Piero

Silja

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Die Geschichte zwischen mir und Piero dauerte nur einen kurzen Winter. Die Wintermonate in Italien sind kürzer als in Deutschland. Das war damals einer der Gründe, warum ich hierher gezogen bin. Aber genau genommen hätte ich überall leben können. Ein Gefühl wie Heimweh kenne ich nicht und es wundert mich immer wieder, Leute davon sprechen zu hören. Manchmal hätte ich es sogar gerne selbst gespürt. Wie es sich anfühlt, einen bestimmten Ort Heimat zu nennen und sich an einem anderen fremd zu fühlen. Vielleicht ist Heimweh ja sogar das Gegenteil von Einsamkeit.
Die Winter hier sind also kürzer, wenngleich mich die kalte Jahreszeit in einem südlichen Land noch mehr deprimiert als anderswo. Sie entspricht nicht der Vorstellung, die man von dem fröhlichen, regen 'la dolce vita' hat. Man hat die anmaßende Erwartung, dass die Sonne in allen Jahresperioden scheint und dass die Wärme nie nachlässt. Aber so ist es nicht und mich deprimiert der Gedanke, dass nicht einmal die Natur ihre Versprechen einhalten will.
Die Sache zwischen mir und Piero dauerte genauso lange wie der nasse, kalte Winter im Jahre ’97.

Wir hatten uns an der Universität in einer Vorlesung über italienische Literatur kennen gelernt. Ich saß an jenem Tag in der überfüllten Aula auf den Stufen einer Seitentreppe und versuchte dem Vortrag des Professors zu folgen, der gerade eine Einführung zu Leopardis Werk gab. Meine Italienischkenntnisse waren damals ziemlich dürftig und ich hatte Mühe, überhaupt etwas zu verstehen. Aber im Grunde genommen war mir das sowieso gleichgültig. Ich besuchte in dieser Zeit viele Vorlesungen und Seminare, ohne mich wirklich dafür zu interessieren. Nur um etwas zu tun, was von außen gesehen sinnvoll erscheinen würde. Um keine Leere in meinem Kopf entstehen zu lassen, versuchte ich, ihn mit den Gedanken anderer Personen auszufüllen. Manchmal blieben bestimmte Sätze in meinem Kopf hängen und wiederholten sich tagelang wie eine Schallplatte mit einem Sprung. Der Junge, der damals neben mir auf der Treppe saß, war Piero. Er bemerkte schnell meine Unfähigkeit, dem Unterricht zu folgen. Nach einer Weile schob er mir seine Aufzeichnungen zu und meinte, wenn ich wolle, könne ich sie gerne kopieren. So haben wir uns kennen gelernt. Es war nicht aufregend, nichts Außergewöhnliches. Eine Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich zufällig finden und eine Weile nebeneinander hergehen, ohne jemals wirklich miteinander. Dieser Anfang war so gewöhnlich, dass es mir fast widerstrebt, mit so einem banalen Einstieg unsere Geschichte zu beginnen. Aber so war es nun mal.

Schön war Piero nicht. Er war klein und eher mager. Seine Brille schien zu groß geraten für sein schmales Gesicht und rutschte häufig widerspenstig in Richtung Nasenspitze. Heute frage ich mich manchmal, was mich an ihm fasziniert hat. Aber diese Frage steht immer nur für einen kurzen Moment im Raum. Dann fallen mir wieder die Begegnungen zwischen uns ein, Bewegungen und Gesten, Sätze, die in der Luft vibrierten, so leicht waren sie vor Schönheit und Erotik. Seit Piero bin ich davon überzeugt, dass eigentliche Erotik vielmehr in Worten zu finden ist als in äußeren Erscheinungen.
Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der fremden Sprache. An seinen Worten, von denen ich so viele nicht kannte, und die für mich fremd und exotisch klangen. Laute, die sich weich und rund zu Wörtern formten, so schön, dass es mir fast frevelhaft erschien, sie im Kopf ins Deutsche zu übersetzen.
Ich erinnere mich, dass Piero einmal feststellte, die deutsche Sprache würde für ihn klingen, als ob Eiswürfel in einem leeren Glas hin und her geschwenkt würden.
Klick, klack, klick, klack. Klirrend, kalt und hart. Sein Italienisch hingegen schien auf einer weichen Welle aus Vokalen und Konsonanten zu schwimmen und ich mochte es, mich treiben zu lassen in diesem Fluss aus vollen, runden Tönen. Es hörte sich an wie Musik und ich verstand zum ersten Mal, warum die bedeutendsten Opern in italienisch gesungen werden. Es war mir gleichgültig, dass ich nur die Hälfte von Pieros Geschichten verstand. Ich lachte, wenn es mir angebracht schien, verzog das Gesicht, wenn er es tat und stellte ihm Fragen, nur um ihn weiterreden zu hören.

Unsere gemeinsamen Abende begannen stets in einer Kneipe. In einer, in der man mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Freunde oder Bekannte stoßen würde, die später Fragen stellen könnten und auf Erklärungen aus waren. Wie sollten wir ihnen Erklärungen geben, wenn wir uns selbst keine geben wollten? Ich erinnere mich gerne an diese langen Abende in den kleinen verrauchten Bars, an das Vorspiel auf den eigentlichen Hauptakt. An das Wortgeplänkel, die Blicke zwischen uns, an die leise Jazzmusik im Hintergrund. Wir rauchten und tranken Bier, solange bis die Gedanken zäh wie Kaugummi wurden und uns der schale Beigeschmack dieser Nächte gleichgültig geworden war. Die Nächte verbrachten wir in meiner Wohnung. Wir liebten uns auf dem kalten, harten Steinfußboden in der Küche, im Wohnzimmer auf dem kleinen Sofa, im engen Badezimmer zwischen Waschbecken und Wanne, überall. Nur nicht in meinem Bett. In einem Bett können sich nur Paare lieben. Und deswegen war es, als ob das Bett tabuisiert wäre und keiner von uns wollte der erste sein, der es wagte, dieses Tabu zu brechen.
Mit Piero zu schlafen war unkompliziert. Als ob sich unsere Körper seit langem kennen würden, nur wir selbst waren noch wie Fremde. Piero hatte eine Art, mit seinem Körper umzugehen, die ich bewunderte. Er besaß diese Unbeschwertheit, sich nackt vor mir zu zeigen, ohne dass es peinlich oder eitel wirkte. Einmal stolzierte er nur mit seiner Brille bekleidet durch das Wohnzimmer und imitierte einen Professor unserer Fakultät, indem er dessen näselnde Stimme und affektierte Gestik nachahmte. Er rezitierte mit übertrieben ernster Miene aus einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe. Ich saß vor ihm auf dem Sofa und lachte Tränen über diese kabarettistische Darbietung.

Wir setzten unsere Liaison den ganzen Winter hinüber fort. Es war eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen uns, dass wir uns nur abends trafen. Als hätte die Nacht eigene Spielregeln für uns aufgestellt, die man bei Tageslicht unmöglich einhalten konnte. Trafen wir uns tagsüber zufällig auf der Strasse, entstanden nur nervöse, oberflächliche Gespräche. Jeder in seiner eigenen Welt, zu der der andere keinen Zutritt haben durfte. Erst in der Nacht konnten wir uns ohne Scham in die Augen sehen. Wir waren wie zwei Taucher unter Wasser, die hinabtauchten in eine dunkle, stille Welt, in der die Dinge an der Oberfläche keine Bedeutung mehr hatten. Zwei Taucher, die in einer Zeichensprache miteinander kommunizieren mussten, da Reden unmöglich geworden war. Die Nacht war eine Unterwasserwelt, in der die Geräusche und Lichter vom Ufer her nur noch gedämpft durchdrangen und je tiefer wir tauchten, um so mehr verloren sie an Bedeutung.

Es war einen Monat nach unserer ersten Begegnung. Piero lag neben mir im Bett und schlief. Seine Gesichtszüge wirkten völlig entspannt. Die langen, schwarzen Wimpern hingen an den fest verschlossenen Augenlidern, so als wollten sie sich nie mehr öffnen. Ich legte mich ganz nah zu ihm, so dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Ich hörte eine Weile seinen regelmäßigen, tiefen Atemzügen zu. Seine halbgeöffneten Lippen waren eine einzige Aufforderung zum Küssen. Dann zog ich meinen Kopf ein wenig zurück und sein Gesicht stellte sich scharf.
Und auf einmal war dieser Gedanke in meinem Kopf, der sich nicht mehr vertreiben ließ: Er hatte Ähnlichkeit mit einem schlafenden Kind. Mehr noch, er sah genauso aus.
Aus irgendeinem unerklärlichen Grund wurden meine Augen feucht. Ich spürte ein seltsames, altbekanntes Gefühl in der Magengegend. Dieselbe Empfindung, die mich manchmal überkommt, wenn ich einen alten Mann sehe, der sich an einem Gehstock mühsam die Straße entlang bewegt oder wenn ich jemanden beobachte, der versucht, seine Ungeschicktheit und Schüchternheit zu überspielen. Und ich weiß, dass sich diese Dinge nie ändern werden, denn es muss die Verlierer geben, um das große Spiel funktionieren zu lassen.
Urplötzlich hatte ich das Bedürfnis, Piero zu umarmen, festzuhalten und zu beschützen. So wie man ein verletztes Tier versorgt oder ein schutzbedürftiges Neugeborenes im Arm hält.
Dann regte er sich im Schlaf. Ich rückte von ihm ab, stand auf und ging ins Badzimmer. Ich zog mich aus und stieg in die Badewanne, deren Emailleschicht durch die vielen Jahre an einigen Stellen bereits porös geworden war. Die Innenseiten meiner Schenkel klebten noch von Piero. Meine ganze Haut, jede einzelne Pore roch nach ihm. Das Wasser rann in einem dünnen, schwachen Strahl über mein Gesicht, meine Schultern, Arme und Beine und nahm Schweiß und Sperma mit sich in Richtung Ausguss, wo es sich mit den winzigen weißen Emailleteilchen vermischte, die von der Badewanne absplitterten. Aus dem Abfluss strömte leicht der Geruch der Kanalisation. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Das Wasser war heiß und stieg wie Nebelschwaden in Richtung Decke auf. Als ich mich abtrocknete, war der Spiegel mit einer undurchlässigen Schicht aus feinsten Wassertröpfchen überzogen, so dass ich mein Gesicht nicht sehen konnte.
In dieser Nacht schlief ich auf dem Sofa. Weit weg von Piero und seinem kindlichen Atem.


Nach ein paar schmerzhaften Beziehungsversuchen in den letzten Jahren hatte ich nur noch kurze, flüchtige Affären. Affären haben den Vorteil, weder Verpflichtungen noch Forderungen zu implizieren. Jeder läuft weiterhin auf seiner eigenen, gutbekannten Straße durchs Leben und die kurzen Stunden, die man miteinander teilt, sind intensiv, betäubend und gedankenverloren. Aber man muss wissen, wann es aufzuhören hat. Die Geschichte mit Piero hätte da enden sollen, als ich das erste Mal Mitleid mit ihm, mit dem schlafenden Kind, bekam. Mitleid bringt mein inneres Gleichgewicht durcheinander wie kein anderes Gefühl. Es fühlt sich an wie ein falsch platziertes Lachen in einem traurigen Film. Es gibt nichts Schwierigeres als eine Beziehung zu beenden, wenn neben dem üblichen Trennungsschmerz noch Mitleid im Spiel ist.

Ich erinnere mich an einen bestimmten Abend, als wir nach einem der obligatorischen Kneipenbesuche zu mir nach Hause gingen. Es war kalt, nicht so wie in Deutschland, aber ich gehöre zu den Menschen, die ständig frieren. Manchmal friere ich sogar im Sommer. Als wenn sich in meinem Inneren ein Eisschrank befände, dessen Tür ab und zu von selbst aufspringt. Wir gingen eine schmale Gasse namens Via Martino entlang. Meine Schuhe hallten auf dem Kopfsteinpflaster, das dunkel und nass vom Regen glänzte, der eine kurze Pause eingelegt hatte. Im Winter schneit es in Italien zumeist nur in den Bergen, in den Städten regnet es dafür häufig und lange. Kein erfrischender, befreiender Platzregen wie nach einem schwülen Sommertag, sondern kontinuierlich nasskalter Regen. Das Abwassersystem kann diesen Wassermassen oft nicht standzuhalten, was dazu führt, dass die Abflüsse überlaufen und einen modrigen, fauligen Geruch verströmen, der sich über der ganzen Stadt ausbreitet. Es riecht dann wie abgestandenes Wasser aus einer Vase mit welken Blumen. Regen deprimiert mich. Ich fühle mich dann wie in einem Gefängnis.
Als ob sich die Regentropfen zu einem undurchlässigen Gitter formen und mich dahinter einschließen.
Piero bemerkte, dass ich zitterte und legte mir seinen dicken grauen Wollschal um den Hals. „Man möchte nicht glauben, dass du eine Deutsche bist. Du bist so verfroren. Dabei ist es doch in dem Land, aus dem du kommst, noch viel kälter als hier.“ Ich lächelte nur, was er nicht sehen konnte, da die Hälfte meines Gesichts unter dem Schal verschwunden war. Er erzählte mir, der Schal sei ein Geschenk von einer Exfreundin. Eine, die ihn ebenso wenig frieren sehen wie ich seinen schlafenden Anblick ertragen konnte. Seltsam, dass ich mich an solche Augenblicke so gut erinnere und nicht an die zahllosen Nächte mit ihm.

Einmal, als er schlief, versuchte ich, ihm so etwas zu sagen wie „Ti amo“. Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt, wenn man jemandem diese großen, bedeutungsaufgeladenen Worte sagen würde. Aber es ist mir nicht gelungen. Es hätte sich nur abgestanden und phrasenhaft leer angehört. Seitdem habe ich es nicht mehr versucht. Ich habe einmal einen Satz gelesen über die Liebe, der sich mir immer wieder aufdrängt: „Liebe bedeutet, sich dem anderen auszuliefern, und zwar ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen.“ Ich habe mich Piero nie ausgeliefert, genauso wenig wie er sich mir. Außer wenn er schlief. Es ist ein großer Unterschied, mit jemandem zu schlafen oder bei jemand zu schlafen. Ich glaube, Piero war das nie bewusst. Er blieb, auch nachdem wir uns geliebt hatten, stets bei mir. In der ersten Nacht hat mich das verwundert, weil ich glaubte, er würde sich danach anziehen und gehen. Stattdessen blieb er. Es war ein seltsames, fast unangenehmes Gefühl, neben diesem Jungen zu schlafen, den doch nur mein Körper kennen gelernt hatte. Ich drehte ihm den Rücken zu und versuchte ihn nicht zu berühren. Trotzdem blieben unsere Körper irgendwie die ganze Nacht in Kontakt, so als hätten sie sich verselbständigt und meiner widersetzte sich trotzig meinem Willen.
Ich habe in den gemeinsamen Nächten mit Piero so gut wie nie geschlafen. Wenn mich die Müdigkeit überkam, legte ich mich auf das kleine, unbequeme Sofa im Wohnzimmer und schlief dort. Ich hätte den Gedanken nicht ertragen, dass Piero mich während des Schlafes beobachten könnte und dieselben Gefühle hätte wie ich bei seinem schlafenden Anblick.

Ende Februar stellte ich fest, dass ich schwanger war. Wir hatten uns zu oft sorglos geliebt, ohne über irgendwelche Folgen nachzudenken. Nach dem positiven Ergebnis des Schwangerschaftstests rief ich meine ehemalige Mitbewohnerin an und ließ mir die Nummer von einem nahe gelegenen Krankenhaus geben. Sie hatte dort vor zwei Jahren einen Abbruch vornehmen lassen und mir erzählt, dass dies dort ohne große Komplikationen möglich sei. Vorraussetzung sei ein kurzes Beratungsgespräch, das aber nur pro forma abgehalten würde. Ich bekam einen Termin für die kommende Woche. Während dieser einen Woche tat ich nichts anderes als zu warten. Piero sah ich nur einmal. Er kam eines Abends vorbei und wollte mit mir schlafen. „Heute nicht, Piero.“ „Warum? Was ist los?“ „Nichts“, antwortete ich. Er fuhr mit seiner Hand langsam zwischen meine Beine und versuchte mich zu küssen. Ich wurde wütend auf ihn. Wütend darüber, dass ein Kind vor mir saß, das unbedingt das Erwachsenen-Spiel spielen wollte. Aber ich wollte diese Spiele aufgeben, weil ich sie nicht mehr verstand. Oder vielleicht auch nicht mehr verstehen wollte. Irgendwann ließ er es sein und legte seinen Kopf auf meinen Bauch. „Du riechst so gut.“ „Wonach?“ „Ich weiß nicht, nach einer Blumenwiese oder so, und irgendwie nach Unschuld.“ „Piero, niemand ist wirklich unschuldig. Außer vielleicht Neugeborene oder kleine Kinder.“ Er sah mich an und fing an zu lachen.

An diesem Abend sah ich Piero das letzte Mal. Zwei Tage später ging ich in die Klinik. Der Eingriff war schmerzhaft und dauerte lange. Viel länger als ich dachte. Ich hatte das Gefühl, dass mit diesem fremden Leben, das sich in mir eingenistet hatte, auch der Teil der Unschuld herausgeschabt wurde, von der Piero gesprochen hatte. Man schob mich in einen Aufwachraum, in dem ich zwei Stunden lag und an die weiße Decke starrte, an der an einigen Stellen der Putz abzubröckeln begann. Ein Ventilator über mir kreiste ununterbrochen, surrend wie ein weit entferntes Propellerflugzeug. Mein Kopf war völlig leer. So als hätte ich endlich einen Schalter gefunden, diesen unentwegten Stromkreis aus Gedanken und Empfindungen zu unterbrechen. Ich glaube, es war Giacomo Leopardi, bei dem ich vor einigen Wochen den Satz fand: „Alles ist rätselhaft, außer unserem Schmerz.“ Später kam der diensthabende Arzt und versicherte mir, der Eingriff sei gut verlaufen und spätestens in einer Woche würde ich nichts mehr spüren. Ich dachte bloß, dass ich meinen Körper schon jetzt nicht mehr spürte.

Drei Wochen später habe ich die Stadt verlassen. Es war einfacher als anfangs angenommen. Ich zog vorübergehend zu Freunden nach Mailand, von denen einer mir eine Anstellung in einer großen Import-Exportfirma vermittelte. Wenige Monate später lernte ich Marcel kennen, einen Deutschen, der vor ein paar Jahren aus beruflichen Gründen nach Italien gekommen war. Es dauerte nicht lange und wir wurden ein Paar. Es geschah auf so natürliche Art und Weise, dass ich mich nicht mal dagegen wehrte. Ich war glücklich mit Marcel, der in seinem Auftreten, seinem Umgang mit mir so anders war als die Männer, mit denen ich zuvor zusammen war.

In den Wochen vor dem Umzug nach Mailand habe ich Piero nicht mehr angerufen. Ein paar Mal sprach er auf meinen Anrufbeantworter, verwirrt über das plötzliche, unvorbereitete Ende unseres Spiels. Dann hörte ich nichts mehr. Doch jeden Winter, wenn der Regen einsetzt und die Tage sich grau färben, muss ich an ihn und an seinen schlafenden Anblick denken. Und jedes Mal bekomme ich ein merkwürdiges Ziehen im Bauch, so als ob sich in meinem Inneren ein Geschwür befindet, das sich langsam und stetig durch meine Eingeweide frisst und mich von innen her aushöhlt.
 

Marc Mx

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Gerade bei so einem langen Text ist der Spannungsbogen das A&O einer Geschichte... Deine "Schreibe" finde ich gut lesbar... Den Inhalt, naja... ist nicht gerade neu...
Hier ein paar konkrete Kommentare zu Deinem Text:

1. Das Wort "Geschichte" ist an dieser Stelle mMn viel zu allgemein. Warum sagst Du es nicht konkreter?
2. Du beginnst weiter mit allgemeinen Feststellungen... Warum steigst Du nicht erstmal klassisch mit einer Aktion in Deine Geschichte ein? Handlung ist das Zauberwort, was den Leser fesselt! (Natürlich nicht nur...)
3. Wenn Du im ersten Absatz Worte wie "Heimweh" und "Einsamkeit" benutzt, mußt Du Dir im klaren darüber sein, daß sie oft Langeweile beim Leser auslösen... und wenn dann noch so ein Wort wie "depremiert" auftaucht, hören viele sofort auf zu lesen... Wer will sich schon von einem Text deprimieren lassen...

Also den ganzen ersten Absatz könntest Du streichen und wenn überhaupt, einzelnes nur in einem kleinen Einschub erwähnen - dann, wenn Du den Leser am Haken hast!

"...Dieser Anfang war so gewöhnlich, dass es mir fast widerstrebt, mit so einem banalen Einstieg unsere Geschichte zu beginnen. Aber so war es nun mal..."

Was ist denn das??? Also, wird das ein Tagebuchbericht, oder eine Geschichte?
Entscheide Dich!!!!!!!!!!!!!!!
Wenn es ein Tagebuchbericht wird, stell Dich darauf ein, daß es keiner Lesen wird...
oder willst Du doch eine Geschichte daraus machen???

Soweit erstmal...
Gruß
MarcPlanet.de

P.S. Wenn Du bisher noch nicht viel geschrieben hast, tröste Dich, ich habe schon über 100 Kurzgeschichten geschrieben, davon sind höchstens zehn lesenswert und nur fünf wurden veröffentlicht... Aller Anfang... Du weißt schon...
 

Silja

Mitglied
Hi MarcPlanet, erstmal danke für deine Verbesserungsvorschläge. Konstruktive Kritik ist immer willkommen.

Nun zu ein paar deiner Kritikpunkte:
1.) Mir ging es bei der Geschichte weniger darum, ein äußeres Geschehen darzustellen als vielmehr die Unfähigkeit zweier Menschen miteinander zu kommunizieren. Hier treffen zwei Figuren aufeinander, die sich zwar körperlich sehr nahe kommen, jedoch nicht miteinander reden können. Beispielsweise stellt sich für die Ich-Erzählerin gar nicht die Frage, ob sie Piero von der Schwangerschaft erzählen soll (obwohl es ihn ja auch betreffen würde).
2.) Den ersten Absatz werde ich noch mal überarbeiten. Allerdings war mir wichtig, den Leser daraufhin zu führen, dass die Geschichte in Italien spielt. Und zwar nicht in einem Italien wie es die Touristen aus ihrem 4wöchigen Sommerurlaub kennen, sondern einem Land, das auch seine "dunklen" Seiten hat (aber natürlich sollte es nicht zu deprimierend wirken - da hast du schon recht). Das Kommunikationsproblem zwischen der Ich-Erzählerin und Piero ist also doppelt gegeben: zu einen auf der emotionalen Ebene, zu anderen auf der sprachlichen.
3.) Das Thema "Affäre, ungewollte Schwangerschaft, Abtreibung" ist natürlich nicht neu, aber darum geht es mir auch nicht. Es geht darum, dass sich zwei Menschen nicht aufeinander einlassen wollen. Dass sie ihre Beziehung von Anfang an als Affäre definieren, die letztendlich scheitern muss, da irgendwann Gefühle aufkommen. Die Ich-Erzählerin spricht zwar nur von "Mitleid", aber vielleicht ist es ja auch etwas anderes (das sei der Phantasie des Lesers überlassen).
4.) deine Kritik an "Dieser Anfang war so gewöhnlich, dass es mir fast widerstrebt...": den Satz werde ich streichen. Denn dass es nach Tagebucheintrag klingt, will ich auf jeden Fall vermeiden.

grüße, Silja
 

 
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