Prost!

3,00 Stern(e) 1 Stimme

calliope

Mitglied
Ich bin eigentlich keine Biertrinkerin, war ich noch nie. Tatsächlich fand ich Bier immer zu bitter und unangenehm im Geschmack. Doch der Geruch vermittelt mir ein Gefühl von Zuhause.

Zurückgeworfen in die Vergangenheit, schrumpfe ich um einige Zentimeter, bis ich fast zu klein bin, um unter dem alten Küchentisch aus Kiefernholz hervorzulugen. Ich sehe meine Mutter, eine Frau Ende Dreißig, ihr blondes Haar zu einem Knoten hochgesteckt. Wie sie mit einem langen Kochlöffel in einem riesigen Topf auf dem Herd herumrührt. Stundenlang musste es kochen und danach noch wochenlang ruhen – eine halbe Ewigkeit – zumindest kam es meinem fünfjährigen Ich so vor.

Wie gut, dass wir den Onkel Max hatten! Noch besser, dass Onkel Max einen Job in einer Brauerei hatte. Und das Allerbeste, dass Onkel Max uns einen Teil der begehrten Zutaten organisieren konnte!

Denn damals war es schwer, etwas zu bekommen. Für fast alles gab es nur Lebensmittelmarken. Heutzutage kommt es mir seltsam vor, wie wir damals leben konnten, ohne ständig den Mangel zu beklagen. Aber man gewöhnt sich wohl an jede Situation und lernt selbst in eigentlich desolaten Zuständen einen tröstlichen Moment zu finden. Und für meine Familie lag ein Teil dieses Trostes im Bierbrauen.

Es war immer ein kleines Fest, wenn das Bier endlich in Flaschen abgefüllt werden konnte, auch wenn man sich danach noch einmal zwei Wochen gedulden musste bis die Gärung ganz abgeschlossen und das Bier fertig war. Ich erinnere mich, dass es ein frostiger Abend kurz vor Weihnachten war. Wir hatten alle Vorhänge zugezogen. Alle saßen um den Tisch: Vater, Tante Maria und Tante Therese mit Onkel Max, mein Lieblingsonkel George, gerade auf Heimaturlaub, Großmutter Katharina, halb schlafend in ihrem alten Sessel, meine ältere Schwester Elisabeth mit ihren langen Zöpfen und mein kleiner Bruder Josef, kaum alt genug zum Sitzen.

Genau in diesem Moment ertönte ein Alarm.

Die Sirenen heulten oft. Das Geräusch sitzt bis heute in meinem Kopf.

„Müssen wir in den Keller gehen?“ Meine ältere Schwester griff nach ihren dauergepackten Rucksack. „Nein, es ist schon wieder vorbei“, erwiderte meine Mutter und zu meinem Onkel George gewandt, fügte sie leicht trotzig hinzu: „Ich habe so viele Stunden auf diesen Moment hingearbeitet, ich werde ihn mir jetzt nicht verderben lassen.“ Behutsam wusch sie die Flaschen und sterilisierte sie, indem sie sie mit kochendem Wasser ausspülte. Dann stellte sie den Gärballon auf den Tisch und platzierte, bemüht ein Gefälle zu schaffen, die Flaschen auf dem Boden. Alle schauten gespannt zu, als sie sorgfältig einen Teelöffel Zucker in jede Flasche abmaß. Geschickt fing sie an, das Bier mit einem Schlauch in die Flaschen zu pumpen. Das goldgelbe Elixier lief an den Glaswänden herab.

Da klopfte es plötzlich laut und aufdringlich an der Tür. Ich erinnere mich an die Panik, die sofort ausbrach. Mein Onkel Max wurde kreidebleich: „Wenn sie herausfinden, woher wir das Malz haben, bin ich meinen Job los …“ „Das ist Schwarzbrauerei… wenn sie das herausfinden, sind wir alle dran!“ Tante Therese verfiel in Hysterie. Mein Bruder fing an zu weinen, obwohl er nicht wirklich verstand, was vor sich ging. „Wahrscheinlich haben sie das Bier von draußen gerochen!“, mutmaßte mein Vater.

Es klopfte erneut, heftiger. „Es hat keinen Sinn, wir müssen aufmachen“, stellte mein Vater nüchtern fest. Meine Mutter nickte stumm, und mit entschlossenem Gesichtsausdruck trocknete sie sich die Hände an der Schürze ab und öffnete die Tür.

Draußen stand ein Mann in Polizeiuniform. Er sah meine Mutter streng an: „Es dringt noch etwas Licht nach draußen. Sie wissen doch, der Feind sieht mit. Alle Fenster müssen vollständig abgedunkelt sein.“

„Aber natürlich!!“, beeilte sich meine Mutter zu versichern. Onkel George sprang ihr zur Seite, und verdeckte mit einem Tuch hastig den verräterischen Lichtspalt zur Straße. Der Polizist nickte und ging.

Die Tür fiel ins Schloss.

Meine Mutter sank auf einen Stuhl. Mein Vater reichte ihr eine der frisch gezapften Flaschen. Und ohne noch einen einzigen Gedanken an die Nachgärung zu verschwenden, stieß meine Familie dankbar an: „Prost!“
 



 
Oben Unten