Radikale Maßnahme

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Marcus Soike

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Radikale Maßnahme





Erwin lag in der Gosse, im Dreck, im Rinnstein, in ausgetretenen Kippen. Mit Bier, und so.
Und darüber räsonierte er: Nimm einen Mann alles, was ihm je wichtig war, dann gibst du ihm auch was: sein Bier, mit dem er sich selbst die Hucke gibt. GIBT. Nimm mir alles weg, dann gibst du mir genug Verzweiflung, damit ich es mir gebe. So einfach ist das alles.
Was gab ihm die Gesellschaft? – Ein Bier zum Süffeln, eine Welt, um sie zu verfluchen, und eine Gosse, in der er Richtung Jauchegrube treiben konnte.
Erwin rieb an der Flasche seines siebzehnten Bieres: „Du bist mein bester Freund. Du bist mein Gschpuserl. Bist mir nie böse du, gell? Bist mir nie böse.“ Er rieb ausgiebig an der Flasche. Es schien wichtig zu sein. Und es besorgte Romantik. Eine Frau war ja nicht da. Gar nicht dran zu denken. Aber eben auch gar nicht notwendig. Wenn der Suff ein Ersatz für irgendetwas war, dann soff man eben so lange, bis dieses Irgendetwas eben nur Irgendetwas war.
Als er etwa eine Minute an der Flasche rumgerieben hatte, geschah etwas sehr Merkwürdiges. Sogar für Erwin, in seinem Suff, war es merkwürdig. Aus dem Flaschenhals stieg, von einer grünen Nebelschwade begleitet, ein kleines Männlein: Grün eingefärbt, mit Zipfelmütze und grünem Rauschebart, der ein giftgrünes, aber recht niedliches Gesichtchen bedeckte. Wo kommt das Männlein her, dachte Erwin, ich habe doch niemanden gerufen. Das Männlein sprang hervor und landete auf Erwins Hand. „Tag auch“, sagte es. „Ich bin der Geist der Flasche, wie ich bekannt bin aus Sagen und Legenden von Sowieso und Was-weiß-ich und Scheißdreck. Kannst das ja mal bei Tolkien nachlesen. Ist ja auch egal, woher ich komme. Du hast mich gerufen. Jetzt hast du einen Wunsch frei.“
Erwin, der nicht sehr lange gestaunt hatte, überlegte. Aber nicht lange. „Ich will“, sagte er, „dass dieses Bier niemals zur Neige geht.“
„Is´ gemacht“, sagte das Männlein. „Stell deine Flasche auf den Gossenboden und halte dich sehr gut daran fest.“ Das Männlein sprang von Erwins Hand und kam auf dem Gossenboden zu stehen, wo es sofort Erwins Bierflasche sehr krampfig umklammerte. Erwin hatte die Flasche äußerst schnell abgestellt. Er umgriff sie jetzt mit beiden Händen, in freudiger Erwartung des endlos rinnenden Biersegens.
Es kam anders. Oder so: Es kam wie gewünscht, aber dann doch anders. Ein Geräusch, das an Fingernagelkratzen an einer Schultafel erinnerte, setzte ein. Die Flasche erzitterte, vibrierte, gab einen obertonhaften Laut von sich, der nicht mehr abebbte. Dann wurde die Flasche länger. Das Bier schäumte und zischte. Immer länger wurde die Flasche. Das grüne Männchen blieb am Boden und hielt die Flasche mit Armen und Beinen fest, so dass der Flaschenhals in die Höhe wuchs und die Flasche dabei nicht umfiel. „Ich hab es unter Kontrolle!“, sagte das Männchen dazu. Erwin hielt stur seinen Suff fest, nicht gewillt, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Alles hatte man ihm weggenommen: seinen Job, sein Wohnloch, seine Frau (vor fünfzehn Jahren), aber sein Bier behielt er jetzt einfach mal.
Die Flasche wuchs und wuchs. Erwin musste vom Gossenboden aufstehen. Dann musste er sich auf Zehenspitzen stellen. Dann hing er da, an der Flasche, und die wuchs immer mehr in die Länge. Sie war jetzt schätzungsweise zwei Meter fünfzig lang. Kein Grund für Erwin, loszulassen. Im Gegenteil. Er setzte die Beine ein, um sich genügend festhalten zu können. Wie eine Meerkatze an der Feuerwehr-Stange. Seine Lippen umschlossen den Flaschenhals und soffen das nie zur Neige gehende Bier, das durch die magischen Kräfte, oder so, hochschäumte. Und die Flasche wuchs. Sie erreichte jetzt locker fünf Meter. Unten saß das grüne Männchen und griente auffallend. Zehn Meter. Fünfzehn Meter. Fünfundzwanzig Meter. Erwin klammerte und süffelte. Die Flasche wuchs lediglich in der Länge, die altbekannte Breite blieb. Warum sie nicht zerbrach und einknickte, wusste wahrscheinlich nur das grüne Männlein. Na gut, Erwin wusste es wahrscheinlich auch, aber der war ja schon so was von besoffen.
Erwin sah sich mal ein wenig um. Auf einem Hausdach in der Nähe und jetzt ungefähr auf gleicher Höhe mit ihm stand ein Mann ganz nah, gefährlich nah am Trauf. Als dieser Erwin erblickte, wurde er fuchsteufelswild und gestikulierte und brüllte: „Jetzt will ich mich schon mal vom Dach schmeißen, und was wird mir geschickt? Ein mieser Penner! Mann, ich erwarte mindestens die Feuerwehr, wenn nicht gleich die GSG9!“
Das grüne Männchen, tief unten, lachte jetzt übrigens schallend und bitterböse.
Mittlerweile war Erwin und sein Gesöff auf einer Höhe von gut vierzig Metern. Er soff und soff, aber dann machte er eine Pause. Soweit war ja alles gut. Aber als er sich dann umsah, gefror ihm das Blut in den Adern.
Überall im weiten Umkreis wuchsen die Bierflaschen in die Höhe. Die ganze Stadt lieferte diese schnell wachsenden Aussichtstürme. Es mussten tausende sein. Und an jeder einzigen Flasche hing ein Penner und soff. Erwin erkannte Hans-Jörg, ja, der alte Hans-Jörg, der immer noch jeden unter den Tisch soff und dabei was von seiner tollen Briefmarkensammlung lallte. Seine Flasche ragte um einiges höher als die anderen in den Nachthimmel – der Kerl soff eben schneller. Erwin erkannte viele bekannte Gesichter. An einer Flasche hingen gleich zwei Penner. Das musste das schwule Pärchen vom Ostbahnhof sein. Sie hatten wenig Geld, und sie hatten sich lieb. Deshalb eben nur eine einzige Flasche. Außerdem erspähte Erwin Isomatten-Ede mit seinem Hund. Und... tatsächlich... bei Ede wuchs nicht nur die Bierflasche in die Höhe, sondern auch das Freßnäpfchen seines Hundes. Und der Köter war ausgiebig am Fressen. Das Hundevieh machte sich nicht mal die Mühe, sich irgendwie festzuhalten: Seine Schnauze schien im emporwachsenden Napf festgekeilt zu sein.
„He Ede“, rief Erwin. “Was passiert hier? Was´n los?“
„Ja, was´n los!“, antwortete Ede. „Verarscht bin ich worden!“
Erwin wandte sich an das grüne Männchen, das sehr weit unten, in der Gosse, noch immer sehr gehässig lachte. „Ich mag nicht mehr!“, rief Erwin. „Der Spaß ist vorbei!“
„Alter“, rief das Männchen zurück“, wenn du dich beschweren willst, wende dich an die nächsthöhere Stelle!“
Die Flaschen wuchsen und wuchsen in die Höhe, über einer schlafenden, unschuldigen, gurkengeruchrülpsenden Stadt. Sie erreichten jetzt eine Höhe von gut hundert Metern. Erwin bekam es mit der Angst. Alle beteiligten und abgefüllten Penner bekamen es mit der Angst. Trotzdem süffelten sie weiter. Das schallende Lachen der kleinen grünen Männer, es waren tausende, an jeder Bierflasche eins, war bis hier oben zu hören. Sah man die Szenerie von weitem, glaubte man an eine parodistische Zeichnung von Manhattan: Die Wolkenkratzer wuchsen in die Höhe und die Unterklasse verreckte.
Bei einer Höhe von zweihundert Metern war Erwin klar, dass der Spaß jetzt aber auch wirklich bald vorbei war. Die Flasche schwankte bedrohlich. „Mach deinen Job!“, brüllte Erwin nach unten, in Richtung des grünen Männleins.
„Tu ich doch!“, rief das Männchen. „Alter, du weißt ja gar nicht, wie sehr!“
Die Flasche schwankte. Sie schwankte immer mehr. Das betraf auch die anderen Flaschen im Umkreis. Sogar das Fressnapf des räudigen Köters schwankte.
Dann wurde klar, worauf es hinauslief: Die Flaschen kippten und steuerten auf einen gemeinsamen Mittelpunkt hoch über der Stadt zu. Sie kippten aufeinander zu. Eine Pyramide, die sich selbst killt. Erwins Flasche kippte. Zusammen mit den anderen. Erwin wurde klar, was das bedeutete. Er war ja nicht blöd, er hatte einmal Germanistik studiert. War sein Latein noch auf der Höhe der Zeit?
Es kam ihm ein Gedanke: Um zu einem gemeinsamen Mittelpunkt zu kommen, musste jeder Flaschenturm unterschiedlich lang sein. Das hieß, dass die Flaschen eine Suff-Hierarchie abbildeten. Wer am meisten vertrug, hing an der längsten Flasche. Und Erwins Flasche war nur mittellang. Das behagte ihm gar nicht. Er nahm noch einen guten Schluck, dann schrie er: „Ihr seid doch Anfänger, ich schaff euch auch mit Stroh 80!“
In einem genau definierten Mittelpunkt trafen sich die Flaschenhälse, an denen so ganz nebenbei die Penner hingen. Der letzte Gedanke in Erwins Leben war: Wie in den Nächten von Nürnberg...
Was dann kam, war eine Orgie aus Flaschenscherben, Blut und Tod und Hundehaaren und einem feierlichen Hinabrieseln von rotzgrünen Fragmenten auf die schläfrige Stadt. All das Blut wurde regelrecht zerstäubt, war nur noch eine rosa Wolke, deswegen war der Regen: rotzgrün, flaschengrün.
Weit unten übte sich eine Armee von kleinen grünen Männchen in ihrem dreckigen Lachen.

Szenenwechsel. Das Büro des Bürgermeisters bei Nacht. Vor dem Schreibtisch war ein Feldbett aufgestellt worden. Darin lagen der Bürgermeister und irgendein preiswertes Fräulein. Sie pennten.
Sehr langsam, sehr leise ging die Tür auf, und die Armee hielt Einzug: Die kleinen grünen Männchen, hunderte von ihnen. Sehr bedächtig umstellten sie das Feldbett.
Eines der Männchen, es hieß Fridolin, sagte: „Erst lässt er uns die Drecksarbeit machen, und dann will er uns nicht bezahlen, der Hurensohn! Die gesamte Pennerschaft der Stadt haben wir vertilgt, und er will einfach nicht zahlen! Der Bastard, der verkommene!“
„Er wird sehen, was er davon hat“, sagte Egbert, ein anderes grünes Männchen.
„Der Kerl, der Scheißkerl hat bei mir einen Wunsch frei“, sagte Fridolin und betrachtete die Zimmerdecke über ihnen: Schien stabil zu sein, viel, viel zu stabil für das korrupte Schwein und seine billige Schlampe.
„Zu schade für ihn, dass er von der Schlampe abhängig ist“, sagte Fridolin.
Sie alle, im Kreis um das Feldbett, streckten die rechte Hand aus.
„Wer die von der Decke kratzt“, sagte Fridolin, „braucht danach erstmal einen guten Doppelkorn.“

Nochmal Szenenwechsel: Die Bahnhofsgegend der nächstgrößeren, nächst-verkommeneren Stadt. Fridolin und Egbert befanden sich hinter zwei Müllcontainern in Lauer-Stellung.
„Scheiß-Job“, sagte Fridolin und rotzte sich einen Grünen in den grünen Rauschebart.
„Kannste laut sagen“, sagte Egbert. „So scheiß-langweilig. Die Deppen wünschen sich alle dasselbe.“
Vor der Fixerstube schräg über der Straße gab es Stress. Zwei Fixer standen kurz vor einer Prügelei.
„Jetzt sag mal selbst“, sagte Fridolin. „Wie zum Teufel soll ich einen Fixer auf seiner Spritze balancieren?“
 

Val Sidal

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Ein Text, der weder Form noch Inhalt zum Gefallen bietet. Aus der Gosse gestanzt, prüft er den "feinen" Leser (niemand in der Gosse hat Zeit zum Lesen): Hälts du durch? Willst du mehr? Hast du endlich genug?

Seine Bilder sind nicht authentisch -- die findet man ja nur draußen, in der Gosse halt.
Der Erzählfluss bricht nicht -- wie Kotze und Rotze auch nicht brechen.
Der Plot ist ein Komplott des Autors und der Sprache gegen den guten Geschmack.
Die Figuren sind zu WAS sie wurden -- niemand wird da WERden.
Der Text will Gossendreck und Kloschmiererei sein, scheitert aber daran.

Sich selbst selbstverleugnend lässt der Text hier edle Literatur geschehen.
 

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