Rosinenbrötchen

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Heinrich VII

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Okay – der Sinn des Lebens. Für viele Geschäftsleute, und nichts anderes sind diese ganzen Coaches, Psychodoktoren, Therapeuten und Lebenshelfer, ist das ein profitables, nachhaltiges Business. Von Sekten und ähnlichen Abgründen will ich hier gar nicht erst reden. Glücklich sein, sich selbst finden – wir haben das Konzept. Wir zeigen dir, wie du dein Leben in die richtige Richtung drehst. Wir zeigen dir, wie du Geld, Glück und Wohlstand anziehst und dauerhaft glücklich sein kannst.

Man kann davon halten, was man will. Wenn man genug Geld übrig hat, probiert man es vielleicht sogar aus, reist in ein fernes Land und nimmt an einem zweiwöchigen Workshop teil. Ob man dann geheilt und glücklich zurückkommt, weiß ich nicht. Ich habe es nie probiert - und ich werde mein Geld auch nie für diesen Firlefanz aus dem Fenster werfen.

Was mich glücklich macht, weiß ich genau. Ich kaufe mir abends ein Rosinenbrötchen in der Bäckerei und lege es zu Hause in der Küche ins Brotfach. Schon alleine dabei packt mich die Vorfreude, und ich gehe später richtig glücklich schlafen.

Am nächsten Morgen, kaum die Augen offen, denke ich an das Rosinenbrötchen. Ich stehe auf und bin - allein bei diesem Gedanken – wieder glücklich.
Ich wasche mich, putze mir die Zähne, ziehe mich an und gehe zielstrebig in die Küche.
Das Rosinenbrötchen kommt erst mal in den Backofen, damit es etwas röstiger wird. Dann schneide ich es in der Mitte auf und halbiere es. Auf die beiden Teile kommen Butter und Marmelade. Währenddessen durchströmt mich eine solche Vorfreude, dass ich vor Glück beinahe tanzen könnte. Eine Tasse schwarzer Tee wird aufgebrüht, und alles zusammen auf ein Tablett gestellt.

Ich trage es ins Wohnzimmer, fahre den Rechner hoch, weil ich die neuesten Nachrichten hören will, und fange an zu genießen. Vielleicht versteht das nicht jeder – okay, ist nicht schlimm. Aber dieser Hochgenuss macht mich so unendlich glücklich, dass ich anschließend den ganzen Tag die ganze Welt umarmen könnte.
 



 
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