Regen ...

sonya

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Unaufhaltsam bricht der Regen durch den Himmel.
Erst nur kleine helle und weiche Tropfen, die einen stillen Schrei formen. Kleine Rinnsale werden zu Bächen, Pfützen schwellen an und drohen die Straßen zu überschwemmen. Und doch ist der kleine Park am Rande der Stadt nicht ganz unbelebt. Hier und da kann man müde Gesichter beobachten, die nun aufgeschreckt durch die plötzliche Urgewalt nach oben sehen, ihren Mantelkragen leicht aufstellen und versuchen sich durch zerknirschtes Fluchen vor dem Unwetter zu schützen.
Der Himmel verdunkelt sich und gibt den Menschen das Gefühl, für immer verschlossen zu bleiben.
An einer Parkbank steht eine junge Frau mit einem hellblauen Regenschirm, der trotzig seine Besitzerin vor dem Durchnässen schützen möchte. Es macht ihr nichts aus, dass es in Strömen giesst. Ihr Herz war so rein und sie könnte die ganze Welt umarmen.
Sie wartet .. wartet auf ihre Bekanntschaft. Wartet darauf, dass sich ihr Herz bei seinem Anblick wieder und wieder energisch aufbäumt.
Sie ist etwas zu früh, konnte ihre Ungeduld nicht zähmen. Selbst der Regen, der immer noch wild prasselt, konnte sie nicht aufhalten zu früh loszugehen.

Sie lässt ihre Gedanken schweifen .. sie erinnert sich an etwas, das sie eigentlich schon längst wieder vergessen hatte. Wie traurig, es ist doch noch gar nicht so lange her.
Sie kann plötzlich wieder ihre Ungeduld, ihre leichte Angst verspüren, ihre Gedanken lesen, die sie bei ihrem allerersten Treffen mit einem Jungen bemächtigt hatten. Dieses Kribbeln im Bauch, das sich leicht wohlig und warm ausbreitet. Die wirren Träume und Sehnsüchte, die sich in ihrem damals noch ungeprägten lebensfrohen Herz befanden. Ja .. da ist es wieder. Dieser sanfte und doch bedrängende Stich ins Herz, wenn sie nur an ihn dachte. Wie hatte sie vergessen, was Verliebtsein heisst. Manchmal einfach nicht mehr sie selbst sein, verrückte Dinge tun; ohne besonderen Grund zu lachen. Das Leben so geniessen, wie es sich einem bietet: ohne Falschheit, pure Lust und Liebe; und vielleicht mit ein kleinwenig Naivität.
Vor lauter Glück, diese Gefühle heute, an diesem Tag und in dieser Sekunde, wieder erleben zu dürfen, löst sich eine kleine Träne, die ihr vorbehaltlos über die Wange gleitet.

Ein Handyklingeln schreckt sie aus ihren Gedanken. Es durchdringt mit seinem metallischen Geräusch ihre kleine heile Welt. Eine Welt, in der nur Gefühle und Träume Platz haben.
Mit leichtem Zittern liest sie die Kurznachricht .. schade .. sie wartet vergebens .. eine Absage .. es kam etwas dazwischen .. vielleicht ein andermal ..
Traurig und leicht beschämt watet sie durch dichte Pfützen zurück. Der Regen lässt langsam nach, leichte Sonnenstrahlen blitzen neckisch auf und lassen wider Erwarten einen sonnigen Tag versprechen.

Die junge Frau weiss nicht genau, ob sie lachen oder weinen soll. Der Tag hatte nicht so begonnen, wie erwartet. Und doch konnte ihr keiner die schönen Momente des Glücks nehmen.

Und mit einer wilden Entschlossenheit beginnt sie laut zu lachen. Passanten drehen sich verwundert nach ihr um und sehen eine junge, hübsche Frau mit einem hellblauen Regenschirm, deren Augen sich zwar leicht mit Tränen gefüllt hatten aber dennoch mit den ersten aufkeimenden Sonnenstrahlen um die Wette leuchten ..
 

 
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