Poorly educated (Satire)
Wilbur hatte noch nie von der Regierung Post erhalten. Er riss den Umschlag auf und setzte sich zum Lesen an den Küchentisch.
„Und? Was wollen die?“, wollte seine Frau Carol wissen.
„Es geht um Rickie.“
„Um Rickie? Was wollen die um Gottes willen von ihm? Der Junge ist siebzehn.“
„Genau das ist der Grund. Sie wollen ihn einem obligatorischen Test, verbunden mit der militärischen Musterung, unterziehen. Reine Routineangelegenheit, sagen sie.“
„Will, das gefällt mir nicht, wenn ich ehrlich sein soll.“
„Es ist Routine und hat nichts zu bedeuten. Sie machen das bei allen Jungs.“
„Und wann soll diese Prüfung sein?“ Carol wurde immer misstrauischer.
„Am Ende des Monats. Nun heul doch nicht gleich!“
„Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich Angst habe.“
Wilbur nahm sie in den Arm. „Beruhige dich, bitte!“
„Also, Rickie, pass auf: Das ist eine ganz normale Befragung. Es geht hauptsächlich um deine schulischen Leistungen, und die sind ja besser denn je. Alles Einser und Zweier, das müssen die anderen erst mal vorweisen. Du bist ein heller Kopf, und die Prüfer werden schnell davon überzeugt sein. Vielleicht bekommst du ein Stipendium für den Fall, dass du nach der Schule studieren willst. Um die Vier in Sport mach dir mal keine Sorgen. Die Hälfte deiner Schulklasse ist stark übergewichtig wie du. Dann musst du wenigstens nicht zum Militär.“
Rickie nickte nach jedem Satz und zeigte damit, dass er die Autorität seines Vaters widerspruchslos anerkannte.
*
Wilbur und Carol warteten dreieinhalb Stunden und hielten es auf den harten Holzstühlen auf dem kahlen Flur kaum noch aus, als sich die Tür schräg gegenüber öffnete. Ein Mann mit einer schwarzen Brille und in Uniform trat einen Schritt hervor, schaute zu den beiden und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, dass sie in sein Büro kommen sollen. „Ich bin verpflichtet, Sie aufzuklären“, fügte er hinzu.
Sie traten ein und nahmen auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz, während er eine Mappe öffnete und ein Blatt herausnahm.
„Die Schulnoten sind beeindruckend“, begann er. „Doch sie konnten das Komitee nicht überzeugen. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir den Jungen vor einer Stunde eingeschläfert haben. Wir hatten die Wahl zwischen Deportation und – na ja, Einschläfern ist kein schönes Wort, aber ein Abschieben in dieses lausige Gefängnis in El Salvador, nein, das wollten wir ihm ersparen.“
„Wie …“ Carol verstummte.
„Nein, Ms Henderson“, er hob die Hand um ihr zu zeigen, dass er über Details nicht sprechen dürfe. „Bitte! Es war eine staatliche Maßnahme.“ Er zögerte einen Moment. „Was ich noch sagen wollte: Der Staat übernimmt die Kosten für die Beerdigung. Wenn Sie die Beisetzung allerdings selbst übernehmen wollen, werden wir den Leichnam an einen Bestatter überführen.“
Als sie aufstanden und sich in Richtung Tür begaben, richtete sich ihr Blick auf ein Bild an der Wand. Es zeigte einen älteren, etwas bullig wirkenden Herrn mit orangenen Haaren und künstlichen schneeweißen Zähnen. Am unteren Ende des Bildes war ein Zitat in goldenen Lettern zu lesen:
“I love poorly educated people.”
Wilbur hatte noch nie von der Regierung Post erhalten. Er riss den Umschlag auf und setzte sich zum Lesen an den Küchentisch.
„Und? Was wollen die?“, wollte seine Frau Carol wissen.
„Es geht um Rickie.“
„Um Rickie? Was wollen die um Gottes willen von ihm? Der Junge ist siebzehn.“
„Genau das ist der Grund. Sie wollen ihn einem obligatorischen Test, verbunden mit der militärischen Musterung, unterziehen. Reine Routineangelegenheit, sagen sie.“
„Will, das gefällt mir nicht, wenn ich ehrlich sein soll.“
„Es ist Routine und hat nichts zu bedeuten. Sie machen das bei allen Jungs.“
„Und wann soll diese Prüfung sein?“ Carol wurde immer misstrauischer.
„Am Ende des Monats. Nun heul doch nicht gleich!“
„Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich Angst habe.“
Wilbur nahm sie in den Arm. „Beruhige dich, bitte!“
„Also, Rickie, pass auf: Das ist eine ganz normale Befragung. Es geht hauptsächlich um deine schulischen Leistungen, und die sind ja besser denn je. Alles Einser und Zweier, das müssen die anderen erst mal vorweisen. Du bist ein heller Kopf, und die Prüfer werden schnell davon überzeugt sein. Vielleicht bekommst du ein Stipendium für den Fall, dass du nach der Schule studieren willst. Um die Vier in Sport mach dir mal keine Sorgen. Die Hälfte deiner Schulklasse ist stark übergewichtig wie du. Dann musst du wenigstens nicht zum Militär.“
Rickie nickte nach jedem Satz und zeigte damit, dass er die Autorität seines Vaters widerspruchslos anerkannte.
*
Wilbur und Carol warteten dreieinhalb Stunden und hielten es auf den harten Holzstühlen auf dem kahlen Flur kaum noch aus, als sich die Tür schräg gegenüber öffnete. Ein Mann mit einer schwarzen Brille und in Uniform trat einen Schritt hervor, schaute zu den beiden und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, dass sie in sein Büro kommen sollen. „Ich bin verpflichtet, Sie aufzuklären“, fügte er hinzu.
Sie traten ein und nahmen auf den beiden Stühlen vor seinem Schreibtisch Platz, während er eine Mappe öffnete und ein Blatt herausnahm.
„Die Schulnoten sind beeindruckend“, begann er. „Doch sie konnten das Komitee nicht überzeugen. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass wir den Jungen vor einer Stunde eingeschläfert haben. Wir hatten die Wahl zwischen Deportation und – na ja, Einschläfern ist kein schönes Wort, aber ein Abschieben in dieses lausige Gefängnis in El Salvador, nein, das wollten wir ihm ersparen.“
„Wie …“ Carol verstummte.
„Nein, Ms Henderson“, er hob die Hand um ihr zu zeigen, dass er über Details nicht sprechen dürfe. „Bitte! Es war eine staatliche Maßnahme.“ Er zögerte einen Moment. „Was ich noch sagen wollte: Der Staat übernimmt die Kosten für die Beerdigung. Wenn Sie die Beisetzung allerdings selbst übernehmen wollen, werden wir den Leichnam an einen Bestatter überführen.“
Als sie aufstanden und sich in Richtung Tür begaben, richtete sich ihr Blick auf ein Bild an der Wand. Es zeigte einen älteren, etwas bullig wirkenden Herrn mit orangenen Haaren und künstlichen schneeweißen Zähnen. Am unteren Ende des Bildes war ein Zitat in goldenen Lettern zu lesen:
“I love poorly educated people.”