Perspektiven

Er fühlt sich wie im Kino. Die Szenen auf der Leinwand scheinen sich durch nichts von den zahlreichen Katastrophenfilmen zu unterscheiden, die er im Lauf der Jahre gesehen hat. Im Dämmerlicht sieht er die anderen Zuschauer ungläubig starren. Ob ihre Gesichter Entsetzen oder Faszination ausdrücken, vermag er nicht zu beurteilen. Unwillkürlich verspürt er Lust auf Popcorn und Cola und im selben Moment sind ihm seine Gelüste ebenso rätselhaft wie die Bilder, die er sieht. Sogar der Moderatorin fehlen bisweilen die Worte. Wenn sie spricht, dann von einem Unglücksfall, von einer Tragödie unmenschlichen Ausmasses, von einem unerklärlichen Flugzeugabsturz. Ihre Sätze klingen hilflos und er kann ihre Bestürzung förmlich durch die Mattscheibe hindurch spüren. Die Nachrichten sind heute gefühlsecht, realistischer als Kino. Godzilla und die Marsianer hätten kein beeindruckenderes Loch in den Tower reißen können. Dennoch ist er noch nicht so weit, den Bildern zu glauben. Je mehr er sich ihrer Wahrhaftigkeit bewußt wird, desto weniger ist er gewillt, sie zu akzeptieren. Er muß sich zwingen, den Blick vom Fernseher loszureißen, dem er wenigstens noch mißtrauen kann. Es kostet ihn alle Überwindung, den unentrinnbaren Beweis anzutreten, indem er einfach nur seinen Kopf zur Seite dreht. Dort, im Fensterrahmen, präsentiert sich ihm die schonungslose Wahrheit und verbietet jede Hoffnung auf einen Irrtum. Der Nordturm steht in Flammen. Leugnen hat keinen Zweck, er kann ihn sehen, er muß zuschauen, wie der dichte schwarze Rauch aus den Eingeweiden des Kolosses hervorquillt, um seinen Zwilling in die Arme zu schließen.

Er war in Gedanken noch ganz bei seiner Familie, als er vor einer halben Stunde das Büro betrat. Beim Frühstück hatten sie Pläne für das Wochende entworfen. Ein Ausflug? Wir könnten Oma besuchen oder unsere Freunde mit einem Überraschungsbesuch überfallen. Seinem Sohn waren alle Vorschläge recht, wenn sie nur wie versprochen zusammen ins Kino gehen würden. Ins Kino... er sitzt wieder vor der Leinwand, diesmal Frau und Kind neben sich. Der Lichtkegel wirft heile Welt auf die Wand, sie lachen und reichen die Tüte mit dem Popcorn hin und her.

Krach und Klirren holen ihn zurück. Das Mädchen, das morgens immer die erste Kafferunde verteilt, steht in einer Mischung aus brauner Flüssigkeit und bunten Scherben. Ihre Hände greifen vor ihrem Körper in die Luft, als halte sie ein Tablett. Ihr Mißgeschick scheint niemanden zu interessieren, das ganze Büro hat sich auf den Fernseher reduziert. Seltsam, denkt er sich, warum zieht Ihr die Berichterstattung dem Blick aus dem Fenster vor? Ihr braucht doch nur nach draußen zu schauen. Als er den starren Blicken auf die Mattscheibe folgt, sieht er den zweiten Turm brennen. Der feurige Nachhall einer Explosion regnet auf die Straße hinunter. Er wendet seinen leeren Kopf zurück zu dem Mädchen und wieder fühlt er die Kinoatmosphäre. Gerade zeigen sie in Zeitlupe, wie das Mädchen ohnmächtig in sich zusammensackt, wie ihr zu Butter gewordener Körper zu Boden gleitet. Die unendlich langsame Bilderfolge setzt sich fort, immer gleiche Aufnahmen von offenen Mündern, ungläubig aufgerissenen Augen folgen aufeinander, bis die Gestalten wieder lebendig werden, um in hektische und dann panische Bewegungen wie in einem zu schnell gespulten Film überzugehen. Das Rufen und Schreien würde ihn aus seiner Letargie reißen, wenn sein Verstand nicht vorher aufgäbe und er nicht dem Mädchen bei seiner Flucht in die Bewußtlosigkeit folgte.

Bei der Rückkehr ist ihm heiß. Sein erster Blick fällt auf den Fernseher. Das muß der Rauch sein, denkt er. Die Moderatorin ist zwischen den dichten Schwaden nicht zu erkennen, das Bild gleicht dem Schnee, den er früher nachts beim Aufwachen auf der Mattscheibe gesehen hat. Früher, bevor sie die ganze Nacht durchsendeten, bevor sie einen Katastrophenfilm nach dem anderen zeigten. Ja, es raucht immernoch, der Bildausschnitt im Fensterrahmen zeigt ihm nach wie vor den brennenden Nordturm. Und die Zeitlupe geht weiter. Er beobachtet nun so etwas wie einen Raketenstart aus nächster Nähe. Der Nordturm scheint sein Triebwerk zu zünden und für ein oder zwei Sekunden sieht er ihn unter unwiderstehlichem Tosen Etage für Etage nach oben an sich vorbeiziehen. Dann ist es für ihn vorbei.
 

 
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