Prolog

Dennis04

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Prolog


„Wir sollten umkehren“, drängte Ryan, als sich die Wüste vor ihnen zu einem endlosen Sandmeer öffnete und jede Spur verwehte. „Die Wartenden sind fort.“


„Ängstigt dich die offene Wüste etwa?“, fragte Amit Gwain mit unbewegter Miene.


Ryan antwortete nicht. Er war ein erfahrener Grenzer, weit über vierzig, und zu viele junge Helden waren ihm begegnet, die sich einen Namen machen wollten. „Fort ist fort“, sagte er. „Die Sperrzonen liegen vor uns. Und für den schwarzen Sand sind wir nicht gerüstet.“


„Und wenn sie sich versteckt haben?“, sagte Gwain. „Die Felsen bieten dafür genug Platz.“


„Khalid hat sie bis hierher verfolgt. Ihre Spuren enden genau hier, wo der Sand beginnt, und er fand keine anderen Spuren. Wenn er sagt, dass sie hier entlanggegangen sind, gibt es für mich keinen Grund, daran zu zweifeln. Der Junge ist der beste Fährtenleser, den ich kenne.“


Khalid ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn leicht. Hier gab es keinen Lehmboden, keine Erde wie im Norden, wo sich Abdrücke deutlicher und länger hielten als im Sand. „Ich glaube nicht, dass sie die Richtung geändert haben“, sagte er. „Sie führen geradewegs hinaus in die Wüste.“


„Hat dir dein Vater das Fährtenlesen beigebracht, Khalid?“, fragte Gwain.


„Meine Mutter“, gab Khalid zu.


Gwain wandte den Blick von dem Jungen ab. „Von einer Frau habe ich noch nie etwas gelernt“, sagte er. „Vielleicht wäre es hilfreich zu erfahren, wie sie uns in die Irre führen konnten. Meinst du nicht, Ryan?“


„Die Wüste ist unbeständig. Man verirrt sich leicht, sobald man die Felsen verlässt“, sagte Ryan leise. „Es gibt keinen Grund, die Gefahr in Kauf zu nehmen.“


„Alle Wege der Wüste sind gefährlich, das weiß jedes Kind“, entgegnete Gwain. „Sollen wir deiner Mutlosigkeit wegen mit leeren Händen zurückkehren? Was denkst du, wird der Mudir darüber zu sagen haben?“


Khalid sah die Wut in den Augen des älteren Grenzers. Ryan war sein Leben lang Grenzer gewesen und hatte sich in den drei Jahren, in denen Khalid ihnen angehörte, nie zu einem Streit hinreißen lassen. Heute schien es anders zu sein. Etwas hing wie ein Geruch in der Luft, das der Reibung zwischen den beiden Vorgesetzten Antrieb gab.


Khalid konnte es spüren. Als man ihn vor Jahren zum ersten Mal in die Nähe der Sperrzonen geschickt hatte, hatte er an die Berichte gedacht. An den Kartographen Ilman Thorp, den einzigen Überlebenden, der geschildert hatte, wie vier Grenzer übereinander herfielen, als sie in nicht erschlossenes Gebiet vorgedrungen waren. Erst seit diesem Vorfall sprachen nicht nur die Wächter der Stadt, sondern auch deren Bewohner vom schwarzen Sand weit draußen in der Wüste und schrieben den missgestalteten Völkern, die dort hausten, allerlei seltsame Kräfte zu.


Bis zum heutigen Tage waren diese Geschichten nur Gespenster gewesen, aber hier und jetzt merkte Khalid, dass etwas nicht stimmte. Den Schatten der Felsen hatten sie längst hinter sich gelassen, und doch spürte er die Hitze nicht so stark, wie er sie hätte spüren müssen. Er sah, wie der Wind Sandkörner über den dunklen Fels wehte, doch strich er nicht über seine Haut. Zwei Tage waren sie bereits unterwegs, immer den Spuren einer Gruppe von Gesetzlosen hinterher. Er hatte nie gewusst, wo genau die Sperrzonen begannen, doch schon auf dem Weg hierher war ihm gewesen, als müsse er vor etwas Unbekanntem warnen, das er nicht in Worte fassen konnte. Genau dieses Gefühl überkam ihn nun erneut. Es war, als läge irgendwo jemand auf der Lauer, als wäre der Sand selbst imstande, ihnen eine Falle zu stellen.


Auch Ryan war es nicht entgangen, und Khalid, der nichts lieber wollte, als seiner Sorge Luft zu machen, wagte nicht, vor ihrem neuen Anführer von Angst zu sprechen.


Amit Gwain war ein junger Offizier, den meisten Grenzern als Hitzkopf bekannt und aus einer stolzen Familie. Er war ein ansehnlicher Mann von kaum zwanzig Jahren, mit festem Blick, neben dem Khalid und Ryan wie Bettler aussahen. Er trug ein von Silberfäden durchzogenes Wüstengewand und einen silbern verzierten Säbel am Gürtel. Doch erst der Überwurf, der von den Schultern herabhing, hatte Khalid staunen lassen. Im Schwertkampf ließ der Stoff seinen Träger verschwinden, immer dort, wo er den Körper bedeckte.


„Ist schon gut, wenn er sich ab und zu verflüchtigt“, hatte Ryan auf dem Hof in fröhlicher Runde erklärt, und mancher Grenzer, der in der Nähe gewesen war, hatte sein Bier vor Lachen ausgespuckt.


Einen Vorgesetzten richtig einzuschätzen, der sich seinen Respekt erst noch verdienen musste, war schwer. Vielleicht unmöglich. Khalid erkannte an Ryans Blick, dass er dasselbe dachte.


„Der Befehl lautete, sie zu verfolgen und wenn möglich unschädlich zu machen“, sagte Ryan. „Sie sind fort, Sir. Wir haben sie verfolgt, so weit es uns möglich war, und wenn sie tatsächlich weiter in diese Richtung geflohen sind, sind sie so weit draußen in der Erg, dass sie uns vorerst keine Probleme mehr machen.“ Er sah Khalid an. „Wir sind bisher in keinen Staubsturm geraten, und ich bin nicht gerade scharf darauf. Wenn wir uns jetzt beeilen, könnten wir weiterhin Glück haben.“


Der junge Anführer schien seine gesamte Aufmerksamkeit der Wüste zu schenken. Er blickte mit der Hand über den Augen empor. „Es ist gerade Mittag“, sagte er. „Solange es hell ist, suchen wir weiter. Wenn wir sie bis zum Abend nicht gefunden haben, kehren wir um. Reicht dir das als Kompromiss, alter Mann?“


Ryan hob den Kopf.


„Gut.“ Gwain nahm Khalid ins Visier. „Die Spur endet hier nicht zum ersten Mal, hab ich recht?“


Khalid nickte. Er hatte nie verlauten lassen, dass er vor seiner Zeit als Grenzer nur Tieren nachgefolgt war. Im Norden lagen die Sperrzonen weiter entfernt, und die Jäger dort hatten sein Talent oft genutzt. Niemand konnte so gut Fährten lesen wie Khalid, und die Regeln änderten sich nie, ganz egal, ob ein Mensch oder ein Wolf eine Spur hinterließ.


„Der Wind hat sie zum Teil unkenntlich gemacht, das stimmt“, gab er zu. „Dass sie die Richtung an einer solchen Stelle geändert haben, glaube ich aber nicht. Schließlich weiß kein Mensch, wo oder wie stark der Wind wehen wird.“


„Ist dir sonst noch etwas aufgefallen?“, fragte Amit Gwain. „Irgendetwas, auch nur eine Kleinigkeit.“


Nun, da man ihn direkt danach fragte, wurde Khalid etwas bewusst, das tatsächlich merkwürdig war. Dort, wo sich die Spur verlor, waren die Abdrücke nur zur Hälfte vorhanden, als wären sie entlang einer Linie sauber abgetrennt worden. Er ging in die Knie und befühlte die hellen Kratzer im dunklen Fels, zerrieb weißen Sand zwischen seinen Fingern. Er stand auf und setzte seinen Fuß in eine der Spuren, die lediglich der Überrest einer Ferse war. Der darauffolgende Schritt hätte bereits im Sand landen müssen. Er musste leicht mit den Armen rudern, um das Gleichgewicht zu halten. Niemand konnte mit Absicht eine so unnatürliche Fährte hinterlassen. Es war, als wäre einer der Fliehenden mitten im Schritt im Boden verschwunden. Khalid lief es kalt den Rücken hinab. Er hob den Blick und spähte hinaus in die offene Wüste.


„Nun?“, forderte Gwain.


„Es sieht aus, als wären sie einfach verschwunden“, murmelte Khalid.


„Oder als hätten sie sich getrennt, um uns zu täuschen“, warf Gwain ein.


„Nein, sie verschwinden einfach“, beharrte Khalid. „Nie zuvor habe ich eine Fährte auf diese Art verschwinden sehen. Egal ob Tier oder Mensch.“


Ryan trat näher heran. „Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, sagte er. „Wer weiß, was uns dort draußen erwartet.“


„Sand und Wind und Wüstenfüchse“, sagte Gwain. „Was macht dir davon am meisten Angst?“


„Ich spreche nicht von Wüstenfüchsen, Sir. Spüren Sie es denn nicht? Der Wind ist zu flau, die Hitze zu kühl. Und ich kenne die Hitze der Wüste, wie nur wenige andere sie kennen. Am Anfang unterschätzt man sie noch. Liegt man aber eine Weile in einem Dünenversteck, umgeben von heißem Sand, merkt man, wie einem das Wasser aus dem Körper gezogen wird. Man kann bald nicht mehr klar denken. Selbst ein Flüstern wird einem zur Qual. Die Sonne bedeckt den ganzen Himmel. Sie sticht wie ein Messer in die Augen. Aber wenn man sie schließt, fällt es einem viel zu leicht einzuschlafen, während man seine Kraft verliert und innerlich zu kochen beginnt. Die, die im Schlaf dahinscheiden, sind noch die Glücklichen. Am Ende spürt man noch, wie einem der eigene Geist entflieht, bis man irrsinnig wird. Jede Rettung kommt dann zu spät.“


„Dann ist es eine gute Sache, dass wir genügend Wasser bei uns haben, meinst du nicht?“


„Die Hitze war schon einmal dabei, sich meiner zu bemächtigen. Kurz bevor mich meine Brüder retteten, sah ich, wie zwei andere Grenzer dem Wahnsinn erlagen und Hals über Kopf davonrannten, bis ich sie aus den Augen verlor. Ich habe sie nie wiedergesehen.“


Amit Gwain bedachte Ryan mit einem herablassenden Lächeln und wandte sich an Khalid. „Lass dir diese Geschichten nicht zu Kopf steigen, Junge. Der Ring rüstet seine Grenzer nicht umsonst mit passender Kleidung aus.“


Ryan warf ihrem Anführer einen bösen Blick zu, wütender als alle Blicke zuvor. „Im schwarzen Sand gibt es keine passende Kleidung“, brummte er.


„Wenn Ryan sagt, dass es zu gefährlich ist …“, begann Khalid.


„Du bist auch nicht zum ersten Mal in der Wüste, Khalid“, unterbrach ihn Gwain. „Sag mir ehrlich, hast du jemals schwarzen Sand gesehen?“


Khalid zögerte. „Nein, Sir“, sagte er. Niemand hatte jemals schwarzen Sand gesehen, aber wären dem Offizier dieselben Geschichten bekannt wie ihm, würde er eine solche Frage nicht stellen.


„Schenkten wir jedem Gerücht Glauben, wäre Marakesch morgen verloren. Khalid, folge der Spur weiter. Ich will mit eigenen Augen sehen, ob wir sie nicht wiederfinden.“


Khalids Ehrgefühl gebot, dem Befehl ohne Widerspruch Folge zu leisten. Eine Weigerung kam auch für Ryan nicht in Frage. Grimmige Fügsamkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben.


Den ersten Schritt setzte er zögerlich, und es war, als träte man von festem Boden in einen Sumpf, der mit jedem Meter tiefer wurde. Unmöglich, hier noch irgendwelche Spuren zu finden. Warum sah ihr junger Vorgesetzter dies nicht endlich ein? Bis über die Knöchel reichte ihm nun der träge Sand, und bis zum Horizont die gleißende Wüste. Bald würde jeder kleinste Schritt zu einer Kraftprobe werden.


Kein Rasseln, kein Rauschen vernahm er, wenn sich seine Stiefel in die Tiefe gruben und sich sandüberströmt daraus erhoben. Es glich eher einem heißeren Atmen. Khalid merkte, dass es sein eigener Atem war und dass weder ihr Vorankommen noch irgendetwas Anderes ein Geräusch erzeugte. Oder er hörte es einfach nicht. Der Blick zum Horizont machte ihm bewusst, was Endlosigkeit bedeutete. Er wähnte sich in windstiller Luft, sah aber die Schlieren feinen Sandstaubes, die über die aufgewühlte Ebene wanderten. Er schwitzte unter seinem Gewand, während ihn Schauer um Schauer unverständlicher Kälte umfingen. Fast zitternd blieb er stehen. Er hatte es nicht für möglich gehalten, aber einige Meter vor sich glaubte er, Erhebungen im Boden zu erkennen. Die Art, wie sie Stiefel im Sand hinterlassen. Es gab also doch eine Fährte.


„Sagte ich es nicht, alter Mann?“, fragte Amit Gwain neben ihm.


Khalid wandte sich der Stimme zu. Er sah Gwain, doch war dieser, gemeinsam mit Ryan, weit abgeschlagen. Khalids Blick wurde unruhiger, als er bemerkte, dass die vor einer Minute noch hinter ihnen gelegenen Felsen ebenfalls verschwunden waren, als hätten sie in wenigen Minuten unzählige Meilen zurückgelegt.


„Es gibt auch Tiere, die den Boden aufwühlen“, antwortete Ryan so deutlich und nah, als stünde er direkt neben Khalid. „Schweine, die nach Futter suchen. Andere graben sich ein, um sich vor der Hitze zu schützen.“


In zwei Minuten würden sie ihn einholen, solange konnte er warten. Einen Augenblick lang fürchtete Khalid, dass zwei Minuten eine verdammt lange Zeit sein konnten, die vielleicht ausreichen würde, ihm den Verstand zu rauben. Als es so weit war und seine beiden Vorgesetzten rechts und links an ihm vorbeimarschierten, lächelte er ihnen verwirrt zu und erntete keinerlei Reaktion. Der nächste Schritt war der schwerste, den er je gemacht hatte. Noch bevor er ihn vollendet hatte, waren seine Begleiter bereits viel zu weit vor ihm, mindestens zehn Meter entfernt, und betrachteten die neu gewonnene Fährte, ohne von seinem Verschwinden je Notiz genommen zu haben.


Er brachte die Strecke in einigen Sekunden hinter sich und stellte sich keuchend neben Ryan, der ihn sofort von oben bis unten musterte.


„Gut gemacht, Khalid“, sagte Amit Gwain. „Du hast die Spur gefunden. Dank dir werden wir vielleicht doch nicht mit leeren Händen zurückkehren.“


Khalid antwortete nicht, atmete nur schwer.


„Nimm die Arme hoch“, riet ihm Ryan, während sich Gwain von ihnen entfernte. „Arme hoch und tief durchschnaufen. Du solltest deine Kräfte sparen. Wir sind auf dein Gespür angewiesen, wenn wir den Weg zurückfinden wollen.“ Er ging in die Knie. „Kommen dir diese Spuren nicht bekannt vor?“


„Wie töricht bist du, Ryan?“, sagte Gwain. „Wie sollten sie ihm nicht bekannt vorkommen? Wir folgen ihnen seit zwei Tagen.“


„Das habe ich nicht gemeint, Sir. Ich meine …“


„Genug davon“, unterbrach ihn Gwain. „Bei den Felsen haben wir bereits zu viel Zeit verschwendet. Hättet ihr mir gleich zugestimmt, wäre die Spur noch deutlicher. Aber es wird auch so reichen. Das Gelände wird abschüssig. Genug, für eine Höhle. Ich wette, dass sie sich hier irgendwo versteckt halten.“


Khalid ließ die Arme sinken. Er löste die Flasche Wasser von seinem Gürtel und trank in großen Schlücken, als wäre er kurz vorm Verdursten. Ein Stoß Wasser floss ihm über die Brust, als er abrupt zu trinken aufhörte, ohne die Flasche herunterzunehmen. Aus dem Nichts, direkt neben Amit Gwain, tauchte eine kleine Gestalt in sandfarbener Robe auf, die ihn zu sich winkte. Die Wasserflasche gluckste, als er sie langsam herabnahm.


„Khalid“, zischte es wie aus weiter Ferne. Es war Ryans Stimme, der ihn voll Sorge ansah. „Was ist mit dir?“


Amit Gwain wurde hellhörig und trat nahe an den Jungen heran.


„Nichts“, sagte Khalid heiser, „es ist nichts“, doch sein Blick strafte seine Worte sofort Lügen. Das Winken hatte nicht ihm gegolten und auch nicht seinen Begleitern. Er wandte sich schweigend ab, suchte nach den passenden Worten und sah ein, dass es zwecklos war, irgendetwas darüber zu sagen. Es konnte einfach nicht real gewesen sein.


„Du wirst mir doch jetzt nicht schlappmachen, Khalid?“, sagte Gwain und packte seine Schulter. Mit einem Ruck drehte er den jungen Fährtenleser zu sich um. „Ich werde den Mudir bestimmt nicht bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet, enttäuschen.“


Khalid strich sich über den Mund. Es spielte keine Rolle auf welche Art sie zurückkehrten, sie hätten diesen Ort niemals betreten dürfen. „Dann wäre es vielleicht besser, Sie gehen voran, Sir“, antwortete er. Die kalte Angst machte ihn aufsässig.


Gwain schenkte ihm ein Lächeln voller Verachtung. „Dann soll es so sein. Deine Mutlosigkeit scheint ansteckend zu sein, Ryan“, sagte er. Ohne ein weiteres Wort wandte er ihnen den Rücken zu und ging voraus.


„Und ich bleibe dabei, mit diesen Spuren stimmt etwas ganz und gar nicht“, sagte Ryan mit rauer Stimme. Er hob die Nase und schnupperte. „Riechst du das?“


Khalid sah ihn an, schüttelte den Kopf.


„Richtig. Kein Geruch. Kein Geräusch. Kein Wind. Keine Hitze, die man spürt. Kein Vogel am Himmel. Ich sage dir, dieses Land ist verflucht. Schwarz wie der Tod ist dieser Sand.“ Er zog sein Messer und hielt es fest in der Hand. „Wenn wir nicht wachsam sind, liegen wir bald metertief darin begraben.“


Ryans Worte wurden mehr und mehr zu einem Echo und klangen schließlich so dumpf, als trenne sie eine dicke Steinwand. Der erfahrene Grenzer hatte noch nie so düster geklungen. Was meinte er damit? Als Khalid sich den Löchern im Boden widmete, strich er mit den Fingern darüber und verstand nicht. Er fühlte den Sand zwischen den Fingern, wie er ihn bewegte, wie er ihn verwischte, aber als er seine Hand zurückzog, war da keine Veränderung. Er versuchte es erneut. Und ein drittes Mal, bei dem er einen weiten Kreis um eine der Spuren zeichnete. Der Sand wollte sich nicht verändern, egal, was er auch versuchte, es machte keinen Unterschied. Als er sich erhob, um seinen Vorgesetzten zu folgen, sah er hinter sich, und auch dort hatte sich nichts verändert. Seine Stiefel hinterließen keine Spuren, so als wäre er überhaupt nicht mehr da.


Im nächsten Moment merkte er, dass dies auch für Ryan und Gwain galt, auch sie waren fort. Er beeilte sich voranzukommen und hielt verzweifelt nach ihnen Ausschau. Das abfallende Gelände wurde zu einer Schlucht, in der geräuschlose Sandteufel tanzten. Auf der anderen Seite, wo es steil bergauf ging, befand sich der große, runde Eingang einer Höhle. Gwain hatte recht gehabt und Khalid fing zu laufen an, kämpfte sich aus dem tiefen Sand heraus, der ihn festzuhalten schien, und trat erneut auf harten Felsboden, auf dem er spürte, wie es unter seinen Stiefeln knirschte.


Das runde, schwarze Loch der Höhle kam näher und näher. Sie mussten hier sein. Sie mussten. Jeder Muskel schien zu gefrieren, als er ein klirrendes Geräusch vernahm, das er nur zu gut kannte: eine lange Klinge, die aus der Scheide gezogen wurde. Er ruderte mit den Armen, kam zum Stehen und konnte nichts erkennen, bis auf fliegenden Sand und Felsen, die sich wie gekrümmte Finger über die Senke erstreckten.


„Der Dämpfer“, flüsterte er.


Wie von selbst wanderte seine Hand seinen linken Oberarm hinauf, befühlte das feste, quadratische Stück Metall unter seiner Haut, das sich mit entsprechendem Druck deaktivieren ließ. Allein der Gedanke daran, es abzuschalten, reichte aus, um seine Atmung in panisches Hyperventilieren zu verwandeln, und schon im nächsten Augenblick fühlte er sich, als müsse er über glühende Kohlen laufen. Und noch Schlimmeres. Zuletzt hielt er die Luft an, kniff die Augen zusammen und drückte fest zu.



Innerhalb von Sekunden fuhr alles in ihm herunter. Die Welt pulsierte rot im Takt seines verlangsamten Herzschlags. Dann kam der Moment der dissoziativen Schwingung, den Khalid fürchtete, wie nichts anderes, seit er denken konnte. Sein Geist stieß sich in seinem Schmerz selbst an, wie eine psionische Stimmgabel und zwang alles, was wahrzunehmen war, unter seine eigene Frequenz. Selbst die Luft um ihn herum und alles, was sich in ihr befand, wurde zur Verlängerung seiner Wahrnehmung. In diesem Moment war er Teil von allem, und alles war Teil von ihm. Ebenso die Angst, dass er selbst wie Glas zerbersten würde, sollte er eines Tages den falschen Ton treffen.


Als er sich unter Schmerzen und dem Gefühl rapide zu altern aufrichtete und auf die Höhle zubewegte, war es, als gleite er durch zähe Melasse. Er sah Amit Gwain schließlich vor dem gähnenden Schlund der Felswand, verschwommen und unscharf, wie durch mattiertes Glas.


„Zurück!“, rief er, und seine Stimme war, wie seine Gestalt, dumpf und kaum wahrnehmbar.


Gwain schien sich gegen einen unsichtbaren Gegner zur Wehr zu setzen, den Khalid lediglich als eine Art Dissonanz fühlte. Gwain führte den breiten Säbel meisterhaft, die Klinge zerschnitt die Luft, schnell und elegant. Einen Augenblick verharrte die silberne Waffe und reflektierte das Licht an Ort und Stelle, als hätte sie etwas getroffen. Khalid hörte die rauschenden Sandteufel und dazu das Singen des Stahls. Wo war Ryan? Er beobachtete das Geschehen, wagte nicht einzugreifen und konnte nicht sagen, ob er überhaupt dazu imstande sein würde. Er vernahm einen Schrei, und das Letzte, was er sah, war Gwains Säbel, der von einem goldenen Leuchten verschluckt wurde, der letzte Misston, der verklang, bevor alles abriss und wieder still wurde. Was hatte er da gesehen? Khalid drückte erneut zu und spürte pure Kälte, unsäglichen Frost, der über seinen gesamten Körper wanderte.


Wie lange er dort vor dem Höhlenfels verharrte, wusste er nicht. Als seine Kräfte wieder zu ihm zurückgekehrt waren, hielt er sich an das einzig Wirkliche, das immer dagewesen war, und folgte der Spur im Sand.


Sie führte ihn aus der Schlucht heraus und endete schließlich, wie mit einem Messer abgeschnitten, an einer durchgezogenen Linie am Rande einer Felslandschaft. Von dort blickte Khalid ungläubig in die offene Wüste hinaus. Dorthin, wo sich die Sperrzonen befanden. Von Gwain und Ryan fehlte jede Spur.


Der schwarze Sand, irgendwo dort draußen, gab nichts zurück.
 



 
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