Personenschaden

EsMi

Mitglied
Häufig werden ihre Schlüsselgedanken wiederholt. Eben denkt sie noch "Schmerzen", dann klingt es außen nach, in zweiseitiger Harmonie also. Auf der anderen Straßenseite: "Schmerzen" aus dem Munde einer der beiden fremden Frauen, die sich untergehakt haben und trödelig vorübergehen.

Im Zug sitzend dachte sie '24'. Schon hielt der Zug direkt vor Haus Nr. 24. Nicht 3a, nicht 6, die Quersumme von 24. (Das wäre nicht bedeutsam gewesen.)


Nun rutscht sie etwas nervös auf der Bank umher, lehnt so lässig, wie es eben gerade möglich ist, wenn etwas schmerzt. In diesem Augenblick (sie hielt kurzzeitig die Augen geschlossen) klatschte ein Schneeball HART gegen die Glasscheibe...das wird ja wohl nicht Kinski sein?

Nein. Es ist Roman, der jetzt neben ihr auf der Bank sitzt. Munter darauflos redend.

(Kinski fuhr morgens stets mit ihr im Abteil und steckte ihr jedesmal kleine, rührende, weltverachtende Mitteilungen zu. Niemals sprachen sie ein Wort. Beide haßten radikal jegliche Störungen und Störende, sogenannte Störer).

Worte störten. Der Zug war ohnehin lärmerfüllt genug. Immer dieses Quietschen hoher Frequenz und das konstante, fortwährende Rattern und das Gehuste und das dumme, stumpfe Geplänkel. Es wäre wahrlich SEHR unhöflich, in diese Nichtstille ein Wort auszusprechen.

Ein Ton hoher Frequenz war es auch, der sie mit Roman verbunden hatte.'Hörst du das auch?', hatte er sie damals laut gefragt, das Summen seines PCs nicht übertönend.

- 'Ja. Du hast keinen Hörsturz.'

Während Roman zutraulich so ziemlich alles erzählte, und sie kopfnickend und -schüttelnd, gestikulierend und zustimmend lächelnd, augenbrauenhebend lauschte, ohne selbst auch nur 'hi' gesagt zu haben, läuft ein Zwillingspaar vorbei.

Wiederum auf der gegenüberliegenden Seite.

Roman sucht die Formel für Roy's Identität. Sie notiert sie, 'delta v (p,M) / dpi usw. usf. Jeder hat seinen eigenen Zwilling.

Im Abstand von 20 Metern läuft ein anderes Zwillingspaar, diesmal Damen. Sie für ihren Teil wundert sich nicht darüber, sie wundert sich selten. Kürzlich entstiegen dem Bus hier an der Haltestelle 100 Stewardessen. Alle mehr oder weniger ähnlich. Selbst identische Lidstriche. Gewiß Lufthansa-Standard. Kongreßzentrum in der Nachbarschaft.

'Allmählich könnte der Bus ja angekrochen kommen', dachte sie.

Der Zug ratterte wie eh und je. Ein kleiner Junge nannte eine häßliche Teletubbies-Puppe sein eigen. Sie war gelb (Gelb ist die Farbe der Geschlechtskranken), schlimmer noch, sie trällerte eine kleine Melodie, diese Puppe, war wohl Lala. Constant Repeat, zwei zermürbende Takte vielleicht.

Weitaus schlimmer noch: Weit und breit kein erschütterndes Kinskigesicht zu erblicken. Keine zugesteckten, liebevollen Zettel. Also versiegelte sie Ohr und Auge. Es half nichts, ein Mann hatte sie bereits erspäht und redete trotz ihres Discman-Mauer auf sie ein. Welch feines Gespür er wohl haben mochte.

Unvermittelt bremst der Zug sanft ab und hält. Mitten im Nirgendwo. Der Zugschaffner schwebte nach vorne, jede Hektik schien an ihm abzuprallen. Sie mochte das.

Dann tönte es aus den Lautsprechern: 'Bitte verlassen sie den Zug nicht. Wir sind auf unbestimmte Zeit nicht in der Lage weiterzufahren.'

'Wir haben Personenschaden.'

Wie sachlich, wie kalt das Wort. Und was es eigentlich besagt...

Die Luft ist stickig, daher wohl rennen alle zu den Fenstern, um sich sogleich weeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiit hinauszulehen. Sie beugen sich vor und schnattern laaaaaauuuuuuuuuut.

Gerüchte über die Person kursieren schnell. 'Hätte sie nicht Schlaftabletten nehmen können?' (zetert eine Stimme)

(und weiter:)

'So käme ich pünktlich zum Abendessen'.

Nun müssen wir warten, bis der Staatsanwalt das Gelände freigibt, denkt sie. Sonst sind ihre Sorgen nicht wie die der anderen. Sie stört nur die Ungewißheit, die Störer an sich. Und deren Rohheit.

Ein Zettel sucht sich seinen Weg zu ihr durch den Spalt des Vordersitzes:
' Diese Idioten!'
 
C

caspar

Gast
das ist eindeutig der gelungenste deiner hier geposteten texte, welche struktur und durchhaltevermögen besitzen. und der sehr interessante, speziell in diesem text gut portionierte anteil eines mathematisch abgesteckten emotionsterritoriums, lässt auf mehr hoffen.
 

 
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