Patrick kommt an

udrock

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Patrick kommt an

Seit einigen Wochen lebte Patrick nun bei Familie Berger. Vieles war inzwischen vertrauter geworden, auch wenn er sich noch längst nicht überall sicher fühlte.
Heute stand allerdings etwas Neues bevor: sein erster Tag an der neuen Schule.
„Was ist, wenn keiner mit mir redet?“, fragte Patrick.
Anna blickte kurz zu ihm hinüber. Er saß am Küchentisch und drehte einen Löffel zwischen den Fingern. Vor ihm stand eine Schüssel Müsli, von der er bisher kaum etwas gegessen hatte.
„Dann dauert es vielleicht ein bisschen, bis du jemanden kennenlernst“, antwortete sie ruhig.
„Und wenn sie mich nicht mögen?“
Tobias, der gerade sein Pausenbrot in den Rucksack stopfte, hielt inne.
„Dann sind sie halt doof.“
Manuel schnaubte leise. „Tolle Hilfe.“
„Was denn? Ist doch so.“
Patrick sagte nichts.
Seit dem Aufstehen hatte er kaum gesprochen. Seine Schultasche stand neben seinem Stuhl. Darin befanden sich zwei Hefte, ein Mäppchen und ein Stundenplan, den Anna am Vorabend sorgfältig vorbereitet hatte.
Alles neu. Die Schule. Die Lehrer. Die Mitschüler.
Und vor allem die Tatsache, dass er dort niemanden kannte.
Markus kam mit seiner Kaffeetasse in die Küche.
„Bereit?“
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Muss ja.“
Markus nickte.
„Stimmt. Aber du musst heute auch nicht gleich alles können.“
„Ist doch nur Schule“, murmelte Patrick.
Manuel sah kurz auf.
„Das sagst du jetzt.“
Patrick warf ihm einen flüchtigen Blick zu.
„Was soll das heißen?“
„Nichts. Die ersten Tage sind halt komisch.“
Tobias grinste.
„Als Manuel neu war, hat er sich in der falschen Klasse hingesetzt.“
„Tobias!“
„Was denn? Ist doch wahr!“
Anna lachte leise.
Patrick verzog kurz den Mund. Es war beinahe ein Lächeln.
Dann stand er auf und nahm seinen Rucksack.
„Ich bin fertig.“
Markus griff nach dem Autoschlüssel.
„Dann los.“

Vor dem Schulgebäude standen überall kleine Gruppen von Jugendlichen. Einige lachten, andere schauten auf ihre Handys. Aus einem geöffneten Fenster drang laute Musik.
Patrick blieb neben dem Auto stehen.
„Da?“
„Ja“, sagte Markus.
Patrick sah auf das große Gebäude.
„Sieht größer aus als auf den Bildern.“
„Ist auch größer.“
„Danke.“
Markus grinste kurz.
Dann wurde er wieder ernst.
„Ich bring dich bis zum Sekretariat. Danach musst du nicht allein zurechtkommen. Deine Klassenlehrerin weiß Bescheid.“
Patrick zog die Rucksackgurte fester und folgte Markus zum Eingang. Schon im Flur herrschte reges Treiben. Schüler liefen durcheinander, Türen klappten. Irgendwo rief jemand einen Namen.
Patrick hielt sich dicht neben Markus.
Im Sekretariat saß eine Frau mit kurzen blonden Haaren.
„Ah, Patrick! Guten Morgen. Schön, dass du da bist.“
Frau Schneider wandte sich an Markus.
„Und Sie sind Herr Berger?“
„Ja“, antwortete Markus.
Die Frau stand auf.
„Ich bin Frau Schneider. Deine Klassenlehrerin. Wir haben schon miteinander telefoniert.“
Patrick sagte nichts.
„Komm, ich zeige dir erst einmal die Klasse.“
Markus legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter.
„Bis nachher.“
Patrick sah ihn an.
„Du gehst schon?“
Die Frage kam schneller heraus, als er beabsichtigt hatte.
Markus blieb stehen.
„Ja. Aber ich hole dich nachher wieder ab.“
„Okay.“
Er folgte Frau Schneider den Flur entlang.
Vor dem Klassenzimmer blieb die Lehrerin stehen.
„Ein bisschen aufgeregt?“
„Ja.“
Sie lächelte.
„Das ist in Ordnung.“
Dann öffnete sie die Tür.
Sofort wurde es leiser.

Etwa fünfundzwanzig Schüler saßen an ihren Tischen. Einige drehten sich um, andere schauten nur kurz hoch.
„Guten Morgen zusammen.“
Ein paar Stimmen antworteten.
„Wir haben heute einen neuen Mitschüler. Das ist Patrick. Er ist zwölf Jahre alt und wird ab heute bei uns in der Klasse sein.“
Patrick stand neben ihr und starrte auf den Boden.
„Vielleicht magst du kurz etwas über dich erzählen?“
Er hob den Blick.
„Nein.“
Ein paar Schüler kicherten.
Frau Schneider nickte verständnisvoll.
„Das ist auch okay. Dann suchen wir erst einmal einen Platz.“
Sie deutete auf einen freien Tisch in der zweiten Reihe.
„Dort neben Leon ist noch etwas frei.“
Patrick ging langsam nach vorne.
Ein Junge mit dunklen Haaren hob kurz den Kopf.
„Hi“, sagte er.
Patrick nickte.
Dann setzte er sich.
Er spürte die Blicke der anderen. Einige waren neugierig, andere desinteressiert. Ein Mädchen flüsterte etwas zu ihrer Sitznachbarin.
Patrick zog sein Mäppchen aus dem Rucksack.
Er wollte einfach nur, dass die Stunde begann.
In der ersten Stunde ging es um Mathematik.
Patrick verstand die Aufgaben. Das war wenigstens etwas.
Er schrieb ordentlich mit und vermied es, nach links oder rechts zu schauen.
Als Frau Schneider eine Frage stellte, meldete sich Leon.
„Das ist doch einfach.“
„Dann erklär es uns.“
Leon begann zu rechnen und kam nach kurzer Zeit durcheinander.
Ein paar Schüler lachten.
Patrick sah auf sein Heft.
„Du musst erst die Klammer ausrechnen“, murmelte er.
Leon drehte sich zu ihm.
„Was?“
Patrick zuckte zusammen.
„Nichts.“
„Doch, sag noch mal.“
„Erst die Klammer.“
Leon schaute auf die Aufgabe.
Dann auf sein Heft.
„Ach so.“
Er rechnete weiter und kam tatsächlich auf das richtige Ergebnis.
„Danke“, flüsterte er.
Patrick nickte nur.

In der Pause blieb er zunächst im Klassenzimmer.
Die anderen liefen hinaus. Stühle wurden zurückgeschoben, Stimmen verschwanden auf dem Flur.
Patrick zog sein Pausenbrot aus der Tasche.
Er hatte keinen Hunger.
Trotzdem biss er ab.
Nach wenigen Minuten kam Leon zurück.
„Warum sitzt du hier?“
Patrick sah auf.
„Weil ich hier sitze.“
Leon grinste.
„Okay. Gute Antwort.“
Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen und zog eine Trinkflasche aus dem Rucksack.
„Kommst du mit raus?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Patrick zuckte mit den Schultern.
Leon schien kurz zu überlegen.
„Na gut.“
Er trank einen Schluck und stand wieder auf.
An der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Falls du doch willst, wir sind draußen am Basketballkorb.“
Dann verschwand er.
Patrick sah ihm nach. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als die zweite Pause begann, war der Flur noch voller als zuvor.
Patrick stand vor dem Getränkeautomaten und überlegte, ob er sich etwas kaufen sollte.
„Ey, du bist doch der Neue!“
Patrick drehte sich um.
Zwei Jungen aus seiner Klasse standen hinter ihm.
Der Größere grinste.
„Wie heißt du noch mal?“
„Patrick.“
„Wo kommst du her?“
Patrick schwieg kurz.
„Von woanders.“
Der andere Junge lachte.
„Sehr gesprächig.“
„Lass ihn doch“, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Leon kam mit einem Apfel in der Hand näher.
„Wir wollten nur fragen“, meinte der Größere.
„Dann frag halt normal.“
Die beiden verdrehten die Augen und gingen weiter.
Patrick sah Leon an.
„Hättest du nicht machen müssen.“
„Hab ich aber.“
Leon biss in seinen Apfel.
„Kommst du jetzt mit raus?“
Patrick zögerte.
„Was macht ihr da?“
„Basketball. Na ja, eigentlich werfen wir nur daneben.“
Patrick musste kurz lachen.
„Kann ich besser.“
Leon hob die Augenbrauen.
„Ach ja?“
„Vielleicht.“
„Dann beweis es.“
Patrick blieb einen Moment stehen.
Dann ging er mit.
Am Basketballkorb standen vier Jungen.
Leon stellte Patrick kurz vor.
„Das ist Patrick. Er ist neu.“
„Hallo“, sagte einer.
Ein anderer warf den Ball in Patricks Richtung.
„Hier. Mal sehen, was du kannst.“
Patrick fing ihn auf.
Er betrachtete kurz den Korb.
Dann warf er.
Der Ball traf den Ring und sprang zurück.
„War knapp“, meinte Leon.
„Der Ball ist schuld.“
Die anderen lachten.
Diesmal lachte Patrick mit.
Sie spielten bis zum Klingeln.

Als Patrick zurück ins Klassenzimmer ging, waren seine Schultern nicht mehr ganz so angespannt.
Zum ersten Mal seit dem Morgen dachte er nicht mehr daran, wie lange der Schultag noch dauern würde.
Nach Schulschluss stand Patrick vor dem Haupteingang.
Die Schüler strömten an ihm vorbei.
Er sah auf sein Handy.
Eine Nachricht von Anna.
Markus ist gleich da. Wie war dein erster Tag?
Patrick tippte eine Antwort.
Okay.
Dann steckte er das Handy wieder ein.
Ein dunkler Wagen bog auf den Parkplatz ein.
Markus stieg aus und öffnete die Beifahrertür.
„Na?“
Patrick setzte sich.
„War okay.“
Markus nickte.
„Nur okay?“
„Ja.“
Einen Moment sagte keiner etwas.
„Hast du jemanden kennengelernt?“
Patrick sah aus dem Fenster.
„Leon.“
„Das ist doch schon mal was.“
Patrick zuckte mit den Schultern.
Markus startete den Motor.
„Und sonst?“
„Mathe war einfach.“
„Aha.“
„Und Basketball.“
Markus warf ihm einen kurzen Blick zu.
„Hast du gespielt?“
„Ja.“
„Gewonnen?“
Patrick verzog den Mund.
„Nicht wirklich.“
Markus grinste.
„Dann hast du ja noch Luft nach oben.“
Patrick sah wieder aus dem Fenster. Diesmal wirkte er jedoch etwas gelöster.
Zu Hause saß Tobias bereits am Küchentisch.
„Und? Wie war's?“
Patrick stellte seinen Rucksack neben den Stuhl.
„Gut.“
Tobias riss die Augen auf.
„Hast du Freunde gefunden?“
„Tobi“, sagte Anna.
„Was denn?“
Patrick setzte sich.
„Einen vielleicht.“
Tobias grinste.
„Wie heißt er?“
„Leon.“
„Kann er Fußball?“
„Keine Ahnung.“
„Mag er Videospiele?“
„Weiß ich auch nicht.“
„Dann musst du ihn fragen.“
Manuel kam gerade in die Küche.
„Lass ihn doch erst einmal ankommen.“
Tobias verdrehte die Augen.
„Du sagst das immer.“
„Weil du immer nervst.“
Patrick nahm sich ein Glas Wasser.
Dann sagte er leise:
„War eigentlich ganz okay heute.“
Anna sah ihn an.
„Das freut mich.“
„Die Klasse ist ganz normal.“
„Wie meinst du das?“, fragte Markus.
Patrick überlegte.
„Keine Ahnung. Manche sind nett. Manche nicht.“
Manuel nickte.
„Klingt nach einer normalen Klasse.“
Patrick sah ihn kurz an.
„Ja.“
Anna stellte das Abendessen auf den Tisch.
„Und möchtest du morgen wieder hingehen?“
Patrick hielt kurz inne.
„Ja.“
Tobias grinste zufrieden.
„Siehst du? Morgen wird es noch besser.“
„Du weißt doch gar nicht, wie es morgen wird“, bemerkte Manuel.
„Doch. Ich bin schließlich auch morgen in der Schule.“
Patrick musste lachen.

Am nächsten Morgen war Patrick wieder früh wach.
Seine Schultasche stand neben dem Bett. Er hatte sie am Abend selbst gepackt.
Er kontrollierte den Stundenplan und steckte ein zusätzliches Heft ein.
Dann blieb er kurz vor dem Spiegel stehen.
Ein fremdes Gesicht blickte ihm entgegen.
Noch immer war vieles ungewohnt.
Aber diesmal fühlte sich der Gedanke an den Schulweg nicht ganz so schwer an.
Unten in der Küche saß Tobias bereits beim Frühstück.
„Morgen!“
„Morgen.“
Patrick setzte sich und griff nach dem Brotkorb.
„Siehst du Leon heute wieder?“, fragte Tobias.
„Ja. Wir haben zusammen Mathe.“
Hoffentlich würde Leon heute wieder mit ihm reden. Vielleicht hatte er gestern auch nur nett sein wollen, weil Patrick neu war.
„Cool.“
Patrick trank einen Schluck Kakao.
Dann sagte er beinahe beiläufig: „Vielleicht spielen wir in der Pause wieder Basketball.“
Anna lächelte, sagte aber nichts.
Markus sah kurz von seiner Zeitung auf.
„Na dann. Viel Spaß.“
Patrick nickte.
Als er später seine Jacke anzog, fiel sein Blick auf die Sporttasche, die noch immer oben im Zimmer stand.
Er hatte sie seit Tagen nicht mehr angerührt.
Früher hatte er sie immer so hingestellt, dass er sie sofort greifen konnte. Für den Fall, dass er wieder gehen musste. Jetzt stand sie einfach nur da.
Nach kurzem Zögern nahm er seinen Schulrucksack und ging zur Tür.
„Bis später“, sagte er.
„Bis später“, antwortete Anna.
Tobias hob die Hand.
„Und grüß Leon!“
Patrick verdrehte die Augen.
„Mach ich bestimmt nicht.“
Doch als er draußen war, musste er lächeln.

In der Schule wartete Leon bereits vor dem Klassenzimmer.
„Ey, Patrick!“
Patrick blieb stehen.
„Was?“
„Hast du heute in der Pause Zeit?“
„Wofür?“
Leon hielt einen Basketball hoch.
„Für eine Revanche.“
Patrick grinste.
„Diesmal gewinne ich.“
„Träum weiter.“
Gemeinsam gingen sie ins Klassenzimmer.
Patrick setzte sich neben Leon, zog sein Heft heraus und legte den Stift auf den Tisch.
Als Frau Schneider den Raum betrat, sah sie kurz zu ihm.
„Guten Morgen, Patrick.“
„Guten Morgen.“
Es war nur ein kleines Wort.
Aber er hatte es von sich aus gesagt.
Als er später in der Pause mit Leon und den anderen über den Schulhof lief, dachte er zum ersten Mal nicht daran, wann er wieder nach Hause musste. Er dachte nur daran, dass er morgen wiederkommen würde.
Und vielleicht war das schon ein ziemlich guter Anfang.
 



 
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