Friedrichshainerin
Mitglied
Einmal stand auf der anderen Seite der Ampelkreuzung in der Scharnweber einer, den ich aus einem besetzten Haus hier in der Nähe kannte, in dem ich aber seit dem Ende der Neunziger nicht mehr war. Ich erkannte ihn an seinen großen braunen Augen wieder. Er schmunzelte. Ich glaube, er hat mich auch wiedererkannt.
Seine Haare, früher rehbraune Korkenzieherlocken, die bis zur Schulter reichten, waren inzwischen grau geworden aber immer noch lang und verfilzt.
Eine Weile war ich mit meiner Freundin oft in dem Café, das unten in dem Haus mit drin war. Wir haben aber nie zusammen geredet. Höchstens: „Machst du mir ein Flens“, denn er gehörte zu Denjenigen, die Anfang der Neunziger Jahre häufig hinter dem Tresen des Besetzercafés standen. Er wirkte zu der Zeit immer so, als wenn er wunschlos glücklich ist.
Ich habe ihn mal vor langer Zeit mit einem Kind auf dem Arm auf der Warschauer Straße gesehen. Die Kleine wird jetzt fast dreißig sein und er Großvater. Warum hat es sich eigentlich so eingeschliffen, dass man immer automatisch von jemandem denkt, der Kinder und Enkel hat, dass sein Leben glücklich und erfüllt ist und annimmt, dass er eins mit der Welt sein muss? So, als wenn die Kinder die Eltern retten. Eigentlich kennen wir ja das mit der harmonischen Familie von unseren eigenen Elternhäusern ganz anders und wollen trotzdem bei Anderen nur das sehen, was wir sehen wollen.
Klischees, die den Held*innen von Hedwig Courths Mahler zur Ehre gereicht haben würden, geistern durch unsere Köpfe.
„Wo wollte er eigentlich einmal hin, als er Neunzig in sein Besetztes Haus zog? Haben sich seine Träume erfüllt?“, frage ich mich. „Oder ist alles irgendwie erstarrt, bewegt sich nichts mehr. Ruht man sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus?
Hielten sie sich da immer noch an dem fest, was sie mal waren, oder mal zu sein glaubten, setzten sich in den besetzten Wohnobjekten immer mehr die negativen Kräfte durch, übernahmen die Macht wie in „Farm der Tiere“, wo ringelschwänzige Wesen die Herrschaft eroberten?
Wovon lebt er eigentlich? Von seinem Outfit her würde ich ihn für einen Sozialarbeiter halten. Aber sie haben alternative Firmen gegründet, hat mir mal jemand erzählt.
Er wohnt noch immer in diesem Haus, was Anfang der Neunziger mal besetzt wurde. Inzwischen haben sie das Haus gekauft. Jetzt leben sie ziemlich isoliert von der Umgebung. Schmoren im eigenen Saft. Ob ihnen das bewusst ist? Schade. Wirkten aber damals so verheißungsvoll. Voller Möglichkeiten.
Er gehörte zu denen, die offener schienen als die meisten. Aber auch er hat sich auf eine Art irgendwie von der Umgebung abgeschottet und lebt innerhalb der Hausgemeinschaft mit ihren Streitereien, Auseinandersetzungen, Gruppierungen, Hierarchien aber auch mit der Solidarität. Vielleicht haben sie nicht die Welt gerettet, aber über Jahre feste Freundschaftsbande im Haus entwickelt, auch wenn sie enttäuschend wenig Wirkung auf ihre Umgebung haben.
Da ist er auf eine Art zehnmal besser dran als ich. Wahrscheinlich lebte er da noch, weil er ein extrem sympathischer Kerl ist, der sich gut einfügen kann, auf den sich alle einigen können. Ich wäre da schon lange rausgeflogen.
So war es eigentlich bei den Bluesern im Osten auch. Leute, die sehr angesehen und beliebt waren unter uns, waren welche, die auch im normalen Leben, ich meine das außerhalb der Szene, gut zurechtgekommen wären. Sie hatten natürliche Autorität, konnten mit Frauen, besaßen die Fähigkeit, Freunde an sich heranzuziehen, und ohne sich anzubiedern, schwammen sie in einfach ihrer Kumpelbase mit.
Das war mir leider nicht gegeben. Ich ecke immer überall an.
Wenn man sich bei den Leuten nach der Legalisierung erkundigte, taten sie immer ganz geheimnisvoll. Bestimmt dachten sie, ich bin beim Verfassungsschutz. „Es sind immer die Harmlosesten“, sagt man ja. Es sind nicht immer die Harmlosen und Unauffälligen. Bei der Roten Flora, einem selbstorganisierten, linken Zentrum, waren die Spitzel welche, die gut vernetzt waren und überall mitmischten. Die eine, in Wirklichkeit bei der Polizei, gründete dort sogar eine lesbische Taekwondo Gruppe. In ihrer Ausbildung hatte sie Nahkampfunterricht gehabt. Habe ich mal in einer Reportage aus Hamburg gesehen.
Im Frühjahr 90, ein paar Monate nach dem Fall der Mauer, wurden hier in Friedrichshain plötzlich massig Häuser besetzt. Das waren alles Gebäude, die zu Ostzeiten schon auf Abriss standen. Jetzt konnte man überall bunte Spruchbänder sehen, und Leute mit struppigen Rastas liefen rein und raus. Ich konnte die Leute schlecht einschätzen. Schaumschläger? „Das Politische ist dort alles nur Gerede und Getue“, sagte mal jemand zu mir.
Ich wollte unbedingt den anderen Teil Deutschlands kennenlernen. Die Möglichkeit schien sich mir zu bieten, ohne dass ich erst lange rumreisen musste. Das damals war für mich die neue Zeit.
Besetzte Häuser waren schon immer mein Traum gewesen. Das ich das noch erleben durfte.
Der Glaube an die bürgerliche Familie war mir, da ich meinen Vater gar nicht kannte, gründlich geschwunden. Andere Lebensformen mussten gefunden werden. Mir schwebte ein romantisches Miteinander von Leuten, die sich gegenseitig halfen, vor. Ich habe die Besetzer nicht bewundert, nein, ich war die Bewunderung selbst. Leider wurde uns Einheimischen bald klar, dass sie wenig Interesse an uns hatten. Sie waren sich selbst genug. Schade. Total verschenkte Möglichkeiten.
Wahrscheinlich waren die Vorurteile, in denen sie erzogen waren, die meisten stammten ja vom Bürgertum ab, hatten auch schon eine soziale Auslese durch das Gymnasium durchlaufen - in einem Haus war mal ein ganzer Flügel nur von Studenten der Fakultät Asienwissenschaften besetzt - einfach zu stark.
Und außerdem verstanden sich Ost und West nicht, obwohl auf beiden Seiten die gleiche Sprache gesprochen wurde. Vierzig Jahre, obwohl wir alle noch lange nicht vierzig waren, waren unsere beiden Staaten getrennt gewesen.
Die paar Monate von November 89 bis Frühjahr 90 konnten daran auch nichts ändern, dass man eigentlich gar nichts miteinander anfangen konnte.
Die Leute in den Kneipen sahen immer alle so ernst aus, fast traurig. So, wie einer aussieht, der gerade die Nachricht erhalten hat, dass seine ganze Familie ausgelöscht worden ist. Was natürlich nicht der Fall war. Man traute sich gar nicht so jemanden anzusprechen, und ihn mit Unwichtigkeiten zu behelligen wie: „Weißt du welche Band da hinten spielt?“
Der Grund für ihren angestrengten Gesichtsausdruck war wohl die Überforderung in der Großstadt. Aus einem behüteten Zuhause - natürlich nicht immer - in der westdeutschen Provinz in das quirlige, unberechenbare Berlin. Wo an jeder Ecke Penner rumsaßen, die einem irgendwie auch Angst machten, besonders wenn mit der beruflichen Perspektive was im Argen lag. Existenzängste, die Ahnung, dass das Leben noch andere Seiten bereithält, kamen auf. „Meine Eltern denken, ich studiere“, erzählte mir mal eine Neunzehnjährige in der Kreuziger, einer Kneipe in einem besetzten Haus.
Dagegen versuchte man sich abzugrenzen, in dem man sich mit Leuten umgab, die aus dem selben Mustopf kamen wie man selber. Dieses Abschotten war auch ein Schutzeffekt.
Vielleicht hatten sie sogar Angst vor mir. „Was ist das eigentlich für eine komische, aufgedrehte Frau, und warum sucht sie hier Anschluss.“ „Was machst du als einziger Ossi hier in dieser Besetzerkneipe?“, fragte mich mal jemand. War aber nicht bös gemeint. Nur Interesse.
Ich fragte mich, wo die Leute eigentlich herkamen und was sie wollten . Es waren wohl linksorientierte Gymnasiasten, die auf ihrer Penne im Schwarzwald schon ´nen Harten gemacht hatten mit grünen Haaren und Demos gegen Rechts.
So was gab es in der DDR kaum, da Leute, die widerständig aufgestellt waren, meist gar nicht erst zum Abi zugelassen bzw. rechtzeitig geschmissen wurden. Ich sage nur: „Stasi“. Einer, der sich in Kirchenkreisen engagierte, Matthias Domaschk, - über ihn und sein ungeklärtes Ableben nach einer Verhaftung wurden viele Artikel und auch Bücher geschrieben - musste kurz vor den schriftlichen Prüfungen seine Schule verlassen und in Jena im Kohlenkeller arbeiten. Kein Maturazeugnis für ihn, wie die Wessis und früher auch schon Thomas Mann zum Abi sagten.
So was kannten die Gymnasiasten in den alten Bundesländern nicht. Dort schadete es ihnen nicht, wenn sie sich politisch engagierten. Bei uns hätten sie nie ´ne Uni von innen gesehen. So konnte sich relativ frei ein linkes Spektrum entwickeln.
Viele der Hausbesetzer hatten auch ihre Studien unterbrochen und nahmen sie später wieder auf. Das habe ich ein einem Buch gelesen von jemandem, der dabeigewesen war.* Im Osten undenkbar. Ich habe mich letztens noch mit einer Kollegin, die Lehrerin ist, darüber schiefgelacht, als wir uns vorgestellt haben, was passiert wäre, wären wir einfach mal so drei Jahre der Uni fortgeblieben in der DDR und hätten dann plötzlich wieder dagestanden.
Heute – jedenfalls vor der Studienreform – würde der Professor bloß sagen: „Während ihrer Zeit im besetzten Haus haben sie sich haufenweise Sozialkompetenz erworben. Das wird ihnen noch zugute kommen. Sie können gleich zu Semesterbeginn wieder einsteigen.“ Vielleicht ist es aber doch nicht mehr so günstig.
Ein ehemaliger Student, den ich bei einem Bewerbungstraining kennengelernt habe, hat mir erzählt, dass nach dieser Reform, gegen die lange gestreikt wurde, vieles wieder so streng geworden ist, wie es früher im Osten war. Den berühmten Langzeitstudenten gibt es wohl auch nicht mehr. Tut mir leid.
Was sie natürlich damit bewirkten, wenn sie Leute aus der Umgebung, die nach freundschaftlichen Kontakten suchten, so vor den Kopf stießen und sie raus schwiegen, war, dass diese sich enttäuscht von der Linken Szene abwandten und woanders Anschluss suchten und fanden.
In den Besetzerkneipen redete keiner mit dir, aber wenn du zu Treffs von Neonazis gingst, saßt du das nächste Mal schon als Schriftführer mit am Tisch. Ich natürlich nicht. Parallel zum Anwachsen der Hausbesetzerbewegung entwickelte sich auch eine starke rechte Szene. Die jungen Arbeiter, die man auf den Baugerüsten rumturnen sah, trugen fast alle zu Bomberjacke sehr kurzes Haar. Fast wie ein Arbeitsmontur.
Aber vielleicht hatte ich auch von den Leuten, die aus Kreuzberg zu uns rüber gekommen waren, zu viel erwartet. Es waren junge Leute, die so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, dass sie nicht die Welt retten konnten. In Wirklichkeit sehnten sie sich nach Sicherheit. Ging mir vielleicht genau so.
Jemandem, der beim Plenum das große Wort führte, lag vielleicht gar nicht so viel daran, dass der Regenwald verstaatlicht wird und die Honki-Tonki-Indianer wieder in ihren angestammten Gebieten leben können, sondern daran, welches Bild die interessante Frau, die mit dabei war und seinen weisen Ausführungen lauschte, von ihn bekam. Ist normal.
Heute sind sie lange verheiratet und haben ein Haus im Sauerland. Die Kinder gehen auf eine Waldorfschule.
Wir hörten auch ganz andere Musik in unserem sozialistischen Lager als die westdeutschen Hausbesetzer und waren noch in den Sechzigern bei Janis und Jimi. Auch ein bisschen in den Siebzigern. Aber nur der Anfang. 71,72 lasse ich noch gelten. Was danach kam, interessierte mich nicht so sehr.
So ging es den Tschechen auch. Dort war die Hippiewelle ebenfalls noch lebendig, viel lebendiger als in der DDR. Bei uns ebbte die Hippiewelle schon vor Mauerfall langsam ab. Im Westen dagegen war sie praktisch nicht mehr existent.
Ich liebe Prag. Alle Blueser aus dem Osten, bei uns „die“ alternative Jugendbewegung in den Siebzigern und Achtzigern, liebten Prag. Besonders das Essen. Knödel mit Schweinsbraten. Und die Klobása, so´ne Art gebratene Knackwurst, die sie an jeder Straßenecke brutzeln. An die süßen Hörnchen darf ich gar nicht denken. Und jede windschiefe Bretterbude führte herrliches, kaltes Bier vom Fass.
In den Neunzigern traf ich in Prag mal auf ein große Gruppe Jungen und Mädchen, alle angezogen wie Crosby-Still-Nash and Young auf dem Woodstockfestival. Sie kamen von einem Konzert im Kongreßzentrum. Ein weißes Ufo, was in einem Park gelandet war. Geniales Teil. Sollte sich der Pragbesucher nicht entgehen lassen.
In einer Kneipe in der Altstadt von Prag, zu der mich ein Mann mitgenommen hatte, der mich auf der Straße angeredet hatte: „Ich weiß, wo es dir gefällt“, sangen abends alle Bob Dylan Songs zur Gitarre. Das waren die Jungen und Mädchen, die mir schon am Nachmittag begegnet waren.
Ich kam mir vor wie in der DDR in den Achtzigern.
Ich war ein beinharter Stones und Scherben Fan. Die waren dort bei den Autonomen längst out. Ständig liefen die Dead Kennedys. Sie nervten mich. Waren aber gerade total angesagt. Ich hörte mal vor ein paar Jahren im TV, dass Jello Biafra erzählte, dass er und seine Bandkollegen jetzt nur noch über Anwälte miteinander reden. Geld? Auch sie hatten scheinbar nicht den Stein des Weisen gefunden. „Schadet euch gar nichts“, dachte ich schadenfroh. „So wie ihr meine Gehörgänge immer malträtiert habt.“
Langsam, 35 Jahre nach Beginn der Besetzungen, fangen nach und nach die Leute, die zu der Zeit daran beteiligt waren, an, Bücher zu schreiben. Der eine war sogar bloß drei Monate in der Szene und hat lustigerweise trotzdem darüber ein Buch veröffentlicht.
Finde ich total interessant, mal die andere Seite zu hören. Ich hielt es eigentlich immer dem Desinteresse meiner Landsleute geschuldet, dass man damals kaum welche aus dem Osten in den alternativen Wohnprojekten antreffen konnte. Besonders in Friedrichshain. Im Prenzlauer Berg gab es mehr. Deshalb war ich baff, als ich in dem Roman eines „Ehemaligen“ las, dass Einheimische, die gerne mitbesetzen wollten und sich bemühten dort Aufnahme zu finden, zu Beginn der Neunziger gar nicht erst durch das strenge Plenunm kamen. Das verhindert frische Einflüsse. Was ist das eigentlich? Ein Tribunal? Die spanische Inquisiton?
Da fällt mir ein Kurzfilm ein, ein Abschlussfilm von der Hochschule, der mal zusammen mit anderen Arbeiten im Fernsehen gezeigt wurde. Eine junge Frau braucht unbedingt eine Wohnung. Da fällt ihr Blick auf den Aushang einer WG an einer Straßenecke.
Zum Besichtigungstermin sind schon haufenweise Leute da, die sich vorstellen wollen. Als sie dran ist, und vor den Tisch tritt, an dem die Bewohner der WG sitzen, übrigens sehr gut getroffen in ihrer Hippness und Coolness, gespieltem Multikulti, vorgetäuschter Toleranz und ihrem falschen Elitebewußtsein – in Wirklichkeit sind sie stockkonservativ und hart wie Kruppstahl -, lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf und spinnt sich einen ab über die vielen Sprachen, die sie spricht, ihre Uniabschlüsse, dass sie militante Veganerin ist und schon als weltweite Entwicklungshelferin gearbeitet hat.
Hinterher geht ihr die Muffe, dass sie einer in einer der vielen Sprachen anspricht, die sie angeblich beherrscht. Zur Sicherheit behauptet sie sogar von sich, Bi zu sein. Irgendwie glauben sie ihr nicht so richig, und lehnen sie ab. Sie schließt sich darauf in einem der Zimmer ein und weigert sich herauszukommen. Das ist das Ende des Films.
Aus dem Studentenfilm hätte ich einen richtigen Film gemacht. Die Schauspieler, die so real ihre eingebildete Überlegenheit rüberzubringen verstehen, hätte ich gleich mitübernommen. Solche Typen verdienen es, mal so richtig verarscht zu werden.
Zu der Truppe um den Autor* des Romans - alles Westdeutsche - hatte sich ein netter Lehrling aus Hohenschönhausen gesellt, der zu Hause rausgeflogen war. Eigentlich sollte er geschasst werden. Sie stimmten ab darüber. „Behalten wir ihn. Er ist unser Quotenossi“, sagten die, die die Mehrheit bildeten, er fand Gnade und durfte bleiben.
Ein anderer Ex-Besetzer ergriff ebenfalls die Feder und ließ seine Erinnerungen freien Lauf. Er schrieb, dass er jetzt ein schlechtes Gewissen hat, weil sie damals die Kontaktversucher derer abgeblockt haben, die Anschluss suchten. Ist ja fast so, als wenn ein Schwarzer beim Klu Klux Clan mitmachen will.
Wenn er das nicht gut fand, warum hat er das gemacht. Auch sonne Art Diskriminierung. Ich, an seiner Stelle, hätte nicht nicht im Traum dran gedacht, mich dem Gruppenzwang zu unterwerfen.
Mitläufertum hat uns Deutsche schon mal fast in den Untergang geführt. Ich stürze mich schließlich nicht ins Besetzerleben, um gegen meine innersten Überzeugungen zu handeln. Und die sind nun Mal: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit.
Trotzdem probierten ich und meine Kumpels aus dem Osten immer wieder Kontakte zu ihnen zu knüpfen. Bald musste ich mir eingestehen, dass die Hausbesetzerszene nichts für mich war. Da änderten auch einige kurzfristige Liebesbeziehungen nichts dran. Im Gegenteil, sie machten mir nur klar, dass ich mir etwas vormachte.
Es waren ganz merkwürdige Beziehungen. Beziehungen, die meist gar nicht erst anfingen. Genauso lief es mit mir und einem Musiker, den ich auch, genau wie den, den ich an der Straßenkreuzung Scharnweber getroffen hatte, kennenlernte, als er hinter dem Tresen von einem Besetzercafé stand.
Wir kamen ins Gespräch. „Ich bin Musiker“. Er zeigte mir die CD von seiner Band. Er schien etwas jünger zu sein als ich. Die meisten Männer, die ich kannte, lehnten eine ältere Freundin ab.
Neugierig, wie ich war, kaufte ich mir die CD. Der achte Aufguss von Ton Steine Scherben, bloß ohne Genialität. Ich habe es noch nie geschafft, sie zu Ende zu hören. Trotzdem ich verliebt war. Auf der Rückseite übrigens er drauf. Durch die CD kenne ich auch seinen Namen. Ich sah schwarz für die Zukunft seiner Band. Da würde er sich wohl ein anderes Standbein suchen müssen. Vielleicht waren sie live besser?
Zum Glück liest er das sowieso nie. Sonst hätte ich einen Feind mehr. Aber wie der Typ aussah. „Milch und Honig“, hätte meine Oma gesagt. Da konnte man schon ins Träumen kommen.
Und wirklich haben sie sich bald darauf aufgelöst. Das erfuhr ich übrigens aus einem Artikel im Netz.
Manchmal denke ich, ich habe damals viele Bands getroffen, die nur spielen, eine Band zu sein. Und nicht wirklich vorhatten, das durchzuziehen. Einer aus Kaiserslautern, auch ein Hausbesetzer, hat mir mal erzählt, dass sie in der Projektwoche auf dem Gymnasium mal eine Punkband gründeten. So ähnlich kamen mir viele Bands in den besetzten Häusern vor.
In der Nacht, in der ich den Musiker traf, radelte ich ziemlich angetörnt von den billigen, weil dort im Vergleich zur Umgebung nur halb so teuren, Cola-Whiskeys in dem Café nach Hause und legte mich prompt in der Frankfurter Allee lang. Jemand hatte Eisenstangen auf den Fahrradweg gelegt.
Ich machte einen Salto in der Luft und krachte auf den Asphalt. Warum ich mir nichts weiter getan habe, ist mir bis heute nicht klar. Die Trumbunkenen stehen wohl unter einem besonderen Schutzstern. Was gibt es übrigens Genialeres, als total besoffen zu sein?
Als ich am nächsten Tag zu Hause erwachte, musste ich an ihn denken. Mir war aber klar, dass unser Gespräch nur freundschaftlich, unverbindlich abgelaufen war. Jemand, der so gut aussah wie er hatte bestimmt andere Möglichkeiten. Außerdem gehörte ich nicht zu den Besetzern.
Sie kamen fast alle aus Westdeutschland. Ich war aus Mecklenburg-Vorpommern, also eine Provinzpommeranze, lebte aber schon seit vor der Wende in Ostberlin. Fast jeden Tag ging ich in die Hausbesetzerkneipe. Er war auch oft da. Und ich hoffte.
Mir war glasklar, dass es sich nur um Tage handeln könnte, bis aus uns beiden ein Paar wird. Er redete mich nicht an, registrierte aber mein Kommen, wie ich wahrnahm. Wenn er mit dem Fortschreiten des Abends immer bekiffter wurde, starrte er ununterbrochen zu mir rüber. Wenn ich zur Toilette wollte, musste ich über seine ausgestreckten Beine rüber klettern. Er zog sie nicht zurück.
Einmal, nachts auf der Frankfurter, fuhr er auf dem Fahrrad an mir vorbei, eine schwarze Kapuze bis in die Stirn gezogen. Das stand ihm ganz phantastisch. Er sah bedeutungsvoll zu mir rüber. „Kam er von einer anderen Frau?“, fragte ich mich „oder von der Band-Probe.“
Irgendwie wurde mir klar, dass es immer so bleiben würde. Es waren schon ein paar Monate vergangen. Nichts hatte sich entwickelt. Wem nützt die Liebe in Gedanken? Vielleicht genügte ihm das?
Was macht der eigentlich heute so?, frage ich mich, „Besetzt er immer noch Häuser?“ und werf einfach mal seinen Namen in Mr. WorldWeits aufgesperrten Wolfsrachen, der auch gleich zuschnappt und ihn verschluckt.
Im Gegenzug speit er ein Foto aus. Als ich das Foto von ihm erblickte, übermannte mich wieder der Anspruch, den ich damals hatte: Gut drauf zu sein. Was immer das auch ist. So gut drauf, wie ich meiner Meinung nach sein musste, um ihm zu gefallen. Das wollte ich zu der Zeit, heute schon lange nicht mehr. Ich sah mich bemüßigt zu lügen. In Wirklichkeit kassierte ich Stütze. War natürlich ein bisschen peinlich. Irgendwie hatte ich die falschen Klamotten an, hörte die falsche Musik. Aß
das Falsche.
In Punkto Coolness war bei mir noch Luft nach oben. Mit meiner Gutdraufheit, man könnte auch Hippness dazu sagen, schleifte es mächtig. Ich glaube, als der absolute Szenetyp muss man vollkommen oberflächlich sein und die Fähigkeit haben, alles an sich abprallen zu lassen.
Ich glaub, die Liebe ist so was wie ein Katalysator. Auch die unglückliche. Ich für mein Teil wachse jedenfalls immer völlig über mich hinaus. Böse Zungen würden sagen: drehe durch. Das kann durchaus auch positive Aspekte beinhalten. Jedenfalls treibt man sich in dem Zustand immer nächtelang in der Gegend umher, lernt einen Haufen Leute kennen, redet sich um Kopf und Kragen. Betrunken und bekifft, ohne etwas angerührt zu haben. Man lebt in diesem Zustand der erwartungsvollen Liebe extrem intensiv. Meine beste Freundin sagt ja nie was Geniales.
Aber einmal kam von ihr: „Jeder Verliebte ist naiv“. Soviel Einsicht hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Man ist tatsächlich in einem kindlichen Zustand und fängt sich mitleidige Blicke ein, auf die man aber nichts gibt.
Proust ist ja mein Lieblingsautor, aber an ihm schockt mich, dass er die Liebe seziert mit dem Skalpell wie eine Probe auf einem Objektträger unter dem Mikroskop. Er, als Schwuler, hat den Vorteil, sich sowohl in die Frau als auch in den Mann hineinversetzen zu können. Er trägt von beiden Geschlechtern Anteile in sich. Den traurigsten Satz, den ich mal bei ihm gelesen habe, lautet sinngemäß: „Wenn man an den Geliebten denkt, fühlt man, dass er auch an einen denkt. In Wirklichkeit ist es aber so, dass unsere Gedanken nur an ihm abprallen und wieder zu uns zurückkehren.“
Das darf man keinem Liebenden zu lesen geben, geht mir aber öfter in ähnlichen Situationen durch den Kopf.
Ich sah ihn danach noch manchmal hier in der Gegend. Er wirkte immer sehr interessiert, wenn er mich sah. Warum ernten die Leute die Kirschen nicht, wenn sie reif sind? Nun muss ich Proust noch mal zitieren: Er hat auch geschrieben: „Liebe ist kein haltbares Gefühl“. Das erlebte ich jetzt auch. Mit einmal war er mir gleichgültig. Es hatte wohl zu lange gedauert.
Im Internet hatte er mit Anderen zusammen jahrelang eine Website zu politischen Themen, auf denen sie regelmäßig Beiträge veröffentlichten. „Wenn ihr mich fragt: langweilig. Zu hochgestochen in der Ausdrucksweise.“ Vielleicht hat ja auch er ein Buch geschrieben über seine Besetzerzeit.
Fazit: Keine west-, ostdeutsche Wiedervereinigungsliebe.
An meiner Kritik an seinen musikalischen Leistungen ist es nicht gescheitert. Da hätte ich ihm sowieso keinen reinen Wein eingeschenkt. So naiv war ich auch nicht mehr. Ich glaube, er wollte schon. So sehr irrte ich da nicht. Irgendwas musste ihn daran hindern. Ich hatte den Eindruck, dass ich ihm gefiel, so was spürt man, aber er sah im Grunde, dass ich da nicht reinpasste, dass wir zu unterschiedlich waren und wollte mich nicht verletzen
*Andreas Baum: „Wir waren die neue Zeit“
Seine Haare, früher rehbraune Korkenzieherlocken, die bis zur Schulter reichten, waren inzwischen grau geworden aber immer noch lang und verfilzt.
Eine Weile war ich mit meiner Freundin oft in dem Café, das unten in dem Haus mit drin war. Wir haben aber nie zusammen geredet. Höchstens: „Machst du mir ein Flens“, denn er gehörte zu Denjenigen, die Anfang der Neunziger Jahre häufig hinter dem Tresen des Besetzercafés standen. Er wirkte zu der Zeit immer so, als wenn er wunschlos glücklich ist.
Ich habe ihn mal vor langer Zeit mit einem Kind auf dem Arm auf der Warschauer Straße gesehen. Die Kleine wird jetzt fast dreißig sein und er Großvater. Warum hat es sich eigentlich so eingeschliffen, dass man immer automatisch von jemandem denkt, der Kinder und Enkel hat, dass sein Leben glücklich und erfüllt ist und annimmt, dass er eins mit der Welt sein muss? So, als wenn die Kinder die Eltern retten. Eigentlich kennen wir ja das mit der harmonischen Familie von unseren eigenen Elternhäusern ganz anders und wollen trotzdem bei Anderen nur das sehen, was wir sehen wollen.
Klischees, die den Held*innen von Hedwig Courths Mahler zur Ehre gereicht haben würden, geistern durch unsere Köpfe.
„Wo wollte er eigentlich einmal hin, als er Neunzig in sein Besetztes Haus zog? Haben sich seine Träume erfüllt?“, frage ich mich. „Oder ist alles irgendwie erstarrt, bewegt sich nichts mehr. Ruht man sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus?
Hielten sie sich da immer noch an dem fest, was sie mal waren, oder mal zu sein glaubten, setzten sich in den besetzten Wohnobjekten immer mehr die negativen Kräfte durch, übernahmen die Macht wie in „Farm der Tiere“, wo ringelschwänzige Wesen die Herrschaft eroberten?
Wovon lebt er eigentlich? Von seinem Outfit her würde ich ihn für einen Sozialarbeiter halten. Aber sie haben alternative Firmen gegründet, hat mir mal jemand erzählt.
Er wohnt noch immer in diesem Haus, was Anfang der Neunziger mal besetzt wurde. Inzwischen haben sie das Haus gekauft. Jetzt leben sie ziemlich isoliert von der Umgebung. Schmoren im eigenen Saft. Ob ihnen das bewusst ist? Schade. Wirkten aber damals so verheißungsvoll. Voller Möglichkeiten.
Er gehörte zu denen, die offener schienen als die meisten. Aber auch er hat sich auf eine Art irgendwie von der Umgebung abgeschottet und lebt innerhalb der Hausgemeinschaft mit ihren Streitereien, Auseinandersetzungen, Gruppierungen, Hierarchien aber auch mit der Solidarität. Vielleicht haben sie nicht die Welt gerettet, aber über Jahre feste Freundschaftsbande im Haus entwickelt, auch wenn sie enttäuschend wenig Wirkung auf ihre Umgebung haben.
Da ist er auf eine Art zehnmal besser dran als ich. Wahrscheinlich lebte er da noch, weil er ein extrem sympathischer Kerl ist, der sich gut einfügen kann, auf den sich alle einigen können. Ich wäre da schon lange rausgeflogen.
So war es eigentlich bei den Bluesern im Osten auch. Leute, die sehr angesehen und beliebt waren unter uns, waren welche, die auch im normalen Leben, ich meine das außerhalb der Szene, gut zurechtgekommen wären. Sie hatten natürliche Autorität, konnten mit Frauen, besaßen die Fähigkeit, Freunde an sich heranzuziehen, und ohne sich anzubiedern, schwammen sie in einfach ihrer Kumpelbase mit.
Das war mir leider nicht gegeben. Ich ecke immer überall an.
Wenn man sich bei den Leuten nach der Legalisierung erkundigte, taten sie immer ganz geheimnisvoll. Bestimmt dachten sie, ich bin beim Verfassungsschutz. „Es sind immer die Harmlosesten“, sagt man ja. Es sind nicht immer die Harmlosen und Unauffälligen. Bei der Roten Flora, einem selbstorganisierten, linken Zentrum, waren die Spitzel welche, die gut vernetzt waren und überall mitmischten. Die eine, in Wirklichkeit bei der Polizei, gründete dort sogar eine lesbische Taekwondo Gruppe. In ihrer Ausbildung hatte sie Nahkampfunterricht gehabt. Habe ich mal in einer Reportage aus Hamburg gesehen.
Im Frühjahr 90, ein paar Monate nach dem Fall der Mauer, wurden hier in Friedrichshain plötzlich massig Häuser besetzt. Das waren alles Gebäude, die zu Ostzeiten schon auf Abriss standen. Jetzt konnte man überall bunte Spruchbänder sehen, und Leute mit struppigen Rastas liefen rein und raus. Ich konnte die Leute schlecht einschätzen. Schaumschläger? „Das Politische ist dort alles nur Gerede und Getue“, sagte mal jemand zu mir.
Ich wollte unbedingt den anderen Teil Deutschlands kennenlernen. Die Möglichkeit schien sich mir zu bieten, ohne dass ich erst lange rumreisen musste. Das damals war für mich die neue Zeit.
Besetzte Häuser waren schon immer mein Traum gewesen. Das ich das noch erleben durfte.
Der Glaube an die bürgerliche Familie war mir, da ich meinen Vater gar nicht kannte, gründlich geschwunden. Andere Lebensformen mussten gefunden werden. Mir schwebte ein romantisches Miteinander von Leuten, die sich gegenseitig halfen, vor. Ich habe die Besetzer nicht bewundert, nein, ich war die Bewunderung selbst. Leider wurde uns Einheimischen bald klar, dass sie wenig Interesse an uns hatten. Sie waren sich selbst genug. Schade. Total verschenkte Möglichkeiten.
Wahrscheinlich waren die Vorurteile, in denen sie erzogen waren, die meisten stammten ja vom Bürgertum ab, hatten auch schon eine soziale Auslese durch das Gymnasium durchlaufen - in einem Haus war mal ein ganzer Flügel nur von Studenten der Fakultät Asienwissenschaften besetzt - einfach zu stark.
Und außerdem verstanden sich Ost und West nicht, obwohl auf beiden Seiten die gleiche Sprache gesprochen wurde. Vierzig Jahre, obwohl wir alle noch lange nicht vierzig waren, waren unsere beiden Staaten getrennt gewesen.
Die paar Monate von November 89 bis Frühjahr 90 konnten daran auch nichts ändern, dass man eigentlich gar nichts miteinander anfangen konnte.
Die Leute in den Kneipen sahen immer alle so ernst aus, fast traurig. So, wie einer aussieht, der gerade die Nachricht erhalten hat, dass seine ganze Familie ausgelöscht worden ist. Was natürlich nicht der Fall war. Man traute sich gar nicht so jemanden anzusprechen, und ihn mit Unwichtigkeiten zu behelligen wie: „Weißt du welche Band da hinten spielt?“
Der Grund für ihren angestrengten Gesichtsausdruck war wohl die Überforderung in der Großstadt. Aus einem behüteten Zuhause - natürlich nicht immer - in der westdeutschen Provinz in das quirlige, unberechenbare Berlin. Wo an jeder Ecke Penner rumsaßen, die einem irgendwie auch Angst machten, besonders wenn mit der beruflichen Perspektive was im Argen lag. Existenzängste, die Ahnung, dass das Leben noch andere Seiten bereithält, kamen auf. „Meine Eltern denken, ich studiere“, erzählte mir mal eine Neunzehnjährige in der Kreuziger, einer Kneipe in einem besetzten Haus.
Dagegen versuchte man sich abzugrenzen, in dem man sich mit Leuten umgab, die aus dem selben Mustopf kamen wie man selber. Dieses Abschotten war auch ein Schutzeffekt.
Vielleicht hatten sie sogar Angst vor mir. „Was ist das eigentlich für eine komische, aufgedrehte Frau, und warum sucht sie hier Anschluss.“ „Was machst du als einziger Ossi hier in dieser Besetzerkneipe?“, fragte mich mal jemand. War aber nicht bös gemeint. Nur Interesse.
Ich fragte mich, wo die Leute eigentlich herkamen und was sie wollten . Es waren wohl linksorientierte Gymnasiasten, die auf ihrer Penne im Schwarzwald schon ´nen Harten gemacht hatten mit grünen Haaren und Demos gegen Rechts.
So was gab es in der DDR kaum, da Leute, die widerständig aufgestellt waren, meist gar nicht erst zum Abi zugelassen bzw. rechtzeitig geschmissen wurden. Ich sage nur: „Stasi“. Einer, der sich in Kirchenkreisen engagierte, Matthias Domaschk, - über ihn und sein ungeklärtes Ableben nach einer Verhaftung wurden viele Artikel und auch Bücher geschrieben - musste kurz vor den schriftlichen Prüfungen seine Schule verlassen und in Jena im Kohlenkeller arbeiten. Kein Maturazeugnis für ihn, wie die Wessis und früher auch schon Thomas Mann zum Abi sagten.
So was kannten die Gymnasiasten in den alten Bundesländern nicht. Dort schadete es ihnen nicht, wenn sie sich politisch engagierten. Bei uns hätten sie nie ´ne Uni von innen gesehen. So konnte sich relativ frei ein linkes Spektrum entwickeln.
Viele der Hausbesetzer hatten auch ihre Studien unterbrochen und nahmen sie später wieder auf. Das habe ich ein einem Buch gelesen von jemandem, der dabeigewesen war.* Im Osten undenkbar. Ich habe mich letztens noch mit einer Kollegin, die Lehrerin ist, darüber schiefgelacht, als wir uns vorgestellt haben, was passiert wäre, wären wir einfach mal so drei Jahre der Uni fortgeblieben in der DDR und hätten dann plötzlich wieder dagestanden.
Heute – jedenfalls vor der Studienreform – würde der Professor bloß sagen: „Während ihrer Zeit im besetzten Haus haben sie sich haufenweise Sozialkompetenz erworben. Das wird ihnen noch zugute kommen. Sie können gleich zu Semesterbeginn wieder einsteigen.“ Vielleicht ist es aber doch nicht mehr so günstig.
Ein ehemaliger Student, den ich bei einem Bewerbungstraining kennengelernt habe, hat mir erzählt, dass nach dieser Reform, gegen die lange gestreikt wurde, vieles wieder so streng geworden ist, wie es früher im Osten war. Den berühmten Langzeitstudenten gibt es wohl auch nicht mehr. Tut mir leid.
Was sie natürlich damit bewirkten, wenn sie Leute aus der Umgebung, die nach freundschaftlichen Kontakten suchten, so vor den Kopf stießen und sie raus schwiegen, war, dass diese sich enttäuscht von der Linken Szene abwandten und woanders Anschluss suchten und fanden.
In den Besetzerkneipen redete keiner mit dir, aber wenn du zu Treffs von Neonazis gingst, saßt du das nächste Mal schon als Schriftführer mit am Tisch. Ich natürlich nicht. Parallel zum Anwachsen der Hausbesetzerbewegung entwickelte sich auch eine starke rechte Szene. Die jungen Arbeiter, die man auf den Baugerüsten rumturnen sah, trugen fast alle zu Bomberjacke sehr kurzes Haar. Fast wie ein Arbeitsmontur.
Aber vielleicht hatte ich auch von den Leuten, die aus Kreuzberg zu uns rüber gekommen waren, zu viel erwartet. Es waren junge Leute, die so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, dass sie nicht die Welt retten konnten. In Wirklichkeit sehnten sie sich nach Sicherheit. Ging mir vielleicht genau so.
Jemandem, der beim Plenum das große Wort führte, lag vielleicht gar nicht so viel daran, dass der Regenwald verstaatlicht wird und die Honki-Tonki-Indianer wieder in ihren angestammten Gebieten leben können, sondern daran, welches Bild die interessante Frau, die mit dabei war und seinen weisen Ausführungen lauschte, von ihn bekam. Ist normal.
Heute sind sie lange verheiratet und haben ein Haus im Sauerland. Die Kinder gehen auf eine Waldorfschule.
Wir hörten auch ganz andere Musik in unserem sozialistischen Lager als die westdeutschen Hausbesetzer und waren noch in den Sechzigern bei Janis und Jimi. Auch ein bisschen in den Siebzigern. Aber nur der Anfang. 71,72 lasse ich noch gelten. Was danach kam, interessierte mich nicht so sehr.
So ging es den Tschechen auch. Dort war die Hippiewelle ebenfalls noch lebendig, viel lebendiger als in der DDR. Bei uns ebbte die Hippiewelle schon vor Mauerfall langsam ab. Im Westen dagegen war sie praktisch nicht mehr existent.
Ich liebe Prag. Alle Blueser aus dem Osten, bei uns „die“ alternative Jugendbewegung in den Siebzigern und Achtzigern, liebten Prag. Besonders das Essen. Knödel mit Schweinsbraten. Und die Klobása, so´ne Art gebratene Knackwurst, die sie an jeder Straßenecke brutzeln. An die süßen Hörnchen darf ich gar nicht denken. Und jede windschiefe Bretterbude führte herrliches, kaltes Bier vom Fass.
In den Neunzigern traf ich in Prag mal auf ein große Gruppe Jungen und Mädchen, alle angezogen wie Crosby-Still-Nash and Young auf dem Woodstockfestival. Sie kamen von einem Konzert im Kongreßzentrum. Ein weißes Ufo, was in einem Park gelandet war. Geniales Teil. Sollte sich der Pragbesucher nicht entgehen lassen.
In einer Kneipe in der Altstadt von Prag, zu der mich ein Mann mitgenommen hatte, der mich auf der Straße angeredet hatte: „Ich weiß, wo es dir gefällt“, sangen abends alle Bob Dylan Songs zur Gitarre. Das waren die Jungen und Mädchen, die mir schon am Nachmittag begegnet waren.
Ich kam mir vor wie in der DDR in den Achtzigern.
Ich war ein beinharter Stones und Scherben Fan. Die waren dort bei den Autonomen längst out. Ständig liefen die Dead Kennedys. Sie nervten mich. Waren aber gerade total angesagt. Ich hörte mal vor ein paar Jahren im TV, dass Jello Biafra erzählte, dass er und seine Bandkollegen jetzt nur noch über Anwälte miteinander reden. Geld? Auch sie hatten scheinbar nicht den Stein des Weisen gefunden. „Schadet euch gar nichts“, dachte ich schadenfroh. „So wie ihr meine Gehörgänge immer malträtiert habt.“
Langsam, 35 Jahre nach Beginn der Besetzungen, fangen nach und nach die Leute, die zu der Zeit daran beteiligt waren, an, Bücher zu schreiben. Der eine war sogar bloß drei Monate in der Szene und hat lustigerweise trotzdem darüber ein Buch veröffentlicht.
Finde ich total interessant, mal die andere Seite zu hören. Ich hielt es eigentlich immer dem Desinteresse meiner Landsleute geschuldet, dass man damals kaum welche aus dem Osten in den alternativen Wohnprojekten antreffen konnte. Besonders in Friedrichshain. Im Prenzlauer Berg gab es mehr. Deshalb war ich baff, als ich in dem Roman eines „Ehemaligen“ las, dass Einheimische, die gerne mitbesetzen wollten und sich bemühten dort Aufnahme zu finden, zu Beginn der Neunziger gar nicht erst durch das strenge Plenunm kamen. Das verhindert frische Einflüsse. Was ist das eigentlich? Ein Tribunal? Die spanische Inquisiton?
Da fällt mir ein Kurzfilm ein, ein Abschlussfilm von der Hochschule, der mal zusammen mit anderen Arbeiten im Fernsehen gezeigt wurde. Eine junge Frau braucht unbedingt eine Wohnung. Da fällt ihr Blick auf den Aushang einer WG an einer Straßenecke.
Zum Besichtigungstermin sind schon haufenweise Leute da, die sich vorstellen wollen. Als sie dran ist, und vor den Tisch tritt, an dem die Bewohner der WG sitzen, übrigens sehr gut getroffen in ihrer Hippness und Coolness, gespieltem Multikulti, vorgetäuschter Toleranz und ihrem falschen Elitebewußtsein – in Wirklichkeit sind sie stockkonservativ und hart wie Kruppstahl -, lässt sie ihrer Phantasie freien Lauf und spinnt sich einen ab über die vielen Sprachen, die sie spricht, ihre Uniabschlüsse, dass sie militante Veganerin ist und schon als weltweite Entwicklungshelferin gearbeitet hat.
Hinterher geht ihr die Muffe, dass sie einer in einer der vielen Sprachen anspricht, die sie angeblich beherrscht. Zur Sicherheit behauptet sie sogar von sich, Bi zu sein. Irgendwie glauben sie ihr nicht so richig, und lehnen sie ab. Sie schließt sich darauf in einem der Zimmer ein und weigert sich herauszukommen. Das ist das Ende des Films.
Aus dem Studentenfilm hätte ich einen richtigen Film gemacht. Die Schauspieler, die so real ihre eingebildete Überlegenheit rüberzubringen verstehen, hätte ich gleich mitübernommen. Solche Typen verdienen es, mal so richtig verarscht zu werden.
Zu der Truppe um den Autor* des Romans - alles Westdeutsche - hatte sich ein netter Lehrling aus Hohenschönhausen gesellt, der zu Hause rausgeflogen war. Eigentlich sollte er geschasst werden. Sie stimmten ab darüber. „Behalten wir ihn. Er ist unser Quotenossi“, sagten die, die die Mehrheit bildeten, er fand Gnade und durfte bleiben.
Ein anderer Ex-Besetzer ergriff ebenfalls die Feder und ließ seine Erinnerungen freien Lauf. Er schrieb, dass er jetzt ein schlechtes Gewissen hat, weil sie damals die Kontaktversucher derer abgeblockt haben, die Anschluss suchten. Ist ja fast so, als wenn ein Schwarzer beim Klu Klux Clan mitmachen will.
Wenn er das nicht gut fand, warum hat er das gemacht. Auch sonne Art Diskriminierung. Ich, an seiner Stelle, hätte nicht nicht im Traum dran gedacht, mich dem Gruppenzwang zu unterwerfen.
Mitläufertum hat uns Deutsche schon mal fast in den Untergang geführt. Ich stürze mich schließlich nicht ins Besetzerleben, um gegen meine innersten Überzeugungen zu handeln. Und die sind nun Mal: Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit.
Trotzdem probierten ich und meine Kumpels aus dem Osten immer wieder Kontakte zu ihnen zu knüpfen. Bald musste ich mir eingestehen, dass die Hausbesetzerszene nichts für mich war. Da änderten auch einige kurzfristige Liebesbeziehungen nichts dran. Im Gegenteil, sie machten mir nur klar, dass ich mir etwas vormachte.
Es waren ganz merkwürdige Beziehungen. Beziehungen, die meist gar nicht erst anfingen. Genauso lief es mit mir und einem Musiker, den ich auch, genau wie den, den ich an der Straßenkreuzung Scharnweber getroffen hatte, kennenlernte, als er hinter dem Tresen von einem Besetzercafé stand.
Wir kamen ins Gespräch. „Ich bin Musiker“. Er zeigte mir die CD von seiner Band. Er schien etwas jünger zu sein als ich. Die meisten Männer, die ich kannte, lehnten eine ältere Freundin ab.
Neugierig, wie ich war, kaufte ich mir die CD. Der achte Aufguss von Ton Steine Scherben, bloß ohne Genialität. Ich habe es noch nie geschafft, sie zu Ende zu hören. Trotzdem ich verliebt war. Auf der Rückseite übrigens er drauf. Durch die CD kenne ich auch seinen Namen. Ich sah schwarz für die Zukunft seiner Band. Da würde er sich wohl ein anderes Standbein suchen müssen. Vielleicht waren sie live besser?
Zum Glück liest er das sowieso nie. Sonst hätte ich einen Feind mehr. Aber wie der Typ aussah. „Milch und Honig“, hätte meine Oma gesagt. Da konnte man schon ins Träumen kommen.
Und wirklich haben sie sich bald darauf aufgelöst. Das erfuhr ich übrigens aus einem Artikel im Netz.
Manchmal denke ich, ich habe damals viele Bands getroffen, die nur spielen, eine Band zu sein. Und nicht wirklich vorhatten, das durchzuziehen. Einer aus Kaiserslautern, auch ein Hausbesetzer, hat mir mal erzählt, dass sie in der Projektwoche auf dem Gymnasium mal eine Punkband gründeten. So ähnlich kamen mir viele Bands in den besetzten Häusern vor.
In der Nacht, in der ich den Musiker traf, radelte ich ziemlich angetörnt von den billigen, weil dort im Vergleich zur Umgebung nur halb so teuren, Cola-Whiskeys in dem Café nach Hause und legte mich prompt in der Frankfurter Allee lang. Jemand hatte Eisenstangen auf den Fahrradweg gelegt.
Ich machte einen Salto in der Luft und krachte auf den Asphalt. Warum ich mir nichts weiter getan habe, ist mir bis heute nicht klar. Die Trumbunkenen stehen wohl unter einem besonderen Schutzstern. Was gibt es übrigens Genialeres, als total besoffen zu sein?
Als ich am nächsten Tag zu Hause erwachte, musste ich an ihn denken. Mir war aber klar, dass unser Gespräch nur freundschaftlich, unverbindlich abgelaufen war. Jemand, der so gut aussah wie er hatte bestimmt andere Möglichkeiten. Außerdem gehörte ich nicht zu den Besetzern.
Sie kamen fast alle aus Westdeutschland. Ich war aus Mecklenburg-Vorpommern, also eine Provinzpommeranze, lebte aber schon seit vor der Wende in Ostberlin. Fast jeden Tag ging ich in die Hausbesetzerkneipe. Er war auch oft da. Und ich hoffte.
Mir war glasklar, dass es sich nur um Tage handeln könnte, bis aus uns beiden ein Paar wird. Er redete mich nicht an, registrierte aber mein Kommen, wie ich wahrnahm. Wenn er mit dem Fortschreiten des Abends immer bekiffter wurde, starrte er ununterbrochen zu mir rüber. Wenn ich zur Toilette wollte, musste ich über seine ausgestreckten Beine rüber klettern. Er zog sie nicht zurück.
Einmal, nachts auf der Frankfurter, fuhr er auf dem Fahrrad an mir vorbei, eine schwarze Kapuze bis in die Stirn gezogen. Das stand ihm ganz phantastisch. Er sah bedeutungsvoll zu mir rüber. „Kam er von einer anderen Frau?“, fragte ich mich „oder von der Band-Probe.“
Irgendwie wurde mir klar, dass es immer so bleiben würde. Es waren schon ein paar Monate vergangen. Nichts hatte sich entwickelt. Wem nützt die Liebe in Gedanken? Vielleicht genügte ihm das?
Was macht der eigentlich heute so?, frage ich mich, „Besetzt er immer noch Häuser?“ und werf einfach mal seinen Namen in Mr. WorldWeits aufgesperrten Wolfsrachen, der auch gleich zuschnappt und ihn verschluckt.
Im Gegenzug speit er ein Foto aus. Als ich das Foto von ihm erblickte, übermannte mich wieder der Anspruch, den ich damals hatte: Gut drauf zu sein. Was immer das auch ist. So gut drauf, wie ich meiner Meinung nach sein musste, um ihm zu gefallen. Das wollte ich zu der Zeit, heute schon lange nicht mehr. Ich sah mich bemüßigt zu lügen. In Wirklichkeit kassierte ich Stütze. War natürlich ein bisschen peinlich. Irgendwie hatte ich die falschen Klamotten an, hörte die falsche Musik. Aß
das Falsche.
In Punkto Coolness war bei mir noch Luft nach oben. Mit meiner Gutdraufheit, man könnte auch Hippness dazu sagen, schleifte es mächtig. Ich glaube, als der absolute Szenetyp muss man vollkommen oberflächlich sein und die Fähigkeit haben, alles an sich abprallen zu lassen.
Ich glaub, die Liebe ist so was wie ein Katalysator. Auch die unglückliche. Ich für mein Teil wachse jedenfalls immer völlig über mich hinaus. Böse Zungen würden sagen: drehe durch. Das kann durchaus auch positive Aspekte beinhalten. Jedenfalls treibt man sich in dem Zustand immer nächtelang in der Gegend umher, lernt einen Haufen Leute kennen, redet sich um Kopf und Kragen. Betrunken und bekifft, ohne etwas angerührt zu haben. Man lebt in diesem Zustand der erwartungsvollen Liebe extrem intensiv. Meine beste Freundin sagt ja nie was Geniales.
Aber einmal kam von ihr: „Jeder Verliebte ist naiv“. Soviel Einsicht hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Man ist tatsächlich in einem kindlichen Zustand und fängt sich mitleidige Blicke ein, auf die man aber nichts gibt.
Proust ist ja mein Lieblingsautor, aber an ihm schockt mich, dass er die Liebe seziert mit dem Skalpell wie eine Probe auf einem Objektträger unter dem Mikroskop. Er, als Schwuler, hat den Vorteil, sich sowohl in die Frau als auch in den Mann hineinversetzen zu können. Er trägt von beiden Geschlechtern Anteile in sich. Den traurigsten Satz, den ich mal bei ihm gelesen habe, lautet sinngemäß: „Wenn man an den Geliebten denkt, fühlt man, dass er auch an einen denkt. In Wirklichkeit ist es aber so, dass unsere Gedanken nur an ihm abprallen und wieder zu uns zurückkehren.“
Das darf man keinem Liebenden zu lesen geben, geht mir aber öfter in ähnlichen Situationen durch den Kopf.
Ich sah ihn danach noch manchmal hier in der Gegend. Er wirkte immer sehr interessiert, wenn er mich sah. Warum ernten die Leute die Kirschen nicht, wenn sie reif sind? Nun muss ich Proust noch mal zitieren: Er hat auch geschrieben: „Liebe ist kein haltbares Gefühl“. Das erlebte ich jetzt auch. Mit einmal war er mir gleichgültig. Es hatte wohl zu lange gedauert.
Im Internet hatte er mit Anderen zusammen jahrelang eine Website zu politischen Themen, auf denen sie regelmäßig Beiträge veröffentlichten. „Wenn ihr mich fragt: langweilig. Zu hochgestochen in der Ausdrucksweise.“ Vielleicht hat ja auch er ein Buch geschrieben über seine Besetzerzeit.
Fazit: Keine west-, ostdeutsche Wiedervereinigungsliebe.
An meiner Kritik an seinen musikalischen Leistungen ist es nicht gescheitert. Da hätte ich ihm sowieso keinen reinen Wein eingeschenkt. So naiv war ich auch nicht mehr. Ich glaube, er wollte schon. So sehr irrte ich da nicht. Irgendwas musste ihn daran hindern. Ich hatte den Eindruck, dass ich ihm gefiel, so was spürt man, aber er sah im Grunde, dass ich da nicht reinpasste, dass wir zu unterschiedlich waren und wollte mich nicht verletzen
*Andreas Baum: „Wir waren die neue Zeit“
Zuletzt bearbeitet: