Post Skriptum

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zora feldman

Mitglied
Zwei Kinder wurden geboren, kurz nacheinander. Zuerst ein Junge, dann ein Mädchen.

Sie wurden gefüttert, gekleidet, gebildet, geprägt.
Sie lernten sich kennen und verliebten sich.

Zu Beginn fanden sie sich unbeschreiblich und waren entzückt von ihren Ähnlichkeiten, liebten das Eigene im Anderen und erkannten sich als ungetrübtes Spiegelbild. Sie waren das, was sie seit langem gesucht hatten.
Bald kamen sie sich näher und sahen sich deutlicher, fanden Unterschiede, die sie erfreuten. Sie ergänzten sich und fanden sich wunderbar.
Sie liebten sich und lebten zusammen, liessen sich ein auf die Andersartigkeiten, schlossen Kompromisse. Sie wollten das Gleiche.
Dann entwickelten sie sich weiter, brauchten Raum für die eigene Persönlichkeit und nahmen Veränderungen am anderen wahr. Sie waren enttäuscht und stritten sich.
Dabei machten sie sich Vorwürfe, verletzten sich und schwiegen. Sie wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.
Später waren sie kalt und gefühllos, verhielten sich abweisend und fanden sich unerträglich. Sie waren sich fremd und hielten es nicht mehr miteinander aus.
Schließlich trennten sie sich und weinten, wollten Genugtuung oder wenigstens Erklärung, wollten sich nie wieder sehen und alles vergessen.
Irgendwann vergaben sie sich, fanden andere, die sie lieben konnten, gingen ihrer eigenen Wege und lebten ein besseres Leben ohne einander. Sie waren froh, dass es so gekommen war.

Sie schrieben sich Briefe, in denen sie in Worte zu fassen versuchten, was sie fühlten und dachten, was sie bewegte, was sie wünschten und tun wollten.
Liebesbriefe, am Anfang. Die Zeilen waren voller Begierde, Beschreibungen von Körpern und Akten der Hingabe, die Worte sollten die Sehnsucht, die Wollust beschreiben und die Ewigkeit beschwören.
Streitbriefe, Versöhnungsbriefe später, die erklären sollten, Standpunkte darlegen und Verständnis schaffen. Versuche, sich selbst zu bewahren, Suche nach Nähe und Gemeinsamkeit.
Am Ende Trennungsbriefe, in denen die Worte wie Waffen aufeinander gerichtet wurden, die Beweise führten für Fehlverhalten, Respektlosigkeiten und bewusste Verletzungen. Die Zeilen wehrten die eigene Schuld ab, wiesen sie zurück, dem anderen zu.

Sie lasen die Briefe – auch dann noch, als sie keine mehr schrieben – die alten wie die neuen, immer wieder.

Sie las in seinen Briefen. Las von dem Wunsch, bei ihr zu bleiben, und verstand, dass er davon sprach, nicht immer bei ihr zu sein. Die Worte vom Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, sagten ihr, dass die Ewigkeit im nächsten Moment vorüber sein kann. Die Sehnsucht zu genießen hieß, seine Freiheit zu brauchen; seine Freiheit zu brauchen hieß, sich von ihr entfernen zu wollen.

Er las in ihren Briefen. Das Versprechen, ihn für immer zu lieben, erzählte ihm von dem Versuch, ihn für immer festzuhalten. Ihre gemeinsame Zukunft, die sie beschrieb, bedeutete ihm Erwartungen, die sie an ihn stellte. Seine Schwächen auch zu schätzen hieß, auf sein Lernen zu vertrauen; auf sein Lernen zu vertrauen hieß, ihn anders zu wollen als er war.

Beide starben, Jahre später.
Ihre Briefe endeten verstaut, verstaubt, vergessen. Das Papier, auf dem sie geschrieben waren, wurde gelb und brüchig, die Tinte blich aus.

Was die Worte nicht fassen konnten, verging.
 
N

nobody

Gast
Hallo zora feldman,
Dein Text ist für mich Rhythmus und Melodie - obwohl ich von Musik nichts verstehe; er ist Gedicht, obwohl ich von Lyrik keine Ahnung habe; er wirkt trotz der Dichte wie ein Epos, obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, wovon ich rede ...
Jedenfalls hast Du einen Fan mehr - ob Dir das nun gefällt oder nicht ...
Liebe Grüße
nobody
 

majissa

Mitglied
Hallo Zora,

Allegra-Wettbewerb, hm? Keine Ahnung, warum, aber der Text rauschte an mir vorbei. Handwerklich fein gemacht (bis auf die vielen "sich"), aber nicht originell genug, um mir ein schon viel beschriebenes Thema aufs Neue schmackhaft zu machen.

LG
Majissa
 

zora feldman

Mitglied
hallo!

lieber nobody, danke für deinen poetischen kommentar. warum sollte es mir nicht gefallen, einen fan (mehr) zu haben?

liebe majissa, ja, das erste mal, dass ich es tatsächlich geschafft habe, am allegra-wettbewerb teilzunehmen, und da macht die pleite. oder hat es trotzdem gewinner gegeben, und ich bin nur einfach keiner davon?
dass du die erzählung nicht originell findest, verwundert mich nicht. das thema ist sicher vielseitig zu bearbeiten, mein text behandelt aber gerade die tatsache, dass diese oder ähnliche geschichten millionenfach erlebt werden. und dass eben die worte immer die gleichen sind, die menschen aber, die sie schreiben, post skriptum weniger bestand haben als die geschichte, die sie erleben.
es ist mehr der versuch eines modernen archetyps, wenn ich das so unbescheiden formulieren darf.
dennoch - danke für deinen kommentar, wenn er mir auch bei der bearbeitung des textes nicht weiterzuhelfen vermag - an der originalität einer text-IDEE lässt sich schwerlich im nachhinein etwas ändern.

z.f.
 
L

Lotte Werther

Gast
An zora feldman

Dies ist die Zusammenfassung einer Erzählung. Wo ist die Erzählung selbst?

Ein Bericht in der berichtseigenen korrekten Sprache: ohne Schnörkel und überflüssige Stilmittel.

Die Lektüre lässt mich als Leser kalt.

Was die weitere Bearbeitung deines Textes angeht, sind majissas Worte oder auch meine nur dann eine Hilfe, wenn du selbst offener deinem Text gegenüber stehen könntest. Von Archetyp zu reden, ist weit hergeholt.

Lass ihn, wie er ist - dann ist es aber keine Erzählung.
Nimm ihn als Plot für eine Erzählung über die beiden Königskinder - dann hast du noch viel Arbeit vor dir und kannst die Anregungen hier ernst nehmen, anstatt einem verlorenen Wettbewerb nachzuspinnen.

Ich hoffe für die Jury von Allegra, dass dieser hier keine Chance gehabt hätte in den ersten Rängen.

Lotte Werther
 

gareth

Mitglied
Ich bin nicht sicher,

ob der Begriff Archetyp hier sinnvoll verwendet ist, verstehe aber wohl, was damit gesagt sein soll.

Die Lebensbeschreibung der beiden hat natürlich für viele Leser einen hohen Wiedererkennungswert, so auch für mich. Liebesbeziehungen spielen sich, zusammengefasst, eben häufig so oder so ähnlich ab.

Ein Gefühl zu dem Paar kann man glaube ich nicht entwickeln, soll man vermutlich auch nicht. Dafür ist das Textgerüst zu allgemein formuliert und sind die dargestellten Wahrheiten zu wahr:

Beide starben, Jahre später.
Ihre Briefe endeten verstaut, verstaubt, vergessen


So wird das bei mir auch einmal sein.

Grüße
gareth
 

zora feldman

Mitglied
ich stehe meinem text offen gegenüber. ich bin bereit, an den details des textes zu arbeit, durchaus - nur was der text IST, will ich durchaus nicht ändern.
es scheint, dass dieser text entweder das tut, was ich bezweckt habe - danke übrigens, gareth, für deinen kommentar - oder er bleibt stumm. ich habe von anderen gehört, die sehr berührt waren von diesem text. nunja - auch ein guter autor kann nicht jedem gefallen, nicht wahr?
wenn übrigens alle geschichten schreiben würden, die nach den "regeln" "geschichten" sind, und die allen gefallen, dann würde ich lieber schreiner werden - die unterschiede machen doch das lesen interessant?
ich bin recht guter hoffnung, dass gerade dieser text einen platz in den höheren rängen der jury gefunden hätte. aber danke für diese konstruktive kritik.
 

zora feldman

Mitglied
ach , und eins noch, lotte w.: ich spinne keinem verlorenen wettbewerb hinterher. ich habe diesen text damals geschrieben und dachte es wäre wohl in ordnung, nachdem ich ihn schon geschrieben habe, ihn hier zu posten. ist es das nicht? über aufklärung freut sich

z.f.
 

 
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