Der Wolf schlich lautlos durch den dämmrigen Forst, ein Schatten aus Knochen und Verlangen. Er hatte seit langem keine Beute mehr gemacht. Die Augen lagen tief in den Höhlen, das Fell hing struppig über hervorstehenden Rippen. Doch der deutliche Geruch einer alten Frau trieb ihn voran, schwach, verletzlich, nah.
Da war noch etwas anderes, das aber im Konzert der Gerüche des Waldes unterging und das er nicht beachtete.
Vor der kleinen Hütte trat die Großmutter ins Freie. Sie wirkte zerbrechlich wie altes Pergament, der Rücken gebeugt, der Schritt unsicher.
Die Luft war kühl und roch nach feuchter Erde und dem Harz der Tannen. Sie hielt inne, die knochige Hand noch am rauen Holz des Türpfostens, und blinzelte in den hellen Fleck, den die Sonne durch die Baumwipfel auf den Waldboden warf.
In ihrem Korb lagen ein Messerchen und ein Leinentuch. Sie wollte zur nahen Lichtung, wo heilende Kräuter wuchsen.
Von der Gefahr, die sich lautlos aus dem Unterholz näherte, ahnte sie nichts.
„Rotkäppchen?“, rief sie mit ihrer brüchigen, aber sanften Stimme.
Ihr Blick wanderte suchend am Rande des dichten Farns entlang, doch nirgendwo war der vertraute Farbtupfer ihres Umhangs zu entdecken. Kein Rauschen im Gebüsch, kein leises Kichern, das den Ort ihres Verstecks verraten hätte. Die Großmutter lächelte milde und schüttelte den Kopf, während sie ihre Schürze glattstrich. Sie war es gewohnt, dass das Kind seine eigenen Wege im Wald ging, doch meistens blieb es in ihrer Nähe, wenn sie die Kräuter für den Tag suchten.
„Wo steckst du nur wieder, du kleiner Schalk?“, murmelte sie vergnügt vor sich hin, in der festen Annahme, dass das Mädchen irgendwo hinter einer der alten Eichen kauerte, um sie zu erschrecken. Sie blieb noch einen Moment stehen, die Ohren gespitzt, und wartete auf das plötzliche Auftauchen des Kindes, völlig ahnungslos, dass der Wald an diesem Tag eine ganz andere Antwort für sie bereithielt.
Der Wolf zögerte nicht. Mit einem tiefen kehligen Knurren sprang er los, ein Pfeil, abgeschossen aus verzweifeltem Hunger, die Kiefer weit aufgerissen.
Er hörte ein Rascheln, nur für seine empfindlichen Ohren hörbar. Dann brach eine rote Gestalt aus dem Dickicht. Rotkäppchen sprang den Wolf noch in der Luft von der Seite an. Präzise und mit dem Laut eines Raubtiers, das auf die richtige Gelegenheit gewartet hatte. Ein Raubtier in Kindergestalt.
Ihre kleinen Hände krallten sich in sein Fell, ihre Beine umschlangen seinen Leib mit unmenschlicher Kraft.
Der Wolf heulte auf, doch der Laut erstickte, als sich scharfe Zähne tief in seinen Nacken bohrten. Mit einem brutalen Ruck riss Rotkäppchen seinen Kopf zur Seite und verbiss sich in die pulsierende Kehle. Blut schoss hervor, dunkel, dampfend, und tränkte den Waldboden.
„Ja!“, kreischte die Großmutter mit einer Stimme, die vor Bosheit und Entzücken bebte. Sie klatschte in die knochigen Hände, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. „Ja, mein Liebling! Reiß ihn auseinander! Zerfetze ihn! Zeig ihm, wem dieser Wald gehört!“
Rotkäppchen knurrte tief aus der Kehle, ein Laut, der nichts Menschliches an sich hatte. In wilder Raserei riss sie weitere Stücke warmen Fleisches aus dem zuckenden Leib des Wolfes. Knochen splitterten, Sehnen rissen und ein reißendes Geräusch ihrer Zähne war zu hören. Der Wolf wand sich, winselte, brach schließlich zusammen, ein Bündel aus Fell vermischt mit Blut, das den Waldboden tränkte.
Erst als das letzte Zucken erstarb, löste Rotkäppchen ihren Biss.
Die Großmutter humpelte heran, das Gesicht glühend vor dunkler Befriedigung. Rotkäppchen, blutverschmiert und noch immer schwer atmend, sah sie fragend an, den Mund halb geöffnet, eine Reihe spitzer Zähne sichtbar.
Die Großmutter breitete die Arme aus und Rotkäppchen schmiegte sich sofort an sie. Die alte Frau strich ihr zärtlich über das nasse Haar, als wäre das Wesen in ihren Armen das reinste und kostbarste Geschöpf, das die Schöpfung jemals hervorgebracht hatte.
„Mein liebes, braves Mädchen“, flüsterte sie mit warmer, liebevoller Stimme. „Mein wunderbares, kleines Wesen. Wieder hast du mich beschützt.“
Rotkäppchen schloss die Augen und drängte sich enger an die faltige Brust. Die Großmutter zog ein sauberes Tuch hervor und wischte ihr behutsam das Blut aus dem Gesicht, von den Händen, vom Mund, geduldig, fast andächtig, wie eine Mutter, die ihr Kind nach einem langen Spiel reinigt.
„Komm mit hinein“, sagte sie leise und voller Liebe. „Ich bereite dir dein Lieblingsabendbrot. Frisches Brot und den Schinken, den ich letzte Woche geräuchert habe. Dein Geschenk werde ich später fortschaffen. Aus seinem Fell werden wir noch eine warme Decke für kalte Nächte haben.“
Rotkäppchen nickte stumm, dankbar und still. Sie ließ sich führen, lehnte sich im Gehen leicht gegen die alte Frau. Das rote Cape schleifte schwer über den blutgetränkten Boden.
Hinter ihnen lag der zerfetzte Wolf im Dreck des Waldbodens. Vor ihnen leuchtete das warme Fenster der Hütte, in der zwei Seelen, eine gebrechlich, eine nicht menschlich, in Liebe verbunden waren.
Da war noch etwas anderes, das aber im Konzert der Gerüche des Waldes unterging und das er nicht beachtete.
Vor der kleinen Hütte trat die Großmutter ins Freie. Sie wirkte zerbrechlich wie altes Pergament, der Rücken gebeugt, der Schritt unsicher.
Die Luft war kühl und roch nach feuchter Erde und dem Harz der Tannen. Sie hielt inne, die knochige Hand noch am rauen Holz des Türpfostens, und blinzelte in den hellen Fleck, den die Sonne durch die Baumwipfel auf den Waldboden warf.
In ihrem Korb lagen ein Messerchen und ein Leinentuch. Sie wollte zur nahen Lichtung, wo heilende Kräuter wuchsen.
Von der Gefahr, die sich lautlos aus dem Unterholz näherte, ahnte sie nichts.
„Rotkäppchen?“, rief sie mit ihrer brüchigen, aber sanften Stimme.
Ihr Blick wanderte suchend am Rande des dichten Farns entlang, doch nirgendwo war der vertraute Farbtupfer ihres Umhangs zu entdecken. Kein Rauschen im Gebüsch, kein leises Kichern, das den Ort ihres Verstecks verraten hätte. Die Großmutter lächelte milde und schüttelte den Kopf, während sie ihre Schürze glattstrich. Sie war es gewohnt, dass das Kind seine eigenen Wege im Wald ging, doch meistens blieb es in ihrer Nähe, wenn sie die Kräuter für den Tag suchten.
„Wo steckst du nur wieder, du kleiner Schalk?“, murmelte sie vergnügt vor sich hin, in der festen Annahme, dass das Mädchen irgendwo hinter einer der alten Eichen kauerte, um sie zu erschrecken. Sie blieb noch einen Moment stehen, die Ohren gespitzt, und wartete auf das plötzliche Auftauchen des Kindes, völlig ahnungslos, dass der Wald an diesem Tag eine ganz andere Antwort für sie bereithielt.
Der Wolf zögerte nicht. Mit einem tiefen kehligen Knurren sprang er los, ein Pfeil, abgeschossen aus verzweifeltem Hunger, die Kiefer weit aufgerissen.
Er hörte ein Rascheln, nur für seine empfindlichen Ohren hörbar. Dann brach eine rote Gestalt aus dem Dickicht. Rotkäppchen sprang den Wolf noch in der Luft von der Seite an. Präzise und mit dem Laut eines Raubtiers, das auf die richtige Gelegenheit gewartet hatte. Ein Raubtier in Kindergestalt.
Ihre kleinen Hände krallten sich in sein Fell, ihre Beine umschlangen seinen Leib mit unmenschlicher Kraft.
Der Wolf heulte auf, doch der Laut erstickte, als sich scharfe Zähne tief in seinen Nacken bohrten. Mit einem brutalen Ruck riss Rotkäppchen seinen Kopf zur Seite und verbiss sich in die pulsierende Kehle. Blut schoss hervor, dunkel, dampfend, und tränkte den Waldboden.
„Ja!“, kreischte die Großmutter mit einer Stimme, die vor Bosheit und Entzücken bebte. Sie klatschte in die knochigen Hände, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. „Ja, mein Liebling! Reiß ihn auseinander! Zerfetze ihn! Zeig ihm, wem dieser Wald gehört!“
Rotkäppchen knurrte tief aus der Kehle, ein Laut, der nichts Menschliches an sich hatte. In wilder Raserei riss sie weitere Stücke warmen Fleisches aus dem zuckenden Leib des Wolfes. Knochen splitterten, Sehnen rissen und ein reißendes Geräusch ihrer Zähne war zu hören. Der Wolf wand sich, winselte, brach schließlich zusammen, ein Bündel aus Fell vermischt mit Blut, das den Waldboden tränkte.
Erst als das letzte Zucken erstarb, löste Rotkäppchen ihren Biss.
Die Großmutter humpelte heran, das Gesicht glühend vor dunkler Befriedigung. Rotkäppchen, blutverschmiert und noch immer schwer atmend, sah sie fragend an, den Mund halb geöffnet, eine Reihe spitzer Zähne sichtbar.
Die Großmutter breitete die Arme aus und Rotkäppchen schmiegte sich sofort an sie. Die alte Frau strich ihr zärtlich über das nasse Haar, als wäre das Wesen in ihren Armen das reinste und kostbarste Geschöpf, das die Schöpfung jemals hervorgebracht hatte.
„Mein liebes, braves Mädchen“, flüsterte sie mit warmer, liebevoller Stimme. „Mein wunderbares, kleines Wesen. Wieder hast du mich beschützt.“
Rotkäppchen schloss die Augen und drängte sich enger an die faltige Brust. Die Großmutter zog ein sauberes Tuch hervor und wischte ihr behutsam das Blut aus dem Gesicht, von den Händen, vom Mund, geduldig, fast andächtig, wie eine Mutter, die ihr Kind nach einem langen Spiel reinigt.
„Komm mit hinein“, sagte sie leise und voller Liebe. „Ich bereite dir dein Lieblingsabendbrot. Frisches Brot und den Schinken, den ich letzte Woche geräuchert habe. Dein Geschenk werde ich später fortschaffen. Aus seinem Fell werden wir noch eine warme Decke für kalte Nächte haben.“
Rotkäppchen nickte stumm, dankbar und still. Sie ließ sich führen, lehnte sich im Gehen leicht gegen die alte Frau. Das rote Cape schleifte schwer über den blutgetränkten Boden.
Hinter ihnen lag der zerfetzte Wolf im Dreck des Waldbodens. Vor ihnen leuchtete das warme Fenster der Hütte, in der zwei Seelen, eine gebrechlich, eine nicht menschlich, in Liebe verbunden waren.