Regenbogenkinder- eine Autobiographie

Ruedipferd

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Zur Geschichte

Dies ist meine persönliche Lebensgeschichte. Peter Lassen, das bin ich. Alles, was ihr hier lest ist wahr und hat sich so zugetragen. Der Vorspann spielt an meinem früheren Wohnort Husum. Die Stelle am Deich mit Blick auf die Nordsee, den Dockkoog und Nordstrand ist realistisch beschrieben. Wer einmal dorthin kommt, dem wird die Umgebung aus meiner Geschichte vertraut sein. Es hat lange gedauert, bis ich in der Lage war, alles komplett aufzuschreiben. Natürlich ist die Ich-Form besser geeignet, aber als ich dies verfasste, war ich noch tief von meinem Lebensweg betroffen, so dass ich Abstand beim Erzählen brauchte. Inzwischen habe ich viele Bücher geschrieben und gehe mit meiner Vergangenheit etwas abgeklärter um.

Manuel Magiera

Regenbogenkinder (eine Autobiographie)

Peter Lassen sieht auf die Uhr. Es ist gleich sieben Uhr, die Flut kommt. An der Küste leben die Menschen wie selbstverständlich mit den Gezeiten. Er schließt seine Haustür zu und macht sich sehr nachdenklich zur Garage auf. Marcus‘ Bewährung wurde widerrufen! Warum, wusste Peter auch nicht so genau. Anscheinend konnte sein Sohn wieder einmal eine Bewährungsauflage des Gerichts nicht einhalten. Der fünfzigjährige Mann nimmt sein Fahrrad und schiebt es vorsichtig am Auto vorbei hinaus. Sein Junge macht ihm Kummer. Marcus ist bereits dreißig Jahre alt und besitzt weder eine Berufsausbildung noch einen Arbeitsplatz. Er reagiert oft sehr aggressiv. Das brachte ihm auch bereits einige Strafen ein.

Nach wenigen Minuten hat Peter sein Ziel erreicht. Der Weg führte ihn wie immer an saftigen grünen Kuhweiden entlang. Im Koog wachsen keine Bäume mehr. Das Land ist flach und nur sehr wenige an das raue Klima angepasste Pflanzen können hier gedeihen. Er stellt sein Fahrrad an den Zaun und öffnet die kleine Eisentür, welche sich sofort wieder selbsttätig schließt, damit die Schafe nicht entweichen können. Dann steigt er die steile Treppe zum Deich hinauf. Die von einem ortsansässigen Ehepaar gestiftete Bank auf der Deichkrone ist frei und der Blick über die Bucht nach Süderhafen entschädigt ihn kurzzeitig für alle Sorgen. Ein dickes Schaf mit einem grünen Fleck auf dem Hinterteil weidet genüsslich neben ihm. Das Grün stammt von einem Farbbeutel, den der Schafbock unter dem Bauch trägt. Auf dem Hintern eines Schafes zeigt der Fleck an, dass dieses vom Bock bestiegen und besamt worden ist. Peter schmunzelt über den Trick, wie die Schafbauern ihre Tiere markieren. Möwengeschrei vermischt sich mit dem Blöken der Schafe und den Geräuschen der Kühe, die hinter dem Deich auf den Weiden stehen. Vor ihm naht langsam die Flut und verschlingt das offene Vorland mit den Lahnungen. Links hinter ihm erhellen die Lichter der viel beschriebenen grauen Stadt am Meer den Himmel. Windräder wirbeln durch die Luft. Ihre roten Lichter blinken im Gleichtakt. Peter schaut wieder auf das wellenschlagende blaue Meer vor ihm. Die Hafeneinfahrt der Stadt wird durch ein rotes Leitfeuer angekündigt. Sein Blick wandert langsam über die kleine Bucht. In Schobüll, ein paar hundert Meter weiter, endet der Deich, auf dem er gerade sitzt. Ein kleines Stück der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste bleibt ungeschützt. Der Geestrücken ragt bis ans Meer, um dann in die Salzwiesen überzugehen. Peter sieht nachdenklich auf die vielen Scheinwerfer der unzähligen Autos, welche über den Damm nach Nordstrand fahren. Ich wohne an einem Ort, an dem andere Leute Urlaub machen! Er lächelt über seinen Einfall, doch dann muss er wieder an seinen Sohn denken. Marcus wollte sich stellen und die vier Monate Haftstrafe absitzen. Aber daraus wurde nichts. Der junge Mann hat anscheinend Angst, dass seine Freundin ihn verlässt, wenn er im Gefängnis bleiben muss. Und eine Therapie will er nicht machen. Da ist er genauso stur wie sein Vater Thorsten.

***
Peter und Thorsten heirateten 1980. Damals war Peter biologisch noch eine Frau. Er wurde 1956 als Mädchen geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre auf Sylt. Bereits im zarten Alter von drei Jahren bat er die Mutter, ihn doch in Zukunft Peter zu nennen. Er wäre eigentlich ein kleiner Junge. Die Mutter lachte und spielte das Spiel mit. Peters Puppen führten ein einsames Leben in der Ecke. Sie wurden so gut wie nie bespielt. Sein ganzer Stolz war der Fuhrpark, welcher aus unzähligen Plastikautos und Schiffen bestand. Im Laufe der Zeit konnte er auch eine kleine Eisenbahn, die es in den sechziger Jahren noch zum Aufziehen gab, sein eigen nennen. Der ältere Bruder fuhr bereits zur See, als Peter zusammen mit seinen Eltern um die Südspitze in Hörnum wanderte. Vom Bruder hatte der kleine „Junge“ ein Spielzeuggewehr und ein wunderschönes selbstgebasteltes Segelflugzeug bekommen. Er baute sich große Schiffe in den Sand und saß als stolzer Kapitän darin. Anfangs war er trotzdem noch sehr unglücklich, denn seine Mutter hatte ihm die Haare wachsen lassen und Peter musste lange Zöpfe tragen. Eine Tante strickte ihm Kleidchen und da half kein Bitten und Flehen. Wie gern hätte er doch wie die anderen Jungen im Dorf Hosen besessen. In der Schule kam er sehr gut mit und im Sportunterricht konnte er stets schneller laufen als die Mädchen. Die Jungen in der Klasse hatten ihn als einen der ihren akzeptiert. Peter tobte wild mit ihnen umher und manch einer seiner Schulkameraden konnte ein Lied von Peters Rauflust singen. Seine Kopfnoten im Zeugnis waren dementsprechend schlecht. Gleich zu Beginn des zweiten Schuljahres wurde er krank. Seine Beine schmerzten ständig und die Ärzte schickten ihn weit weg von zu Hause nach Hamburg ins Krankenhaus. Nachdem er dort zweimal operiert werden musste, durfte er im Sommer wieder heim. Die Mutter hatte ihm die Erfüllung eines Wunsches versprochen und Peter konnte sein Glück kaum fassen. Natürlich wünschte er sich einen Besuch bei Tante Margit. Sie war Mutters beste Freundin und die Dorffriseuse. Peter lief nach dem Friseurbesuch stolz mit seinem Bubikopf auf die Straße. Er war nun endlich ein richtiger Junge geworden. Seine Mama hielt schluchzend die langen abgeschnittenen Zöpfe in der Hand.
Und der kleine „Junge“ konnte dann sogar Hosen durchsetzen. Die Mutter hatte nämlich festgestellt, dass diese wesentlich praktischer für ihn waren als Kleider und Strumpfhosen. Kurz vor seinem zehnten Geburtstag zog die Familie nach Flensburg. Der Vater wurde beruflich versetzt und auch Peter sollte die Schulart wechseln. Er besuchte nun das Gymnasium, trug weiterhin nur kurze Haare und Hosen und fühlte sich in der reinen Mädchenklasse alles andere als wohl. In den folgenden Jahren träumte er ständig einen Tagtraum. Nach einem Busunfall hätten die Ärzte männliche Organe in seinem Bauch gefunden und müssten ihn nun zu einem Jungen um operieren. Die Pubertät wurde für den transsexuellen Jungen eine einzige Katastrophe. Sein Körper wehrte sich mit furchtbaren monatlichen Schmerzen gegen die biologische Rolle als Frau. Dazu kamen psychische Probleme, denn Peter hasste seinen weiblichen Körper und bemühte sich verzweifelt, mithilfe der Antibabypille seine Blutungen zu unterdrücken. Auch die Brust hatte sich geringfügig entwickelt und er konnte im Sommer nicht mehr mit freiem Oberkörper ins Schwimmbad gehen. Er versuchte trotz der inneren Konflikte seine Schulaufgaben ordentlich zu bewältigen, doch irgendwie wirkte sich das Chaos in seiner Seele auch auf seine Schulleistungen aus. Die Banknachbarin wurde seine beste Freundin. Aber mit ihr reden konnte er nicht. Er hatte ja inzwischen die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau realisiert und traurig verstanden, dass an seiner Körperlichkeit nun einmal nichts zu ändern war. Seine Träume konzentrierten sich nur noch auf unerreichbare Wünsche. Er lebte damit in der ständigen Angst etwas Verbotenes zu tun. Sein schlechtes Gewissen verhinderte auch, dass er sich als Jugendlicher einem Arzt anvertrauen konnte. Er bewahrte sein Geheimnis tief in sich, weil er fürchtete möglicherweise bis an sein Lebensende in die Psychiatrie eingesperrt zu werden. Diese Vorstellung ängstigte ihn noch mehr, als eine mögliche Ablehnung durch andere Menschen wegen seiner obskuren Wünsche.

So vergingen die Jahre. Peter verliebte sich pro forma in einen nicht erreichbaren Jungen aus der Schule und versuchte ihn in seinen Träumen zu kopieren. Beziehungen zu Jungen brachten ihm nichts und natürlich konnte er auch keine Zärtlichkeit mit der Freundin austauschen. Er erlebte sich ja nicht als lesbische Frau. Das junge Mädchen wollte auch nur Beziehungen zu Jungen und hätte das sicher gar nicht zugelassen. Niemand erfuhr etwas von Peters Gefühlen. Die inneren Spannungen verhinderten obendrein den angestrebten Schulabschluss. Peter wollte das Abitur machen und Lehrer werden. Doch sein Adoleszenskonflikt war dann so übermächtig geworden, das er bald ständig unter panikartigen Ängsten litt. Die anstehenden Abiturprüfungen wurden auf diese Weise zum Albtraum für ihn. Von Versagenssängsten gepeinigt, verließ er das Gymnasium mit der Versetzung in die Oberprima. In den folgenden Jahren bemühte er sich um seine Berufsausbildung, wurde Beamter wie sein Vater und lebte sehr zurückgezogen. Nur mit der Mutter sprach er einmal als Zwanzigjähriger über seine Wünsche. Sie gab ihm den Rat ans Heiraten zu denken und Kinder zu bekommen. Wenn er sein erstes Baby im Arm hielte, würden seine dummen Gedanken sicher ganz von selbst verschwinden, meinte sie.

Peter lernte Thorsten kennen. Bei dem zwölf Jahre älteren Handwerksmeister fühlte er sich geborgen und ihre Liebe zu Pferden verband die beiden zusätzlich. Peter zog zu Thorsten aufs Land. Sie heirateten inmitten einer großen Familie und auch Peter genoss das Leben in der dörflichen Gemeinschaft. Er versuchte sich jungenhaft zu kleiden und zu geben, aber andererseits auch wieder sein biologisches Geschlecht zu leben. Es war ein Spagat, der ihm viel Kraft abforderte. Nach zwei Ehejahren beschloss das junge Paar Eltern zu werden. Peter wünschte sich sehnlichst ein Kind, allerdings raubte ihm die Angst vor dem Geburtsschmerz gleichzeitig den Verstand. Trotzdem bemühten sich die beiden um Nachwuchs. Als dieser auf sich warten ließ, leiteten sie ärztliche Untersuchungen ein und fanden bald heraus, dass es sowohl bei Thorsten als auch bei Peter Probleme mit der Realisation ihres Kinderwunsches geben würde. So beschlossen Thorsten und Peter ein Kind zu adoptieren. Nachdem sie die notwendigen Anträge gestellt hatten, hieß es abwarten. Sie gingen weiterhin ihrer Arbeit nach und versorgten am Abend ihr gemeinsames großes Haus. Auch ein eigenes Pferd hatten sie sich angeschafft. Wirtschaftlich ging es ihnen gut und Peter wurde durch das abwechslungsreiche Leben von seinen Problemen abgelenkt. Im Sommer 1983 war es soweit. Thorsten und Peter hatten an einem Seminar für angehende Adoptiveltern teilgenommen und eines Tages erreichte Peter am Arbeitsplatz der langersehnte Anruf von der Adoptionsvermittlungsstelle.

Ein kleiner vierjähriger Junge suchte neue Eltern. Peter war überglücklich. Sie fuhren ins Kinderkurheim an die Nordsee und trafen dort zum ersten Mal ihren Sohn Marcus. Schnell wurden alle erforderlichen Vorbereitungen getroffen. Das Kinderzimmer musste hergerichtet werden und Peter ließ sich von seinem Arbeitgeber beurlauben. Ein paar Tage später kamen sie noch einmal in das Kurheim. Marcus war dort sehr traurig. Es handelte sich ja um ein Heim, in das Kinder aller Altersgruppen aus ganz Deutschland für eine begrenzte Zeit aufgenommen wurden. Wenn die anderen Kinder wieder ihre Koffer packten und nach Hause fahren durften, musste Marcus dort bleiben. Seine Augen strahlten vor Freude, als Peter und Thorsten ihn endlich abholten. Schnell waren seine wenigen Habseligkeiten in den mitgebrachten Koffer gesteckt und auch sein Teddy und das schöne Fährschiff, welches er von Peter als Willkommensgeschenk erhalten hatte, wurden rasch in eine Plastiktüte verstaut. Am Strand legte dann die Erzieherin Marcus’ kleine Hand in die Peters. Von einem Gefühl tiefster Liebe überwältigt, liefen Peter Tränen übers Gesicht und er wusste, er würde diese kleine Hand nie wieder los lassen, was immer auch das Leben mit ihnen vor haben sollte.
Marcus fasste schnell Vertrauen zu Peter, der ihn liebevoll umsorgte. Als erstes wurde er dem Hausarzt vorgestellt. Eine richtige ärztliche Versorgung fehlte dem kleinen Jungen natürlich ebenso wie Liebe und Geborgenheit. Seine sprachlichen Fähigkeiten waren unterentwickelt. Er bekam sofort logopädischen Unterricht, wurde vom Hausarzt gegen die wichtigsten Kinderkrankheiten geimpft. Der kleine Bursche war ein lebhaftes Kind, welches neugierig mit großen Augen seine Umgebung erkundete, aber er hatte sich natürlich nicht altersgemäß entwickelt. Seine Feinmotorik war schlecht ausgeprägt, was dazu führte, dass er nicht nur sehr leicht hinfiel und dabei buchstäblich über die eigenen kleinen Beine stolperte, sondern auch mit den Händen sehr hart zupackte, dann aber die Gegenstände plötzlich und unvermittelt wieder losließ. Sehr deutlich wurde das Dilemma, wenn er im Hühnerstall beim Eiersammeln helfen durfte. Peter musste ihm dann sanft die Eier aus der Hand nehmen, wollte er sie für die Küche retten. Es gab für den Vierjährigen so viel Neues und Unbekanntes zu entdecken. Zu Weihnachten wünschte er sich einen Bauernhof und als er den Weihnachtsmann auf dem Parkplatz des Kaufhauses traf, in dem Thorsten arbeitete, da zupfte er dem Mann im roten Mantel und weißem Rauschebart am Ärmel, sah ihn bittend und flehend an und fragte immer wieder, ob er ihm auch den erhofften Bauernhof bringen würde. Natürlich konnte er am Heiligen Abend einen großen Hof mit Kühen, Schweinen und Pferden sein eigen nennen. Der Weihnachtsmann hatte noch eins draufgelegt und einen schönen Trecker mitgeliefert. Marcus fühlte sich nun als stolzer Landwirt und spielte stundenlang mit seinem Hof. In der Familie hatten ihn alle auf Anhieb sehr lieb gewonnen. Da zwei Brüder Thorstens ebenfalls „richtige“ Landwirte waren, kam Marcus dort regelmäßig gerne zu Besuch. Er durfte Trecker fahren und beim Füttern helfen. Als Peter und Thorsten dann ihm zu Ehren die ganze Familie zum „Kindskiek“ einluden, war die Freude groß. Ein grüner Kindertraktor zum selber treten stand fortan vor dem Haus. Marcus ging natürlich keinen Meter mehr zu Fuß, sondern begleitete die Mutter zum Einkaufen auf dem eigenen Trecker.

Mit den Erwachsenen, die auf seine Bedürfnisse eingingen kam er gut zurecht. Die gleichaltrigen Nachbarskinder begrüßten den Neuankömmling zwar sofort vorbehaltlos, doch das gemeinsame Spiel endete dann nicht selten in Streit und Rauferei. Marcus hatte Schwierigkeiten im sozialen Umgang mit anderen Kindern. Im Kurheim war er stets der Kleinste gewesen. Durch die kurze Verweilzeit der Kinder dort, konnte er keine festen Beziehungen aufbauen. In der leiblichen Familie war er der Gewalt des Großvaters ausgesetzt gewesen und das Jugendamt sah es als dringend notwendig an, ihn aus dieser Familie herauszunehmen. So hatte er das normale Spielen mit Gleichaltrigen nie gelernt. Auf Anraten des Hausarztes sollte er dann schon im kommenden Frühjahr den Kindergarten besuchen und erst zwei Jahre später als Siebenjähriger eingeschult werden. Nun konnte er sich noch einige Monate an sein neues zu Hause gewöhnen, bevor er im Kindergarten erneut unbekanntes Terrain kennen lernen würde. Peter hatte vor einiger Zeit auf dem Jahrmarkt einen Teddybären gewonnen. Das Kuscheltier war fast so groß wie Marcus selbst und wurde sein ständiger Begleiter. Eines Morgens kamen die beiden ins elterliche Schlafzimmer. Marcus erklärte, der Teddy wolle mal eben zu den Eltern und im nächsten Moment tobte die ganze Familie im Ehebett. Der Bann war gebrochen. Sie waren nun wirklich eine kleine Familie geworden.
Marcus entwickelte sich langsam zu einem fröhlichen kleinen Lausejungen. Nachts schlief er noch sehr unruhig und schrie oft auf. Er erwachte nie in der Lage, in die er abends ins Bett gelegt wurde. Für das Zubettgehen hatte sich Peter ein Ritual ausgedacht. Nachdem die Zähne geputzt waren, kuschelte sich Marcus mit seinem Teddy unter die Decke und Peter erzählte oder las Gute Nacht Geschichten vor. Ein Buch hatte es ihnen besonders angetan. Es handelte von einer Szene aus dem Dschungel. Marcus gab der Hauptfigur kurzerhand seinen eigenen Namen und erlebte fortan selbst die Abenteuer mit Bär, Panther und Tiger. Die kleine Familie folgte häufig den Einladungen des Jugendamtes zu Veranstaltungen für Adoptiveltern. Auch die Dame von der Adoptionsvermittlungsstelle kam regelmäßig zu Besuch, um sich ein Bild von der Entwicklung ihres Schützlings zu machen. Durch seinen ungestümen Bewegungsdrang erlitt Marcus beim Spielen einen Unfall und brach sich den Arm. Das Krankenhaus, in dem er behandelt werden musste, war nicht auf Kinder eingerichtet. Trotzdem durfte Peter nicht die Nacht bei seinem kleinen Sohn verbringen. Am nächsten Morgen war der inzwischen fünfjährige Junge völlig verängstigt weggelaufen und Peter konnte ihn noch in letzter Sekunde kurz vor dem Betreten der Hauptstraße abfangen. Peter und Thorsten nahmen ihn verärgert über die mangelnde Aufsicht im Krankenhaus sofort mit nach Hause. Marcus sah das als den endgültigen Beweis an, dass er nun auch wirklich „richtige“ Eltern hatte. Ein Jahr später musste er an den Ohren operiert werden. Diesmal hatte er mehr Glück im Unglück, denn Peter durfte seinen Sohn ins Krankenhaus begleiten und ihn betreuen.
Es wurde Frühjahr. Marcus kam in den Kindergarten und musste dort sehr mühsam lernen, sich in die Kindergruppen einzufügen. Der Junge suchte ständig die Nähe der Betreuerinnen. Bei ihnen fühlte er sich sicher und verstanden. An den Elternabenden saß Peter oft etwas zerknirscht in der Runde, wenn die anderen Mütter von Marcus‘ Missetaten erzählten. Als Marcus sechs Jahre alt geworden war, tat Thorsten dass in seinen Augen einzig Vernünftige. Er meldete seinen lebhaften Sohn im örtlichen Fußballverein an. Der kleine Junge wurde Torwart aus Leidenschaft und spielte sich dort durch alle Klassen bis zur A-Jugend. Als C-Jugendspieler durfte er sogar einmal für die Auswahlmannschaft des Kreises Nordfriesland das Tor hüten.
Die Schule bereitete ihm nach anfänglicher Begeisterung ziemliche Kopfschmerzen und Peter, welcher zeitweilig mehr Schularbeiten machte als sein Sohn, schlaflose Nächte. Marcus litt unter starken Konzentrationsschwierigkeiten und dachte mit Grausen an jede Mathematikarbeit. Das Lesen und Schreiben hatte er ansonsten sehr gut gelernt und seine Aufsätze im Deutschunterricht konnten sich sehen lassen. Auch die Beziehung zu den Nachbarskindern besserte sich mit zunehmendem Alter. Aber er blieb ein sehr quirliger Junge, der kaum eine Sekunde richtig still sitzen konnte. Zusammen mit den Eltern unternahm er viele schöne Urlaubsreisen. Meist zog es die drei in die Berge. Im Harz und in Österreich sausten Thorsten, Marcus und Peter die Sommerrodelbahnen hinunter und krönten ihre „Bergsteiger -Karriere“ dann mit dem Besuch der Zugspitze. In Bayern erhielt er ein besonderes Gastgeschenk der Vermieterin. Es handelte sich um eine als kuscheliger Teddybär hergestellte Handpuppe, die nun ebenfalls einen festen Platz in Marcus‘ Bett hatte. Natürlich nahm er zu Hause auch am Kinderfasching des Sportvereins teil. Hinsichtlich der Kostümierung gab es keinerlei Probleme. Er verkleidete sich jedes Jahr erneut als Cowboy. Mehrmals wurde er an den Schulkinderfesten König in seiner Jahrgangsklasse und bescherte Peter damit regelmäßig die Aufgabe, im nächsten Jahr im Vorstand mitzuhelfen.
Zu seinem elften Geburtstag wuchs die kleine Familie dann um ein weiteres Mitglied an. Marcus wurde, nachdem Peter in Gedanken einen Putzplan für die Wohnung entwickelt hatte, endlich stolzer Hundebesitzer. Ein kleiner Dackelwelpe namens Purzel zog in das Zweifamilienhaus ein, in dessen Dachgeschosswohnung einige Jahre zuvor Peters Eltern eine neue Heimat gefunden hatten. Das Hündchen stellte das Leben der Familie erst einmal gründlich auf den Kopf. Marcus und sein vierbeiniger Kumpel wurden die besten Freunde und Peter musste ständig kopfschüttelnd darauf achten, dass der Hund nicht zusammen mit seinem jungen Herrchen die Nacht in dessen Bett verbrachte. Der kleine Kerl machte ansonsten nichts als Unfug. Er nahm die Blumenbank auf dem Flur auseinander und kaum eine Toilettenpapierrolle überlebte die Neugier und Abenteuerlust des putzigen Welpen.

Marcus hatte im Laufe der Jahre drei Operationen überstehen müssen. Im Alter von fünf Jahren wurden ihm Nasenpolypen entfernt. Gleich darauf folgten die Mandeln. Während des Eingriffs wurde ein Gehörschaden am rechten Ohr festgestellt, so dass sich eine sehr schwere Ohroperation anschloss. Natürlich mussten dann auch regelmäßig Nachsorge Termine eingehalten werden. Zeitgleich wurde Thorsten krank. Ein Bandscheibenvorfall erforderte ebenfalls operative Behandlung. Peter hatte wieder angefangen halbtags zu arbeiten und war mit Haushalt, Beruf und der Sorge um Marcus und Thorsten in den nächsten Jahren sehr gefordert. So stellten sich auch bei ihm rasch Erschöpfungszustände ein. Als seine Mutter kurz vor Weihnachten zu allem Überfluss noch an Krebs erkrankte, fühlte sich Peter geschwächt und niedergeschlagen. Er litt unter starken Rückenschmerzen und bekam schwere Depressionen. Sein Hausarzt wies ihn zur Diagnostizierung ins Krankenhaus ein. Peter dachte ständig wieder an seine komischen Gefühle. In der Ostseeklinik konnte er sich endlich einer Oberärztin anvertrauen. Es war das erste Mal, dass er mit einem Arzt über sein Problem gesprochen hatte. Die Ärztin gab ihm die Telefonnummer einer Psychotherapeutin, die sich mit dem Thema Transsexualität auskannte. Sie wünschte ihm viel Kraft, sollte sich die Diagnose bestätigen. Im November 1992 begann Peter eine psychotherapeutische Behandlung. Er war überglücklich endlich ernst genommen zu werden, hatte er doch all die Jahre befürchtet, mit seiner bizarren Geschichte irgendwann einmal in der Psychiatrie zu landen. Die Therapeutin hörte ihm aufmerksam zu und gab seiner Störung einen Namen. Peter war Frau zu Mann Transsexuell. Es handelt sich dabei um eine besondere Art von Geschlechtsidentitätsstörung. Peters Gefühl, er hätte eigentlich als Junge zur Welt kommen müssen, erwies sich als zutreffend. Sein Körper war zwar weiblich, doch Körper und Seele stimmten nicht überein. Wie die Störung tatsächlich entsteht, ist bis heute ungeklärt. Eventuell sind hormonelle Störungen der Mutter während der Schwangerschaft dafür mitverantwortlich, aber auch psychosoziale Konflikte und das soziale Umfeld sowie das frühkindliche Selbsterleben spielen eine Rolle. Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen fuhr Peter nach Hause. Für ihn stellte sich erst einmal die Frage, wie er Thorsten die Problematik erklären sollte. Der Partner ist natürlich die wichtigste Person, wenn es darum geht einen Weg zu finden, um mit der Störung zu leben. Peter wollte keine Veränderungen herbeiführen und sein Lebensumfeld behalten. Alles sollte möglichst so bleiben, wie es war. An eine mögliche Trennung von Thorsten zu denken, kam ihm deshalb gar nicht in den Sinn. Was würde dann aus Marcus? Sie waren Eltern und würden das für den Rest ihres Lebens bleiben, egal was passierte.

Peter dachte daher an Cross Dressing, was er ohnehin schon tat. Damit ist das bewusste Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts gemeint. Für eine biologische Frau stellt das heute gesellschaftlich natürlich kein Problem mehr dar und Peter bevorzugte ohnehin schon Hosen, weil er sich in Hemd und Hose einfach wohler fühlte. Vielleicht würden sie zusammen einen jungenhaft klingenden Spitznamen für ihn erfinden, damit er sich etwas männlicher fühlen konnte. Eine gering dosierte Hormonbehandlung mit Testosteron Präparaten und ein Mittel, welches die Regel ausbleiben ließ, kämen medizinisch ebenfalls in Frage. Peter litt jeden Monat unter furchtbaren Schmerzen, denen mit normalen Schmerzmitteln nicht beizukommen war. Er hätte sich auch gerne die weiblichen inneren Organe entfernen lassen. Sie bekamen keine eigenen Kinder und Marcus hatten sie inzwischen rechtmäßig adoptieren können. Peter suchte selbst nach Lösungen für sein Problem und war guter Dinge, zusammen mit Thorsten einen unkomplizierten Weg zu finden, um mit der Störung umgehen zu können. Trotzdem machte er sich Gedanken darüber, wie Thorsten wohl reagieren würde. Er konnte ihm die Therapieinhalte ja nicht ewig vorenthalten. So sprach er mit seiner Ärztin, die ihm riet, Thorsten in einem ruhigen Gespräch alles zu erzählen und ihm vor allem auch seine eigenen verschiedenen Lösungswege zu unterbreiten. Thorsten solle sich keine Sorgen machen. Auch wenn eine operative und hormonelle Geschlechtsangleichung immer noch die normale Behandlungspraxis bei zumindest genuiner, also echter Transsexualität wie bei Peter darstellte, gäbe es unzählige andere Möglichkeiten den richtigen Weg für sich selbst zu finden. Peters Ideenreichtum kannte keine Grenzen und das Wesentliche hatte er ja schon für sich entdeckt. Dann kam es zur Katastrophe.

Ob Torsten Peters zum Teil holprige und unbeholfene Erläuterungen missverstanden hatte oder nur Angst vor einer gleichgeschlechtlichen Beziehung bekam, die zu dem damaligen Zeitpunkt gar nicht zur Debatte stand, wurde auch später nie geklärt. Thorsten meinte lediglich, wenn Peter künftig als Mann leben wolle, müssen sie sich trennen und stand nach dem Gespräch wortlos vom Küchentisch auf. Peter saß verzweifelt, völlig fassungslos daneben und starrte ins Leere. Von Trennung war nie die Rede gewesen. Er wollte doch Kompromisse suchen, Lösungen finden, die es ihm ermöglichen würden, ohne Operationen und geschlechtsspezifische Veränderungen in seinem Körper weiterzuleben. Er fühlte sich so elend, allein gelassen und war nicht mehr fähig auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Vielleicht hätte er Thorsten gar nichts sagen sollen. Er hätte sich ein anderes Outfit zugelegt, zusammen mit seiner Frauenärztin ein Medikament gefunden, welches die Regelblutung unterdrückt und zusätzlich schwach dosierte Testosteron Präparate eingenommen. Die Entfernung der Gebärmutter wäre mit seiner Endometriose begründet worden. Peter litt seit jeher unter dieser Erkrankung, die auch Unfruchtbarkeit zur Folge hat und sehr häufig bei Frauen auftritt. Vom Tag seines häuslichen Comingouts an war nichts mehr so wie früher. Die Beziehung zu Thorsten wurde im Laufe der nächsten Wochen und Monate immer schlechter. Sie konnten nicht über die Problematik reden. Schwer depressiv erzählte Peter seiner Psychologin von der Absicht, aus dem Leben scheiden zu wollen. Die erfahrene Ärztin hatte die Veränderung ihres Patienten bereits bemerkt und reagierte entsprechend. Sie meinte ganz trocken, sie würde zu ihren suizidgefährdeten Patienten stets sagen: „Lassen Sie uns doch erst einmal reden, umbringen können Sie sich dann ja immer noch!“ Die Worte kamen so flüssig, dass Peter unwillkürlich anfing zu schmunzeln. Natürlich war eine solche Reaktion beabsichtigt gewesen. Als er dann im nächsten Augenblick unter Tränen erklärte, dass er für seinen kleinen Sohn leben müsse, bestätigte ihn die Ärztin. So wurden seine Selbstmordpläne vorerst verschoben. Und dann konnte sich Peter kurzzeitig erholen, als ihm seine Frauenärztin die ersten gegengeschlechtlichen Hormone verabreichte. Er blühte auf, war fröhlich, ausgeglichen und konnte vor allem auch seinem Beruf wieder nachgehen. Die schmerzhaften Blutungen blieben ebenfalls aus. Doch gleichzeitig senkte sich als Nebenwirkung des Testosteron Präparats seine Stimme um ein paar Nuancen. Für Thorsten war das Grund genug Peter vor die Wahl zu stellen. Entweder, er höre sofort mit der Hormoneinnahme auf oder es müsse unabänderlich zur Trennung kommen. Der Konflikt zwischen den Ehepartnern spitzte sich derartig zu, dass Peter von seinem Hausarzt in eine nahe gelegene psychosomatische Klinik ein gewiesen werden musste. Die Hoffnung, von dort Hilfe zu erhalten, erfüllte sich jedoch nicht. Traurig musste er realisieren, dass er sich nicht in die Gruppengespräche einbringen durfte. Der Chefarzt meinte, die anderen Patienten würden seine bizarre Geschichte nicht verstehen und er habe nur noch Einzelgespräche. Im Übrigen wären Transsexuelle doch Menschen aus der Halbwelt und dazu wolle Peter als Beamtin doch sicher nicht gehören wollen. Peter war verzweifelt. Er hämmerte in der Turnhalle stundenlang Bälle mit einem Tennisschläger an die Wand. Dann hielt er die Isolation nicht mehr aus. Am Abend erzählte er seinen Mitpatienten unter Tränen, was ihn bedrückte. Die Reaktion war überwältigend. Niemand reagierte schockiert. Die meisten hatten schon von Transsexualität gehört und fanden überhaupt nichts dabei. Er wurde erst einmal in die Arme genommen und konnte sich richtig ausheulen.

Während des Klinikaufenthaltes setzte er seinen ersten Besuch in einer Hamburger Selbsthilfegruppe durch. Auch hier fühlte er sich gut aufgehoben und verstanden. Er freundete sich mit einem jungen Mann an, der wie er selbst, Patient bei seiner Psychotherapeutin war. Die beiden wurden sehr enge Freunde und hielten auch später Kontakt zueinander. Auf der Heimfahrt beschloss Peter den Klinikaufenthalt zu beenden. Er erzählte dem Arzt, was dieser hören wollte und konnte als geheilt entlassen werden. Der Arzt empfahl dem Paar eine Familientherapie. Doch diese Gespräche liefen ins Leere, als der Therapeut seine besondere Erfahrung auf dem Gebiet hervorhob. Thorsten wollte von alldem nichts hören. Zusammen waren sie zu einem weiteren Arzt, welcher an der Universitätsklink praktizierte, gefahren. Und wieder musste Peter enttäuscht feststellen, dass man ihm nicht zuhörte und vor allem auch nicht auf die familiären Probleme einging. Der Arzt, der für seine Fachkompetenz auf dem Gebiet der Transsexualität bekannt war, setzte noch eines drauf und wies ihn erneut in die Psychiatrie ein. Peter gehorchte traurig. In der Nervenklinik angekommen, erklärte man ihm allerdings, dass in der offenen Abteilung zurzeit kein Bett frei wäre und man ihn nur auf der geschlossenen Station aufnehmen könnte. In diesem Moment meldete sich Peters Selbstachtung zurück. Damit wäre genau das passiert, wovor er sein ganzes Leben Angst gehabt hatte. Er lehnte ab, erhielt aber sehr starke Beruhigungstabletten. Von der Heimfahrt bekam er dann so gut wie nichts mehr mit. Thorsten war zufrieden, dachte er doch, eine Tablette könnte Peter wieder vernünftig werden lassen. Thorsten gab der Therapeutin die Schuld an Peters Zustand. Eine Woche später begleitete er ihn zur Therapie. Mit dem einstündigen Gespräch dort konnte er überhaupt nichts anfangen. Zu Hause kam es zum wiederholten Male zum heftigen Streit. Peter wollte nur ernst genommen werden und mit Thorsten reden. Er war völlig verzweifelt. Es ging ihm gar nicht so sehr um Thorstens grundsätzliche ablehnende Meinung, sondern darum, dass sie kein einziges vernünftiges Wort mehr miteinander sprechen konnten.

Zu allem Überfluss hatte auch Marcus gemerkt, dass irgendetwas in der Beziehung der Eltern nicht stimmte. Kinder reagieren sehr sensibel auf familiäre Stimmungen und spüren, wenn Unstimmigkeiten zwischen Vater und Mutter auftreten. Thorsten erlaubte nicht, dass Peter seinem inzwischen dreizehnjährigen Sohn von dem „Blödsinn“ erzählte. Er sollte ihm weiterhin als Mutter gegenübertreten. So blieb Marcus bei der Bewältigung der schwierigen Familiensituation außen vor und erhielt nur unzureichende Informationen. Peter wollte seinen Sohn in die Gespräche bei dem Familientherapeuten einbeziehen, so dass auch er Bescheid wissen sollte und fortan in alle Entscheidungen der Eltern involviert wäre. Aber Thorsten verweigerte die Zustimmung dazu. Zu dieser Zeit wurden wohl die weiteren Grundlagen für das spätere Chaos im Leben des jungen Mannes gelegt. Peter erfuhr dann auch noch von seinen Eltern, dass er zur NS Zeit wahrscheinlich mit einer solchen Störung in einem KZ umgekommen wäre. Natürlich hatten sie Recht, auch wenn die Erkenntnis sehr weh tat. Aber er konnte seine Gefühle nicht ungeschehen machen. Sie waren nun einmal da und er musste einen Weg finden, mit ihnen umzugehen. Er fühlte sich von den eigenen tiefen Wahrheiten und den Ansprüchen und Wünschen seiner Familie förmlich zerrissen. Eine Arbeitskollegin vermietete ihm für einen Monat ihre kleine Ferienwohnung. Peter versuchte nach dreizehn Jahren zum ersten Mal wieder alleine zu leben. Der Versuch misslang. Es stellten sich sofort schwere Depressionen ein. Er hatte sich inzwischen auch den Arbeitskollegen gegenüber geoutet. Sie reagierten nett und freundlich, meinten aber, mit einer derartigen Problematik müsse man in einer Großstadt leben, in deren Anonymität man nicht auffalle. Peter fühlte sich nur in den Therapiesitzungen wohl. Aber die Ärztin arbeitete in der Landeshauptstadt und er war nicht einmal in der Lage, in der etwas größeren Kreisstadt zu wohnen. Wie sollte er da ohne Hilfe und ohne Familie in einer Großstadt zurechtkommen?

Mit Thorsten konnte er überhaupt nicht mehr sprechen und auch seine Eltern zeigten sich sehr besorgt und traurig. Sie wohnten ja im Dachgeschoß ihres Hauses und überlegten bereits auszuziehen. Peter wäre an all dem schuld gewesen und das ließ man ihn auch spüren. Er fuhr allein in die große Stadt und fand dort eine kleine möblierte Wohnung. Sein Arbeitgeber gab grünes Licht und versetzte ihn. Natürlich wurden die neuen Kollegen eingeweiht. Dann kam der furchtbare Moment, als er das Nötigste von seinen Sachen einpackte. Thorsten und Marcus saßen weinend im Schlafzimmer und Peter weinte mit ihnen. Am nächsten Morgen verließ er das kleine Dorf, das seit nunmehr vierzehn Jahren seine Heimat geworden war. Er hatte seinen Jahresurlaub für den Umzug genommen. In den folgenden Wochen begann er, sich mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Anfangs klappte es auch mit dem neuen Arbeitsplatz sehr gut. Peter absolvierte nun seinen Alltagstest. Er sollte ohne bereits operiert zu sein in männlicher Rolle leben, wurde mit Herr angesprochen und musste als Mann zurechtkommen. Zunächst ging er noch klopfenden Herzens in die Herrentoilette. Das hatte er bereits während der Fahrt zu seinen Therapiesitzungen an den Autobahnraststätten ausprobiert. Dann meldete er sich im Fitnessstudio an und zog sich, zunächst äußerst vorsichtig, um nicht aufzufallen, im Männerumkleideraum um. Irgendwann duschte er dort. Stück für Stück wurde er in seiner neuen Rolle selbstsicherer. In der Stadt gab es eine neu gegründete Selbsthilfegruppe für Transsexuelle, welche hauptsächlich aus Studenten bestand. Peter und sein Freund trafen sich in dem Zentrum, welches auch Schwulen und Lesben eine Anlaufstelle bot. Zusammen fuhren sie dann nach Frankfurt zur Transidentitas. Dabei handelte es sich um die Fachtagung für transsexuell geprägte Menschen und ihre Angehörigen. Peter war von den vielen Eindrücken überwältigt und lernte dort auch seinen späteren Operateur kennen.

Aber vorher musste er sich zu Hause der Begutachtung zweier unabhängig voneinander untersuchender Ärzte stellen. Erst wenn die Diagnose in zwei Gutachten feststeht, ergeht der offizielle Beschluss des Amtsgerichts zur Vornamensänderung. Hat sich der oder die Betreffende dann auch einem operativen Eingriff unterzogen, kann danach der Personenstand geändert werden. Einer der Gutachter war schon etwas älter und als Psychiater lange Zeit in der Nervenklinik beschäftigt gewesen. Er verfügte über eine weitreichende Berufserfahrung, besprach mit Peter dessen Lebenslauf, prüfte Peters Reaktion auf kritische Anmerkungen zu seinem bevorstehenden Geschlechtswechsel, was dieser während des ungezwungenen Gesprächs mit dem Professor bei einer Tasse Tee auch problemlos zuließ und kam sehr schnell zur Diagnose. Als zweiten Gutachter musste sich Peter mit dem Arzt auseinander setzen, der ihn bei seinem Besuch mit Thorsten gleich in die Psychiatrie einweisen wollte. Obwohl dieser als Koryphäe auf dem Gebiet der Transsexualität galt, kamen die Gespräche nur sehr schleppend in Gang. Peter konnte zu dem Mann, der ihm gegenüber erst freundlich auftrat um dann im nächsten Moment wie ein Polizeikommissar zu erscheinen, kein Vertrauen mehr fassen. Später erfuhr er in seiner Selbsthilfegruppe, dass die Freunde ähnliche Probleme hatten. Der Arzt merkte dann selbst, dass er und Peter nicht zusammenpassten. Er bat einen Kollegen um Unterstützung, für den allerdings das Transsexualitätsgutachten Neuland war. Die Diagnose von Peters Psychotherapeutin wurde aber nach einem Jahr von beiden Gutachtern bestätigt.

Zwischenzeitlich erhielt Peter die Kündigung seiner privaten Krankenversicherung, die sich vor der Zahlungsverpflichtung für die geschlechtsangleichende Behandlung drücken wollte. Als Beamter konnte Peter in keine gesetzliche Krankenkasse aufgenommen werden und die Chance mit seiner Problematik eine neue private Versicherung zu finden, ging gegen Null. Er blieb ohne ausreichenden Versicherungsschutz. Nachdem er sich seinem Vorgesetzten anvertrauen konnte und ein Rechtsanwalt eingeschaltet wurde, gelang es mithilfe eines Kollegen nach einigen zähen Verhandlungen die Kündigung wieder rückgängig zu machen. Peters Einkommen hätte niemals ausgereicht, um seine gesamten Krankheitskosten abzudecken. Thorsten rief ihn häufig an und Peter fühlte schmerzlich, wie sehr er seine Familie vermisste. Er fuhr an den Wochenenden regelmäßig nach Hause und versuchte, das Familienleben einigermaßen aufrechtzuerhalten. Aber er geriet immer wieder mit Thorsten in Streit. Anfangs schlief er noch im gemeinsamen Schlafzimmer. Thorsten war ins Nachbarzimmer gezogen. Nachdem er von Peters Problematik erfahren hatte, stellte er abrupt alle Zärtlichkeit ein. Das geschah merkwürdigerweise bereits zu einem Zeitpunkt, als bei Peter noch gar keine sichtbaren Veränderungen erkennbar waren. Wenn sie doch nur miteinander hätten reden können! Auch für Marcus wäre die wöchentliche Trennung von Peter aus beruflichen Gründen nachvollziehbar gewesen. Am Wochenende hätten sie immer zusammenkommen können. Peter bedrängte Thorsten nicht zu einer Männerbeziehung. Natürlich fühlte sich Thorsten heterosexuell und auch Peter entdeckte langsam seine eigenen Neigungen, die er sich ja zeitlebens selbst verboten hatte. Das Schlimmste für ihn war der ständige Streit wegen Nichtigkeiten. Hätten sie einen Weg gefunden, freundlich und friedlich mit einander umzugehen, wäre es sicher auch für Marcus sehr viel leichter geworden. Die Landeshauptstadt bot genug Abwechslung und sie hätten dort während der Freizeit zusammen mit Marcus viel unternehmen können, ohne aufzufallen. Auch ein späterer Umzug in die Kreisstadt und somit in die Nähe zu Marcus und Thorsten wäre sicher möglich gewesen. Thorsten aber konnte sich mit der Situation nicht arrangieren. Er sagte, er würde Peter niemals als Mann anerkennen und sprach ihn auch nie mit dem neuen Vornamen an. So war es für Peter schwierig eine Regelung mit Marcus zu finden. Solange der Junge noch bei Thorsten lebte, konnte er keine vernünftige, der Realität angepasste Beziehung zu Peter aufbauen. Eigentlich war es für Marcus sogar unmöglich, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Thorsten erklärte, die Nachbarn würden sie mobben und er könne nirgendwo mehr hingehen. Auch Marcus würde in der Schule gehänselt werden. Peters Eltern bestätigten einige Aussagen, obgleich Peter sich eine solche negative Reaktion in seinem Dorf gar nicht vorstellen konnte. Er selbst sprach mit den Nachbarn, als wenn nichts geschehen wäre.

Marcus war noch zu jung um auf eigenen Beinen stehen zu können. Peter hatte sich überlegt, ob es nicht besser wäre, seinen Sohn zu sich zu holen. Es gab auf dem Nachbargrundstück sogar eine Gesamtschule, so dass er schulisch auf jeden Fall besser gestellt gewesen wäre, als auf der Hauptschule zu Hause. Doch Peter fühlte sich in seinem derzeitigen Zustand der Verantwortung für einen pubertierenden Jungen nicht gewachsen und wollte Marcus dessen gewohntem Umfeld nicht entreißen. So bemühte er sich weiterhin um ein friedliches Miteinander mit Thorsten. Der Spagat hatte seinen Preis und kostete ihn viel Kraft. Für den gemeinsamen Sohn wurde dadurch nichts besser. Irgendwann zog Peter schweren Herzens an den Wochenenden zu seinen Eltern ins Dachgeschoß. Doch auch dort fand er nicht die rechte Ruhe. Starke Schuldgefühle quälten ihn. Seine Eltern wollten das Beste für alle Familienmitglieder, aber sie merkten, dass die Situation auch für sie nicht gut war. Peters Mutter erkrankte zudem an Krebs und so hatten die Eltern genug eigene Probleme zu bewältigen. Peters Schuldgefühle dem Sohn gegenüber wuchsen ins Unermessliche. Er sollte ihm weiterhin als Mutter gegenübertreten und entwickelte sich gleichzeitig selbst zu einem jungen Mann. Thorsten schürte die Schuldgefühle, indem er auch vor Marcus erklärte, dass sie nun keine Familie mehr wären. Im Sommer durfte Marcus ihn in seiner kleinen Wohnung besuchen. Peter fühlte sich nicht viel älter als der fünfzehnjährige Sohn. Er erlebte im Zeitraffer erneut seine Pubertät. Die beiden unternahmen sehr viel gemeinsam in diesen vier Tagen. Sie besuchten wie Brüder die Disco und am Strand wurde Peter von der Verkäuferin am Imbissstand sogar geduzt, da sie ihn für einen sechzehnjährigen Jungen hielt. Peter versuchte Marcus die Situation zu erklären und seine Psychologin half ihm dabei. Aber sie sah ebenfalls mit geübtem Blick die Probleme in Marcus‘ eigener psychischer Struktur. Peter hoffte sehr, dass sich sein Sohn trotz aller häuslichen Schwierigkeiten normal entwickeln würde und eines Tages einen Beruf ergreifen könnte. Marcus fuhr wieder nach Hause und beendete im Sommer seine Schule. Thorsten fand für ihn einen Ausbildungsplatz als Malerlehrling. Nach nur einem Jahr wollte Marcus nicht mehr. Seine Berufsschulnoten waren schlecht und er hatte keine Lust seinen Beruf weiterhin auszuüben. Thorsten und Peter konnten ihn nicht von seinem Vorhaben abhalten. Auch alle Gespräche mit dem Lehrherrn brachten keinen Erfolg. Als Marcus drohte straffällig zu werden, meldete sich Thorsten beim Jugendamt. Er bekam sofort Hilfe. Ein Betreuer nahm sich des Jungen an und versuchte ihn für Lernprojekte zu begeistern. Der Siebzehnjährige durfte bereits mit dem Führerschein beginnen. Peter sah dem Treiben etwas skeptisch zu. Marcus war in seiner Entwicklung noch nicht soweit um die Verantwortung als Autofahrer übernehmen zu können. Aber seine Einwände wurden von Thorsten nicht akzeptiert. Es wäre Thorsten am liebsten gewesen, Peter wäre ganz aus ihrem Leben verschwunden und hätte seinen Sohn und seine Eltern nie wieder gesehen. So blieb Peter nichts anderes übrig als tatenlos zusehen zu müssen, wie Marcus immer mehr überfordert wurde und an jeder neuen Aufgabe scheiterte. Aber anstatt umzudenken und eine neue Strategie zu entwickeln, hackten sie immer weiter auf dem armen Jungen herum. Natürlich schaffte er auch die nächste Lehre nicht und selbst ein Jahr im Jugendaufbauwerk brachte keine Besserung. Die wichtigen therapeutischen Gespräche mit ihm und den Eltern wurden auch dort nicht geführt.

Nach dem Aufenthalt begann Marcus seine dritte Lehre. Er wohnte wieder bei Thorsten und hatte sogar nach vielen vergeblichen Versuchen endlich seinen Führerschein bestanden. Während einer kurzen Wochenendfreizeit lernte er ein junges Mädchen aus Dänemark kennen. Die beiden wurden für drei Jahre ein Paar und verlobten sich sogar. Marcus blühte auf. Die Freundin gab ihm nicht nur ihre Liebe, sondern trug auch zur Stärkung seines angeknacksten Selbstwertgefühles bei. Peter und Thorsten unterstützten die Beziehung genauso wie die Eltern des Mädchens in Dänemark. Die Elternpaare lernten sich kennen und Peter wurde von den toleranten und unkomplizierten Dänen vorbehaltlos akzeptiert. Aber auch in dieser Familie kam es zur Katastrophe. Die Eltern des Mädchens ließen sich ebenfalls scheiden. Anfangs gaben sich die beiden jungen Menschen noch gegenseitig Halt, doch bald stellte sich heraus, dass sie den Veränderungen, die sich bei einer Trennung der Eltern zwangsläufig einstellen, nicht gewachsen waren. Auch ihre eigene Beziehung zerbrach schließlich. Marcus hatte dann zwischenzeitlich Kontakt zu seiner leiblichen Familie aufgenommen. Er sah als Achtzehnjähriger erstmalig im Leben seine Mutter. Und auch hier erlebte er nur Enttäuschungen. Peter wollte ihm so gerne helfen und musste selbst zeitgleich zu Weihnachten eine weitere schwere Krebserkrankung seiner Mutter hinnehmen. Das geschah zu Weihnachten 1997. Einige Monate später starb die Mutter.
Peter konnte sich im Mai 1995 operieren lassen. Eine befreundete Anwältin hatte entsprechende höchstrichterliche Urteile erwirkt. Aber auch jetzt versuchte sich die Versicherung mit einem Trick vor der Zahlungsverpflichtung zu drücken. Durch die vielen Probleme zermürbt, konnte sich Peter über seine Operation nicht so freuen, wie die Freunde aus der Selbsthilfegruppe. Trotzdem erfasste ihn ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als er nach dem mehrstündigen Eingriff aufwachte und an sich heruntersah. Wie bei der deutschen Wiedervereinigung hatten sich bei ihm Körper und Seele vereint. Wieder zu Hause und noch sehr geschwächt, verweigerte die Krankenversicherung, trotz bereits vorher schriftlich erteilter Kostenzusage, die Begleichung ihres Anteils an der Operationsrechnung. Peter sollte erst unterschreiben, dass er in Zukunft keine weiteren Forderungen an die Versicherung mehr stellen würde, die in Zusammenhang mit der geschlechtsangleichenden Behandlung stünden. Das schließe alle eventuell in den Folgejahren notwendigen Korrekturoperationen und die lebenslange Hormonbehandlung mit ein. Peter hielt die Operationsrechnung in den Händen und weinte. Wenn er das gewusst hätte, wäre er nicht zur OP gefahren. Zum Glück konnte dieses Mal seine Anwältin gleich helfen, da inzwischen auch höchstrichterliche Urteile vom BGH ergangen waren. Zwei Jahre später wurde der Dezember 1997 für ihn erneut zum Schicksalsjahr. Im Juni war Peter bereits vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen pensioniert worden. Sein Vorgesetzter hatte ihm dies angeraten, da er ihn nicht vor Mobbing schützen könnte. Peter durfte zwar auf diese Weise seinen Wohnsitz in die Kreisstadt und somit in die Nähe seiner Familie verlegen, musste dafür aber empfindliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Auch seine bisher erworbenen Pensionsansprüche würden nicht mehr weiter wachsen.

Am Nikolaustag wurde er von Thorsten geschieden. Peter saß allein in seiner Bank vor dem Richter, während Thorsten zusammen mit der gemeinsamen Anwältin nebenan Platz genommen hatte. Der Richter zeigte viel Verständnis für die Probleme der Eheleute und gab allen Anträgen statt. Peters Herz weinte. Er hatte Thorsten siebzehn Jahre zuvor vor Gott die Treue bis hin zum Tod geschworen und fühlte sich an sein Ehegelöbnis gebunden. Sie warteten mit der Scheidung, bis Marcus das achtzehnte Lebensjahr vollendete und der Familienrichter deshalb nicht mehr über das Kindeswohl entscheiden musste. Um seinen Personenstand von weiblich in männlich ändern lassen zu können, war die Scheidung der noch bestehenden Ehe unverzichtbare Voraussetzung. Peter wohnte inzwischen in der Kreisstadt. Thorsten hatte ihm sogar bei der Einrichtung seiner kleinen Wohnung geholfen. Nach dem Scheidungstermin fuhren sie gemeinsam mit frischen Brötchen dorthin und frühstückten zusammen, als wenn nichts geschehen wäre. Dann musste Peter ein paar Tage vor Weihnachten zu seinem Operateur nach Potsdam reisen, um eine einzige kleine Nachbehandlung durchführen zu lassen. Auch hier gab es anfangs mit den Kostenträgern Probleme bei der Übernahme der Behandlungskosten. Als Peter nach dem Eingriff nervlich und körperlich geschwächt wieder nach Hause kam, erzählte ihm sein Vater von der nunmehr tödlichen Krebserkrankung der Mutter. Sie brauchte ihn jetzt und auch Marcus brauchte ihn im Jugendaufbauwerk. Peters Vater konnte nicht verstehen, dass er nach vierzig Jahren Ehe seine Frau verlieren sollte und Peter musste den verzweifelten alten Mann stützen. Dabei stieß er dann selbst bald wieder an seine physischen und psychischen Grenzen. Zudem gestaltete sich die Beziehung zu Thorsten weiterhin als sehr unstet und Peter nahm die Herabsetzungen seiner Person klaglos hin, wollte er doch weder seinen Eltern noch Marcus zusätzlichen Kummer bereiten. Marcus verließ das Elternhaus und brach erneut seine dritte Lehre ab. Er besaß nun weder eine Berufsausbildung noch einen Arbeitsplatz und schlug sich mit Gelegenheitsjobs sowie Sozialhilfe durch. Im Laufe der nächsten Jahre wurde der Antrag beim Arbeitsamt für ihn zum Alltag. Durch seine Aggressivität stand er mehrfach vor Gericht und konnte nicht immer seine Geldstrafen bezahlen. Sowohl Thorsten, als auch Peter halfen aus und retteten ihn oft vor dem sicheren Gefängnis.

Im September 2005 starb plötzlich auch Peters Vater an Krebs. Nach dem Tod der Mutter verband die beiden ein sehr inniges Verhältnis. Sie wanderten stundenlang mit ihrem kleinen Dackel durch die Feldmark. Das treue Tier war bereits im Herbst 2001 eingegangen. Peter hatte sich damals gerade in der Kreisstadt ein neues Leben aufgebaut. In einem nahe gelegenen Reitstall fand er Freunde und Pflegepferde. Gesundheitlich ging es ihm nicht immer gut. Er merkte, dass er älter wurde und sich alle möglichen Gebrechen vor allem im Bereich der Gelenke und der Wirbelsäule einstellten. Er versorgte seinen Vater, besuchte Bildungsveranstaltungen und studierte als Gasthörer an der Fachhochschule BWL. Die unerwartete Erkrankung des Vaters und sein plötzlicher Tod warfen ihn wieder weit zurück. Auch heute sind die Wunden noch nicht verheilt und Peter steht oft fassungslos am Elterngrab. Er fühlt sich in diesen Augenblicken sehr allein. Sein Bruder lebt in einem anderen Bundesland und Thorsten, der inzwischen sehr viele, zum Teil lebensgefährliche Operationen überstehen musste, ist nun auch noch unheilbar an Krebs erkrankt. Marcus chaotische Lebensumstände runden die Sorgen ab. Der junge Mann liebt zwar seine Mutter innig, aber die Beziehung zwischen Marcus und Thorsten bleibt sehr angespannt. Erst als Peter eingriff, meldete sich Marcus wieder einmal bei seinem Vater. Peter hofft, dass Marcus ihn nun auch öfters im Krankenhaus besuchen wird. Er selbst hilft dem Sohn, wo es nur geht, aber er muss ihm auch Signale setzen. Der inzwischen Dreißigjährige weiß genau, dass er regelmäßig seinen Bewährungshelfer aufsuchen muss. Peter ist ratlos. Ein erneuter völlig unnötiger Gefängnisaufenthalt scheint vorprogrammiert zu sein. Es sieht so aus, als wenn Marcus ständig nur seinem inneren Kind nachgibt, aber den Elternteil und den Erwachsenen in sich völlig ausblendet. Eine Psychotherapie würde sicher helfen, doch alle Versuche, ihn dazu zu bewegen, sind bislang fehlgeschlagen.

Peter bemüht sich, die trüben Gedanken hinter sich zu lassen und wieder in die Realität zurückzukehren. Eine Möwe fliegt über ihn hinweg. Ihr harter, lauter Schrei zerreißt die Stille. Langsam erhebt er sich von der Holzbank auf der Deichkrone. Hier oben kann er seinen Gedanken in Ruhe freien Lauf lassen. Mit einem letzten Blick schaut er noch einmal auf die friedliche fast spiegelglatte Nordsee hinaus und steigt dann leicht fröstelnd wieder den Deich hinab. Die Abenddämmerung zieht auf und ein glutroter Sonnenball verschwindet unaufhaltsam hinter dem weiten Horizont. Leichter gespenstisch anmutender Nebel legt sich ganz sacht über das flache ruche Land. Bald ist der Sommer zu Ende. Wenn sich die Zugvögel nach Süden in wärmere Gefilde aufmachen, sind die Einheimischen wieder unter sich. Bei Pharisäer und Tote Tante mit Rum wird man den Herbststürmen trotzen und hier oben auf dem Deich dem Blanken Hans entgegensehen.

Nachtrag: Thorsten starb am Karfreitag 2011 nach langer schwerer Krankheit im Hospiz. Wir sind sehr traurig!

Als Peter, Marcus und dessen Freundin am Grab standen, zogen sich plötzlich alle anderen Familienmitglieder und Mitbewohner zurück. Niemand kam auf die drei zu oder sprach mit ihnen. Marcus, der am allerwenigsten für die Situation konnte und mit der Pflege des schwerkranken Vaters völlig überfordert war, wollte das gespenstische Bild nur noch verlassen und weigerte sich vehement, zum üblichen Beerdigungskaffee in den Dorfgasthof zu fahren.

Entwicklung bis 2020

Vor vier Jahren zog Peter ins Wendland. Sein Bruder, der inzwischen an Krebs erkrankt ist, lebt in der Nähe. Marcus ist nicht mehr in der Lage einen dauerhaften Wohnsitz in Ordnung zu halten und wurde im Winter 2020 erneut wohnungslos. Seine Beziehungen zu Frauen sind nur von kurzer Dauer. Marcus neigt zu Wutausbrüchen. Oft muss die Polizei einschreiten. Trotzdem hat sich das Verhältnis zwischen Marcus und Peter in einer besonderen Weise entwickelt. Marcus ist unberechenbar. Aus heiterem Himmel beginnt er Peter zu beschimpfen, wenn ihm dieser kein Geld geben will oder seiner Lebensführung widerspricht. Doch Peter hat gelernt, wie er mit seinem Sohn umzugehen hat. Er selbst musste sich mit allerlei körperlichen Erkrankungen auseinandersetzen, wurde am Rücken operiert. Aber er kämpfte sich durch. Peter hat sich mit Hilfe des Bruders ein kleines Haus gekauft und kennt keine Langeweile. Das Haus und der Garten erfordern Arbeit, Peter schreibt für einen Verlag transromantische Romane, liebt Lernprogramme und hat mit 64 Jahren das Eiskunstlaufen gelernt. Er fühlt sich in seiner männlichen Rolle wohl, obgleich er gerne noch ein paar mehr Haare auf dem Kopf hätte. Gottseidank gibt es keine Kontakte mit Thorstens Familie mehr. Wenn Peter in regelmäßigen Abständen zum Friedhof fährt, ist er dort immer allein. Er denkt oft an die Zeit vor neun Jahren zurück, als Thorsten starb und er Thorstens Haus an dessen Bruder verkaufte. Peters Schwager sprach ihn damals noch mit weiblichem Vornamen an. Das unverständliche Verhalten des Gewerbelehrers löste bei Peter Kopfschütteln aus. Marcus macht ihm weiterhin Sorgen. Er pendelt zwischen seiner neuen Freundin in Brandenburg und seiner alten Wohnung in Flensburg hin und her, hat keinen richtigen Wohnsitz und keine Meldeanschrift. Die Zukunft für Marcus sieht nicht gut aus. Peter ist oft ratlos. Aber er hat sich entschlossen, das Leben so zu nehmen, wie es sich anbietet. Alles andere wäre sinnlos. Das Leben ist zu kurz, um sich in Sorgen, Hader und Streit zu verlieren. Peter wünscht sich gesund zu bleiben und noch einige Jahre aktiv sein zu dürfen. Vor allem soll es Marcus gut gehen und Peter hofft noch immer, dass sein Sohn stabiler wird und seinen Platz in der Gesellschaft findet. Die Zeit wird es bringen. Die Zeit hält niemand auf. Man darf die Hoffnung nie verlieren.









 

Otto Lenk

Foren-Redakteur
Teammitglied
'So it goes' würde Kurt Vonnegut schreiben. Was das Leben doch für erstaunliche Geschichten schreibt. Manchmal weiß man nicht, ist man der Rahmen der Geschichte oder doch der Inhalt. Drinnen und draußen. Ich bin gerne deinen Wegen gefolgt und freue mich mit dir über die Einsicht, das Leben so zu nehmen wie es sich anbietet. Bleib gesund und guter Dinge!

Alles Liebe Otto
 

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