Sand

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Shallow

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Auf dem Weg zum Supermarkt fällt es ihm auf. Überall auf der Straße ist Sand, in manchen Ecken vom Wind zu kleinen Dünen aufgetürmt. Es knirscht bei jedem Schritt. Nicht so schlimm wie das Granulat, das sie im Winter verstreuen, aber deutlich hör- und spürbar. Er weiß nicht, woher der Sand kommt, er weiß nur, dass die Stadt wieder nichts unternimmt. Die Stadt ist dysfunktional geworden, schon lange. Nicht funktionierende Rolltreppen im Hauptbahnhof, Baustellen überall, Löcher in den Straßen, die Wurzeln der Bäume schieben die Gehwegplatten zu Stolperfallen auf dem Bürgersteig empor. Keiner macht was. Letzte Woche ist er gestürzt, die Hand tut immer noch weh. Und jetzt der Sand.
Bevor er das Lebensmittelgeschäft betritt, streift er seine Schuhsohlen kräftig auf der Fußmatte ab. Er braucht nicht viel. Joghurt, Milch, eine Hühnersuppe. Butter ist wieder bezahlbar. An der Kasse knirscht es unter seinen Schuhen.
„Ganz schön sandig hier“, sagt er beim Bezahlen.
Die Kassiererin nickt. „Ja, ja, sehr windig, soll noch schlimmer werden am Wochenende.“
Er steckt seine Einkäufe in den Beutel. Draußen ist der Wind stärker geworden, die Stofftasche pendelt unruhig hin und her, schlägt immer wieder gegen sein Bein. Und überall Sand. Er kneift die Augen zusammen und stemmt sich gegen die Böen. Zuhause kommt er kaum durch die Haustür, ein richtiger Berg türmt sich davor. Bevor er die Wohnung betritt, zieht er die Schuhe aus und dreht sie um. Feiner Sand rieselt heraus. Er schlägt die Sohlen gegeneinander, um die letzten Körner herauszubekommen, erst dann tritt er ein. Räumt Milch, Butter und Joghurt in den Kühlschrank, holt den Topf aus dem Schrank, befüllt ihn mit Wasser und stellt den Herd an. Als das Wasser zu brodeln beginnt, schneidet er die Tüte auf. Hühnersuppe mit Nudeln für einen Euro und neununddreißig Cent. Der Inhalt raschelt leicht, aber es klingt eigenartig. Als er hineinsieht, ist da nur Sand. Eine Weile steht er fassungslos vor der Herdzeile, schaltet die Kochplatte aus. An guten Tagen hat er ruhige Hände, verschüttet nur selten etwas, jetzt zittern sie. Er lässt sich nicht alles bieten, das geht entschieden zu weit. Er packt die aufgerissene Tüte in seinen Beutel, zieht die Jacke an und macht sich auf den Weg durch den stürmischen Abend, stolpert über eine hochgedrückte Gehwegplatte, fängt sich noch rechtzeitig. Mit zusammengepressten Lippen und tränenden Augen kämpft er sich zum Supermarkt. Ein Angestellter räumt den Gemüsestand in den Innenbereich, seine Schürze umflattert ihn.
„Sie haben mir das hier verkauft“, sagt er zu dem Grünbekittelten und zieht die Tütensuppe aus dem Beutel. Er zittert so stark, dass der Sturm ihm die Tüte aus der Hand reißt. Der Angestellte schiebt die letzte Auslage in den Laden, sieht ihn nur flüchtig an.
„Morgen wieder ab acht“, sagt er. „Wir schließen jetzt.“
Der Mann zieht die Glasschiebetüren zusammen, verriegelt sie und verschwindet im Inneren des Marktes. Das Licht wird ausgeschaltet.
Eine Weile steht er vor dem verschlossenen Laden. Der Sandsturm zerrt an ihm, macht ihn fast blind. Auf dem Rückweg stolpert er, diesmal fängt er sich nicht. Er fällt so unvermittelt, dass er seine Arme nicht nach vorn strecken kann, um den Sturz abzufedern. Aber er fällt nicht auf den Boden, sondern hindurch. Es gibt keinen Halt, er fällt ins Nichts, fällt und fällt, hört nicht auf zu fallen. Es raubt ihm den Atem. Er will schreien, bringt keinen Ton heraus, der Mund ist voller Sand. Sein Körper ist völlig verkrampft, er hat panische Angst vor dem Aufprall. Dann lässt er los.
 

Anders Tell

Mitglied
Der perfekte Albtraum. Mir gefällt diese crescendoartige Dramatik. Erinnert mich an Hitchcock, der aus einer alltäglichen Szene den sich steigenden Wahnsinn entfaltet. Sand mit seiner wenig befrachteten Symbolik ist das passende Medium.
Anders
 



 
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