Perplex beim Friseur

Seltsame Zeiten sind das jetzt: meine Haare bis vor zwei Tagen wieder so lang wie damals, als Willy Brandt Kanzler war. Kommt alles zurück? Wirklich jugendlich habe ich mich nun nicht gefühlt. Endlich ist der kleine Salon wieder offen, in dem ich mir schon lange die Haare schneiden lasse. Beim ersten Anruf erfahre ich, dass zwei Wochen lang alle Termine vergeben sind. Wir bereden dennoch schon den Ablauf. Ich sage der Friseuse, ich würde mit Maske kommen und sie müsste vor dem Schneiden neuerdings die Haare wohl waschen, ja? (Bisher gab es nur einen Trockenhaarschnitt mit der Maschine.) – „Ja“, sagt sie zögernd, „waschen, ja …“

Elf Tage später, nach weiterem Telefonat, sinke ich frohgemut auf meinen alten Platz an der Längswand des Salons. An der Stirnseite ist eine Kundin länger in Arbeit, zwischendurch ist mal Zeit für mich. Dann kommt noch ein Mann, der auf dem Stuhl neben der Tür warten darf. Die Inhaberin - sie ist hier allein tätig - überzeugt sich, dass die Mindestabstände eingehalten sind, sie stellt es laut fest. Im Salon sind zahlreiche Desinfektionsflaschen zu sehen, benutzt werden sie während meines Aufenthalts nicht. Mein Frisierumhang kommt mir bekannt vor, es ist der altgediente für jedermann.

Die Haare habe ich mir eingedenk der neuen Vorschriften und unseres Vorgesprächs heute nicht gewaschen. Ich lehne den Kopf zurück – aber die Friseurin hat anderes vor, sie hat schon die Maschine in der Hand, fragt: „Wieder zwölf Millimeter?“ Jetzt zeigt sich erneut meine angeborene fehlende Schlagfertigkeit: Ich nicke ergeben, statt auf dem Waschen zu bestehen. (Und wie viel wäre damit gewonnen, wenn es nur auf besonderen Wunsch geschieht?)

Die Meisterin trägt die Halbmaske, befreit aber ihre Nase, als sie mich bearbeitet. Sie versucht ein kleines Gespräch, ich bleibe einsilbig. Zweimal kommt noch ein Anruf. Beim Telefonieren zieht die Friseurin die Maske bis unters Kinn. Minuten später bin ich fertig. Für alle Fälle wird beim Zahlen meine Telefonnummer notiert. Während ich die Jacke überstreife, darf der wartende Herr auf meinem Stuhl Platz nehmen, der zuvor nicht desinfiziert wird.

Zuhause recherchiere ich fünf Minuten im Internet zu Verstößen gegen die neuen Maßgaben. In Bremerhaven wurde ein Salon vom Ordnungsamt geschlossen. Im Ruhrgebiet beschuldigen sich Friseurbetriebe gegenseitig, die Vorgaben nicht einzuhalten. Ein Innungsobermeister in Württemberg fordert die Kunden auf, Verstöße zu melden. Am schlimmsten seien die Barbershops, sagt er. Melden werde ich nichts, mir nur einen anderen Friseur suchen.
 

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