rheinischer Frohsinn

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anemone

Mitglied
Sie hielten ihm den eigens zur Suche hergestellten Streckbrief unter die Nase, wie auch den anderen Gästen der Haifischbar. Und plötzlich der befreiende Ruf aus der hintersten Ecke der Kneipe: „ICH BIN LEHMANN!“

Der ganze Kegelclub umrundete Lehmann, neugierig darauf, ihn endlich gefunden zu haben.
Die Angaben vom Steckbrief schienen zwar in keiner Weise mit seinen Daten übereinzustimmen, aber das tat der Freude der angetrunkenen Damen keinen Abbruch. Lehmann bekam aus der Kegelkasse einen Küstelnebel spendiert und alle tranken auf das freudige Ereignis.
Lehmann, nicht faul, ließ sich nicht lumpen und bestellte beim Wirt diesen Dauerbrenner:
„Lebt denn der alte Holzmichel noch, Holzmichel noch, Holzmichel noch?
Vor Freude schrien alle Gäste den Refrain: „Ja, ja er lebt noch, er lebt noch, er lebt noch.
Ja, ja er lebt noch und stirbt nicht!“
 

roland

Mitglied
jessasnadeskommtausmrheinland

Hallo Anemone,
Dein Text geht mir nach. Ich las ihn immer wieder mal und jedesmal und immer mehr und mehr könnte ich mich innerlich zerreißen vor Heiterkeit über diese Art von trockenem Witz. Mit fallen dazu Bilder und Karrikaturen, Ilustrationen ein, wie sie in derart untertitelten, schön gezeichneten Bildgeschichten zu finden sind, so z.B. im "Lektro" von Rainer Zimnik. Ja. Der trockene Witz ist der Wahnsinn unter dem Himmel der schnöden Langweile.
Für mein Empfinden hast Du ihn hervorragend dosiert, warst bei der Wahl der Mittel bescheiden und hast wundervoll und gut damit den Frohsinn dieser Leutchen gezeigt.
Wenn ich Punkte zu vergeben hätte, würde ich es hier tun. In Worten aber hab ich es getan: mein höchstes Lob gebe ich Dir für diese Kraft, die Du zeigst, wenn Du solch eine Situation derart beschreibst.
lG von Roland
 

anemone

Mitglied
hallo roland,

dieses Lied kannte ich nicht, noch nie gehört und die Kegeldamen waren schon älteren Jahrgangs. Sicher hatten von ihnen schon Einige Vieles durchgemacht. Es war eine billige Freude und ich kann diese Stimmung nur schlecht wiedergeben.
Jeder in der Bar vergaß für einen Moment seine Sorgen und freute sich einfach nur darüber, dass er noch lebte.

Ich freute mich darüber, weil dieser Lehmann so aussah,
wie ein längst verstorbener Freund von mir. Er war auch Gast in der Bar und hatte eine hübsche Frau neben sich.
Ich hatte Tränen in den Augen, weil es mir so vorkam,
als wäre er gesund und munter.
 

roland

Mitglied
Hallo Anemone,
"Jeder in der Bar vergaß für einen Moment seine Sorgen und freute sich einfach nur darüber, dass er noch lebte."
- genauso empfinde ich Deinen Tagebuchtext, als Beschreibung von Frohsinn, der eine Zeit lang anhält.
Die tiefere Ebene des Gedenkens an Deinen verstorbenen Freund habe ich beim Lesen nicht gespürt - hoffentlich war meine euphorische Rede nicht schmerzlich für Dich.
Die letzte Zeile, wenn sie nicht in den Anführungsstrichen des Liedtextes eingeschlossen wäre, könnte mit ihrer starken Betonung ein Ausruf, Anklang von Tieferliegendem sein. Wenn sie ursprünglich nicht zum Lied gehörte, wäre sie vielleicht ein kleiner Hinweis. Aber das sind Spekulationen.
Wie gesagt, die Stimmung dieser Menschen konnte ich fast "greifen" und dafür danke!
Roland
 

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