Polenwitze

Bert und seine Frau erhielten im Frühjahr 2005 eine Einladung zu einer Familienfeier in einer entfernten Stadt. Drei knapp hintereinander geborene Brüder, die einige Jahre zuvor in einem Schwung zusammen getauft worden waren, sollten auch zusammen Kommunion feiern. Die Mutter hatte die weit angereisten Gäste Abends zuvor im Elternhaus der Jungs zum Essen eingeladen. Im Lauf der Stunden wurde es richtig gemütlich und die Buben legten doch noch ihre Scheu ab vor den teilweise nicht so vertrauten Verwandten und Freunden. Die Drei fühlten sich dann sogar ein bisschen als Gastgeber die die Leute unterhielten und beschäftigten. Plötzlich meinten sie Polenwitze erzählen zu müssen. Sie sagten das so, wie sie zuvor bei einigen Gästen Stadt-Land-Fluss und andere Unterhaltungsspielchen angeregt hatten. Es hatte, so schien es, etwas normales, als hätten sie das so schon öfter gemacht bei solchen Gelegenheiten.
Bert protestierte gedämpft heftig. Es kam ganz unten aus dem Bauch. Er war selbst überrascht über seine spontane Reaktion, denn hier war er Gast in einem gediegenen Familie. Die Jungs waren lebendig, intelligent und doch folgsam. Die Eltern beruflich schrecklich erfolgreich. Bert war nur eine graue arbeitslose Maus. Er hatte nicht überlegt, nur reflexartig reagiert.

Einige Jahre zuvor hatte ein Late-Night-Talker kritische Stimmen in den Medien abbekommen, weil er Polenwitze in seiner Sendung zum Besten gab. Von Mund zu Mund, in deutschen Wohnzimmern und Kneipen hatten sie grassiert. Inzwischen musste es nachgelassen haben, denn Bert hatte lange keine mehr zu Ohren bekommen. In Deutschland damals, mit der gefühlten Grenze zu den doch noch Gesellschaftlich und Wirtschaftlich im Aufbau befindlichen ehemaligen Ostblockstaaten war es bei den Witzen hauptsächlich um Autoklau gegangen. - “Besuchen Sie Polen! Ihr Auto ist schon da” - . Das öffentlich rechtliche Fernsehen war natürlich eine andere Ebene als der Stammtisch, aber bei aller Political Corectness, meinte Bert damals, so was musste auch möglich sein. Früher erzählte man Ostfriesenwitze, Schottenwitze sind Weltkultur, Blondinenwitze waren gerade im kommen und die Polen hatten garantiert keine sehr freundlichen Witze über die Deutschen. Selbst zu DDR Zeiten war man sich auf unteren Ebenen nicht grün zum jeweiligen verordneten sozialistischen Bruder. Nachbarschaftliche Normalität hat viele Varianten, auch Witze müssen dazugehören können und dem Wandel ausgesetzt sein. Theoretisch muss eine nachbarschaftliche Beziehung zwischen Völkern zeitweise sogar schlechter werden dürfen und trotzdem Normalität sein. Dass Deutschland auf Grund der Vergangenheit von anderen Nationen nicht selbstverständlich als ein Land wie jedes andere angesehen wurde hatte Bert, wenn auch widerwillig hinnehmen gelernt mit der Erkenntnis, dass man die Gleichberechtigung gegenüber dem Ausland beständig einfordern und auch Deutschland selbst sich diese Berechtigung immer wieder neu verdienen muss. Bert hat aber nie akzeptiert, dass das Verhältnis zu Polen ein empfindlicheres sein soll wie zu anderen von Nazideutschland angegriffenen und besetzt gewesenen Ländern.

Aber was war hier an diesem Tag? Warum kam da Ablehnung aus dem Bauch? Es war also doch nicht so einfach. Doch nicht gleichberechtigt? Na ja, Witze gehen immer auf Kosten von irgend jemandem. Ohne Verletzungen geht es nicht. Aber das ist normal. Nahezu jedes Thema kann mit Witzen bearbeitet werden. Aber natürlich gibt es falsche Zeitpunkte und falsche Orte. Immer wieder mal muss man das Gesicht verziehen, wenn man merkt, dass jemand sich vertut. Ein Witz über Polen ist nicht das gleiche wie ein Witz über Österreicher, zumindest nicht in Deutschland im Jahr 2005. Vielleicht später mal. Trotzdem müssen sie existieren können und sie existieren auch.

Hier aber, meinte Bert ganz spontan zu fühlen, ist eine andere Ebene. Hier wird etwas kultiviert an acht bis zwölfjährigen Buben. Polenwitze, die eigentlich gerade wieder aus der Mode sind werden fast programmatisch gepflegt, am Leben erhalten und, so sah es aus, an die nachwachsende Generation weitergegeben. Da stand der Vater hintendran, wer sonst. So etwas macht man mit seinen Kindern beim Sport, mit der Liebe zu Musik oder mit einer persönlichen Lebenseinstellung. Man vermittelt Ehrgeiz, Ausdauer, Leidenschaft, auch akzeptabler Patriotismus, ja. Aber dass da war etwas anderes. Das war nicht Late Night für aufgeklärte Erwachsene. Das war Schulhof am Vormittag. Polenwitze von halbwüchsigen Bildungskindern eingeübt als Bestandteil deutscher Humorkultur. Dargebracht am Abend vor deren Kommunion. Das ekelte an.
Aber es reichte noch weiter. Neben der spontanen Regung stieg in Bert bald ein grotesker Zusammenhang auf. Mein Gott fällt das niemandem auf? Die schallende Ironie wurde ihm schlagartig klar aber er wagte es nicht nach Außen irgend eine Regung zu zeigen. Genau an diesem Abend beteten wahrscheinlich Millionen gläubiger Katholiken für ihren Papst, der im Sterben lag. Das war ein Pole. Er hatte bis dahin fast drei Jahrzehnte die Welt bewegt.
Als die ganze Festgesellschaft am nächsten morgen an der Kirche ankam hingen lange schwarze Trauerfahnen den Kirchturm herunter. Das Oberhaupt der katholischen Kirche war genau in dieser Nacht gestorben. Aber damit noch nicht genug. Der Priestermangel in der deutschen katholischen Kirche war nichts neues. Schon länger hatte man angefangen sich zu behelfen. Bert konnte es an der Aussprache hören. Der Pfarrer, der die drei Söhne des Vaters, seine Frau war nicht katholisch, zur heiligen Kommunion führte war ebenfalls ein Pole. Bert schwankte zwischen Entsetzen und kopfschüttelnder Ironie. War er hysterisch oder sind alle anderen blind? Insgeheim fühlte er sich erhaben über die anderen, moralischer. Das gab im Kraft, aber er spürte, da war auch Eitelkeit dabei.

Am Abend zuvor waren dann doch keine Polenwitze erzählt worden. Der gedämpfte Protest war gedämpft registriert worden, auch vom Vater. Bert hatte stumme Blicke der Gästen auf sich gespürt. Derjenige der Jungen, der keine Schulklasse übersprungen hatte und der schon öfter mal durch empfindsame Bemerkungen aufgefallen war, hatte sogar in den Raum gestellt: “Ja, warum eigentlich gibt es Polenwitze?” Er hatte keine Antwort bekommen, auch nicht von Bert.

Ein Jahr später fragte die Mutter mal vorsichtig ob Berts Familie Verwandte in Polen hätte. In aller Unschuld hatten die bis heute überhaupt nicht registriert was für Bert zum Himmel geschrien hatte. Er überhörte die Frage. Bert dachte an Antisemitismus. Der Ausspruch “wehret den Anfängen”, der häufig in der Gegenwart zitiert wurde und dabei seiner Meinung nach viel kaputt machte, den hasste er. Aber so ähnlich unbewusst, unbemerkt, scheinbar harmlos schleichend könnten die Anfänge hundert Jahre zuvor gewesen sein. Noch kein wirkliches Unrecht, aber eine giftige Keimzelle im Spiel vielfältiger, zukünftiger Entwicklungen.
 
B

bluefin

Gast
ich finde, lieber @reinhard, du machst viel zuviel worte um die ganz banale tatsache, dass witze, egal welcher provenienz, so gut wie immer völlig unreflektiert weitererzählt werden. der gutmenschenmantel, in den du deinen prot hüllst, ist ebenso unspezifisch wie ein "polenwitz", ein "österreicherwitz", ein "judenwitz" oder ein "ossiwitz".

die vermutung, in "besseren" häusern hätten die entsprechenden witze den besseren keimboden als auf der gosse, ist eindeutig falsch: schon allein der primitive inhalt der meisten einschlägigen kalauer spricht dagegen. "sophisitcated" (und damit vielleicht wirklich bedenklich und subversiv) sind die meisten dieser "witze" nicht.

deshalb eignen sie sich auch nicht zu derart ausufernden abhandlungen. wobei der von dir gezogene ("ihr auto ist schon da!") bei näherer betrachtung durchaus ambivalent ist - er geht nämlich nicht nur auf kosten einer inkriminierten natiopnalität, sondern auch zu lasten eines dummen, der verdutzt seinem auto wieder begegnet.

der witz steht nie am anfang einer entwicklung, sondern beschreibt eine (vermeintlich) bereits längst stattgefundene auf eine mehr oder minder geschacklose art. auch die satire, die immer und überall auf kosten dritter geht, ist nie direkt gesellschaftspolitisch relevant, sondern nur abklatsch. hier in bayern nennt man das "derblecken": stabile, in sich ruhende persönlichkeiten und systeme halten's locker aus; alle anderen sind keine.

tipp: bei bedarf nicht mit sinnlos erhobenem zeigefinger gegen politisch inkorrekte witze vorgehen, sondern sich über die witzeerzähler und witze selber lustig machen. alles andere funzt nicht - weder literarisch noch anderweitig.

liebe grüße aus münchen

bluefin
 

NicoD

Mitglied
Ich denke, bluefin hat es schon ganz gut analysiert. Ich möchte noch hinzufügen, daß die ganze Sache auch sprachlich ruhig etwas lockerer sein könnte. M.E. handelt es sich weniger um eine Erzählung als vielmehr um eine Glosse.

Z.B.:
Bert protestierte gedämpft heftig.
Wie sieht das aus? Was hat sich genau abgespielt?

Oder hier:

Dass Deutschland auf Grund der Vergangenheit von anderen Nationen nicht selbstverständlich als ein Land wie jedes andere angesehen wurde hatte Bert, wenn auch widerwillig hinnehmen gelernt mit der Erkenntnis, dass man die Gleichberechtigung gegenüber dem Ausland beständig einfordern und auch Deutschland selbst sich diese Berechtigung immer wieder neu verdienen muss. Bert hat aber nie akzeptiert, dass das Verhältnis zu Polen ein empfindlicheres sein soll wie zu anderen von Nazideutschland angegriffenen und besetzt gewesenen Ländern.
Leider sehr lang und recht hölzern, am Schluß sogar holprig.

Viele Grüße
 
Hallo NicoD,

habe mein Profil geändert, ist alles tatsächlich so gewesen.

"gedämpft heftig" hieß, nicht lautstark aber mit schneller, fahriger Bewegung (halb aufgestanden, hand auf den unterarm des jungen)und schnellen geflüssterten Zischlauten ("Lass es. lass es").
vielleicht hätte ich es so schreiben sollen.

Ja ich bin hölzern, deine worte helfen mir weiter.

was ich schade finde. merkt man nicht dass es mir nicht um witze geht oder um leute in besseren Häussern, sondern um zerrissenheit, schamgefühl und groteske zusammenhänge, bedenkliche entwicklungen die andere nicht wahrnehmen?

vielen dank
gruß reinhard
 
B

bluefin

Gast
das "andere" polenweitze goutierten und von tugendwächtern wie dem deinen zu belehren wären, klingt mir ein wenig arg hochmütig, lieber reinhard. lapidare schildereungen erreichen nicht dadurch höhere wertigkeit, dass sie, wie du uns versicherst, "wahr" seien. ich bin sehr sicher, dass ausser einer reihe von jugendlichen und ein paar erwachsenen deppen niemand polenwitze als "gute unterhaltung" qualifizierte und dieserthlaben zurecht gewiesen werden müsste.

4711 riecht nach kölnisch wasser, und scheiße stinkt halt. so weit, so banal. wo finden wir den besonderen ansatz?

liebe grüße aus münchen

bluefin
 

Wipfel

Mitglied
Guten Abend,

so wir hier also das Problem, welches entsteht wenn man berichtet wie es (tatsächlich) war, besonders schön sichtbar. Wie ein Tagebucheintrag wirkt der Text auf mich, wie ein Bericht: so wars, wenn ich es doch sage!

Dafür gibt es durchaus ein Publikum, warum nicht. Was darunter leidet, fast immer, ist der literarische Anspruch, den ich in Texten suche. Die Umsetzung wird den Ereignissen geschuldet - das ist schade.

Ich will, dass mir die Autorin/der Autor eine Idee schenkt, einen Gedanken, eine Spannung, irgendetwas was mich reicher macht, als ich vor dem Lesen der Geschichte war.

Grüße von Wipfel
 
Hallo Wipfel,

du hast verdammt recht. ich weiß das schon lange. du machst es mir aber nochmal deutlich. Das ist keine literatur was ich hier produziert habe. Das ist "anliegen". vielleicht ist es mir auf "Hausierer" oder " juddeferz" ein bisschen mehr gelungen, aber dennoch bin ich kein schrifsteller, es ist mir nur manchmal zum schreiein wie in "Polenwitze".

allein schon deine kritik ist dagegen ein kleines kunstwerk im erfassen des inhlts und in den worten wie du es ausdrückst.

es ist mein spezielles problem, dass ich sensoren habe dinge zu empfangen die wohl etwas weiter reichen, aber nicht die mittel und fähigkeiten mich auch angemessen auszudrücken.

mit gutmenschsein und tugendwächter hat das nichts zu tun. eher mit ständigem,erneutem zweifel und hinterfragen.

ich träume davon meine erfahrungen und meine zweifel ( da draußen in der welt gibt es noch so viel ungesagtes das zu neuem führt)in meinen worten an einen richtigen schriftsteller zu schicken oder im internet zur verfügung zu stellen, damit andere etwas damit anfangen.

die erfahrung in leselupe sagt mir, ohne erwartete form wird nichts beachtet.

ich weis nicht was ich weiter mache,
kämpfen auf jeden fall,
und versuchen zu lernen.
Vielleicht reicht es für mittelmäßige ergebnisse.

gruß reinhard
 

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