Religiöse Referenzfigur

rubber sole

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Zu einer Zeit, bevor digitalisierte Prozesse die Abläufe der Arbeitswelt dominierten, war ich erfolgreich als Vertriebsmanager tätig, verantwortlich für die Entwicklung von Marketingstrategien. Aufgrund meiner überbordenden Kreativität galt ich lange Zeit als schwer ersetzbar, was praktisch einer Unkündbarkeit gleichkam. Diese Aufgabe erfüllte mich beruflich, ich war rundum zufrieden. Doch dies änderte sich dramatisch, als sich computergestützte Methoden wie ein Flächenbrand auch in meiner Arbeitswelt ausbreiteten. Meine extreme Abneigung gegen digitale Anwendungen war sprichwörtlich; mich interessierten bis dahin Algorithmen so viel wie die Spielregeln der Sportart Kricket – nämlich überhaupt nicht. Meine Old-School-Denk-Strukturen wurden beim Übergang zu neuen Technologien jedoch geradezu pulverisiert; ich musste mich umorientieren und zumindest ein Minimum an neuen Technologien in meine bisherige Arbeitsweisen übernehmen, wollte ich meinen Job behalten. Das Erlernen neuer Verfahren beschränkte sich zunächst auf das Aneignen von Grundkenntnissen für Anwendungen technologisch neuartiger Arbeitsmittel, bis ich irgendwann nicht mehr als digitaler Analphabet galt.

Der Quantensprung, weg von Hilfsmitteln wie Heftnotizen und Spiralblock mit Karomuster, war rascher vollzogen als ich es mir hätte vorstellen können – der virtuose Umgang mit Exel-Tabellen und PowerPoint-Präsentationen wurde für mich zum alltäglichen Standard. Und irgendwann wollte ich mehr wissen; ich ließ mich nun gerne aus der analogen Welt herausziehen, indem ich sämtliche Fortbildungsangebote zum Thema neue Technologien wahrnahm. Schon nach kurzer Zeit waren Arbeitsprozesse mit Bezug auf betriebliche Vorgänge keine Herausforderung mehr für mich. Ich war infiziert vom Virus des technologischen Fortschritts. In meiner Freizeit, im tariflichen Bildungs- sowie bald auch im Erholungsurlaub, besuchte ich zusätzlich wissenschaftliche Seminare, die mich in höhere Sphären führten: Zum Schnittpunkt, an dem sich Naturwissenschaft, Philosophie und Religion kreuzen. Die Hinwendung zu anspruchsvollen Studien war bald nicht mehr nebenbei zu bewältigen. Ich benötigte mehr Zeit, und so nahm ich ein Sabbatical von zwölf Monaten, was zur Beendigung meines bisherigen Berufslebens führte, hin zu Arbeitskreisen von spezialisierten Wissenschaftlern. Diese erkannten bald, dass mein kreatives Potential auch für mathematische Problemlösungen nützlich sein könnte. So wurde ich Mitglied einer Gruppe von Forschern, die sich mit den Grenzen algorithmischer Beweise in einem spezifischen Bereich der Informatik beschäftigte. Es ging dabei um Identifizierung von logischen Argumenten, welche das Erschaffen aller bisher existierender Strukturen ermöglichen könnte: Grundlage einer Künstlichen Intelligenz, KI(
n), die auch zurückliegende biologische Formen originalgetreu rekonstruieren kann – vereinfacht ausgedrückt. Ganz besonders war ich besessen von der Vorstellung, irgendwann organisches Material mit 3D-Druckern kreieren zu können Ich begann aus heutigem DNA-Material historische biologische Strukturen entlang jüdischer Stammbäume zu erfassen und diese im 3D-Bioprintingverfahren als organische Rekonstruktion zu kopieren. Das Ziel war, eine Rückrechnung bis zur biblischen Figur Sem, Sohn Noahs, vorzunehmen, Sem 2.0 zu erschaffen. Mit solch einer Rekonstruktion und der analytischen Bewertung der Nachkommen Sems, also die Gesamtheit aller Semiten einschließlich der Vielfalt nichtjüdischer Nachfahren, wollte ich deren Weg bis in die Gegenwart analysieren und die Ergebnisse kommunizieren. So sollte eine große Zahl von Menschen einen intelligenteren Umgang mit sich selbst lernen. Auf diese Weise wollte ich Antisemitismus ad absurdum führen, welcher in einigen dieser Gruppen stark verbreitet ist und sich dabei paradoxerweise gegen die eigene Ethnie richtet.

Bei Generationsstufe 81 erhielt ich dann die Meldung eines technischen Fehlers: Keine weitere genealogische Identifizierung möglich. Ich hatte versucht, die Komponenten Charakter und Bewusstsein zu simulieren und in den zu rekonstruierenden Organismus einzufügen. Das System konnte diesen Vorgang keinem definierten Vorfahren zuordnen. Die genetischen Marker kollabierten, ethnische Vergleiche waren ab hier nicht mehr möglich. Damit war der Ursprung dieser Form des Antisemitismus' für mich nicht mehr greifbar. Eine grenzenlose Enttäuschung machte sich in mir breit, ich stürzte in eine tiefe Sinnkrise. Die Folge war eine schwere Depression, die zusätzlich durch Anfeindungen verschiedener religiöser und politischer Gruppen befeuert wurde. Mein Psychotherapeut sieht als Ursache meines Problems die Illusion einer Scheinbefriedigung durch ein missglücktes Scheitern.
 

Shallow

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Die Thematik, mit der Digitalisierung, den ganzen Apps usw. nicht mithalten zu können, ist bei mir aktuell: Ich bin offenbar zu blöd, meinen neuen Drucker über den Laptop anzusteuern, von daher denke ich: Das Feld sollte ruhig mal jemand beackern, lieber @rubber sole, aber nach dem ersten Satz bin ich fast schon raus:

Zu einer Zeit, bevor digitalisierte Prozesse die Abläufe der Arbeitswelt dominierten, war ich erfolgreich als Vertriebsmanager tätig, verantwortlich für die Entwicklung von Marketingstrategien.

Ein holpriges Satzmonstrum als Intro, das man schlanker machen sollte, vielleicht Ich war in einer Zeit tätig, in der ... , oder so? Aber der ganze Text ist mehr erklärend, als erzählend, es klingt wie in einer abstrakten Dissertation. Auch wenn es um technische Dinge geht, müsste m.E. mehr Flow rein.

Meine Old-School-Denk-Strukturen wurden beim Übergang zu neuen Technologien jedoch geradezu pulverisiert; ich musste mich umorientieren und zumindest ein Minimum an neuen Technologien in meine bisherige Arbeitsweisen übernehmen, wollte ich meinen Job behalten. Das Erlernen neuer Verfahren beschränkte sich zunächst auf das Aneignen von Grundkenntnissen für Anwendungen technologisch neuartiger Arbeitsmittel, bis ich irgendwann nicht mehr als digitaler Analphabet galt.

In dem Satz vorher kommt auch noch die Abneigung gegen digitale Anwendungen vor, damit zieht man keinen Leser in die story. Und es geht so weiter:

ich ließ mich nun gerne aus der analogen Welt herausziehen, indem ich sämtliche Fortbildungsangebote zum Thema neue Technologien wahrnahm.

Ich glaube, du hast ein gutes Thema am Wickel, schreib da bitte drüber, aber ich möchte in einer Geschichte mitgenommen werden.

Mein Psychotherapeut sieht als Ursache meines Problems die Illusion einer Scheinbefriedigung durch ein missglücktes Scheitern.

Den Schlusssatz habe ich nicht verstanden. Meinen Drucker auch nicht. Ich könnte den Quantensprung deines Protagonisten gut gebrauchen, aber der führt ja auch zu nix.

Trotz der Kritik beste Grüße von

Shallow
 

rubber sole

Mitglied
@Shallow:

Ja, stimmt, dieses Intro liest sich sperrig, erinnert entfernt an die Weihnachtsgeschichte des Apostel Lukas. Stilistisch ist wohl jeder Text verbesserungswürdig, wobei Wiederholungen, meistens zu Recht, als störend empfunden werden. Der Schlusssatz dieser Geschichte kommt zwar nicht ohne Schnörkel aus, diesen jedoch nicht zu verstehen, bedarf es einiger Mühe: 'Missglücktes Scheitern' kann man ganz einfach mit 'gelungene Aktion' übersetzen – den Begriff habe ich hier noch in die leicht zu verstehenden Wörter 'Illusion' und 'Scheinbefriedigung' eingebunden. Das mehrmalige Erwähnen deiner Bemühungen beim Einsatz des Druckers hat schon etwas fast Tragisches - besorg dir einfach ein anderes Modell!


Auch beim Inhalt bin ich deiner Meinung: Das Thema ist wichtig und ernst. Der Protagonist hat in dieser Geschichte einen kühnen Bogen von 'Old School', dort wo ich heimisch bin, zu 'New Tech', wo ich mich nicht gut auskenne, bravourös geschlagen. Schade, dass er auf dem Weg zum Endergebnis ausgebremst wurde; ich hätte dieses gerne erfahren. Darauf hätte dann eine lebendig erzählte Geschichte aufgebaut werden können.

Danke für deine Mühe, werter Shallow.

Gruß von rubber sole
 

jon

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Der Schlusssatz dieser Geschichte kommt zwar nicht ohne Schnörkel aus, diesen jedoch nicht zu verstehen, bedarf es einiger Mühe: 'Missglücktes Scheitern' kann man ganz einfach mit 'gelungene Aktion' übersetzen – den Begriff habe ich hier noch in die leicht zu verstehenden Wörter 'Illusion' und 'Scheinbefriedigung' eingebunden. Das mehrmalige Erwähnen deiner Bemühungen beim Einsatz des Druckers hat schon etwas fast Tragisches - besorg dir einfach ein anderes Modell!
Diese "Erklärung" ist in höchstem Maße despektierlich und zudem völlig absurd. Erstens ist die Aktion ja nicht gelungen. Zweitens kann nur missglücken, was man anstrebt und der Protagonist strebte kein Scheitern an. Drittens gibt es keine Scheinbefriedigung - weder für den Prota noch für die, die ihn angreifen. Viertens ist die "Illusion einer Scheinbefriedigung" eine Befriedigung - auch die gibt es für niemanden. Fünftens: Selbst wenn man "gelungene Aktion" und "(Schein-)Befriedigung) einsetzt, erklärt das nicht, warum daraus eine Depression resultieren sollte.
 

rubber sole

Mitglied
Hallo jon,

jeder, der seine Gedanken öffentlich zugänglich macht, muss mit Kritik rechnen und sollte damit umgehen können – für Verfasser von Kommentaren gilt dies gleichermaßen. Dass ich auf einen ironischen Kommentar zu einer absurden Geschichte in gleicher Weise geantwortet habe, ist legitim. Diese Formulierungen als absurd und despektierlich zu bezeichnen, halte ich für fragwürdig - der Begriff despektierlich wird m. E. häufig vorschnell als 'moralische Keule' eingesetzt. Auf manche Menschen wirkt allein das Weglassen der Anrede in persönlich formulierten Nachrichten bereits despektierlich; andere sehen dies erst bei der Verwendung als Synonym im Sinne von verächtlich so. Sollte sich Shallow durch meine Replik in seiner Würde herabgesetzt fühlen, täte es mir leid – dies ist nicht meine Absicht gewesen.

Danke für deinen Beitrag, jon.

Gruß von rubber sole
 

jon

Mitglied
Stimmt. Es ist ganz normale Kritik, jemandem auf diesem Weg mitzuteilen, dass er zu doof ist, etwas angeblich Offensichtliches zu verstehen. Wie konnte ich das nur für despektierlich halten … Ich Dummerchen, ich.
 

Shallow

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Hallo @rubber sole, hallo @jon,

ich bleibe bei meiner Kritik. Da ich mit meinem Drucker einen Ton reingebracht habe, der da vielleicht nicht hingehört, akzeptiere ich auch eine Replik, die sich wehrt, alles ok. Ob der Schlusssatz sinnvoll ist, kann jeder für sich entscheiden. Ich wünsche euch beiden einen angenehmen Abend, beste Grüße

Shallow
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo rubber sole,

der Text ist leider richtig schlecht - keine vernünftige Intro, keine wörtliche Rede, nichts, was zum Weiterlesen einlädt. Er erinnert eher an einen sehr ironischen, pseudo-wissenschaftlichen Abriss. Wo ist die Geschichte?

Außerdem offenbar dermaßen ironisch, dass ich ihn ins entsprechende Forum schiebe.

Dazu passen auch die Kommentare ... die mir gar nicht gefallen.

Der Kollege soll sich kümmern.

Gruß DS
 

rubber sole

Mitglied
Hallo Doc Schneider,

dass nicht jedem jeder Text zusagt, davon gehe ich aus. Diese Geschichte aus thematischen Gründen zu verschieben, ist auch okay. Geschichten oder Kommentare zu schreiben, um Redaktionsmitgliedern zu gefallen, ist nicht mein Anspruch.

Gruß von rubber sole
 



 
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