„Findest du nicht?“ fragt ihn sein Sitznachbar am Tisch.
„Doch, sicherlich. Die Lage ist beunruhigend und den Ärger der Leute kann ich gut verstehen“, antwortet er ernst und nickt beschwichtigend zu anderen. Es ist Mittag und seine Arbeitskollegen haben keinen besseren Gesprächsgegenstand entdeckt, als sich über Migration aufzuregen. Zwischen der Arbeit? Für ihn scheint es der denkbar schlechteste Ort zu sein, um inmitten anderer über ein solches Thema zu reden. Anpassung, Nutznießer, Sozialleistungen, Fallzahlen, Ausbildungsstand, Strafrecht, wie ein zähes Stück Fleisch zerkaut die Runde die Angelegenheit, er selbst stimmt zwischendurch brummend zu. Wohlgefällig fügt es sich ein.
Schließlich lässt sich eine Kollegin über ihre fremden Nachbarn aus und erzählt von seltsamen Angewohnheiten, die aus der Tür kriechen, sobald diese offen steht. Dann lacht sie schrill auf. Ihm ist es zuwider, doch er lässt sich nichts anmerken. Das Gelächter hallt durch die Kantine und beinahe kommt es ihm so vor, als ob aus dem herumwirbelnden Staub Eiskristalle werden. Nachdenklich blickt er nach draußen. Vor dem Fenster spaziert ein angenehm warmer Tag. Und dennoch fröstelt er.
Eigentlich mag er, genau wie seine Frau, das Politische nicht. Viel zu viel wird darin geredet, ohne etwas zu sagen. Ihm genügt es, sich die herrschende Mehrheitsmeinung anzusehen, um dann vor einer Wahl eine Entscheidung zu treffen. Trotzdem ließ er sich von Bekannten überreden, sie wenigstens einmal zu einer politischen Veranstaltung zu begleiten. Recht war es ihm nicht. Wie erwartet droschen die Redner mit einer durchgängig gehaltlosen Rhetorik auf das Publikum ein. In einer recht simplen Weise fischte man in einer allgemeinen Unzufriedenheit nach Gunst, kein Zuhörer musste Denken. Es ging um das scheinbar Praktische und um einfache Lösungen, von denen keiner sagte, wie praktisch sie wirklich sind. Das Autoritäre im Inhalt merkte er sogleich. Es behagte ihm nicht, aber er begann am netten Drumherum Gefallen zu finden. Die gesellige Stimmung und hübsche Dekoration hob die Menschen gut auf, ein wenig Jahrmarktlaune trug die Veranstaltung in sich. Seine Frau saß neben ihm und alle tauchten in ein schmeichelhaftes, kämpferisches Wir-Gefühl ein.
„Wenn man mehr auf die Einheimischen achten würde, dann müssten wir uns nicht diesen Einschnitten herumplagen“, findet am Mittagstisch einer seiner Kollegen. „Dem Land fehlt eine harte Hand, die den Auswüchsen unserer Zeit beikommt.“ Die anderen nicken nur stumm mit ihren Köpfen, wobei es nicht eindeutig ist, ob damit ein Zustimmen oder Ablehnen zum Ausdruck kommt. Wortlos schließt er sich an, ohne eine eigene Meinung zu haben. Nun bleibt nicht mehr viel Zeit, dann ist die Mittagspause vorüber. Dieses Mal wollte ihm das Essen nicht schmecken. Ihm ist immer noch kalt. Und aus einem heimtückischen Hinterhalt verfolgen ihn durchsichtige Bilder.
„Wir müssen bald wieder an die Arbeit“, sagt jemand und blickt dabei auf die Uhr. „Das Mentaltraining von letzter Woche hat uns ja auf Vordermann gebracht.“ Alle lachen und stehen rasch nacheinander auf. Auch er bemüht sich um gute Laune. Doch nur ungern erinnert er sich an die Weiterbildung, die die Belegschaft vor kurzem genießen durfte. Dem inneren Zusammenhalt im Betrieb sei gedankt. Es blieb auch bei einem einträchtigen Beieinander. Wie sich bald herausstellte war ihr Coach jemand, der sich nebenberuflich auch als Comedian versucht. Seine Überzeugungstätigkeit bestand insbesondere darin, den Teilnehmern weiszumachen, dass sie echte Netzwerker seien, Profis, die wissen wie Kooperation geht. Irgendeinmal gab der fade Witze über Wohnungslose und andere Unglücksraben zum Besten. Über Stunden stolperten die lustigen Neigungen, ein schlechtes Unterhaltungsprogramm, das jedoch in den Anwesenden ein überwiegend zugneigtes Publikum gefunden hatte.
Er könnte diesen Zeitgenossen immer noch würgen. Es erstaunt ihn, dass diese Vorstellung nicht von ihm ablässt. Mit einer Befriedigung spürt er, wie sich seine Hände um einen Hals legen und dem selbsternannten Clown langsam, japsend die Luft ausgeht. Aber trotzdem würde er die gewohnt leichte Unterhaltung zuhause mit seinem Nachbarn vorziehen.
Plaudernd laufen sie inzwischen den Gang entlang, vorbei an verschlossenen Türen, hinter denen stille Räume liegen.
„Schade, dass man Peter gekündigt hat. Er hat von seinem Fach viel verstanden und für uns immer ein offenes Ohr gehabt“, spricht dann eine Kollegin. Die anderen bedauern ebenfalls die Situation. Er sagt nichts. Dass man ihm Vorschläge zum Personalabbau unterbreitet hatte, weiß von seinen Begleitern keiner, jeden Verdacht konnte er bisher von sich weisen. Er habe ja nur eine mittlere Position und wurde selbst überrumpelt. Tatsächlich fragte man damals nach seinem Standpunkt, durchaus wäre es ihm möglich gewesen, eigene Argumente vorzubringen und sich für den einen oder anderen Mitarbeiter einzusetzen. Vielleicht hätten ihn seine Vorgesetzen ernst genommen, doch er ließ es bleiben. Man wollte von ihm ja nur eine Bestätigung und keine Ausführung über ökonomische Vernunft, die in absurden Seifenblasen davongetragen worden war. Weshalb hätte er also disputieren sollen?
Im diffusen Licht entschwindet sein Schweigen. Ihm ist bewusst, dass sich unter den Gekündigten auch einer befindet, mit dem er mehrmals an gemütlichen Abenden Kegeln war und mit dem er sich auch bis ins Private recht gut verstanden hatte. Zwischen ihnen schien eine beinahe freundschaftliche Verbundenheit zu bestehen. Doch im Augenblick sträubt es sich in ihm, Gedanken über diesen Umstand zu verlieren.
Als sie endlich im Lift stehen, scheint unter ihm der Boden mit einem Mal zu schwanken. Mehr als in den Stunden zuvor. Seismisch nähern sich ihm die Bewegungen, sie kommen, nehmen ab und kehren wieder zurück. Niemand um ihn merkt es. Die täglichen, längst eingespielten Abläufe zuhause, die gleichmäßige Beziehung mit seiner Frau, ihr beidseitiges Zufriedensein, das Tägliche in der Nachbarschaft, das freundliche Vorbeigehen und sogar das Geschäftliche werden in wenigen, bald vergessenen Augenblicken erschüttert. Das aufgedrängt Nächtliche nagt an ihm. Noch nie zuvor hat ihn ein Traum so lange durch den Tag verfolgt.
Ja, er sieht alles noch deutlich vor sich. Wie er plötzlich, ungewollt und ohne jede Begleitung vor einer aufgelassenen Station mitten im polaren Gebiet stand. Ein brüchiges Gebäude als Überbleibsel des Menschlichen. Um ihn herum tat sich massiges Eis auf und zwischendurch lag Fels, wo Himmel oder Horizont lagen, ließ sich nicht bestimmen. Die Luft schien frostig erfüllt zu sein, sie drang zu ihm, nahm den Atem. Ratlos sah er in die tiefe, unendliche Stille, es fand sich keine Richtung, in der er gehen konnte, in der es Sinn machte hinzulaufen, alles war irgendwie gleich. Größte Einsamkeit umgab ihn, nichts Vertrautes lag in der Nähe, nichts Vertrautes wollte spürbare Zuversicht geben. Und in ihm regte sich die Furcht vor Raubtieren.
„Doch, sicherlich. Die Lage ist beunruhigend und den Ärger der Leute kann ich gut verstehen“, antwortet er ernst und nickt beschwichtigend zu anderen. Es ist Mittag und seine Arbeitskollegen haben keinen besseren Gesprächsgegenstand entdeckt, als sich über Migration aufzuregen. Zwischen der Arbeit? Für ihn scheint es der denkbar schlechteste Ort zu sein, um inmitten anderer über ein solches Thema zu reden. Anpassung, Nutznießer, Sozialleistungen, Fallzahlen, Ausbildungsstand, Strafrecht, wie ein zähes Stück Fleisch zerkaut die Runde die Angelegenheit, er selbst stimmt zwischendurch brummend zu. Wohlgefällig fügt es sich ein.
Schließlich lässt sich eine Kollegin über ihre fremden Nachbarn aus und erzählt von seltsamen Angewohnheiten, die aus der Tür kriechen, sobald diese offen steht. Dann lacht sie schrill auf. Ihm ist es zuwider, doch er lässt sich nichts anmerken. Das Gelächter hallt durch die Kantine und beinahe kommt es ihm so vor, als ob aus dem herumwirbelnden Staub Eiskristalle werden. Nachdenklich blickt er nach draußen. Vor dem Fenster spaziert ein angenehm warmer Tag. Und dennoch fröstelt er.
Eigentlich mag er, genau wie seine Frau, das Politische nicht. Viel zu viel wird darin geredet, ohne etwas zu sagen. Ihm genügt es, sich die herrschende Mehrheitsmeinung anzusehen, um dann vor einer Wahl eine Entscheidung zu treffen. Trotzdem ließ er sich von Bekannten überreden, sie wenigstens einmal zu einer politischen Veranstaltung zu begleiten. Recht war es ihm nicht. Wie erwartet droschen die Redner mit einer durchgängig gehaltlosen Rhetorik auf das Publikum ein. In einer recht simplen Weise fischte man in einer allgemeinen Unzufriedenheit nach Gunst, kein Zuhörer musste Denken. Es ging um das scheinbar Praktische und um einfache Lösungen, von denen keiner sagte, wie praktisch sie wirklich sind. Das Autoritäre im Inhalt merkte er sogleich. Es behagte ihm nicht, aber er begann am netten Drumherum Gefallen zu finden. Die gesellige Stimmung und hübsche Dekoration hob die Menschen gut auf, ein wenig Jahrmarktlaune trug die Veranstaltung in sich. Seine Frau saß neben ihm und alle tauchten in ein schmeichelhaftes, kämpferisches Wir-Gefühl ein.
„Wenn man mehr auf die Einheimischen achten würde, dann müssten wir uns nicht diesen Einschnitten herumplagen“, findet am Mittagstisch einer seiner Kollegen. „Dem Land fehlt eine harte Hand, die den Auswüchsen unserer Zeit beikommt.“ Die anderen nicken nur stumm mit ihren Köpfen, wobei es nicht eindeutig ist, ob damit ein Zustimmen oder Ablehnen zum Ausdruck kommt. Wortlos schließt er sich an, ohne eine eigene Meinung zu haben. Nun bleibt nicht mehr viel Zeit, dann ist die Mittagspause vorüber. Dieses Mal wollte ihm das Essen nicht schmecken. Ihm ist immer noch kalt. Und aus einem heimtückischen Hinterhalt verfolgen ihn durchsichtige Bilder.
„Wir müssen bald wieder an die Arbeit“, sagt jemand und blickt dabei auf die Uhr. „Das Mentaltraining von letzter Woche hat uns ja auf Vordermann gebracht.“ Alle lachen und stehen rasch nacheinander auf. Auch er bemüht sich um gute Laune. Doch nur ungern erinnert er sich an die Weiterbildung, die die Belegschaft vor kurzem genießen durfte. Dem inneren Zusammenhalt im Betrieb sei gedankt. Es blieb auch bei einem einträchtigen Beieinander. Wie sich bald herausstellte war ihr Coach jemand, der sich nebenberuflich auch als Comedian versucht. Seine Überzeugungstätigkeit bestand insbesondere darin, den Teilnehmern weiszumachen, dass sie echte Netzwerker seien, Profis, die wissen wie Kooperation geht. Irgendeinmal gab der fade Witze über Wohnungslose und andere Unglücksraben zum Besten. Über Stunden stolperten die lustigen Neigungen, ein schlechtes Unterhaltungsprogramm, das jedoch in den Anwesenden ein überwiegend zugneigtes Publikum gefunden hatte.
Er könnte diesen Zeitgenossen immer noch würgen. Es erstaunt ihn, dass diese Vorstellung nicht von ihm ablässt. Mit einer Befriedigung spürt er, wie sich seine Hände um einen Hals legen und dem selbsternannten Clown langsam, japsend die Luft ausgeht. Aber trotzdem würde er die gewohnt leichte Unterhaltung zuhause mit seinem Nachbarn vorziehen.
Plaudernd laufen sie inzwischen den Gang entlang, vorbei an verschlossenen Türen, hinter denen stille Räume liegen.
„Schade, dass man Peter gekündigt hat. Er hat von seinem Fach viel verstanden und für uns immer ein offenes Ohr gehabt“, spricht dann eine Kollegin. Die anderen bedauern ebenfalls die Situation. Er sagt nichts. Dass man ihm Vorschläge zum Personalabbau unterbreitet hatte, weiß von seinen Begleitern keiner, jeden Verdacht konnte er bisher von sich weisen. Er habe ja nur eine mittlere Position und wurde selbst überrumpelt. Tatsächlich fragte man damals nach seinem Standpunkt, durchaus wäre es ihm möglich gewesen, eigene Argumente vorzubringen und sich für den einen oder anderen Mitarbeiter einzusetzen. Vielleicht hätten ihn seine Vorgesetzen ernst genommen, doch er ließ es bleiben. Man wollte von ihm ja nur eine Bestätigung und keine Ausführung über ökonomische Vernunft, die in absurden Seifenblasen davongetragen worden war. Weshalb hätte er also disputieren sollen?
Im diffusen Licht entschwindet sein Schweigen. Ihm ist bewusst, dass sich unter den Gekündigten auch einer befindet, mit dem er mehrmals an gemütlichen Abenden Kegeln war und mit dem er sich auch bis ins Private recht gut verstanden hatte. Zwischen ihnen schien eine beinahe freundschaftliche Verbundenheit zu bestehen. Doch im Augenblick sträubt es sich in ihm, Gedanken über diesen Umstand zu verlieren.
Als sie endlich im Lift stehen, scheint unter ihm der Boden mit einem Mal zu schwanken. Mehr als in den Stunden zuvor. Seismisch nähern sich ihm die Bewegungen, sie kommen, nehmen ab und kehren wieder zurück. Niemand um ihn merkt es. Die täglichen, längst eingespielten Abläufe zuhause, die gleichmäßige Beziehung mit seiner Frau, ihr beidseitiges Zufriedensein, das Tägliche in der Nachbarschaft, das freundliche Vorbeigehen und sogar das Geschäftliche werden in wenigen, bald vergessenen Augenblicken erschüttert. Das aufgedrängt Nächtliche nagt an ihm. Noch nie zuvor hat ihn ein Traum so lange durch den Tag verfolgt.
Ja, er sieht alles noch deutlich vor sich. Wie er plötzlich, ungewollt und ohne jede Begleitung vor einer aufgelassenen Station mitten im polaren Gebiet stand. Ein brüchiges Gebäude als Überbleibsel des Menschlichen. Um ihn herum tat sich massiges Eis auf und zwischendurch lag Fels, wo Himmel oder Horizont lagen, ließ sich nicht bestimmen. Die Luft schien frostig erfüllt zu sein, sie drang zu ihm, nahm den Atem. Ratlos sah er in die tiefe, unendliche Stille, es fand sich keine Richtung, in der er gehen konnte, in der es Sinn machte hinzulaufen, alles war irgendwie gleich. Größte Einsamkeit umgab ihn, nichts Vertrautes lag in der Nähe, nichts Vertrautes wollte spürbare Zuversicht geben. Und in ihm regte sich die Furcht vor Raubtieren.