Relativ

Frank Zimmermann

Junior Mitglied
Relativ

Feldmann sah den Rollstuhlfahrer auf sich zukommen und seine Stimmung trübte sich. Nur die Augen hin- und herschweifen lassend, suchte er die Umgebung ab; vielleicht konnte er noch unauffällig die Straßenseite wechseln. Doch die parkenden Autos waren ihm im Weg und der Bürgersteig war breit genug, der Rollstuhl würde problemlos an ihm vorbeikommen. Also ging Feldmann weiter geradeaus. Jetzt konnte er schon das Herbstlaub unter den Rädern des elektrischen Gefährts knistern hören. Feldmann wurde unwohl. Verflixte Situation! Er war sich jetzt fast sicher, daß der Behinderte ihn ansprechen würde, es schien geradezu unausweichlich. Im Schnelldurchlauf spielte er die Möglichkeiten durch, in welcher Weise sich der Mann an ihn wenden könnte: nach Geld könnte er fragen, das wäre das banalste. Er könnte etwas verkaufen wollen, das würde erklären, warum er in dieser netten Einfamilienhausgegend unterwegs war. Schließlich könnte er einfach noch versuchen einen Schwatz anzufangen, das wäre das lästigste.
Der Stuhl rollte surrend heran, jetzt blieb nur noch die Flucht der Augen, doch auch die mußte bedächtig vorgenommen werden, durfte nicht ins Stieren oder Starren abrutschen, durfte kein verdächtiges "In-die-Luft-Gucken" werden. Er durfte den Mann nicht ignorieren und ihn gleichzeitig nicht anglotzen.

Die frische Oktoberluft tat ihm ausgesprochen gut. Bald würden es Wind und Wetter sicher erschweren sich noch im Freien zu bewegen. So dachte Roth, als der Fremde in seiner Straße auftauchte. Einen Trenchcoat, dem ein Besuch in der Reinigung sicher gut getan hätte, eine braune Hose und schmutzige Schuhe. So schmutzig, daß er es sogar auf diese Entfernung erkannte. Ja, die Natur hatte ihm zwar bezüglich seines Körpers den ein oder anderen Streich gespielt, aber seine Augen waren gut. Kurz dachte er über ein Ausweichmanöver nach, aber die hohe Bordsteinkante ließ ihn diesen Gedanken verwerfen. Dann überlegte er, ob er vielleicht umkehren sollte, aber dann hätte der Fremde ihm sogar bis zum Haus folgen können, woran ihm nun überhaupt nicht gelegen war. Also rollte er weiter geradeaus. Er überlegte, was der fremde, nachlässig gekleidete Mensch hier in dieser vornehmen Gegend zu suchen haben könnte: er könnte ein Hausierer sein, aber dagegen sprach, daß er keine Tasche mit sich führte. Vielleicht versuchte er den leuten unter Vorbringung dubioser Erklärungen Zeitungsabonnements aufzuschwatzen. Er könnte auch auf der Suche nach einem Schlafplatz sein oder sich nach geeigneten Objekten für einen Einbruch umsehen. Vielleicht war er auch einfach einer dieser verwirrten Leute, die auf der Straße Fremde ansprechen, nur um mit jemandem reden zu können, um ihre Meinung jemandem mitzuteilen, egal ob dieser sie hören möchte oder nicht. Dann hätte Roth natürlich schlechte Karten gehabt, denn mit dem Rollstuhl konnte er schlecht vor einer solchen Belästigung fliehen. Er drückte den Steuerhebel ganz nach vorne, um möglichst schnell an jenem Unangenehmen Passanten vorüber zu kommen und nahm sich vor, ganz beiläufig zu ihm hin, dann aber betont uninteressiert geradeaus zu blicken, daß schien ihm die beste Handhabung dieser unangenehmen Situation.
 

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