Dichter Erdling
Mitglied
Was man so redet beim Klassentreffen.
Man will sich gegenseitig weismachen, wie erfolgreich man das Leben reitet, seit sich damals die Schultore hinter einem geschlossen haben. Wer gar nicht erst auftaucht, hat vermutlich Gründe, sich diesbezüglich zu schämen.
Frelich nicht Iris. Iris ist entschuldigt.
„Iris ist mit ihrem Mann und den Kindern im Urlaub auf Sardinien“, lässt uns Tanja gleich am Anfang wissen. Tanja weiß immer, was so abgeht bei den ehemaligen Schulkollegen. Sie ist es schließlich auch, die alle Kontaktdaten hat und die Treffen organisiert.
Eins ist klar: Wer mit der Familie first-class nach Sardinien fliegt und in der oberen Etage einer großen Bank arbeitet, reitet das Leben immens erfolgreich, aber wie.
„Iris hat sogar ein Foto geschickt!“, ruft Tanja in die Runde und lässt ihr Smartphone rumgehen, damit wir alle den Bildbeweis sehen. Iris im blitzblaugemusterten Sommerkleid, das sie bestimmt nicht bei H&M gekauft hat, daneben ihr braungebrannter Mann mit dem akkurat sitzenden Hemd und die zwei Kinder, alle mit Zahnpastalächeln, im Hintergrund ein Yachthafen.
„Wow!“ „Wie schön!“ und „Da wäre ich auch gern!“ wird das Foto beeindruckt kommentiert. Ich frage mich, wer im Strandurlaub glattgebügelte Maßhemden anzieht und ob es auf so einer Yacht auch ein Bügeleisen gibt.
„Auf Sardinien waren wir auch mal vor ein paar Jahren. Die Strände sind wirklich ein Traum und mit so einer Yacht kommt man an Buchten ran, die noch nicht total überlaufen sind“, weiß Nina, die einen Bauunternehmer geheiratet hat.
Sarah, die zwar nicht verheiratet und kinderlos ist, aber eine gutbezahlte Stelle in einer Werbeagentur hat, kann ebenfalls ein paar Bilder von sich in Sardinien rumzeigen. Sarah hat ein wenig zugenommen. Heute versucht sie es mit einer dunklen Bluse zu kaschieren, naja.
Nach zwanzig Jahren haben sich die meisten schon ein wenig verändert und sehen aus wie damals unsere Eltern, mit mürrischen Falten im Gesicht und diesem Blick, der sagt: Mich kann so leicht nichts mehr umwerfen. Ich meine, wir sind nur noch wenige Klassentreffen davon entfernt, dass Botox und Abnehmspritzen die dominierenden Gesprächsthemen werden.
Sarah tönt, dass sie sich jetzt jede Woche eine Putzfrau kommen lässt. Sie sagt das zu Isabel, die seufzt, wie stressig das Leben als alleinerziehende Mutter ist.
„So eine Haushaltshilfe ist echt Gold wert!“, schwört auch Tanja.
„Sowas kostet ja fast nix mehr heutzutage. Rentiert sich auf jeden Fall!“ pflichtet Nina bei.
Alle sind der Meinung, dass sich Isabel die Putzfrau ebenfalls gönnen soll, denn man muss sich den Alltag ja nicht unnötig schwer machen.
Isabel wiegelt ab, dass es schon geht irgendwie.
Nachdem man sich gegenseitig halbwegs überzeugt hat, dass man es besser getroffen hat als die meisten anderen da draußen, kommt das unvermeidliche Mutmaßen darüber, warum manche der ehemaligen Mitschülerinnen dem Treffen ferngeblieben sind. Unentschuldigt und ohne weitere Erklärung.
„Bei Lisa läuft es grad nicht so toll“, unkt Sarah. Lisa soll bei Sarah sogar einmal angefragt haben, ob sie in der Werbeagentur nicht einen Job für sie hätte. Sarah musste leider verneinen.
„Weil, das kann ich einfach nicht machen, ich meine, nur weil ich sie von früher kenne“, argumentiert Sarah. Die anderen nicken verständnisvoll.
Ich meine ja, dass Sarah das sehr gut könnte, also: Lisa beruflich unter die Arme greifen. Für Sarah wäre das eine Kleinigkeit, wenn sie nur jemals was für Lisa übriggehabt hätte. Wenn nur damals, vor zwanzig Jahren, die Sache mit Mike nicht gewesen wäre. Oder die Sache mit dem Schummelzettel bei der Mathe-Prüfung. Und ich meine, es muss Lisa ganz schön viel Überwindung gekostet haben, bei der verhassten Sarah winselnd wegen einem Job anzufragen und dass es eine impertinente Übergriffigkeit von Sarah ist, alles das vor den anderen breitzutreten. Verständlich, dass Lisa der Einladung zum Klassentreffen nicht gefolgt ist.
„Und? Was ist mit dir?“ fragt mich Monika, die schon vor Jahren ein gutgehendes Restaurant eröffnet hat. „Du bist heute so still…“
„So war die Heidi doch immer schon! Ruhig und zurückhaltend“ erinnert sich Nina.
„Und die Klassenbeste!“, fügt Tanja hinzu, als hätte das jemand vergessen.
In einem solchen Fall sind die Erwartungen natürlich besonders hoch. Die Klassenbeste müsste es im Leben am weitesten bringen, sollte man meinen. Oder man meint anders und es wäre doch irgendwie witzig, wenn im Nachhinein die anderen triumphieren könnten.
Ich mache eine wegwerfende Handbewegung, als wäre das mit der Klassenbesten gar nie wahr gewesen.
„Ach, was soll ich sagen. Gibt nicht viel Neues bei uns. Wir waren zuletzt auch in Italien“, erzähle ich Geschichten und zeige nun ebenfalls ein paar Fotos rum. Sie sehen die Familie vor annehmbarer Strandkulisse, das beeindruckt auch ohne Yacht und ohne glamourösen Ortsnamen. Keine Ahnung, ob sie erkennen, dass die Fotos - ebenso wie mein Smartphone - schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben.
Was ich noch erzählen kann: „Unsere Tochter ist jetzt am Gymnasium und hat erst kürzlich einen Wettbewerb für schreibende Schülerinnen gewonnen. Sie will später Publizistik studieren…“
„Dann kommt sie wohl ganz nach dir. Ich meine, das mit dem Schreiben. Wenn ich an deine Aufsätze von früher denke!“, fällt es Iris wieder ein.
„Und? Wie läuft es mit der Schreiberei?“
„Ganz gut“, lüge ich.
„Und davon kann man leben?“ Iris will es mal wieder ganz genau wissen.
„Es geht so“ sage ich und finde, das mit dem Lügen flutscht schon ganz easy.
„Dein Mann verdient ja auch ein bisschen was…“ ätzt Tanja mit einem fiesen kleinen Lächeln in den Mundwinkeln, das ich noch nicht deuten kann. „Ach ja, dein Mann… Den habe ich vor ein paar Wochen gesehen, ganz zufällig…“, setzt Tanja nach und grinst nur noch bösartiger, wie ich finde.
Besonders die letzte Bemerkung lässt mich zusammenzucken und mein Herz klopft unvermittelt schneller.
„Ach ja, wo denn?“ frage ich betont cool.
„Am Badesee“, sagt Tanja prompt und ich weiß jetzt, dass sie es weiß.
Ich weiß, das ist das Ende. Aus und vorbei.
Ich denke nicht, dass sie es laut sagen wird, jetzt gleich, vor allen anderen. Das ist nicht ihre Art.
Tanja wird mich später zur Seite nehmen und so tun, als wäre sie mitfühlend und um mich besorgt. Dann würde sie warten, bis ich gegangen wäre. In dieser Minute würde sie alles brühwarm erzählen.
„Ach so, am Badesee…“, sage ich trotz allem ganz ruhig. So, als wäre alles in Ordnung. Ich spiele ihr Spiel mit. „Ja, kann sein, da ist er öfter, der Mann.“
Ich tue so, als wüsste ich nicht, was mein Mann tagtäglich am Badesee treibt.
„Es war ja so heiß die letzten Wochen!“ versuche ich, die Rede auf das Wetter zu lenken und um einen plausiblen Grund zu liefern, warum mein Mann am Badesee umherstrolcht. Es funktioniert.
„In Sardinien soll es ja gerade über vierzig Grad haben“ führt Nina den Gedanken glatt in die gewünschte Richtung weiter. Auf einmal sind alle der Meinung, dass sie es im Moment doch besser haben als Iris auf ihrer Yacht. Sie reden von ihren Swimmingpools, die sie sich vor ihre Häuser haben bauen lassen und wie schwierig es ist, das Chlorwasser in der Balance zu halten.
Ich versuche, mich dann und wann in die Gespräche einzubringen, auch wenn ich nur wenig über den richtigen pH-Wert von Poolwasser weiß. Es soll bloß nicht wieder jemand argwöhnen, ich wäre ungewöhnlich ruhig und hätte nichts zu sagen.
Ich kann nur hoffen, dass niemand etwas ahnt. Zumindest nicht, solange ich anwesend bin.
Immerhin, während Nina schon am dritten Aperol zuzelt und wiehernd lacht, bin ich noch beim ersten Soda-Zitron und rechne nach, wieviel das mit der Pizza, die fast fünfzehn Euro kostet, in Summe wohl ausmachen wird. Ich überlege, ob ich zum Kaffee ein Dessert bestellen soll, damit niemand Verdacht schöpft.
Ich kalkuliere und überlege und ich muss an die Putzkräfte von Tanja und Sarah denken. An die Männer, die die Pools dieser Schnepfen reinigen. An den Kellner, der die Getränke serviert. Ob diese Leute wohl auch hin und wieder ein Klassentreffen feiern? Was sich die dann erzählen? Ich stelle mir vor, wie Tanja der Mund offensteht, wenn ich mich bei ihr als Haushaltshilfe bewerbe. Wie Iris mich von oben herab anstarrt, während ich einen Putzwagen durch die Stockwerke ihrer Bank schiebe…
Und ich denke an meinen Mann, mit dem ich schon lange nicht mehr essen war.
Er ist kein schlechter Mann.
Ich denke an ihn, wie er jeden Tag das Ufer von diesem Badesee abgeht, unermüdlich, und nicht zum Spaß. Von Mistkübel zu Mistkübel und manchmal liegt auch eine Pfandflasche auf der Liegewiese.
Für jede Flasche gibt es 25 Cent retour in den Supermärkten.
Wenn man zehn Flaschen zurückgibt, kann man fast schon beim Italiener sitzen und ein Soda mit Zitrone bestellen.
Man muss nur ein bisschen seine Würde dafür verpfänden.
Ein Griff in die Tonne und, okay, manchmal muss man ein bisschen rumwühlen und sich dreckig machen.
Es geht ganz leicht und dann auch wieder nicht.
Beim Tiramisu für sieben Euro fünfzig, was noch die billigste Nachspeise ist, nimmt mich Tanja, wie erwartet, vertraulich zur Seite. Sie sagt, sie würde mit mir reden wollen, unter vier Augen. Ernst. Sie deutet nach draußen.
Mir klar, was jetzt kommen wird.
Tanja geht vor, sie wird am Eingang auf mich warten. Was wir dort draußen bereden, würde unter uns bleiben, hat sie mir versichert. Hand drauf, hat sie gesagt, aber ich kenne Tanja schon zu lange als dass ich das glauben kann.
Ich nehme gleich mal meine Jacke und meine Tasche mit. Ich darf nichts vergessen, denn ich werde nicht wieder reinkommen zu den anderen. Nicht heute und auch sonst nicht.
Ich lasse die Reste von meinem Tiramisu und den letzten Schluck Cappuccino mit dem schlabbrigen Milchschaum, der niemals vier siebzig wert ist, eiskalt stehen.
Nach dem exorbitant demütigenden Gespräch mit der allwissenden Tanja werde ich diskret abziehen und nie wieder würde ich an einem Klassentreffen teilnehmen, das weiß ich schon heute.
Man will sich gegenseitig weismachen, wie erfolgreich man das Leben reitet, seit sich damals die Schultore hinter einem geschlossen haben. Wer gar nicht erst auftaucht, hat vermutlich Gründe, sich diesbezüglich zu schämen.
Frelich nicht Iris. Iris ist entschuldigt.
„Iris ist mit ihrem Mann und den Kindern im Urlaub auf Sardinien“, lässt uns Tanja gleich am Anfang wissen. Tanja weiß immer, was so abgeht bei den ehemaligen Schulkollegen. Sie ist es schließlich auch, die alle Kontaktdaten hat und die Treffen organisiert.
Eins ist klar: Wer mit der Familie first-class nach Sardinien fliegt und in der oberen Etage einer großen Bank arbeitet, reitet das Leben immens erfolgreich, aber wie.
„Iris hat sogar ein Foto geschickt!“, ruft Tanja in die Runde und lässt ihr Smartphone rumgehen, damit wir alle den Bildbeweis sehen. Iris im blitzblaugemusterten Sommerkleid, das sie bestimmt nicht bei H&M gekauft hat, daneben ihr braungebrannter Mann mit dem akkurat sitzenden Hemd und die zwei Kinder, alle mit Zahnpastalächeln, im Hintergrund ein Yachthafen.
„Wow!“ „Wie schön!“ und „Da wäre ich auch gern!“ wird das Foto beeindruckt kommentiert. Ich frage mich, wer im Strandurlaub glattgebügelte Maßhemden anzieht und ob es auf so einer Yacht auch ein Bügeleisen gibt.
„Auf Sardinien waren wir auch mal vor ein paar Jahren. Die Strände sind wirklich ein Traum und mit so einer Yacht kommt man an Buchten ran, die noch nicht total überlaufen sind“, weiß Nina, die einen Bauunternehmer geheiratet hat.
Sarah, die zwar nicht verheiratet und kinderlos ist, aber eine gutbezahlte Stelle in einer Werbeagentur hat, kann ebenfalls ein paar Bilder von sich in Sardinien rumzeigen. Sarah hat ein wenig zugenommen. Heute versucht sie es mit einer dunklen Bluse zu kaschieren, naja.
Nach zwanzig Jahren haben sich die meisten schon ein wenig verändert und sehen aus wie damals unsere Eltern, mit mürrischen Falten im Gesicht und diesem Blick, der sagt: Mich kann so leicht nichts mehr umwerfen. Ich meine, wir sind nur noch wenige Klassentreffen davon entfernt, dass Botox und Abnehmspritzen die dominierenden Gesprächsthemen werden.
Sarah tönt, dass sie sich jetzt jede Woche eine Putzfrau kommen lässt. Sie sagt das zu Isabel, die seufzt, wie stressig das Leben als alleinerziehende Mutter ist.
„So eine Haushaltshilfe ist echt Gold wert!“, schwört auch Tanja.
„Sowas kostet ja fast nix mehr heutzutage. Rentiert sich auf jeden Fall!“ pflichtet Nina bei.
Alle sind der Meinung, dass sich Isabel die Putzfrau ebenfalls gönnen soll, denn man muss sich den Alltag ja nicht unnötig schwer machen.
Isabel wiegelt ab, dass es schon geht irgendwie.
Nachdem man sich gegenseitig halbwegs überzeugt hat, dass man es besser getroffen hat als die meisten anderen da draußen, kommt das unvermeidliche Mutmaßen darüber, warum manche der ehemaligen Mitschülerinnen dem Treffen ferngeblieben sind. Unentschuldigt und ohne weitere Erklärung.
„Bei Lisa läuft es grad nicht so toll“, unkt Sarah. Lisa soll bei Sarah sogar einmal angefragt haben, ob sie in der Werbeagentur nicht einen Job für sie hätte. Sarah musste leider verneinen.
„Weil, das kann ich einfach nicht machen, ich meine, nur weil ich sie von früher kenne“, argumentiert Sarah. Die anderen nicken verständnisvoll.
Ich meine ja, dass Sarah das sehr gut könnte, also: Lisa beruflich unter die Arme greifen. Für Sarah wäre das eine Kleinigkeit, wenn sie nur jemals was für Lisa übriggehabt hätte. Wenn nur damals, vor zwanzig Jahren, die Sache mit Mike nicht gewesen wäre. Oder die Sache mit dem Schummelzettel bei der Mathe-Prüfung. Und ich meine, es muss Lisa ganz schön viel Überwindung gekostet haben, bei der verhassten Sarah winselnd wegen einem Job anzufragen und dass es eine impertinente Übergriffigkeit von Sarah ist, alles das vor den anderen breitzutreten. Verständlich, dass Lisa der Einladung zum Klassentreffen nicht gefolgt ist.
„Und? Was ist mit dir?“ fragt mich Monika, die schon vor Jahren ein gutgehendes Restaurant eröffnet hat. „Du bist heute so still…“
„So war die Heidi doch immer schon! Ruhig und zurückhaltend“ erinnert sich Nina.
„Und die Klassenbeste!“, fügt Tanja hinzu, als hätte das jemand vergessen.
In einem solchen Fall sind die Erwartungen natürlich besonders hoch. Die Klassenbeste müsste es im Leben am weitesten bringen, sollte man meinen. Oder man meint anders und es wäre doch irgendwie witzig, wenn im Nachhinein die anderen triumphieren könnten.
Ich mache eine wegwerfende Handbewegung, als wäre das mit der Klassenbesten gar nie wahr gewesen.
„Ach, was soll ich sagen. Gibt nicht viel Neues bei uns. Wir waren zuletzt auch in Italien“, erzähle ich Geschichten und zeige nun ebenfalls ein paar Fotos rum. Sie sehen die Familie vor annehmbarer Strandkulisse, das beeindruckt auch ohne Yacht und ohne glamourösen Ortsnamen. Keine Ahnung, ob sie erkennen, dass die Fotos - ebenso wie mein Smartphone - schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben.
Was ich noch erzählen kann: „Unsere Tochter ist jetzt am Gymnasium und hat erst kürzlich einen Wettbewerb für schreibende Schülerinnen gewonnen. Sie will später Publizistik studieren…“
„Dann kommt sie wohl ganz nach dir. Ich meine, das mit dem Schreiben. Wenn ich an deine Aufsätze von früher denke!“, fällt es Iris wieder ein.
„Und? Wie läuft es mit der Schreiberei?“
„Ganz gut“, lüge ich.
„Und davon kann man leben?“ Iris will es mal wieder ganz genau wissen.
„Es geht so“ sage ich und finde, das mit dem Lügen flutscht schon ganz easy.
„Dein Mann verdient ja auch ein bisschen was…“ ätzt Tanja mit einem fiesen kleinen Lächeln in den Mundwinkeln, das ich noch nicht deuten kann. „Ach ja, dein Mann… Den habe ich vor ein paar Wochen gesehen, ganz zufällig…“, setzt Tanja nach und grinst nur noch bösartiger, wie ich finde.
Besonders die letzte Bemerkung lässt mich zusammenzucken und mein Herz klopft unvermittelt schneller.
„Ach ja, wo denn?“ frage ich betont cool.
„Am Badesee“, sagt Tanja prompt und ich weiß jetzt, dass sie es weiß.
Ich weiß, das ist das Ende. Aus und vorbei.
Ich denke nicht, dass sie es laut sagen wird, jetzt gleich, vor allen anderen. Das ist nicht ihre Art.
Tanja wird mich später zur Seite nehmen und so tun, als wäre sie mitfühlend und um mich besorgt. Dann würde sie warten, bis ich gegangen wäre. In dieser Minute würde sie alles brühwarm erzählen.
„Ach so, am Badesee…“, sage ich trotz allem ganz ruhig. So, als wäre alles in Ordnung. Ich spiele ihr Spiel mit. „Ja, kann sein, da ist er öfter, der Mann.“
Ich tue so, als wüsste ich nicht, was mein Mann tagtäglich am Badesee treibt.
„Es war ja so heiß die letzten Wochen!“ versuche ich, die Rede auf das Wetter zu lenken und um einen plausiblen Grund zu liefern, warum mein Mann am Badesee umherstrolcht. Es funktioniert.
„In Sardinien soll es ja gerade über vierzig Grad haben“ führt Nina den Gedanken glatt in die gewünschte Richtung weiter. Auf einmal sind alle der Meinung, dass sie es im Moment doch besser haben als Iris auf ihrer Yacht. Sie reden von ihren Swimmingpools, die sie sich vor ihre Häuser haben bauen lassen und wie schwierig es ist, das Chlorwasser in der Balance zu halten.
Ich versuche, mich dann und wann in die Gespräche einzubringen, auch wenn ich nur wenig über den richtigen pH-Wert von Poolwasser weiß. Es soll bloß nicht wieder jemand argwöhnen, ich wäre ungewöhnlich ruhig und hätte nichts zu sagen.
Ich kann nur hoffen, dass niemand etwas ahnt. Zumindest nicht, solange ich anwesend bin.
Immerhin, während Nina schon am dritten Aperol zuzelt und wiehernd lacht, bin ich noch beim ersten Soda-Zitron und rechne nach, wieviel das mit der Pizza, die fast fünfzehn Euro kostet, in Summe wohl ausmachen wird. Ich überlege, ob ich zum Kaffee ein Dessert bestellen soll, damit niemand Verdacht schöpft.
Ich kalkuliere und überlege und ich muss an die Putzkräfte von Tanja und Sarah denken. An die Männer, die die Pools dieser Schnepfen reinigen. An den Kellner, der die Getränke serviert. Ob diese Leute wohl auch hin und wieder ein Klassentreffen feiern? Was sich die dann erzählen? Ich stelle mir vor, wie Tanja der Mund offensteht, wenn ich mich bei ihr als Haushaltshilfe bewerbe. Wie Iris mich von oben herab anstarrt, während ich einen Putzwagen durch die Stockwerke ihrer Bank schiebe…
Und ich denke an meinen Mann, mit dem ich schon lange nicht mehr essen war.
Er ist kein schlechter Mann.
Ich denke an ihn, wie er jeden Tag das Ufer von diesem Badesee abgeht, unermüdlich, und nicht zum Spaß. Von Mistkübel zu Mistkübel und manchmal liegt auch eine Pfandflasche auf der Liegewiese.
Für jede Flasche gibt es 25 Cent retour in den Supermärkten.
Wenn man zehn Flaschen zurückgibt, kann man fast schon beim Italiener sitzen und ein Soda mit Zitrone bestellen.
Man muss nur ein bisschen seine Würde dafür verpfänden.
Ein Griff in die Tonne und, okay, manchmal muss man ein bisschen rumwühlen und sich dreckig machen.
Es geht ganz leicht und dann auch wieder nicht.
Beim Tiramisu für sieben Euro fünfzig, was noch die billigste Nachspeise ist, nimmt mich Tanja, wie erwartet, vertraulich zur Seite. Sie sagt, sie würde mit mir reden wollen, unter vier Augen. Ernst. Sie deutet nach draußen.
Mir klar, was jetzt kommen wird.
Tanja geht vor, sie wird am Eingang auf mich warten. Was wir dort draußen bereden, würde unter uns bleiben, hat sie mir versichert. Hand drauf, hat sie gesagt, aber ich kenne Tanja schon zu lange als dass ich das glauben kann.
Ich nehme gleich mal meine Jacke und meine Tasche mit. Ich darf nichts vergessen, denn ich werde nicht wieder reinkommen zu den anderen. Nicht heute und auch sonst nicht.
Ich lasse die Reste von meinem Tiramisu und den letzten Schluck Cappuccino mit dem schlabbrigen Milchschaum, der niemals vier siebzig wert ist, eiskalt stehen.
Nach dem exorbitant demütigenden Gespräch mit der allwissenden Tanja werde ich diskret abziehen und nie wieder würde ich an einem Klassentreffen teilnehmen, das weiß ich schon heute.