Risse

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Mimi

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Ich öffne die Augen. Durch den Spalt der Vorhänge dringt ein Strahl Sonnenlicht in das Zimmer.
Winzige Staubflocken tanzen schwerelos im Licht.
Mein Mund fühlt sich trocken und spröde an.
Ich richte mich langsam im Bett auf, versuche vorsichtig zu schlucken, schmecke den Nachgeschmack von Alkohol auf der Zunge.
Das Bettlaken auf der rechten Seite des Bettes ist zerknittert und achtlos zur Seite geworfen.
Kleidungsstücke liegen verstreut auf dem Marmorboden.
Neben einem Wildlederrock liegt ein einzelner, malvenfarbener Pumps.
Ich stehe vom Bett auf, kämpfe gegen das Schwindelgefühl in meinem Kopf an.
Meine Finger greifen nach dem Morgenmantel, der über der Lehne der Récamiere hängt.
Ich schlüpfe unbeholfen in den Mantel und gehe durch den Flur ins angrenzende Zimmer.
Das Wohnzimmer ist lichtdurchflutet. Die bodentiefen Fenster sind zur Südseite ausgerichtet.
Die Terrassentür ist weit geöffnet und auf der Terrasse steht ein Mann in Boxershorts am Rand des Schwimmpools.
Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette, dreht sich um als er mich bemerkt und schaut mich musternd an, während er den Rauch aus der Nase bläst.
Bilderfetzen flackern vor meinen Augen auf.
Ich erinnere mich an Musik. Ein Remix. Informer, von Snow. Und an das Aufblitzen von weißen Stroboskoplichtern auf der engen Tanzfläche.
Amphetamin und Piña Colada. Heißer Atem an meinem Ohr.
Ich erinnere mich an den Geruch von Männerschweiß, vermischt mit dem Duft von Sandelholz, an die harte Erektion eines breitschultrigen Mannes, die gegen meinen Körper drückte und an zwei fremde Hände unter meinem Rock.
Ich bemühe mich seinem Blick standzuhalten, versuche währenddessen krampfhaft mich an mehr Details zu erinnern.
Eine feine Linie aus dunklen Haaren schlängelt sich unterhalb seines Bauchnabels bis hinab zum Bund seiner Shorts.
Noch mehr Bilderfetzen. Eine warme Zunge in meinem Mund. Zerrissene Spitze. Ein abgefallener Knopf.
Er kommt ein paar Schritte auf mich zu, drückt seine Zigarette im Ascher aus, der auf dem Teakholztisch steht.
"Ich muss noch in die Kanzlei." Seine Stimme hört sich gedämpft an. Vielleicht liegt es an diesem wattigen Gefühl in meinem Schädel.
"Es ist Sonntag", sage ich und merke wie schrecklich krank meine Stimme klingt.
Er schaut mich immer noch an. Seine Augen haben die Farbe von Stahlwolle.
" Vielleicht will ich einfach nicht nach Hause." Er zuckt kurz mit der Schulter und scheint über irgendetwas nachzudenken.
" Wer ist Amy?"
Seine Frage trifft mich unvorbereitet. Reflexartig verkrampft sich mein Magen. Ich will seinem Blick nicht ausweichen. Nein, ich werde meinen Blick nicht senken.
"Du hast im Schlaf geredet."
Wieder steigen Bilderfetzen aus meinem Unterbewusstsein auf.
Ich sitze auf ihm, spüre die Hitze, die er in mich rammt. Nehme ihn in mir auf wie ein Trostgebet gegen die Untröstlichkeit, die mich quält.
Ich will, dass er geht. Sofort. Seine Anwesenheit, sein gottverdammter Blick sind unerträglich.
Sein Blick brennt sich durch mich hindurch wie die Glut einer Zigarette durch Haut.
Endlich bewegt er sich. Wortlos geht er an mir vorbei.
Ich schaue auf seinen Rücken und erkenne ein rotes Muttermal, welches die Form eines Herzens hat.
In mir ist nur diese Leere. Sie lässt sich nicht ausfüllen.
Einige Minuten später höre ich das Starten eines Motors.
Das Geräusch von Reifen auf Kieselsteinen. Dann ein kurzes Hupen.
Ich atme in einem langen Stoß aus, bis alle Luft aus meiner Lunge entweicht, bis ich wieder klarer denken kann.
Vorsichtig gehe ich zum Rand des Pools, stelle mich direkt davor, öffne meinen Morgenmantel und streife ihn mir mit einer einzigen Bewegung vom Körper.
Meine Hand wandert zur Narbe oberhalb meines Schambeins. Sie ist mittlerweile verblasst. Trotzdem kann ich die leichte Erhebung unter meinen Fingern fühlen. Die Narbe ist Wirklichkeit. Eine eingeritzte Wirklichkeit. Unwiderruflich. Unumstößlich.
Ich zähle leise bis zehn, schließe dabei die Augen.
Sieben... acht... neun...zehn. Mit einem Satz springe ich ins kühle Wasser, tauche runter und lasse dabei Luftblasen aus dem Mund aufsteigen.
Meine Hand tastet die ganze Zeit immer wieder nach der Narbe.
 
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Mimi

Mitglied
Hallo Tommy,
Dankeschön für Deinen Kommentar und das Lob.
Es freut mich, wenn Dir mein Schreibstil gefällt... ( ist ja bekanntlich immer so 'ne Sache mit dem "Stil")

Grüße
Mimi
 

onivido

Mitglied
Es ist ganz egal was du schreibst. Wie du schreibst, ist das schoene an deinen Geschichten.
Einen schoenen Sonntag wuensche ich.
Onivido
 

Mimi

Mitglied
Muchas gracias, onivido,
Dein Lob freut mich!

Liebe Grüße zu Dir auf der Südhalbkugel,
( geht ja schon die Sonne auf )

Mimi
 

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