Pelayo

Kapitel 1.1 Vergeltung / der, der sich gegen Gott erhebt

„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du von ihm erwartet
und die Welt wird sich deiner erinnern:
als gefeierte Schlange oder einsamen Falken.

Tag: sechshundertneunundneunzig.“ Ein Gedicht, verfasst von einem jungen, dunkelhäutigen Mann. Dieser saß, die Beine verschränkt, im Lotussitz, auf dem Boden. Der Duft von lilafarbenen Lavendel lag in der Luft, während der Raum von einer Kerze behutsam erhellt wurde. Den Füller aus der Hand legend, prüfte er die Uhr. Es war halb drei nachts. Jetzt war er mit sich selbst zufrieden; jetzt konnte er beruhigt schlafen gehen. Das Läuten der Türklingel schreckte ihn auf.

„Wer zum Teufel?“. Er sprach zu sich selbst. Der junge Mann stand auf, blies die Kerze aus und schaltete dann das Licht an. Es läutete ein zweites Mal.
„Ja, ja. Immer mit der Ruhe.“ Er ging auf die Freisprechanlage zu und ehe er den Summer betätigen konnte, hatte es ein drittes Mal geläutet. Allzu gerne hätte der junge Mann, sich über den Hörer erkundigt, wer um diese Uhrzeit so ungeduldig war. Doch dieser war defekt. So betätigte er den Summer und öffnete seine Wohnungstür.

Der junge Mann, der in der vierten Etage wohnte, hörte, wie die Haustür aufgeschlagen wurde, dann das Licht angeschaltet und der unbekannte Besucher die Treppen hinaufeilte. Vor seiner Wohnungstür stehend fragte er: „Wer ist da?“
Seine Worte hallten durch das Treppenhaus. Der Besucher stoppte. Keine Antwort. Dann stieg er weiter die Treppen hoch. Dem jungen Mann kam es vor, als würden die Schritte hastiger sein als zuvor. Er wiederholte seine Frage. Lauter und mit kräftigerer Stimme. Wieder stoppte der Besucher. Stille. Es war so ruhig geworden, der junge Mann bildete sich ein, man könne sein Herz bis unten hin, rasen hören, wobei er sich seine Aufregung nicht erklären konnte. Ein Auto sauste über den nassen Asphalt. Gleich darauf fing der Besucher an zu reden.
„I … ich bin´s, Mann. J … Joshua!“ Die Stimme war zittrig, unsicher, als müsse er sich selbst davon überzeugen, wie er hieß.

Der junge Mann und Joshua standen sich gegenüber. Ein bis ins Knochenmark greifender Schock, hatte den jungen Mann erfasst, kaum hatte er seinen Freund gesehen. Er musterte Joshua, der in blutverschmierter Kleidung vor ihm stand. Dieser schien unverletzt zu sein. „Was ist mit dir pass… Deine Kleidung. Sag mir … das ist nicht dein Blut, oder?“
„Ich wünschte, es wäre meins. Die Lage, Bruder. Es ist ernst …“, fing Joshua an, röchelnd und nach Luft ringend. „Die Araber … die Al Sharifs meine ich … die haben angefangen, Jagd auf uns zu machen!“
Der junge Mann schwieg. Seine Atmung flachte ab und die Hände hatte er zu Fäusten geballt. Seine Pupillen erweiterten sich. Dann schaltete sich das Licht im Flur aus, doch es wurde nicht dunkel. Joshua stand immer noch an der Treppe. Auf den jungen Mann wirkte die herrschende Stille erdrückend, fast so, als hätte sich jemand auf sein Brustkorb gesetzt.

Es war Joshua, der als erstes das Wort ergriff: „Ich weiß … Ich weiß, du meintest, du hättest dich zurückgezogen und so ein Scheiß, aber hierfür … Diese Sache ist was anderes …“ Joshua stammelte. „Primo, hierfür musste ich zu dir. Wie soll ich es dir sagen … Es hat Jamal erwischt.“

Üblicherweise wäre Primo davon genervt gewesen, über Dinge unterrichtet zu werden, die mit den Straßengeschäften zu tun haben. Doch wie von Joshua angekündigt, handelte es sich nicht um das Übliche. Es ging nicht um irgendwelche Reviere, die es zu beschützen gab oder darum, dass „einer dieser oder jener Person noch Kohle schuldete“, oder um die Ware, die seit Wochen minderwertig war und somit schnellstens ein neuer Lieferant gefunden werden sollte, da selbst die Abhängigen anfingen, sich zu beschweren – frei nach dem Motto: der Kunde hat immer Recht. Das hier war etwas anderes. Es war etwas Persönliches. Jamal, der Junge, mit dem er aufgewachsen war, war ermordet worden.

Primos Reaktion war ein Indikator dafür, in welch einer Welt er mal gelebt hatte. Der Schock der Nachricht hatte veranlasst, dass alte Gewohnheiten die Oberhand gewannen. Sein Gesicht wurde starr. Kein Anzeichen von Anteilnahme oder einer inneren Emotionalen Bewegung.

Das höchste Gebot der Straße lautete: Blut muss mit Blut vergolten werden. Oder einfacher: Wenn einer von uns geht, hat einer von euch zu gehen. Die beiden Jungs kannten die Regeln; die beiden Jungs hatten sie akzeptiert. Somit war es eine schon fast Alternativlose Situation, die ohne des persönlichen Wunsch nach Rache, nach einem Akt der Vergeltung trachtete. Primo und Joshua hatten gesehen, was mit denen passiert, die sich weigerten, sich an die Regeln der Straße zu halten. Auf Rache zu verzichten, hieß Kapitulation. Die Kapitulation wiederum zog andere Folgen nach sich.

Joshua fragte: „Was sollen wir tun, Bruder?“
„Scheiße. Als erstes, lassen wir das nicht so auf uns sitzen, Bruder“, antwortete Primo.
Die Gelassenheit, mit der er seiner Worte aussprach, überraschte ihn selbst. Es kam ihm vor, als wäre er etliche Male in so einer Situation gewesen. Dabei war es sein erstes Mal.
„Ich wusste, dass du immer noch derselbe bist, Primo“, sagte Joshua stolz. Als Joshua, an Primo vorbei, in die Wohnung wollte, hielt dieser ihn auf. Sie sahen sich gegenseitig in die Augen. Es war, als würden ihre Blicke die Luft zum Brennen bringen. Sie hatten den gleichen Gedanken.
„Das hier wird hässlich werden, aber wir sind es Jamal schuldig“, fing Primo an. „Du weißt, wie es heißt, Bruder: Auge um Auge.“
„Und wenn es sein muss: ein scheiß Zahn um ein anderen.“

In Primos Wohnung ging Joshua ins Wohnzimmer, um seine blutverschmierte Kleidung auszuziehen. Primo stand vor seinem Kleiderschrank und suchte für seinen Freund etwas Passendes zum Anziehen. Er nahm einen schwarzen Trainingsanzug, ging ins Wohnzimmer und warf diesen Joshua vor die Füße. Den Spruch „diesen machst du nicht dreckig“ konnte er sich nicht verkneifen. Die Stimmung war angespannt, es war wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren.

Primo ging in die Küche, nahm sich zwei Gläser und kippte in beiden etwas vom braun goldenen Whisky ein. Dann sah er sich die Gläser lange an, bis er sich entschloss eins zu nehmen. Er drehte sich zum Fenster, leerte das Glas und verzog dann sein Gesicht. Augenblicklich wurde es warm in ihm.

Primo hörte einen Knall aus dem Wohnzimmer. Er erschrak. Joshua hatte den Fernseher angeschaltet. Primo schüttelte sich sein Glas nach. Dann ging er ins Wohnzimmer und sagte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Du fühlst dich hier auch wie in einem scheiß Hotel, nicht?“ Er überreichte Joshua ein Glas. Joshua stand auf und die Jungs verschütteten etwas vom Alkohol auf den Boden. Erst dann leerten sie ihre Gläser. So zollten sie dem Verstorben ihren Tribut.

Im Fernseher lief eine Dokumentation über die Invasion Amerikas in Afghanistan. Primo sah sich die Bilder an. Leichen. Leichen von Kindern. Leichen von Frauen und Leichen von Soldaten. Eine von Bomben zerstörte Stadt. Dann, ein verkrüppelter Hund, der auf drei Beinen durch die Steppe humpelte. Er senkte seinen Blick.

Von Joshua hatte Primo erfahren, dass die Al Sharifs sich vorgenommen hatten, ihre verlorenen Reviere zurückzuerobern. Ein Plan, der mit der Ermordung Jamals, nun seinen Anfang genommen hatte.
„Ich war der Erste, der bei Jamal war. Drei Schüsse, Bruder. Wir saßen alle im alten Café. In Altendorf. Die Scheiße ist auf offener Straße passiert. Wie einen Köter haben die ihn abgeschlachtet. Und weißt du, da war so viel Blut, Bruder. Im Blut … der Mond … der Mond hat sich in seinem Blut gespiegelt … und seine …“ Primo sah zu Joshuas Kleidung.
„Und was erzählt man sich auf der Straße, wer es gewesen sein kann? Ich hoffe …“
„Hältst mich für einen Amateur, Bruder?“, unterbrach ihn Joshua. „Ich bin hier, dann weiß ich auch wer, geschossen hat. Es war der Oger.“
„Der Oger?“, fragte Primo überfordert.
„Jetzt verstehst du, oder? Es ist offiziell, wir sind am Arsch. Der Schütze soll zwei Meter sein und ist im roten Porsche weggefahren. Das ist alles was wir wissen und das ist alles, was wir zu wissen brauchen.“

Rahim Al Sharif, kurz der Oger, war der stellvertretende Anführer der Familie. „An so einen kommt man nicht einfach so ran“, fuhr Primo fort. Er ging mit seiner rechten Hand durch seinen Bart. Die Bilder im Fernseher flackerten von der einen Szene zur anderen. Weinende Mütter. Soldaten in Gefängnissen. Eine von Leichen gepflasterte Straße. Joshua zündete sich eine Zigarette an. Weißer Qualm stieg in die Luft. Der Lavendeldurft verflüchtigte sich.
„Er soll gerade im Pelayo sein.“
„Im Pelayo?“ Primo riss die Augen auf.
„Das verfressene Monster soll da öfters seine Nächte verbringen.“
„Im Pelayo?“, wiederholte sich Primo.
„Ja! Im verdammten Pelayo. Anstatt mich zu fragen, wo der ist, sollten wir uns nicht lieber Gedanken darüber machen, wie wir ihm die Scheiße heimzahlen können?“ Primo stand auf und spielte weiter mit der Hand, in seinem Bart herum.

Etwa eine halbe Stunde hatten die Jungs darüber diskutiert, wie der Mord ihres Freundes erfolgreich vergolten werden konnte. Als größtes Problem hatte sich der Ort, an dem sich das Ziel befand, herausgestellt. Würde er nach so einem Anschlag allein sein oder würde er gut bewacht werden? Das Pelayo befand sich im Essener Stadtteil Rüttenscheidt; Rüttenscheidt befand sich in der Hand der Al Sharifs. Primo stellte die unangenehme Frage: „Können wir in ein verdammtes Bienennest schlagen, ohne am Ende selbst gestochen zu werden?“
„Wer sagt, dass wir ihn dort angreifen müssen? Warum ihm nicht auflauern, warten bis er zuhause ist und dort unsere Sache erledigen. Oder … oder wir fahren ihm nach und dann, an einer Ampel … An einer ruhigen Straße … Hätten wir nur eine verdammte Knarre!“

Wortlos verließ Primo das Wohnzimmer und kam mit einem Schuhkarton in den Händen zurück.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Scheiße jemals wieder benutzen würde.“ Er öffnete den Karton und nahm etwas, dass mit einem weißen Tuch umwickelt war, heraus. Es war ein Revolver. „Am Ende ist so ein Spielzeug doch immer eine hilfreiche Sache. Aber“, ermahnte er, „lass uns nur im Notfall darauf zurückgreifen. Mir gefällt die Idee, dem Oger aufzulauern. Sollte er allein sein oder mit einer weiteren Person, werden wir schon mit denen fertig.“ Er holte ein Balisong – auch bekannt als Butterflymesser - aus dem Schuhkarton. „Sorgt zwar für einen blutigen, aber dafür stillen Tod, wenn du verstehst was, ich meine.“
„Und sollten es mehr sein, haben wir unsere dicke Freundin mit uns“, fügte Joshua grinsend hinzu. Er stand auf, nahm den Revolver in der Hand und begutachtete die Waffe. „Darauf können wir uns auch ganz sicher verlassen?“
Primo drehte sich von Joshua weg und antwortete: „Selbstverständlich. Aber im besten Fall brauchen wir das Ding nicht. Wir müssen ihn nur erwischen, wenn er allein ist. Den Rest erledige ich schon, Bruder.“ In der Theorie war der Oger ein toter Mann, jetzt musste der Plan nur noch in der Praxis umgesetzt werden. Es war viertel nach drei.

1.2 Der Oger, der im Nebel wanderte

„Musst dich wieder übergeben?“, fragte Primo.

„Nein … Es geht mir schon besser“, antwortete Joshua.

„Meinst du, du wirst es durchziehen können?“

„Auf jeden Fall“, sagte Joshua energisch.

Im Schutze des Nebels, verborgen im Schatten, hatte Primo seinen schwarzen Ford Focus geparkt. Vor ihnen, der Hinterhof des Pelayos. Sechs Autos standen dort. Joshua hatte recht gehabt: trotz des dichten Nebels, konnte man der roten Porsche sehen. Die Beute hat sich zu erkennen gegeben, hatte Primo beim Vorbeifahren dazu gesagt.

Primo sah zu Joshua rüber. Schweißperlen auf Joshuas Stirn und seine Haut war blass geworden. Primo schien es, als wäre sein Freund in den letzten Stunden gealtert. Er machte sich Sorgen. Dann richtete er sein Blick wieder in Richtung des Pelayos. Der Nebel behinderte die Sicht, doch nur solange, bis die Hintertür des Pelayos geöffnet wurde. Das Licht, aus dem Lokal, brachte Klarheit.

Bei jedem Mal, bei dem die Tür geöffnet wurde, konnte Primo die Personen, anhand ihrer Silhouetten unterscheiden. Als erstes waren zwei Männer herausgekommen. Beide etwa 1,80. Es schien so als würden sie sich streiten. Etwa drei Minuten lang, dann kam eine Dame heraus. Sie fuchtelte mit den Armen herum. Zu dritt gingen sie wieder hinein und schlossen die Tür hinter sich. Nebel. Dann kam ein dicker, recht kleiner Mann mit jeweils einer Mülltüte in der Hand heraus. Er warf den Müll in den Container und ging zurück ins Lokal. Nebel.

Wieder sah Primo zu Joshua rüber. Hände zitternd zerkleinerte dieser das bröslige Pulver mit seinem Ausweis. Dann legte er sich das Ganze zu einer Line zurecht und schniefte diese, mithilfe eines eingerollten Geldscheins, durch die Nase. Der Hintertür öffnete sich ein weiters Mal, es war nicht Rahim.

Eine Stunde war vergangen, seitdem sie versteckt im Schatten, auf das Pelayo starrten. Fünf Autos hatten das Gelände verlassen. Der rote Porsche stand einsam an seinem Platz. Rahim hatten sie bis hier hin nicht einmal sehen können. Primo war wach, konzentriert und sein Blick verriet, dass er zu allem bereit war. Anders stand es um Joshua. Seine Haut war so Weiß und rein, wie das Pulver, dass er vorhin noch geschnieft hatte. Seine Lippen waren trocken und seine Hände, trotz der Kälte, feucht.
„Bist du sicher, dass du das hier durchziehen kannst“?
„Für wem hältst du mich?“, antwortete Joshua genervt. Seine Stimme war entschlossen; seine Augen offenbarten Furcht. Zumindest kam es Primo so vor. „Denkst du ich wäre schwach? Willst du, dass die anderen mich für schwach halten?“ Primo entschied sich zu schweigen. „Jamal war nicht nur dein scheiß Freund, Bruder.“ Fügte Joshua wütend hinzu. Primo verstand, dass Joshua sich durch seine Bedenken angegriffen fühlte.
„Denkst du ich will dich nicht dabeihaben? Aber …“, Primo brach ab. Er wollte nicht das offensichtliche Aussprechen. Es kam ihm eine Idee. Er selbst hielt sie für ungewöhnlich, hielt aber daran fest. Wie kein zweiter kannte Primo die Kraft der Worte. So entschied er sich, die ihm liebsten mit seinem Freund zu teilen.

Primo drehte sich von Joshua weg und sah in den Himmel. Gleich zum Mond, auch wenn die Nebelwand seine Sicht behinderte. Es war als könne er durch den Nebel hindurch, den Mond, in seiner vollen Pracht sehen. Dann sagte er folgendes: „Verbrennen musst du dich wollen in deiner eigenen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!“ Stille. Nebel.

„Was zur Hölle soll das bedeuten“, fragte Joshua. Primo antworte ihm nicht. Er hatte erkannt, dass er diese Worte für sich selbst ausgesprochen hatte und nicht für seinen Freund. Denn während er sprach, fühlte er sich befreit von jeder Bürde, jeder Verpflichtung und jeder Sorge, die er jemals hatte. In diesem kurzen Augenblick sah er sich selbst als Falken, der über Städte, Täler und Berge flog; auf die Welt hinabsehen, weil es keinen Grund gab hinaufzusehen. Er sah zu Joshua, ihre Blicke kreuzten sich. „Weißt du Bruder“, fing er an. Seine Stimme klang unschuldig, sanft, gutmütig. „Manchmal schließe ich meine Augen und was ich sehe, ist den Aufstieg einer neuen Sonne. Ich stehe am höchsten Punkt der Erde und Blicke auf eine zerstörte Stadt herab. Leichen. Leichen von Kindern, Leichen von Frauen, Leichen von Soldaten. Gewöhnlich wäre es, bei diesem Anblick furcht zu empfunden; doch ich fühle anders, ich fühle Ehrfurcht. Was ich sehe ist kein Ende, ich sehe einen Neu - Anfang.“ Stille. Nebel.

Rashid grinste. Joshua schwieg und eher er antworten konnte, klopfte es an Joshuas Fenster. „N´abend“, sagte eine hässliche Stimme, gefolgt von einem noch hässlicherem Gesicht, dass, nachdem Joshua das Fenster heruntergelassen hatte, hineinschaute. Es war ein Obdachloser und Primo ahnte wonach dieser suchte. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Abhängigen nach Rüttenscheidt pilgerten, auf der Suche nach dem heiligem, weißen, kolumbianischen Berg Kokain. Die Augen des Mannes durchwühlten das Auto, ohne die beiden Insassen zu beachten.
„Scheiße, kann man dir weiterhelfen?“ Primos Ton war ein anderer als der von vorhin.
„Ach Mister“, fing der Obdachlose an, gekünstelt zu reden. „Ich bin gerade an dieses Automobil vorbeigelaufen und war mir sicher das …“ Er spielte mit den Fingern an seiner Nase.
„Sowas haben wir hier nicht“, antwortete Joshua. Der Mann wollte sich nicht so leicht geschlagen geben.
„Mister, ich bin es doch. Sie kennen mich … haben sie etwa vergessen? Warum schauen sie mich so an, drohend, skeptisch, gar misstrauisch? Ich weiß es jetzt, sie sind Spione! Aber auch ich bin einer, meine Herren. Ich spioniere herum, aber finde nichts. Und … und sollten wir uns nicht in prekären Situationen, gegenseitig Hilfe leisten? Denn …“ Er brach seinen Monolog abrupt ab. Seine Augen hatten Primos Augen gekreuzt. Ein Verhältnis, ähnlich wie das zwischen Raubtier und Beute, hatte sich etabliert. Falke und Kaninchen. „Ich bedanke mich aufrichtig für ihre Hilfe, meine Herren. Möge Gott euch auf euren Weg begleiten.“ Genauso plötzlich wie er gekommen war, war er auch verschwunden.

„Dieser Gestank“, sagte Primo genervt.
„Bei diesem Geruch sollte er ein Schild oder sowas tragen“, fügte Joshua hinzu. Und als sich beide wieder zum Pelayo hindrehten, öffnete sich die Hintertür. Die Silhouette hatte ihn gleich verraten. Primo sagte: „Der Oger, der im Nebel wandert.“ Selbstsicher bewegte sich Rahim auf den roten Wagen zu, unwissend, dass der Tod, verborgen im Nebel, auf ihn wartete.

Von jetzt an ging alles schnell. Rahim Al Sharif lief auf sein Auto zu. Die Tür hatte er hinter sich geschlossen. Nebel. War er im Auto? Stand er vor dem Auto? Wo und was tat er? Primo und Joshua konnten es nichts erkennen, doch wussten sie eines: er war allein!

Eine Minute verging. Die Tür öffnete sich von außen und Rahim ging zurück ins Lokal. War dies ihre beste Chance gewesen? Da öffnete sich die Tür wieder, und wieder einmal kam Rahim heraus. Allein. Primo war überzeugt, etwas in dessen Hand gesehen zu haben. „Ein Joint“ schoss es aus ihm heraus.

„Was?“

„Er raucht sich einen Joint. Wir sollten es gleich hier machen. Der wird da drin, erstmal nicht erwartet. Er ist allein. Das ist unsere Chance!“

„Also ziehen wir es hier durch?“

Primo drehte sich zu Joshua. „Genau. Gleich hier. Du hast die Knarre, aber die benutzen wir nicht, zumindest nicht für ihn. Ich mach das mit ihm persönlich aus. Er soll Leiden, möglichst lange, bevor er stirbt.“

„Gegen dieses Mon … Oger?“

„Keine Sorge. Ich schaff das. Aber ich brauche dich, Bruder. Sei meine Rückendeckung. Kommt jemand aus dem scheiß Laden, heißt es Sayonara für ihn. Kein zögern. Direkt abdrücken. Es darf uns keiner sehen. Kann ich auf dich Zählen?“ Er hatte darauf keine Antwort erwartet. Die Instruktion hatte keine Minute gedauert. Primo glaubte, dass das Glück auf deren Seite war.

Adrenalin raste durch seine Adern, die Zeit verlief langsam – wie oft hatte er diesen Rausch schon erlebt? Meditation war ein Werkzeug. „5… 4… 3… 2… 1…“ er zählte runter und stürmte bei Null aus dem Wagen. Dicht gefolgt von Joshua, der den Startschuss verpasst hatte. Herzrasend, den noch kalten Schlagring in der rechten Hand, pirschte Primo sich an seine Beute ran. Im Schutze des endloswirkenden Nebel, hatte der Oger ihn nicht kommen sehen. Rahim stand am Auto und kiffte.

Wie ein Falke, der aus 100 Meter Höhe, im Sturzflug, seine Beute, durch seinen Krallen zu Tode verurteilt, stürzte sich Primo auf Rahim. Er legte zu einer Finte an. Holte mit der linken Faust aus. Rahim, von dem plötzlichen Angriff völlig überfordert, wich instinktiv, von sich aus, nach links aus. Reingefallen. Primos Faust, samt Schlagring, küsste Rahims rechte Schläfe. Der laute Aufprall verriet, wie hart sein Schlag war. Der Oger ging zwei Schritte zurück. Seinen Beinamen hatte er sich redlich verdient. Er Stand. Primo lächelte. Ein Kampf um Leben und Tod hatte begonnen.

Der Oger war stärker, aber Primo wusste: Präzision und Schnelligkeit übertrumpften Stärke. Der Oger fragte Primo, wer er den sei und dieser antwortete grinsend: „Dein Tod!“

Primo übte druck aus. Ein kurzen Schritt nach vorne, um die Distanz zu verkürzen. Dann ein weiteren und noch einen. Dann, ohne dass Rahim es erwarten konnte, peitschte er sein Schienbein gegen den Oberschenkel seines Gegners. Dieser Tritt, böswillig wie er war, wurde als Leg-kick bezeichnet. Und wie effektiv dieser war, konnte Primo in Rahims Augen sehen. Angst. Aus Angst wurde Verzweiflung, kaum hatte Primo einen zweiten Tritt angetäuscht. Primos Timing war herausragend, seine Bewegungen unorthodox. Er täuschte ein zweits Mal an, Rahim zuckte heftig.
Dann, im Bruchteil einer Sekunde, stand er dicht vor Rahim. Ein Schlag gegen die Leber. Der Oger krümmte sich vor Schmerz. Primo drückte Rahims Kopf mit beiden Händen nach unten; es folgten zwei Schläge mit dem Knie, auf die Nase. Rahim ging zwei Schritte zurück. Er blutete, war aber nicht geschlagen.

Primo grinste. Er ließ Rahim kurz verschnaufen. So würde er Hoffnung tanken; umso schlimmer dann, sollte er realisieren, dass er nie eine Chance gehabt hatte. Der Oger holte zum Schlag aus. Primo hatte die Bewegung antizipiert. Er wich aus. Ein Schritt nach Hinten. Dann konterte er Rahims angriff, mit einer Rechten, gegen den Solar Plexus. Der Oger lag. Er japste nach Luft. Primo grinste siegreich.

Dann stürzte er sich auf Rahim und schlängelte seine Beine, von hinten, um dessen Oberkörper. Er setze zu einer verbotenen Variante des Würgegriffs an: den Neckcrank.

Bei einem normalen Würgegriff würde Primo seinen rechten Arm um Rahims Hals schlängeln, sodass der Ellbogen unter dem Kinn sitzt. Dann würde er nach seinem linken Bizeps greifen und mit der linken Hand, gegen Rahims Kopf drücken. Hatte er einmal diese Position gesichert, war nicht mal mehr Kraft nötig um zu Würgen. Das Zurückziehen der Schultern, das Anspannen der Rückenmuskulatur, würde dazu führen, dass der Gegner gewürgt wird. Je nach Person, dauerte es dann zehn bis fünfzehn Sekunden bis zu Bewusstlosigkeit.

Primo jedoch setzte dieselbe Technik, nicht am Hals, sondern am Kiefer an. Dabei drehte er sein eignen Oberkörper nach rechts, wodurch sich der Nacken des Gegners mitdrehen und überdehnen würde. Dies war eines des schmerzhaftesten und gefährlichsten Varianten des Würgegriffs. Als Primo seine Position gesichert hatte und mit all seiner Kraft, den Nacken seines Gegner überdehnte, hörte er nach einigen Sekunden, etwas das sich so anhörte, wie wenn man zwei Wallnüsse aneinanderdrückt. Rahims Kiefer war gebrochen. Gleich darauf verlor Rahims Körper an Spannung – die Urinstinkte setzten aus. Primo drückte in einer Richtung und quetschte dabei weiter Rahims Gesicht und das für etwa dreißig Sekunden. Dann löste er sich von Rahim, welcher jetzt auf dem Rücken lag. Wieder stützte er sich auf Rahim. Mit beiden Händen griff er nach dessen Kopf und ließ ihn mehrmals gegen den Beton aufschlagen. Es hörte sich wie das Ticken einer Uhr an: wieder und wieder und wieder und wieder und wieder, bis er einen Knall hörte.

Was war geschehen? Im Pelayo saß Rahims Frau. Neben sich ihre Tochter und ihr kleiner Bruder. Seine Frau schaute auf die Uhr. Überrascht davon, wie spät es war, sagte sie den Kindern, dass es Zeit sei nachhause zu fahren. Es war kurz vor fünf. Sie zogen ihre Jacken an und verabschiedeten sich. Ihr kleiner Bruder fragte sie: „Kommt Rahim mit?“ Und sie antwortete ihm, dass Rahim noch etwas zu erledigen habe. Zu dritt standen sie mitten im Pelayo und Rahims Frau hatte gar vergessen, ob sie vor dem Pelayo oder auf dem Hinterhof geparkt hatte. Sie rieb mit der Hand die Stirn und sagte, zu sich selbst: „Du wirst Alt Jasmin.“ Und ging, mit beiden Kindern jeweils in einer Hand, auf die Hintertür zu. Wäre sie mal in die andere Richtung gelaufen; Jasmin öffnete die Tür und sah in den Lauf eines Revolvers. Ihr Auto stand vor dem Pelayo.

Die Dinge nahmen einen Unwirklichen Lauf an. Erst hörte Rashid den Knall, dann nahm er das Licht wahr, dass aus dem Pelayo kam, dann wie drei Schatten auftauchten und letztlich, wie der Schatten in der Mitte, zusammensackte.

Im Nebel seiner Gedanken erinnerte er sich dann an sein Gedicht. Es war ihm wichtig geworden dieses zu ändern, sollte er es nach Hause schaffen. Warum zu dem Zeitpunkt? Er konnte es sich selbst nicht erklären.

Ein zweiter Schuss holte ihn aus seiner Träumerei. Er drehte sich zu Joshua um. Dieser hatte den Revolver auf die Kinder gerichtet. Beide hatten sich auf den Boden geworfen, eins nach links und eins nach rechts, von der Leiche entfernt. Primos Körper war wie festgefroren. Er sah in Joshuas blutrote Augen, die durch die schwarze Skimaske blickten. Diese Augen hatten das kleine, weinende Mädchen anvisiert. Das unausweichliche stand bevor. Dann ein Klicken. Ein zweites und drittes Klicken. Der Revolver klemmte. Primo rappelte sich auf. Er schlug Joshua die Waffe aus der Hand. Sah in das Lokal. Kein Mensch. Außer den Kindern, lebte keiner der sie gesehen hatte.

„Scheiß auf die! Lass uns hier verschwinden!“ Sie stürmten auf das Auto zu. Joshua fragte nach Rahim.
„Entweder der ist Tod oder er wird nie wieder richtig funktionieren. Der Tod, wäre die bessere Option.“ Sie stützten sich ins Auto. Aus der Ferne heulten Martinshörner.
„Scheiße, wir wissen nicht wo … Und die verdammte Knarre“, fing Joshua panisch an. Primo unterbrach ihn: „Blieb cool!“ Er fuhr das Auto an, würgte den Motor jedoch ab. Beim zweiten Mal genauso und erst beim dritten Versuch quietschten die Reifen und sie ließen das Verbrechen hinter sich.

Der Wagen sauste davon und bog links in eine Einbahnstraße ein. Primo sah in den Rückspeigel, der Nebel färbte sich Blau. Er bog in einer weitere Einbahnstraße ein, gleich in einer Sackgasse. Links von ihnen Häuser; rechts von ihnen ein Wald. Joshua kreischte: „Wir sind verloren, Primo. Hier geht es nicht weiter.“ Primo grinste. Er parkte das schwarze Auto, zwischen einem schwarzen Jaguar und einem weißen Mercedes. Dann zeigte er auf den Wald „von hier aus sind es dreißig Minuten bis zu mir.“ Joshua nickte. Das Heulen der Martinshörner wurde lauter.

1.3 Neu - Anfang

Primo und Joshua hatten sich durch den feuchten modrigen Schlammboden gekämpft, dass in einer kalten, nebligen Oktobernacht, wo sie sich jetzt vor Primos Haustür wiederfanden. Sie waren außer Atem und hatten beide die Hände in die Knie gelegt.
„Was ist mit … deinem Auto, Bruder?“, sagte Joshua nach Luft röchelnd.

„Ich werde es … ent-sorgen lassen. Mach dir darüber kein Kopf.“ Auch Primo war außer Puste.

„Keine schlechte Idee gewesen. Die müssen glauben, dass wir mit dem Auto unterwegs sind.“

„Ja.“

„Ich werde jetzt nicht schlafen können, Bruder. Ich bin immer noch voll drauf.“

Primo sah auf seine Uhr. Es war halb sechs.

„Bruder, ich muss in genau vier Stunden bei der Arbeit sein, sonst …“

„Ist kein Problem … ist auch womöglich besser so. Das heute Nacht war … wild.“

„Es war das Richtige, Bruder. Geh nach Hause und leg dich schlafen. Bald haben wir diese Sache vergessen haben.“ Und während beide sich die Hand reichten, erinnerte Primo seinen Freund daran die Kleidung und Handschuhe zu entsorgen.

„Verbrenn am besten alles. Auch die Skimaske.“

„Du hast deine nicht mal angezogen, Primo.“

„Ich weiß … aber, es hat uns keiner gesehen.“

„Hätte Böse ins Auge gehen können.“

„Scheiß drauf. Gibt kein Grund sich über verschüttete Milch aufzuregen. In einer Woche ist alles beim alten“, schloss Primo überzeugt ab.

Primo sah wie Joshua, Stück für Stück, vom Nebel verschlungen wurde. Dann ging er in seine Wohnung. Die turbulente Nacht ließ er sich, wie ein Film, in seinem Kopf abspielen. War dies ein Erfolg oder ein Misserfolg? Eine endgültige Antwort war abzuwarten. Rahims Tod war beabsichtigt gewesen, die Frau mit den Kindern nicht.

In seiner Wohnung ging Primo duschen. Unter der Dusche dachte er ausschließlich an sein Gedicht. Vor Joshuas Ankunft war es ihm nicht gelungen sich zu konzentrieren – oder besser gesagt - loszulassen. Erst als die Worte, in der Form dieses Gedichtes, seiner Fantasie entsprangen, fand er zu inneren Ruhe. Jetzt missfielen ihn dieselben Worte. Was er genau daran nicht mochte, konnte er nicht sagen. Hauptsächlich störte ihn der letzte Vers:
„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du, von ihm erwartet
und die Welt wird sich deiner erinnern:
als gefeierte Schlange oder einsamen Falken.“

Nachdem er duschen war, sich angezogen und etwas Kleines zu sich genommen hatte, wollte er sich schlafen legen. Doch konnte er nicht einschlafen; er sah dabei zu, wie es draußen hell wurde. Primo stand auf und ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich auf den Boden, verschränkte seine Beine und konzentrierte sich auf seine Atmung. Ein leichter Hauch von Lavendel erfüllte noch den Raum, etwas das Primo augenblicklich beruhigte. Er hoffte in der verbleibenden Zeit sein Gedicht ändern zu können, doch es kam anders.

Verdrängte Kindheitserinnerungen wurden aus den Tiefen seines Unterbewussten hochgespült und drängten sich ihm auf. Der Geruch von Salzwasser stieg ihm in die Nase und er hörte das Meer rauschen, während ein Schwarm von Möwen über sein Kopf flog. Er sah zwei Jungs, die im Wasser unbekümmert miteinander spielten, während kleine Wellen auf sie einbrachen. Es schein ihm, als wäre dies der Beginn, seiner Endlosen Nacht. Eine Träne kroch ihm langsam das Gesicht herunter und hinterließ eine Spur, gleich der Schleimspur einer Schnecke.

Übermüdet machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Trotz der Kälte hatte er sich entschlossen zu laufen und nicht den Bus zu nehmen. Er stoppte an einem Kiosk und kaufte sich eine Flasche Wasser. Dort fiel ihm eine Zeitung auf. Der Aufmacher: „EUROPA VOR DEM ENDE! WER RETTET DIE EUROPÄISCHE UNION?“ Darunter die Bilder verschiedener Spitzenpolitiker. Er erinnerte sich daran, dass bald Wahlen anstanden. Er kaufte die Zeitung und blätterte sie durch, ohne zu wissen warum. Als er nichts Auffälliges darin fand, warf er diese weg.

Während all der Zeit, hatte er nicht bemerkt, dass er verfolgt wurde. Der Verfolger war dabei nicht einmal geschickt und hatte es dem Nebel zu verdanken, dass er nicht von Primo entdeckt wurde. Als Primo vor seinem neuen Arbeitsplatz stand, sah er noch einmal auf sein Handy. Er hatte eine Nachricht erhalten. Es war seine Mutter. „Mein Schatz“, schrieb sie, „viel Spaß und viel Erfolg bei der Arbeit. Streng dich an und vergiss nicht, dich hin und wieder zu öffnen. Du weißt am besten, wie du sein kannst.

PS: Ich weiß, dass du hast mal wieder vergessen hast dir die Haare zu schneiden. Bitte nachholen! Ich liebe dich.“ Er schmunzelte und schaltete das Handy aus.

Um halb elf betrat Primo sein neuen Arbeitsplatz. Er war müde, machte aber einen recht frischen Eindruck. Er sah in die Augen einer jungen Dame und lächelte. Sie lächelte zurück und grüßte ihn mit den Worten: „Willkommen im Pelayo.“

Kapitel 2.1 Nur tote Menschen, sind gute Menschen

„Nein, nein, nein. Ist es heut zu Tage zu viel verlangt, dass ein verdammtes Schild gelesen wird? Es steht: Geschlossene Gesellschaft. Geschrieben. Fett. Sophie, das ist jetzt bestimmt der zehnte.“

Primo hatte das Pelayo betreten. Er sah eine Dame mittleren Alters, rotes kurzes Haar und eine dicke, auffällige schwarze Brille tragend, auf ihn und die Frau an der Theke zu trampeln. Sie ermahnte die Frau und entschuldigte sich bei Primo, dass heute nur für geladene Gäste Einlass sei. Primo war sich sicher, dass er sie heute Nacht gesehen hatte.

Primo erklärte ihr, dass heute sein erster Arbeitstag sei. Sie jedoch konnte sich nicht daran erinnern und erst als ein kleiner, dicker Mann dazu kam, der sprach, als wenn er aus einem Roman entsprang, klärte sich das Chaos.
„Sandra“, sagte der dicke Mann. „Das ist der Herr Rashid. Sie müssen uns entschuldigen“, er sprach jetzt direkt zu Primo. „Sie müssen uns entschuldigen, der Tod hat uns nicht nur letzte Woche, sondern auch heute Nacht heimgesucht. Der Tod ist stets ein ungebetener Gast, im Hause der Lebenden. Sie sehen, er betritt das Haus und aus Ordnung wird Chaos; aus Klarheit …“
„Das schaff ich auch allein, Carlos“, unterbrach ihn Sandra. Carlos machte auf Primo einen eigentümlichen Eindruck und wirkte in seinen Bewegungen recht abstrakt, so als würde er bloß etwas vorspielen und nicht er selbst sein.

Sandra nahm Primo zur Seite und erklärte ihm, dass der Besitzer des Pelayos letzte Woche verstorben sei „jetzt, nach dem Tod des Reinermanns befinden wir uns in einer Art ü-ber-gang“, wobei sie jede Siebe einzeln betonte. Auf den Doppelmord ging sie nicht ein. Sie bot Primo an zu gehen, doch könne er auch bleiben, trotz der stattfindenden Trauerfeier. Er war müde, aber er entschied sich zu bleiben.

„Gut“ fing Sandra an. „Heute ist es auch wesentlich entspannter als sonst. Wir haben geschlossene Gesellschaft. Sophie“, sprach sie die Frau an der Theke an, „zeig ihm, wo er sich umziehen kann und stell ihn den anderen vor.“

Primo wurde seinen neuen Kollegen als Rashid vorgestellt, fügte dann noch selbst hinzu, dass er sonst Primo genannt werde. Er überließ ihnen die Wahl und sagte ihnen, dass er mit beiden Namen einverstanden wäre. Ein Mann, als Amin hatte er sich vorgestellt, sagte darauf: „Das ist doch kein Wunschkonzert. Es liegt an dir und nicht an uns. Also sollen wir dich Primo oder Rashid nennen?“ Amin und die Mitarbeiter um ihn herum, sahen Primo an und warteten eine Antwort ab.

Primo sah Amin an. Er erinnerte sich daran, auch ihn heute Nacht gesehen zu haben. Dann dachte er über die letzten Stunden nach. Er dachte über Jamals Tod nach; seitdem er davon erfahren hatte, hatte sich die Vorstellung in ihm manifestiert, dass auch er bald sterben würde. Aus dem Grund hatte er sich auch entschieden, sein Notizbuch wegzuwerfen. Aber war das zu wenig?

Er stellte sich selbst folgende Frage: Als was für ein Mensch möchte ich sterben? Seitdem er zurückdenken konnte nannte man ihn Primo; war es nicht an der Zeit geworden, Rashid zu werden? – aber welche Bedeutung haben Namen?

Er dachte nach und wägte ab. Rational, pragmatisch oder gar sachlich betrachtet, dienen Namen dazu, Objekte oder Gegenstände von anderen Objekten oder Gegenständen zu unterscheiden. Ein Name ist eine Bezeichnung. Durch das Ändern einer Bezeichnung, verändert sich aber nicht der Gegenstand. Seine Beschaffenheit, seine Form, die Essenz – ja das Ding an sich – bliebt unverändert. Eine Frau zeigt auf einen Baum und sagt: Das ist ein Stuhl. Wir mögen uns zwar einen Stuhl vorstellen, doch der Baum bleibt ein Baum. Der Name, die Bezeichnung – allgemeiner gesagt – die Sprache, beeinflusst unser Denken, aber die äußere Welt bleibt unberührt. – oder? Ähnliches Prinzip müsste dann auch auf Menschen angewendet werden. Die Beschaffenheit einer Person: Vorlieben, Talente, sein Temperament, stärken oder schwächen würden durch eine Namensänderung weder revidiert noch neu definiert werden. Seine Bezeichnung mag sich ändern, doch er bleibt derselbe.

Primo jedoch war alles, außer ein Rationalist. Er war von der Idee überzeugt, dass es sich hierbei um seinen letzten Lebensakt handelte; er war dabei sein letztes Kapitel zu schreiben. So gefiel ihn der ästhetische Aspekt hinter dem Gedanken, dass er bald sterben würde: als Rashid geboren, als Primo gelebt und letztlich als Rashid zu sterben. Er hatte sich entscheiden.

Sophie führte Rashid runter in das Mitarbeiterzimmer. Sie gab ihm eine Schürze und ein schwarzes Hemd. Dann befiehl sie ihm beides zu bügeln. Rashid ließ sich Zeit dabei; er kämmte sich sein Haar, es war kraus und borstig; er sah in den Spiegel und schmunzelte über das Theater, dass sich vor seinen Augen abspielte. Vor nicht weniger als sechs Stunden fand hier ein Doppelmord statt, jetzt taten alle so, als wäre nichts geschehen. Bevor er das Pelayo betrat, wusste er das er sich verstellen musste, nur hatte er nicht damit gerechnet, auf talentiertere Schauspieler zu treffen.

Erst als er die Treppen hinaufstieg, wurde ihn bewusst, wie erschöpft er in Wirklichkeit war. Seine Sinne spielen ihm einen Streich. Er hörte wie ein Steak, in heißes Öl geworfen wurde; er hörte es zischen und konnte sich gar vorstellen, wie es in der Pfanne brutzelte. Doch kam ihm die Luft im Pelayo modrig, schon fast erdig vor, als würde er mitten in einem Wald stehen. Er fasste die Wand an, die sich so anfühlte, als würde er ein Baum berühren. Das Brutzeln verschwand und wurde vom Rasseln der Blätter ersetzt; er hörte Rehe galoppieren und Vögel zwitschern. Er schloss die Augen für einige Sekunden und dann öffnete er sie wieder. Er war im Pelayo. Das Brutzeln war wieder da. Doch für den Moment, nahm er alles beschränkt war. Es war als wäre ihm der Nebel, ins Lokal gefolgt.

Rashid stelle sich an die Theke und wartete darauf, dass ihm jemand sagte, was er tun solle. Er sah die geladenen Gäste an. In schwarz gekleidet, saßen sie schweigen Nebeneinander. Hier und da wurden die Kinder mit einem „sachte“ oder „psht“ ermahnt. Es war als würde er eine schwarze Wand anstarren.

Der dicke Mann, welcher von Sandra Carlos genannt wurde, stellte sich neben Rashid. Freundschaftlich schlang er sein Arm um ihn. Sie waren etwa gleich groß. Rashid roch den Alkohol und die glasigen Augen, verrieten den Rausch. Das zu dick aufgetragene Parfum, war ein kläglicher Versuch, die Wahrheit zu verdecken.

„An diesen Anblick“, fing Carlos an. „Kann ich mich nicht sattsehen. So viele Nationen, so viele unterschiedliche Menschen, sitzen gemeinsam, ja sogar freundschaftlich, an einem Tisch. Nichts vermag den Menschen so sehr zu vereinen wie das Leid. Glauben sie mir nicht, wie sonst werden Nationen geboren?“ Er zog Rashid näher an sich ran. Whisky. Moschus.
„Nun lassen Sie mich ihnen erläutern worin ihre heutigen Aufgaben bestehen werden. Wir fangen langsam an. Die Basics. Das heißt nur Servieren und Abräumen. Sehen Sie einen leeren Teller oder ein leeres Glas, räumen Sie es ab. In der Küche wir ihnen gesagt, zu welcher Person welches Gericht gebracht werden soll. Sie müssen sich nicht um irgendwelche Rechnungen kümmern oder um Tischnummern. Alles wurde schon im Voraus bezahlt … Nun das war´s.“

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, löste er sich von Rashid und klatschte dann in die Hände. Rashid verstand darunter eine Art Startschuss. Er entfernte sich einen Schritt, da hielt ihn Carlos auf. Er legte seine Hand, mit den dicken, wurstähnlichen Fingern, auf Rashids Schulter.

„Warten Sie, warten Sie bitte. Ich hätte da noch eine kleine Bitte an Sie. Da Links. Ja genau, links, die letzten vier. Das ist die Familie Reinermanns. Die Witwe und erste Ehefrau. Die beiden Männer, sind seine Söhne und die Dame, ja genau die mit der auffälligen Sonnenbrille, seine Tochter Anne. Es wäre doch nicht zu viel verlangt, der Höflichkeit halber, man versteht sich doch, wenn Sie sich einmal Vorstellen und der Familie ihr aufrichtiges Beileid bekunden.“ Rashid sah Carlos in die Augen und nickte. Doch wieder, kaum hatte er sich einen Schritt entfernt, hielt ihn dieselbe Hand, an derselben Schulter fest.

„Warten Sie, warten Sie bitte. Ich sollte ihnen doch noch eine Kleinigkeit erzählen, bevor Sie der Familie gegenübertreten. Sie über die Familiendynamik aufklären. Letztlich nur um Verwirrung vorzubeugen, sie verstehen doch? Prophylaktisch, alles nur prophylaktisch. Sie müssen verstehen, dass Herr Reinermanns, der frühere Eigentümer des Pelayos, mein früherer Arbeitgeber, für den ich über zwanzig Jahre aufrichtig gearbeitet habe, ein Mensch war. Ha, da habe ich Sie, oder? Sie haben eine genauere Bezeichnung erwartet: ausgezeichneter, respektierter, liebenswerter, guter oder schlechter Mensch. Nicht wahr? Ich aber, habe es bei der einfachsten Bezeichnung belassen: ein Mensch. Sind wir nicht alle schließlich nur Menschen, mit Höhen und Tiefen? Zu außergewöhnlich guten, bis hin zu scheußlich schlechten Taten fähig?

Stellen sie sich doch mal folgendes vor: Da ist ein Mann, der wahllos zehn Menschen das Leben rettet. Von diesen zehn, werden alle Mörder, die am Ende ihres Lebens 30 Menschen auf dem Gewissen haben; auf der anderen Seite haben wir einen Mann, der wahllos zehn Menschen das Leben nimmt. Doch am Ende stellt sich heraus, dass diese zehn Menschen Teil einer Verschwörung waren und geplant hatten den Eifelturm, an einem voll Besuchten Tag, in die Luft zu jagen. Woher also nimmt man sich heut zu Tage noch die Zeit zu urteilen, wer, wie oder was gut ist und wer böse ist; wer, wo und wann, das richtige getan hat und wer das falsche. Ich, wenn ich kurz über mich reden darf, verzichte doch voll und ganz auf ein Urteil. Mir scheint es, als wäre alles viel zu perspektivisch, relativ … ja gar unbestimmt. Aber darüber sollen sich klügere den Kopf zerbrechen.

Zurück zum wesentlichen. Die Familiendynamik. Sie müssen wissen, dass einst ein Zwist in der Familie Reinermanns herrschte. Besonders zwischen Vater und Tochter. Wenn sie mal nach rechts schauen, genau zum anderen Ende des Tisches. Dort sitzt die schöne Ursache des Zwist, in der Form einer fünfundzwanzig Jährigen, 1,70 großen, Blondine. Eine wunderschöne Ursache nicht? Nun, dass der Reinemanns seine Frau, wegen einer anderen verlassen hatte, war eine Sache, dass sie jedoch jünger war als die Tochter selbst, eine andere. Vier Jahre haben Vater und Tochter nicht miteinander gesprochen. Ich war sogar dabei, beim großen Showdown, als Anne ihren Vater für Tod erklärte. Ihre Worte: „Du bist für mich gestorben“, hallen immer noch in meinem Kopf herum. Gespenstig. Doch jetzt, da ihr Vater nicht mehr unter den Lebenden weilt, muss sich das arme Ding doch fragen, ob es den so richtig war, einen lebenden für Tod zu erklären. Ich habe sie ausgehend studiert und ich sage es selbstbewusst: Es hat sich nicht gelohnt!

Und ihr ist es genauso bewusst. Dafür doch das Theater. Ach sie haben so viel verpasst, wären sie nur … aber … aber lassen sie mich Ihnen erklären weshalb ich das alles sage. Das müsste sie doch dringend interessieren. Also: mag ein Mensch etwas unverzeihliches getan haben, nehmen wir mal an einen Mord. So hat es sich doch noch nicht ausgelebt. Das letzte Wort wurde noch nicht gesagt. Und wer weiß, wie viel Lebenszeit einem überbleibt. Es könnte sein, dass diese Person uns alle überrascht und eine Entscheidung fällt, die alles Vorhergegangene in den Schatten stellt. Der Mensch ist ja stets ein Werdendes Wesen und erst durch den Tod endet sein Werdegang. Und dann können wir ein Urteil wagen, alles andere scheint mir doch etwas zu voreilig, oder?

Aber Sie sind so schweigsam, mein Freund. Ich hätte spätestens jetzt von ihnen erwartet, dass sie mich nach dem Warum fragen. Nun, dann hätte ich ihnen alles erklärt. Ja, ja die verrückte Familiendynamik, mag einer denken, aber es ist die Psychologie, die wirklich fasziniert. Es gehört doch zum kleinen Ein mal Eins des Lebens, dass der Mensch, den Toten gegenüber immer Barmherzig ist. Warum? Nun, den Toten gegenüber kann man sich verschulden, ohne dass sie jemals etwas zurückverlangen werden. Deshalb sind sie uns auch so heilig. Die einzigen, die von dem Theater profitieren sind wir selbst. Einen Toten vergeben wir seine zu Lebzeiten begangenen Fehler. Im Austausch gehen wir ein Packt ein, bitten ebenfalls um Vergebung und versprechen uns zu bessern. Hier kommt der Vorteil: auch wenn wir versprechen nicht mehr zu Rauchen oder zu Trinken, gilt dieses Versprechen dem Toten gegenüber. Dieser wird nicht zurückkommen, um uns zu kontrollieren. Somit haben wir allen Grund die Toten zu lieben und die Lebenden zu verachten. Gott bewahre, aber stellen sie sich vor, sie Versprechen ihrer Freundin absolute Treue und eine Woche später erwischt sie Sie mit einer anderen. Das wäre doch ein Grund zur Trennung, nehme ich an. Nun, jetzt stellen sie sich vor, ihre Freundin ist Tod und sie versprechen ihr dasselbe. Sie verstehen von selbst. Nur Sie werden profitieren; es dreht sich nur um uns.

Also gehen sie jetzt zur Familie und bekunden sie ihr Beileid. Was sie erwarten wird, ist ein Schauspiel par excellence. Krokodilstränen, die weder für den Toten noch für Sie bestimmt sind.“

Carlos löste sich von Rashid und dieser sah Carlos verwundert an. Der dicke Mann hatte sich in einen Rausch gesprochen. Schweiß lief ihn die Schläfe runter. Er atmete schwer und war aus der Puste. Rashid glaubte in seinen Augen, ein Hauch von Schadenfreue zu sehen. Dann nahm Carlos ein Tuch aus seiner Hosentasche, wischte sich den Schweiß von der Stirn und entschuldigte sich.

Es kam wie von Carlos vorhergesagt. Rashid ging zur Familie und die Tochter fing an kläglich zu weinen. Sie umarmte Rashid, zündete sich zitternd eine Zigarette an und sagte immer wieder, dass ihr Vater ein heiliger war, der den Tod nicht verdient hatte.

2.2 Der ewige Traum

Am Mittag fand Herr Reinermanns Beisetzung statt. Die Gäste, die Mitarbeiter, Rashid miteingeschlossen, gingen zum Friedhof, der einen Fußweg von fünf Minuten entfernt war. Auf dem Weg zum Friedhof hatten sich drei Gruppen gebildet. Vorrangegangen waren die Gäste, mit Sandra und Carlos. Denen folgten die Mitarbeiter, angeführt von Amin und einem blonden Mann. Rashid und Sophie trabten den anderen dicht hinterher.

Während Sophie über sich und über die Arbeit sprach, hörte Rashid ihr nur halbherzig zu. Ihn interessierte vielmehr das Gespräch, dass vor ihm geführt wurde. Amin und der blonder Mann unterhielten sich über den neuen Besitzer des Pelayos. Den Namen Frederick Christ hatte er früher auf der Straße gehört, doch nie ein Gesicht dazu gesehen. Absonderliche Geschichten von einem Engländer, der sich bei der Mafia einen Namen gemacht hatte. Waren diese Geschichten, die man sich erzählte, wahr oder erfunden; was suchte so ein Mann in dieser Stadt? Dieselben Fragen stellten sich Amin.

„Soll halt viel Kontakt zur Mafia haben.“, sagte Amin
„Komm mal wieder runter. Du glaubst gleich immer alles.“
„Zur Hölle, Mike. Was soll das jetzt heißen?“
„Genau das was ich sage, Bruder. Mafia. Clans. Das hier ist kein verdammter Krimi.“
„Sag mal, lebst du unter einen Stein?“
„Versteh mich nicht Falsch. Ich bin mir über die Existenz krimineller Subkulturen bewusst. Aber alles in Grenzen.“ Schweigen. „Schau mal. Jetzt heißt es, der neue Besitzer ist Mitglied bei der Mafia. Und als nächstes heißt es: Al Quiada hat sein Hauptsitz in Essen.“
Amin seufzte. „Siehst du, dass ist das Problem mit dir. Du zweifelst nicht an deiner eigenen Dummheit. Denkst, dass das was du denkst, immer einen Sinn ergibt. Aber nachdem was gestern hier passiert ist, dürfte der Laden doch noch gar nicht zu betreten sein.“
„Wegen Rahim?“
„Ja, wegen dem scheiß Oger.“
„Jeder weiß es Rüttenscheidt gehört den Al Sharifs. Die Polizei hat hier schon lange nichts mehr zu sagen.“
„Und dann zweifelst du daran, dass der Christ der Mafia angehört.“
„Guck mal, das ist alles eine Sache. Eine andere aber, ob diese ganzen Gangster miteinander ins Bett gehen. Als wäre das hier alles eine verdammte Verschwörung. Zu viele Zufälle, Bruder. Erst stirbt ein gesunder Mann. Dann, kurz darauf, wird Rahim ermordet und jetzt soll der neue Besitzer der Mafia angehören. Ich sag´s dir: echtes Leben, kein Krimi.“
„Warum und was sich da im Hintergrund abspielt, davon weiß ich nichts. Fakt ist, und wir sollten uns an dieser Stelle mal an die Fakten halten, dass keine Zeitung von dem Mord berichtet hat.“
„Dieser ist auch keine sechs Stunden her.“
„Online steht auch nichts.“
„Die Macht des Internets, was? Dort könnte schon ein Wörtchen stehen.“
„Ich sag´s dir so, mein Freund: es stinkt!“
„Da könnte schon etwas dran sein … aber all dieses Gerede über Syndikate, Sterben und Verschwörung haben mich irgendwie Hungrig gemacht.“
„Nicht nur du bist Hungrig, Bruder. Nicht nur du.“

Die Beisetzung des Reinermanns verlief ereignislos. Was in dem Fall als Erfolg zu verbuchen war. Es hatte genieselt und unter den Gästen sprachen einige von einer Anteilnahme Gottes. „Die höchste Instanz vergießt Tränen, für einen heiligen Mann“, hatte Anne gesagt. Der Nebel hatte sich etwas gelichtet. Rashids Verfolger war ihm noch bis zum Friedhof nachgelaufen, verschwand jedoch während der Beisetzung. Rashid hatte ihn nicht bemerkt.

Zurück im Pelayo war nichts von der morbiden Stimmung übriggeblieben. Die Gäste unterhielten sich. Es wurde gelacht. Die Mitarbeiter hatten sich unter die Gäste gemischt. Die Kinder tollten herum, ohne von den Erwachsenen ermahnt zu werden. Rashid stand Abseits von allen, an der Theke.

Mit der Zeit, es war viel Alkohol geflossen, verflachte die Atmosphäre. Die ersten Gäste waren gegangen. Es wurden sich allmählich Anekdoten erzählt: über den Verstorbenen, als auch über das Leben selbst. Es war vierzehn Uhr. Rashid, der immer noch an der Theke stand, sah zu Carlos. Dieser stand ebenfalls Abseits des Geschehens. Er taumelte; er hatte zu tief ins Glas geschaut. Rashid sah in Carlos Augen und glaubte ein recht eigenwilligen Ausdruck darin zu erkennen. Als wolle er gleich etwas Dummes anstellen. Der Blick ähnelte dem von vorhin. Nur etwas harmloser. Rashid ahnte nichts Gutes.

Es kam zu einer recht merkwürdigen Szene. Der dicke Mann, zog sein schwarzen Sako aus und warf diesen auf dem Boden. Er knöpfte sein Hemd langsam auf, von dem man ohnehin hätte annehmen können, es würde gleich reißen. Dann drängte er sich inmitten der übrigen Gäste und Mitarbeiter und stellte sich auf einen Tisch. Taumelnd, schwitzend und außer Puste. Sie alle sahen zu ihn hinauf und er sah auf sie herab. Er drehte sich um seine eigne Achse und sah dabei jeden einzelnen in die Augen. Anfangs hörte man noch einige kichern, dann wurde es immer ruhiger und ruhiger, bis es ganz still wurde. Carlos stand jetzt ebenfalls still, dann fing er an zu reden

„Es ist an der Zeit etwas zu erfahren … etwas über mich, eure Mitmenschen und letztlich über euch selbst.

Wir sind alles Kinder, gefangen in den Körper eines Erwachsenen. So enden wir zumindest alle. Wir sind verwirrt, haben fragen und würden uns am liebsten verkriechen. Aber wir dürfen nicht, deshalb die Maske. Könnten wir fliegen, würde wir unsere Flügel spreizen und in die höchste Höhe emporsteige, wie es ein Falke tut. Doch dafür sind wir nicht geschaffen.

Wir sind dafür geschaffen zu Träumen, von einer Welt, in der unsere Kinder in den Parks rumspielen, die Sonne, ihr Licht auf unsere Haut prasseln lässt, während wir mit der Liebe unseres Lebens, in vertrauter Innigkeit, dem Ende gegenübersteuern. Doch die Realität ist unser größter Feind. Unser Kinder mögen draußen spielen, doch wenn wir kein Auge auf sie werfen, Enden sie im Kofferraum eines Wildfremden. Die Person, der wir am meisten Vertrauen, ist auch die Person, die uns am meisten Verletzten kann und der Regen, der in Abwesenheit der Sonne, sein Unwesen treibt, verdirbt uns allen den Tag. Der Mensch hat zwei gestalten: unser Kopf mag in den Wolken stecken und wir stellen uns die Welt so vor, wie sie uns gefällt, das heißt wir träumen. Aber unsere Beine lösen sich nicht vom Boden.

Und doch … und doch spreche ist zu Mut. Ich spreche an weiter zu machen, ganz gleich wie viel Leid uns noch erwartet. Ich spreche mich dafür weiterzulaufen, ganz gleich, wie schwer die Last ist, die wir auf dem Rücken tragen. Und ich spreche mich dafür aus, immer wieder aufzustehen, ganz gleich, wie oft der Wind dich umbläst. Den das macht den Menschen aus – er überwindet.

2.3 Der Weg des Ziellosen / Selbstbetrachtungen

„Leben besitzt keinen objektiven Wert; nichts in diesem Universum besitzt einen intrinsischen Wert. Werte werden erdacht. Erst durch unser dazutun, wird Ordnung, eine Hierarchie, in einem Wort: Wert, erschaffen. Jetzt frage ich: in einer Welt ohne Sinn, wie sollte der Mensch leben und wonach sollte dieser streben?“

Rashid war zuhause. Er hatte sich vorgenommen, sich nach seinem ersten Arbeitstag gleich ins Bett zu legen. Doch fand er kein schlaf, weshalb es sich entschloss zu meditieren.

Rashid durchstrich den letzten Absatz. Ein Räucherstäbchen mit Lotosblütenduft hatte er angezündet, während eine einsame Kerze behutsam den Raum erhellte. Er wagte keinen Blick auf die Uhr; es war nicht die Zeit dafür. Es war nicht die Zeit des Wissen; es war die Zeit des Vergessens.

Rashid legte den Stift aus der Hand. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Was erhoffte sich Rashid, mittels Meditation zu erreichen? Er selbst hatte die Meditation einmal als Werkzeug beschrieben: „Ein Werkzeug, mit dem man sich seiner Maske entledigen kann, um die verborgene Wahrheit, in einem selbst, zu entdecken“.

„Lieber Leser oder liebe Leserin“, fing er wieder an zu schreiben. Es war die letzte Seite, seines Notizbuches. „Lieber Leser oder liebe Leserin sollten diese Worte, durch einen unglücklichen Zufall, in ihre Hände fallen, gehen sie von einer Sache aus: Ich bin Tod! Doch schenken sie einem Toten ihre Aufmerksamkeit. Die Toten sind voller Weisheit. Einzige Voraussetzung: Sie sprechen ihre Sprache!

Ob Sieg oder Niederlage, Erfolg oder Misserfolg, Auf oder Abstieg, das Ergebnis ist und bleibt zweitrangig, in Anbetracht der Durchführung. Der Mühe.

Der Sieg oder die Niederlage sind Illusionen. Illusionen, von denen sich der gewöhnliche Geist täuschen lässt. Der Psyche wird, durch das Konzentrieren auf das Ergebnis, etwas vorgegaukelt. Ein Gefühl von Bestätigung oder Ablehnung erwartet einem, was schließlich, in einem überhöhten Selbstwertgefühl oder zu niedrigem Selbstwertgefühl, resultiert. Der einfache Geist ernährt sich von dieser Täuschung, bis er Fett und Träge wird. Er schreibt, öfters als selten, seinen Erfolg Tugend und Fähigkeiten zu, die er oft nicht besitzt und ist bei einer Niederlage verzweifelter, als es tatsächlichen Anlass für hat. Dabei ist jedes menschliche Leben mit einem Tanz zu vergleichen.“

Rashid legte den Stift aus der Hand. Er ließ seine Worte, durch den Kopf gehen. Was hatte es zu bedeuten, als er damals sagte, dass die Meditation ein Werkzeug sei, mit dem man sich seiner Maske entledigen könne, um die verborgene Wahrheit, in einem selbst, zu entdecken? Rashid glaubte daran, dass sein Geist, durch die Meditation, sich zu einem verlässlichen, objektiven, dritten Beobachter entwickelt hatte. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass er vor der Zeit, in der er Meditierte, stets eine verfälschte, von Emotionen beeinflusste Version, seiner Selbst sah. Rashid war davon überzeugt, dass das Ziel im Leben darin bestand, sich selbst, in allen Dingen im Universum wiederzufinden und sich nicht getrennt, von der Umwelt, zu sehen. Doch müsse man davor lernen, die Ich´s die wir anderen präsentieren, zu überwinden, um zu diesen letzten und höchsten Einheitsgedanken zu gelangen. Selbstbetrachtung als Tugend.

„Unsere Aufgabe als Menschen, besteht nicht darin, sich auszusuchen nach welcher Musikrichtung man tanzen mag; unsere Aufgabe besteht darin, für jeden Stil, jeden Rhythmus, jeden Takt, den uns das Leben vorgibt, vorbereitet zu sein. Sich anzupassen, ganz gleich, ob dir die Musik gefällt oder nicht. Vorbereitet sein und das Leben so hinzunehmen, wie es einem präsentiert wird. Darauf konzentriert sich der besondere Geist. Wer wir sind, zeigt sich nicht in dem was wir erreichen oder besitzen, einzig in den einsamen, ungesehenen Stunden offenbart sich unser wahres Selbst. Die Vorbereitung: Mühe. Dein Wille dich in deiner Aufgabe zu vertiefen – zu verlieren. Das unermüdliche, intensive Studium der Details und wie aufrichtig du der Ausführung gegenüberstehst, dass bist du! Das letztliche Ergebnis, Sieg oder Niederlage, Erfolg oder Misserfolg, dass erhalten einer Trophäe, all das ist zweitrangig; all das bist du nicht.“

Rashid war es wichtig Herr seiner Emotionen, Herr seiner Gedanken, Herr seines Bewusstseins zu sein. In einem verborgenen Winkel seines Herzens, sprach er oft über die Wichtigkeit und der gesunden Wahrnehmung von Zeit. Es ging ihn dabei darum, sich nicht, wie die meisten Menschen um ihn herum, in Furcht vor der Zukunft zu leben oder von der Vergangenheit gejagt zu werden. Weder Zukunft noch Vergangenheit, nehmen Raum im Hier und Jetzt ein. Zeit sei ein Konstrukt, sagte er zu sich selbst, dass für die Gesellschaft erschaffen wurde, damit diese sich zu orientieren weiß. Beobachtet der Mensch die Natur, sieht er Potential und ihre Wechselwirkungen zueinander. In Abhängigkeit zu seiner begrenzten Lebensdauer, schlussfolgert der Mensch, dass die Bewegungen, um ihn herum, Zeit brauchen. Er konstruiert ein Welt, in der jedes Organismus, von der kleinsten Zelle hin, bis zum größten Planten, fortdauern. Eine Lüge. Eine Sinnestäuschung. Und um diese nicht zu vergessen, hatte sich Rashid eine Uhr ohne Zeiger, auf dem Rücken tätowiert.

„Ich gehe weiter und sage: So wie bei einem Kampf, Eins gegen Eins, nicht notwendigerweise der stärkere gewinnt, bei einem Tanzwettbewerb, nicht notwendiger der talentierte gewinnen wird. Über jeden Kampf, über jeden Wettbewerb, schwebt das Glück oder das Zufall, über die Köpfe der Teilnehmer. Die Frage besteht nicht nur darin, ob du dich auf die vorliegenden Aufgaben vorbereiten kannst, sondern auch, ob du dich auf das unvorhersehbare Einstellen kannst? Ziel ist es nicht nur, durch tägliches Training, seine Fähigkeiten zu verbessern und sich, jeden Tag aufs Neue, herauszufordern. Genauso wichtig ist es, den Geist darauf vorzubereiten, keine Präferenzen zu haben und die unmöglichste Situation zu erfassen, um das möglichst Beste für sich herauszuholen. Unsere ungesehen Stunden, wirken sich restriktiv auf unsere Natur aus. Nur das Genie ist eine Ausnahme.

Rekapitulation. Während eines Tanzwettbewerbs, gewinnt derjenige, der auf jeden Stil vorbereitet ist und während eines Kampfes, derjenige, der Gegner in Sachen Fähigkeit und Technik übertrifft. Doch der Zufall oder das Glück können intervenieren. Lerne beides zu deinem Gunsten zu wenden. Es ist derjenige, mit klaren Geist und Verstand, der, der ein aufrichtiges, ehrliches Bild von sich hat und ein starken Willen besitzt, welcher in den ungesehenen Stunden, trainiert wurde, der den letzten Meter gehen wird. Sich vorbereiten, für was auch immer geschehen mag, dass ist das Ziel.

Was heißt es aber schon, bereit zu sein, wenn nicht voller Ideen, um günstig zu handeln, aber auch Leer zu sein, um möglichst viele Informationen aufzunehmen. Es ist einfach: sei nichts und nicht jemand. Sei keine Zahl und nicht eine Zahl. Sei wie er, der sich selbst nach erreichen seiner Ziele, neue Ziele setzt. Denn nur er hat das höchste Ziel erreicht – ich taufe ihn: den Ziellosen.
 
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ahorn

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Hallo Chistopher Wallace,
herzlich willkommen im Forum der Intrigen, Hinterhalte und Blutspuren.
Die ersten Zeilen deines - ich würde es aufgrund der Nummerierung - Romans lesen sich vielversprechend. Jedoch stehst du eher am Anfang deines Weges. Viel Arbeit liegt noch vor dir und da meine ich nicht die Kapitel die - so hoffe ich - kommen werden.

Gruß
Ahorn
 
Hallo ahorn,
zuallererst: es freut mich hier dabei zu sein. Ich bin immer offen für konstruktive Kritik aller Art und würde mich dementsprechend über möglichst viel Input freuen. Da ich zu Zeit viel arbeite, will ich keine versprechungen machen, aber es ist defintiv so geplant, den ganzen Roman hier hochzuladen. Ich werde versuchen wöchentlich hier was hochzuladen.

Ps: wenn du jetzt schon Anmerkungen hast, würde ich mir die gerne anhören. Gerade da du sagst, dass dir der anfang gefällt, würde ich gerne wissen, was dir genau daran gefällt.

Gruß
CW
 

ahorn

Mitglied
Hallo Chrisiopher Wallace,
ich sprach von vielversprechend und viel Arbeit. ;)
Allein der jungen Mann ist ein bisschen Mann zu viel, abgesehen von Primo, Primo, Primo ...
Zu einem Teil sind deine Sätze wohlformuliert und rund. Zum anderen holpern sie wie ein Zug auf Interzone.
Soweit ich Zeit habe, lese ich deinen Text Satz für Satz, mal sehen, was mir alles auffällt. ;)
Vielleicht meldet sich @jon. Die weiß, wo es lang geht. :cool:

Gruß
Ahorn
 

ahorn

Mitglied
Hallo Christopher Wallace,
ich habe mal deine ersten Sätze genauer unter die Lupe genommen.
Was man da alles herausholen kann. ;)

„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du von ihm erwartet
Und die Welt wird sich deiner erinnern:
Als gefeierte Schlange oder einsamen Falken. KEIN ABSATZ

Tag: sechshundertneunundneunzig.“
. ABSATZ
Ich würde dir raten den Text kursiv, oder in einfachen Anführungszeichen zu setzten, damit er nicht mit der wörtlichen Rede verwechselt wird.

Ein Gedicht, verfasst von einem jungen, dunkelhäutigen Mann. Dieser saß, die Beine verschränkt, im Lotussitz, auf dem Boden.
Sie Frage ist, was das jung für einen Sinn hat. Jung ist subjektiv abhängig vom Leser. Wenn es dir wichtig ist, dass er dunkelhäutig ist, dann würde ich dieses präzisieren, nenne die Farbe. Denn dunkelhäutig sagt nur aus, dass er keine Bleichnase ist. Zeige mir bitte, wie man im Lotussitz ruht, ohne die Beine zu verschränken?
Ein junger Mann saß im Lotussitz auf dem Boden.

Der Duft von lilafarbenen Lavendel lag in der Luft, während der Raum von einer Kerze behutsam erhellt wurde.
Welchen Sinn hat der Satz. Spielt es im weiteren Text eine Rolle, ob er bei Kerzenlicht, Lavendel inhaliert. Der Satz umschreibt seine Haltung. Stimmung. Diese jedoch mit blumigen Worten zu überhöhen, ist zu viel des Guten.
Den Raum erhellte einzig eine Kerze und Lavendelduft lag in der Luft.

Den Füller aus der Hand legend, prüfte er die Uhr. Es war halb drei nachts.
Wenn er den Füller aus der Hand nimmt, dann war dieser zuvor in seiner Hand. In?
Erbsenzählerei! Ja. Hat jedoch seinen Grund. Setzt dich mit deinen Wörtern auseinander, unterscheide zwischen geschriebenen und gesagten.
Sicherlich nimmt man das Buch in die eigene Hand. Dieses ist aber eine Metapher. Ein reales Buch erfasst, ergreift man, vielleicht nimmt man es in die geballte Hand, möglicherweise auf die Hand, aber...
Stelle dir die Situation mit einem Fuß vor.:)
Mit ist das passende Wort nicht in.
Nicht alles, was grammatikalisch korrekt ist, ist logisch.
Mit aufgerissenen Augen lief er über die Straße.
Frage mal nach dem Objekt.
Seine Augen aufgerissen, lief er über die Straße.
Ich sagte Erbsenzählerei. Jedoch mit Sinn.
Was ich gut finde, dass er nicht auf die Uhr schaut oder blickt. Erzählperspektive. In diesem Abschnitt ist der Erzähler neutraler Beobachter. Er kann somit nicht sehen, ob er schaut. Aber prüfen? Ist die Uhr derart ‚unzuverlässig‘, und welche Uhr prüft er?
Nachdem er seinen Fühler beiseitegelegt hatte, klopfte er an seine Armbanduhr und flüsterte: „Halb drei.“

Jetzt war er mit sich selbst zufrieden; jetzt konnte er beruhigt schlafen gehen. Das Läuten der Türklingel schreckte ihn auf.
Perspektivwechsel. Der Betrachter sitzt in seinem Kopf. Daher ist weniger Pathos oft mehr.
Er war mit seinem Werk zufrieden, für ihn nun Zeit, schlafen zu gehen. Jedoch das Läuten der Türklingel hielt ihn davon ab.

Fortsetzung folgt ;)

Gruß
Ahorn
 
Hallo Ahorn,
erstmal vorab, danke für die Mühe. Ich habe mir deinen Kommentar durchgelesen und mir diesen durch den Kopüf gehen lassen. Zu einigen Punkten stimme ich dir natürlich zu und bei anderen kann ich deine Bedenken verstehen, aber ich glaube, dass wenn ich dir meine Absicht hinter diesen entscheidungen erkläre, wirst du diese - hoffentlich - nachvollziehen können.

Ich denke du hast recht, ich sollte in irgendeiner Form, das Gedicht vom restlichen Text abheben.
Die andere Sache ist : die Beine verschränkt im Lotossitz. Ich denke dazu sagt man redundant, da die Beine verschränkt sind, sobald man sich im Lotoussitz hinsetzt.

Jetzt etwas bei dem ich denke, dass es eine Perspektivsache ist. Meine Absicht war es, dass die Figuren sich selbst oder gegenseitig vorstellen und vom Erzähler aus keine Namen genannt werden. Somit wollte ich die Figur beschreiben, es aber auch einfach halten. "junger Mann" ist sehr Subjetiv, aber auch nicht so sehr, dass sich einer unter einem jungen Mann, einen 12 Jähren vorstellt oder einen 40 Jährigen. Ich wollte es bewusst wage lassen, sodass der Leser "gezwungen" ist sich selbst ein Bild machen zu müssen, ein Bild , dass aber immer noch in einem Rahmen passt, und zwar in dem des jungen Mannes.

Die zweite Sache ist die Antwort auf deine Frage, ob den "lilafarbenen Lavendel" wichtig für die Geschichte sei. Die Antwort ist: ja. Dieser Abschnitt wiederholt sich öfters in der Geschichte und ich finde - wenn richtig eingesetzt natürlich - können wiederholungen sehr einprägsam sein. Daher hab ich bewusst eine Alliteration gewählt und die Sinne mit ins Spiel gebracht.

Deinen letzten Punkt verstehe ich leider nicht und wäre dir echt dankbar, wenn du mir den nochmal ausführlicher erklärst. Also den mit "dem Füller aus der Hand legen". Alles was ich dazu sagen kann ist, dass ich "prüfen" als verb ausgewählt habe, weil ich mir dachte, dass wir alle die Uhr prüfen, wenn wir eine gewisse Erwartung haben. Ähnlich wenn wir arbeiten, um dann die Uhr zu prüfen, weil wir hoffen bald Feierabend zu haben,

Danke
CW
 

ahorn

Mitglied
Hallo Christopher Wallace,

du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, was oder wie du etwas schreibst. Ich schreibe selber und glaube mir, ich kann deine Intensionen erfassen. ;)
Mein Kommentar ist deshalb nicht der eines Schreiberlings, sondern der eines Lesers, eines dummen Lesers. Den musst du mitnehmen.
Meine Absicht war es, dass die Figuren sich selbst oder gegenseitig vorstellen und vom Erzähler aus keine Namen genannt werden.
Ein gängiges Stilmittel, wenn es sinnig ist. Da du jedoch auf der zweiten, dritten Seite, dass Rätsel auflöst eher umständlich. Glaube mir auf Seite fünf weiß der Leser nicht mehr, wo er seinen Manen zuerst gelesen hat. Er ist ihm wurst. ;)
dass sich einer unter einem jungen Mann, einen 12 Jähren vorstellt oder einen 40 Jährigen
Ich weiß nicht wie alt du bist, aber für mich ist Unterumständen ein 30-Jähriger noch jung und für eine 80-jährige Dame ein 50-jähriger.
sodass der Leser „gezwungen“ ist sich selbst ein Bild machen zu müssen
Wohl löblich, so soll es auch sein. Jedoch gibt es da andere Mittel, um dieses zu erreichen. Habe Fantasie.
die Antwort ist: ja
Dann zeig es dem Leser. Mal ehrlich, du sprichst von Duft, wie viele Menschen denken beim Lavendelduft nur an Waschmittel. Das Wort ‚lilafarbenen‘ verpufft. Wenn es deinen Protagonisten wichtig ist, dann stelle es derart dar. Er dachte bei diesem Duft an ...
alles was ich dazu sagen kann ist, dass ich „prüfen“ als verb ausgewählt habe, weil ich mir dachte, dass wir alle die Uhr prüfen, wenn wir eine gewisse Erwartung haben.
Jo. Ob sie kaputt ist oder nicht.
Eine Uhr ist ein Gegenstand. Klar. Gegenstände kann man prüfen. Auch klar. Wie prüft jemand Dinge? Man vergleicht den aktuellen Zustand mit dem Normzustand. Die Uhr tickt, der Sekundenzeiger bewegt sich. Ich stelle damit fest, ob sie überhaupt funktioniert. Eine Uhr, die einfach nur funktioniert, hilft mir jedoch nicht weiter. Sie sollte die korrekte Zeit anzeigen. Wie prüfe ich dieses? Ich vergleiche die Uhrzeit meiner Uhr mit einer Referenzuhr, von der ich weiß, dass sie richtig tickt. Folgerung: Er weiß bereits die Uhrzeit, als er seine Uhr prüft. Klar!

Komm ich mal ein bisschen zum Theoretischen, obgleich ich kein Schriftgelehrter bin.
In einer Geschichte gibt es zwei Hauptebenen: Die Sachebene sowie die Gefühlsebene und irgendetwas dazwischen.
Beispiel dein Lotussitz.
Ich hole ein wenig aus.
Clara sitzt auf ihrem Pferd. (Sachebene)
Fast jedem Menschen ist klar, wie jemand auf einem Pferd sitzt. Es muss nicht erklärt werden.
Clara sitzt, ihre Arme verschränkt, auf ihrem Pferd. (Sachebene)
Auch dieses ist selbstredend.
Clara sitzt, ihre Arme verschränkt, verkrampft / locker auf ihrem Pferd. (Gefühlsebene)
Was merkt sich der Leser: sitzen, verkrampf / locker.

Zu Lotussitz.
Fast jeder versteht die Begriffe Lotus- oder Schneidersitz, kann sich darunter etwas vorstellen, weiß, wie sie aussehen.
Für den einen bequem, für den anderen unbequem.
Jetzt verbindest du in einem Satz die Begriffe verschränkt und Lotussitz. Wie gesagt der Leser weiß, was der Lotussitz ist. Jedoch mit dem Wort verschränkt assoziiert der Leser ein Gefühl.
Du überzeichnest. Wenn du diese Assoziationen wecken willst, dann ist dieses in Ordnung. Du spielst jedoch mit dem Feuer.
Entweder der Leser glaubt, der Autor ist blöd, oder der Leser ist der Auffassung, dass der Autor der Meinung ist, der Leser sei zu dämlich, um zu wissen, was ein Lotussitz ist, oder der Leser ist verwundert.
Warum sitzt dieser junge Mann in einer Haltung, die scheinbar für ihn unbequem ist. Er ist doch alleine.

Wie gesagt Erbsenzählerei. Jedoch sollten wir als schreibende die Seiten wechseln, und uns überlegen wie ein unbedarfter Leser unsere Sätze aufnimmt. Alles ist erlaubt, solange es gewollt ist und den Effekt erzielt, den wir wollen.

Gruß
Ahorn
 
Hallo Ahorn,
es heißt ja nicht umsonst "der Teufel steckt im Detail", ich finde diese "Erbesenzählerrei" wie du es nennst echt hilfreich. So zwingst du mich dazu, dass ich mich mehr meinem Text auseinandersetzte. Also brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Deine Oben genannten Punkte, werde ich mir bei der überarbeitung, natürlich nochmal durch den Kopf gehen lassen.

Besonders der letzte ist sehr hilfreich. Hab mir den jetzt mehrere mal durchgelesen und ich denke ich bin da auch auf etwas gestoßen. Ich freue mich auf weitere Kritik von dir und ich gebe mir natürlich mühe, den restlichen Text, so weit wie nur mölich, hier hochzuladen. Danke

Gruß
CW
 

ahorn

Mitglied
Hallo Christopher Wallace,
bin gespannt. :)

Du solltest darauf achten, dass der Anfang deiner Geschichte plausibel ist. Logikfehler sind tödlich. Später, wenn dein Leser deine Protagonisten kennt, dann hast du mehr Freiheiten.

„Wer zum Teufel?“KEIN PUNKT Er sprach zu sich selbst. Der junge Mann stand auf, blies die Kerze aus und schaltete dann das Licht an. Es läutete ein zweites Mal.
Er sprach zu sich selbst. Zu wem den sonst? Es ist ja keiner da.
Er saß im Lotussitz auf dem Boden, um zu schreiben. Wo war seine Kerze?
Ich für mein Teil würde sie an die Stelle stellen, an der ich tätig bin. Jedoch er? Er steht auf und bläst dann die Kerze aus. Das heißt, sie ist irgendwo oben, dass er sich erneut bückt, schließe ich aus.
Deckenlicht, elektrisches Licht würde in diesem Fall besser passen, da er gerade das Kerzenlicht ausgeblasen hat.

„Ja, ja. Immer mit der Ruhe.“ Er ging auf die Freisprechanlage zu und ehe er den Summer betätigen konnte, hatte es ein drittes Mal geläutet. Allzu gerne hätte der junge Mann, sich über den Hörer erkundigt, wer um diese Uhrzeit so ungeduldig war. Doch dieser war defekt. So betätigte er den Summer und öffnete seine Wohnungstür.
Ist die Freisprechanlage der Heilige Gral, oder warum derartig viel Pathos. Überhaupt, was soll das mit dieser Freisprechanlage, wenn sie sowieso kaputt ist? Die meisten Häuser haben gar keine. Es ist nicht außergewöhnliches daran eine Wohnungstür zu öffnen.
Er ging zu seiner Wohnungstür. Bevor er sie öffnete und den Türöffner betätigte, läutete es ein drittes Mal.
Die Sache mit der Ungeduld würde ich eher mit einer Mimik unterstreichen, denn, dass er nicht erfreut darüber war, hatte er bereits gesagt. Außerdem, wenn er nicht wissen will, wer dort wäre, hätte er nicht geöffnet.

Der junge Mann, der in der vierten Etage wohnte, hörte, wie die Haustür aufgeschlagen wurde, dann das Licht angeschaltet und der unbekannte Besucher die Treppen hinaufeilte. Vor seiner Wohnungstür stehend fragte er: „Wer ist da?“
‚Aufgeschlagen wurde‘ Zabaione. ;)
Unnötiger Passivsatz, der die Aussage verfremdet.
Meinst du aufschlagen, wie ein Ei? Dies macht Geräusche, jedoch die Haustür ist beschädigt.
Oder eher aufschlagen, wie ein Buch?
Im Aktiv:
hörte, wie jemand die Haustür aufschlug. ;)
Passender, logischer, wäre:
hörte, wie jemand gegen die Haustür schlug.
Oder
hörte, wie jemand den Flügel der Haustür gegen die Wand des Treppenhauses schlug.
Das macht Krach!
„In der vierten Etage“ Ist diese Aussage einen Satz wert?
Er wird nicht im EG wohnen, dann sehe er die Eingangstür. Auch aus dem 1. OG gebe es bestimmt wenige Probleme. Höher als im 4. OG wird er gleichfalls nicht seine Zelte aufgeschlagen haben. Meist gibt es in diesen Häusern einen Fahrstuhl.
Solltest du weiterhin im passiv bleiben, heißt es:
dann das Licht angeschaltet wurde
In diesem Fall kannst du auf das erste ‚wurde‘ verzichten.
Oder im Aktiv:
Die Etagenlampen(leuchten) erhellten das Treppenhaus.
„Und der unbekannte Besucher die Treppen hinaufeilte.“
Unbekannter Besucher? Wer sonst?
Jemand/dieser die Treppe hinaufeilte
„Vor seiner Wohnungstür stehend fragte er: 'Wer ist da?'"
Warum fragt der Besucher, wer da ist?
Pronomen brauchen einen Bezug. Der Leser oder Hörer bezieht sich meist auf das Nomen, das das gleiche Geschlecht besitzen. Hier: Der Besucher.
Primo ging zur Treppe. „Wer ist da?“

Seine Worte hallten durch das Treppenhaus. Der Besucher Fremde stoppte. Keine Antwort. Dann stieg er weiter die Treppen hoch herauf / hinauf. Dem jungen Mann Ihm kam es vor, als würden die Schritte hastiger sein als zuvor. Er wiederholte seine Frage KEIN PUNKT lauter und mit kräftigerer Stimme. Wieder stoppte der Besucher. Stille.
Es war so ruhig geworden, der junge Mann bildete sich ein, man könne sein Herz bis unten hin, rasen hören, wobei er sich seine Aufregung nicht erklären konnte.
Wat für ein Satz. ;)
Derart Still, dass er glaubte, jeder vermochte, sein Herz schlagen, rasen, zu hören, wobei er sich seine Aufregung nicht erklären konnte.

Ein Auto sauste über den nassen Asphalt.
Der Satz verwirrt mich als Leser. Weg damit.
gleich darauf fing der Besucher an zu reden.
Alternativ:
Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit stand er vor ihm. Oder so.:rolleyes:


Gruß
Ahorn
 
Hallo Ahorn,
ich danke dir mal wieder dafür, dass dich weiter mit meinem Text beschäftigst. Ich habe mir vorgenommen, erstmal so viel wie möglich hochzuladen und dann, zu einem späteren Zeitpunkt, den Text als ganzes zu korrigieren. Aber deine Angesprochenen Punkte sind sehr hilfreich, wobei ich nur eine Frage habe. Ich weiß nicht genau, woher du aus den ersten Zeilen entnimmst, dass er alleine ist? Bis zu dem Zeitpunkt, wird darüber nichts gesagt, ob er sich mit jemanden im Raum befindet oder nicht, oder ?

PS: Ich habe Kapitel 2. hinzugefügt und werde versuchen das dritte alsbald auch noch hinzuzufügen.

Mit freundilichen Grüßen
CW
 

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