Paul Hick

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pseudodelic

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Paul Hick, Anfang dreißig, saß auf seiner bequemen Ledercouch die er schon in seiner ersten Stadtwohnung besaß. Er hatte die Couch günstig auf einem Flohmarkt erstanden und liebte sie vom ersten Augenblick an. Die Couch stand mitten im Wohnzimmer, halb auf einem viereckigen Teppich der den halben Wohnzimmerboden bedeckte, vor einem Fernseher. Das Wohnzimmer war sein Lieblingszimmer, seitdem er sich dieses Haus von dem Geld kaufte, welches er als Geschäftsführer eines Supermarkts verdiente. Er war ledig, aber er hatte nie ein Problem mit dem Alleinsein. Es war sogar eine Notwendigkeit für ihn um einen klaren Kopf zu bewahren. Einen klaren Kopf brauchte er in seinem Beruf, ansonsten würde er seinen Job verlieren und somit das Haus, welches er liebte und brauchte um glücklich zu sein.
Seine Angestellten mochten ihn und Paul war durchaus bewusst, dass man als Chef niemals über alles geliebt werden kann, aber geschätzt und gemocht durchaus, wenn man seinen Job gut machte. Er hatte als Angestellter schnell begriffen, dass Missmut der Belegschaft gegenüber dem Chef schlecht für das Betriebsklima ist und somit ein absehbares Ende für das Geschäft prophezeit.
Paul saß mit einer Zigarette und einem kühlen Bier auf seiner Couch und schaute sich einen Italo-Western aus den Siebzigern an, die liebte er schon seit seiner Jugend, und entspannte sich- er schaffte sich einen klaren Kopf. Zwar war er kein Filmexperte und er achtete nicht auf jede Feinheit im Film, aber er liebte die erzeugte Stimmung- sie gab ihm schon immer das Gefühl von Geborgenheit.
Dann klingelte sein Telefon, er schaute skeptisch auf den Apparat, denn er bekam so gut wie nie Anrufe und erst recht nicht so spät. Die große Wanduhr zeigte schon nach zehn an.
«Paul Hick, was gibt's?» er klang genervt, das wusste Paul, aber es war ihm egal. So spät empfand er einen Anruf als unhöflich.
«Hi Paulie, wie geht’s 'n?»
«Danke gut, wer ist da?»
«Na deine fette Mutter, du Spasti.»
Paul war entsetzt, als das laute Lachen von gut vier bis fünf Jugendlichen aus dem Telefon drang, bevor sie auflegten. Er saß mit offenem Mund da, das tutende Telefon noch am Ohr, und wusste nicht wie er reagieren sollte. Seine Mutter war eine verächtliche Person gewesen, die er schon lange vergessen hatte. Sie hatte Paul immer wieder massakriert, Paul war Bettnässer bis er sechzehn Jahre alt war und seine Mutter war der Grund für das Bettnässen. Sie war die schlimmste Person, die sich Paul damals und auch heute noch vorstellen kann. Im Alter von dreizehn- nach dreizehn Jahren heftigste Diskriminierung von ihr, acht Jahre ganz bewusst wahrgenommen- reichte es ihm und er stach sie mit einem Küchenmesser ab. Pauls Vater war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause und die Polizei hielt es für Einbruch mit Mord, denn Paul hatte das Schloss der Hintertür aufgebrochen. Er wusste, dass er von sich ablenken musste um nicht weggesperrt zu werden. Das sah Paul in einem Film, den er einige Tage vorher sah. Außerdem war er noch ein Kind, und Kindern, dem war er sich ebenfalls bewusst, wird in solchen Angelegenheit viel Glauben geschenkt.
Mit ungefähr zwanzig hatte Pauls Hirn seine Mutter gänzlich verdrängt, er dachte keinen Moment mehr an sie und er war gerettet- er war genesen. Wenn Paul auf sie angesprochen wurde, sagte er immer mit der Maske, die er damals auch bei der Polizei auflegte, «Sie ist tot.» und vergas gleich wieder, dass diese Teufelin jemals in seinem Leben gelebt hatte. Aber hier, bei diesem Anruf, konnte er seine Mutter nicht für tot erklären.
Sie schwirrt ihm im Kopf herum, alle Gedanken und Gefühle die in Pauls Unterbewusstsein immer da waren kamen hoch und befanden sich ohne wenn und aber wieder in seinem Bewusst. Er fiel wieder in ein Loch, noch tiefer als in seinen Bettnässer-Zeiten. Sie, die Teufelin, war wieder da.

«Krass, Tim, du hast wirklich Mumm.» sagte John lachend.
Alle lachten, johlten, alle fünf Jugendlichen zwischen dreizehn und vierzehn, auch Tim.
«Dem hast du es wirklich gegeben.» sagte Richard.
Sie klopften Tim auf die Schulter und er fühlte sich als der Größte.
Zehn Minuten später klingelte klingelte Tims Handy.
«Hi, hier ist Tim.»
«Hi Tim, hier ist Paul. Der, den du eben angerufen hast, du kannst dich bestimmt erinnern.»
Tim wurde heiß und kalt, er hatte Angst. Seine Kumpels glotzten wieder auf den Fernseher, wo ein Softporno flimmerte, und bekamen es nicht mit. Ihm wurde schlagartig bewusst, dass er vergessen hatte seine Nummer zu unterdrücken.
«Oh, entschuldigen Sie bitte. Es war nur ein Scherz.» Tims Stimme zitterte, was er mitbekam und seine Unsicherheit verstärkte, aber die anderen waren vollends auf die Brüste, die auf der Mattscheibe tanzten, fixiert.
«Ach, ein Scherz. Ist ja wirklich lustig, Tim. Du bist doch Tim Metz richtig? Es war wirklich, wie soll ich sagen, witzig, Tim. Aber dir ist doch bewusst, dass man so etwas nicht macht?»
«Ja, natürlich. Es tut mir wirklich leid.»
«Guuut.» Paul legte auf.
Das „gut“ hatte Paul in die Länge gezogen, was Tim nervös machte. Warum hatte er auch seinen Nachbarn angerufen? Was ist, wenn Paul es seinen Eltern erzählen würde, die sehr auf ihren Ruf bedacht waren und Tim wahrscheinlich Strafarbeiten oder Hausarrest aufbrummen würden?
Dann klopfte jemand an die Tür. Die anderen Jugendlichen bekamen etwas Angst, weil es schon so spät war, und beschlossen, dass Tim, der Mutigste, nachsehen sollte. Aber Tim hatte eine schlimme Befürchtung. Trotzdem ging er, um seinen Rang in der Gruppe nicht zu gefährden, nachsehen, wer geklopft hat. Was soll schon passieren, dachte er.
Auf der Türmatte lag ein Zettel. Tim hob ihn auf und faltete ihn auseinander. Der Zettel war liniert, und es stand in winzigen Buchstaben etwas geschrieben. Tim musste sich stark darauf konzentrieren und genau hinsehen um es lesen zu können, dann murmelte er «Ein..witziger..Bursche.. bist..du.. aber..noch.. witziger.. ist.. mein..nein, meine.. Axt.»
Tim hatte den größten Schock seines Leben, er war erstarrt vor Angst und schaute erschrocken nach oben. Das einzige was er noch erkennen konnte, war Pauls vom Lachen verzogenes Gesicht und seine witzige Axt, die Tim nicht zum Grinsen brachte, welche mit einem leisen Zischen direkt auf Tims Gesicht raste.

Paul saß auf seiner Couch, rauchte eine Zigarette, trank ein kühles Bier und schaute sich einen Italo-Western an. Er liebte diese Filme schon immer, sie beruhigten ihn. Es war nicht die Handlung die ihn begeisterte, sondern die erzeugte Stimmung. Paul schaffte sich einen klaren Kopf mit diesen Filmen. Er brauchte einen klaren Kopf für seinen Job, mit dem er sein Haus abbezahlte in welchem er glücklich war.
Paul wollte nur glücklich sein, nicht mehr und nicht weniger.
 

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