auf Rückkehr hatte.
Gezwungen und ohne Herrschaft über meine Gedanken schritt ich voran und fiel manchmal stundenlang zu Boden, und der einzige Anblick vor meinen Augen waren Ameisen, die aus der Nähe wie Herkules Körner von der Größe eines Felsens in ihren kraftvollen Händen hielten und zum Haus trugen. In diesen Stunden prägte sich nichts von meinen vernünftigen Zielen in meinem Gedächtnis, und ich hatte Maria Agnesi und die anderen vergessen, und das Sehen der fröhlichen und heiteren Ameisen des hohen Alpengebirges, die noch den Duft des Lebens und der Geschäftigkeit ausströmten, war der schwache Schimmer meiner zu Wahnsinn gewen Hoffnungen, und manchmal wusste ich, dass ich mich mehr als nötig zu Boden warf, um ihr Leben aus der Nähe sehen zu können, und die meiste Zeit hörte ich ihren Schrei:
He, ein anderer Winter wird kommen, und der Vorrat ist knapp.
Wissen auch die Gebirgsameisen Dichtung? Welchen Begriff haben ihre kleinen Leiber von der Philosophie und dem Rätsel der Schöpfung? Bei einem der langen Niederfallen, das von der Schwäche der körperlichen Kräfte herrührte, sah ich die Bewegung und das Verhalten der Ameisen wie eine melodische Weise, die auf einer festen Linie hin und her gingen und mit Händen voller Körner und Speisen fortgingen und mit leeren Händen zurückkehrten, und in dem Augenblick, da eine kleine goldene Schafgarbe sich anschickte, die vom Haus zurückkehrenden Ameisen zu fressen, beobachtete ich auch den melodischen Rhythmus des Lebens bei den Ameisen. Sie schenkten den Vorrat dem Haus, eine Speise, von der sie vielleicht nie zurückkehren und die ihnen vielleicht nie zuteil würde.
Immer ist es so: Wenn wir vor Erschöpfung kraftlos zu Boden sinken, zwingt die Erschöpfung der körperlichen Kräfte sich unserem schönen Geist auf. Vielleicht könnte Speise und ein warmer Kreis und ein weiches Lager mich wieder zum Dichter oder Philosophen machen, doch leider erheben sich die Leiden und Schmerzen des Menschen und die Begierden und Qualen und Leidenschaften und der Zorn und alles, was an Eigenschaften im Menschen und dem Tier in ihm ist, mit einem Anstoß wie ein Dämon und verschlingen auf einmal alle Philosophie und Meinungen und reinen Worte, ohne dass wir begreifen, ob der Verschlingende wir waren oder das Ungeheuer in uns.
Allmählich verloren meine Sinne die Kraft, die unvergleichlichen Schönheiten des umgebenden Gebirges aufzunehmen, und zu den Stimmen, die ich bisher gekannt und mit denen ich gelebt hatte, kamen mehrere Stimmen hinzu, deren Ursprung ich nicht wusste, und bei der Ruhe oder in einem ohnmachtähnlichen Zustand, den ich bisher nicht erfahren hatte, kamen jene Stimmen mit größerer Deutlichkeit über mich und quälten mich bewusst, als bereite die Hölle in mir die Strafe für das Getane und das Nichtgetane vor und die Auferstehung meiner Seele beraube mich des Erreichens meiner Ziele, die ich im warmen Bett im Hause des Vaters zurechtgelegt hatte. Doch das Schicksal entschied anders, und meine Wahnsinnsvorstellungen fanden ein seltsames Ende.
Genau auf dem Gipfel des Gebirges und dem Steigen der Höhe und an jenen steilen und unfreundlichen Hängen gelangte ich an einen Punkt, der trotz der großen Höhe und der verworrenen und gestreckten Felsen aus einem verhältnismäßig ebenen Boden bestand, bedeckt mit bunten Frühlingspflanzen und Blumen und klarem Wasser, das in den Winkeln des Bodens wie Lebensadern hervortrat, und dann kleinen Waldsträuchern voll bunter Früchte, einem Ort gleich einem kleinen Paradies für die armen Rechtschaffenen, geeignet zur Ruhe und ein wenig Erholung der Kräfte.
Vor dem Eintritt in jenes grüne Land erschienen zwei große Steine wie ein Tor vor mir. Das Hindurchgehen zwischen jenen beiden Steinen hatte eine süße Beklemmung, als sei der Alptraum einer missglückten Reise zu Ende.
Mit jedem Schritt wie die Nachtwandler, die langsam und im Schlaf einem anderen Traum entgegenschreiten, erfüllte mich der seltsame und reizvolle Klang einer Musik, von der ich wusste, dass sie ein Teil des Traumes in meinem Geist war. Ich setzte den Fuß in die Gassen jenes Paradieses und fiel sogleich zu Boden, und zwei schwere Lider führten mich in die Gefangenschaft eines seltsamen Schlafes.
In meinem Traum folgte ich dem Weg des Spielens jener himmlischen Musik. Der Duft der wassergetränkten Mauern, der Duft des alten Mooses, das wie ein grüner Schild die alten Mauern vor dem Schaden des Wassers bewahrte, führte mich in die halbdunklen Gänge einer Stadt mitten im Wasser, einer Stadt ohne Passanten und Getöse. Der melodische Klang jener Musik kam näher und näher, und ich ging in jener halbhellen steinernen Stadt, in deren Straßen statt des Pflasters ein gewaltiger Fluss strömte, aus den überdeckten Gängen einem gelben Licht nach, das am Ende eines Ganges flackerte. Der himmlische Klang kam näher und näher und zog mein ganzes Wesen dem Untergang entgegen, und ich hörte wie ein Wahnsinniger das Geräusch der Auflösung meiner Glieder und war in Genuss versunken.
Der Wahnsinn jener Musik trug mich wie eine Pusteblume auf dem Weg des Windes. Den letzten steinernen Gang nahm ich nach rechts, die vierzig Talgampen der Kirche San Marco und danach ein altes Klavier erschienen vor meinen Augen. Dort sah ich einen Mann, der ein schwarzes Gewand trug und um den herum es auf seltsame Weise dunkel war. Er war es, der jenes himmlische Stück zugleich spielte und verbesserte. Wie die Besessenen des Gebirges blieb ich stehen und betrachtete ihn. Er spürte mein Dasein, doch er wandte sich nicht um und setzte seine Arbeit fort. Sein Gesicht und sein Leib waren mit den Tasten des Klaviers vermischt und mit dem Himmel verbunden. Jener Mann spielte, und während er die geschriebenen Noten richtig ausführte und zu Ende brachte, ging sein Wesen allmählich wie die Teile eines Leichnams, die sich auflösen, wie Staubteilchen zum Himmel, und ich, unfähig zu jeder Reaktion, sah ihn, der nicht mehr war, und die Tasten gingen ohne die Anwesenheit des Spielers auf und ab.
Die wahnhafte Dunkelheit um mich klebte wie Pech an meinem Traum. Nach der vollständigen Auflösung des spielenden Mannes war es, als seien meine Füße von der Fessel befreit worden und führten mich zum hölzernen Klavier. Ich sah das Notenheft, das vom Wehen eines sanften Windes umgeblättert wurde und beim Stärkerwerden des Windes gänzlich geschlossen wurde. Nur ein Wort stand auf dem Einband: Adagio. Noch strömte der himmlische Klang in der knöchernen Schale meines Schädels, als ich aus dem Schlaf erwachte. Jener Traum hatte meinen ganzen Mittag in Gefangenschaft gehalten. Das Erwachen kam, und ich erhob mich.
Ich pflückte die runden roten und gelben und orangen Früchte aus dem Strauch und legte sie in den Mund und warf mich wie ein fröhliches Pferd mit dem Gesicht auf die Adern klaren kalten Wassers, das zwischen dem grünen Gras strömte, und sättigte mich. Ein wohlige Schwindel brachte mein Gleichgewicht durcheinander, und wie die Weintrinker der Mitternacht hatte ich Lust zu singen. Wie ein Bär, der aus dem Winterschlaf erwacht, fröhlich und heiter, ließ ich mich auf dem kalten und silbrigen Gras nieder, das unter dem Sonnenlicht wie ein weiches Lager und ein Zimmer, das nach Kindheit duftete, erschien. Der Klang der Symphonie des Fluges der Honigbienen und der Duft der wilden Blumen, die bis dahin hinter einem Vorhang der Wahrnehmung verborgen gewesen waren, raubten mir den Verstand, und nach jenem kalten und endlosen Aufstieg ließ mich der Dämon der Müdigkeit und des Wahnsinns los. Die Hölle in mir war erloschen und kalt geworden. Während die Erde vor meinen müden Augen mich wie ein weiches Kissen umfing und der Geist des Lebens mich aus jedem Glied meines Wesens in die Welt der Lebenden führte, betrachtete ich den blauen Himmel, bis mein Auge am Ende des Himmels zwischen den Sträuchern und Blumen auf ein großes weißes Kreuz fiel, das ein Grab oder ein steinerner Wegweiser für ein Kloster hinter den Bergen vor mir sein konnte. Ohne Rücksicht auf den müden Leib und den zurückgelegten Weg erhob ich mich rasch und ging auf das Kreuz zu. Plötzlich erblickte ich zwischen den wilden Blumen und den stillen Lilien einen alten Friedhof, geschmückt mit Kreuzen aus Elfenbein, und Schlafende, die ruhten und als hätten sie nie den Wein des Lebens von ihren Lippen geküsst. Ein unvergleichlicher Anblick erschien vor meinen Augen, der unbeschreiblich war. In jenen Augenblicken war das Staunen das einzig passende Wort zur Beschreibung meines Zustandes. Die schöne Frühlingssstille und der Gesang der zirpenden Grillen hatten den ätherischen Raum um mich auf erstaunliche Weise noch schöner gemacht. Ich setzte den Fuß zwischen den unumfriedeten und unbegrenzten Friedhof. Die Blumen und wilden Pflanzen zwischen den Gräbern hatten bunte und schöne Mäuerchen gezogen und den Bezirk der Toten gekennzeichnet. Hätte ich statt Philosophie Kunst oder Malerei studieren sollen, so hätte man hier und auf diesem namenlosen Friedhof eines der einzigartigsten Gemälde der Schöpfung schaffen können. Im Hintergrund des Friedhofs ließen die hohen weißen Berge und der blaue Himmel und einige kleine baumwollartige Wölkchen und eine Sonne, die reizvoller als je schien, die Kreuze wie schweigende Herrscher und auf der Erde liegende Götter erscheinen, deren Macht und Erhabenheit zu Stein geworden war, und ich, das einzige sich bewegende Geschöpf dieser Welt, schritt den Göttern Auge in Auge entgegen:
Ach, ihr steinernen Götter, ihr Steine des Kreuzes
ihr Krone der wilden Blumen
nehmt mich auf
seit der Mensch den Fuß in diese Welt setzte
haben die Götter das Schweigen erwählt und keine Stimme ist gehört worden
He Jupiter, he Neptun, he Pluto, he unvergleichliche Götter
erhebt euch und lasst eine streichelnde Hand fließen.
Unsere Welt ist leer von Göttern
und wir
einsame Reisende, ohne Führer und Vorangehenden
betrachten die dunklen Nächte eine nach der anderen
und schreiten voran
……
ihr Krone der wilden Blumen
nehmt mich auf
seit der Mensch den Fuß in diese Welt setzte
haben die Götter das Schweigen erwählt und keine Stimme ist gehört worden
He Jupiter, he Neptun, he Pluto, he unvergleichliche Götter
erhebt euch und lasst eine streichelnde Hand fließen.
Unsere Welt ist leer von Göttern
und wir
einsame Reisende, ohne Führer und Vorangehenden
betrachten die dunklen Nächte eine nach der anderen
und schreiten voran
……
Ich setzte den Fuß in die grünen Gassen des Friedhofs, und während meine nackten Füße die wilden Blumen küssten und den Duft der Blumen meiner durstigen Seele zuführten, strich ich streichelnd über die weißen Kreuze und trank die gewaltige Kraft, die in jenen glänzenden Steinen schlief, wie die dürstenden Zurückgebliebenen auf dem Wege und wurde berauscht.
Genau am Ende des Friedhofs, dort wo das letzte Grab auf unsichere und schreckliche Weise vom steinernen Abgrund mit dem Sturz bedroht wurde, hielt ich an, und bevor ich zum Ausgangspunkt des Rundgangs im Land der Götter zurückkehrte, zog das Geräusch des Wassers meine Aufmerksamkeit auf sich. Mit einer geringen Neigung zum schrecklichen Abgrund, während ich die Hand dem stürzenden Kreuz reichte, sah ich in der Fortsetzung des Felsens und etwa zwanzig oder dreißig Fuß unterhalb des Friedhofs ein schönes Mädchen mit haarfarbigem Haar und sonnenverbranntem Gesicht, das spürbar wild und ungebändigt wirkte, in der Tracht der Gegend, bestehend aus engem Gürtel und buntem faltigem Rock und offenem Kragen, der die Rundung ihrer Brüste sichtbar machte. Das Mädchen hatte einen hölzernen Eimer in der Hand und füllte Wasser aus einer Öffnung, die genau am Ende des benachbarten Felsens unter dem großen weißen Kreuz lag. Das Kreuz bewachte wie ein Wächter des Wassers sorgfältig das Schöpfen des Wassers durch das Mädchen. Etwas weiter auf dem Rand eines großen Felsens zeigte sich eine warme und hölzerne Hütte, die wahrscheinlich ein Gasthaus am Wege war, ein Gasthaus, das zufällig ebenfalls am Rand des anderen Felsens aus Furcht vor dem Sturz die Felsen umklammert hatte, und in jenem Augenblick wusste ich nicht, warum man das letzte Grab des Landes der Götter und jene Hütte nicht etwas weiter von den Felsen errichtet hatte, damit sie nicht so schrecklich seien.
Das Vorhandensein des Gasthauses bedeutete warmes Essen und einen Schlafplatz, und man konnte all jenem selbstgewählten Leid ein Ende machen.
In jenen angenehmen Gedanken war ich, als der Duft warmen Brotes und Spargelsuppe meine müde Nase erreichte und mich berauschte. Ich hielt die Augen halb geschlossen, um mir vorzustellen, was mich erwartete, als das junge Mädchen meine Anwesenheit mit jener unförmigen Gestalt, die am steinernen Kreuz hing, bemerkte und das Füllen des Wassereimers halb unterbrach und zur Hütte lief. Während sie vor jener hängenden und stürzenden Gestalt floh, hob sie mit der rechten Hand den Rock und warf wie ein wohlgefiederter Vogel zwischen den bunten Frühlingsblumen einen neugierigen Blick auf mich und minderte mit der Entfernung von der Stelle der Furcht und der Annäherung an das Gasthaus ihre Geschwindigkeit, und ihr forschender Blick wurde tiefer. Die Sicherheit der Hütte hatte bewirkt, dass sie mich besser und genauer betrachtete. Ihre Furcht war logisch.Mein Gesicht und meine Erscheinung waren durch den langen Aufenthalt in den hohen und kalten Gebirgen mit einer unbeschreiblichen Menge von Leiden und Verdrießlichkeiten zu einem unerwünschten Element für sie geworden.
Die Furcht vor einem Fremden, der am Felsen hing, war logisch, doch die Wahrheit ist, dass ich kein ungeeignetes Bild von mir hatte und mich wahrscheinlich als einen flinken und wohlgestalten Jungen sah, der von den hölzernen Geländern aus die Einladung des Vaters zum Kaffeetrinken am Kamin annahm. Doch der schwierige Weg und der Aufstieg in die Höhen und die aufeinanderfolgenden Hunger und Ermüdungen hatten auf mein Gesicht und mein Verhalten gewirkt.
Kapitel Zwei
Mai 1789
Die Hütte
Mai 1789
Die Hütte
Über den schmalen und grünen Weg hinter dem Friedhof gelangte ich auf die gebirgige und belebte Straße, die zum Gasthaus führte, und nach dem Passieren eines kleinen und sicheren Passes erblickte ich die Hütte von vorn. Man kann nicht sagen, sie sei wie ein Juwel am Ring, denn dann müsste man alle Berge und Felsen und Pflanzen und Quellen ringsum übersehen, doch ihre rettende Lage in jenen Höhen und der ständigen Kälte war ein Vorzug und hob die große hölzerne Hütte von den übrigen Erscheinungen der Umgebung ab. Sie glich eher einem alten Philosophen, der seine Worte gesagt hat und dessen Erinnerungen sich wiederholen und den die anderen so hingenommen haben, wie er ist, und ihm erlaubt haben, neben dem Feuer auf dem hölzernen Stuhl zu sitzen und zu reden und zu reden, bis die Stunde des Fortgehens kommt und er zu einer Erinnerung wird. Nur zehn oder zwanzig Schritte vor der Hütte hielt ich an. Das hölzerne Gasthaus war mir vertraut, von Kindheit an und vielleicht schon früher kannte ich die Hütte, ja ich wusste sogar, welchem Anblick ich nach dem Eintreten begegnen würde. Dann sah ich das hölzerne Schild über dem Eingang der Hütte, das eine besondere Art des Willkommens in sich barg:
"Willkommen, Fremder"
Willkommen, Fremder. Ein unbekannter und seltsamer Satz. Man konnte daraus schließen, dass diese Hütte das letzte Gasthaus auf dem Boden der Kantone und sogar der italienischen Länder war und dass danach kein weiteres Gasthaus mehr auf dem Wege erscheinen würde und dass wahrscheinlich Reisende aus verschiedenen Ländern den Fuß in dieses Wirtshaus setzten und die ersten Erbauer die Absicht gehabt hatten, die Reisenden aller Länder aus jeder Rasse und Sprache und Religion willkommen zu heißen.
In Wahrheit, wenn man Bewohner der Städte Stuttgart in Deutschland oder Basel und Bern im Kanton Bern in der Schweiz oder Belfort und Colmar in Frankreich ist und die Absicht hat, in die italienischen Länder zu reisen und neben dem heiligen Wein die Kirchen zu sehen, die im Entstehen begriffen und mit barocker Architektur geschmückt sind, und den toskanischen Wein zu kosten und seinen herben Geschmack einige Augenblicke im Mund zu behalten, muss man diesen Weg nehmen und am gebirgigsten Punkt davon mit dem Aufenthalt in dem Gasthaus vor einem das Ziel erreichen, um die kürzesten und zugleich schrecklichsten und schönsten Täler und Felsen der Welt mit den eigenen Augen zu sehen und sie zu erfahren. So war ich nach großer Mühsal an einen Ort gelangt, der von einer Menge scharfer Felsen umgeben war und die müden Reisenden in seinem Innern beherbergte. Mit langsamen und neugierigen Schritten untersuchte ich die Wege, die zur Hütte führten, und stellte fest, dass im Vergleich zum Beginn des Frühlings nicht viele Reisende auf dem Wege waren. Vielleicht waren sie noch nicht gekommen, oder einige von ihnen hatten das Gasthaus am Morgen verlassen und andere würden in der Nacht eintreffen.
Das Erreichen der Schwelle der Tür des Gasthauses hatte für mich ein angenehmes und seltsames Gefühl, und das Öffnen der großen hölzernen Tür war das Ende meiner Leiden.
Ruhig und schweigend trat ich in die Hütte ein, um nicht sogleich dem Blick und der Aufmerksamkeit der Anwesenden ausgesetzt zu sein.
Beim Eintritt in die Hütte sah ich einige staubige und sonnenverbrannte Männer, die mit großen Rucksäcken um einen großen hölzernen Tisch mit einer silbernen Talgampe saßen, die genau in der Mitte des Tisches von der Decke herabhing (obwohl es Mittag war und die Sonne mit größtmöglicher Kraft schien, war die Hütte dunkler als gewöhnlich, und das rührte daher, dass die Erbauer der Hütte die Durchdringung der unerträglichen Kälten jener Höhen gefürchtet hatten, deshalb waren die Fenster wenig und klein und es drang nicht genügend Licht in die Hütte), und sich im Gespräch befanden. Die Waren, die sie bei sich hatten, waren bestimmt das Ergebnis eines Handels zwischen den italienischen Ländern und Frankreich. Neben dem Fenster saß ein Mann mit goldenen Haaren und Augenbrauen und Bart und schrieb etwas in ein Heft, und der Wirt redete ihn ehrerbietig mit „der Russe“ an, und später erfuhr ich, dass er Nikolai Karamzin war, ein Mann, der vielleicht wie ich von einem sehr fernen Ort in der Absicht, die Einsamkeit und die Unbekannten der Welt zu sehen, den Fuß ins Gebirge gesetzt hatte. Ihnen gegenüber hinter einem kleinen Tisch sprachen ein deutscher Mann und eine deutsche Frau, ordentlich und sauber, im norddeutschen Dialekt miteinander, und in ihrer Kleidung und ihrem Gesicht war keine Spur langer und mörderischer Wanderungen zu sehen, und es war, als hätten sie an jenem Morgen ihr sauberes und warmes Haus verlassen und seien ins Gasthaus gekommen, und das war mir interessant. Auf der anderen Seite saß ein Mann mit langem grauem Bart in einer Ecke und starrte auf die Talgampe und hatte ein großes Glas Wein in der Hand. Ich stellte ihn mir mit jener Gestalt zwischen den Felsen vor, der mit dem Gebirge verschmelzen und von weitem nicht zu unterscheiden sein konnte. Genau ihm gegenüber saß ein anderer alter Jäger, dessen Ähnlichkeit der Gesichter miteinander verlockend und neugierig machend war und jeden Menschen zum Studium und zur Untersuchung ihrer Ähnlichkeit nötigte, und putzte und glte seine belgische doppelläufige Steinschlossflinte mit einem besonderen Tuch, das aus Marderfell gemacht ist und eine Art mit dem Fell verbundenes Fett enthält. Hinter einem anderen Tisch saß eine Nonne, die nach dem Durchlaufen langer Jahre und der Gewöhnung an das Gebet in verschiedenen Zuständen und Augenblicken im Gebetszustand saß und deren Hände zum Zeichen des Dankes ineinander gefaltet waren und die unter dem Licht der Talgampe dem Raum der Hütte einen geistlichen und sicheren Zustand verlieh. Ich wusste nicht, welche Speise oder welches Getränk sie bewirten konnte, denn der Tisch war leer, und vielleicht hatte ich sie nach dem Verzehr ihrer Mahlzeit gesehen. Immer sind die Nonnen der Gebirgsklöster für mich interessant und ziehen meine Aufmerksamkeit in jedem Zustand auf sich. Das unbedingte Gebet, mit Erkenntnis und ohne Erkenntnis und manchmal aus Gewohnheit, das macht keinen Unterschied. Sie sind immer im Loben und Preisen des Herrn begriffen und unterscheiden sich in dieser Hinsicht von den übrigen, und mit der Zeit treten die geistlichen Zustände auch in ihrem Sitzen und Gehen zutage. Sie schreiten bedächtig und ruhig und ertragen für die Führung der Menschen jedes Leid und jede Mühsal. In einem Buch des bekannten Historikers al-Kindi habe ich gelesen, dass die Muslime Nordafrikas zur Führung der Menschen der Iberischen Halbinsel auf großen Schiffen den Fuß auf das große Spanien gesetzt und für jeden Gläubigen eine Gebetsstätte namens Moschee errichtet haben und dass einige der anderen Religionen auf unmerkliche Weise die Erlaubnis zum Gebet und zum Verbleiben bei ihrer Religion hatten. Deshalb sind in dieser Hinsicht alle Anhänger der Religionen einander ähnlich und laden die anderen ein, sich an den Tisch Gottes zu setzen. In einer anderen Ecke des reizvollen Raumes des Gasthauses saß eine Familie und flüsterte so ruhig, dass sie unter dem schwachen Licht der Talgampe zu einem verblassten Gemälde geworden war, und am Ende des Saales stand der große und gestreckte Bartisch, alt und dick aus Erlenholz, der sorgfältig geölt war und den Anschein erweckte, mehr als Jahrhunderte alt zu sein. Einige schöne Talgampen aus dem Lande Tschechien hingen in einer Reihe, doch mit Abstand, von der Decke über dem Bartisch, und eine mittelalte, doch kräftige Frau war mit dem Servieren der Speisen beschäftigt und wartete wahrscheinlich auf das sommersprossige schöne Mädchen hinter der Hütte, damit sie sie den Kunden bringe. Mein Eintritt bewirkte keine besondere Veränderung im Zustand der im Gasthaus Anwesenden, und während ich fühlte, dass ich von den verborgenen Blicken und den verschiedenen Vorstellungen der Anwesenden auf unmerkliche Weise umzingelt war, setzte ich mich an einen Tisch, dessen Talgampe erloschen war. Unwillkürlich wählte ich den dunkelsten Platz des Saales zum Sitzen, um vor dem Schaden der verborgenen Blicke und des Urteils der Anwesenden sicher zu sein, doch mein Zustand blieb nicht beständig, und vor dem Erscheinen des Mädchens kam die mittelalte Frau mit einem langen Stock, an dessen Ende eine gelbe Flamme in Glanz und Leuchten war, zum Tisch und entzündete die Talgampe über meinem Kopf und kehrte ohne Frage zurück. Ich war frei dem Blick der Reisenden ausgesetzt und zog mich zusammen. Ich bemühte mich, meinen Kopf aus dem Kreis des Lichtes in den dunklen Teil zu bringen und den Lichtkreis zu verlassen, um weniger gesehen zu werden.
Mit dem Erscheinen des jungen Mädchens und dem Servieren der Speisen der Anwesenden war die Reihe an mir, bewirtet zu werden. Mit ihrem Näherkommen an den Tisch und dem stärkeren Scheinen des Lichtes der Talgampe wurden die Winkel ihres Leibes und Gesichtes deutlicher sichtbar und vermehrten mein Staunen. Wie konnte ein so anmutiger und schöner Vogel im Herzen eines kalten und rauen Gebirges Ruhe gefunden haben und nie das Lied des Fortgehens angestimmt haben.
Ich sagte zu mir, vielleicht hat sie ihre Lieder gesungen und ist am Fortgehen verzweifelt, vielleicht hat sie nie andere Länder gesehen und seit der Geburt in dieser Hütte und den umliegenden Gebirgen gelebt und weiß nicht, dass rings um das Vaterhaus in der Stadt Thun ein bezaubernder See wie ein Juwel erstrahlt und man in dieser Jahreszeit ohne Furcht vor der Kälte und mit der geringstmöglichen Kleidung auf ihm Boot fahren und Fische fangen kann und am Abend auf dem Markt der Stadt spazieren und bunte Süßigkeiten verzehren und wahrscheinlich am besonderen Tanz des Feiertags teilnehmen kann. Vielleicht ist sie auch fortgegangen und hat gesehen und die Welt berührt und weiß, dass diese Hütte und die Felsen ringsum der gemütlichste und schönste Ort der Welt sind, und ist dann zurückgekehrt und hat sich dem Gebirge und seinen Reisenden geweiht.
Die Ebenmäßigkeit und Trainiertheit ihres Leibes erinnerte mich an die Zigeunermädchen. Mädchen, die mit den Ihren jeden Frühling fröhlich und anmutig mit Dialekten und schönen Gesichtern und bunten und unbekannten Kleidern eine Zeitlang rings um die Stadt Thun lagern und Freude und Musik mit sich bringen und mit dem Ende des Frühlings fortgehen und bis zum nächsten Jahr den Geist der Frische und Freude uns schenken. Mädchen, die keine Müdigkeit kennen und dem Schmerz und dem Schlaf fremd sind und im Gegensatz zu den weißen und feisten Mädchen der Stadt Thun, die sich selten vor dem Erreichen der Sonne der Mitte des Himmels aus dem warmen Bett erheben, vor dem Anbrechen der Morgendämmerung indischen Tee auf einem schönen Feuer bereiten und sich mit dem Schmücken und dem Anziehen eines anderen dem Tagesprogramm entsprechenden Kleides beschäftigen, und immer wünschte ich mir, wenn mein Vater eines Tages für mich eine Gattin wählen wollte, dass sie aus den Zigeunern sei und nicht aus den Mädchen meiner Stadt.
Der konzentrierte und neugierige Blick des Mädchens zerriss den Faden meiner Gedanken und führte mich in den Raum der Hütte zurück. Fleisch, toskanischer Wein, warmes Brot, ein Bad und einen Platz zum Schlafen – das war die Gesamtheit meiner Wünsche in jenem Augenblick. Das Mädchen entfernte sich ohne ein Wort mit einem kleinen Lächeln aus dem Lichtkreis, und während sie durch die Dunkelheit zwischen den Lampen ging, sah ich sie wie ein fröhliches Kind, für das das Morgen keine Bedeutung hatte. Ein besonderes und unbeschreibliches Gefühl erfüllte in jenen Augenblicken mein Wesen. Das hölzerne Gasthaus, das am Rand eines schönen, doch wilden Felsens klebte, wurde mir wie eine alte Bekanntschaft, die der Staub der Zeit unvertraut gemacht hatte und die sich allmählich hinter den verblassten Erinnerungen zeigte, warm und lieblich. Ich stellte mir das Gesicht des Vaters in der Einbildung vor, der in der Einsamkeit und Stille ein großes Glas Bier austrank und aus dem Fenster meines Zimmers den See betrachtete, vielleicht dass ich eines Tages zurückkehre. Ich liebe meinen Vater nicht, weil er der Vater ist, sondern ich liebe einen Mann, der ruhig und gütig ist und dessen große und rotgefärbte Wangen mit den Linien des Gesichtes und den großen Augen zu einem schönen Anblick geworden sind. Ich erinnerte mich an seine Hände, die warm und groß waren und meinen ganzen Leib und meine Seele in sich aufnahmen, und inmitten jener Hände war es, dass ich von der Güte und Sicherheit gesättigt wurde. Dieselben großen Hände waren es, die wie Gott meine Persönlichkeit geformt hatten, und heute saß ich auf der Höhe des Alpengebirges in einer gemütlichen Ecke und wartete. Ich wusste, dass mein Vater in der Trennung von mir ein Prophet werden würde, der die Stadt nie verlassen hat, und seine Bibliothek eine Höhle sein würde, in der er seine himmlischen Gedichte singen würde.
Plötzlich zerriss die raue und harte Stimme des Jägers den Faden meiner Gedanken:
– Der kommt nicht mehr zurück.
– Wer kommt nicht mehr zurück?
– Der Junge.
– Welcher Junge?
Ich verstand seine Absicht nicht und zeigte keine Neigung, das Gespräch fortzusetzen, doch ohne Rücksicht auf den Ausdruck meines Gesichtes fuhr er fort:
– Ich meine den Jungen, den Grünäugigen. Man sagt, er sei zuerst nach Frankreich gegangen und dann hierher gekommen. Er habe von hier bis zum Montblanc zu Fuß gehen wollen. Seltsam, nicht?
– Ja, sehr seltsam. Es kann sein, dass er einige Monate unterwegs ist.
– Ja, nein, aber er ist nie zum Montblanc gelangt. Weißt du warum?
– Nein, weiß ich nicht.
– Als er hier ankam, war ich hier. Der Himmel war bedeckt, wir waren gefangen. Einige Nächte war er hier, ich auch, viele waren da. Zuerst rief ihn der Berg leise.
– Der Berg rief ihn? Was heißt das?
– Der Geist des Gebirges rief ihn. Niemand hörte es, nur ich hörte es und jener Junge.Dann rief er eines Nachts laut, nannte seinen Namen, ich selbst habe es gehört.
– Wie war sein Name, wenn du ihn gehört hast?
– Mehdi oder so etwas.
– Mehdi? Was heißt das? Diesen Namen habe ich noch nie gehört.
– Ja, ja, so etwas war es. Dann legte er seine Sachen hin und ging.
Meine Aufmerksamkeit war auf die Worte des Jägers gelenkt worden, und ich hatte mich zu ihm umgewendet und Hunger und Müdigkeit vergessen. Ich fragte:
– Der Berg rief ihn? Ruft denn der Berg?
– Offensichtlich bist du kein Gebirgsjunge. Ja, er rief ihn. Von einem sehr, sehr fernen Ort rief er ihn.Bevor er hierher kam, kam er aus einem anderen Land auf einem anderen Kontinent hierher und lief dem Ruf nach.
– Nun, wo ist er jetzt?
– Eins geworden.
– Mit was?
– Mit dem Berg, mit den Felsen, mit seinen Quellen.
– Der, von dem du sprichst, war er Christ? Jude? Was war er?
– Moslem war er.
– Moslem? Hier mitten in den Bergen Europas?
– Ja, ich habe sie früher im Süden gesehen, sie beten auf eine andere Weise.
– Wo sind seine Sachen?
– Hier, hinter dem Bar. Er selbst ist zu Schnee und Regen und Blume geworden, jede Jahreszeit erscheint er in einer Gestalt, jetzt wirst du sehen …
Dann wandte er mir den Rücken zu und setzte das Sprechen unter den Lippen fort. Das Gespräch war bis zu einem gewissen Grad unverständlich und seltsam, doch ohne den genauen Sinn davon zu begreifen, wusste ich, dass auch ich auf eine unbekannte Weise hierher gerufen worden war, wie Mehdi, jener junge Moslem, der aus einem fernen Land gekommen war und nicht mehr zurückgekehrt war.
In eben dieser Zeit kam das Mädchen durch den halbdunklen Raum zwischen den Tischen mit einem Gefäß, in dem ein Stück gekochtes, mit Gebirgskräutern gewürztes und schmackhaftes Fleisch war, und legte es unter das Licht der Lampe und kehrte zurück und kam mit heißem Brot und rotem Wein wieder. Der Duft des toskanischen Weines berauschte mich und machte mich, noch bevor er mit meinen durstigen Lippen die Umarmung begann, trunken und entblößte mich. Die Anwesenheit jenes Weines und eines Stückes Fleisch und eines großen und rissigen Brotes allein vermehrte die Schönheit des Mädchens auf übertriebene Weise und versetzte mich in Furcht, Furcht davor, dass meine schönen Vorstellungen den Mund auftun und alles, was ich in Geist und Seele habe, auf einmal zur Schau stellen und mich entblößen könnten. An ihren roten Wangen konnte man erkennen, dass ein ähnliches Gefühl in ihrem Wesen erwacht war und sie mich von jenem am stürzenden Kreuz hängenden Wesen getrennt hatte. Vielleicht hatte der Schein des Lichtes der Talgampe, der das Gesicht und den Leib des Mädchens auf übertriebene Weise mythisch erscheinen ließ, auch mit mir so getan und mich geeigneter dargestellt, als ich war. Vielleicht würde ich, wenn ich hinter jenem Tisch aufstände, wie der Zauber der Dämonen in die frühere Gestalt zurückkehren und das Lächeln des Mädchens in Schrecken verwandeln.
In der Jugend hatte ich von meinem Vater und meinem Onkel gehört, dass einige der Hirten und Bergsteiger zur Bekämpfung der Kälte und der Höhe und zur Vermehrung ihres Mutes und ihrer Tapferkeit gegenüber Räubern und wilden Tieren besondere wilde Pflanzen in ihre Pfeifen stecken und sie gebrauchen und dadurch ein Gefühl der Überlegenheit und Macht empfinden und die Gefahren ringsum, wenn auch unwirklich, abschwächen und die Lösung der Probleme ihnen leicht wird, und sie hielten es für eine Art Rausch, der für mich und meinesgleichen verboten war und den ich nicht berühren durfte, und dank der Aufmerksamkeit und Ermahnungen meines Vaters hatte ich nie die wirkliche Bedeutung davon begriffen und hatte keine Erfahrung davon im Geist. Doch heute und nach dem Verzehr des schmackhaften Fleisches und des toskanischen Weines und des besonderen Brotes jener Gegend, das mit duftenden Gebirgshölzern gebacken und mit allerlei Kräutern und duftenden Körnern bestrichen war, begriff ich das Gefühl jener Hirten und Gebirgswanderer richtig und erfuhr die Bedeutung des Rausches. Die Höhe und ihre Wirkung auf meine fünf Sinne neben dem endlosen Genuss, den ich hinter dem Tisch unter dem Licht der Talgampe in jener Hütte empfunden hatte, hatten die Reise für mich beendet, als sei ich an einen Traum gelangt, aus dem die Flucht unmöglich war, und die Fortsetzung der Reise mir erschwert. Warum sollte ich überhaupt nach Süden gehen? Hier war alles auf erstaunliche und sagenhafte Weise auf dem Gipfel, und ich war der einzige Reisende der kalten und grünen Pässe dieser Geschichte, der die besten und einzigartigsten Genüsse an einem Tag ganz und gar begriffen hatte. Erwartete mich nach diesem Gebirge und seinen Pässen noch etwas? Würde mich mit dem Durchqueren von Interlaken und dem Erreichen des Nordens der italienischen Länder eine so labende Quelle Leib und Seele sättigen? Fast war ich gewiss, dass alles, wonach meine durstige Seele suchte, in jener Hütte und dem darüberliegenden Friedhof und seinen tiefen Tälern gefunden hatte.
In der Absicht, aus meinen Träumen herauszukommen, presste ich die Hände zusammen, damit das vom Fleisch zurückgebliebene Fett meine rissigen Hände weich mache, und erhob mich, um zu meinen übrigen Wünschen zu gelangen, doch meine Träume waren tiefer und mächtiger als mein halb toter Leib und ließen mich nicht los. Wie hatten sie mich so erstaunlich und schön in sich gefangen? Ich legte den Ellbogen auf den Tisch und forderte, während ich berauscht und halb bewusst meinen Kopf zwischen den Händen hielt, einen weiteren Schluck des toskanischen Weines. Die zusammengezogenen Augenbrauen Petras, von der ich später erfuhr, dass sie die Mutter jenes schönen Mädchens war, vermochten mich auch nicht von meinem Entschluss abzubringen. Die begrenzten Vorräte und der besondere Raum der Hütte hatten wahrscheinlich für jeden Reisenden eine ungeschriebene Quote festgesetzt, und der übermäßige Verbrauch eines jeden der Speisen und Getränke konnte die anderen von unterwegs kommenden Reisenden davon ausschließen, und inmitten dessen spielten die Münzen keine große Rolle. Bei all dem wusste ich, dass, wenn ich einen weiteren Schluck jenes Weines tränke, ich die Hütte und jene schneebedeckten und schönen und von duftenden Pflanzen und breitwüchsigen Sträuchern erfüllten Pässe vom Himmel betrachten würde. Ach, welch ein schönes Gefühl – wie konnte ich meine Seele all dieser Wunder berauben? Wie konnte man die Hütte ohne Unterbrechung und Überlegung verlassen und später zum Beispiel für die anderen mit einer einfachen Erklärung sich begnügen, dass man an jenem Tag und in jenen Augenblicken welches Gefühl und welchen Zustand gehabt habe und dass der Blick auf die Welt und die Ziele an einem besonderen Tag wie verändert sei und wie sagen, dass Peter in jenen Minuten aus seinem körperlichen Leib zu einem gewichtlosen und verdichteten Wesen wie die Wolken der Pässe des Eiger, die auf den Regen warten, geworden sei?
Der rote toskanische Wein in dem alten und tönernen Glas, das auch die Begierde hatte, mich zu trinken, wurde zwischen meine Ellbogen gestellt. Emily hatte den Wein sorgfältig zwischen die Ellbogen gelegt, damit der Duft des Weines mich zu mir bringe und in den Raum der Hütte zurückführe. Ich nahm den Kopf aus den Händen und beobachtete ihr Fortgehen zwischen dem Helldunkel der Talgampen und plötzlich kam mir ein Gedanke: Wenn ich den letzten Schluck des Weines im Land der Götter und mitten auf dem Friedhof über dem Felsen genösse, würde ich wahrscheinlich Schluck für Schluck mit den steinernen Göttern vermischt und verschmolzen werden und das Gefühl der Gewichtlosigkeit und Ruhe und Fröhlichkeit vermehren können. Deshalb verließ ich, während ich bemüht war, dass mein Verhalten und meine Schritte gewöhnlich erscheinen, mit dem Wein in der Hand die Hütte. Petra und Emily und wahrscheinlich einige der Anwesenden, die mich von vornherein zum Ziel ihrer Untersuchungen und Urteile gemacht hatten, wussten bestimmt, dass das Zurücklassen meines ganzen Rucksacks in der Hütte und das Verlassen mit einem Glas Wein nicht die Flucht ohne Bezahlung der Rechnung bedeutete und dass ich bald zurückkehren würde. Beim Durchqueren des schmalen Weges zum Friedhof nahm ich das Auge nicht vom Glas und war darauf bedacht, dass nicht einmal ein Tropfen davon die Erde berausche, obwohl ich zu mir sagte, bestimmt seien die Erde und das Gebirge und die Pässe rings um die Hütte in fernen vergangenen Tagen vom Regen des roten toskanischen Weines getränkt worden, dass sie nun so erstaunlich und geheimnisvoll geworden seien, sonst wären sie wie alle Berge der Welt eine Menge von Steinen und Pflanzen, die auf schöne Weise nebeneinander Platz gefunden hätten.
Beim Erreichen des Friedhofs, den ich das Land der Götter genannt habe, suchte ich nach dem seltsamen und auf der Erde liegenden Kreuz, an dessen Fuß ich vor dem Erreichen des Gasthauses gesessen und Augenblicke im Rausch verbracht hatte. Weiße Kreuze mit besonderen Zeichen des Christentums in vergangenen Jahrhunderten waren überall verstreut, einige schief und einige wie mächtige, stolze und bezaubernde Götter betrachteten den Friedhof. Einige der Kreuze lagen auch wie in der Schlacht besiegte Legionäre mit ihrer ganzen Gestalt mit offenen Armen auf der Erde.
Das Sitzen auf den verstreuten steinernen Stufen mitten im Land der Götter war keine weise Wahl, und ich musste mich mit den auf der Erde liegenden Gestalten verbrüdern, deshalb teilte ich meinen Wein mit dem alten auf der Erde schlafenden Legionär. Die Geschichte seines Fallens auf die Erde ging mehr als tausend Jahre zurück. Es war ein seltsamer Friedhof. Einige Zeichen und Linien waren mir unbekannt. Obwohl ich Deutsch und Schweizerdeutsch und bis zu einem gewissen Grad Italienisch und Französisch konnte, waren einige der Schriften auf den Gräbern und Kreuzen in einer den umliegenden Ländern des Gebirges unvertrauten Schrift abgefasst. Vielleicht waren sie armenisch oder lateinisch und vielleicht Sprachen des Alten Testaments und Hebräisch, die aus Jerusalem oder dem Geburtsort Christi hierher gelangt waren. Doch die Zeichen einiger Gräber hatten eine andere Geschichte. Während ich Schluck für Schluck den Wein an die Lippen führte, erhob ich mich und ging Kreuz für Kreuz die Zeichen und Schriften vor den Augen vorbei. Ein kleiner weißer Stein, geschmückt mit dem neunarmigen Leuchter Chanukkia (einem der Sinnbilder des jüdischen Chanukka-Festes, die in den acht Tagen des Chanukka-Festes einer nach dem anderen angezündet werden), hatte auf seltsame Weise zwischen den Kreuzen Platz gefunden und zog durch sein Alleinsein mehr als die übrigen Gräber meine Aufmerksamkeit auf sich. Leider war ich unfähig, die hebräischen Worte auf jenem Grab zu lesen und seine Geheimnisse zu entdecken, und war gezwungen, weiterzugehen. Das Gefühl der Fröhlichkeit und des Rausches, das in mein Wesen eingedrungen war, hatte sich mit dem Sehen der Zeichen und Schriften des Friedhofs in eine Art erstklassige Wachheit verwandelt, und ich war ungewöhnlichen Wahrnehmungen verfallen. Unbekannte Stimmen und Laute und Geflüster zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Hatte ich die tausendjährigen Seelen der Verstorbenen zu mir gezogen? Gehörten die unbekannten Laute den in den steinernen und kalten Gräbern Schlafenden und Ruhenden, und hörte ich sie richtig und deutlich? Im weiteren Weg war ein schwarzer Stein mit besonderen Zeichen der Eingang eines Grabes mit einem kleinen hölzernen Davidstern, ein Grab ohne Zeichen und Zeremonien, auf dem nur zwei Buchstaben und ein Datum eingraviert waren: 1771, das heißt vor achtzehn Jahren. Seltsam ist, dass inmitten all dieser Kreuze und reich verzierten und prächtigen Steine, die vergangenen Zeitaltern angehörten, das der Gegenwart angehörende Grab unpassend erschien. Mit dem Austrinken des Weines legte ich mich irgendwo mitten im Land der Götter auf das kalte Gras und sah den Himmel, durch den baumwollartige Stücke von Wolken tanzend hindurchgingen und voranschritten, und ich mit offenen Armen wie ein auf die Erde gefallenes Kreuz, besiegt in einem ungleichen Krieg, mit müden und schweren und warmen Lidern die letzten Laute und das Vorüberziehen der kleinen Wolken betrachtete. Ich weiß nicht, wann der Schlaf über mein müdes Wesen gekommen war und wie lange ich in jenem Land unbeweglich und ohne Regung den Kopf auf die Erde gelegt hatte, doch die Wärme des Leibes und der Hände eines Mädchens, während die Sonne in ihr Haus gekrochen war, um den Himmel dem Mondlicht zu überlassen, brachte mich zu mir. Emily hielt mit einem Blick wie die jungfräulichen Heiligen des Klosters, rein und unschuldig, meinen Kopf zwischen ihren Händen und betrachtete mich. Ich erhob mich rasch. Ich verlor Hände und Füße. Ich bat sie um Verzeihung für mein ungeeignetes Verhalten, doch das Mädchen stand, ohne ihr gütiges Lächeln zu verlassen, und streckte die Hand zu mir aus und sagte ruhig unter den Lippen:
– Ein warmes Bad und ein Zimmer zum Schlafen sind bereit.
***
Das hölzerne Bad, das sich im oberen Stock des Gasthauses befand, war durch die Lage des Feuerbeckes des Bades darunter warm und angenehm und ein Ort für langes Ausstrecken, die beste Gelegenheit, sich von den Räuschen des toskanischen Weines zu befreien und sich den angenehmen Erinnerungen hinzugeben. Es war nicht klar, wie lange ich im Bad war, doch als ich vom Bad zu meinem Zimmer unter dem Dach ging, war außer dem kurzen und schwachen Geräusch des Gespräches des deutschen Mannes und der deutschen Frau und dem entfernteren Geräusch des Spülens der Geschirre aus der unteren Küche nichts zu hören, und das bedeutete Ruhe und Sicherheit.
***
Das Aufgehen der Sonne, der Klang des Lebens und der Gesang der Enten rings um das Gasthaus weckten mich aus einem süßen Schlaf. Bevor ich das weiche Bett verließ, in dem ich die ganze Nacht versunken war, bemerkte ich die Landschaft hinter dem Fenster und sah mit einer Bewegung im Bett die fernen und hohen Gebirge, deren gewaltige und schneebedeckte Leiber den Menschen in Entzücken versetzen und auch aus dem Stein einen meisterhaften Dichter machen:
Ihr harten Berge, ihr schneebedeckten Pässe
ihr weißen Wolken, ihr bunten Vögel
ihr Flüsse und Quellen
ihr zarten Gräser
tausend Gemälde,
tausend Aussichten
welche Feder? welche Hand?
hat euer Dasein so liebevoll
in die Fessel der Niederschrift gezogen
ihr weißen Wolken, ihr bunten Vögel
ihr Flüsse und Quellen
ihr zarten Gräser
tausend Gemälde,
tausend Aussichten
welche Feder? welche Hand?
hat euer Dasein so liebevoll
in die Fessel der Niederschrift gezogen
Die schöne Stimme Emilys, die die Reisenden zum Frühstück rief, zog mich aus dem warmen Bett in den halbdunklen und reizvollen Raum des Saales. Die Reisenden der vergangenen Nacht hatten außer dem Jäger mit dem langen und blonden Bart und jenem deutschen Mann und jener deutschen Frau alle ihren Platz neuen Personen und natürlich einer größeren Zahl müder Wanderer überlassen. Es kam mir in den Sinn, wie diese Reisenden am Morgen an diesen heiligen Ort gelangt waren. Waren sie die ganze Nacht in Bewegung und Reise gewesen? Immer wusste ich, dass die Gebirgsreisenden ihre Reise so beginnen, dass sie vor dem Untergang der Sonne an einen Ort wie hier oder an die Städte und Dörfer des Ziels und des Verkehrsweges gelangen und nicht gezwungen sind, die Nacht in den kalten und dunklen Alpen zu biwakieren. Deshalb bedeutet es, wenn die Reisenden am Morgen angekommen sind, dass sie die ganze Nacht unterwegs gewesen sind.
Das Frühstück, bestehend aus Spargelsuppe und großem rissigem Brot und allerlei Milchprodukten im Rahmen der Möglichkeiten des hohen Gebirges, neigte sich dem Ende zu. Emily ging über die andere Seite des Bartisches aus der Hintertür der Hütte, die am Ende der Küche lag, hinaus, und nach einigen Augenblicken zeigte das Geräusch des Spaltens der dort aufgehäuften Holzscheite, womit sie beschäftigt war. Der Ausbruch des Sonnenlichtes aus den Winkeln und Ritzen der Tür und Wand der Hütte und der Eintritt des Lichtes aus dem großen Fenster am Ende der Küche hatten die Zahl der Talgampen vermindert und das Gefühl der Ruhe den Saal erfüllt. Der Klang des kindlichen Spiels dreier Kinder, die zu zwei im Gasthaus anwesenden Familien gehörten, hatte den Raum lieblich gemacht. Petra war rasch mit der Erledigung der Angelegenheiten der Küche und der Gäste beschäftigt, und ich näherte mich dem Ende des Frühstücks. Nach dem Beenden des Frühstücks erhob ich mich in der Absicht, in der Umgebung der Hütte spazieren zu gehen, und abermals erschienen die steinernen Felsen und die schneebedeckten Gipfel vor meinen Augen. Der Klang der Enten und das Sehen des Himmels, der wie ein blauer Schirm über meinem Kopf war, minderten die Geschwindigkeit meiner Schritte, und in der Verlängerung des Felsens, der zum Land der Götter führte, in der Nähe der Quelle, die aus dem Herzen der Felsen den Schrei der Befreiung ausstieß und an der ich Emily zum ersten Mal gesehen hatte, hielt ich an.
Die Quelle, die in Wahrheit ein senkrechter und schmaler und hoher steinerner Spalt war, lag genau unter dem großen weißen Kreuz, und etwa dreißig Fuß darüber zeigten sich die weißen und riesigen Götter. Die Quelle und der Friedhof lagen so in einer Linie, dass sie auf unmerkliche Weise miteinander verbunden waren. Ist eine so wilde Quelle, die brüllt und aus dem Spalt der Felsen ihre unbeständige Freiheit erlangt, ein verzauberter Prinz in den Klauen der stolzen Götter des Landes der Götter, der jeden Augenblick die Freiheit sieht und Schluck für Schluck die Befreiung erlangt und abermals den Fuß in das Gefängnis setzt und den Schrei der Befreiung ausstößt, und dauert diese Geschichte bis in alle Ewigkeit?
Die Muße von diesem endlosen Fluss und die Stille ringsum erinnerten mich an die Holzscheite und Emily, und in der Absicht der Neugier und der Untersuchung des Grundes der Unterbrechung der Arbeit, die vielleicht das Aufbrauchen der Holzscheite oder ein anderer Grund war, ging ich zu dem schmalen Weg, der direkt in den Raum hinter dem Gasthaus mündete, und nach dem Durchqueren der letzten Seite der Mauer, dort wo der Abgrund jedes sich regende Wesen zu sich zog und einen reizvollen Schrecken hatte, sah ich Emily, die auf dem auf die Erde gefallenen Stamm eines großen Baumes saß und den Kopf zwischen den Händen hielt. Vor jeder Frage machte mir die vom Stiel getrennte und um die halbgespaltenen Holzscheite herumliegende Axt den Grund der Unterbrechung der Arbeit klar. Das Geräusch meines Fußes brachte Emily zu sich.Sie erhob sich. Wie das, was uns am gestrigen Abend widerfahren war, ging ich schweigend zu der vom Platz genommenen Axt und setzte alle meine Kraft, die einem jungen, doch unerfahrenen Mann entsprach, ein, um die Axt zum Spalten der Holzscheite bereit zu machen.
Der metallene Teil der Axt mit dem Zeichen von Toledo erzählte von ihrem Ansehen, und das auf ihr eingravierte Datum war auf ungewöhnliche Weise verwischt, doch das Betrachten und das in die Hand Nehmen der Toledo-Axt war eine Ehre. Toledo ist eine Stadt im Herzen der Provinz Kastilien-La Mancha in Spanien. Nach den Worten meines Vaters ging die Geschichte ihrer Metall- und Schwertindustrie bis vor die Geburt Christi zurück, und nach der dreihundertjährigen Anwesenheit der Araber Afrikas und der Herrschaft über jene Stadt und dem Weiterleben der Christen jener Stadt, die als die beunruhigte Bevölkerung bekannt waren (arabischsprachige Christen, die die Erlaubnis hatten, bei der väterlichen Religion zu bleiben), war sie einer Vermischung der Kulturen des Islam, des Christentums und des Judentums verfallen, und nun hielt ich die Begegnung mit der Toledo-Axt für eine Wohltat von seiten des Herrn, vielleicht dass sie mich zur Entdeckung der Wahrheit des benachbarten Friedhofs führe und mir seine Geheimnisse enthülle.
Seitdem ich den Fuß in das Land der Götter gesetzt hatte, hatten das Sehen des namenlosen Friedhofs mit den seltsamen Zeichen auf den Kreuzen, deren Bauzeit unbekannt, doch breitwüchsig waren und aus Granit und Marmor mit Elfenbeinschmuck gefertigt waren, die geheimnisvolle hölzerne Hütte am Rand des tiefen Abgrunds und nun die Axt aus Toledo mich alle auf den Punkt aufmerksam gemacht, dass meine Reise höhere Ziele jenseits der Begegnung mit der Dame meiner Träume, Maria Agnesi, hatte und dass ich mich allmählich dem näherte und wahrscheinlich der Offenbarung und des Ertragens großer Schwierigkeiten bedürfen würde.
War diese Axt ein Geschenk eines alten Wanderers aus den Einwohnern Toledos, der nach dem Durchqueren der hohen Alpenberge sich an diesen heiligen Ort begeben und in derselben Umgebung und wahrscheinlich im Land der Götter Ruhe gefunden hatte? Erzählte das seltsame Willkommen an der Tür des Gasthauses von den Sitten und Religionen der verschiedenen Reisenden, und hatte ich es beim ersten Eintritt nicht begriffen, und konnte der Grund dafür die Schenkung der Axt von seiten eines muslimischen Einwohners Toledos gewesen sein? Eines Muslims, dessen Vorfahren nach der Auswanderung aus Afrika Generation für Generation sich mit der Arbeit am Metall beschäftigt hatten? Ruhte jener Muslim auch unter einem marmornen Kreuz in einem unbekannten Grab, oder hatte er die Gelegenheit zur Rückkehr und zum abermaligen Sehen seiner Stadt gefunden? Ich musste bei der ersten Gelegenheit und mit größerer Genauigkeit das Land der Götter abermals besuchen und seine verborgenen Winkel untersuchen und zu neuen Wahrheiten gelangen.
Der Stiel der Axt, der auf ungeschickte Weise in den ursprünglichen und kostbaren Körper eingesetzt war und aus gewöhnlichem Kiefernholz derselben Umgebung bestand, bestätigte alles, was sich in meinem Geist abgezeichnet hatte, und machte die Verbindung zwischen den Gestalten ringsum deutlicher.
Der Stiel der Axt wurde mit starken Schlägen des Steines und dem Einsetzen einiger metallener Nägel um den zentralen Kern herum zur Übergabe an Emily bereit, und als ich den Kopf hob, um die Axt zu übergeben, bemerkte ich ihre Abwesenheit.
In der Annahme, dass sie zur Hütte zurückgekehrt sei, machte ich mich mit der Axt in der Hand auf die Suche nach ihr. Die Stille der Hütte und das Aufgehen der Sonne versetzten mich in Zweifel, und ich bemerkte, dass Stunden seit meiner Anwesenheit hinter der Hütte vergangen waren und ich, versunken in verschiedene Gedanken, lange Zeit starr auf die schöne Toledo-Axt geblickt hatte und Emily, die wahrscheinlich müde geworden war, den Ort verlassen und ins Gasthaus zurückgekehrt war.
Beim ersten Eintritt in die Hütte fragte Emily:
– Ist die Axt brauchbar?
– Ja, man kann damit arbeiten, aber sie braucht grundlegende Reparaturen.
– Gut.
Ihre kleinen und schönen Hände streckte sie zur Axt aus. Die Spuren der harten Arbeit in der gebirgigsten Hütte der Welt sah ich in jenen schönen Händen. Vor der Übergabe der Axt sagte ich:
– Ich kann es, ich verstehe mich darauf.
– Worauf verstehst du dich?
– Holzscheite spalten, das heißt, bisher habe ich es noch nicht getan, aber gut …
– Kannst du spalten? Es ist keine einfache Arbeit.
– Wenn du es kannst, kann ich es auch.
Mit einem mädchenhaften Lächeln, während sie mich von oben bis unten betrachtete, sagte sie:
– Gut, kannst du die Holzscheite in zwei Größen, eine für den Küchenherd und eine für das Bad, zerkleinern?
– Ja.
Und entschlossen machte ich mich auf den Weg. Ich hatte ein seltsames Gefühl, als sei ich in einem Haus, in dem ich seit Hunderten von Jahren gewohnt und Generation für Generation in ihm gelebt und gestorben hätte. Alles war mir eine vertraute und angenehme Fata Morgana. Die besorgten Blicke Petras, die schönen Hände Emilys, die Schlafzimmer unter dem Dach, die Betten, das Bad, der Raum des Empfangssaales, die Talgampen, der Bar und sogar der Friedhof und die Quelle rings um die Hütte – alles war vertraut. Zum Durchqueren von jedem Teil zu einem anderen bedurfte ich keiner Frage. Alle Wege kannte ich, sogar bevor Emily die Bitte um das Spalten der Holzscheite in den gewünschten Größen aussprach, wusste ich, was ich tun musste und wohin ich die gespaltenen Holzscheite lagern musste.
Die Sonne erreichte die Decke des Himmels. Emily kam mit einem roten Apfel in den Händen, den sie mit ihrem langen Rock glänzend gemacht hatte, wie ein Vogel des Weges, ein Vogel, der sein Netz mitgebracht hatte, um den Jäger in einem Augenblick zur Beute zu machen. Ich führte den Ärmel meines Kleides zur sonnenverbrannten Stirn, um den Schweiß zu trocknen und mich zum Fest bereit zu machen, doch Emily gab keine Gelegenheit und trocknete mit dem Zipfel ihres Rockes meinen Schweiß und stand mit geröteten Wangen, ohne die Gestalt des siegreichen Jägers anzunehmen, einige Schritte entfernt und lud mich zum Sitzen ein. Zum ersten Mal in den vergangenen ein oder zwei Tagen setzte sie sich ohne jede Vorsicht und Frage neben mich und legte den Apfel in meine Hände. Der Duft des Apfels und der Duft des Leibes des Mädchens wetteiferten darum, den Verstand von mir Müdem zu rauben, und manchmal überholte der eine den anderen und streichelte meine Nase. Ich führte den Apfel zu den wartenden Zähnen, und in eben jener Zeit fühlte ich im Schweigen Emily wie den Geist des Lebens, der im Begriff war, in meine Adern zu strömen.
Sogar das Geräusch des Zerbeißens des Apfels unter meinen Zähnen vermochte die Ruhe jener Augenblicke nicht zu stören. Nach dem Verzehr des letzten Stückes des himmlischen roten Apfels betrachtete ich aus einer Entfernung, die keine Entfernung mehr war, ihr Gesicht. Die Linien der Wange und der Lippen, die ebenmäßige Zusammensetzung der Augenbrauen und der großen und grünen Augen waren ein aus dem Alten Testament zurückgebliebenes Gemälde.
Von den Freunden meines Vaters hatte ich gehört, dass Leonardo da Vinci, der italienische Maler, zwei Jahrhunderte zuvor den Entwurf des Gesichtes seiner Geliebten Lisa del Giocondo angefertigt hatte und im Jahre 1516, als er das Gemälde der Mona Lisa in seinem Koffer hatte, den Weg, in dessen Mitte ich mich nun befand und neben einer Gioconda namens Emily saß, durchquert und es mit dem Ziel Frankreich verlassen und das Gemälde an den König von Frankreich, Franz den Ersten, verkauft hatte. Doch wie kann ein Mensch seine Geliebte abbilden und nach dem Ertragen großer Schwierigkeiten und dem Durchqueren der kalten Berge des Nordens der italienischen Länder sie nach Frankreich bringen und an einen König verkaufen? Wer die Gioconda war und welches Gesicht sie hatte, ist mir ohne Bedeutung. Dass er das Gemälde seiner Geliebten an einen König verkauft hat, ist mir ebenfalls ohne Bedeutung. Die Bedeutung der Arbeit da Vincis liegt darin, dass er nach den Worten von Francis Alvardeo, dem Priester der örtlichen Kirche von Thun, der erste Mensch ist, der seine flüchtige Geliebte für die Dauer von drei Jahren und einem halben auf dem Platz hat halten und stundenlang betrachten und abbilden können. Als junger Mann, der mit der Kunst vertraut ist, wusste ich, dass da Vinci alle Einzelheiten des Gesichtes der Geliebten, sogar bevor sie sich auf den Stuhl vor der Leinwand setzte, im Gedächtnis behalten hatte und dass das Verbringen jener langen Zeit nur ein Vorwand gewesen war für die Fortdauer einer Begegnung, deren Ende zu denken quälend ist, und dass auch seine Geliebte auf der anderen Seite der Leinwand keinen Augenblick von der Liebe des Malers abgelassen hat und bestimmt so starr auf ihn drei ganze Jahre das Blinzeln vergessen hat.
Nun war Emily wie Lisa del Giocondo ruhig geworden und betrachtete mich. Ihre Augen waren wie die tiefen, immergrünen Wälder Frankreichs, Augen, die in der Dunkelheit und im Licht glänzten, und die Gebirgsluft und das mythische Wasser des Quellspaltes hatten ihre Wirkung auf sie ausgeübt und ihre Augen glänzend und ein wenig feucht gemacht. Die Linien ihrer Lippen hatten eine besondere Gestalt, als habe sie stets ein Lächeln auf den Lippen, auf das weder die Müdigkeit noch die Nacht eine Wirkung habe, und dieser Umstand war mir interessant. War Emily je müde oder hilflos geworden? Vielleicht hätte sie, wenn auch sie aus der Stadt Thun mit mir an diesen hohen Ort gereist wäre, wie ich nach dem Vergehen vieler Wochen ihre Schönheit und Frische verloren und statt des ständigen Lächelns die Müdigkeit über ihr Gesicht geherrscht, natürlich darf man auch die vielen Tag- und Nachtarbeiten im gebirgigen Gasthaus nicht übersehen, doch keines hatte ihre Ruhe gestört.
Die Hände Emilys hatten zwei verschiedene Gesichter. Ihre Außenseite war von der Zartheit der Frühlingsprimeln, und die Innenflächen ihrer Hände waren durch die Fortdauer der Arbeit und das Spalten der Holzscheite und das Bereiten des Herdes rauh und ein wenig hart, doch hatten sie ihrer Schönheit nichts genommen, und als ich ihre Hände in die Hand nahm, fühlte ich, dass mein geistliches und unkörperliches Wesen mit den verborgenen Adern der unberührten und gebirgigen Natur verbunden war. Der Geist des Lebens strömte aus ihren Händen in mein müdes und suchendes Wesen und füllte mich. Alles, was ich zum Überschreiten meines Selbst bedurfte, war auf einmal in meinen Händen.
Zum ersten Mal wurden mehr Gespräche zwischen uns ausgetauscht. Ich sagte fast alles, was ich wusste, in einigen Sätzen und stellte mich ganz und gar vor, doch das Mädchen begnügte sich in einer Handlung, die ich für eine offenkundige Verletzung der Gesetze der Vorstellung halte, nur mit der Vorstellung ihrer selbst und ihrer Mutter und sagte:
– Mein Name ist Emily, ich bin die Tochter Petras und wahrscheinlich achtzehn Jahre alt.
– Wahrscheinlich?
– Ja, ich bin nicht sicher.
– Meine Mutter ist eine sehr kraftvolle Frau. Allein und natürlich mit meiner Hilfe verwaltet sie das Gasthaus.
Gut, das war auch beim ersten Eintritt begreiflich und bedurfte keiner Erklärung. Vielleicht war ihr Vertrauen noch nicht richtig gewonnen, und in der Zukunft würde sie mehr von sich und den Ihren, dem Geburtsort und der Art des Besitzes der Hütte sagen.
Die Erklärungen Emilys waren kurz, doch öffneten sie an jenem reizvollen Frühlingsabend ein Buch vor mir, dem man sich nicht entziehen konnte, und ich setzte unwillkürlich den Fuß in das gebirgige Gasthaus. Ein Gefängnis, das ich mit Willen und Genuss und Neigung gewählt hatte.