Rheingold

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a.lipschitz

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1. Jäger und Sammler

Sommer 1982. So lautet der Titel von Rudis gegenwärtigem Lieblingsbuch. Und so wird er vielleicht auch einmal seine Erinnerungen an die sechswöchigen Ferien zwischen der siebten und der achten Klasse bezeichnen, wobei die Jahresangabe hier keine so große Rolle spielt, wie bei dem Buch. Denn der Sommer 1982 ist bislang nicht viel anders verlaufen als der vorherige. Auch im letzten Sommer ist er nicht in den Urlaub gefahren, weil seine Mutter arbeiten musste. Und auch dieses Jahr hat sie wieder gesagt: "Wir können es uns nicht leisten. Aber dafür bestimmt nächstes Jahr."
Seit der Scheidung arbeitet sie ganztags im Supermarkt. Aber die Scheidung ist jetzt schon vier Jahre her.
"Bald verdiene ich mehr", hatte sie im Sommer 1981 gesagt, "und dann fahren wir auch mal weg."
"Mit dem Zug?", hatte Rudi gefragt.
"Ja, auch mit dem Zug. Wenn es nicht zu teuer wird."

Das Buch mit dem Titel "Sommer 1982" hat er sich zum 13. Geburtstag gewünscht und auch bekommen. Es hat ein annähernd quadratisches Format und ist so dick, wie mindestens zwei Telefonbücher einer deutschen Großstadt zusammen. Rudi liest fast täglich darin.
"Kennst du das Ding nicht bald auswendig?", fragt seine Mutter.
"Man findet immer wieder etwas Neues", sagt er.
Vor allem dann, wenn er das Buch vom Winter 1981/1982 daneben legt und vergleicht, was sich alles geändert hat. Denn auch vom letzten Winter besitzt er die Gesamtausgabe des Kursbuchs der Deutschen Bundesbahn.
Über seinem Schreibtisch hängt eine Übersichtskarte mit allen Bahnstrecken in Deutschland neben dem Poster einer 103er Elektro-Lok und drei Zuglaufschildern.

Und geändert hat sich einiges. Es verkehrt ein neuer Intercity mit dem Namen "Lötschberg" von Hamburg über Köln bis nach Brig in der Schweiz. Er fährt über Rudis Lieblingsstrecke, die KBS 600, wie die linke Rheintalstrecke zwischen Köln und Mainz im Kursbuch bezeichnet wird. Auch der legendäre Trans-Europ-Express "Rheingold" ist noch unterwegs, wenn auch seit diesem Sommer nur noch mit verkürztem Laufweg bis Basel. Den "Rheingold" hat er noch nie gesehen und es wäre wirklich ein Jammer, wenn der mal nicht mehr fahren würde. So wie der TEE "Friedrich Schiller", der mit Einführung des Sommerfahrplans gestrichen wurde.

Wenn er nicht im Kursbuch liest, dann geht Rudi auf die Jagd. Jetzt in den Ferien manchmal schon in den Morgenstunden, noch bevor seine Mutter zur Arbeit geht, denn das ist die beste Zeit am Aachener Hauptbahnhof. Morgens kommen die Nachtzüge aus Kopenhagen, Berlin, Warschau und Wien, bunte Züge mit Wagen aus vielen verschiedenen Ländern, sogar welche aus Moskau, die weiter nach Paris oder Oostende fahren. Dann steht Rudi auf dem Bahnsteig und beobachtet die Züge und gerade jetzt in den Ferien auch die Familien, die mit diesen Zügen in den Urlaub fahren. Er beobachtet, wie sie ein- und aussteigen, und hin und wieder läuft er ihnen auch unauffällig ein kleines Stück hinterher.

Immer wenn Rudi unterwegs ist, hat er seine blaue Adidas-Umhängetasche mit Reißverschluss dabei, die an einem Riemen quer über der Schulter getragen wird. Nur in die Schule nimmt er sie niemals mit. Keiner aus seiner Schule hat ihn je mit der Tasche gesehen, denn die Tasche und das, wofür er sie benutzt, gehören zu einer anderen, seiner eigenen Welt.

Seine Finger spielen mit dem Reißverschluss der Tasche, als er neben einer Gruppe von Urlaubern an Gleis 6 auf den D-Zug nach Oostende wartet. Als der Zug kurz darauf am Bahnsteig steht, stellt er sich hinter eine Familie und beinahe wäre er mit ihnen zusammen eingestiegen, aber nach einem Blick auf seine Armbanduhr überlegt er es sich doch anders und bleibt schließlich allein zurück, während der Zug aus dem Bahnhof hinaus und dann immer weiter bis an die belgische Küste fährt.

Vor der Ankunft des nächsten Zuges studiert er den Wagenstandanzeiger und setzt sich auf eine Bank am anderen Ende des Bahnsteigs. Der Platz ist gut gewählt, denn der Zug kommt genau so vor ihm zum Stehen, dass er durch die geöffnete Tür in den Vorraum eines Wagens blicken kann. Wieder sind Familien mit Kindern und Jugendlichen unterwegs in die Ferien.
Rudi beobachtet eine Familie, wie sie in den Wagen einsteigt, dann steht er auf, kontrolliert erneut seine Armbanduhr und dieses Mal passt alles. Er folgt der Familie in den Zug. Aber er geht ihr nicht durch den Gang zu den Abteilen nach, sondern blickt sich nur kurz im Vorraum des Wagens um, dass ihn auch niemand beobachtet, öffnet dann in einer schnellen und geübten Bewegung den Reißverschluss seiner Umhängetasche und schiebt das Zuglaufschild, das an der Wand neben der Toilettentür hängt, aus der Halterung heraus und lässt es in der Tasche verschwinden. Er öffnet die Übergangstür in den Vorraum des nächsten Wagens und nimmt dort ein weiteres Zuglaufschild an sich. Dann steigt er wieder aus dem Zug aus und läuft zielstrebig hinter einer Gruppe von Reisenden die Treppe vom Bahnsteig hinab.
Erst auf der Burtscheider Brücke, hoch oben über dem Hauptbahnhof, verlangsamt er seinen Schritt.

In der kleinen Zweizimmerwohnung in einem älteren Mehrfamilienhaus, die er mit seiner Mutter bewohnt, ist er allein als er nach Hause kommt. Deshalb kann er in der Küche auspacken und die fünf PVC-Schilder, die er in der Umhängetasche hat, vorsichtig abwaschen und zum Trocknen in den Ständer stellen, den seine Mutter sonst für das Geschirr verwendet. Er betrachtet die Schilder zufrieden, während er etwas aus einem Topf isst, den er im Kühlschrank gefunden hat. Er ist nicht sicher, ob das in dem Topf besser schmecken würde, wenn man es vorher warm gemacht hätte, daher schüttet er eine Menge Ketchup darüber, denn Ketchup hilft immer.
In seinem Zimmer werden die Schilder in die Sammlung integriert, die nach Zugnummern geordnet ist, und so finden vier davon einen Platz in dem Karton unter dem Schreibtisch, in dem bereits mehr als 100 Stück der DIN A4-großen Schilder verpackt sind, und ein weiteres gehört, der Systematik folgend, zu den Schildern, die in seinem Kleiderschrank ganz unten hinter den Winterklamotten liegen.

Als die Mutter abends von der Arbeit kommt, sitzt er am Schreibtisch und liest in einem Kursbuch. Sie fragt, ob er das Essen im Kühlschrank gefunden hat. Sie fragt ihn auch, was er heute gemacht hat und er sagt nur: "Bahnhof, Züge kucken".
"Wird das nicht irgendwann langweilig? Sind doch immer die gleichen Züge."
Rudi verneint.
Sie schlägt ihm vor, sich mal mit anderen Kindern zu treffen.
Rudi verneint auch das.


2. Der seltsame Typ von Gleis 8

Rudi mag es nicht, wenn etwas nicht nach Plan verläuft. Aber er hasst es, wenn Züge sich nicht an den Plan halten. Und der D 434 "Parsifal" nach Paris Nord hat sich heute nicht an den Plan gehalten und ist abweichend auf Gleis 8 eingefahren, so dass Rudi kurzfristig seinen sorgfältig gewählten Standort aufgeben, einmal treppab und treppauf den Bahnsteig wechseln und an Gleis 8 eine nur improvisierte Position beziehen musste.

Wenn Rudi keinen Plan hat, dann geht meistens etwas schief. Dabei hat er das Schild schon in der Tasche und ist aus dem Zug raus, als ihn jemand anspricht. Und es gibt nur eine Sache, die er noch mehr hasst als unplanmäßige Züge, und das ist, wenn ihn jemand anquatscht. Wenn man etwas von ihm will, dann dauert es nie lange und er steckt in Schwierigkeiten, wenn er sich nicht schleunigst aus der Affäre ziehen kann.

"Wart mal", sagt jemand direkt hinter ihm. Und ein "Wart mal", noch dazu, wenn es von hinten kommt, ist immer ganz übel. Er steht oben an der Bahnsteigtreppe und ist noch lange nicht aus dem Bahnhof raus, wegrennen bringt also nichts, zumal der Typ ihn an der Schulter festhält. Und wenn Rudi etwas auf der Welt noch mehr hasst, als wenn ihn jemand anquatscht, dann...
"Wetten, dass es in der Tasche steckt?"
Er dreht sich um und scannt zunächst die Klamotten, dann erst das Gesicht: Alte Turnschuhe, Jeans, kariertes Hemd, also jedenfalls keiner von der Bahn. Aber das mulmige Gefühl im Magen lässt trotzdem nicht nach. Kann der mir die Tasche abnehmen, überlegt er fieberhaft. Vermutlich nicht, also dummstellen und rausreden.
"Was wollen Sie?"
"Du hast das Parsifal-Schild."
"Was für´n Schild? Ich muss meine Oma vom Zug abholen."
"Es hing vor zwei Minuten noch in dem Wagen, aus dem du gerade ausgestiegen bist, und jetzt ist es weg und ich setze meinen Arsch darauf, dass es in deiner Tasche steckt."
Rudi scannt den Rest von seinem Gegenüber: ziemlich dick, schon älter, große Brille, ungepflegte Haare, aber kein Penner, und er fragt sich nervös, worauf der aus sein könnte.

Aber der Typ redet nicht lange herum und macht ihm klar, dass er ihn auffliegen lassen kann und er dann richtig Ärger bekommt.
"Als 13-jähriger? Wegen einem Plastikschild?" Rudi gibt sich nicht so schnell geschlagen.
"Nicht wegen einem, aber wegen dem, was vermutlich alles bei dir zu Hause rumliegt. Ich hab´ dich heute nicht zum ersten Mal gesehen. Die Polizei wird sich mit deinen Eltern unterhalten. Ich gehe jede Wette ein, dass du sammelst und alles, was man bei dir findet, jedes einzelne Schild, wird man dir wieder abnehmen, denn jeder weiß, die sind alle geklaut."
"Eins habe ich auch mal neben den Gleisen gefunden", sagt Rudi, aber er weiß, dass seine Sammlung auf dem Spiel steht und er sich hier nicht rauswinden kann.
"Ich sag dir jetzt was", fängt der Typ wieder an und Rudis mulmiges Gefühl wird schlimmer, denn offenbar hat der etwas vor. Das ist kein Erwachsener, der ein Kind beim Klauen erwischt hat und ihm jetzt eine Lektion erteilen will, der ist auf was aus, aber Rudi hat keine Ahnung, was das sein könnte, nur, dass der Typ unter Druck zu stehen scheint. Und er schwitzt, noch mehr als Rudi selbst.
"Du kommst jetzt mit, ein paar Straßen weiter, und dann machen wir was. Und wenn du die Klappe hältst und vergisst, was gleich passieren wird, dann vergesse ich auch, was ich gerade gesehen habe."
"Was machen wir denn?"
"Wirst du schon sehen. Wird dir vielleicht sogar Spaß machen."
Ein paar Straßen weiter, denkt Rudi, das ist womöglich gar nicht so schlecht. Erst mal aus dem Bahnhof raus und dann sehen, wie man sich verkrümeln kann.
Aber auch dieser Plan geht heute nicht auf, denn der seltsame Typ hat sein Auto direkt neben dem Ausgang geparkt und will, dass Rudi mit ihm zusammen einsteigt.
"Nee, Sie haben gesagt, dass wir ein paar Straßen weiter laufen", versucht er zu bluffen.
Zwei Bahnpolizisten stehen nebenan. Dein Freund und Helfer, denkt Rudi. Er könnte jetzt schreien, aber ist das wirklich besser? Der Typ scheint seine Gedanken gelesen zu haben und macht eine unauffällige Geste in Richtung der Polizisten.
"Soll ich die da rufen? Auto oder Bullen? Los, rein da!"
Und Rudi steigt ein.

Die Kiste ist klapprig und riecht muffig, so dass Rudi sich fragt, ob hier vielleicht schon mal eine Leiche drin gelegen haben könnte. Der Typ fährt schnell, er redet kein Wort, auch nicht als er wütend angehupt wird, nachdem er jemandem die Vorfahrt genommen hat, und nach ein paar Minuten sind sie am Ende einer Sackgasse angelangt, vor ihnen eine zugewachsene Böschung mit ein paar kleineren Bäumen, hinter der es hinunter zu den Gleisen geht. Rudi kennt die Stelle. Irgendwo da unten ist die Abstellgruppe des Aachener Hauptbahnhof. Hier ist es einsam, bis auf ein paar ziemlich schäbige Häuser. Und der Typ ist clever. Er parkt den Wagen so, dass Rudi direkt vor einem Gebüsch aussteigen muss und nicht abhauen kann. Noch ehe Rudi draußen ist, ist auch der Typ draußen und war auch schon am Kofferraum, aus dem er eine alte graue Decke und einen großen Schraubenschlüssel mit einem langen Griff genommen hat. Er macht sich nicht einmal die Mühe, den Wagen abzuschließen und drängt Rudi sofort in das Gebüsch rein.
"Los, mach hin, ich will die Nummer heute auf jeden Fall machen."

Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich durch das Gebüsch zu zwängen. Sein Begleiter hat damit mehr Mühe, aber er folgt ihm dennoch auf den Fersen, mitsamt seinem Schraubenschlüssel. Vor ihnen geht es jetzt die Böschung runter und der Typ bleibt stehen und sondiert die Lage.
"Auf den Baum rauf!", kommandiert er.
"Was soll ich?" Rudi glaubt mittlerweile, dass er an einen Irren geraten ist.
"Kletter rauf, ein Meter reicht, nur bis du die Gleise überblicken kannst und dann pass auf. Und wenn einer von der Bahn auftaucht, dann rufst du, klar?"
Rudi starrt ihn verständnislos an.
"Du weißt doch ganz genau, von wem man nicht gesehen werden will, wenn man hier was einsteckt. Und denk nicht dran abzuhauen, ich krieg dich. Es dauert auch nur ein oder zwei Minuten."

Aber es dauert nie nur ein oder zwei Minuten, wenn man auf einem Baum neben den Gleisen Schmiere steht und darauf wartet, dass ein Verrückter, der mit einer Decke und einem Schraubenschlüssel bewaffnet gerade eine Böschung runter gekraxelt ist, wieder zurück kommt. Es dauert immer mindestens fünf bis sechs Minuten, bis der Typ den selben Abhang atemlos und nur mit Mühe und Not wieder raufgekrochen kommt, weil er etwas ziemlich Schweres in der Decke eingewickelt hat, das er stöhnend vor Rudi auf den Boden legt, der schon mit einem Sprung vom Baum runter ist.
Rudi weiß nicht, ob er vor Erleichterung lachen oder heulen soll, als er die Decke wegzieht und das große eiserne Loknummernschild entdeckt.
"Wow!"
Der Typ nickt nur, immer noch keuchend vor Anstrengung, Aufregung und Körperfülle.
"Haben Sie das etwa gerade von der 110 da unten abmontiert?"
"Dachtest du vielleicht, ... dachtest du, du bist der Einzige, der hier was sammelt?"

Rudi fragt ihn, wie viele er schon hat und der Typ meint, er hätte mit diesem jetzt 71 Stück. Rudi erzählt, dass er mit den Schildern in seiner Tasche schon 206 Stück hat. Der Typ behauptet, dass Lokschilder klauen viel schwieriger sei, weil man von außen an die Lok ran und ein paar Minuten schrauben muss, jeder kann einen sehen und man kann es oft nicht alleine durchziehen, weil einer Schmiere stehen muss. Im Vergleich dazu sei Wageninnenschilder klauen eine Kleinigkeit.
Rudi hält dagegen, dass er es dafür als Kind schwerer habe. In einer Umgebung wie einem Bahnhof ist ein einzelnes Kind, anders als ein Erwachsener, auffällig. Er muss sich ständig unsichtbar machen und unauffällig verhalten, gerade wenn er früh morgens oder abends Zügen auflauert, damit ihn keiner fragt, was er da treibt. Er hingegen als Erwachsener habe es leichter, weil er viel besser in die Umgebung "Bahnhof" passt.
Rudi rät ihm, sich eine Warnweste von der Bahn zuzulegen und die zu tragen, wenn er hier draußen an den Gleisen unterwegs ist, und schon hat er sowas wie eine Tarnkappe. Rudi wünscht sich auch eine Tarnkappe und wäre gerne unsichtbar.
Der Typ fragt ihn, wie er denn versucht sich unauffällig zu verhalten, wenn es darauf ankommt, und Rudi erzählt, dass er immer so tut, als würde er zu anderen Leuten gehören, dass er sich wenn möglich zu anderen Kindern oder einer Familie stellt oder hinter ihnen her geht, eben genau so, als ob er dazugehöre.

Dann will der Typ plötzlich mit seiner Beute weg, weil sich unten auf den Gleisen eine Rangierlok nähert und er rennt mit dem Lokschild und dem Schraubenschlüssel durch das Gebüsch zurück zu seinem Auto, schmeißt alles in den Kofferraum und braust davon, ohne sich auch nur noch einmal nach Rudi umgedreht zu haben.

Rudi weiß, das hätte auch ins Auge gehen können, wenn der Typ von der Bahn gewesen wäre. Er war sich noch nie dessen bewusst, dass er am Aachener Hauptbahnhof schon ein bekanntes Gesicht sein könnte. Vielleicht ist die Zeit reif für einen Standortwechsel. Auch braucht er auf jeden Fall noch den "Rheingold" in seiner Sammlung. Was, wenn der bald eingestellt wird? Die rein erstklassigen TEE-Züge sind schon seit einigen Jahren auf dem absteigenden Ast. Die Zeit bleibt nicht stehen. Und in diesem Fall läuft sie gegen ihn.


3. Bahnhof ist Bahnhof

Am nächsten Morgen sitzt Rudi schon vor seiner Mutter am Frühstückstisch. Sie wundert sich, dass er so früh auf ist und fragt, was er vorhat. Er antwortet nur knapp: "Zum Bahnhof. Das ist doch OK?"
"Ja, Bahnhof ist OK", sagt sie. Er ist ja ohnehin jeden Tag dort.

Er bittet nicht oft um einen Vorschuss auf sein Taschengeld, aber heute muss es sein.
"Wofür brauchst du das denn?" Sie klingt genervt.
Er mag die Frage nicht. Sie ist die unvermeidliche Einleitung dafür, dass er am Ende nichts bekommen wird. Sie fragt immer, wofür er das Geld braucht, um dann zu sagen, dass genau das doch nicht so wichtig ist, später noch Zeit hat, zu groß, zu klein, zu teuer, übertrieben ist. So als ob jeder seiner Wünsche immer falsch wäre. Als ob er hier das Problem wäre. Warum sagt sie nicht einfach 'Ich hab nix'?

Aber er versucht es trotzdem weiter, denn das, was er für heute geplant hat, ist zu wichtig. Er will nämlich auch mal etwas in den Ferien unternehmen. Alle Anderen aus seiner Klasse können Dinge unternehmen, nur er nicht.
Rudi hat zwar keine Ahnung, was die Anderen aus seiner Klasse in den Ferien machen, er hat genau genommen auch keine Ahnung, was sie während der Schulzeit machen, aber dennoch ist er ziemlich sicher, dass er ihr die Wahrheit sagt.

Auch ihre Antwort ist so unvermeidlich und vorhersehbar wie die Frage, wofür er das Geld haben will. Er könne froh sein für das, was er hat, vielen Kindern gehe es noch viel schlechter und er weiß doch ganz genau, dass... bla, bla, bla.
Sie nimmt das Geschirr vom Frühstückstisch und stellt es laut scheppernd in die Spüle. Rudi knallt mit der Tür von seinem Zimmer. Die Mutter lässt Wasser über das benutzte Geschirr laufen. Manchmal wenn sie es stehen lässt, ist es abends gespült wenn sie nach Hause kommt, auch ohne dass sie ihn darum gebeten hat. Sie wischt sich mit dem Küchenhandtuch über die Augen und wirft es in die Ecke neben dem Waschbecken. Beim Verlassen der Wohnung knallt sie die Tür ins Schloss, als Antwort auf seine Zimmertür.
Als Rudi ein paar Minuten später den 10-Mark-Schein an seinem Platz auf dem Küchentisch entdeckt, ballt er die Faust wie ein Tennisspieler, der nach einem langen Ballwechsel gerade einen wichtigen Punkt gemacht hat.

Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das Zweitwertvollste, das er nach seiner Schildersammlung besitzt. Es ist eine gelbe Plastikdose mit einem bunten Comic-Welpen darauf. Rudi mag keine Hunde.
"Kinderkram", sagt er verächtlich, nachdem er die Spardose, die ein Werbegeschenk der Volksbank zu seinem zehnten Geburtstag war, mit einer aufgebogenen Büroklammer geöffnet hat. Der Inhalt der Dose ist wie der allerletzte Trumpf, den man beim Skat auf der Hand hält. Wenn der nicht sticht, dann verliert man.

Er packt zwei Dosen Fanta und eine halbe Tafel Schokolade als Proviant in die Umhängetasche. Mehr nicht, denn er braucht Platz in der Tasche. Kurz nach seiner Mutter verlässt er an diesem Morgen die Wohnung. Auf den Küchentisch hat er einen Zettel gelegt 'Bin Züge kucken, kann später werden'.

Am Schalter kauft er sich erst zum zweiten Mal in seinem Leben eine Fahrkarte. Mit der ersten und bis heute Morgen einzigen ist er im letzten Winter nach Eschweiler zur Oma gefahren.
Auf Gleis 2 wird ein Nahverkehrszug nach Köln bereitgestellt. Rudi zögert nur einen kleinen Moment und steigt dann ein. Bahnhof ist OK, hat sie ja gesagt. Aachen oder Köln, Bahnhof ist Bahnhof.
Er setzt sich auf einen Fensterplatz und nur Minuten später sieht er vom Viadukt hinunter, wie Aachen erst unter ihm und nach "Rothe Erde" auch hinter ihm zurück bleibt.
Als der Zug in Eschweiler abfährt, ist er weiter als je zuvor alleine von zu Hause weg. Und es geht weiter in Richtung Köln.

Er hat sich eine Story zurecht gelegt, warum er alleine nach Köln fährt, nämlich weil er sich dort mit seinem Onkel und seiner Tante treffen wird, die ihn am Bahnhof abholen und ihm die Stadt zeigen wollen. Sein Kinderausweis, so hofft er, wird die Story falls nötig untermauern und beweisen, dass er selbstverständlich mit dem Wissen seiner Mutter unterwegs ist.
Aber der Schaffner fragt nicht danach und auch nicht nach seinen Reiseplänen. Er macht seinen Zangenabdruck auf die Fahrkarte und geht weiter, als wäre Rudi ein Erwachsener, der jedes Recht hat, in diesem Zug zu sitzen und sich gegenüber niemandem erklären muss.

Mehr als zwei Stunden vor Abfahrt des "Rheingold" kommt er am Kölner Hauptbahnhof an. Beinahe ehrfürchtig steht er in der großen Bahnhofshalle, Menschenmassen strömen aus allen Richtungen an ihm vorbei, aus Lautsprecheransagen hört er Städtenamen wie Hamburg, Amsterdam, München, Innsbruck. Er weiß kaum, wo er zuerst hinsehen soll. Wartezeiten wie in Aachen gibt es nicht, die Züge fahren hier im Minutentakt von den insgesamt elf Gleisen. Gute Planung ist daher alles.

In einer Unterführung unter der Halle schreibt er einige Bahnsteigangaben von einem der aushängenden Fahrpläne ab und bemerkt das Wesen erst, als es schon unmittelbar neben ihm steht.
"Was gibts´n hier zu Schreiben?"
Rudi dreht sich um. Etwas starrt ihn mit Augen an, die aussehen, als wären sie in den Kopf eingesunken, wie die Erde auf einem neuen Grab.
"Haste Geld?"
"Nein." Rudi will einen Schritt zur Seite treten.
"Bleib mal hier. Du musst doch Geld haben." Es streckt einen seiner knochigen, vernarbten Arme nach ihm aus.
"Mein Onkel wartet auf mich."
"Seh´ hier kein Onkel", grinst der Junkie und entblößt die schwarzen Ruinen, die vor langer Zeit vielleicht einmal ein Gebiss waren. Und obwohl er einen Kopf größer als Rudi ist, wirkt er auf ihn beinahe substanzlos und so zerbrechlich wie eine Fledermaus.
Aber schon nähert sich ein zweiter von der anderen Seite. Wie aus dem Gesicht geschnitten, denkt Rudi unwillkürlich an eine Redewendung, die seine Mutter öfter benutzt. Wieder einmal wünscht er sich sehnlichst, unsichtbar zu sein.
Bevor der zweite Junkie ihm noch näher kommen kann, dreht er sich mit einem Ruck von dem ersten weg, der nur den Ärmel von seinem T-Shirt zu fassen bekommen hat, und taucht so schnell er kann in der Menge unter, die scheinbar unablässig durch die Gänge unter der Bahnhofshalle strömt.
Und auch das ist anders als in Aachen: Man braucht in Köln keine Familien, um sich zu tarnen. Man löst sich stattdessen einfach in einer gesichtslosen Masse auf.

Noch mehr als 90 Minuten bis zur Abfahrt des "Rheingold".
Er läuft am D 204 "Riviera-Express" entlang nach vorne. Die italienischen Wagen lässt er aus und konzentriert sich nur auf die DB-Wagen. Aber in den nächsten beiden Wagen ist nichts mehr zu holen. Vermutlich hat der Zug auf seinem langen Weg vom Mittelmeer nach Köln schon Bekanntschaft mit anderen Sammlern gemacht. Die Zeit wird zu knapp, um es noch in Richtung Zugschluss zu versuchen. Jetzt kommt nur noch ein Schlafwagen direkt hinter der Lok, aber ein Schlafwagen ist immer heikel, nur wenige Reisende und mindestens ein Schaffner, der seine Leute kennt und der den Wagen nicht selten wie ein Schießhund bewacht.
Rudi schaut durch die geöffnete Wagentür und dort hängt es tatsächlich, keine fünf Schritte von ihm entfernt, Laufweg Ventimiglia-Dortmund und der Zugname in roter Schrift darüber. Ein selten schönes Stück, an das sich bisher offenbar noch keiner heran getraut hat. Aber wo steckt der Schlafwagenschaffner? Wenn er dem in die Arme läuft, ist auch die Nummer hier gelaufen. Er versucht vergeblich, durch die Fenster des Wagens zu erkennen, was drinnen los ist. Unauffällig sieht er sich auf dem Bahnsteig um und vertraut dann einfach auf seine Schnelligkeit.

Etwa eine Stunde vor Abfahrt des "Rheingold".
In den Katakomben unter der Bahnhofshalle, in einem Gang, der zu den Toiletten führt, wird er von zwei Männern angesprochen. Aber sie schnorren nicht einfach nur, so wie die Junkies, sie schlagen ihm ein Geschäft vor. Der mit den tätowierten Unterarmen fragt, ob er eine Nutte oder Koks kaufen will. Rudi antwortet "Nichts, danke", wie bei der Bäckereiverkäuferin auf die Frage, ob es noch etwas sein darf.
Wie immer schlägt sein Herz in solchen Situationen schneller, aber nicht mehr so schnell wie früher. Er glaubt, dass er cooler geworden ist, seit er in Köln ist und den Schlafwagen des Riviera-Express klar gemacht hat, an den sich sonst keiner heran wagt. Er lässt daher das grölende Lachen einfach hinter sich zurück und auch die leere Bierdose fliegt ein gutes Stück an seinem Kopf vorbei.

Noch 45 Minuten bis zum "Rheingold".
Nachdem der Intercity "Lötschberg" durch ist, wartet Rudi auf einen Zug, der den Namen eines Schiffes trägt, den "Gorch Fock". Der hat es ihm schon im Kursbuch angetan mit seinem langen Laufweg vom Meer bis zu den Alpen, von Kiel nach Garmisch Partenkirchen. Und auch der "Gorch Fock" fährt über seine Lieblingsstrecke, die KBS 600, durchs Rheintal.
Das Meer und die Alpen, Rudi kennt beides nur aus dem Atlas und aus seinem Streckenplan. Er stellt sich vor, den höchsten Berg Deutschlands zu sehen, wenn er mit dem "Gorch Fock" in Garmisch einfährt.

Ein älterer Mann auf dem Bahnsteig interessiert sich für ihn und es ist eine bemerkenswerte Abwechslung, dass der Mann kein Geld von ihm will, sondern ihm im Gegenteil welches anbietet.
"Willst du dir 60 Pfennig verdienen?"
"Sicher, warum nicht", sagt Rudi und erst in einigen Jahren wird ihm klar sein, warum man als alleinreisender 13-jähriger Junge auf dem Kölner Hauptbahnhof eine solche Frage nicht vorschnell mit Ja beantworten sollte.
Aber der Mann will nur eine Zeitung und weil sein Zug gleich kommt, will er den Bahnsteig nicht mehr verlassen. Wenn Rudi ihm für die Mark, die er ihm in die Hand drückt, eine Bild-Zeitung für 40 Pfennig vom Kiosk unten holt, dann ist das Wechselgeld sein. Rudi sprintet die Treppe runter und kurz darauf wieder hinauf und liefert die Bestellung in dem Moment aus, als der Zug einfährt. Eigentlich kein schlechter Job, auf einem Bahnhof zu arbeiten, denkt er. Und besser als Schule wäre es auf jeden Fall.
Eine günstige Fügung will es zudem, dass der ältere Mann mit dem Intercity "Gorch Fock" fährt und darum trägt Rudi ihm noch den Koffer bis in den Vorraum des Wagens. Kurz darauf steigt er zufrieden wieder aus dem Zug aus, während er den Reißverschluss seiner Umhängetasche schließt.

Noch eine knappe halbe Stunde bis zur Abfahrt des "Rheingold".
Rudi grübelt vor einem Wagenstandanzeiger über seinen optimalen Standort am Bahnsteig. Aber er weiß, dass er in den zwei Minuten, die der Zug in Köln Aufenthalt hat, kaum eine Chance hat und dass das Geld im Falle eines Scheiterns in absehbarer Zeit nicht mehr für einen weiteren Trip nach Köln reichen wird. Also muss er eine Station mit dem "Rheingold" mitfahren. Denn genau einmal reicht sein Geld noch, und zwar bis Bonn und zurück mit dem Abschnitt Köln-Bonn in der ersten Klasse plus 10 Mark TEE-Zuschlag. Alles passt genau zusammen. Und jetzt ist der "Rheingold" fällig.

Er hat in Aachen nur eine Fahrkarte bis Köln gekauft, immer nur abschnittsweise, falls noch etwas dazwischen kommt. Der Mann am Schalter in Köln erklärt ihm, dass er auch mit einem Intercity zweiter Klasse nach Bonn fahren kann, das ist billiger und es fährt noch ein Zug früher. Aber Rudi hat die Story parat, dass ihn seine Patentante abholen wird und die weiß, dass er mit dem "Rheingold" kommt, und deshalb kann er keinen anderen Zug nehmen. Und außerdem haben ihm seine Eltern das Geld auch extra dafür gegeben.

Ausgestattet mit der Fahrkarte nach Bonn setzt er sich auf eine leere Gepäckkarre am Ende des Bahnsteigs, von wo aus er die Brücke im Blick hat. Er hat sich entschieden, den "Rheingold" vom letzten Wagen an nach vorne abzuarbeiten.
Er zählt sein verbliebenes Geld und es reicht gerade noch für eine Rückfahrt von Bonn über Köln nach Aachen in der zweiten Klasse, wenn er nur Nahverkehrszüge benutzt. Auch prüft er, ob der Reißverschluss der Umhängetasche nicht etwa klemmt.

Ein Zug rollt von der Deutzer Seite her langsam auf die Hohenzollernbrücke und über den Rhein hinweg auf den Hauptbahnhof zu. Rudi erkennt schon von weitem die 103er Lok an der Spitze und dahinter mindestens sechs oder sieben beige-rote Wagen. "Alles erste Klasse, alles erste Sahne", murmelt er aufgeregt. Die Lautsprecheransage kann er mitsprechen, ohne auch nur einmal Luft zu holen: "Achtung, an Gleis 7 hat jetzt Einfahrt Trans-Europ-Express Rheingold von Amsterdam zur Weiterfahrt nach Basel SBB über Bonn, Koblenz, Mainz, Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Basel Badischer Bahnhof, planmäßige Ankunftszeit 10:47 Uhr, planmäßige Abfahrtszeit 10:49 Uhr, bitte Vorsicht am Bahnsteig."
Der "Rheingold" kommt und jetzt gilt´s.


4. Rheingold

Rudi steigt als einziger Reisender an der hinteren Tür des letzten Wagens ein. Er wartet noch, bis der Zug aus dem Bahnhof raus ist und steckt dann das erste Schild ein. Ein Kinderspiel. Er hat ab jetzt genau 19 Minuten Zeit und behält daher ständig die Armbanduhr im Blick.

Der Zug ist höchstens halbvoll, wie er beim Durchgehen durch die hinteren Wagen bemerkt. Niemand beachtet ihn und er macht keine halben Sachen und räumt systematisch ab. Als er den dritten Wagen durch hat, sind es nur noch vier Minuten, bis er wieder aus dem Zug raus muss. Mehr geht nicht, daher bleibt er an der nächsten Tür stehen und wartet auf Bonn.

Er kann von Glück reden, dass er in den Gang gesehen hat, sonst hätte er den Schaffner womöglich zu spät bemerkt, der von vorne durch den Zug kommt. Jetzt kein unnötiges Risiko mehr eingehen, er wird einfach wieder einen Wagen nach hinten und dem Schaffner aus dem Weg gehen.
Aber auch aus der anderen Richtung kommt jetzt ein Schaffner durch den Zug. Die Frage, wo der plötzlich herkommt und warum er ihm vorhin nicht aufgefallen ist, ist nebensächlich angesichts der Frage, wo er jetzt hin soll. Er steht genau im Übergang zwischen zwei Wagen, in beiden hat er abgeräumt, also bleibt ihm nur noch die Toilette, in die er sich kurzerhand einschließt. Und genau im Vorraum vor der Toilettentür bleiben die beiden Schaffner stehen. Rudi versteht nicht alles durch die geschlossene Tür, aber dass beide stinksauer sind, weil in den hinteren Wagen diverse Schilder fehlen, die kurz vor Köln noch da waren, ist nicht zu überhören.
Der Zug wird langsamer und fährt in Bonn ein. Rudi hört ein deutliches "...kann noch nicht weit sein...". Er muss jetzt raus, aber die beiden Schaffner stehen immer noch genau im Vorraum an der Wagentür und fertigen den Zug ab. Wenn er jetzt aus der Toilette kommt, genau dort, wo das letzte Schild verschwunden ist, dann ist er dran. Und ehe er sich eine Story zurecht legen oder einen Plan schmieden kann, fährt der Zug nach zwei Minuten Aufenthalt schon wieder ab.

Rudi versucht verzweifelt, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Story mit der Patentante in Bonn hat sich soeben erledigt, die Fahrkarte ist jetzt ungültig. Aber sie hat noch keinen Zangenabdruck, das heißt, er ist bis jetzt noch nicht kontrolliert worden. Er wühlt hektisch in der Tasche, findet den Kugelschreiber und versucht, aus dem aufgedruckten "Bonn" ein "Basel" zu machen und auch den Fahrpreis entsprechend zu ändern. Das Ergebnis ist verheerend und die Fahrkarte kann er jetzt definitiv nicht mehr vorzeigen. Er schaut zwar kurz zur Notbremse hin, aber er weiß, dass er dann bestenfalls irgendwo auf freier Strecke steht, falls er überhaupt ungesehen vom Zug weg kommt.

Nachdem vor der Toilettentür alles ruhig geworden ist, wagt er sich raus. Die Schaffner sind verschwunden, aber ohne gültige Fahrkarte sieht es bei einer Kontrolle ganz übel für ihn aus. Und wenn einer auf die Idee kommt zu fragen, was er eigentlich in seiner Tasche hat, dann ist Polen offen.
Er entschließt sich, weiter nach vorne durchzugehen, ein Stück weg vom Tatort, und sich dort bis Koblenz in einer Toilette oder anderswo zu verstecken.

Im nächsten Wagen sind drei Kinder auf dem Gang: ein Mädchen, etwa in seinem Alter, und zwei kleinere Jungen, die er auf sechs bis höchstens acht Jahre schätzt und von denen einer aufs Klo muss. Aus einem Abteil ruft eine Frau: "Angie, geh doch mal mit deinem Bruder zur Toilette." Das Mädchen geht mit den beiden Jungs an Rudi vorbei, da tritt plötzlich aus einem Abteil knapp vor ihm einer der Schaffner auf den Gang und kommt direkt auf ihn zu. Rudi dreht sich um, läuft den Kindern nach und ruft laut: "Angie, warte auf mich!" Das Mädchen sieht sich verwirrt um, aber Rudi hat sie und ihre Brüder schon in den Vorraum des Wagens geschoben. Sie fragt ihn, ob er eigentlich spinne, sie kenne ihn doch gar nicht, doch er bittet sie eindringlich, nur ganz kurz mitzuspielen.
"Fährst du etwa schwarz?" Ihre Frage klingt vorwurfsvoll, aber, wie er glaubt, auch ein wenig belustigt.
"Nein, also nur ein bisschen, sozusagen aus Versehen."
Er sieht in den Gang zurück. Der Schaffner kommt.
"Bitte, ich kann das alles erklären, es ist nicht so wie du denkst." Den Satz hat er so ähnlich schon ein paar Mal im Fernsehen gehört und es ist die beste Beschwörungsformel, die ihm in der Eile einfällt, bevor er sich mit ihrem kleinen Bruder zusammen auf der Toilette einschließt und das Ohr an die Tür hält. Die beiden kleineren Jungs verstehen noch nichts, aber wenn das Mädchen nicht mitspielt, ist er in zwei Minuten erledigt.
Er hört, wie der Schaffner fragt, zu wem sie gehören. Angie sagt, ihr Bruder müsse dringend und sie gehören alle zur Familie Kestner, die da vorne im Abteil sitzt, und ihre Eltern hätten ihre Fahrkarten.

Der Schaffner geht zurück und fragt einen Mann und eine Frau, ob sie die Familie Kestner und die Kinder auf dem Gang alles ihre Kinder sind. Der Mann, der Rudi noch nicht gesehen hat, sagt lachend: "Ja, das sind alles unsere." Der Schaffner prüft eine Vielzahl von Fahrkarten, Platzreservierungen und Zuschlägen und schaut noch mal auf den Gang zurück, als wäre er nicht ganz sicher, wie viele Kinder er genau gesehen hat.
"Der Kleine hat noch keine Fahrkarte?"
"Doch hat er", sagt die Mutter und fragt besorgt, ob alles in Ordnung sei und der Schaffner sagt: "Ja, ja, alles klar", macht seinen Zangenabdruck auf alles, wünscht gute Fahrt und geht weiter.

Ich müsste mich unsichtbar machen, um hier lebend rauszukommen, denkt Rudi und wischt sich schon mit dem dritten Papierhandtuch den Schweiß von der Stirn. Warum kann ich nicht unsichtbar sein, verflucht er lautlos sein Spiegelbild über dem Waschbecken, während der kleine Bruder neben ihm ungeniert pinkelt.
"Wasch dir hinterher die Hände", sagt Rudi geistesabwesend. Der Junge schaut ihn erstaunt an und tut dann aber, was man ihm gesagt hat.
In Rudis Kopf setzt sich etwas in Bewegung. Gedanken, die hin und her flitzen, wie der kleine flinke 260er Rangierhobel, der morgens am Aachener Hauptbahnhof so geschwind die Kurswagen umstellt, von einem Zug zum anderen, und dem man gar nicht zutraut, was der alles ziehen kann.
Angie und ihre beiden Brüder, das sind drei Kinder, und sie hat gerade zum Schaffner etwas über ihre Eltern gesagt, das sind zwei Erwachsene. Eine fünfköpfige Familie, die in einem Sechser-Abteil sitzt, das bedeutet, dass ein Platz noch frei ist. Denn niemand würde sich auf den einzigen freien Platz im Abteil zu einer Familie mit drei Kindern setzen, wenn der Zug nur halbvoll ist. Niemand. Es sei denn, er gehört zu dieser Familie.

Nachdem der Schaffner an Angie und einem ihrer Brüder vorbei gegangen ist, die immer noch vor der Toilettentür stehen, klopft sie an und sagt, dass die Luft rein ist. Rudi kommt raus und sie will von ihm wissen, ob er alleine unterwegs ist und ob er von zu Hause abgehauen ist und wieso er keine Fahrkarte hat. Er erzählt ihr ohne lange nachzudenken, dass er zu seiner Patentante nach Basel fahren wolle, weil seine Eltern beruflich nach Amerika mussten, und er ist natürlich nicht abgehauen und er fährt auch nicht schwarz. Zum Beweis hält er ihr seine Fahrkarte hin, mit der bekritzelten Seite nach unten, dazu noch die Quittung über den TEE-Zuschlag, denn Mädchen verstehen sowieso nichts von Bahnfahrkarten, jedenfalls nicht auf diesem Planeten.
"Ich habe nur vergessen, eine Platzreservierung zu kaufen und jetzt weiß ich nicht, wo ich sitzen soll. Und der Schaffner hat mich schon einmal aus einem Abteil vertrieben und darum will ich dem nicht noch mal begegnen."
"Ach so." Sie lächelt ihn an. "Dann komm doch mit zu uns. Wir haben noch einen Platz im Abteil frei."
"Ja, wenn das geht. Aber sag deinen Eltern nichts von der Sache gerade mit dem Schaffner, OK?"
"Nein, keine Sorge. Wie heißt du eigentlich?"
"Rudi."
"Lustiger Name. Ist das eine Abkürzung für irgendwas?"
"Rüdiger. So hieß auch mein Großvater."
"Ich heiße Angie", sagt sie.
"Ja, ich weiß", sagt er.

Angie erzählt ihren Eltern, dass sie ihn gerade auf dem Gang getroffen hat und er ganz alleine zu seiner Tante in die Schweiz fährt. Sie fragt, ob er bei ihnen sitzen kann und die Eltern haben nichts dagegen. Rudi erfährt, dass die Familie zum Titisee in den Urlaub will und bis Freiburg mit dem "Rheingold" fährt. Die Eltern fragen ihn, wie er heißt und auch, wo die Tante wohnt, er sagt "Biel" und Angie meint erstaunt, dass er doch eben noch Basel gesagt hätte. Aber hier ist er auf sicherem Terrain, denn wie er jetzt ausführlich erklärt, meinte er, dass er im "Rheingold" bis Basel fährt und dann müsse er umsteigen in einen Schweizer Intercity, der um 15:58 Uhr ab Basel SBB über Delémont und Biel in Richtung Genf fährt.
Wieder kommt der Schaffner am Abteil vorbei und lächelt kurz zu ihnen hinein. Rudi schiebt seine Tasche mit dem Fuß wie beiläufig unter die Sitze. Auf die Frage, ob er sonst kein Gepäck dabei hat, sagt er: "Den Koffer habe ich aufgegeben", und fügt noch hinzu: "Meine Mutter macht das immer, sie sagt, das ist praktischer".

Dann hält der Zug in Koblenz und er realisiert, dass seine Story einen großen Haken hat. Er kann jetzt nämlich nicht einfach hier aussteigen, da die Familie denkt, er fährt nach Basel und mindestens ein Schaffner denkt, er gehört zur Familie und fährt nach Freiburg. Wenn er jetzt versucht, sich abzusetzen, geht er ein enormes Risiko ein, zumal er am Bahnhof auch noch nicht aus dem Einflussbereich der Bahn raus ist. Und am Ende findet womöglich noch jemand heraus, was in seiner Tasche ist.
Und noch bevor er seine Optionen abwägen kann, nimmt ihm der "Rheingold" die Entscheidung ab und fährt weiter. Nächster Halt Mainz Hauptbahnhof, weitere 90 km Richtung Süden.

Die Mutter nimmt das im Abteil ausliegende Faltblatt "Ihr Zugbegleiter", einen Fahrplanauszug, der den Fahrtverlauf des "Rheingold" und seine wichtigsten Anschlusszüge enthält. Sie fragt ihren Mann, in welchen Zug sie umsteigen müssen, und Rudi weiß als Kursbuchleser ohne nachzusehen, dass sie ab Freiburg den 15:10 Uhr-Zug in Richtung Seebrugg nehmen müssen, wenn sie zum Titisee wollen. Und zur Belustigung Angies und ihrer Eltern sagt er ihnen auch noch alle Halte des "Rheingold" mit Ankunft- und Abfahrtzeit und ein paar weitere Anschlusszüge auswendig auf.

Der Zug fährt durch das Rheintal zwischen Koblenz und Mainz und die beiden jüngeren Brüder schauen nach den alten Burgen, die hier und da auf die Hänge gebaut sind. Der Zug passiert auch den Loreley-Felsen und die Mutter erzählt von der Sage und den Gedichten über das Mädchen Loreley, das auf dem Felsen sitzt und seine langen blonden Haare kämmt und wie die Rheinschiffer dadurch abgelenkt auf den Felsen auffahren und untergehen. Angie fragt, von wem die Loreley-Geschichte eigentlich ursprünglich stammt. Der Vater tippt auf Heinrich Heine, Rudi sagt: "Clemens Brentano".
Die Mutter meint amüsiert, dass jemand, der sich so gut Fahrpläne merken kann, bestimmt auch viele Gedichte auswendig weiß. Rudi sagt, dass er sich von Gedichten gar nichts merken könne, bis auf die Jahreszahl, wann es geschrieben wurde. Und Brentano war eben früher als Heine.

Rudi und Angie sitzen sich gegenüber auf den beiden Gangplätzen neben der Abteiltür. Angie hat ihre Schuhe ausgezogen und die Füße neben Rudi auf dessen Sitz gelegt. Rudi stellt seine Füße hingegen ordentlich auf den Boden und verstellt so weit wie möglich den Blick auf die Umhängetasche mit dem brisanten Inhalt, die unter seinem Sitz liegt.
Sie spielen ein Kartenspiel und legen abwechselnd ihre Karten auf dem kleinen Klapptisch ab. Rudi schaut konzentriert in das Blatt auf seiner Hand und hin und wieder aus dem Fenster und versucht angesichts der Tatsache, dass der Zug mittlerweile schon über Mannheim hinaus ist, den Gedanken zu verdrängen, dass die ganze Tour mit jeder verstrichenen Minute weiter außer Kontrolle gerät.
Angie stupst ihn mit dem Fuß an. Er sieht zu ihr auf und sie schaut ihn mit großen Augen erwartungsvoll an.
"Na? Und?"
Rudi, der heute zum ersten Mal "Uno" spielt und jetzt gerade seine letzte Karte in der Hand hält, braucht zwei Sekunden, bis der Groschen gefallen ist und er begriffen hat, dass er jetzt "Uno" rufen muss, um das Aufnehmen einer Strafkarte zu vermeiden. Er holt also tief Luft und deklamiert sein "Uno" laut und deutlich durch das Abteil. Einer der kleinen Brüder kichert.
"Eigentlich müsste ich ja jetzt eine ziehen", meint Rudi.
"Ich will nicht gewinnen, weil ich deine Unerfahrenheit ausnutze", sagt Angie freundlich und fügt dann aber ernst hinzu: "Beim nächsten Mal gibt´s aber keine Hilfe mehr, dann musst du selber dran denken."
"Alles klar", sagt Rudi und denkt, dass sie ihn beim nächsten Mal auch gerne wieder anstupsen dürfte.

Vor der Abteiltür zieht indes neues Ungemach auf. Rudi muss nicht von seinen Karten aufsehen, ein Seitenblick auf schwarze Hosenbeine mit Bügelfalte genügt und er weiß, dass wieder ein Schaffner im Anmarsch ist, diesmal ein anderer, und der jetzt fragt, wo sie zugestiegen sind und ob sie schon kontrolliert wurden.
Der Vater holt seinen Stapel an Fahrkarten hervor, während Rudi versucht, sich so tief wie möglich in seinen Sitz zu drücken und dabei die Stimme des Schaffners nur noch wie von Ferne hört. Er braucht verzweifelt eine Story, falls man seine Fahrkarte sehen will, aber er hat keine Story und sein einziger Plan besteht darin, dass er dem Schaffner seine dilettantisch manipulierte Bonn/Basel-Fahrkarte mit einem lauten "Uno"-Ruf vor die Füße werfen wird und dann würde er den Moment der Verwirrung nutzen und rennen, alles zurück lassen, vor allem auch die Umhängetasche, und nur noch durch den Zug nach hinten rennen, dabei die Notbremse ziehen und dann aus der Tür im letzten Wagen raus und auf die Gleise springen. Aber er würde nicht weit kommen, denn er sieht, wie der dicke seltsame Typ von Gleis 8 breitbeinig auf den Schienen steht, in einer Hand den Schraubenschlüssel, in der anderen ein paar silberfarbene Handschellen, und mit einem albernen Winken und hämisch grinsend ruft: "Sag Bye Bye zu deinen Schildern! Sag 206 mal Bye Bye!"
"Wenn ich hochgehe, gehst du mit hoch!", schreit Rudi ihm entgegen, aber den seltsamen Typ lässt das kalt.
"Das ist die Strafe", sagt er und lässt die Handschellen lässig um seinen ausgestreckten Zeigefinger kreiseln. "Und Strafe muss sein."

Aber es war Angies Stimme. Sie war es, die etwas von Strafe gesagt hat. Und tatsächlich sieht sie auch gerade vorwurfsvoll und mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm hinüber. Rudis Hände zittern und der Schweiß läuft ihm von der Stirn. Der Vater sieht ihn fragend an, ebenso der Schaffner, Rudi weiß nicht mehr, was er tut, und krächzt aus seiner von Angst wie zugeschnürten Kehle auf gut Glück einfach mal ein "Uno" heraus. Der kleine Bruder kichert wieder, aber Angie bleibt diesmal hart.
"Nee, das war jetzt wirklich zu spät. Jetzt musst du eine ziehen. Strafe muss sein." Und sie hält ihm den Stapel mit den Spielkarten hin. Während Rudi wie betäubt die Karte nimmt, erklärt der Vater dem Schaffner, dass sie bereits kontrolliert wurden und zeigt einen Fahrschein mit Zangenabdruck. Der Schaffner macht sich nicht die Mühe, erneut alle Fahrkarten zu prüfen und verschwindet wieder.
Der Vater hat die Schweißperlen und auch die zitternden Hände gesehen und spätestens jetzt ist ihm klar, dass mit Rudi etwas nicht stimmt, der scheinbar auf keinen Fall kontrolliert werden will. Aber er sagt zunächst nichts, denn für ein Kind, das von zu Hause abgehauen und einfach in den erstbesten Zug eingestiegen ist, kennt sich Rudi zu gut aus. Er scheint einen Plan zu haben und der Vater will ihn von sich aus mit der Wahrheit herauskommen lassen.
Rudi hat allerdings, abgesehen von dem Fahrplan in seinem Kopf, überhaupt keinen Plan. Nachdem der Zug auch Karlsruhe hinter sich gelassen und Angie seine kurze Panik dann doch für einen deutlichen "Uno"-Sieg ausgenutzt hat, weiß er nur, dass er jetzt dringend etwas unternehmen muss. Freiburg ist der letzte Halt vor der Schweizer Grenze. Danach kommt Basel Badischer Bahnhof und dort steigen Deutsche und Schweizer Zollbeamte in den Zug und dann wird ihn keine Story der Welt mehr retten.

Vor dem Fenster tauchen die ersten grünen Berge des Schwarzwalds auf. Der "Rheingold" nähert sich Freiburg und die Familie packt zusammen und bereitet sich zum Aussteigen vor. Als sie mit ihrem Gepäck das Abteil verlassen und Angie sich schon von ihm verabschieden will, sagt er kurz: "Ich steig auch hier aus."
Der Vater ist nicht überrascht und hat schon so etwas erwartet. Angie meint erstaunt, dass er doch zu seiner Tante in die Schweiz müsse und Rudi sagt, dass er keine Tante in der Schweiz habe. Der Vater sagt daraufhin nur: "Na, dann komm mal mit."

Rudi steigt zusammen mit "seiner" Familie in Freiburg aus. Der Schaffner steht an der Tür, verabschiedet sich freundlich und wünscht noch eine gute Weiterreise. Dann schaut er auf die leere Halterung an der Wand neben der Toilettentür, in der bis kurz vor Bonn noch ein Zuglaufschild hing, und murmelt etwas davon, dass diese Typen immer dreister werden, Eisenbahnfans hin oder her.

Auf dem Bahnsteig setzen sie sich alle auf eine Bank und der Vater fragt Rudi, ob er nun erzählen will, was los ist. Rudi erzählt fast alles: Dass er aus Aachen kommt und Eisenbahnfan ist und dass er mit dem "Rheingold" fahren wollte, aber in Bonn den Ausstieg verpasst hat, weil er auf dem Klo war. Und dass er danach nicht mehr dem Schaffner begegnen wollte, weil er ja keine gültige Fahrkarte mehr hatte. Er umklammert dabei die Umhängetasche, fest entschlossen, dass diese Leiche im Keller bleiben soll, so lange es geht. Die Mutter will nicht glauben, dass er wirklich eine Fahrkarte bis Bonn hat und Rudi zeigt sie vor. Der Vater sieht, dass er versucht hat, "Bonn" in "Basel" abzuändern und meint nur, ob er denn ernsthaft glaube, dass irgendein Schaffner darauf jemals reingefallen wäre. Rudi zuckt nur die Achseln. "Mit dem Mut der Verzweifelung".
Der Vater kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Er fragt Rudi, wie es jetzt weitergehen soll. Angie schlägt vor, dass er doch mit ihnen zum Titisee fahren könne, weil er ja nicht mehr nach Hause kann, seine Eltern sind doch in Amerika. Ihre Eltern schauen sich derweil vielsagend an.
"Ach, in Amerika?"
Rudi schüttelt nur wortlos den Kopf.
"Und wo sind deine Eltern?", fragt der Vater.
Rudi schaut auf die Uhr. "Meine Mutter arbeitet jetzt noch im Supermarkt."
"Und dein Vater?"
"Weiß ich nicht. Meine Eltern sind geschieden", muss er zugeben.
Die Mutter will ihn mit dem nächsten Zug wieder nach Aachen zurück schicken, aber es ist schon später Nachmittag und er gesteht auch, dass er kein Geld mehr hat.
"Ach herrje, auch das noch", kommentiert sie sein zweites Geständnis. Zur Bahnhofsmission will er auf gar keinen Fall und Angie bittet wieder darum, dass er doch mit ihnen zum Titisee kommen darf, von wo aus er seine Mutter anrufen und ihr sagen könne, dass alles OK ist und dass er am nächsten Tag das Geld für eine Rückfahrkarte bekommt und er könne doch die eine Nacht mit ihnen in der Ferienwohnung bleiben. Die Eltern sehen sich kurz an und sagen ihm dann, dass er, wenn er denn will, mitkommen könne. Rudi freut sich. Angie auch.
Rudi sagt, dass sie sich jetzt aber beeilen müssen, denn der Zug in Richtung Seebrugg fährt in vier Minuten von Gleis 7. Schon zum zweiten Mal an diesem Nachmittag auf dem Freiburger Hauptbahnhof kann sich der Vater das Grinsen nicht verkneifen: "Na, wenn wir dich nicht hätten."


5. Nur eine Nacht am Titisee

Der Zug, mit dem sie weiterfahren, steht lange im Bahnhof "Himmelreich" und die Mutter fragt, warum es denn nicht weitergeht. Rudi erklärt, dass sie auf den Gegenzug warten müssen, weil die Strecke hier nur eingleisig ist. Angie will wissen, ob er schon mal hier war. Rudi verneint und erklärt, dass es einen Streckenplan der Höllentalbahn im Kursbuch gibt und darauf sieht man, dass die Strecke eingleisig ist und auch, dass sie elektrifiziert ist.
Als es weitergeht sagt der Vater, dass sie jetzt gleich über eine schöne hohe Brücke fahren.
"Ravennabrücke", sagt Rudi und fügt hinzu: "Steht auch im Streckenplan".

Am Bahnhof Titisee angekommen, soll er zunächst seine Mutter anrufen. Er geht in eine Telefonzelle und überlegt sich eine Story. Er kann seiner Mutter, die nicht einmal ahnt, dass er nach Köln gefahren ist, unmöglich erklären, dass er gerade im Schwarzwald ist. Aber zu Hause nimmt ohnehin niemand ab. Er ruft daraufhin bei der Oma an und versucht herauszuhören, ob er schon vermisst wird, denn die Mutter hätte in dem Fall als Erstes die Oma angerufen. Aber die Oma weiß von nichts. Er sagt ihr daher eher beiläufig, dass er bei Markus sei. Er ist nämlich immer "bei Markus", wenn er eine Story braucht, denn es gibt drei Typen namens Markus in seiner Klasse. Und wenn wirklich jemand bei einem der Markus-Typen das Alibi prüfen sollte, dann kann Rudi immer noch sagen: "Ach, diesen Markus meinte ich doch gar nicht".
Er sagt der Oma, wenn die Mutter anruft, solle sie sich keine Sorgen machen, er bliebe über Nacht "bei Markus". Die Oma findet es nicht gut, dass er einfach so wegbleibt, aber mehr kann er jetzt nicht tun und damit sieht er seine Pflicht als erfüllt an.
Auf die Frage, ob er seine Mutter erreicht hat, sagt er: "Nein, aber die Oma weiß Bescheid. Alles geregelt."

Von der Terrasse der Ferienwohnung kann man den ganzen Titisee überblicken. Rudi schaut auf sommergrüne Hügel und Täler unter einem weiten blauen Himmel. Auf dem See schaukeln kleine weiße Dreiecke in einer leichten Brise.
"Ich kann auch ein kleines bisschen Segeln", erzählt Angie nicht ganz ohne Stolz.
"Cool. Ich habe noch nie selbst ein Boot gefahren."
"Aber schwimmen kannst du doch, oder?"
"Na klar. Bis da drüben zur anderen Seite, wenn´s sein muss."
"Prima", sagt sie. "Dann weiß ich nämlich, was wir heute Abend machen."

Die Eltern haben Abendessen gemacht und Rudi sitzt mit der Familie zusammen am Tisch, den sie hinter dem Haus auf die Wiese unter einen Baum gestellt haben. Ein paar Teelichter brennen schon, obwohl es noch lange nicht dunkel ist.
Sie haben einen Garten, denkt er. Und sie essen ihre Spaghetti auch nicht nur mit Ketchup.

Die Eltern wollen mit den Kindern nach dem Essen noch etwas spielen, aber Angie will mit Rudi noch mal raus. Sie bekommt Geld, damit sie sich ein Eis kaufen und auch ein Tretboot mieten können.
"Kommt zurück, wenn ihr soweit seid, Angie kennt sich hier ja aus", sagen die Eltern, ohne ihnen eine Zeit vorzugeben.

Als sie mit dem Boot auf dem See sind, fragt er Angie, ob ihre Eltern eigentlich sehr reich sind. Sie sagt, dass sie glaube, die Ferienwohnung sei nur gemietet. Rudi meint, weil sie es sich leisten können, mit dem "Rheingold" zu fahren.
"Ist der denn so teuer?"
"Nur erste Klasse", sagt er.
"Fährst du sonst nie erste Klasse?"
"Ich bin eher der zweite Klasse-Typ."
"Aber darauf kommt's doch nicht an", sagt sie. Und als wolle sie ihn trösten: "Das sind doch nur Züge."
Rudi weiß, dass Züge für Menschen wie ihn eben nicht einfach "nur Züge" sind, aber trotzdem gefällt ihm, wie sie das gerade gesagt hat.
Die Dämmerung ist hereingebrochen und über dem Waldhang an der Ostseite des Titisees, an dem die Bahnstrecke steil bergauf nach Feldberg-Bärental verläuft, geht ein heller Halbmond auf.
"Lass uns zum Mond fahren", sagt Angie und lenkt das Tretboot hinüber zu der silbernen Spiegelung im Wasser.

In der Ferienwohnung teilen sich die Eltern und die beiden kleinen Brüder je ein Schlafzimmer. Rudi bekommt zum Schlafen eine Luftmatratze und er legt sie neben das Sofa im Wohnzimmer, auf dem Angie schläft.
Als er aus dem Badezimmer kommt, bemerkt er, dass er seine Tasche mit offenem Reißverschluss auf dem Boden stehen gelassen hat und dass Angie hätte hineinsehen und die Schilder entdecken können. Aber sie sagt nichts darüber, vielleicht weiß sie auch gar nicht, was das ist, sie kämmt stattdessen ihre langen dunkelblonden Haare. Rudi sagt: "Loreley-Haare". Sie lächelt und wünscht ihm gute Nacht. Er schließt den Reißverschluss der Tasche und ist ganz sicher, dass sie nichts gesehen hat.

Am nächsten Morgen steht Angie vor einem Spiegel. Sie trägt ein Kleid im Stil einer Schwarzwälder Tracht. Die Mutter wundert sich, dass sie es anzieht, weil sie das ja sonst nicht so oft trägt. Rudi sieht Angie zu. Sie sagt: "Meine Oma hat mir das Kleid geschenkt. Meine Oma stammt nämlich aus dem Schwarzwald". Er stellt sich neben sie vor den Spiegel und zeigt auf seine billige C&A-Jeans, die an den Knien bald durchgescheuert und auch nicht mehr wirklich sauber ist: "Meine Mutter hat mir diese Hose gekauft. Meine Mutter stammt nämlich aus dem Ruhrpott." Beide fangen an zu lachen.

Die Mutter meint, dass Rudi bald zum Bahnhof müsse. Er sagt, dass er noch etwas Zeit hätte, wenn er ab Freiburg den "Lötschberg" um 14:50 Uhr nimmt.
"Was für´n Berg nimmst du?", fragt einer der kleinen Brüder.
"Intercity 106 Lötschberg, Zugstammlauf Brig-Hamburg Altona mit Kurswagen aus Interlaken", erklärt er. Die Eltern und Angie grinsen.
"Du bist schon ´ne Type", sagt der Vater. Rudi ist stolz auf das Kompliment, auch wenn er es nicht direkt zeigen will.

Die Familie bringt ihn zum Bahnhof, das ist Ehrensache, und sie kaufen ihm auch die Fahrkarte nach Aachen. Angie trägt das Schwarzwaldkleid und sie gehen nebeneinander durch die kleine Ortschaft, die den gleichen Namen trägt wie der See. Der größere der beiden kleinen Brüder will Rudi zum Abschied etwas schenken und Rudi schaut sich in einem Souvenir-Kiosk um und entscheidet sich für eine Ansichtskarte vom Titisee.

"Wir haben noch gar kein Foto von uns allen gemacht", meint Angie daraufhin. Doch die Kamera des Vaters liegt zu Hause und so bleibt ihnen nur der Passbildautomat am Bahnhof. Aber da passt nicht die ganze Familie rein.
"Macht ihr beiden mal", sagt die Mutter zu Angie und Rudi und wirft Geld in den Automaten. Es kommen vier Fotos raus, die alle in einem Streifen zusammen hängen.
"Für jeden zwei", sagt Rudi und will den Bilderstreifen in der Mitte vorsichtig durchreißen. Aber Angie hält ihn auf, lässt sich das Schweizer Taschenmesser von ihrem Vater geben und schneidet die Fotos sauber an der Kante durch.

Der Zug kommt und Rudi verabschiedet sich von Vater und Mutter mit einem Händedruck.
"Danke für die Fahrkarte. Ich bezahl Ihnen das irgendwann zurück."
"Brauchst du nicht", sagt der Vater. "Aber einen Gefallen musst du mir schon dafür tun."
"Klar."
"Keine Extratouren und keine Umwege. Auf dem direkten Weg nach Aachen."
Rudi grinst. "Versprochen".
"Sorgen muss man sich ja sonst nicht um dich machen, oder?", fragt die Mutter. "Das mit den Zügen hast du ja drauf."
"Ja, hab ich", sagt er.
Bevor er einsteigt, steht er noch vor Angie. Erst wissen beide nicht so recht, was sie tun sollen, dann umarmt sie ihn und sagt Tschüss.
Als der Zug abfährt, winkt er aus dem offenen Fenster und die Familie winkt ihm hinterher, bis der Zug verschwunden ist.


6. Die Loreley hat kein Gedächtnis

Rudi steht am Bahnhof in Freiburg, ziemlich am Ende des Bahnsteigs. Der Zug fährt vor ihm ein, viele Wagen mit Laufweg Brig-Hamburg. Er schaut bei jedem vorbei rollenden Wagen auf das Außenschild und sagt vor sich hin: "Hab ich schon, hab ich schon, hab ich schon..." Schließlich hält der vorletzte Wagen des Zugs vor ihm an. Es ist einer der beiden Kurswagen aus Interlaken. Rudi sagt: "Hab ich noch nicht", und steigt in den Wagen ein.

Er sucht sich ein leeres Abteil. Er ist jetzt offiziell wieder ein alleinreisendes Kind und so dauert es auch nicht lange, bis ein Schaffner in der Abteiltür auftaucht und unangenehme Fragen stellt. Aber Rudi ist heute auf der sicheren Seite. Er hat eine gültige Fahrkarte und er hat eine Story.
Der Schaffner fragt ihn, wo er herkommt und wo er hinfahren will und Rudi erklärt, dass er mit einer befreundeten Familie am Titisee Urlaub gemacht habe und jetzt wieder zu seiner Mutter zurück nach Aachen fährt. Der Schaffner prüft seine Fahrkarte. Rudi zeigt auch die Ansichtskarte. Er fragt, ob Rudi einen Ausweis dabei hat und der hält ihm seinen mehrfach gefalteten und schon deutlich abgenutzten Kinderausweis hin, der seinen angegebenen Wohnort bestätigt.
"Du fährscht also heim", fasst der schwäbische Schaffner die Beweisaufnahme zusammen. Rudi nickt, der Schaffner ist zufrieden, dieses Kind haut offenbar nicht gerade von zu Hause ab, er wünscht noch eine gute Fahrt und geht.
"Zurück", sagt Rudi leise und schaut aus dem Fenster, vor dem die grünen Berge des Schwarzwalds in der Nachmittagssonne langsam im Süden verschwinden. "Nicht heim, ich fahr zurück."

Kurz vor St. Goar legt sich der Intercity "Lötschberg" in voller Fahrt geschmeidig in eine enge Kurve des Rheintals, während auf der gegenüberliegenden Flussseite der Loreley-Felsen vorbeizieht. Rudi steht an einer Tür des Wagens und schaut raus, er schaut der Loreley nach. Neben ihm hängt ein Schild mit Laufweg Interlaken-Hamburg Altona in der Halterung an der Wand. Er beachtet es nicht, bis hinter ihm jemand aus der Toilette kommt und verschwindet.
Nur noch dieses eine und auch nur als Andenken, denkt er. Und er dreht sich um, schaut in den Gang zurück, dass ihn auch keiner sieht, und dann die gewohnte Aktion: Tasche auf, Schild rein, Tasche wieder zu und weg. Er geht durch den Zug zwei Wagen weiter nach vorne, ein Stück weg vom Tatort, und setzt sich dort in ein anderes leeres Abteil. Er sieht wieder aus dem Fenster, doch die Loreley ist schon längst wieder verschwunden. Der Zug fährt schon durch Boppard.
Die Loreley hat nichts gesehen, denkt Rudi. Und falls sie doch was gesehen hat, dann sagt sie nichts, denn sie hat es wahrscheinlich jetzt schon vergessen. Die Loreley ist schön, aber sie hat kein Gedächtnis. Sie vergisst alles wieder. Sie ist ja auch nur eine Märchenfigur und nicht real.


7. Rückkehr

Am Kölner Hauptbahnhof steigt er aus dem Zug. Am Bahnsteig gegenüber steht ein anderer Intercity. Die Türen sind offen, der Vorraum im Wagen leer, ein Zuglaufschild hängt an der Wand neben der Toilettentür. Aber Rudi kümmert es nicht. Keine Extratouren und auch kein Risiko, dass womöglich wieder etwas in einer Extratour endet. Er hat es versprochen und was er verspricht, das hält er auch.

Der Weg von Gleis 6, auf dem der "Lötschberg" angekommen ist, zu Gleis 8, auf dem der Eilzug nach Aachen abfährt, ist nicht weit, aber es reicht, dass ihn prompt wieder ein Junkie anschnorrt, einer der so aussieht, dass er auch ohne Maskenbildner jederzeit für einen Zombie-Film gecastet werden könnte. Rudi gibt ihm seine letzten 50 Pfennig, nur um den Kerl schnell los zu werden, und denkt: Seid ihr auch wieder da, na dann ist ja alles klar.

Auch den Typen, die abends im Eilzug nach Aachen fahren, würde man nicht unbedingt sein Portemonnaie zur Aufbewahrung anvertrauen, aber das Problem stellt sich für ihn heute Abend sowieso nicht. Noch vor Köln-Ehrenfeld wird seine Fahrkarte kontrolliert und er zeigt auch gleich unaufgefordert seinen Kinderausweis vor, um das Prozedere abzukürzen. Beim Versuch das abgegriffene Dokument wieder in seiner Hosentasche zu verstauen, löst sich endgültig der nur noch dünne Knick zwischen den beiden aufklappbaren Seiten und er hält den Ausweis in zwei Einzelteilen in der Hand.

Er sieht wieder aus dem Fenster: Ein paar alte Güterwagen in Horrem, das Braunkohlekraftwerk in Niederaußem, von dem man nur die Wolken über den Kühltürmen sieht, die rosa erscheinen, aber das ist nur ein Spiel der letzten schrägen Sonnenstrahlen. Eine Zuckerrübenfabrik in der Nähe von Sindorf, Düren und das Kohleabbaugebiet in der Jülicher Börde, die untergehende Sonne, einfache Arbeitersiedlungen in Langerwehe, ein weiteres Kraftwerk bei Weisweiler, das schon für die kommende Nacht beleuchtet ist, ein einzelnes Schaf, das auf einer Wiese steht und scheinbar keine Herde hat, Eschweiler, wo die Oma allein in einer kleinen Mietwohnung lebt, Schrebergärten, Stolberg und schließlich Aachen Rothe Erde, das alte Gebäude der Nadelfabrik, das Rudi aber nur erahnt, denn es ist schon so dunkel, dass er im Fenster nur noch sein eigenes Spiegelbild erkennt.
Auch wenn er nicht leugnen kann, dass dies hier, die KBS 480, seine Hausstrecke ist, seine Lieblingsstrecke wird es niemals werden.
Das Viadukt und der Hauptbahnhof. Endstation.

Anders als sonst auf dem Nachhauseweg wirft er dem Hauptbahnhof heute Abend keinen letzten Blick mehr von der Burtscheider Brücke zu. Er sieht stattdessen zur anderen Seite hinüber, wo im Westen tief über dem Wald noch ein letztes orangefarbenes Licht des Tages liegt. Schon ganz im Dunklen liegt in dieser Richtung auch die Abstellgruppe, Rudi erkennt nur eine 215er Lok, vermutlich eine mit bloß aufgemalter Nummer, und sonst nur jede Menge Wagen. Nichts, was ins Beuteschema des Typs von Gleis 8 passt. Und selbst wenn er jetzt da unten zu Gange sein sollte, wollte Rudi heute Abend nicht an seiner Stelle sein.

Vor der Wohnungstür holt er den Schlüssel raus und atmet einmal tief durch. Story oder Wahrheit?
Aber die Mutter sitzt scheinbar entspannt vor dem Fernseher. Womöglich nur ein Trick, um ihn in Sicherheit zu wiegen.
"Ist schon ziemlich spät."
"Ich hab doch einen Zettel hingelegt, dass es später wird", sagt er.
"Lag der nicht schon gestern da?", fragt die Mutter.
"Keine Ahnung, was du meinst."
"Na, ich war ja gestern auch sehr spät dran, musste länger machen. Du warst wohl schon im Bett", sagt die Mutter.
"Hm hm", murmelt Rudi vor sich hin. Aachen oder Schwarzwald, Bett ist Bett.
Sie will wissen, wo er so lange war. Er sagt nur: "Bahnhof, Züge".
"Wird dir das nicht bald langweilig?"
"Nee, war ganz OK."
"Such dir doch mal Freunde."
"Vielleicht hab ich ja schon welche", erwidert er.
"Das wäre ja schön", sagt die Mutter, aber Rudi ist schon in seinem Zimmer. Er legt die Umhängetasche ab und macht den Reißverschluss auf. "Kommt raus, Freunde", flüstert er lächelnd. Er holt die Schilder aus der Tasche und stellt sie auf dem Schreibtisch nebeneinander auf. Auch die Ansichtskarte. Auf das schönste "Rheingold"-Schild steckt er das Foto von Angie und sich mit einer Büroklammer oben an die Ecke. Lange und nachdenklich schaut er dann auf das Ergebnis seiner Reise.

Das Foto ist nur aus dem Automaten, denkt er, es wird verblassen, aber die Schilder nicht. Die sind aus PVC. Elf Stück hat er von der Tour mitgebracht und fünf davon vom "Rheingold". Rudi hat das Gefühl, es läuft gerade ziemlich gut für ihn.
 

Penelopeia

Mitglied
Lieber A. Lipschitz,

ich finde die Geschichte vom "Rheingold" ganz außergewöhnlich! Dir ist es gelungen, einen Sog zu erzeugen, von dem man sich freiwillig mitziehen lässt - in die Identifikation mit dem kleinen, sympathischen Nerd Rudi...

Den Stil empfinde ich ingesamt als passend: relativ kurze, prägnante Sätze, manchmal könnte eine Formulierung im Konjunktiv stehen, muss aber nicht unbedingt.

Große Klasse!

Herzlich

p.
 
A

Alberta

Gast
Hallo und: Deine Erzählung hat mich erreicht.
Und das, obwohl ich als kleines Mädchen nichts langweiliger fand als die Spielzeug-Eisenbahn meines Freundes...doch nichts fand ich so spannend, beängstigend und aufregend als fremde Bahnhöfe, zu reisen und unterwegs sein. Meine erste Bahnfahrt, ganz allein: Mit sechs Jahren, Schild um den Hals mit Namen und Reiseziel, ich fuhr ins Kinderheim, zur Erholung, in den Schwarzwald...an all das und mehr hat mich Deine Erzählung erinnert. Mitreißend und anrührend geschrieben!
 

a.lipschitz

Mitglied
Hallo Penelopeia und Alberta,

vielen Dank für eure positiven Rückmeldungen.

Ich hatte schon die Befürchtung, dass ein Text von dieser Länge und dann auch noch zum Thema "Eisenbahn" eine gewisse Zumutung für manchen Leser darstellen könnte. Umso mehr freut mich, dass ihr trotzdem etwas damit anfangen konntet.

Was den Konjunktiv angeht: Mit dem bin ich bewusst ein wenig sparsam umgegangen, weil ich die Sprach- und Gedankenwelt eines 13-jährigen möglichst authentisch rüberbringen wollte, und habe dabei der deutschen Grammatik vermutlich hier und da Gewalt angetan.
Ich hätte auf die indirekte Rede auch öfter verzichten können, wollte aber auch eine Ausgewogenheit von direkter, indirekter und erlebter Rede erreichen, um nicht zu eintönig zu werden.
 
Dein Text, a.lipschitz, hat auch mich überzeugt. Als einer seiner Vorzüge - in meinen Augen - möchte ich noch herausstellen, dass er sowohl von Jugendlichen als auch von Erwachsenen gelesen werden kann. Das gibt es gar nicht so oft.

Der Inhalt der Erzählung ist mir insoweit aus eigenem Erleben vertraut, als ich als Jugendlicher ebenfalls ein passionierter Reisender im Kursbuch war (mangels anderer Gelegenheiten). An diese Periode habe ich viele Jahre lang nicht mehr gedacht, der Text hat dieses versunkene Bruchstück wieder zutage gefördert. Ich will versuchen, mich genauer zu erinnern ...

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

a.lipschitz

Mitglied
Hallo Arno,
auch dir vielen Dank für deine Rückmeldung.
Falls du deine Erinnerungen an deine eigene Zeit als Kursbuchleser einmal niederschreiben möchtest, wäre ich gespannt sie zu lesen. Zumal man das Thema auch nicht oft in der Literatur findet, abgesehen von einer Kurzgeschichte von Peter Bichsel, die mir als einziges Beispiel dazu einfällt.
 
Nein, a.lipschitz, an einen eigenen Text darüber denke ich nicht. Ich könnte nicht annähernd mit einer solchen Fülle von Detailwissen aufwarten, wie es dir möglich war. Es war nur eben so, dass hier ein fremder Text beim Lesen für mich ein Türchen in die eigene Vergangenheit öffnete.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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