Reflexionen in Zeiten von Corona

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KarinB

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Um 8 Uhr morgens rufe ich beim Bürgertelefon an. Meine Corona-Warn-App zeigt rot, ich möchte mich testen lassen. Voller Skepsis gegenüber bürokratischen Prozessen hänge ich in der Warteschleife, doch dann die erste positive Überraschung: Keine Diskussion, keine Einschränkungen, kein „Nur auf eigene Kosten“, sondern der freundliche, effiziente Hinweis, ab 9 Uhr im Gesundheitsamt beim Infektionsschutzzentrum 3 (!) vorstellig zu werden. Mir rauschen Bilder von Menschen in Schutzkleidung aus E.T. und Katastrophenfilmen durch den Kopf, während ich schnell dusche und mich beeile loszufahren – in der naiven Hoffnung, am Montagmorgen um 9 Uhr ohne Wartezeit zum Testen zu kommen.

Ich finde sogar einen Parkplatz im Stadtzentrum und mache mich auf den Weg zum Gesundheitsamt. Da steht eine kleine Traube höchst unterschiedlicher Leute, alle mit vorbildlich sitzender Mund-Nase-Bedeckung vor der Einfahrt zum Hinterhof des Gesundheitsamtes: 5 vor 9 am Infektionsschutzzentrum 3. Um Punkt 9 Uhr wird der Türsteher aktiv und ordnet die Traube in eine Schlange. Keine Markierungen am Boden. Hält die Dame hinter mir wirklich die 1,5 Meter Mindestabstand ein? Ich bleibe natürlich weit hinter der Vorderfrau. Ich denke an die armen Ladenbesitzer der indischen Designer-Boutique, vor deren Fenster sich die Schlange aufreiht. Laufkundschaft wird aus der Warteschlange wohl eher nicht – ob sich die Stammkunden von den potenziell Infizierten, die hier aufgereiht sind, abschrecken lassen?

Wie immer und überall schauen die Wartenden in ihre Smartphones. Eine komische Stimmung, leicht verkrampft, jede und jeder scheint bemüht, das Erscheinen zum Test als Lappalie – vor sich selbst und allen anderen – dastehen zu lassen. Aber dicht unter der Oberfläche ist die gleichmäßige Nervosität zu spüren.

Die Schlange vor mir wird zügig kürzer, kurz vorm Zutritt zum Hinterhof mit der ersten Registrierungsstation sehe ich auf dem Bürgersteig neben mir einen großen, bereits zertretenen Hundehaufen. Mein Geruchssinn hat mich nicht gewarnt (die vor mir Wartende auch nicht) – ein Corona-Symptom? Mache ich mir jetzt mehr Sorgen um Hundescheiße unterm Schuh als um mein Testergebnis?

Der Türsteher winkt mich in den Hinterhof zur Registrierung. Ich melde mich brav an und werde gebeten, meine rote Corona-Warn-App vorzuzeigen. „Oh ja“ sagt der junge Mitarbeiter vom Gesundheitsamt. Was soll das bedeuten? Sind drei Risiko-Begegnungen so schlimm? Wenigstens wird mir dann keiner Simulantentum oder Hypochondrie vorwerfen. Warum ist es wichtig, meine Anwesenheit zu rechtfertigen? Es sind doch bestimmt 40 Leute in derselben Zeit zum Testen hier. Ob die auch so mit Selbstlegitimation beschäftigt sind? Ich fülle ein Formular aus, das inhaltlich noch nicht einmal passt, irgendwas mit Corona-Anweisungen für medizinisches Personal, aber es hat Felder für meine Kontaktdaten; ich unterscheibe im Feld „Unterschrift des Vorgesetzten“. Wir stehen zu dritt möglichst weit verteilt an zwei Tischen und füllen die Formulare aus. Die Nähe zu den anderen beiden Testkandidatinnen macht mich nervöser als meine Warnung aus der App.

Ich höre die nächsten Anweisungen für die beiden Damen vor mir: Ausgefülltes Formular vorlegen, Maske ab, Hände desinfizieren und neue Maske aufsetzen, mit dem Formular zur nächsten Station. Das brave kleine Mädchen in mir ist stolz, die Anweisungen schon von der vorherigen Kandidatin mitbekommen zu haben und besonders gut dazustehen. Und ich bediene den Desinfektionsspender mit dem Ellbogen statt mit der Hand, mal wieder vorbildlich. Warum ist mir eine innere Bewertung immer wichtig? Es wird keinen Preis für die vorbildlichste Corona-Test-Kandidatin geben. Mein Drang zur Bestätigung als Musterschülerin kommt immer wieder hoch, gerade in solchen Augenblicken der Anspannung, in denen es doch kaum Unwichtigeres gibt.

Nächste Station, neue Warteschlange vor dem eigentlichen Testgebäude. Dieselben zwei Damen vor mir. Der Husten der Vorderfrau macht mich nervös, ich halte extra viel Abstand und bin dankbar für die großzügig gesetzten Bodenmarkierungen. Aus meiner Position in der Schlange kann ich die Pfeilmarkierungen am Boden sehen – wir werden gebeten, über die nach draußen zeigenden Pfeile ins Innere des Gebäudes zu gehen. Für meinen Drang, alles richtig zu machen, eine kleine Herausforderung.

Bei 95% Luftfeuchtigkeit und ordentlich getragener Mund-Nasen-Bedeckung ist meine Brille komplett beschlagen, die Dame im Testgebäude weist mir daher besonders sorgfältig den Weg zur nächsten Station für mich. In der Kabine beantworte ich die Routinefragen zu Kontakten, Symptomen und Vorerkrankungen und zeige meine App nochmals vor. Die Dame in der Kabine nebenan – nicht viel älter als ich, schätze ich – beantwortet die Frage nach Nutzung der Corona-App mit „Noch nicht, ich warte noch darauf, dass meine Tochter mir die installiert.“ Ernsthaft? Wieder eine Gelegenheit mich, mich überlegen zu fühlen. Verständnis und Mitgefühl wären besser.

Ich bekomme mein Teststäbchen und darf weitergehen, zum völlig vermummten Tester. Meine Brille ist so vernebelt, dass ich meine Maske vorzeitig abnehmen darf, während der Tester zusätzlich zu seiner Maske ein Visier aufsetzt. Durch seine zwei Schutzbarrieren hindurch kann ich seine Erklärungen kaum verstehen. Zumindest auf die Frage nach weiteren Fragen reagiere ich nicht, habe ich nicht verstanden. Aber ich stelle nie weitere Fragen, wenn ich mich in einer Situation – so wie hier – einzig darauf konzentriere, die Anweisungen so genau wie möglich zu befolgen. Rachenabstrich, Würgereflex, Nasenabstrich bis in den Rachenraum, ekliges Gefühl, schnell vorbei.

Fertig. Ich darf gehen. Ich fühle mich unerwartet erleichtert. Die nervige, überlegene Musterschülerin in mir verschwindet mit der Anspannung. Jetzt ist da Dankbarkeit. Im Gehen bedanke ich mich und verabschiede mich von allen Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, an denen ich vorbeikomme. Durch die Maske und meine vernebelte Brille werden sie nicht mitbekommen, wie sehr dieser Dank von Herzen kommt. Allen, die sich heute Morgen und an jedem Tag hier unaufgeregt, beruhigend, wohlorganisiert und zuweilen improvisierend um die zumindest insgeheim verunsicherten Testkandidaten gekümmert habe, bin ich zutiefst dankbar.

Jetzt warte ich auf mein Testergebnis.
 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Karin!

Herzlich willkommen hier in der nicht ganz so alltäglichen Welt desTagebuchs. Ich habe dein 'Erlebnis Testung' mit Interesse verfolgt und bin schon auf die Fortsetzung gespannt.

LG Otto
 

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