Pelayo

1.1 Vergeltung / der, der sich gegen Gott erhebt

„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du von ihm erwartet
und die Welt wird sich deiner erinnern:
als gefeierte Schlange oder einsamen Falken.

Tag: sechshundertneunundneunzig.“ Ein Gedicht, verfasst von einem jungen, dunkelhäutigen Mann. Dieser saß, die Beine verschränkt, im Lotussitz, auf dem Boden. Der Duft von lilafarbenen Lavendel lag in der Luft, während der Raum von einer Kerze behutsam erhellt wurde. Den Füller aus der Hand legend, prüfte er die Uhr. Es war halb drei nachts. Jetzt war er mit sich selbst zufrieden; jetzt konnte er beruhigt schlafen gehen. Das Läuten der Türklingel schreckte ihn auf.

„Wer zum Teufel?“. Er sprach zu sich selbst. Der junge Mann stand auf, blies die Kerze aus und schaltete dann das Licht an. Es läutete ein zweites Mal.
„Ja, ja. Immer mit der Ruhe.“ Er ging auf die Freisprechanlage zu und ehe er den Summer betätigen konnte, hatte es ein drittes Mal geläutet. Allzu gerne hätte der junge Mann, sich über den Hörer erkundigt, wer um diese Uhrzeit so ungeduldig war. Doch dieser war defekt. So betätigte er den Summer und öffnete seine Wohnungstür.

Der junge Mann, der in der vierten Etage wohnte, hörte, wie die Haustür aufgeschlagen wurde, dann das Licht angeschaltet und der unbekannte Besucher die Treppen hinaufeilte. Vor seiner Wohnungstür stehend fragte er: „Wer ist da?“
Seine Worte hallten durch das Treppenhaus. Der Besucher stoppte. Keine Antwort. Dann stieg er weiter die Treppen hoch. Dem jungen Mann kam es vor, als würden die Schritte hastiger sein als zuvor. Er wiederholte seine Frage. Lauter und mit kräftigerer Stimme. Wieder stoppte der Besucher. Stille. Es war so ruhig geworden, der junge Mann bildete sich ein, man könne sein Herz bis unten hin, rasen hören, wobei er sich seine Aufregung nicht erklären konnte. Ein Auto sauste über den nassen Asphalt. Gleich darauf fing der Besucher an zu reden.
„I … ich bin´s, Mann. J … Joshua!“ Die Stimme war zittrig, unsicher, als müsse er sich selbst davon überzeugen, wie er hieß.

Der junge Mann und Joshua standen sich gegenüber. Ein bis ins Knochenmark greifender Schock, hatte den jungen Mann erfasst, kaum hatte er seinen Freund gesehen. Er musterte Joshua, der in blutverschmierter Kleidung vor ihm stand. Dieser schien unverletzt zu sein. „Was ist mit dir pass… Deine Kleidung. Sag mir … das ist nicht dein Blut, oder?“
„Ich wünschte, es wäre meins. Die Lage, Bruder. Es ist ernst …“, fing Joshua an, röchelnd und nach Luft ringend. „Die Araber … die Al Sharifs meine ich … die haben angefangen, Jagd auf uns zu machen!“
Der junge Mann schwieg. Seine Atmung flachte ab und die Hände hatte er zu Fäusten geballt. Seine Pupillen erweiterten sich. Dann schaltete sich das Licht im Flur aus, doch es wurde nicht dunkel. Joshua stand immer noch an der Treppe. Auf den jungen Mann wirkte die herrschende Stille erdrückend, fast so, als hätte sich jemand auf sein Brustkorb gesetzt.

Es war Joshua, der als erstes das Wort ergriff: „Ich weiß … Ich weiß, du meintest, du hättest dich zurückgezogen und so ein Scheiß, aber hierfür … Diese Sache ist was anderes …“ Joshua stammelte. „Primo, hierfür musste ich zu dir. Wie soll ich es dir sagen … Es hat Jamal erwischt.“

Üblicherweise wäre Primo davon genervt gewesen, über Dinge unterrichtet zu werden, die mit den Straßengeschäften zu tun haben. Doch wie von Joshua angekündigt, handelte es sich nicht um das Übliche. Es ging nicht um irgendwelche Reviere, die es zu beschützen gab oder darum, dass „einer dieser oder jener Person noch Kohle schuldete“, oder um die Ware, die seit Wochen minderwertig war und somit schnellstens ein neuer Lieferant gefunden werden sollte, da selbst die Abhängigen anfingen, sich zu beschweren – frei nach dem Motto: der Kunde hat immer Recht. Das hier war etwas anderes. Es war etwas Persönliches. Jamal, der Junge, mit dem er aufgewachsen war, war ermordet worden.

Primos Reaktion war ein Indikator dafür, in welch einer Welt er mal gelebt hatte. Der Schock der Nachricht hatte veranlasst, dass alte Gewohnheiten die Oberhand gewannen. Sein Gesicht wurde starr. Kein Anzeichen von Anteilnahme oder einer inneren Emotionalen Bewegung.

Das höchste Gebot der Straße lautete: Blut muss mit Blut vergolten werden. Oder einfacher: Wenn einer von uns geht, hat einer von euch zu gehen. Die beiden Jungs kannten die Regeln; die beiden Jungs hatten sie akzeptiert. Somit war es eine schon fast Alternativlose Situation, die ohne des persönlichen Wunsch nach Rache, nach einem Akt der Vergeltung trachtete. Primo und Joshua hatten gesehen, was mit denen passiert, die sich weigerten, sich an die Regeln der Straße zu halten. Auf Rache zu verzichten, hieß Kapitulation. Die Kapitulation wiederum zog andere Folgen nach sich.

Joshua fragte: „Was sollen wir tun, Bruder?“
„Scheiße. Als erstes, lassen wir das nicht so auf uns sitzen, Bruder“, antwortete Primo.
Die Gelassenheit, mit der er seiner Worte aussprach, überraschte ihn selbst. Es kam ihm vor, als wäre er etliche Male in so einer Situation gewesen. Dabei war es sein erstes Mal.
„Ich wusste, dass du immer noch derselbe bist, Primo“, sagte Joshua stolz. Als Joshua, an Primo vorbei, in die Wohnung wollte, hielt dieser ihn auf. Sie sahen sich gegenseitig in die Augen. Es war, als würden ihre Blicke die Luft zum Brennen bringen. Sie hatten den gleichen Gedanken.
„Das hier wird hässlich werden, aber wir sind es Jamal schuldig“, fing Primo an. „Du weißt, wie es heißt, Bruder: Auge um Auge.“
„Und wenn es sein muss: ein scheiß Zahn um ein anderen.“

In Primos Wohnung ging Joshua ins Wohnzimmer, um seine blutverschmierte Kleidung auszuziehen. Primo stand vor seinem Kleiderschrank und suchte für seinen Freund etwas Passendes zum Anziehen. Er nahm einen schwarzen Trainingsanzug, ging ins Wohnzimmer und warf diesen Joshua vor die Füße. Den Spruch „diesen machst du nicht dreckig“ konnte er sich nicht verkneifen. Die Stimmung war angespannt, es war wichtig einen kühlen Kopf zu bewahren.

Primo ging in die Küche, nahm sich zwei Gläser und kippte in beiden etwas vom braun goldenen Whisky ein. Dann sah er sich die Gläser lange an, bis er sich entschloss eins zu nehmen. Er drehte sich zum Fenster, leerte das Glas und verzog dann sein Gesicht. Augenblicklich wurde es warm in ihm.

Primo hörte einen Knall aus dem Wohnzimmer. Er erschrak. Joshua hatte den Fernseher angeschaltet. Primo schüttelte sich sein Glas nach. Dann ging er ins Wohnzimmer und sagte, mit einem breiten Grinsen im Gesicht: „Du fühlst dich hier auch wie in einem scheiß Hotel, nicht?“ Er überreichte Joshua ein Glas. Joshua stand auf und die Jungs verschütteten etwas vom Alkohol auf den Boden. Erst dann leerten sie ihre Gläser. So zollten sie dem Verstorben ihren Tribut.

Im Fernseher lief eine Dokumentation über die Invasion Amerikas in Afghanistan. Primo sah sich die Bilder an. Leichen. Leichen von Kindern. Leichen von Frauen und Leichen von Soldaten. Eine von Bomben zerstörte Stadt. Dann, ein verkrüppelter Hund, der auf drei Beinen durch die Steppe humpelte. Er senkte seinen Blick.

Von Joshua hatte Primo erfahren, dass die Al Sharifs sich vorgenommen hatten, ihre verlorenen Reviere zurückzuerobern. Ein Plan, der mit der Ermordung Jamals, nun seinen Anfang genommen hatte.
„Ich war der Erste, der bei Jamal war. Drei Schüsse, Bruder. Wir saßen alle im alten Café. In Altendorf. Die Scheiße ist auf offener Straße passiert. Wie einen Köter haben die ihn abgeschlachtet. Und weißt du, da war so viel Blut, Bruder. Im Blut … der Mond … der Mond hat sich in seinem Blut gespiegelt … und seine …“ Primo sah zu Joshuas Kleidung.
„Und was erzählt man sich auf der Straße, wer es gewesen sein kann? Ich hoffe …“
„Hältst mich für einen Amateur, Bruder?“, unterbrach ihn Joshua. „Ich bin hier, dann weiß ich auch wer, geschossen hat. Es war der Oger.“
„Der Oger?“, fragte Primo überfordert.
„Jetzt verstehst du, oder? Es ist offiziell, wir sind am Arsch. Der Schütze soll zwei Meter sein und ist im roten Porsche weggefahren. Das ist alles was wir wissen und das ist alles, was wir zu wissen brauchen.“

Rahim Al Sharif, kurz der Oger, war der stellvertretende Anführer der Familie. „An so einen kommt man nicht einfach so ran“, fuhr Primo fort. Er ging mit seiner rechten Hand durch seinen Bart. Die Bilder im Fernseher flackerten von der einen Szene zur anderen. Weinende Mütter. Soldaten in Gefängnissen. Eine von Leichen gepflasterte Straße. Joshua zündete sich eine Zigarette an. Weißer Qualm stieg in die Luft. Der Lavendeldurft verflüchtigte sich.
„Er soll gerade im Pelayo sein.“
„Im Pelayo?“ Primo riss die Augen auf.
„Das verfressene Monster soll da öfters seine Nächte verbringen.“
„Im Pelayo?“, wiederholte sich Primo.
„Ja! Im verdammten Pelayo. Anstatt mich zu fragen, wo der ist, sollten wir uns nicht lieber Gedanken darüber machen, wie wir ihm die Scheiße heimzahlen können?“ Primo stand auf und spielte weiter mit der Hand, in seinem Bart herum.

Etwa eine halbe Stunde hatten die Jungs darüber diskutiert, wie der Mord ihres Freundes erfolgreich vergolten werden konnte. Als größtes Problem hatte sich der Ort, an dem sich das Ziel befand, herausgestellt. Würde er nach so einem Anschlag allein sein oder würde er gut bewacht werden? Das Pelayo befand sich im Essener Stadtteil Rüttenscheidt; Rüttenscheidt befand sich in der Hand der Al Sharifs. Primo stellte die unangenehme Frage: „Können wir in ein verdammtes Bienennest schlagen, ohne am Ende selbst gestochen zu werden?“
„Wer sagt, dass wir ihn dort angreifen müssen? Warum ihm nicht auflauern, warten bis er zuhause ist und dort unsere Sache erledigen. Oder … oder wir fahren ihm nach und dann, an einer Ampel … An einer ruhigen Straße … Hätten wir nur eine verdammte Knarre!“

Wortlos verließ Primo das Wohnzimmer und kam mit einem Schuhkarton in den Händen zurück.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Scheiße jemals wieder benutzen würde.“ Er öffnete den Karton und nahm etwas, dass mit einem weißen Tuch umwickelt war, heraus. Es war ein Revolver. „Am Ende ist so ein Spielzeug doch immer eine hilfreiche Sache. Aber“, ermahnte er, „lass uns nur im Notfall darauf zurückgreifen. Mir gefällt die Idee, dem Oger aufzulauern. Sollte er allein sein oder mit einer weiteren Person, werden wir schon mit denen fertig.“ Er holte ein Balisong – auch bekannt als Butterflymesser - aus dem Schuhkarton. „Sorgt zwar für einen blutigen, aber dafür stillen Tod, wenn du verstehst was, ich meine.“
„Und sollten es mehr sein, haben wir unsere dicke Freundin mit uns“, fügte Joshua grinsend hinzu. Er stand auf, nahm den Revolver in der Hand und begutachtete die Waffe. „Darauf können wir uns auch ganz sicher verlassen?“
Primo drehte sich von Joshua weg und antwortete: „Selbstverständlich. Aber im besten Fall brauchen wir das Ding nicht. Wir müssen ihn nur erwischen, wenn er allein ist. Den Rest erledige ich schon, Bruder.“ In der Theorie war der Oger ein toter Mann, jetzt musste der Plan nur noch in der Praxis umgesetzt werden. Es war viertel nach drei.

1.2 Der Oger, der im Nebel wanderte

„Musst dich wieder übergeben?“, fragte Primo.

„Nein … Es geht mir schon besser“, antwortete Joshua.

„Meinst du, du wirst es durchziehen können?“

„Auf jeden Fall“, sagte Joshua energisch.

Im Schutze des Nebels, verborgen im Schatten, hatte Primo seinen schwarzen Ford Focus geparkt. Vor ihnen, der Hinterhof des Pelayos. Sechs Autos standen dort. Joshua hatte recht gehabt: trotz des dichten Nebels, konnte man der roten Porsche sehen. Die Beute hat sich zu erkennen gegeben, hatte Primo beim Vorbeifahren dazu gesagt.

Primo sah zu Joshua rüber. Schweißperlen auf Joshuas Stirn und seine Haut war blass geworden. Primo schien es, als wäre sein Freund in den letzten Stunden gealtert. Er machte sich Sorgen. Dann richtete er sein Blick wieder in Richtung des Pelayos. Der Nebel behinderte die Sicht, doch nur solange, bis die Hintertür des Pelayos geöffnet wurde. Das Licht, aus dem Lokal, brachte Klarheit.

Bei jedem Mal, bei dem die Tür geöffnet wurde, konnte Primo die Personen, anhand ihrer Silhouetten unterscheiden. Als erstes waren zwei Männer herausgekommen. Beide etwa 1,80. Es schien so als würden sie sich streiten. Etwa drei Minuten lang, dann kam eine Dame heraus. Sie fuchtelte mit den Armen herum. Zu dritt gingen sie wieder hinein und schlossen die Tür hinter sich. Nebel. Dann kam ein dicker, recht kleiner Mann mit jeweils einer Mülltüte in der Hand heraus. Er warf den Müll in den Container und ging zurück ins Lokal. Nebel.

Wieder sah Primo zu Joshua rüber. Hände zitternd zerkleinerte dieser das bröslige Pulver mit seinem Ausweis. Dann legte er sich das Ganze zu einer Line zurecht und schniefte diese, mithilfe eines eingerollten Geldscheins, durch die Nase. Der Hintertür öffnete sich ein weiters Mal, es war nicht Rahim.

Eine Stunde war vergangen, seitdem sie versteckt im Schatten, auf das Pelayo starrten. Fünf Autos hatten das Gelände verlassen. Der rote Porsche stand einsam an seinem Platz. Rahim hatten sie bis hier hin nicht einmal sehen können. Primo war wach, konzentriert und sein Blick verriet, dass er zu allem bereit war. Anders stand es um Joshua. Seine Haut war so Weiß und rein, wie das Pulver, dass er vorhin noch geschnieft hatte. Seine Lippen waren trocken und seine Hände, trotz der Kälte, feucht.
„Bist du sicher, dass du das hier durchziehen kannst“?
„Für wem hältst du mich?“, antwortete Joshua genervt. Seine Stimme war entschlossen; seine Augen offenbarten Furcht. Zumindest kam es Primo so vor. „Denkst du ich wäre schwach? Willst du, dass die anderen mich für schwach halten?“ Primo entschied sich zu schweigen. „Jamal war nicht nur dein scheiß Freund, Bruder.“ Fügte Joshua wütend hinzu. Primo verstand, dass Joshua sich durch seine Bedenken angegriffen fühlte.
„Denkst du ich will dich nicht dabeihaben? Aber …“, Primo brach ab. Er wollte nicht das offensichtliche Aussprechen. Es kam ihm eine Idee. Er selbst hielt sie für ungewöhnlich, hielt aber daran fest. Wie kein zweiter kannte Primo die Kraft der Worte. So entschied er sich, die ihm liebsten mit seinem Freund zu teilen.

Primo drehte sich von Joshua weg und sah in den Himmel. Gleich zum Mond, auch wenn die Nebelwand seine Sicht behinderte. Es war als könne er durch den Nebel hindurch, den Mond, in seiner vollen Pracht sehen. Dann sagte er folgendes: „Verbrennen musst du dich wollen in deiner eigenen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!“ Stille. Nebel.

„Was zur Hölle soll das bedeuten“, fragte Joshua. Primo antworte ihm nicht. Er hatte erkannt, dass er diese Worte für sich selbst ausgesprochen hatte und nicht für seinen Freund. Denn während er sprach, fühlte er sich befreit von jeder Bürde, jeder Verpflichtung und jeder Sorge, die er jemals hatte. In diesem kurzen Augenblick sah er sich selbst als Falken, der über Städte, Täler und Berge flog; auf die Welt hinabsehen, weil es keinen Grund gab hinaufzusehen. Er sah zu Joshua, ihre Blicke kreuzten sich. „Weißt du Bruder“, fing er an. Seine Stimme klang unschuldig, sanft, gutmütig. „Manchmal schließe ich meine Augen und was ich sehe, ist den Aufstieg einer neuen Sonne. Ich stehe am höchsten Punkt der Erde und Blicke auf eine zerstörte Stadt herab. Leichen. Leichen von Kindern, Leichen von Frauen, Leichen von Soldaten. Gewöhnlich wäre es, bei diesem Anblick furcht zu empfunden; doch ich fühle anders, ich fühle Ehrfurcht. Was ich sehe ist kein Ende, ich sehe einen Neu - Anfang.“ Stille. Nebel.

Rashid grinste. Joshua schwieg und eher er antworten konnte, klopfte es an Joshuas Fenster. „N´abend“, sagte eine hässliche Stimme, gefolgt von einem noch hässlicherem Gesicht, dass, nachdem Joshua das Fenster heruntergelassen hatte, hineinschaute. Es war ein Obdachloser und Primo ahnte wonach dieser suchte. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Abhängigen nach Rüttenscheidt pilgerten, auf der Suche nach dem heiligem, weißen, kolumbianischen Berg Kokain. Die Augen des Mannes durchwühlten das Auto, ohne die beiden Insassen zu beachten.
„Scheiße, kann man dir weiterhelfen?“ Primos Ton war ein anderer als der von vorhin.
„Ach Mister“, fing der Obdachlose an, gekünstelt zu reden. „Ich bin gerade an dieses Automobil vorbeigelaufen und war mir sicher das …“ Er spielte mit den Fingern an seiner Nase.
„Sowas haben wir hier nicht“, antwortete Joshua. Der Mann wollte sich nicht so leicht geschlagen geben.
„Mister, ich bin es doch. Sie kennen mich … haben sie etwa vergessen? Warum schauen sie mich so an, drohend, skeptisch, gar misstrauisch? Ich weiß es jetzt, sie sind Spione! Aber auch ich bin einer, meine Herren. Ich spioniere herum, aber finde nichts. Und … und sollten wir uns nicht in prekären Situationen, gegenseitig Hilfe leisten? Denn …“ Er brach seinen Monolog abrupt ab. Seine Augen hatten Primos Augen gekreuzt. Ein Verhältnis, ähnlich wie das zwischen Raubtier und Beute, hatte sich etabliert. Falke und Kaninchen. „Ich bedanke mich aufrichtig für ihre Hilfe, meine Herren. Möge Gott euch auf euren Weg begleiten.“ Genauso plötzlich wie er gekommen war, war er auch verschwunden.

„Dieser Gestank“, sagte Primo genervt.
„Bei diesem Geruch sollte er ein Schild oder sowas tragen“, fügte Joshua hinzu. Und als sich beide wieder zum Pelayo hindrehten, öffnete sich die Hintertür. Die Silhouette hatte ihn gleich verraten. Primo sagte: „Der Oger, der im Nebel wandert.“ Selbstsicher bewegte sich Rahim auf den roten Wagen zu, unwissend, dass der Tod, verborgen im Nebel, auf ihn wartete.

Von jetzt an ging alles schnell. Rahim Al Sharif lief auf sein Auto zu. Die Tür hatte er hinter sich geschlossen. Nebel. War er im Auto? Stand er vor dem Auto? Wo und was tat er? Primo und Joshua konnten es nichts erkennen, doch wussten sie eines: er war allein!

Eine Minute verging. Die Tür öffnete sich von außen und Rahim ging zurück ins Lokal. War dies ihre beste Chance gewesen? Da öffnete sich die Tür wieder, und wieder einmal kam Rahim heraus. Allein. Primo war überzeugt, etwas in dessen Hand gesehen zu haben. „Ein Joint“ schoss es aus ihm heraus.

„Was?“

„Er raucht sich einen Joint. Wir sollten es gleich hier machen. Der wird da drin, erstmal nicht erwartet. Er ist allein. Das ist unsere Chance!“

„Also ziehen wir es hier durch?“

Primo drehte sich zu Joshua. „Genau. Gleich hier. Du hast die Knarre, aber die benutzen wir nicht, zumindest nicht für ihn. Ich mach das mit ihm persönlich aus. Er soll Leiden, möglichst lange, bevor er stirbt.“

„Gegen dieses Mon … Oger?“

„Keine Sorge. Ich schaff das. Aber ich brauche dich, Bruder. Sei meine Rückendeckung. Kommt jemand aus dem scheiß Laden, heißt es Sayonara für ihn. Kein zögern. Direkt abdrücken. Es darf uns keiner sehen. Kann ich auf dich Zählen?“ Er hatte darauf keine Antwort erwartet. Die Instruktion hatte keine Minute gedauert. Primo glaubte, dass das Glück auf deren Seite war.

Adrenalin raste durch seine Adern, die Zeit verlief langsam – wie oft hatte er diesen Rausch schon erlebt? Meditation war ein Werkzeug. „5… 4… 3… 2… 1…“ er zählte runter und stürmte bei Null aus dem Wagen. Dicht gefolgt von Joshua, der den Startschuss verpasst hatte. Herzrasend, den noch kalten Schlagring in der rechten Hand, pirschte Primo sich an seine Beute ran. Im Schutze des endloswirkenden Nebel, hatte der Oger ihn nicht kommen sehen. Rahim stand am Auto und kiffte.

Wie ein Falke, der aus 100 Meter Höhe, im Sturzflug, seine Beute, durch seinen Krallen zu Tode verurteilt, stürzte sich Primo auf Rahim. Er legte zu einer Finte an. Holte mit der linken Faust aus. Rahim, von dem plötzlichen Angriff völlig überfordert, wich instinktiv, von sich aus, nach links aus. Reingefallen. Primos Faust, samt Schlagring, küsste Rahims rechte Schläfe. Der laute Aufprall verriet, wie hart sein Schlag war. Der Oger ging zwei Schritte zurück. Seinen Beinamen hatte er sich redlich verdient. Er Stand. Primo lächelte. Ein Kampf um Leben und Tod hatte begonnen.

Der Oger war stärker, aber Primo wusste: Präzision und Schnelligkeit übertrumpften Stärke. Der Oger fragte Primo, wer er den sei und dieser antwortete grinsend: „Dein Tod!“

Primo übte druck aus. Ein kurzen Schritt nach vorne, um die Distanz zu verkürzen. Dann ein weiteren und noch einen. Dann, ohne dass Rahim es erwarten konnte, peitschte er sein Schienbein gegen den Oberschenkel seines Gegners. Dieser Tritt, böswillig wie er war, wurde als Leg-kick bezeichnet. Und wie effektiv dieser war, konnte Primo in Rahims Augen sehen. Angst. Aus Angst wurde Verzweiflung, kaum hatte Primo einen zweiten Tritt angetäuscht. Primos Timing war herausragend, seine Bewegungen unorthodox. Er täuschte ein zweits Mal an, Rahim zuckte heftig.
Dann, im Bruchteil einer Sekunde, stand er dicht vor Rahim. Ein Schlag gegen die Leber. Der Oger krümmte sich vor Schmerz. Primo drückte Rahims Kopf mit beiden Händen nach unten; es folgten zwei Schläge mit dem Knie, auf die Nase. Rahim ging zwei Schritte zurück. Er blutete, war aber nicht geschlagen.

Primo grinste. Er ließ Rahim kurz verschnaufen. So würde er Hoffnung tanken; umso schlimmer dann, sollte er realisieren, dass er nie eine Chance gehabt hatte. Der Oger holte zum Schlag aus. Primo hatte die Bewegung antizipiert. Er wich aus. Ein Schritt nach Hinten. Dann konterte er Rahims angriff, mit einer Rechten, gegen den Solar Plexus. Der Oger lag. Er japste nach Luft. Primo grinste siegreich.

Dann stürzte er sich auf Rahim und schlängelte seine Beine, von hinten, um dessen Oberkörper. Er setze zu einer verbotenen Variante des Würgegriffs an: den Neckcrank.

Bei einem normalen Würgegriff würde Primo seinen rechten Arm um Rahims Hals schlängeln, sodass der Ellbogen unter dem Kinn sitzt. Dann würde er nach seinem linken Bizeps greifen und mit der linken Hand, gegen Rahims Kopf drücken. Hatte er einmal diese Position gesichert, war nicht mal mehr Kraft nötig um zu Würgen. Das Zurückziehen der Schultern, das Anspannen der Rückenmuskulatur, würde dazu führen, dass der Gegner gewürgt wird. Je nach Person, dauerte es dann zehn bis fünfzehn Sekunden bis zu Bewusstlosigkeit.

Primo jedoch setzte dieselbe Technik, nicht am Hals, sondern am Kiefer an. Dabei drehte er sein eignen Oberkörper nach rechts, wodurch sich der Nacken des Gegners mitdrehen und überdehnen würde. Dies war eines des schmerzhaftesten und gefährlichsten Varianten des Würgegriffs. Als Primo seine Position gesichert hatte und mit all seiner Kraft, den Nacken seines Gegner überdehnte, hörte er nach einigen Sekunden, etwas das sich so anhörte, wie wenn man zwei Wallnüsse aneinanderdrückt. Rahims Kiefer war gebrochen. Gleich darauf verlor Rahims Körper an Spannung – die Urinstinkte setzten aus. Primo drückte in einer Richtung und quetschte dabei weiter Rahims Gesicht und das für etwa dreißig Sekunden. Dann löste er sich von Rahim, welcher jetzt auf dem Rücken lag. Wieder stützte er sich auf Rahim. Mit beiden Händen griff er nach dessen Kopf und ließ ihn mehrmals gegen den Beton aufschlagen. Es hörte sich wie das Ticken einer Uhr an: wieder und wieder und wieder und wieder und wieder, bis er einen Knall hörte.

Was war geschehen? Im Pelayo saß Rahims Frau. Neben sich ihre Tochter und ihr kleiner Bruder. Seine Frau schaute auf die Uhr. Überrascht davon, wie spät es war, sagte sie den Kindern, dass es Zeit sei nachhause zu fahren. Es war kurz vor fünf. Sie zogen ihre Jacken an und verabschiedeten sich. Ihr kleiner Bruder fragte sie: „Kommt Rahim mit?“ Und sie antwortete ihm, dass Rahim noch etwas zu erledigen habe. Zu dritt standen sie mitten im Pelayo und Rahims Frau hatte gar vergessen, ob sie vor dem Pelayo oder auf dem Hinterhof geparkt hatte. Sie rieb mit der Hand die Stirn und sagte, zu sich selbst: „Du wirst Alt Jasmin.“ Und ging, mit beiden Kindern jeweils in einer Hand, auf die Hintertür zu. Wäre sie mal in die andere Richtung gelaufen; Jasmin öffnete die Tür und sah in den Lauf eines Revolvers. Ihr Auto stand vor dem Pelayo.

Die Dinge nahmen einen Unwirklichen Lauf an. Erst hörte Rashid den Knall, dann nahm er das Licht wahr, dass aus dem Pelayo kam, dann wie drei Schatten auftauchten und letztlich, wie der Schatten in der Mitte, zusammensackte.

Im Nebel seiner Gedanken erinnerte er sich dann an sein Gedicht. Es war ihm wichtig geworden dieses zu ändern, sollte er es nach Hause schaffen. Warum zu dem Zeitpunkt? Er konnte es sich selbst nicht erklären.

Ein zweiter Schuss holte ihn aus seiner Träumerei. Er drehte sich zu Joshua um. Dieser hatte den Revolver auf die Kinder gerichtet. Beide hatten sich auf den Boden geworfen, eins nach links und eins nach rechts, von der Leiche entfernt. Primos Körper war wie festgefroren. Er sah in Joshuas blutrote Augen, die durch die schwarze Skimaske blickten. Diese Augen hatten das kleine, weinende Mädchen anvisiert. Das unausweichliche stand bevor. Dann ein Klicken. Ein zweites und drittes Klicken. Der Revolver klemmte. Primo rappelte sich auf. Er schlug Joshua die Waffe aus der Hand. Sah in das Lokal. Kein Mensch. Außer den Kindern, lebte keiner der sie gesehen hatte.

„Scheiß auf die! Lass uns hier verschwinden!“ Sie stürmten auf das Auto zu. Joshua fragte nach Rahim.
„Entweder der ist Tod oder er wird nie wieder richtig funktionieren. Der Tod, wäre die bessere Option.“ Sie stützten sich ins Auto. Aus der Ferne heulten Martinshörner.
„Scheiße, wir wissen nicht wo … Und die verdammte Knarre“, fing Joshua panisch an. Primo unterbrach ihn: „Blieb cool!“ Er fuhr das Auto an, würgte den Motor jedoch ab. Beim zweiten Mal genauso und erst beim dritten Versuch quietschten die Reifen und sie ließen das Verbrechen hinter sich.

Der Wagen sauste davon und bog links in eine Einbahnstraße ein. Primo sah in den Rückspeigel, der Nebel färbte sich Blau. Er bog in einer weitere Einbahnstraße ein, gleich in einer Sackgasse. Links von ihnen Häuser; rechts von ihnen ein Wald. Joshua kreischte: „Wir sind verloren, Primo. Hier geht es nicht weiter.“ Primo grinste. Er parkte das schwarze Auto, zwischen einem schwarzen Jaguar und einem weißen Mercedes. Dann zeigte er auf den Wald „von hier aus sind es dreißig Minuten bis zu mir.“ Joshua nickte. Das Heulen der Martinshörner wurde lauter.

1.3 Neu - Anfang

Primo und Joshua hatten sich durch den feuchten modrigen Schlammboden gekämpft, dass in einer kalten, nebligen Oktobernacht, wo sie sich jetzt vor Primos Haustür wiederfanden. Sie waren außer Atem und hatten beide die Hände in die Knie gelegt.
„Was ist mit … deinem Auto, Bruder?“, sagte Joshua nach Luft röchelnd.

„Ich werde es … ent-sorgen lassen. Mach dir darüber kein Kopf.“ Auch Primo war außer Puste.

„Keine schlechte Idee gewesen. Die müssen glauben, dass wir mit dem Auto unterwegs sind.“

„Ja.“

„Ich werde jetzt nicht schlafen können, Bruder. Ich bin immer noch voll drauf.“

Primo sah auf seine Uhr. Es war halb sechs.

„Bruder, ich muss in genau vier Stunden bei der Arbeit sein, sonst …“

„Ist kein Problem … ist auch womöglich besser so. Das heute Nacht war … wild.“

„Es war das Richtige, Bruder. Geh nach Hause und leg dich schlafen. Bald haben wir diese Sache vergessen haben.“ Und während beide sich die Hand reichten, erinnerte Primo seinen Freund daran die Kleidung und Handschuhe zu entsorgen.

„Verbrenn am besten alles. Auch die Skimaske.“

„Du hast deine nicht mal angezogen, Primo.“

„Ich weiß … aber, es hat uns keiner gesehen.“

„Hätte Böse ins Auge gehen können.“

„Scheiß drauf. Gibt kein Grund sich über verschüttete Milch aufzuregen. In einer Woche ist alles beim alten“, schloss Primo überzeugt ab.

Primo sah wie Joshua, Stück für Stück, vom Nebel verschlungen wurde. Dann ging er in seine Wohnung. Die turbulente Nacht ließ er sich, wie ein Film, in seinem Kopf abspielen. War dies ein Erfolg oder ein Misserfolg? Eine endgültige Antwort war abzuwarten. Rahims Tod war beabsichtigt gewesen, die Frau mit den Kindern nicht.

In seiner Wohnung ging Primo duschen. Unter der Dusche dachte er ausschließlich an sein Gedicht. Vor Joshuas Ankunft war es ihm nicht gelungen sich zu konzentrieren – oder besser gesagt - loszulassen. Erst als die Worte, in der Form dieses Gedichtes, seiner Fantasie entsprangen, fand er zu inneren Ruhe. Jetzt missfielen ihn dieselben Worte. Was er genau daran nicht mochte, konnte er nicht sagen. Hauptsächlich störte ihn der letzte Vers:
„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du, von ihm erwartet
und die Welt wird sich deiner erinnern:
als gefeierte Schlange oder einsamen Falken.“

Nachdem er duschen war, sich angezogen und etwas Kleines zu sich genommen hatte, wollte er sich schlafen legen. Doch konnte er nicht einschlafen; er sah dabei zu, wie es draußen hell wurde. Primo stand auf und ging ins Wohnzimmer. Er setzte sich auf den Boden, verschränkte seine Beine und konzentrierte sich auf seine Atmung. Ein leichter Hauch von Lavendel erfüllte noch den Raum, etwas das Primo augenblicklich beruhigte. Er hoffte in der verbleibenden Zeit sein Gedicht ändern zu können, doch es kam anders.

Verdrängte Kindheitserinnerungen wurden aus den Tiefen seines Unterbewussten hochgespült und drängten sich ihm auf. Der Geruch von Salzwasser stieg ihm in die Nase und er hörte das Meer rauschen, während ein Schwarm von Möwen über sein Kopf flog. Er sah zwei Jungs, die im Wasser unbekümmert miteinander spielten, während kleine Wellen auf sie einbrachen. Es schein ihm, als wäre dies der Beginn, seiner Endlosen Nacht. Eine Träne kroch ihm langsam das Gesicht herunter und hinterließ eine Spur, gleich der Schleimspur einer Schnecke.

Übermüdet machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Trotz der Kälte hatte er sich entschlossen zu laufen und nicht den Bus zu nehmen. Er stoppte an einem Kiosk und kaufte sich eine Flasche Wasser. Dort fiel ihm eine Zeitung auf. Der Aufmacher: „EUROPA VOR DEM ENDE! WER RETTET DIE EUROPÄISCHE UNION?“ Darunter die Bilder verschiedener Spitzenpolitiker. Er erinnerte sich daran, dass bald Wahlen anstanden. Er kaufte die Zeitung und blätterte sie durch, ohne zu wissen warum. Als er nichts Auffälliges darin fand, warf er diese weg.

Während all der Zeit, hatte er nicht bemerkt, dass er verfolgt wurde. Der Verfolger war dabei nicht einmal geschickt und hatte es dem Nebel zu verdanken, dass er nicht von Primo entdeckt wurde. Als Primo vor seinem neuen Arbeitsplatz stand, sah er noch einmal auf sein Handy. Er hatte eine Nachricht erhalten. Es war seine Mutter. „Mein Schatz“, schrieb sie, „viel Spaß und viel Erfolg bei der Arbeit. Streng dich an und vergiss nicht, dich hin und wieder zu öffnen. Du weißt am besten, wie du sein kannst.

PS: Ich weiß, dass du hast mal wieder vergessen hast dir die Haare zu schneiden. Bitte nachholen! Ich liebe dich.“ Er schmunzelte und schaltete das Handy aus.

Um halb elf betrat Primo sein neuen Arbeitsplatz. Er war müde, machte aber einen recht frischen Eindruck. Er sah in die Augen einer jungen Dame und lächelte. Sie lächelte zurück und grüßte ihn mit den Worten: „Willkommen im Pelayo.“
 

ahorn

Mitglied
Hallo Chistopher Wallace,
herzlich willkommen im Forum der Intrigen, Hinterhalte und Blutspuren.
Die ersten Zeilen deines - ich würde es aufgrund der Nummerierung - Romans lesen sich vielversprechend. Jedoch stehst du eher am Anfang deines Weges. Viel Arbeit liegt noch vor dir und da meine ich nicht die Kapitel die - so hoffe ich - kommen werden.

Gruß
Ahorn
 
Hallo ahorn,
zuallererst: es freut mich hier dabei zu sein. Ich bin immer offen für konstruktive Kritik aller Art und würde mich dementsprechend über möglichst viel Input freuen. Da ich zu Zeit viel arbeite, will ich keine versprechungen machen, aber es ist defintiv so geplant, den ganzen Roman hier hochzuladen. Ich werde versuchen wöchentlich hier was hochzuladen.

Ps: wenn du jetzt schon Anmerkungen hast, würde ich mir die gerne anhören. Gerade da du sagst, dass dir der anfang gefällt, würde ich gerne wissen, was dir genau daran gefällt.

Gruß
CW
 

ahorn

Mitglied
Hallo Chrisiopher Wallace,
ich sprach von vielversprechend und viel Arbeit. ;)
Allein der jungen Mann ist ein bisschen Mann zu viel, abgesehen von Primo, Primo, Primo ...
Zu einem Teil sind deine Sätze wohlformuliert und rund. Zum anderen holpern sie wie ein Zug auf Interzone.
Soweit ich Zeit habe, lese ich deinen Text Satz für Satz, mal sehen, was mir alles auffällt. ;)
Vielleicht meldet sich @jon. Die weiß, wo es lang geht. :cool:

Gruß
Ahorn
 

ahorn

Mitglied
Hallo Christopher Wallace,
ich habe mal deine ersten Sätze genauer unter die Lupe genommen.
Was man da alles herausholen kann. ;)

„Schon bald soll auch dein Morgen enden.
Die letzte, endlose Nacht wird anbrechen und er, wird sich neben dich betten.
So wurdest auch du von ihm erwartet
Und die Welt wird sich deiner erinnern:
Als gefeierte Schlange oder einsamen Falken. KEIN ABSATZ

Tag: sechshundertneunundneunzig.“
. ABSATZ
Ich würde dir raten den Text kursiv, oder in einfachen Anführungszeichen zu setzten, damit er nicht mit der wörtlichen Rede verwechselt wird.

Ein Gedicht, verfasst von einem jungen, dunkelhäutigen Mann. Dieser saß, die Beine verschränkt, im Lotussitz, auf dem Boden.
Sie Frage ist, was das jung für einen Sinn hat. Jung ist subjektiv abhängig vom Leser. Wenn es dir wichtig ist, dass er dunkelhäutig ist, dann würde ich dieses präzisieren, nenne die Farbe. Denn dunkelhäutig sagt nur aus, dass er keine Bleichnase ist. Zeige mir bitte, wie man im Lotussitz ruht, ohne die Beine zu verschränken?
Ein junger Mann saß im Lotussitz auf dem Boden.

Der Duft von lilafarbenen Lavendel lag in der Luft, während der Raum von einer Kerze behutsam erhellt wurde.
Welchen Sinn hat der Satz. Spielt es im weiteren Text eine Rolle, ob er bei Kerzenlicht, Lavendel inhaliert. Der Satz umschreibt seine Haltung. Stimmung. Diese jedoch mit blumigen Worten zu überhöhen, ist zu viel des Guten.
Den Raum erhellte einzig eine Kerze und Lavendelduft lag in der Luft.

Den Füller aus der Hand legend, prüfte er die Uhr. Es war halb drei nachts.
Wenn er den Füller aus der Hand nimmt, dann war dieser zuvor in seiner Hand. In?
Erbsenzählerei! Ja. Hat jedoch seinen Grund. Setzt dich mit deinen Wörtern auseinander, unterscheide zwischen geschriebenen und gesagten.
Sicherlich nimmt man das Buch in die eigene Hand. Dieses ist aber eine Metapher. Ein reales Buch erfasst, ergreift man, vielleicht nimmt man es in die geballte Hand, möglicherweise auf die Hand, aber...
Stelle dir die Situation mit einem Fuß vor.:)
Mit ist das passende Wort nicht in.
Nicht alles, was grammatikalisch korrekt ist, ist logisch.
Mit aufgerissenen Augen lief er über die Straße.
Frage mal nach dem Objekt.
Seine Augen aufgerissen, lief er über die Straße.
Ich sagte Erbsenzählerei. Jedoch mit Sinn.
Was ich gut finde, dass er nicht auf die Uhr schaut oder blickt. Erzählperspektive. In diesem Abschnitt ist der Erzähler neutraler Beobachter. Er kann somit nicht sehen, ob er schaut. Aber prüfen? Ist die Uhr derart ‚unzuverlässig‘, und welche Uhr prüft er?
Nachdem er seinen Fühler beiseitegelegt hatte, klopfte er an seine Armbanduhr und flüsterte: „Halb drei.“

Jetzt war er mit sich selbst zufrieden; jetzt konnte er beruhigt schlafen gehen. Das Läuten der Türklingel schreckte ihn auf.
Perspektivwechsel. Der Betrachter sitzt in seinem Kopf. Daher ist weniger Pathos oft mehr.
Er war mit seinem Werk zufrieden, für ihn nun Zeit, schlafen zu gehen. Jedoch das Läuten der Türklingel hielt ihn davon ab.

Fortsetzung folgt ;)

Gruß
Ahorn
 
Hallo Ahorn,
erstmal vorab, danke für die Mühe. Ich habe mir deinen Kommentar durchgelesen und mir diesen durch den Kopüf gehen lassen. Zu einigen Punkten stimme ich dir natürlich zu und bei anderen kann ich deine Bedenken verstehen, aber ich glaube, dass wenn ich dir meine Absicht hinter diesen entscheidungen erkläre, wirst du diese - hoffentlich - nachvollziehen können.

Ich denke du hast recht, ich sollte in irgendeiner Form, das Gedicht vom restlichen Text abheben.
Die andere Sache ist : die Beine verschränkt im Lotossitz. Ich denke dazu sagt man redundant, da die Beine verschränkt sind, sobald man sich im Lotoussitz hinsetzt.

Jetzt etwas bei dem ich denke, dass es eine Perspektivsache ist. Meine Absicht war es, dass die Figuren sich selbst oder gegenseitig vorstellen und vom Erzähler aus keine Namen genannt werden. Somit wollte ich die Figur beschreiben, es aber auch einfach halten. "junger Mann" ist sehr Subjetiv, aber auch nicht so sehr, dass sich einer unter einem jungen Mann, einen 12 Jähren vorstellt oder einen 40 Jährigen. Ich wollte es bewusst wage lassen, sodass der Leser "gezwungen" ist sich selbst ein Bild machen zu müssen, ein Bild , dass aber immer noch in einem Rahmen passt, und zwar in dem des jungen Mannes.

Die zweite Sache ist die Antwort auf deine Frage, ob den "lilafarbenen Lavendel" wichtig für die Geschichte sei. Die Antwort ist: ja. Dieser Abschnitt wiederholt sich öfters in der Geschichte und ich finde - wenn richtig eingesetzt natürlich - können wiederholungen sehr einprägsam sein. Daher hab ich bewusst eine Alliteration gewählt und die Sinne mit ins Spiel gebracht.

Deinen letzten Punkt verstehe ich leider nicht und wäre dir echt dankbar, wenn du mir den nochmal ausführlicher erklärst. Also den mit "dem Füller aus der Hand legen". Alles was ich dazu sagen kann ist, dass ich "prüfen" als verb ausgewählt habe, weil ich mir dachte, dass wir alle die Uhr prüfen, wenn wir eine gewisse Erwartung haben. Ähnlich wenn wir arbeiten, um dann die Uhr zu prüfen, weil wir hoffen bald Feierabend zu haben,

Danke
CW
 

ahorn

Mitglied
Hallo Christopher Wallace,

du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, was oder wie du etwas schreibst. Ich schreibe selber und glaube mir, ich kann deine Intensionen erfassen. ;)
Mein Kommentar ist deshalb nicht der eines Schreiberlings, sondern der eines Lesers, eines dummen Lesers. Den musst du mitnehmen.
Meine Absicht war es, dass die Figuren sich selbst oder gegenseitig vorstellen und vom Erzähler aus keine Namen genannt werden.
Ein gängiges Stilmittel, wenn es sinnig ist. Da du jedoch auf der zweiten, dritten Seite, dass Rätsel auflöst eher umständlich. Glaube mir auf Seite fünf weiß der Leser nicht mehr, wo er seinen Manen zuerst gelesen hat. Er ist ihm wurst. ;)
dass sich einer unter einem jungen Mann, einen 12 Jähren vorstellt oder einen 40 Jährigen
Ich weiß nicht wie alt du bist, aber für mich ist Unterumständen ein 30-Jähriger noch jung und für eine 80-jährige Dame ein 50-jähriger.
sodass der Leser „gezwungen“ ist sich selbst ein Bild machen zu müssen
Wohl löblich, so soll es auch sein. Jedoch gibt es da andere Mittel, um dieses zu erreichen. Habe Fantasie.
die Antwort ist: ja
Dann zeig es dem Leser. Mal ehrlich, du sprichst von Duft, wie viele Menschen denken beim Lavendelduft nur an Waschmittel. Das Wort ‚lilafarbenen‘ verpufft. Wenn es deinen Protagonisten wichtig ist, dann stelle es derart dar. Er dachte bei diesem Duft an ...
alles was ich dazu sagen kann ist, dass ich „prüfen“ als verb ausgewählt habe, weil ich mir dachte, dass wir alle die Uhr prüfen, wenn wir eine gewisse Erwartung haben.
Jo. Ob sie kaputt ist oder nicht.
Eine Uhr ist ein Gegenstand. Klar. Gegenstände kann man prüfen. Auch klar. Wie prüft jemand Dinge? Man vergleicht den aktuellen Zustand mit dem Normzustand. Die Uhr tickt, der Sekundenzeiger bewegt sich. Ich stelle damit fest, ob sie überhaupt funktioniert. Eine Uhr, die einfach nur funktioniert, hilft mir jedoch nicht weiter. Sie sollte die korrekte Zeit anzeigen. Wie prüfe ich dieses? Ich vergleiche die Uhrzeit meiner Uhr mit einer Referenzuhr, von der ich weiß, dass sie richtig tickt. Folgerung: Er weiß bereits die Uhrzeit, als er seine Uhr prüft. Klar!

Komm ich mal ein bisschen zum Theoretischen, obgleich ich kein Schriftgelehrter bin.
In einer Geschichte gibt es zwei Hauptebenen: Die Sachebene sowie die Gefühlsebene und irgendetwas dazwischen.
Beispiel dein Lotussitz.
Ich hole ein wenig aus.
Clara sitzt auf ihrem Pferd. (Sachebene)
Fast jedem Menschen ist klar, wie jemand auf einem Pferd sitzt. Es muss nicht erklärt werden.
Clara sitzt, ihre Arme verschränkt, auf ihrem Pferd. (Sachebene)
Auch dieses ist selbstredend.
Clara sitzt, ihre Arme verschränkt, verkrampft / locker auf ihrem Pferd. (Gefühlsebene)
Was merkt sich der Leser: sitzen, verkrampf / locker.

Zu Lotussitz.
Fast jeder versteht die Begriffe Lotus- oder Schneidersitz, kann sich darunter etwas vorstellen, weiß, wie sie aussehen.
Für den einen bequem, für den anderen unbequem.
Jetzt verbindest du in einem Satz die Begriffe verschränkt und Lotussitz. Wie gesagt der Leser weiß, was der Lotussitz ist. Jedoch mit dem Wort verschränkt assoziiert der Leser ein Gefühl.
Du überzeichnest. Wenn du diese Assoziationen wecken willst, dann ist dieses in Ordnung. Du spielst jedoch mit dem Feuer.
Entweder der Leser glaubt, der Autor ist blöd, oder der Leser ist der Auffassung, dass der Autor der Meinung ist, der Leser sei zu dämlich, um zu wissen, was ein Lotussitz ist, oder der Leser ist verwundert.
Warum sitzt dieser junge Mann in einer Haltung, die scheinbar für ihn unbequem ist. Er ist doch alleine.

Wie gesagt Erbsenzählerei. Jedoch sollten wir als schreibende die Seiten wechseln, und uns überlegen wie ein unbedarfter Leser unsere Sätze aufnimmt. Alles ist erlaubt, solange es gewollt ist und den Effekt erzielt, den wir wollen.

Gruß
Ahorn
 

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