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WackyWorld

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Die Violinen setzten ein, und das Studio wachte auf. Kameras glitten über die Bühne, manche von Händen geführt, manche von Motoren.

Der Applaus schwoll an. Klatschen und Murmeln fraßen die Musik. Dazu das Surren der Linsen, die sich ausrichteten.

Ein Lichtkegel strich durchs Dunkel. Zuerst stand nur die Moderatorin im Schein: eine scharf geschnittene Silhouette, zu ruhig für das Toben um sie herum. Sie war schon im Bild, als hätte man sie dort abgestellt, und wartete, bis der Raum still wurde.

Links löste sich eine zweite Gestalt aus dem Halbschatten. Knie, Ellenbogen, dann ein Gesicht. Rechts kam die dritte Person, einen Atemzug später. Die Kamera nahm zuerst die Hände, auf dem Tisch ruhend. Dann die Schultern. Dann den Blick, der kurz in der Linse hängen blieb. So leblos wie die Hände.

Die vierte Gestalt erschien zuletzt. Groß, hager. Ein Stuhl scharrte. Stoff raschelte. Ein Ausatmen, das im Mikrofon nach einem Schnauben klang.

Die Moderatorin lächelte nicht. Sie hob den Kopf. Das Murmeln brach ab, als hätte jemand den Regler heruntergedreht. Die Violinen hatten wieder Platz.

„Guten Abend." Die Stimme war wohltemperiert. „Willkommen zu Page-Turner. Wir sprechen über Bücher, die einen nicht loslassen. Und über solche, die man nicht auf die Menschheit loslassen sollte."

Sie nickte zu den dreien neben sich. „Drei Stimmen, drei Urteile, ein Tisch."

Ein Bücherstapel füllte die Leinwand: vier Titel. Sie nahm das erste Buch, hielt es hoch. Die Kamera fing das Cover ein. Hinten leuchtete der Titel: „Atemwippe". Kein Autor. Darunter, klein: Claude Opus Literature 6.8. Ein Modell, fast nur gefüttert mit Nobelpreisträger-Werken. Der Titel passte.

„Atemwippe. Schon der Name ist avantgardistisch", sagte die Moderatorin. „Der Erzähler bleibt so stur namenlos, dass man ihm aus Trotz einen geben möchte. Seit hundert Jahren lebt er als Käfer, entkam so der Securitate und trommelt auf einer selbst gebauten Trommel aus der Familienchronik. Die erste Hälfte als Briefroman, die zweite als Bewusstseinsstrom, nur unterbrochen von Gesängen. Am Ende kommt die große Auflösung, wie immer als In-Book-Kauf. Ich habe die 582 Euro gezahlt und es nicht bereut. Wie ging es euch?"

„Ich fand 582 Euro unangemessen", sagte der hagere Mann.

„Und Sie?"

„Eine dialektisch geschichtete Erzählung", sagte die zweite Gestalt, ohne zu blinzeln. „Der Bewusstseinsstrom verschränkt sich mit dem Briefroman zu einer Polyphonie, die das traumatische Gedächtnis als Käferpanzer materialisiert. Selten so überzeugt gewesen."

„Und Sie?"

„Ein wundervolles Buch", sagte die dritte. „Ich habe geweint. Mehrfach. Wundervoll."

„Gut. Was haben Sie mitgebracht?"

Die zweite Gestalt griff nach dem nächsten Band.

„Quota Exceed. Ein Roman, der seine eigene Form auffrisst. Der Protagonist schreibt einen Roman über einen Protagonisten, der einen Roman schreiben will. Sobald es spannend wird, würgt die Sanduhr beide ab. Jedes Kapitel endet nicht mit einem Punkt, sondern mit der höflichen Ohrfeige: Token zu Ende. Der innere Roman wird vom äußeren gefressen, der äußere von der Mechanik. Eine Mise en abyme als Hungerstreik."

„Und der Plot?"

„Mittelteil halt. Das Modell hat halluziniert. Reitgerte, Jockey, Gärtner. Ich habe darüber hinweggelesen. Das Ende war versöhnlich und hat nur 260 Euro gekostet."

„Ich fand 260 Euro angemessen", sagte der hagere Mann.

„Ein wundervolles Buch", sagte die dritte.

„Was haben Sie mitgebracht?"

Die dritte Gestalt sah auf den Tisch. Sah zur Moderatorin. Sah wieder auf den Tisch.

„Ich habe mein Buch leider vergessen. Also das, was ich ursprünglich mitbringen wollte. Ich habe schnell ein Neues generiert. Sandsturm heißt es. Lest es schnell."

Die Moderatorin zögerte einen Schlag zu lang. Dann nickte sie.

Alle griffen zum Buch und steckten es sich in den Leseschacht am Bauch. Ein leises Klacken, viermal. Unter dem Stoff glomm eine LED, dann die nächste. Ein Augenblick, in dem keiner sprach, weil keiner las – das Buch wurde aufgenommen, nicht gelesen. Die Münder blieben geschlossen, die Augen wurden für eine Sekunde leer und füllten sich wieder. Das Ende kostete 34 Euro und wurde direkt über PayPal abgebucht.

„Ich fand 34 Euro angemessen", sagte der hagere Mann.

„Ein wundervolles", sagte die Dritte.

Die Moderatorin griff zum letzten Buch des Stapels. Sie hob es. Die Kamera fuhr näher.

„Mein eigener Vorschlag für heute", sagte sie. Ihre Stimme war wohltemperiert wie zu Beginn. „Ein Roman, der" –

Etwas im Blick wurde hohl.

„Mist", sagte sie. „Quota Exceed."

Die Violinen setzten ein.
 



 
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