Sally Field

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Sally Field

Gelingt es ihnen, gewisse Dinge zu vermeiden? Wenn nicht, sollten sie sich ernsthafte Gedanken um ihre Überlebenschancen machen. Sie denken wahrscheinlich, ich meine es ironisch. Das ist nicht der Fall. Ich weiß mit Ironie nichts anzufangen.
Wir leben in einer Spaßgesellschaft. Habe ich zumindestens in der Zeitung gelesen. Die Wirklichkeit zeigt mit allerdings, daß niemand von uns etwas aufbringen kann, was auch nur im entferntesten mit Spaß, Genuß, Freude, oder gar etwa Humor in Verbindung gebracht werden sollte.
Waren sie in den letzten Jahren auf einer Party? Sie werden jetzt alle sagen: na klar! Letztens haben wir wieder rumgesessen und uns nett unterhalten. Ha, habe ich sie erwischt: Nett unterhalten. Wenn es entgegen meiner These etwas zu lachen gäbe, lachte ich just in jetzigem Augenblick.
Sie haben sich also mit ihrem durch Diäten und Fitneß gut in Form gebrachten Hintern auf einem exklusiven schwarzen Designersofa bequem gemacht, nachdem ihre Gastgeberin ihnen erst einmal das Preisschild des Sofas unter die Nase gerieben und sie inständigst aufgefordert hat, die wertvolle Kunstlederoberfläche nicht zu beschädigen, da sie sich sonst gezwungen sähe, sie auf Schadensersatz zu verklagen. Sie haben ein stilles Mineralwasser mit besonders viel Calcium und Magnesium, für den Knochenbau, das vegetative Nervensystem und den Stoffwechsel in die Hand gedrückt bekommen und ihn wurde gleichzeitig ein rohe Paprika oder eine Karotte angeboten. Sie lehnten ab. Schließlich nehmen sie nach achtzehn Uhr keine feste Nahrung mehr zu sich. Das könnte Nachts ihre Verdauung zu sehr belasten. Aber keine Angst. Sie haben sich nicht blamiert. Die anderen Gäste haben Verständnis für sie. Der Gastgeber legte unaufdringliche Meditationsmusik auf, schaltete das Licht aus und zündete ein paar Kerzen an. Er gab noch ein Statement zur Energieverschwendung ab und erwähnte, er wolle mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Sie wagten es, anzumerken, daß der CD-Spieler auch Strom benötige und er lieber ausgeschaltet werden sollte. Viele böse Blicken trafen sie. Sie Spielverderber.
Ihr bester Freund weigerte sich, trotz gedämpftem Licht, seine Sonnenbrille abzuziehen. Allerdings sorgte er für Ablenkung von ihrem Vergehen, indem er ungefragt über seinen neuen Job Bericht erstattete. Oh Gott, denken sie sich, gleich muß ich wieder mein Jahresgehalt offenlegen. Sie als einfacher Angestellter in der Dienstleistungsbranche werden natürlich schlecht aussehen. Schließlich sitzen sie mit Brokern, Topingenieuren, Softwareentwicklern, Netzadministratoren und Unternehmensberatern in einem Raum. Sie entschließen sich zur Notlüge und erhöhen ihr Jahresgehalt um das doppelte. Schließlich sind die Berufsbezeichnungen ihrer Bekannten auch einer regen Phantasie entsprungen, die in deren krankhaftem Geltungsbedürfnis ihre Grundlage findet. Sie warten gespannt, bis man sie nach ihrem Gehalt fragt und stellen fest, daß man früher in solchen Runden die Penisgrößen, die PS-Stärken der Sportwagen, die Oberweiten der Partnerinnen oder die Anzahl der Biere, die man an einem Abend trinken konnte verglichen hat. Männer müssen halt eben mit irgend etwas angeben, sonst bekommen sie Depressionen oder Ejakulationsprobleme.
Während sich die Partygesellschaft wie üblich nach Geschlechtern aufteilt und die Männerrunde sich aufs Prahlen einschießt, beginnen die Damen ihr eigenen Gespräche. Sie unterhalten sich über Leben und Tod. Sie denken jetzt wahrscheinlich an eine tiefsinnige und philosophische Auseinandersetzung über die wahren und unergründbaren Geheimnissen der Menschheit. Nein, sie denken völlig falsch. Ihr letzter Besuch einer Party scheint doch schon etwas länger zurückzuliegen. Sie sind nicht hip und nicht ganz bei Trost. Die Damen reden natürlich über Krankheiten. Jede der Weiblichkeiten ist ein wandelndes Medizinlexikon. Sie werfen den Frauen einen Fachbegriff zum Fraße vor und bekommen innerhalb einer halben Sekunde das Krankheitsbild, samt Folgen für die Gesundheit und Therapiemöglichkeiten vor die Füße gespuckt. Die erste stöhnt Meningitis und die anderen überstürzen sich mit angstvollen Definitionen. Man hat das Gefühl der Sensenmann ist anwesend und wartet nur darauf, daß eine der Damen an Hirnhautentzündung zu Grunde geht. Dann werden die Modekrankheiten wie Creutzfeld-Jakob, Alzheimer und Lhasa-Fieber durchgegangen. Jedes einzelne Wort kommt auf die Goldwaage. Sofort beschleichen sie Beklemmungen und sie gewinnt die Einsicht, daß wir alle im Sterben liegen. Zur später Abendstunde gehen die Damen zum gemütlichen Teil über und als kurz hintereinander Begriffe wie Neurasthenie, Lungenfibrose, Pankreatitis, Hypotonie, Psoriasis und Hüftluxation fallen, fühlen sie sich an ein heiteres Beruferaten erinnert.
Der Abend könnte so schön an ihnen vorbeilaufen, stolperten sie nicht geradewegs auf den Fettnapf zu, den sie insgeheim den ganzen Abend schon gesucht haben. Ihr Gastgeber hat einen Kuchen gebacken. Sie sind gerade in schwere Diskussionen über den Wert eines Werbefachmanns geraten, als der Gastgeber mit vor Stolz geschwellter Brust einen selbstgebackenen Kuchen in das Wohnzimmer trägt und genau vor ihnen auf den teuren Designeredelholztisch stellt. Der Kuchen starrt sie an. Besser gesagt eine graue undefinierbare Masse, die der Gastgeber Möhren-Honig-Dinkel-Kuchen genannt hat, starrt sie an. Sie werden, entgegen allen Beteuerungen, sie seien einen viertel Punkt über ihren persönlichen Body-Mass-Index und brüteten ein Magengeschwür aus, zum Verzehr des anschaulichen Stück aus der Vollkornbackstube ihres Gastgebers gezwungen und beißen in eine geschmacklose Masse, die ihre Zähne knacken und sie würgen läßt.
Alle schauen sie erwartungsvoll an. Sie haben die Ehre, als erster den Kuchen zu probieren. Der staubtrockene Teig blockiert ihre Kehle. Sie schütten schnell ihr stilles Mineralwasser hinterher und transportieren das edle Stück in ihrem Magen, in den es hineinplumpst wie ein schwerer Granitfels. Sie versuchen höflich zu sein und wollen die Erwartungen erfüllen. Ein massiver Fehler, wie sich später herausstellt.
Sie sagen: hätte Forrest Gumps Mutter den Kuchen gekannt, hätte sie ihren berühmten Spruch abgeändert. Das Leben ist wie ein Möhren-Honig-Dinkel-Kuchen. Man weiß nie, was einen erwartet.
Ihr Todesurteil. Die erschrockenen Blicke der anderen Gäste haben das Urteil schnell bestätigt. Ihr erster Fehler: der Gastgeber hat sich stundenlang abgemüht, um dem traditionellen Klischee eines Mann nicht gerecht zu werden und sie haben nichts anderes zu tun, als sein Statement zur Rolle des modernen Mannes, der durchaus nicht nur gut auszusehen und ein dickes Gehalt heimzuschleppen hat, sondern auch weibliche Verhaltensformen annehmen muß, indem er sich um den Haushalt kümmert und für Gäste kocht und backt, in den Schmutz zu ziehen.
Ihr zweiter und viel schwerwiegender Fehler: sie haben Sally Field beleidigt. Die Damen in der Runde verzehren sich in Erinnerungen an die herzergreifende Sterbeszene, als Forest von seine über alles geliebten Mutter Abschied nehmen muß und wie die kleine zerbrechliche und doch so übermächtige Sally mit ihrer Person nicht nur das Bett, sondern den ganzen Film ausfüllt. Sie erinnern sich im gleichen Atemzug an die schmächtige, dürre, stolze und unbeugbare Sally, die in „Nicht ohne meine Tochter“ ihr Kind aus den Fängen von islamischen Fundamentalisten befreit. Sie ist die Übermutter, die alle unmenschlichen Hindernisse überwindet und somit das Vorbild aller Frauen, die sich regelrecht nach Schicksalsschlägen sehnen, um in der gleichen Weise ihren Mut zu beweisen.
Sie dahergelaufener Kerl tauchen auf und zerstören Sallys Dogma vom Leben in der Pralinenschachtel und bringen es mit einem Honik-Möhren-Dinkel-Kuchen in Verbindung, der auch noch von einem Mann gebacken wurde. Sie Schwein.
Sie haben genug von den bösen Blicken und flüchten auf die Toilette. Sie wollen urinieren, heben den Deckel der Kloschüssel hoch und müssen die in aufdringlich schwarzen und völlig ernstgemeinten Buchstaben die Aufforderung lesen: „Setzen! Pinkeln im Stehen ist verboten!“
Ihrem letzten Rückzugswinkel beraubt, verkneifen sie sich das Urinieren und rennen zurück ins Wohnzimmer. Als sie die verschworene Gemeinschaft der Moralisten in stiller Eintracht versammelt sehen, erfaßt sie ein schlimmer Taumel. Ihr Entschluß steht fest. Es muß etwas passieren. Nachdem sie in den Fettnapf getreten sind, ihr Ruf als Störenfried sich manifestiert hat, können sie sich nicht einfach in die Reihen der Prahler und Hypochonder einordnen.
„Hallo Leute, hört mal her! Warum gibt es hier eigentlich kein Alkohol?“
Sie haben es geschafft, sich endgültig unbeliebt zu machen. Sie wollen also nicht mehr schlank, fit und klug sein, sondern besoffen, fett und dumm. Ihr Platz in dem elitären Kreis der Normalos ist ihnen durch dieses Geständnis automatisch aberkannt wurden. Als sie auch noch rufen, „Hat jemand mal`ne Kippe für mich?“, ist es endgültig vorbei.
Die Damen echauffieren sich bis aufs äußerste. Sie werfen das Wort Lungenkrebs in den Raum und tauschen sofort ihre Bildchen über Raucherlungen aus, die jede von ihnen im Handtäschchen mit sich herumträgt. Ein ihnen unbekannter Typ fragt:“Willst du sterben?“
Sie denken: Früher oder später muß ich doch gehen. Kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, greift sie der Gastgeber am Schlafittchen und zerrt sie an den einzigen Platz, wo sie jetzt hingehören: Vor die Tür.
Plötzlich wird ihnen bewußt, was sie angerichtet haben. Nie wieder dürfen sie sich über ihr Gehalt unterhalten und nie wieder dürfen sie sich Krankheitsbilder anhören. Schade eigentlich. Sie grinsen, gehen in die nächste Kneipe (es gibt wirklich noch welche), bestellen sich ein Bier und ein Päckchen Zigaretten und genießen den Abend alleine mit ihren Gedanken über ihr Leben, daß jederzeit ein wenig Spannung vertragen kann. Gut, ich gebe zu, wenigstens sie hatten ein wenig Spaß.
 

La Luna

Mitglied
Hallo Kaspar Neumann,

alle Achtung, ein wirklich gut durchdachter gesellschaftskritischer Beitrag - exzellent geschrieben.

Zum Glück gibt es noch Menschen die wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt - man muss sie nur finden.


Liebe Grüße
Julia
 
Y

Yamiko

Gast
Hey toll geschrieben, könnte aus einer Zeitschrift sein. Die sozialkritische Kolumne! Auf der nächsten Seite sind dann die neuen Diät tipps...
 
Vielen Dank für die Blumen.

Wie alle Autoren höre ich natürlich gerne Lob. Wobei mir der
letzte Beitrag von Yamiko nicht als uneingeschränktes Lob vorkommt. Schließlich will ich meine Geschichten nicht in einer Zeitung lesen, die auf der nächsten Seite Diättipps veröffentlicht. Wobei heute seltsamerweise alle Gegensätze
dieser Art geduldet werden....
 
Y

Yamiko

Gast
Na ja ich denke du bist kritisch und ich - wohmöglich überkritisch. Mein Beitrag war nicht gegen die qualität deiner geschichte gerichtet. Wirklich!
 
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