Sag nichts - Geschichten die das Leben schreibt

Sag nichts

Ich funktionierte. Das war mein Talent. Niemand merkte, wie schwer meine Glieder waren, wie laut das Nichts in meinem Kopf schrie. Ich schrieb E-Mails, führte Gespräche, lachte an den richtigen Stellen. Ich war ein Mensch, der lebte - aber nicht fühlte.
Abends saß ich auf dem Sofa, das Licht aus, das Handy stumm. Ich starrte auf die Wand gegenüber, als würde sie mir irgendwann antworten. Manchmal stellte ich mir vor, wie es wäre, einfach zu verschwinden. Nicht dramatisch. Einfach … leise.
Einmal fragte mich jemand, ob es mir gut gehe. Ich sagte: „Klar.“ Und lächelte. Ich war stolz auf dieses Lächeln. Es war perfekt. Niemand fragte weiter.
Ich begann, mich selbst zu verlieren. Nicht auf einmal, sondern in kleinen Stücken. Ich vergaß Geburtstage, ließ Wäsche in der Maschine vergammeln, antwortete auf Nachrichten mit einem Daumen hoch. Ich war da - aber nicht wirklich.
Manchmal saß ich in der U-Bahn und stellte mir vor, wie es wäre, einfach sitzen zu bleiben. Endstation. Niemand würde mich vermissen, nicht sofort. Vielleicht erst, wenn ich nicht zur Arbeit käme. Vielleicht auch später.
Ich hatte gelernt, dass Schweigen schützt. Aber es ist auch ein Gefängnis. Die Gitter sind aus Höflichkeit, aus Angst, aus dem Satz: „Ich will niemandem zur Last fallen.“
Und doch - eines Tages, ganz beiläufig, sagte ich es. Nur zwei Worte. „Ich kann nicht.“ Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber jemand hörte es. Und blieb.
Ich wurde gut darin, mich selbst zu überhören. Wenn mein Körper schrie, drehte ich die Musik lauter. Wenn mein Kopf flackerte wie eine Neonröhre kurz vor dem Erlöschen, machte ich mir einen Kaffee. Ich nannte es Disziplin. Andere nannten es Stärke. Niemand nannte es Krankheit.
Ich hatte keine Worte für das, was in mir war. Nur Bilder. Ein grauer Raum ohne Fenster. Ein Wasserhahn, der tropft. Ein Spiegel, in dem ich mich nicht erkenne. Ich schrieb sie auf, manchmal. Auf Zettel, die ich nie jemandem zeigte. Worte, die nur für mich waren. Und selbst mir zu viel.
„Sag nichts“, sagte ich mir, wenn ich morgens aufstand. „Sag nichts“, wenn ich abends nicht einschlafen konnte. „Sag nichts“, wenn ich weinte, ohne zu wissen warum. Ich war mein eigener Zensor. Mein eigener Wärter.
Ich habe mir jahrelang antrainiert, zu lachen. Nicht dieses echte, warme Lachen, das aus dem Bauch kommt. Sondern ein kalkuliertes, scharfes Lächeln – zynisch, sarkastisch, präventiv. Ich wurde Meister darin, unangenehme Fragen im Keim zu ersticken. Wer lacht, dem geht es gut. Wer Witze macht, braucht keine Hilfe. Wer ironisch ist, ist unangreifbar.
Zynismus war mein Schild. Sarkasmus mein Nebel. Ich habe gelernt, dass man mit einem gut platzierten Spruch jede Stille füllen kann - auch die eigene.
 

Anders Tell

Mitglied
Eine perfekte Beschreibung einer larvierten Depression. Ein Mensch, der ohne innere Anteilnahme an seinem Leben vor sich hin funktioniert und sich mit einstudierten Posen tarnt. Leider ist es keine Geschichte. Man könnte sehr gut eine daraus machen.
Anders
 

jon

Mitglied
"Eine perfekte Beschreibung einer larvierten Depression." Eigentlich nicht, jedenfalls nicht laut Definition.
Aber davon abgesehen: Eindrücklicher Text, jedoch keine Geschichte. Und ich verstehe die Zeitform nicht ganz: Das alles ist Vergangenheit. Der letzte Satz zeigt dann ins Jetzt - ohne dass dieses Jetzt tatsächlich angesprochen wird. Innerhalb des Textes gibt es einen kleinen Break-Point (vom "tatsächlich nichts sagen" zum "nichts sagen wollen und wenn doch, das Gesagte überhören") - ist der Break, auf den der letzte Satz hindeutet, auch so klein? Größer? Und was hat sich gehändert?
 



 
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