Sie nehmen die letzte Fähre nach Rømø und es regnet. Wie den ganzen Urlaub über. 15 Grad, stürmisch, und im Parkdeck springt die Alarmanlage seines Porsche an. Das rhythmische Hupen ist deutlich im Schiffsbistro zu hören und übertönt den Regen, der gegen die Scheiben prasselt. Die Sensoren halten das Schlingern des Schiffes für einen Einbruchsversuch und geben Laut.
„Wir hätten den Autozug nehmen sollen“, bemerkt Katharina.
Sebastian sagt nichts, greift nach dem Autoschlüssel auf dem Tisch und macht sich auf den Weg zum Parkdeck. Die Fähre hatten sie gemeinsam gebucht, weil es Berichte über lange Schlangen in Niebüll am Sylt Shuttle gab. Katharina hasst Staus und Warten. Also die Fähre. Seinetwegen hätte es nicht der Norden sein müssen, er hätte den Robinson Club Soma Bay favorisiert. Verlässliches Wetter, angenehme Wassertemperatur und einen mehr als ansehnlichen Pool unter Palmen, abgesehen von den besten Tauchgründen. Aber Katharina taucht nicht und Ägypten fiel wegen des Hundes aus, den er ihr geschenkt hatte. Der Club akzeptierte keine Hunde, auch keine kleinen wie den Norwich Terrier, von dem der Züchter behauptete, er sei ein anhänglicher und zutraulicher Gefährte. Mit entsprechendem Stammbaum, versteht sich. Der ihn nach zwei Tagen das erste Mal gebissen hatte. In die rechte Hand. Drei Wochen konnte er nicht operieren, der Verdienstausfall war erheblich. Er operiert fast jeden Tag, ausgenommen im Urlaub. Morgens Patientengespräche in der Privatpraxis, später die OPs im Krankenhaus, in dem er Katharina kennengelernt hatte. Sie war dort Stationsleiterin und er konnte seine Finger nicht von ihr lassen. Nur dunkel erinnert er sich an die Gründe: Ihre Brüste, ihr Gang und die Art, wie sie ihn ansah. Ein Blick, der zu sagen schien, ich hätte nichts gegen das, was du gerade denkst. Bei ihm setzte etwas aus, am meisten berauschte ihn seine Anziehungskraft, der sich auch die Oberschwester – er nennt sie noch heute so – nicht entziehen konnte. In der Klinik blieb das alles nicht verborgen, es wurde gemunkelt und getuschelt, kratzte an seiner Reputation. Er sah nur einen Ausweg.
Nachdem sie geheiratet hatten, bekam sie einen Burnout, drei Monate später quittierte sie ihren Job ganz. Ihm war es egal, er verdiente genug, richtete ein Gemeinschaftskonto ein, von dem sie ihre Ausgaben bestreiten konnte und kaufte ihr den Terrier, damit sie beschäftigt war. Sie taufte ihn Pinscher. Bescheuerter Name, aber es war schließlich ihr Hund. Allerdings entpuppte der sich ihm gegenüber als kleines hinterhältiges Monster. Pinscher biss ihn quasi im Vorbeigehen, ohne Vorwarnung. Sebastian hatte sich neben seinem Sessel eine Fachzeitschrift zurechtgelegt. Aufgerollt und mit einem Gummiband fixiert, ergab es ein nützliches Schlaginstrument. Sobald der Hund in seine Nähe kam, ergriff er es und der Köter machte einen Bogen um ihn. Wenn Sebastian an dem Korb vorbeiging, in dem der Terrier schlief, schlug er ihm aufs Hinterteil. Kurze Handbewegung, schön kräftig aus dem Handgelenk, wie beim Squash. Mensch und Tier hielten bald Abstand voneinander.
Auf dem Parkdeck sehen ihn die Männer in den orangefarbenen Westen missbilligend an. Er schaltet den Alarm aus und überlegt kurz, wie die Berufsbezeichnung dieser Menschen wohl ist und ob sie eine Ausbildung für das benötigen, was sie da tun. Aber das schlingernde Schiff unterbricht den Gedankengang, er wankt die Eisentreppen zurück ins höhere Deck. Eine Welle erfasst die Fähre und lässt sie heftig zur Seite rollen. Sebastian wird gegen das Metallgeländer geschleudert, mit Mühe hält er sich auf den Beinen. Der Sturm fegt durch seine klatschnassen Haare. Ihm ist schwindelig und übel, bei der nächsten Welle rutscht er auf dem feuchten Boden aus, stützt sich mit beiden Händen ab und übergibt sich. Unter ihm lärmt die Alarmanlage wieder los.
Im Bistro sitzt Katharina am Tisch und tippt Nachrichten in ihr Handy. Kaffee läuft über die Tischplatte und tropft auf den Boden, eine Tasse ist nirgendwo zu sehen. Sebastian setzt sich dazu, die Beine etwas entfernt von dem Hund, der zwischen Katharinas Beinen kauert. Draußen ist es so dunkel geworden, als hätte jemand Jalousien an Bord heruntergezogen.
„Du bist ganz nass “, sagt sie, ohne vom Handy aufzusehen.
Er fährt sich mit der Hand durch die tropfenden Haare und versucht die Übelkeit zu ignorieren..
Als sie an Land fahren, kommen die Scheibenwischer nur mühsam gegen den prasselnden Regen an, die Schlieren auf der Frontscheibe verhindern klare Sicht. Blitze zucken durch die Dunkelheit, erhellen für Sekundenbruchteile die Straße, gefolgt von grollendem Donner. Der Terrier hat sich verängstigt im Fußraum zusammengerollt und gibt keinen Laut von sich. Das Navigationsgerät meldet: Route wird neu berechnet, bitte fahren Sie zur angezeigten Route.
„Ich hab` kein Netz“, klagt Katharina und hält ihr Handy vors Gesicht, als würde es dadurch besser werden.
Sebastian flucht und beugt sich nach vorn zur Windschutzscheibe, um besser sehen zu können. Die Straße gabelt sich. Schilder gibt es keine, das Navi hilft auch nicht, er lenkt nach rechts. Mit 20 km/h durchpflügt er Sturzbäche und Pfützen, die krachende Geräusche verursachen. Weiter vorn leuchtet etwas rot, vielleicht eine Ampel vor einer größeren Straße, er atmet auf. Der rote Punkt verschwindet kurz, taucht aber gleich darauf wieder auf.
„Was ist das?“, fragt Katharine und vergisst sogar ihr Handy.
Sebastian schweigt und fährt langsam weiter. Es ist keine Ampel. Als der Porsche neben dem Licht zum Stehen kommt, sehen sie schemenhaft ein auf der Seite liegendes Auto auf der linken Fahrbahn. Eines der Rücklichter glüht rot. Sebastian betätigt den Fensterheber, Regen prasselt herein, er fährt das Fenster wieder hoch.
„Ein Unfall“, sagt Katharina.
Er sagt nichts. Die Angewohnheit seiner Frau, die offensichtlichsten Dinge sinnlos zu kommentieren, geht ihm auf die Nerven. Ein verdammter Unfall, ja, vermutlich viel zu schnell gefahren, und das bei diesem Wetter! Nur ein Idiot kann so fahren! Vielleicht sind Insassen im Auto. Kinder womöglich. Katharina sieht ihn von der Seite an.
„Du steigst nicht aus!“
Sebastian versucht noch immer etwas in dem Regen zu erkennen, aber außer verschwommenen Umrissen ist nichts auszumachen.
„Es könnte ein Trick sein“, fährt Katharina fort. „Ich habe Berichte darüber gelesen. Wir rufen einen Krankenwagen.“
„Ich bin Arzt!“, entgegnet er. „Das wäre unterlassene Hilfeleistung. Das gilt für alle, auch für ehemalige Oberschwestern! Außerdem haben wir kein Netz.“
„Stationsleiterin!“, verbessert sie ihn. „Es stürmt da draußen, das kann kein Mensch erwarten! Fahr endlich weiter, wir regeln das im nächsten Ort!“
Sebastian spürt, wie Wut in ihm aufsteigt. Im nächsten Ort! Er weiß nicht einmal, wo sie jetzt sind. Vielleicht sind die Menschen in dem Auto verletzt und kämpfen um ihr Leben. Die Scheiben des Porsche beschlagen allmählich, er betätigt wieder den Fensterheber, trotz des Regens, der sofort sein Poloshirt und seine Shorts durchnässt, und beugt sich aus dem Fenster. Nichts zu sehen, er wird aussteigen müssen. Pinscher hebt den Kopf und jault. Der kleine Hund krabbelt auf Katharinas Schoß und stupst sie mit der Schnauze an, als wolle er sie zu etwas auffordern, aber Katharina reagiert nicht. Der Terrier gibt einen Grunzlaut von sich, springt zu Sebastian herüber, beißt Ihm in die Hand und verschwindet mit einem Satz durch das offene Fenster in der Dunkelheit. Sebastian schreit auf und sieht auf seine blutende Hand. Der Köter hat ihn wieder gebissen. Wieder in die rechte Hand.
Neben ihm reißt Katharina die Beifahrertür auf und stürzt ihrem Hund hinterher. Der Regen prasselt auf beiden Seiten ins Auto, er fährt das Fenster hoch und beugt sich zur Beifahrertür, um sie zu schließen. Ein stechender Schmerz durchfährt seine Hand, als er die Tür zuzieht. Fluchend nimmt er eine Wasserflasche und versucht, die Wunde notdürftig mit einem Taschentuch zu reinigen. Eine Infektion hätte gerade noch gefehlt. Die Finger lassen sich bewegen, vermutlich sind keine Sehnen durchtrennt, aber die Blutung hört nicht auf. Kompressen, Mullbinden und Desinfektionsmittel sind vorne im Kofferraum des 911er. Wo bleibt Katharina? Er hofft, dass sie den Hund in dem Sturm nicht findet. Im besten Fall wird er von Wölfen gefressen oder ertrinkt in den Wassermassen. Ins Auto kommt der jedenfalls nicht mehr. Er sieht auf die Uhr, seine Frau rennt da schon zwei, drei Minuten in dem Unwetter herum. Ziemlich hartnäckig für diese quengelige Person, die sich sonst bei jedem kleinen Nieselregen weigert, vor die Tür zu gehen. Die Hand fängt zu pochen an, er tupft weiter Blut von der Wunde. Die Visite morgen früh kann er vergessen, aber das ist nicht weiter schlimm. Das Problem ist die Schulter-OP am Nachmittag.
Ein Kollege will sich von ihm operieren lassen. Dr. Martin Janssen, ein Endfünfziger aus Hamburg, der alle mit Moin begrüßt. Groß gewachsen, viel zu dick, Tennisspieler und mit jeder Menge Kalk in der rechten Schulter. Es gibt kaum etwas Undankbareres, als einen Kollegen zu operieren, die wissen alles besser. Aber in der Klinik ist Sebastian der Schulter-Pabst. Den Spitznamen verdankt er einem bekannten Fernsehmoderatoren, den er operiert hat und der ihn so betitelte. Als Janssen ihn fragte, erbat er sich Bedenkzeit, sagte aber schnell zu. Der Imagegewinn, wenn selbst die anderen Ärzte um seine Behandlung baten, war nicht zu unterschätzen. Schließlich einigte man sich auf den morgigen Tag. Seine pochende Hand und das blutverschmierte Taschentuch stellen alles in Frage. Der Regen hört nicht auf, sieben, acht Minuten sind vergangen. Weder Frau noch Hund lässt sich blicken.
Der Verdacht kommt in ihm auf, dass Katharina seinetwegen nicht in den Regen gerannt wäre. Eigentlich ist es kein Verdacht, sondern Gewissheit. Es ist ihm ein Rätsel, wie sie an einem Tier hängen kann, dass ihn gebissen hat. Aber vielleicht ist es genau das, was sie an dem Kläffer mag. Dass der ihn ständig beißen will. Hat ihn möglicherweise darauf abgerichtet, Zeit genug hat sie ja. Für Sebastian ist ein Tagesablauf ohne Arbeit unvorstellbar. Ein Tag ist lang, zumal sie keinen Sport treibt und kaum Freundinnen hat. Frisörbesuche, Nagelstudios und Beauty Salons mögen ihre Zeit benötigen, erfüllend ist es nicht. Deshalb hat er ihr Pinscher gekauft. Der Gedanke, dass sie einen Geliebten haben könnte, stört ihn nicht. Soll sie sich doch von irgendeinem kahlköpfigen Dicken befummeln lassen, ein bisschen Spaß haben. Er ist schließlich auch kein militanter Verfechter der Monogamie. Über solche Dinge reden sie nicht, sie sind nicht wichtig. Aber der Hund muss weg!
Ein befreundeter Tierarzt könnte ihm eine Spritze geben, die Sache kurz und schmerzlos beenden. Hans ist sein Squash-Partner und hat eine eigene Praxis. Er könnte ihm von einer Krebsdiagnose des Terriers berichten, unheilbar, leider, er quält sich nur noch, der arme Hund. Hans wird alles verstehen und ihm helfen.
Seit fünfzehn Minuten rennt diese Person, die er geheiratet hat, da draußen im Sturm herum. Das Pochen in seiner Hand hat etwas nachgelassen, aber er spürt ein Taubheitsgefühl und die Wunde blutet weiter. Mit dieser Hand kann er niemandem helfen. Er sieht nicht aus dem Seitenfenster, als er den Motor startet, es ist sowieso nichts zu erkennen. Das Röhren des Porsche beruhigt ihn. Er lässt ihn ein paar Mal im Leerlauf aufheulen, legt den ersten Gang ein und lässt die Kupplung langsam kommen. Die Scheibenwischer kämpfen gegen die Wassermassen und quietschen leicht. Er drückt das Gaspedal weiter durch. Die Rückfahrt ist noch lang und er braucht einen Arzt.
„Wir hätten den Autozug nehmen sollen“, bemerkt Katharina.
Sebastian sagt nichts, greift nach dem Autoschlüssel auf dem Tisch und macht sich auf den Weg zum Parkdeck. Die Fähre hatten sie gemeinsam gebucht, weil es Berichte über lange Schlangen in Niebüll am Sylt Shuttle gab. Katharina hasst Staus und Warten. Also die Fähre. Seinetwegen hätte es nicht der Norden sein müssen, er hätte den Robinson Club Soma Bay favorisiert. Verlässliches Wetter, angenehme Wassertemperatur und einen mehr als ansehnlichen Pool unter Palmen, abgesehen von den besten Tauchgründen. Aber Katharina taucht nicht und Ägypten fiel wegen des Hundes aus, den er ihr geschenkt hatte. Der Club akzeptierte keine Hunde, auch keine kleinen wie den Norwich Terrier, von dem der Züchter behauptete, er sei ein anhänglicher und zutraulicher Gefährte. Mit entsprechendem Stammbaum, versteht sich. Der ihn nach zwei Tagen das erste Mal gebissen hatte. In die rechte Hand. Drei Wochen konnte er nicht operieren, der Verdienstausfall war erheblich. Er operiert fast jeden Tag, ausgenommen im Urlaub. Morgens Patientengespräche in der Privatpraxis, später die OPs im Krankenhaus, in dem er Katharina kennengelernt hatte. Sie war dort Stationsleiterin und er konnte seine Finger nicht von ihr lassen. Nur dunkel erinnert er sich an die Gründe: Ihre Brüste, ihr Gang und die Art, wie sie ihn ansah. Ein Blick, der zu sagen schien, ich hätte nichts gegen das, was du gerade denkst. Bei ihm setzte etwas aus, am meisten berauschte ihn seine Anziehungskraft, der sich auch die Oberschwester – er nennt sie noch heute so – nicht entziehen konnte. In der Klinik blieb das alles nicht verborgen, es wurde gemunkelt und getuschelt, kratzte an seiner Reputation. Er sah nur einen Ausweg.
Nachdem sie geheiratet hatten, bekam sie einen Burnout, drei Monate später quittierte sie ihren Job ganz. Ihm war es egal, er verdiente genug, richtete ein Gemeinschaftskonto ein, von dem sie ihre Ausgaben bestreiten konnte und kaufte ihr den Terrier, damit sie beschäftigt war. Sie taufte ihn Pinscher. Bescheuerter Name, aber es war schließlich ihr Hund. Allerdings entpuppte der sich ihm gegenüber als kleines hinterhältiges Monster. Pinscher biss ihn quasi im Vorbeigehen, ohne Vorwarnung. Sebastian hatte sich neben seinem Sessel eine Fachzeitschrift zurechtgelegt. Aufgerollt und mit einem Gummiband fixiert, ergab es ein nützliches Schlaginstrument. Sobald der Hund in seine Nähe kam, ergriff er es und der Köter machte einen Bogen um ihn. Wenn Sebastian an dem Korb vorbeiging, in dem der Terrier schlief, schlug er ihm aufs Hinterteil. Kurze Handbewegung, schön kräftig aus dem Handgelenk, wie beim Squash. Mensch und Tier hielten bald Abstand voneinander.
Auf dem Parkdeck sehen ihn die Männer in den orangefarbenen Westen missbilligend an. Er schaltet den Alarm aus und überlegt kurz, wie die Berufsbezeichnung dieser Menschen wohl ist und ob sie eine Ausbildung für das benötigen, was sie da tun. Aber das schlingernde Schiff unterbricht den Gedankengang, er wankt die Eisentreppen zurück ins höhere Deck. Eine Welle erfasst die Fähre und lässt sie heftig zur Seite rollen. Sebastian wird gegen das Metallgeländer geschleudert, mit Mühe hält er sich auf den Beinen. Der Sturm fegt durch seine klatschnassen Haare. Ihm ist schwindelig und übel, bei der nächsten Welle rutscht er auf dem feuchten Boden aus, stützt sich mit beiden Händen ab und übergibt sich. Unter ihm lärmt die Alarmanlage wieder los.
Im Bistro sitzt Katharina am Tisch und tippt Nachrichten in ihr Handy. Kaffee läuft über die Tischplatte und tropft auf den Boden, eine Tasse ist nirgendwo zu sehen. Sebastian setzt sich dazu, die Beine etwas entfernt von dem Hund, der zwischen Katharinas Beinen kauert. Draußen ist es so dunkel geworden, als hätte jemand Jalousien an Bord heruntergezogen.
„Du bist ganz nass “, sagt sie, ohne vom Handy aufzusehen.
Er fährt sich mit der Hand durch die tropfenden Haare und versucht die Übelkeit zu ignorieren..
Als sie an Land fahren, kommen die Scheibenwischer nur mühsam gegen den prasselnden Regen an, die Schlieren auf der Frontscheibe verhindern klare Sicht. Blitze zucken durch die Dunkelheit, erhellen für Sekundenbruchteile die Straße, gefolgt von grollendem Donner. Der Terrier hat sich verängstigt im Fußraum zusammengerollt und gibt keinen Laut von sich. Das Navigationsgerät meldet: Route wird neu berechnet, bitte fahren Sie zur angezeigten Route.
„Ich hab` kein Netz“, klagt Katharina und hält ihr Handy vors Gesicht, als würde es dadurch besser werden.
Sebastian flucht und beugt sich nach vorn zur Windschutzscheibe, um besser sehen zu können. Die Straße gabelt sich. Schilder gibt es keine, das Navi hilft auch nicht, er lenkt nach rechts. Mit 20 km/h durchpflügt er Sturzbäche und Pfützen, die krachende Geräusche verursachen. Weiter vorn leuchtet etwas rot, vielleicht eine Ampel vor einer größeren Straße, er atmet auf. Der rote Punkt verschwindet kurz, taucht aber gleich darauf wieder auf.
„Was ist das?“, fragt Katharine und vergisst sogar ihr Handy.
Sebastian schweigt und fährt langsam weiter. Es ist keine Ampel. Als der Porsche neben dem Licht zum Stehen kommt, sehen sie schemenhaft ein auf der Seite liegendes Auto auf der linken Fahrbahn. Eines der Rücklichter glüht rot. Sebastian betätigt den Fensterheber, Regen prasselt herein, er fährt das Fenster wieder hoch.
„Ein Unfall“, sagt Katharina.
Er sagt nichts. Die Angewohnheit seiner Frau, die offensichtlichsten Dinge sinnlos zu kommentieren, geht ihm auf die Nerven. Ein verdammter Unfall, ja, vermutlich viel zu schnell gefahren, und das bei diesem Wetter! Nur ein Idiot kann so fahren! Vielleicht sind Insassen im Auto. Kinder womöglich. Katharina sieht ihn von der Seite an.
„Du steigst nicht aus!“
Sebastian versucht noch immer etwas in dem Regen zu erkennen, aber außer verschwommenen Umrissen ist nichts auszumachen.
„Es könnte ein Trick sein“, fährt Katharina fort. „Ich habe Berichte darüber gelesen. Wir rufen einen Krankenwagen.“
„Ich bin Arzt!“, entgegnet er. „Das wäre unterlassene Hilfeleistung. Das gilt für alle, auch für ehemalige Oberschwestern! Außerdem haben wir kein Netz.“
„Stationsleiterin!“, verbessert sie ihn. „Es stürmt da draußen, das kann kein Mensch erwarten! Fahr endlich weiter, wir regeln das im nächsten Ort!“
Sebastian spürt, wie Wut in ihm aufsteigt. Im nächsten Ort! Er weiß nicht einmal, wo sie jetzt sind. Vielleicht sind die Menschen in dem Auto verletzt und kämpfen um ihr Leben. Die Scheiben des Porsche beschlagen allmählich, er betätigt wieder den Fensterheber, trotz des Regens, der sofort sein Poloshirt und seine Shorts durchnässt, und beugt sich aus dem Fenster. Nichts zu sehen, er wird aussteigen müssen. Pinscher hebt den Kopf und jault. Der kleine Hund krabbelt auf Katharinas Schoß und stupst sie mit der Schnauze an, als wolle er sie zu etwas auffordern, aber Katharina reagiert nicht. Der Terrier gibt einen Grunzlaut von sich, springt zu Sebastian herüber, beißt Ihm in die Hand und verschwindet mit einem Satz durch das offene Fenster in der Dunkelheit. Sebastian schreit auf und sieht auf seine blutende Hand. Der Köter hat ihn wieder gebissen. Wieder in die rechte Hand.
Neben ihm reißt Katharina die Beifahrertür auf und stürzt ihrem Hund hinterher. Der Regen prasselt auf beiden Seiten ins Auto, er fährt das Fenster hoch und beugt sich zur Beifahrertür, um sie zu schließen. Ein stechender Schmerz durchfährt seine Hand, als er die Tür zuzieht. Fluchend nimmt er eine Wasserflasche und versucht, die Wunde notdürftig mit einem Taschentuch zu reinigen. Eine Infektion hätte gerade noch gefehlt. Die Finger lassen sich bewegen, vermutlich sind keine Sehnen durchtrennt, aber die Blutung hört nicht auf. Kompressen, Mullbinden und Desinfektionsmittel sind vorne im Kofferraum des 911er. Wo bleibt Katharina? Er hofft, dass sie den Hund in dem Sturm nicht findet. Im besten Fall wird er von Wölfen gefressen oder ertrinkt in den Wassermassen. Ins Auto kommt der jedenfalls nicht mehr. Er sieht auf die Uhr, seine Frau rennt da schon zwei, drei Minuten in dem Unwetter herum. Ziemlich hartnäckig für diese quengelige Person, die sich sonst bei jedem kleinen Nieselregen weigert, vor die Tür zu gehen. Die Hand fängt zu pochen an, er tupft weiter Blut von der Wunde. Die Visite morgen früh kann er vergessen, aber das ist nicht weiter schlimm. Das Problem ist die Schulter-OP am Nachmittag.
Ein Kollege will sich von ihm operieren lassen. Dr. Martin Janssen, ein Endfünfziger aus Hamburg, der alle mit Moin begrüßt. Groß gewachsen, viel zu dick, Tennisspieler und mit jeder Menge Kalk in der rechten Schulter. Es gibt kaum etwas Undankbareres, als einen Kollegen zu operieren, die wissen alles besser. Aber in der Klinik ist Sebastian der Schulter-Pabst. Den Spitznamen verdankt er einem bekannten Fernsehmoderatoren, den er operiert hat und der ihn so betitelte. Als Janssen ihn fragte, erbat er sich Bedenkzeit, sagte aber schnell zu. Der Imagegewinn, wenn selbst die anderen Ärzte um seine Behandlung baten, war nicht zu unterschätzen. Schließlich einigte man sich auf den morgigen Tag. Seine pochende Hand und das blutverschmierte Taschentuch stellen alles in Frage. Der Regen hört nicht auf, sieben, acht Minuten sind vergangen. Weder Frau noch Hund lässt sich blicken.
Der Verdacht kommt in ihm auf, dass Katharina seinetwegen nicht in den Regen gerannt wäre. Eigentlich ist es kein Verdacht, sondern Gewissheit. Es ist ihm ein Rätsel, wie sie an einem Tier hängen kann, dass ihn gebissen hat. Aber vielleicht ist es genau das, was sie an dem Kläffer mag. Dass der ihn ständig beißen will. Hat ihn möglicherweise darauf abgerichtet, Zeit genug hat sie ja. Für Sebastian ist ein Tagesablauf ohne Arbeit unvorstellbar. Ein Tag ist lang, zumal sie keinen Sport treibt und kaum Freundinnen hat. Frisörbesuche, Nagelstudios und Beauty Salons mögen ihre Zeit benötigen, erfüllend ist es nicht. Deshalb hat er ihr Pinscher gekauft. Der Gedanke, dass sie einen Geliebten haben könnte, stört ihn nicht. Soll sie sich doch von irgendeinem kahlköpfigen Dicken befummeln lassen, ein bisschen Spaß haben. Er ist schließlich auch kein militanter Verfechter der Monogamie. Über solche Dinge reden sie nicht, sie sind nicht wichtig. Aber der Hund muss weg!
Ein befreundeter Tierarzt könnte ihm eine Spritze geben, die Sache kurz und schmerzlos beenden. Hans ist sein Squash-Partner und hat eine eigene Praxis. Er könnte ihm von einer Krebsdiagnose des Terriers berichten, unheilbar, leider, er quält sich nur noch, der arme Hund. Hans wird alles verstehen und ihm helfen.
Seit fünfzehn Minuten rennt diese Person, die er geheiratet hat, da draußen im Sturm herum. Das Pochen in seiner Hand hat etwas nachgelassen, aber er spürt ein Taubheitsgefühl und die Wunde blutet weiter. Mit dieser Hand kann er niemandem helfen. Er sieht nicht aus dem Seitenfenster, als er den Motor startet, es ist sowieso nichts zu erkennen. Das Röhren des Porsche beruhigt ihn. Er lässt ihn ein paar Mal im Leerlauf aufheulen, legt den ersten Gang ein und lässt die Kupplung langsam kommen. Die Scheibenwischer kämpfen gegen die Wassermassen und quietschen leicht. Er drückt das Gaspedal weiter durch. Die Rückfahrt ist noch lang und er braucht einen Arzt.
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