Runaway

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Phil Trepal

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Neil.

Sein runder Bauch lugt haarig hervor. Meine Jeans ist speckig.

Wir hören Radio. Country Roads.

Er hat mich aufgesammelt als ich am Straßenrad stand und wartete.

Sein Truck ist beeindruckend.
Road Runner.
Daran muss ich denken, wenn ich die Steppe sehe, an der wir schon einige Zeit vorbeifahren.

Rennen. Hier. Neil hinterher.
Ich sitze neben ihm und schaue auf seinen Bauch und auf die Coladose vorne beim Lenkrad. Aber sein Haar ist fettig, das muss ich sagen.

Aber ich sage es ihm nicht.

Grüne Lichter funkeln.

Gestern Nacht im Motel. Der Stromkasten auf dem ich saß, der surrte. Vor mir der Verteilerpunkt des Stroms für die kleine Einbuchtung an der Route 66. Ein winziges Diner mit Hotel. Trucks stehen herum, es riecht nach Benzin.

Wie schön das sein kann.

An den Stromkasten sind rebellische Worte geschmiert.

Ich singe mit Neil, er klopft auf dem Lenkrad herum. Ich hänge mich aus der Tür und lasse die Haare im Wind wehen, dann lehne ich den halben Oberkörper heraus.
Neil gefällt das nicht. Er sagt, das sei gefährlich.

Der Fahrtwind trocknet meine Augen.

Ein Staubkorn reibt schon zwischen den Lidern.

Grüne Lichter funkeln.

Gestern im Motel war das Essen schlecht. Der Burger war durchzogen von Knorpeln. Der Käse ranzig.

So viel Geld habe ich nicht mehr. Mir wurde übel.

Oben habe ich lange aus dem Fenster geschaut. Die Welt ist klein. Ich habe einiges von ihr gesehen. Klein auch dann, wenn man Brücken bricht. Ich konnte nicht schlafen, lag lange da und schaute in die Ferne.

Am Horizont steht irgendeine Anlage mit Lichtern. Ich sah sie immer wieder an. Darüber, am Himmel, ein orangefarbener Streifen, der lange hängen blieb und nicht gehen wollte. Still sah ich das Blinken.

In meiner linken Socke ist ein Loch. Der Rucksack ist ausgefranzt. Lange weg. Keiner da.

So lag ich da, in die Ferne schauend, in der Dunkelheit. Regungslos. Viel getrampt, Ringe unter meinen Augen. Lange kein Gesicht mehr, das ich kenne.

„Neil, ich mag dich!“ Ich weiß nicht, ob er antworten wird.

Mein Kopf ragt aus dem Fenster des Trucks. Haarscharf flitzen Autos an mir vorbei. Ich spüre ihren Fahrtwind. Gestern im Motel kam die Träne nicht. In der Ferne, die alte blinkende Anlage. Sie scheint schon lange da zu stehen. Ich sehe sie nur nachts. Tagsüber denke ich nicht an sie. Im Dunkeln bin ich still, liege da und schaue in der Ferne die Lichter an.

„Neil, fahr schneller!“

Ich weiß nicht, ob er antworten wird.

Ich drehe das Radio auf. Hänge mich aus der Tür, strecke den Arm weit raus. Jetzt sagt er was aber ich brauche die Gefahr.

Der Fahrtwind trocknet meine Augen.

Gestern - beim Frühstück - schauten sie mich an. Ich habe lange nicht geduscht und viel zu viel Kaffee getrunken. Dann saß ich wieder auf dem Stromkasten und spürte sein Potenzial wie ein Pulverfass.

Neil wird mich mitnehmen. An den nächsten Ort. Ich muss ihm dafür kein Geld geben. Lange hing mein Blick an der Ebene. Ich lag einfach nur da.

Neil singt weiter. Meine Hand spürt den Widerstand vom Fahrtwind. Ich weiß nicht, wo es hingeht. Wir fahren und ich strecke meinen Kopf aus dem Fenster. Der nächste Ort.

Grüne Lichter funkeln.
 

petrasmiles

Mitglied
Ein Roadmovie in Worten - und sehr gut geschrieben.
Nur, dass bei diesem Text der Anklang der Freiheit fehlt. Die Protagonistin (ich gehe davon aus, dass es eine Frau ist), wirkt entwurzelt und ziellos.
Einen Boomer wie mich macht das traurig. Man möchte, dass jeder seinen Platz findet, und das Ausbrechen genossen werden kann und euphorisch macht.
Die Gefahr brauchen? Das ist reinste Todessehnsucht.
Ein starker Text!

Liebe Grüße
Petra
 

Phil Trepal

Mitglied
Liebe Petra,

mir selbst ist der Text zu traurig und ich habe damit gehadert, ihn zu posten.
Die nächsten Texte werden ermutigender.
Liebe Grüße
 



 
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