Reminiszenzen

Er fuhr über Landstraßen und weite offene, teils schneebedeckte Flächen, welche an ihm vorbei glitten, als er der aus dem Radio dudelnden Musik lauschte und teilweise selbst seine Stimmbänder malträtierte. Die Sonne schien ihren dunklen, wolkenen Morgenmantel für einen Moment fallen zu lassen und blendete ihn leicht. Die Strahlen schienen seine Kleider zu durchdringen und direkt in sein Herz zu strahlen. Lächelnd blinzelte er nach vorn, weit voraus. Es kam ihm beinahe so vor, als ob er die ganze Straße für sich alleine hätte, und er konnte sich gerade noch beherrschen, das Gaspedal nicht vollends durch zu treten.
So trieb er eine Weile auf den Wogen des Glückes dahin, wie ein Reisender auf der Reise zu einem lang vermißten Zuhause. Er atmete tief durch, genoß diesen Moment, dieses Glücksgefühl, welches er so lange entbehrt hatte. Hin und wieder passierte er andere Reisende, die ihm entweder entgegenkamen oder vor ihm auftauchten und nach und nach wieder verschwanden. Leise summte der Selige vor sich hin. Nach einer Weile wurde die Musik im Radio schlechter und Manuel schaltete es aus, so daß er nunmehr allein vom leisen, zufriedenen Brummen des Motors begleitet wurde. Er schaute durch die Windschutzscheibe zum Himmel hinauf: Die Sonne schien ihre Vorstellung beendet zu haben und begann, sich wieder hinter die Wolkendecke zurückzuziehen. Mit einem leisen Seufzen verabschiedete sich der Zuschauende dankbar von ihr, genoß die schwindende Wärme ihrer Strahlen auf seiner Haut und richtete seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf die Straße vor ihm. Die Landschaft um ihn herum begann sich allmählich wieder stärker zu vereisen, und die Straße wurde unwegsamer, so daß Manuel die Geschwindigkeit verringern mußte. Langsam nahm der sporadische Gegenverkehr, des Ortes stiller Vorbote, zu. Bald würde er ihn erreichen. Überrascht stellte Manuel fest, daß dieser Gedanke von einer wachsenden inneren Unruhe begleitet wurde; während er weiter und weiter in die immer düster und karger werdende Landschaft eintauchte. Kurz darauf erschien der Nachbarort im Blickfeld. Er lag etwas abschüssig der Straße, wie eine Hochburg des Winters von einer Aura der Kälte und Trostlosigkeit umhüllt, im Tal. Er erinnerte sich der Lebendigkeit, die den Ort früher einmal durchströmte, als er sie durch die Augen eines Liebenden sah. Es schien damals durch alle Gassen und Wege zu pulsieren, wie ein in Glückseligkeit schlagendes Herz. Noch stets führten die Straßen und Gassen wie Adern und Venen ins Ortsinnere und daraus heraus. Aber alles schien anders, als er es in Erinnerung hatte. Nun wirkte alles dunkel, leer und furchtbar kalt dort unten, so als habe der Winter ihm alles Leben genommen und nur Leere zurückgelassen. Als er etwa fünfundzwanzig Minuten nachdem er zu Hause weggefahren war, das Ortsschild erreichte, schienen auch die letzten Sonnenstrahlen fort zu sein, und er tauchte vollkommen in die Düsternis ein, nur begleitet vom leisen Knirschen der gefrorenen Straßen. Er kam sich allein und verlassen vor in dieser Umgebung, die er damals immer so freudestrahlend durchflogen hatte, immer wenn er auf dem Weg zu ihr gewesen war, als sie noch in ihrem Elternhaus gewohnt hatte, bevor sie zusammengezogen waren. Nun waren alle leuchtenden Gedankenbilder verblaßt und hinterließen nur noch die eine kalte Realität, die ihm geblieben war. Dieser Ort enthielt keine Freude für ihn mehr, kein Licht, wie das Leuchten ihrer Augen, daß er so geliebt hatte, und welches verblaßt war, mit ihrem Leben. Manuel schüttelte gedankenverloren den Kopf. Er merkte, wie sich seine Gedanken wieder seiner Kontrolle zu entziehen schienen, ihn wieder hinab zu reißen drohten, wie schon so oft. Doch dieses Mal würde er es nicht mehr zulassen, beschloß er, nicht dieses Mal, nie mehr. Er hatte entschieden zu leben, ohne sie und seine Erinnerungen, die ihn zu einem unbeseelten Leblosen gemacht hatten, der immer nur wartete und wartete. Worauf sollte er den auch warten? Es gab nichts mehr. Es war vorbei, endgültig. Sie war tot, und er, er mußte leben. Wollte leben, korrigierte er sich schnell in Gedanken. Wütend schaltete Manuel das Radio wieder an, dieses Mal unnötig laut, denn er hörte sowieso nicht mehr hin. Zugleich merkte er, wie er das Gaspedal ein bißchen weiter durchdrückte. Er starrte auf die Straße. Vor ihm baute sich eine Fahrtzeugschlange auf, die ihn wieder ausbremste. Frustriert ging Manuel wieder vom Gas und schaltete das Radio wieder aus. Er blickte nach vorne und erkannte einen Traktor an der Spitze als Quelle des Verkehrsinfarkts. So rollte Manuel eine Zeit lang dahin, in seinem kleinen Kasten, nur Umgeben von dem leisen Knirschen des Schnees, den Scheinwerferlichtern der Wagen und der Düsternis. Wie ein Trauerzug rollten sie dahin, dachte er für sich. Langsam aber stetig voran. Das gelegentliche Hupen der Fahrzeuge vor ihm und das endlose Knirschen des Schnees muteten wie das Requiem an. Es war lächerlich, scholt sich Manuel in Gedanken, wer sollte denn hier begraben werden? Langsam wuchs und wuchs die Unruhe in Manuel, und ein leichter Schauer kroch seinen Rücken empor. Er konnte es sich nicht erklären, aber plötzlich fühlte er sich wie ein Gefangener in seiner blechernen Kiste. Ein paarmal unterdrückte er den impulsiven Drang, einfach die Türe aufzureißen und davonzulaufen. Er begann zu schwitzen, wenngleich er fror. Sein Blick fiel auf die weiße Rose, welche auf dem Beifahrersitz lag. Wie ein Symbol, welches keine Bedeutung mehr in sich trug, dachte Manuel traurig. Eine leere Hülle wie ihr Körper, welcher dort irgendwo unten in der Kälte lag. Ihm war, als würde etwas an seinem Verstand zerren. Wie die Würmer ... Das Zittern wurde stärker. Wann würde dieser Wahnsinn endlich aufhören, dachte Manuel schwermütig. Bald, sehr bald schon ... Manuel hielt sich wie ein Ertrinkender am Lenkrad fest und fixierte seinen Blick auf die Straße vor ihm, als er versuchte die Stimme zu ignorieren. ... die Zeit der Trauer ist bald vergangen. Dein Warten hat bald ein Ende ... Ende ... Ende ...Eine kleine Träne floß über seine linke Wange, welche wie Feuer zu brennen angefangen hatte und kühlte sie. Ja, verdammt, es mußte ein Ende haben, dachte Manuel verbissen, als er bemerkte, daß ihn die Stimme wieder verlassen hatte. Er mußte wieder leben. Abrupt bremste Manuel. Er wäre fast auf den Vordermann aufgefahren. Etwa fünfzig Meter vor ihm sah er die Einfahrt der Straße zum Friedhof, welche dementsprechend ausgeschildert war. Manuel bemerkte, wie sein Blick fast wie von selbst an der Silbe ' Fried' hängenblieb, sie für einen kurzen Augenblick fast zärtlich umklammerte und dann wieder von ihr glitt. Friede... ja Friede, dachte er, war das nicht das einzige, was alle Menschen sich irgendwo irgendwann tief in ihrem Herzen ersehnten? Manuel erschrak ob seiner eigenen Gedanken. Es war, als hörte er sich selbst mit fremder Zunge sprechen. Es waren seine Gedanken, dessen war er sich sicher, aber doch kam es ihm vor, als ob nicht er es war, der sie dachte. Nachdenklich bog er in die Gasse ein. Er war schon so oft diesem Wege gefolgt und doch kam es ihm diesmal anders vor als sonst. Er konnte es nicht erklären, aber irgendwie fühlte er, das es dieses Mal das letzte Mal sein würde, das er ihn nahm. Für eine lange Zeit. Vielleicht für immer? Er fuhr die Gasse entlang zum kleinen Parkplatz, der vor dem Friedhof gelegen war. Doch es war ihm, als ob er nicht wirklich fuhr, als sei dies alles nicht mehr als eine Reflexion seiner früherer Fahrten hierher. Alles lief wie ein Film vor ihm ab, dem er wie ein Außenstehender zusah und der erst endete, als das Quietschen der Bremsen erklang und der Wagen auf dem Parkplatz zum Stehen kam. Als der Motor verstummte, zog Stille ein. Er blickte zum Friedhoftor. Es stand einladend geöffnet. Da war er nun, dachte er bei sich und bemerkte, daß irgendwie ein Widerstreben in ihm zu wachsen begann auszusteigen. Manuel seufzte. Es ist schwierig geworden, mit dir zu leben, dachte er mit dem verbitterten Galgenhumor, der nach dem Tod seines Lachens dessen Platz eingenommen hatte. Er griff nach der Rose, welche geduldig auf dem Beifahrersitz ruhte. Er zuckte zurück. Fast hätte er sich geschnitten. Wachsam hob er sie auf. Dann öffnete er vorsichtig die Autotüre. Das Geräusch wirkte laut gegen die vorherrschende Stille, welcher Manuel sich nun um so bewußter wurde. Als er ausstieg, gewahrte er zum ersten mal den leichten Bodennebel, der sich zu seinen Füßen zu bilden begann. Die kalte Luft schlug ihm ins Gesicht. Es fühlte sich an wie der Eintritt in eine kalte, unwirkliche, fremde Welt. Er machte einige Schritte in Richtung Friedhoftor und verharrte dann abrupt wieder. Diese totale Stille, welche nur durch das leise Knirschen des Kieses unter seinen Füßen durchbrochen wurde, begann ihn immer mehr zu beunruhigen. Fast wünschte er sich die Rückkehr dieser wirren Stimme, um der Einsamkeit zu entfliehen. Verrückt! , dachte er und tauchte durch das Tor in diese fremde Scheinwelt ein. Er konzentrierte sich bewußt auf das vertraute Gefühl und den Klang seines Atems, sowie auf das Knirschen des Kieses unter ihm und dem leichten Druck der Rose in seiner rechten Hand. Die Kühle, welche durch seine Lungen in seinen Körper drang, ließ ihn erschaudern. Er schien an diesem Ort das einzige Lebende zu sein. Keine Menschenseele schien sich hierhin verirrt zu haben. Er schritt die vertrauten, nebeldurchwogenen Pfade entlang dem ruhenden Schoße seiner Liebe entgegen. Oder etwa nicht? Wieder kam ihm alles so irreal, so unwirklich vor, als befände er sich in einem Traum aus Vergangenheit. Eine leichte Windbrise schlug ihm ins Gesicht, teilte sich spielerisch auf seiner Nasenspitze und verschwand. Manuel erschrak ob der plötzlichen Äußerung von Leben an diesem Orte und hielt inne. Der Klang der Windmelodie hallte in seinen Sinnen nach, wie ein Lied fast vergessener Seelen, wie eine Begrüßung. Manuel stockte der Atem für einen Moment, dann schüttelte er die wirren Stimmen seiner Sinne von sich und schaute nach vorne - er erkannte die Weggabelung, die rechts zu ihrem Grab führte. Ihm fröstelte. Er atmete noch einmal bewußt tief durch - und begann beinahe zu husten, als die kalte Luft in seinen Lungen zu brennen begann. Dann stapfte er unsicher voran, fast wie ein Getriebener. Die Luft schien nahezu greifbar zu sein und es schien Manuel so, als müsse er sie durchbrechen. Er konnte sich kaum mehr ans die letzten Schritte erinnern, aber kurz darauf stand er an ihrem Grab. Es schien, als wäre auch die Zeit für einen kurzen Moment stehengeblieben. Dann wurde ihm bewußt. Hier lag sie, in ewigem Schlafe ruhend, unter einer Decke aus Schmutz und Staub. Er blickte auf den Grabstein. Da stand: Karin Schimmer, geboren am 04.04.1962, gestorben am 15.01.1997. Während er dies las, begann eine kleine Träne aus seinen Augen zu quellen und bildete einen kleinen Rinnsaal seine Wangen hinunter. Doch er fühlte nichts, wie er überrascht feststellte. Weder Trauer noch Schmerz - er empfand nur das Gefühl von Taubheit und Leere in sich. So stand er eine Weile da und starrte auf die in Stein gemeißelten Worte. Dann zuckte er plötzlich ein wenig zusammen, als ein Gedanke die Leere durchstreifte: Die Rose. Ja, natürlich, die Rose ... "Ich habe dir eine weiße Rose mitgebracht", sagte er laut. " Ich weiß, wie sehr du sie gemocht hast. Ich vermisse dich." Dann beugte er sich über das Grab und tauchte sie in den Nebel, in eine mit Regenwasser gefüllte Vase, welche am Rande des Grabes im Boden steckte. Als er die Vase aus dem Erdreich zog und begann, sie auf der Mitte des Grabes zu plazieren, spürte er, wie der Wind wieder aufkam. Er umspielte seine Jacke und zupfte zärtlich an ihm, gab nach und wurde wieder stärker, wie ein fröhlich spielendes Kind, welches sich über den Besuch einer vertrauten Person freute. Manuel lächelte leicht in sich hinein, während er die Vase in die Erde stieß. Dann richtete er sich wieder vor dem Grab auf, unentwegt vom zärtlichen Spiel des Windes umtrieben. Überrascht stellte Manuel fest, daß er gar nicht mehr fror. Der Strom wirbelte um ihn herum, streichelte seine Hände, küßte seine Stirn und schien ihm etwas zuzuflüstern. Er richtete sich bewußt auf und verscheuchte das Wohlgefühl. Jetzt, dachte er traurig, jetzt - oder nie. Er seufzte. "Karin", sagte er laut gegen das Säuseln des Windes. "Ich muß dir etwas sagen." Der Wind wogte unablässig um ihn herum. "Ich werde nicht mehr kommen." Er hielt inne. "Vorerst zumindest." Er atmete tief durch und fühlte sich irgendwie schuldig. Aber wem gegenüber, dachte er verbittert, jemandem, der leblos drei Meter unter ihm ruhte? Es war lächerlich. Doch er lachte nicht, er weinte. Der Rinnsaal auf seiner Wange war zu einem breiten Strom geworden. Stille umgab ihn. Er war einsam, alleine das unablässige Flüstern des Windes war bei ihm, welches nun zuzunehmen schien. "Ich ... ich vermisse dich so sehr, aber ... aber ich kann so nicht weiterleben, weißt du?" rechtfertigte er sich. "Wenn ich überhaupt noch lebe", fügte er leise hinzu und senkte den Blick, wie ein Kind, welches sich schämte. Eine Windböe strich ihm zärtlich über die Wange und er richtete seinen Blick wieder auf. Dann schloß er seine Augen. Er fühlte das Brennen seiner Tränen in den Augen, den kühlenden Strom den sie über sein Gesicht zogen, wie sie es über seine Wangen verließen. Er spürte den Wind, welcher seinen Körper in sachten, behutsamen Böen umspielte. Dann ließ er sich in die Dunkelheit fallen. Er gewahrte, wie erste Bilder sich in ihr formten und allmählich in den Fokus seines Geistes glitten. Er zog seine Aufmerksamkeit von seinen Sinnen zurück, den Bildern entgegen, um sie näher betrachten zu können. Und während das Säuseln des Windes verschwand, während er die Berührung des Windes verlor, wuchsen die Bilder und gewannen an Klarheit und Kontur. Dann sah er das Gesicht, dessen Anblick er so schmerzlich ersehnt hatte. Sie lächelte ihn an, so wie sie es an ihrem vierunddreißigsten Geburtstag getan hatte, als er ihr einen Verlobungsring geschenkt hatte. Dann sah er sie fröhlich auf einer Sommerwiese laufen, wie er ihr nachlief und sie fest in seine Arme nahm. Es folgten weitere Erinnerungsfragmente, von vergangenen Gesprächen, Berührungen, Liebe und ewigen Liebesschwüren. Es war ihm fast, als könne er diese Geborgenheit und innere Ruhe, die ihre Nähe ihm gegeben hatte, spüren. Doch zugleich war er sich schmerzlich bewußt, daß es sich nur um trügerische Reminiszenzen vergangener Zeiten handelte, nichts als Staubkörner der Vergangenheit, welche im Winde der Gegenwart aufgewirbelt wurden und komplexe Muster unendlicher Schönheit bildeten. Ich wünschte, du wärst hier, dachte er ergriffen. Bei meinem Leben, ich wünschte du wärst hier ... Dann ließ er sein Selbst wieder langsam nach außen gleiten, gewahrte in der Ferne wieder das leise Säuseln des Windes, das Brennen in seinen Augen. Doch die Bilder verblaßten nicht. Im Gegenteil. Während er nach oben glitt, wurden die Bilderfolgen immer schneller und nahmen an Intensität zu. Bald durchdrang er die Wand zur Außenwelt und war umgeben von einem flimmernden Farbenspiel. Er taumelte. Die Welt schien sich um ihn zu drehen, zu wirbeln und vibrieren. Er keuchte und wankte. Die Bilder verschwanden plötzlich. Und dann, als er in den Wirren nach Halt suchte, sah er auf einmal - Sie. Sie stand einfach nur vor ihm da und schaute ihm direkt in die Augen. Er konnte ihrem Blick nicht ausweichen, denn ihre Augen stellten in dem Chaos, welches ihn umgab, die einzigen ruhigen Fixierpunkte dar. Irgend etwas an ihrem Anblick irritierte Manuel. Sie weinte. "Kommst ... kommst du zu mir?" brachte sie ihm traurig entgegen. "Oder hast du mich vergessen?" Sprachlos starrte Manuel in die Tiefe ihrer braunen Augen. Er hatte sie noch nie in seinem Leben so aufgelöst gesehen. Nie hatte sie trauriger, nie reiner, nie wirklicher gewirkt. Es war ihm, als könne er ihre Sehnsucht spüren, die zugleich die seine war. Noch nie ...Dann fiel ihm ein, weshalb in ihr Anblick so irritierte. Denn dies ... dies wahr keine Erinnerung, dessen war er sich sicher. Sie war es, sie war es wirklich, aber doch anders. Um sie schien das Chaos stärker seine Kreise zu ziehen. "Liebst du mich noch?", fragte sie unter Tränen und reichte ihm eine Hand entgegen, während er taumelnd, haltlos nach Fassung rang. Auch er wollte sie berühren, doch etwas in ihm schien ihn festzuhalten. Er kämpfte gegen seine Muskeln an, die erstarrt waren, hob unter Schmerzen seinen Arm Stück für Stück. Aber es war schwer, viel zu schwer. Ihm war, als hätte sich sein ganzer Körper gegen ihn verschworen. Er strauchelte, noch immer im Inbegriff ihre Hand zu ergreifen. Aber sie war weg, so weit weg. Er kämpfte mit der Verzweiflung, die nur Liebe gebären konnte. Er wollte sie berühren. Er wollte sie nicht noch einmal verlieren. Er atmete schwer und sein Körper schien nur noch aus Schmerz zu bestehen, der von einem einzigen Wunsch beseelt wurde. Manuel spürte wie sein Herz sich vor Schmerzen in seiner kleinen Höhle wand, wie es an seine Rippen trommelte, so als versuchte es seiner Brust zu entfliehen, um den Schmerzen zu entkommen. Es zappelte, es zerrte und dann, dann begann es zu schreien. Er begehrte weiter gegen diese Kraft auf, die ihn hinderte, sie zu berühren, schob seine Hand weiter und weiter der ihren entgegen. Bald würde er sie erreichen ... Doch kurz bevor er sie spüren konnte, schwanden seine Sinne. Dunkelheit schob sich wie eine Wand zwischen die Liebenden, und er merkte kaum mehr, daß er fiel.
Als er erwachte, lag er von dichten Nebel umhüllt auf ihrem Grab. Langsam wich der Vorhang der Benommenheit und begann ihn in der Wirklichkeit zu hinterlassen. Erste Gedanken huschten in den Wirren des inneren Chaos umher und begannen sich in seinem Geiste zu formieren. Er spürte Schmerzen in allen Gliedern und sein Atem ging schwer. Schlagartig, wie ein aufgescheuchtes Tier, sprang er auf und blickte um sich. "Wo ...?" Doch er blickte nur in die Leere der Nebel, die ihn umgaben. Sie war fort, sie war nicht mehr da. Augenblicklich sank er wieder in sich zusammen, als der Schmerz sich mit reißenden Zähnen in seinen Körper biß. Erschöpft schüttelte er den Kopf. Wo war sie? dachte er verzweifelt. Wo bist du? Doch er kannte die Antwort, und die Erkenntnis brannte in ihm wie Feuer. Er schaute auf ihr Grab und erblickte die weiße Rose, welche er unter sich begraben hatte. Sie lag zerbrochen in einer Pfütze aus Wasser und Tränen vor ihm. Apathisch erhob er sich erneut und sah seufzend um sich. Er blickte teilnahmslos an sich herab. Er sah seine nassen und schmutzigen Kleider. Seine weiße Hose ließ ihr ursprüngliches Weiß kaum mehr erahnen. Vorsichtig schüttelte der Beschmutzte die nasse Kälte von sich so gut es ging und verharrte zitternd. Er vermochte nicht zu sagen, wie lange er so da gelegen hatte, aber dem Nebel zufolge mußte es eine Weile gewesen sein. Er schnaufte. Dann verfiel er in ein Gewitter aus Gedanken. Verdammt, es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen, um sich von ihr zu verabschieden. Er hätte wissen müssen, daß er dazu nervlich nicht in der Lage war. Doch er schuldete es ihr, oder? Aber wem, sie war tot, wie sollte es sie noch interessieren, was er tat. Verdammt er liebte sie. Er liebte sie noch immer. Aber er wollte leben ... nein - lieben. Aber sie war tot. Er wollte bei ihr sein. Doch sie war tot. Er mußte weiterleben. ... Oder nicht? Liebe. Verdammt, er wollte nichts als lieben. Sie lieben. Aber der Preis war hoch, so hoch. Denn wahre Liebe erlaubte kein Vergessen. Sicher, er hatte soviel vergessen. Dinge, die ihm vielleicht irgendwann einmal wichtig gewesen waren, aber nicht ihr Lächeln, nicht das Glitzern in ihren Augen, wenn sie sagte: Du und ich, wir beide, wir gehören zusammen. Aber es war vorbei. Alles vorbei. Oder? Er fühlte sich zerrissen, tief zerrissen zwischen seiner Sehnsucht und seiner Vernunft. Seine Vernunft, die er fürchtete vollends zu verlieren - genauso wie ihre Liebe. Sie war tot. So redete er sich immer wieder ein: sie war tot! Er mußte weiterleben, er durfte nicht aufgeben! Aufgeben. Hatte er das nicht schon getan? Er wollte bei ihr sein. Sie spüren, ihr durchs Haar streichen ... Nein, er wollte weg, riß er sich zusammen. Weg, schnell weg. Er wollte leben. Alles andere wäre wahnsinnig. Wahnsinn. War er vielleicht schon wahnsinnig geworden? Oh Gott, war er schon verrückt geworden. Angst stieg in ihm auf, kalter Schweiß rann ihm über die Stirn. Wahnsinnig, ich werde wahnsinnig, murmelte er vor sich hin. Wie ein panisches Tier blickte er in die Nebel, rannte davon. Immer weiter weg, weiter weg von ihr. Er mußte leben. Er wollte leben. Er rannte, rannte. Irgendwie Richtung Auto. Nach einer Weile erreichte er es, sprang hinein und startete den Wagen. Dann fuhr er mit quietschenden Reifen vom Parkplatz, ohne sich umzusehen. Weg, weg, weg, einfach weg. Weg. Wohin, daß wußte er nicht. Er wußte nichts mehr. Er irrte durch die Nebel. Lichter schoßen wie Feuerbälle an ihm vorbei, denen er versuchte auszuweichen. Quietschen umgab ihn. Schilder flogen wie Geister an ihm vorbei. Mit weit aufgerissenen Augen irrte er in seinem blechernen Kasten umher. Der kalte Schweiß drang in seine Augen. Verzweifelt suchte er in seinen Taschen nach einem Taschentuch. Seine Hand ertastete etwas und er holte es zum Vorschein. Es war ihr zerknüllter Zettel. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ihn an. Um ihn herum flog das Chaos in immer schneller werdendem Tempo vorbei. Er versuchte ihn zu entfalten. Dabei entglitt er ihm. Einen kurzen Moment verharrte er zögernd - dann griff er nach ihm. Dabei verlor er die Kontrolle über den Wagen, schlingerte umher. Dann gab es einen lauten Knall und er wurde durch die Windschutzscheibe hinaus gerissen. Hinaus in die Nebel. Es splitterte. Und dann, dann dehnte sich die Zeit: Er flog, für eine Weile schwebte er wie ein Engel durch die Nebel. Er glitt dahin und fühlte sich leicht und frei, frei. Dann stürzte er zu Boden, schlug auf, schleifte und rollte über den Grund, und blieb blutend liegen. Er fühlte sich betäubt und alles um ihn herum erschien ihm so unwirklich. Er gewahrte ferne Stimmen, die er aber nicht verstand. Er sah um sich und erblickte Lichter und Dunkelheit. Dann blickte er an sich herunter. Und entdeckte das Blut. Blut, überall Blut. Rot. Es glitzerte. Ja, Rot, dachte er. Das war die Farbe der Liebe. Er lächelte in sich hinein. Sein Atem und sein Puls beruhigten sich. Er spürte ihre Nähe. Sanfte Tränen des Glückes rannen über seine Wangen, kühlten seine Wunden, verschwammen seinen Blick. Er lachte leise. Dann verlor die Welt um ihn herum Konturen und Licht. Jegliche Unruhe wich von ihm. Und plötzlich fühlte er nur noch - Frieden. Dann - Dunkelheit.
Weit entfernt von dem Geschehen in einem lichtdurchfluteten Schlafzimmer tickte eine kleine Uhr. Langsam trafen die Zeiger zusammen. Dann blieb sie stehen, und während draußen die Sonne ihren ewigen Kreis fortsetzte, kehrte nun endlich Stille ein. Ungestört, vollkommen, ewig...

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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