Rabenfreund

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Goldschmied

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Auf einem prächtigen Kastanienbaum, ganz hoch oben, sitzt der schwarz gefiederte Paul und wartet. Schon seit mehreren Stunden wartet er heute. So wie gestern auch. Und vorgestern. Der raue Dezemberwind weht erbarmungslos die eisige Kälte durch das pechschwarze Federkleid des jungen Raben. Mit seinen Füßen umklammert er fest den Ast, auf dem er nun schon so lange ausharrt. Sein Blick ist stets nach unten gerichtet. Auf ein Haus mit kleinem, aber liebevoll gepflegtem Garten.

„Hey“, ruft plötzlich eine Stimme in Pauls Richtung. Ein anderer Rabe, ein Bekannter namens Hermes, hat sich zu ihm auf den Ast gesellt und sieht ihn nun verwundert an. „Wie lange willst du hier denn noch herumsitzen?“, fragt er. „Ich warte bloß auf mein Essen!“, antwortet Paul. „Ah, du wartest immer noch auf diesen alten Mann. Der hat doch schon seit Tagen nicht mehr springen lassen! Du solltest langsam anfangen, dir das Essen wo anders zu suchen.“ Paul lässt sich von den harten Worten nicht beirren und ist sich weiterhin sicher: „Er wird kommen! Ich weiß das. Wir sind befreundet!“

„Befreundet?“, fragt Hermes und kann sein Lachen kaum halten. „Mit Menschen kann man nicht befreundet sein. Man kann ihnen nicht trauen! Auch dann nicht, wenn sie uns füttern! Hast du ihn denn schon vergessen, den Rabenkodex? Wir suchen nur dann die Nähe eines Menschen, wenn etwas für uns dabei herausspringt. Ein Rabe ist nicht sentimental und zieht einfach weiter, wenn es nichts mehr zu holen gibt. Hör also auf zu träumen und schau dich nach anderen Futterplätzen um!“, redet Hermes noch ein letztes Mal auf Paul ein, bevor er schließlich weiterfliegt. Scheinbar unbeeindruckt von Hermes‘ Belehrungsversuchen bleibt Paul auf seinem Ast sitzen und blickt wieder voller Erwartung nach unten.

Die Zeit vergeht wie im Eiltempo und ehe er sich versieht, hat er schon wieder eine ganze Stunde auf den Mann gewartet. Paul beginnt darüber nachzudenken, ob Hermes nicht vielleicht doch Recht hat. „Nein, das kann nicht sein“, spricht er in Gedanken zu sich selbst. Der alte Mann hatte sich schließlich schon jahrelang um die Raben gekümmert und ihnen Tagein Tagaus Nüsse und andere Köstlichkeiten in eine Schüssel gelegt und sie in den Garten gestellt.

Einmal, kann sich Paul erinnern, kümmerte sich der Herr sogar um ihn ganz persönlich. Als er nämlich damals zu spät zur Fütterung erschien und der Mann bemerkte, dass die anderen Raben bereits alles aufgefressen hatten, kehrte er noch mal zurück, um die Schüssel erneut zu füllen. Für Paul war dies Freundschaftsbeweis und seither glaubt er fest an die Güte des Mannes. Allerdings denkt er auch, als stolzer Rabe, an den alten Rabenkodex. Paul gerät in einen Zwiespalt. Hatte Hermes etwa doch Recht? War er zu einfach zu sentimental für den Rabenkodex? Der alte Herr war schließlich nur ein Mensch und Menschen sind keine Freunde der schwarzen Vögel. „Ich muss es wohl einfach vergessen und die Zeit mit dem netten Mann hinter mich lassen“, denkt er sich. Schweren Herzens kehrt Paul dem Haus den Rücken zu und fliegt gemeinsam mit anderen Raben vielversprechendere Futterplätze ab.

Erst am frühen Abend, als es zu dämmern beginnt, kehren die Raben um und machen sich auf den Weg zu ihrem Schlafplatz. Dabei überfliegen sie das Haus des alten Mannes. Paul nimmt sich fest vor, beim Vorbeiflug nicht nach unten zu sehen. „Bloß nicht gucken!“, befielt er sich selbst. Doch Paul ist zu neugierig. Einen Blick riskiert er dann doch. Und siehe da! Ein Unbekannter betritt das Haus des alten Herren. „Wer das wohl ist?“, fragt sich Paul. Er kann seine Neugier nicht bändigen und beschließt, nach unten zu fliegen und durch das Fester des Hauses zu sehen.

Das Fenster ist leicht geöffnet. Paul kann die beiden Männer reden hören. Freundlich begrüßt der Unbekannte den alten Herren und fragt auch gleich nach seinem Wohlbefinden. Schnell geht aus dem Gespräch hervor, dass es sich bei dem mysteriösen Unbekannten um einen Arzt handelt, der einen Hausbesuch abstattet. Sein Patient, der alte Herr, ist krank. Er hatte sich stark erkältet. Der Arzt verschreibt Medikamente und verordnet unbedingte Bettruhe für die nächsten Tage. Paul ist erleichtert und besorgt zugleich. Der alte Mann hat ihn nicht vergessen, aber es geht ihm nicht gut und er könnte sicher Unterstützung gebrauchen.

Als der Arzt gerade das Haus verlässt, entdeckt der alte Herr, dass Paul an der Fensterbank sitzt und schenkt ihm ein wohlwollendes Lächeln. Paul freut sehr über die kleine Geste sich und fliegt danach zu Hermes, um ihm die Neuigkeit zu verkünden. „Ich hatte Recht! Er hat uns Raben nicht vergessen! Er ist bloß krank und braucht etwas Bettruhe“, erzählt er. „Nun gut. Aber so wie es aussieht, brauchen wir die nächsten Tage nicht an seinem Garten warten“, schlussfolgert Hermes daraus. „Nein, wir brauchen es nicht“, antwortet Paul, „Aber ich werde morgen trotzdem da sein und ihn am Fenster begrüßen.“ Hermes ist sichtlich irritiert. „Warum sollte ein Rabe seine Zeit vergeuden?“, fragt er.

Paul erklärt: „Ich sagte doch, dass wir Freunde sind. Und ob du es glaubst oder nicht: Freundschaft ist mehr ist als Futter oder Geschenke. Es ist ein für einander da sein und einander beistehen.“ Und das, so weiß Paul nun, ist die Essenz einer wahren Freundschaft. Auch bei den ganz und gar nicht sentimentalen Raben.
 

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