Sandras zweite Chance

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Zoepfer

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Mädchen (14) stürzt in den Tod

Ulm. Eine Ulmer Schülerin ist gestern Nachmittag vom Balkon ihres Elternhauses gestürzt. Wohl in dem Versuch, eine kleine Katze zu retten, hat das Mädchen offenbar das Übergewicht bekommen. Die Vierzehnjährige erlitt bei dem Sturz auf die Terrasse schwerste Kopfverletzungen. Der Leichnam des Kätzchens lag neben ihr. Wie die Polizei mitteilte, wurde sie durch ihren Zwillingsbruder gefunden, als dieser vom Sport heimkam. Die Mutter, die von den Beamten alkoholisiert im Haus angetroffen wurde, gab an, nichts von dem Vorfall bemerkt zu haben. Der Vater war zum Zeitpunkt des Unglücks nicht zuhause. Das Kind starb trotz notärztlicher Versorgung auf dem Weg ins Krankenhaus. Die polizeilichen Ermittlungen zu den näheren Unglücksumständen dauern an.

(Artikel aus einer Ulmer Zeitung, 40 Jahre alt)



Das Smartphone klingelt, als ich gerade unter meinem alten Sechszylinder liege und das Öl ablasse, um es zu wechseln. Bis ich mich unter dem Vorderwagen hervor gerobbt habe, hat der Anrufer offenbar die Geduld verloren. Also rufe ich meinen alten Freund Johannes Brunert, seit Jahrzehnten von seinen Freunden Johnny gerufen, zurück.

„Hallo Johnny, altes Haus! Lange nichts von dir gehört. Was macht die Baukunst?“ Johnny, den ich seit meiner Ausbildung zum Redakteur im Schwäbischen kenne – also seit mehr als drei Jahrzehnten – hat seine Heimat zum Studium verlassen und ist seit vielen Jahren Architekt in Dresden.

„Danke der Nachfrage und für den schnellen Rückruf, mein Bester! Im Job läuft es, aber ich brauche mal eine Auszeit. Was hälst du von einem verlängerten Wochenende am Lago Maggiore? Ich lade dich ein in unsere Ferienwohnung.“ Das klingt prima, denn auch ich könnte ein paar Tage Tapetenwechsel gut brauchen. Die letzte Zeit war für mich beruflich recht anstrengend. Hinzu kommt, dass ich über den Freitod meiner großen Liebe und langjährigen Ehefrau noch lange nicht hinweg bin. Meine Lexi – die bürgerlich Alexandra hieß – hat es nie verwunden, dass unsere beiden Töchter so früh ihr Elternhaus verlassen haben: Die Jüngere entschwand auf der Flucht vor ihrer heftigst pubertierenden und sich immer mehr zum Quälgeist entwickelnden Schwester zu ihrer Patentante. Die Ältere ging unfreiwillig, weil ich sie des Hauses verwies, nachdem sie mir aus nichtigem Anlass ins Gesicht geschlagen hatte. Lexi aber gab sich an alldem die Schuld und verfiel immer mehr in Depressionen, bis sie ihrem Leben schließlich mit einem Sprung von einer Autobahnbrücke im Sauerland ein Ende setzte.

„Also ich wäre dabei!“ nehme ich die Einladung begeistert an.

Doch Johnny hat noch etwas auf dem Herzen: „Es wäre toll, wenn wir uns auf dem Hinweg nach Ascona in meinem Elternhaus in Ulm treffen könnten. Das muss nach dem Tod meiner Mutter endlich entrümpelt werden. Wenn du mich da für ein paar Tage unterstützen könntest, fände ich das ganz klasse!“

Ich bin einverstanden. Aus seinen Andeutungen entnehme ich, dass das Haus wohl voller Relikte aus den vergangenen Jahrzehnten ist. Aber bange machen gilt nicht: Ein Mann – ein Wort!

So stelle ich meine alte Reiselimousine ein paar Wochen später auf dem Platz vor der Garage ab, die Johnny mir benannt hat. Noch bevor ich läuten kann, geht die Haustür auf. Etwas zugelegt hat er, mein Freund, und grauer ist er geworden. Aber das verschmitzte Lächeln ist noch dasselbe wie eh und je, ebenso wie die herzliche Umarmung, die mir zur Begrüßung zuteil wird. Die ersten Worte danach hingegen lassen Übles vermuten: „Wie hart bist du im Nehmen?“

Ich zucke mit den Schultern. „Dir auch einen guten Tag, mein Lieber! Als Journalist bin ich einiges gewöhnt. Wieso fragst du?“

„Komm erstmal rein!“ Mit diesen Worten gibt Johnny die Tür frei.

Ich betrete durch den Windfang den Flur eines typischen Reiheneckhauses aus den 1970er Jahren. Links neben der Garderobe liegt ein kleiner Toilettenraum, rechts die Küche und daneben die offene Essecke. Geradeaus geht es in das Wohnzimmer. Soweit sieht alles normal aus. Das Mobiliar scheint durchweg so alt zu sein wie das Haus, hier und dort stehen Kartons und Tüten herum. Wirklich schockierend finde ich den Zustand aber keineswegs und sage das auch.

„Dann komm mal mit nach oben“, fordert mich Johnny auf und geht die Treppe hinauf voraus. Im oberen Stockwerk liegt das Schlafzimmer, sein ehemaliges Kinderzimmer und ein Bad mit Wanne und Dusche sowie eine weitere separate Toilette. Außerdem gibt es zur Gartenseite hin noch ein Zimmer mit Balkon. Mehr kann ich von dem Raum nicht erkennen – zum Beispiel keinen Fußbodenbelag, denn er steht mehr als hüfthoch voll mit Kartons, Koffern, Plastikbeuteln verschiedenster Größe und Stapeln undefinierbaren Inhalts, hauptsächlich offenbar Zeitungen. Das ehemalige Kinderzimmer an der Vorderseite des Hauses und das Schlafzimmer sehen ähnlich aus, sind aber nicht ganz so vollgemüllt. Das Bad scheint benutzbar, die Toilette hingegen steht voll mit Altkleidersäcken.

„Was zum Henker...“ entfährt es mir.

„Das ist das Werk meiner Mutter“, erklärt Johnny. „Die gute Irmgard“, er verzieht das Gesicht, als hätte er etwas Ekliges auf die Zunge bekommen, „war nicht nur dem Alkohol verfallen, sondern hatte definitiv einen ausgeprägten Hang zum Messitum.“

Wie ich während der nächsten Minuten erfahre, hat Johnny das Haus nach dem Tod der Mutter und dem anschließenden Umzug des Vaters in ein Pflegeheim komplett vermüllt vorgefunden. Er hat inzwischen das Erdgeschoss weitgehend im Alleingang vom Ballast der Jahrzehnte befreit und wieder bewohnbar gemacht. Doch angesichts der Tatsache, dass mit dem Obergeschoss, dem ausgebauten Dachgeschoss und dem Souterrain noch etliche weitere Räume der Befreiung vom Chaos harrten, stand Johnny kurz vor der Kapitulation. Seine wenigen ehemaligen Jugendfreunde hatten ihn einer nach dem anderen im Stich gelassen, seinem aktuellen Umfeld wollte er diese Zustände offenbar weder zumuten noch erklären. So war ich wohl seine letzte Hoffnung. „Also gut“, sage ich und atme tief durch. „Wo steht das Klavier?“

Johnny sieht mich an, und ich kann das Entsetzen in seinem Blick deutlich sehen: „Klavier? Woher...?“

Ich grinse ihn an. „Du bist unmusikalisch, das weiß ich doch. Ich meine: Womit fangen wir an?“

Mein Freund scheint erleichtert, obwohl ich mir nicht erklären kann, weshalb. Wir beginnen damit, zunächst die Toilette im Obergeschoss frei zu räumen. Die Altkleidersäcke bringt Johnny in seinem Kombi direkt zum nächsten Container des Roten Kreuzes. In der Zwischenzeit beginne ich damit, das hintere Zimmer vom Ballast zu befreien. Dabei lege ich ein Bett frei – und ein Klavier, das in einer Nische neben dem Kamin steht. Als Johnny zurückkommt, frage ich ihn, wessen Zimmer das war.

„Das“, er zögert so unmerklich, dass es jemand anderem kaum aufgefallen wäre, „wird seit 40 Jahren als Gästezimmer bezeichnet. Allerdings hat dort in den letzten Jahrzehnten kein Mensch mehr übernachtet, soweit ich weiß.“

Den Eindruck habe ich auch. Als ich die völlig verstaubte Tagesdecke herunternehme, schaue ich auf Bettzeug mit einem Bezug, dessen Muster schon seit vielen Jahren nicht mehr gängig ist.

Doch dann vergesse ich alle Fragen, denn es gibt zu viel zu tun. Johnny und ich haben uns geeinigt, dass wir zunächst diesen Raum und sein Zimmer wieder bewohnbar machen, damit er nicht mehr auf der Couch im Wohnzimmer nächtigen muss. Dabei kommen immer wieder verstörende Funde ans Licht. Einen Umschlag mit der Aufschrift „Briefmarke“, der tatsächlich eine einzelne, aus einem anderen Umschlag herausgeschnittene Briefmarke enthält, kann ich noch mit einem Grinsen ins Altpapier werfen. Dann aber ziehe ich unter einer Kommode, die hauptsächlich gebrauchte Nylonstrümpfe enthält, einen einzelnen linken Damen-Slipper hervor. Daran hängt ein Pappschild mit der Aufschrift: „Rechter Schuh weggeworfen, März 1978“. In diesem Moment gefriert mir das Grinsen im Gesicht. So etwas ist einfach nur krank! Johnny, dem ich den Fund zeige, zuckt lediglich mit den Schultern.

„So war sie halt, die gute Irmgard.“ Schon fliegt der weiße Damenschuh in den nächsten Müllsack.

Als beide Räume besenrein sind und die Garagen voller Plastiksäcke stehen, setzen wir uns ins Wohnzimmer und lassen den Tag bei einer guten Flasche Wein ausklingen. Das Weinregal im Keller ist ebenso voll wie der Rest des Hauses, doch sein Inhalt ist bei weitem erfreulicher. Schließlich aber übermannt mich die Müdigkeit, ausgelöst durch die ebenso ungewohnte wie teilweise deprimierende Tätigkeit. Zum Beispiel habe ich in diesem Haus kein einziges Familienfoto gefunden, was mich stark an einem intakten Zusammenleben zweifeln lässt.

So ziehe ich mich in das Gästezimmer zurück – eine seltsame Bezeichnung für einen Raum, in dem seit zig Jahren kein Mensch mehr übernachtet hat. Ich schlüpfe in meine übliche Nachtkleidung: T-Shirt und Boxershorts. Es klopft an der Tür – kurz, lang, kurz, kurz. Dann steckt Johnny seinen ergrauten Kopf ins Zimmer: „Möchtest du nicht lieber frisches Bettzeug? Dann kannst du das Bett neu beziehen, ist doch bestimmt angenehmer.“

Ich schaue auf das Kissen und das Deckbett mit dem orange-grünen Streifenmuster und winke ab. „Lass mal, ich bin kaputt wie tausend Mann. Das Bett ist sauber, und sollte es leicht muffig riechen, kriege ich davon dank meines unterentwickelten Geruchssinns ohnehin nichts mit. Ich will nur noch schlafen!“

Daraufhin wünscht Johnny mir eine gute Nacht und macht die Zimmertür von außen zu. Nur Sekunden später höre ich, wie er die Tür zu seinem Zimmer schließt. Ich lege mich ins Bett – und bin kurz drauf so gut wie eingeschlafen. Auf dem Weg zwischen Wachen und Traum habe ich das Gefühl, als wenn jemand schemenhaft das Zimmer durchquert. Eine anscheinend weibliche Stimme, die wie meine Lexi klingt, nur irgendwie jünger, sagt zu mir: „Bitte gib mir eine zweite Chance!“

Noch bevor ich dazu irgendeinen Gedanken fassen kann, bin ich eingeschlafen.

Ich wache auf, weil unter meinem Kopf etwas knistert. Obwohl ich das Geräusch zu ignorieren suche und mich umdrehe, kann ich nicht wieder einschlafen. Also greife ich nach meinem Smartphone, dass neben meinem Kopf auf der Nachtkonsole liegt. Die Uhr auf dem Display zeigt kurz nach Mitternacht. In seinem Schein finde ich im Kopfkissenbezug, auf der Unterseite des Kissens, einen Briefumschlag. „Sandra – posthum“ steht darauf, geschrieben in einer etwas zittrigen Version jener weiblichen Handschrift, die mir während unserer Aufräumungsaktion heute öfter untergekommen ist und offenbar von Johnnys Mutter Irmgard stammt. Meine Neugierde ist wach, wacher als ich jedenfalls, denn ich finde nicht einmal den Schalter für die Nachttischleuchte. Aber die Taschenlampenfunktion meines Handys kann ich einschalten. Der vergilbte Umschlag enthält einen alten Zeitungsausschnitt mit einer Meldung aus dem Polizeibericht von übermorgen vor 40 Jahren über den tragischen Tod eines 14jährigen Mädchens hier in Ulm und eine Karte aus festem Karton, wie man sie für Glückwünsche oder Trauerkarten verwendet. Auf der unbedruckten, offenbar ebenfalls sehr alten Karte steht in derselben Handschrift, die den Umschlag so seltsam adressiert hat: „Selbst schuld! Warum hast du auch dieses schwarze Satansviech ins Haus schleppen müssen??? Nun hast du's, du rote Hex!“

Ich finde die Nachricht sehr verstörend. Da ist kein Mitgefühl, nur Hass. Hat wirklich Irmgard Brunert diese Zeilen geschrieben, und wer um alles in der Welt ist Sandra? Hat sie hier gelebt? War sie das Mädchen aus der Polizeimeldung? Ich nehme es an, doch Johnny hat nie eine Schwester, noch dazu eine Zwillingsschwester, erwähnt. Vielleicht war ihre Existenz ja nach dem tragischen Ereignis ein absolutes Tabuthema, ist es möglicherweise bis heute. Am liebsten möchte ich direkt hinüber in sein Zimmer laufen und ihn mit Fragen löchern, aber die fortgeschrittene Stunde und meine Müdigkeit halten mich davon ab. Wenn Johnny seit 40 Jahren ein dunkles Familiengeheimnis bewahrt, machen ein paar Stunden jetzt gewiss keinen Unterschied mehr. Und mit diesem Gedanken bin ich in Zeit von nichts wieder eingeschlafen.

Am Morgen wecken mich Gongschläge, die durch das ganze Haus hallen. Geht es vielleicht etwas sanfter, Johnny? Ich öffne vorsichtig die Augen, es ist schon hell im Zimmer. Ich liege auf der Seite und schaue zur Wand mit der Blumentapete. Die Farben des Musters scheinen mir klarer als gestern, irgendwie frischer. Wird wohl am Sonnenlicht liegen, das ins Zimmer fällt. Neben mir auf dem Kissen entdecke ich eine seltsame rotbraune Schlange. Ich zucke hoch und die Schlange mit mir. Es ist ein Zopf, wie ich jetzt sehe, und zwar einer von zweien, die mir vom Kopf herunter aufs Bett fallen. Johnny, der alte Schelm, muss mir eine Art Pippi Langstrumpf-Perücke übergestülpt haben, während ich schlief. Ich greife also nach diesen ungeheuerlich langen Zöpfen und will mir die Perücke vom Kopf ziehen – Au! Das Ding sitzt irgendwie sehr fest auf meinem Schädel. Ich springe aus dem Bett und stelle fest, dass mein Schlafshirt über Nacht auf seltsame Weise viel länger geworden ist. Es reicht mir bis zu den Knien und ist auch nicht mehr weiß, sondern rosa mit weißen Rüschen. Wie immer er das gemacht hat - nun reicht es aber mit der Maskerade!

Ich drehe mich um zur Zimmertür, an der auf der Innenseite ein Spiegel befestigt ist, und erstarre mitten in der Bewegung. Der Anblick, der sich mir bietet, hat nichts, aber auch gar nichts mit mir zu tun. Ich erblicke vielmehr ein junges Mädchen im Nachthemd mit erschrocken blickenden grünen Augen unter langen Wimpern und einer Stubsnase. Kastanienfarbenes Haar, das zu zwei Zöpfen geflochten ist, reicht dem Kind bis zu den Oberschenkeln. Unter dem Stoff des Nachthemds zeichnen sich erste weibliche Rundungen ab. Aus dem Nachthemd schauen zwei schlaksige Beine hervor.

In diesem Moment klopft es an der Zimmertür: Kurz, lang, kurz, kurz. Im selben Augenblick steckt Johnny seinen Kopf ins Zimmer. Doch es ist eigentlich nicht mein alter Freund, sondern ein Junge, der wie sein Sohn aussieht – den er nicht hat, ich weiß nur von einer erwachsenen Tochter. Jedenfalls ist der Junge keineswegs erstaunt über meinen Anblick, sondern sagt nur lässig: „Guten Morgen Schwesterherz! Du zuerst ins Bad oder ich?“

„Geh du ruhig“, höre ich mich mit einer leicht piepsig klingenden Mädchenstimme antworten. Die Intention dahinter ist nicht Höflichkeit, sondern der Versuch, Zeit zu schinden – Zeit, die ich brauche, um die Situation auch nur ansatzweise zu begreifen, in die ich da geraten bin. Johnnys jüngere Ausgabe schaut mich plötzlich kritisch an: „Ich darf zuerst ins Bad? Wer bist du, und was hast du mit meiner Zwillingsschwester gemacht?“

Also ist ihm wohl ebenfalls klar, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt, denke ich und will gerade ansetzen, ihm die Situation aus meiner Sicht zu erklären. Doch da hat er schon sein typisches Lächeln aufgesetzt und die Tür mit einem „Danke verbindlichst“ von außen geschlossen.

Das ist der Moment, in dem meine Beine, die ja eigentlich nicht meine sind, unter mir nachgeben. Ich lasse mich auf den harten roten Kunststoffdrehstuhl fallen, der vor einem Jugendschreibtisch in weißer Schleiflack-Optik steht. Das Zimmer ist noch dasselbe, in dem ich gestern zu Bett gegangen bin, und doch sieht es ganz anders aus. Auf dem Wandbord, das wir gestern leergeräumt haben, stehen die Mainzelmännchen als Parade zwischen Lautsprecherboxen, die offenbar zu der Stereoanlage im Regal neben dem Kleiderschrank gehören. Dieselbe Musikanlage hatte ich gestern völlig verstaubt und mit zerbrochenem Rauchglasdeckel in einem Kellerregal entdeckt. Auf dem Schreibtisch, der gestern Abend mit Sicherheit nicht unter dem Fenster gestanden hat, liegen Hefte, ein Mathematikbuch der achten Klasse und eine dicke Gesamtausgabe von „Hanni und Nanni“. Im Regal weitere Jugendbücher, ein Spielemagazin und ein unbenutzt aussehender Karton mit dem Aufdruck „Die Schmuck-Werkstatt“. Einige Plüschtiere stehen und sitzen herum. Darunter ist ein deutlich abgeliebter, hellbrauner Teddybär, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich muss einen Moment überlegen. Dann fällt mir ein, dass der erste Teddy meiner verstorbenen Lexi genauso aussah. Der muss noch irgendwo in unserem Haus sitzen...

„Du hast ein Freibad!“ ertönt aus dem Flur die Stimme des jüngeren Ichs meines Freundes Johnny – also wohl meines Bruders Johannes. Unwillkürlich entfährt mir ein Kichern angesichts dieser skurrilen Situation.

Im Bad schaue ich mich um. Es sieht mit seinen gelben Fliesen im Sonnenblumen-Design noch genauso aus wie gestern Abend. Mir fällt lediglich auf, dass die Badewanne keinen Rost am Abfluss hat und die beiden Waschbecken mit anderen Mischbatterien versehen sind. Am liebsten würde ich duschen, doch wie soll ich diese Masse an Haaren bändigen? Eine Badekappe ist nicht zu sehen. Ohne sie kann ich aber nicht unter den Wasserstrahl, denn wenn diese Mähne nass wird, dauert es bestimmt Stunden, sie wieder trocken zu bekommen. Der Ansatz sieht nicht fettig aus, gewaschen werden müssen die Haare also wohl nicht. Dann muss eine Katzenwäsche reichen. Ich schlüpfe aus Nachthemd und Baumwollslip, greife nach einem sauberen Waschlappen und beginne mich abzuseifen. Als ich am Intimbereich ankomme, halte ich einen Moment inne, bevor ich meine Reinigung fortsetze. Ich wasche den Unterleib eines offenbar 14jährigen und mit Sicherheit noch jungfräulichen Mädchens, von dessen Existenz ich bis vor kurzem nicht einmal etwas geahnt habe. Dass ich es bin, der in diesem Mädchenkörper steckt, macht die Sache nicht weniger befremdlich.

Danach hülle ich mich in einen Frottee-Bademantel mit Blumenmuster und husche zurück in das Gäste... äh, also in mein Zimmer. Dort hole ich mir einen frischen Slip und eine Jeans aus dem Schrank, außerdem einen gelben Cord-Nicki. Anschließend flechte ich die Zöpfe auf und lasse die Haare locker über meinen Rücken fallen, nachdem ich sie vorsichtig von unten nach oben aufgebürstet habe. Damit habe ich dank zweier Töchter und meiner Lexi ausreichend Erfahrung. Jetzt, wo sie offen sind, reichen sie fast bis in die Kniekehlen. Offenbar habe ich noch nie in diesem Leben kurze Haare gehabt.

Als ich aus meinem Zimmer in den Flur hinaus trete, kommt aus dem Schlafzimmer ein hagerer Mann mit hoher Stirn und Hornbrille in einem Anzug mit Weste, weißem Hemd und dunkelblauem Querbinder. Mir fällt ein, dass Johnnys Vater so ähnlich ausgesehen hat, wenn er seinen Sohn manchmal vom Praktikum an jenem Radiosender abgeholt hat, in dem ich damals meine Ausbildung zum Hörfunkredakteur gemacht habe.

„Guten Morgen, Vater“, bringe ich heraus. Er runzelt die Stirn.

„Vater? Nicht Papi heute Morgen? Was habe ich verbrochen? Aber was es auch ist: Erzähl es mir heute Abend, ja? Jetzt muss ich in die Uni, mein Erstsemester hat heute eine wichtige Prüfung und ich anschließend noch eine Sitzung mit dem Dekan.“ Er wendet sich zur Treppe.

„Ach ja – natürlich auch dir einen guten Morgen, mein Herz!“

Der Mann, der jetzt mein Vater ist, dreht sich noch einmal um. „Und nimm besser deine Haare zusammen. Wenn deine Mutter dich so sieht...“ Dann ist er die Treppe hinunter verschwunden, kurz darauf fällt die Haustür hinter ihm ins Schloss.

Ich überlege, noch einmal ins Bad zurück zu kehren, um die rostroten Wellen auf meinem Rücken zu bändigen, entscheide mich aber in einem Anfall von pubertärem Trotz dagegen. Als ich die Treppe hinter komme, sehe ich Johnny (ob er damals schon so genannt wurde?) am Tisch in der Essecke sitzen und frühstücken. Ihm gegenüber steht ein weiteres Gedeck, das wohl für mich bestimmt ist. Davor liegt eine Butterbrotdose aus rotem Kunststoff, seine ist marineblau. Ich schaue in meine hinein: Eine Klappstulle mit einem undefinierbaren Wurstaufstrich und ein Apfel liegen darin. Johannes (ich habe beschlossen, ihn bis auf weiteres bei seinem Taufnamen zu nennen) mustert mich. Sein Blick bleibt an meinem offenen Haaren hängen und ich meine, so etwas wie Bewunderung darin zu erkennen. In diesem Moment öffnet sich hinter mir die Durchreiche zur Küche. „Hier ist dein Tee!“ höre ich an Stelle eines Morgengrußes. In diesem Moment ändert sich die Stimme der Frau, von der ich annehmen muss, dass sie unsere Mutter ist – ich hatte Irmgard Brunert nie kennen gelernt. Wesentlich lauter und schroffer als zuvor spricht sie weiter: „Sofort scherst du dich nach oben und frisierst dich anständig, verstanden? So verlässt du nicht das Haus!“

Dann bleibe ich eben heute hier, denke ich trotzig. In diesem Augenblick aber fällt mir siedend heiß ein, was mir hier an diesem Tag droht: Der Tod! Das muss ich unbedingt verhindern. Aber wie? Eine möglichst lange Abwesenheit vom Elternhaus, in dem mein Bruder nach meinen bisherigen Informationen meinen sterbenden Körper finden wird, scheint mir jedenfalls geboten. Also tue ich, wie mir geheißen, und sitze kurz drauf mit zwei brav geflochtenen Zöpfen wieder am Tisch.

„Mach hin, wir kommen sonst zu spät“, mahnt Johannes, der bereits fertig gefrühstückt hat. Also schlinge ich rasch eine Schnitte Brot mit Schinken hinunter und spüle mit dem Tee nach. Dann greife ich nach der Brotdose und stopfe sie in die orangefarbene Schultasche.

„Wo willst du denn hin?“ Johannes scheint verwundert, dass ich mich auf den Weg zur Haustür gemacht habe. „Die Fahrräder stehen im Keller, wie immer.“

Während wir dem Untergeschoss des Hauses zustreben, rufe ich „Tschüss“ in Richtung der Küchentür. Eine Antwort erhalte ich nicht. Im Keller greift Johannes nach einem Sportrad in offenbar trendigem leuchtorange, das ihm das Flair eines Einsatzfahrzeugs verleiht. Dahinter steht ein Damenrad der Marke Rabeneick mit Rockschutzbespannung und ohne Gangschaltung. Das ist wohl mein Vehikel, denn sonst ist nur noch ein grünes Herrenrad da. Ich zerre also den uncoolen Drahtesel durch die Nebeneingangstür, schließe sie von außen und radle hinter meinem Bruder her, der bereits die steil abfallende Straße hinunter saust. An der nächsten Querstraße bremst er stark ab. Als ich es ihm gleichtun will, blockiert mein Hinterrad. Mit Mühe kann ich es verhindern, vor dem alten Hanomag Pritschenwagen zu landen, der sich auf der Hauptstraße von links nähert. Wenn ich so weitermache, werde ich meinen eigenen Tod am Nachmittag wohl kaum erleben.

Während wir dem Gymnasium entgegen radeln, überlege ich, wie ich meinen Bruder in die Situation einweihen kann. Wenn mir jemand helfen kann, dann gewiss er. Doch Johannes fährt ein Tempo, bei dem ich mich darauf konzentrieren muss, mitzukommen. Ich stecke zwar in dem unverbrauchten Körper eines vierzehnjährigen Mädchens, doch gegen seinen definitiv besser trainierten Bruder komme ich nicht an. Zum Glück ist die Strecke nicht lang. Als wir das Schulgelände erreichen, bin ich trotzdem ziemlich geschafft. Johannes scheint davon nichts zu merken. Er wartet immerhin, bis ich mein Rad in einen Ständer geschoben und abgeschlossen habe. Dann hebt er lässig die Hand. „Bis später Schwesterherz. Wir sehen uns zu Hause!“

„Fahren wir nicht gemeinsam zurück?“ frage ich verdattert. Ich bin automatisch davon ausgegangen, dass wir in derselben Klasse sind. „Nee, du hast doch heute eine Stunde eher Schluss und ich muss anschließend direkt zum Training.“

Er schwingt seine Sporttasche, die mir bisher gar nicht aufgefallen ist. Ich rufe ihm also ein „bis später dann“ hinterher, da ist er bereits in der Schule verschwunden. Und wo muss ich jetzt hin? Andere Schüler streben an mir vorbei ins Gebäude, aber niemand spricht mich an. Sandra Brunert scheint nicht besonders beliebt zu sein.

„Grüß Gott Sandra!“ Immerhin scheint mich da jemand zu kennen. Als ich mich umdrehe, fällt mein Blick auf ein molliges Mädchen in meinem Alter. Es trägt einen grünen Rollkragenpullover zu einer erdbraunen Breitcordjeans und eine Brille mit Stahlgestell. Seine mausbraunen Haare sind zu einer Mirelle Mathieu Frisur geschnitten, was das pausbäckige Gesicht noch runder wirken lässt. „Guten Morgen!“ Mit Namen ansprechen kann ich die Dicke kaum, den kenne ich ja nicht. Aber sie nimmt das offenbar nicht tragisch und hakt mich kurzerhand unter. Also habe ich wohl mindestens eine Freundin, denn aus der Geste spricht eine Menge Vertrautheit. Wir steigen die Treppe zum ersten Stock hinauf. Ich werfe einen unauffälligen Blick auf die Schultasche meiner Begleiterin. „Heike Buda, 8c“ steht auf dem Namensschild an der Schmalseite der Tasche. Dieselbe Klassenbezeichnung habe ich auch in meinem Mathematikbuch gesehen, als ich es heute Morgen eingepackt habe. So lasse ich mich von Heike führen, in den Klassenraum und an den Tisch am hinteren Ende des Raumes, der wohl unser gemeinsamer ist. Kaum habe ich mich gesetzt, betritt eine kleine Frau in den späten Dreißigern mit einem blonden Pagenschnitt über einem energischen Gesicht das Klassenzimmer. Sofort herrscht Ruhe, und die Klasse begrüßt sie im Chor mit „Good morning, Miss Härtel“. Mein erster Schulunterricht seit mehr als dreißig Jahren hat begonnen.

Fünf Schulstunden und zwei Pausen später bin ich völlig erledigt. Das liegt weniger am Unterrichtsstoff als vielmehr daran, hier und jetzt die Rolle einer Person zu spielen, die ich selbst kaum kenne. Der Rest der Klasse ignoriert die letzte Bank weitgehend, ebenso wie der Mathematiklehrer namens Rüger und die Französischlehrerin mit Namen Vogel. Den Erdkundelehrer, einen Herrn Thüner, habe ich mit meinen Kenntnissen über Ostchina verblüfft, den Geschichtslehrer Karl Nolte mit meinem Wissen über den 30jährigen Krieg. Heike schien ebenfalls erstaunt – offenbar sind gesellschaftswissenschaftliche Fächer sonst nicht so die Stärke von Sandra Brunert. Als wir nach der fünften Stunde vor der Schule stehen, überlege ich fieberhaft, wie ich es schaffe, an diesem Nachmittag nicht allein nach Hause zu kommen.

„Sollen wir gemeinsam bei mir Schularbeiten machen?“ frage ich Heike schließlich geradeheraus. Der Blick, den sie mir zuwirft, ist geradezu schockiert.

„Aber ich darf doch nicht heim zu dir. Niemand darf das, deine Mutter hat es doch schon vor Jahren verboten.“

So ist das also – kein Wunder, dass die anderen Mädchen mit mir nichts zu tun haben wollen.

„Dann eben bei dir, ja?“

Mein Vorschlag scheint Heike zu freuen, doch sie schüttelt den Kopf.

„Meine Mutter will heute mit mir zur Oma nach Ehingen, und anschließend habe ich Nachhilfe. Mein Deutsch, du weißt ja...“

Wir biegen um die Hecke, die den Schulhof von dem Weg trennt, an dem sich die Fahrradständer befinden. Er ist mittlerweile leer, bis auf drei oder vier größere Jungen. Sie stehen in einer Gruppe zusammen, einer hält etwas unter seiner olivgrünen Jacke verborgen. Diese sogenannten „Kampfjacken“, so erinnere ich mich, waren in unserer Jugend eine Zeitlang unheimlich angesagt. Ich schließe mein Fahrrad auf und schwinge mich in den Sattel. Heike geht zu einem grünen Klapprad. „Dann bis morgen!“ Ich rolle los und will in einem Bogen um die Jungen herumfahren, da vertritt mir einer von ihnen plötzlich den Weg.

„Nicht so schnell, Zopfmarie!“ Schon hat er nach meinem linken Zopf gegrabscht und mich daran vom Rad gezogen. Es fällt zu Boden. „Rotes Dach, feuchter Keller, so heißt es doch.“ Seine Kumpels grölen begeistert. Das Kind, das ich äußerlich bin, hätte mit diesem anzüglichen Spruch mit Sicherheit nichts anzufangen gewusst, aber ich habe ihn durchaus verstanden. Wollen die mich hier etwa missbrauchen, sozusagen in aller Öffentlichkeit? Ich kann kaum glauben, was da gerade passiert. Ich will nur noch weg, aber er lässt nicht los. In der freien Hand hält der Bengel plötzlich ein Feuerzeug. Er lässt es aufschnappen und nähert sich damit meinem Kopf. Instinktiv drehe ich mich um und beiße ihn in die Hand. Vor Schmerz und Verblüffung lässt der Kerl endlich los. Ich hole mit dem rechten Fuß aus und trete ihm mit voller Wucht vor das linke Knie. Daraufhin beginnt er mit einer seltsamen Choreographie, untermalt mit jaulenden Lauten. Einer seiner Kumpel, der bisher seine Hand unter der Jacke verborgen hat, zieht unvermittelt ein schwarzes Kätzchen hervor. Er packt es am Schwanz und beginnt, das vor Schreck und Schmerzen schreiende Tier im Kreis herumzuschleudern. Bei diesem Anblick packt mich heiliger Zorn.

„Lass das, du Sadist!“ brülle ich den Jungen an, der einen Kopf größer ist als ich, und will ihn umrennen. Doch er lässt in diesem Moment das Kätzchen los, das mit aufgerissenem Mäulchen und ausgefahrenen Krallen direkt auf mich zugeflogen kommt. Ich bekomme das Tierchen mit beiden Händen zu fassen und kann verhindern, dass es mir ins Gesicht fliegt. Die junge Katze stößt einen wimmernden Laut aus, der wie von einem weinenden Kind klingt. Als ich mitsamt dem Tier die Flucht ergreifen will, stellt sich ein weiterer Junge in meinen Weg. Während ich noch überlege, wie ich an ihm vorbeikomme, schießt ein grün-brauner Schatten nach vorne. Es ist meine Freundin Heike Buda, die auf ihrem Klapprad in die Pedale tritt wie einst Didi Thurau und direkt auf den Jungen zufährt. Der rettet sich durch einen Sprung zur Seite, stolpert über den Randstein des Weges, knickt mit dem linken Fuß um und kommt zu Fall.

„Sandra, lauf!“ ruft Heike mir zu. Das Kätzchen an mich gepresst, renne ich los, blindlings den Weg entlang. Bei der nächsten Gelegenheit biege ich nach rechts ab, an den folgenden Ecken jeweils nach links. Als ich keine rennenden Schritte hinter mir höre, werde ich langsamer. Hinter ein paar Mülltonnen gehe ich in Deckung. Keine Verfolger zu sehen! Das Kätzchen, das die ganze Zeit wie erstarrt in meinen Händen hing, beginnt zaghaft zu strampeln. Ich fasse es anders, halte es jetzt wie einen Säugling, lege es auf den Rücken in meinen Arm und schaue die vor Angst zitternde Kreatur an, die meinen Blick mit panisch aufgerissenen Augen erwidert. Es handelt sich um einen kleinen schwarzen Kater mit vier weißen Pfötchen, einem weißen Fleck unter dem Kinn und ziemlich struppigem Fell. Die weißen Schnurrhaare in seinem Gesicht sind fast völlig abgesengt. Der elende Sadist, der mir meinen Zopf abbrennen wollte, hat offenbar vorher mit dem kleinen Streuner hier seine üblen Spiele gespielt. Davon zeugt auch eine blutende Wunde an der rechten Vorderpfote. Dort hat man offenbar versucht, ihm die Krallen heraus zu reißen. Welche widerlichen Kreaturen kommen auf solche Ideen? Ich rede beruhigend auf den kleinen Kerl ein und streichle ihm ganz sanft mit meiner freien Hand über den Kopf.

„Alles wird gut!“ wiederhole ich immer wieder. „Bei mir bist du sicher!“

Einen Teufel ist er, denke ich gleichzeitig. Mädchen, was redest du da? Ich weiß nicht, was aus dem kleinen Kater werden soll. Ich weiß ja nicht einmal, wie ich nach Hause komme. Erstmal zurück zur Schule, wo die großen Bengels womöglich immer noch auf mich warten?

In diesem Moment ertönt auf der Straße eine Fahrradglocke. Ich schaue vorsichtig über die Mülltonnen hinweg. Es ist Heike, die treue Seele, die mich offenbar sucht.

„Hier bin ich!“ Heike bremst ab und schaut in meine Richtung. „Ist die Luft rein?“

Nicken des runden Kopfes unter dem mausbraunen Haarhelm. Schon bin ich um die Mülltonnen herum.

„Was meinst du, kann ich mein Rad holen?“

Heike schüttelt den Kopf. „Holen kannst du es, aber fahren bestimmt nicht. Daran hat sich Kai Flore mit seiner Bande ausgetobt.“

Kai muss der Rädelsführer sein, der mit dem Feuerzeug. Ihm wünsche ich in diesem Moment alle Plagen dieser Welt. Ein Kopf voller Läuse und zu kurze Arme, um sich kratzen zu können, gehören zu den harmlosesten Dingen, die ich mir für ihn ausdenke. Doch dann kehre ich auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Ich muss heim!“ Immer noch streichle ich mechanisch das Kätzchen. Es hat sich mittlerweile etwas entspannt. Plötzlich höre ich leises Schnurren. Das Tier hebt den Kopf und eine raue rosa Zunge fährt über meine Fingerspitzen. In diesem Moment bin ich rettungslos verliebt.

„Ist gut, Socke“, teile ich dem Kater seinen neuen Namen mit, der mir in derselben Sekunde spontan eingefallen ist. „Wir bleiben zusammen, du und ich.“

Heike schaut mich zweifelnd an.

„Wie willst du das denn anstellen? Deine Mutter hasst Tiere, das hast du mir selbst erzählt. Tja, wenn es eine Pflanze wäre, das wäre etwas anderes – aber so?“

„Lass mal, ich kriege das schon irgendwie hin!“ Ich sehe mich suchend um. „Weißt du, wie ich von hier aus nach Hause komme?“

Heike nickt wieder. „Sicher. Wenn du hier rechts vorgehst bis zur Ecke und dann wieder rechts, kommst du direkt zu eurer Wohnsiedlung.“ Ihr Finger weist mir den Weg. „Ich würde dich ja gern begleiten, aber ich bin eh spät dran. Meine Mutter und mein kleiner Bruder warten daheim schon auf mich.“

„Ist doch okay – und danke für die Hilfe!“

Meine Freundin wehrt verlegen ab. „Jetzt schau, dass du erstmal zu Hause klarkommst. Ruf mich heute Abend an und erzähl, wie es gelaufen ist, ja?“

Heike steigt auf ihr lächerliches Klapprad, winkt und radelt davon. Ich mache mich zu Fuß auf den Weg und bin tatsächlich nach verblüffend kurzer Zeit an meinem Elternhaus.

Nun stellt sich die Frage, was ich mit Socke machen soll. Der kleine Kerl hat sich die ganze Zeit vertrauensvoll an meine Brust geschmiegt und ständig geschnurrt. Ich kann ihn nicht im Stich lassen, und wenn es mich mein Leben kosten sollte. Schlagartig wird mir klar, dass es genau das tun könnte, und seines gleich mit. Kalte Schauer laufen mir unvermittelt über den Rücken, obwohl die Sonne warm scheint.

Ich ziehe mein Schlüsselbund hervor und schließe die Tür zum Keller auf. Am liebsten hätte ich auf Johannes gewartet, aber was sollte ich in der Zwischenzeit mit Socke tun? Der kleine Kater rührt sich nicht in meinem Arm, der mir allmählich lahm wird. Er schnurrt nach wie vor leise vor sich hin. Ich schleiche vorsichtig die Treppe nach oben. Im Erdgeschoss rührt sich nichts. Also nehme ich die Treppe ins obere Stockwerk und bemühe mich weiterhin, kein Geräusch zu verursachen. Wenn ich Glück habe, ist meine Mutter nicht zu Hause. Doch hinter der Milchglasscheibe in der Schlafzimmertür, die direkt neben dem Eingang zu meinem Zimmer liegt, erkenne ich undeutlich eine Gestalt auf dem Bett. Also aus der Traum!

Ich komme unbemerkt in mein Zimmer und schließe die Tür. Wohin jetzt mit Socke? Ich setze den Kater auf den Fußboden, doch er springt sofort auf mein Bett und macht es sich mitten auf dem Kopfkissen bequem. Solange niemand kommt, soll es mir recht sein. Als ich mich zu ihm hinunterbeuge, fallen meine Zöpfe nach vorn und in mein Blickfeld. Die Erinnerung an den Schmerz, als dieser Kai mich an den Flechten vom Rad gezerrt hat, lässt bei mir eine unbändige Wut wieder aufsteigen. Diese Chance soll er nicht noch einmal bekommen! Vor dem Spiegel löse ich die Zöpfe ein letztes Mal auf, bevor ich sie mit den beiden Haargummis hinter den Ohren abbinde, die bisher ihre Enden geziert haben. Dann flechte ich sie und suche nach anderen Gummis, um sie unten ebenfalls zu sichern. Daran dürfte in einem Mädchenzimmer doch kein Mangel herrschen. Doch es ist wie verhext, ich finde nur ein einziges. Auch egal, dann fasse ich eben beide in einer Quaste zusammen. Anschließend schleiche ich mich hinaus auf den Flur und hole aus dem Nähkorb im Regal eine große, anscheinend sehr scharfe Schneiderschere. Leise schließe ich mich im Bad ein. Dort stelle ich mich vor den Spiegel und greife, die Schere in der rechten Hand, mit der linken nach dem rechten Zopf. Vielleicht lässt sich die mehr als meterlange Pracht ja zu Geld machen. Jetzt jedenfalls muss sie herunter! Ich setze die Schere oberhalb des Gummis an und schneide entschlossen in den dunkelroten Strang. Mensch, ist das ein dickes Ding! Doch schließlich halte ich die abgeschnittenen Flechten in der Hand. Nun ist die andere Seite an der Reihe. O je, das sieht aber sehr zipfelig aus! Da werde ich wohl zu einem Friseur müssen. Mit den Zöpfen in der Hand mache ich mich auf den Weg zurück in mein Zimmer.

„Sandra, bist du das? Warum kommst du so spät?“

Die herrische Stimme meiner Mutter, die aus dem Schlafzimmer erklingt, schockt mich so sehr, dass ich wie erstarrt stehen bleibe und erschrocken die Zöpfe loslasse, die auf eine der oberen Treppenstufen fallen. Just in diesem Moment beginnt Socke in meinem Zimmer zu maunzen. Ich sause hin und überlege, wo ich den dummen kleinen Kerl verstecken kann. Er steht auf dem Bett und sieht mich erwartungsvoll mit einem Blick an, der eindeutig aussagt: „Da bist du ja wieder! Was fällt dir ein, mich hier alleinzulassen?“

„Was war das für ein Geräusch?“ Offenbar ist Irmgard Brunert aufmerksam geworden. Ich schnappe mir den Kater und öffne die Tür zum Balkon. Dort gibt es einen Außenschrank, der für Klappstühle und dergleichen gedacht ist. Ich ziehe die Balkontür hinter mir zu, doch ehe ich den Schrank öffnen kann, steht meine Mutter in meinem Zimmer. „Sandra, was macht dieses Satansviech hier?“ Voller Panik halte ich Socke mit der rechten Hand fest und versuche gleichzeitig, mit der linken die Balkontür zuzuhalten, die meine Mutter jetzt zu öffnen versucht, während sie weiterzetert: „Wenn ich das Biest in die Finger krieg! Und was hast du mit deinen schönen Zöpfen gemacht? Bist du verrückt geworden?“

„Ich nicht, aber du offenbar“, denke ich und überlege fieberhaft, wie ich die tobende Frau daran hindern kann, die Balkontür zu öffnen. Doch die dreht sich unerwartet um und verlässt das Zimmer, während sie weiterschreit: „Total entstellt schaust du aus. Doch das ist dein kleinstes Problem, wenn ich dich zu packen krieg, dich und die schwarze Teufelsbrut! Wart nur ab!“

„Noch hast du mich aber nicht“, denke ich bei mir und schaue mich nach einer Möglichkeit um, mich auf dem Balkon zu verbarrikadieren. Irgendwann müssen ja Johannes und mein Vater heimkommen. Doch in diesem Moment taucht die Frau, die überall unter der Bezeichnung „meine Mutter“ bekannt sein dürfte, unvermittelt hinter mir auf. Offenbar verfügt auch das Schlafzimmer über einen Zugang zum Balkon. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich stoße die Tür auf und laufe hinaus in den Flur.

Wohin jetzt? Nach oben nicht, dann sitze ich in Vaters Arbeitszimmer oder der Abseite des Dachbodens in der Falle. Also jage ich mit Socke auf dem Arm, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter. Hinter mir höre ich die Schritte meiner Mutter und dann plötzlich ein polterndes Geräusch. Im Erdgeschoss angekommen, drehe ich mich um und sehe, wie Irmgard Brunert kopfüber die Treppe hinunterstürzt. Um ihre Füße sind rotbraune Seile gewickelt. Es sind meine nicht mehr verbundenen Zöpfe, in die sie sich verheddert hat. Als sie auf mit dem Kopf auf den Fliesen des Flurbodens aufschlägt, gibt es ein eigenartig knackendes Geräusch.

Ich lasse Socke fallen, der sich sofort unter den Tisch in der Essecke verzieht. Dann gehe ich neben dem Kopf der Gestürzten in die Hocke. Er steht in eigenartigem Winkel vom Hals ab, unter ihm breitet sich langsam eine Blutlache aus. Als Polizeireporter mit rund 20 Jahren Berufserfahrung weiß ich, wie ein Genickbruch aussieht. Hier kommt jede Hilfe zu spät. Die Rettung zu rufen, erübrigt sich also. Und die Polizei? „Denk nach!“ befehle ich mir.

Das Beste dürfte sein, so zu tun, als hätte ich nichts bemerkt. Also schnappe ich mir Socke und bringe ihn zurück in mein Zimmer, wobei ich mir die größte Mühe gebe, der Leiche nicht zu nahe zu kommen. Aus der Abseite des Dachbodens besorge ich einen flachen Karton als provisorisches Katzenklo und aus dem Papierkorb in Vaters Arbeitszimmer im Dachgeschoss Papierschnitzel, um ihn zu füllen. Der Karton kommt auf den Balkon. Die Tür dorthin lasse ich für Socke offen, da wird er schon nicht hinunterspringen.

Nun schneide ich das rosafarbene Plastiksparschwein auf, das in meinem Regal steht. Zum Glück gibt es genug Geld her, dass es für einen Friseurbesuch reichen dürfte. Erstens muss ich dafür sorgen, dass ich wieder zivilisiert aussehe, und zweitens will ich nicht länger als nötig mit der Leiche meiner Mutter unter einem Dach bleiben. Nach ein paar beruhigenden Worten an Socke, der bereits wieder auf meinem Bett liegt und sich putzt, verlasse ich mein Zimmer. Unter Aufbietung aller Willenskraft wickle ich auf dem Weg nach draußen die Zöpfe von den Knöcheln der toten Frau ab. Der Himmel mag wissen, wie es geschafft hat, sich darin so zu verstricken. Die rotbraunen Flechten stecke ich in eine Papiertüte und nehme sie mit. Nun muss ich nach einem Friseursalon suchen.

Als ich mit einem frisch geschnittenen Wuschelkopf wieder zu meinem Elternhaus zurückkomme, stehen ein Rettungswagen und ein tannengrünes Polizeiauto auf dem Garagenhof. Vor der Haustür parkt ein ziviler hellgrüner Passat Variant. Auf dem Weg dorthin fängt mich ein junger uniformierter Polizist ab. Als ich ihm erkläre, ich sei die Tochter des Hauses und wohne hier, bringt er mich zu einem älteren Kollegen in Zivil, der vor unserer Haustür steht und einen Zigarillo pafft. Der Mann erklärt mir mit verblüffend sanfter Stimme, er habe eine schlimme Nachricht für mich. Als er mir eröffnet, meine Mutter sei die Treppe hinuntergestürzt und habe sich dabei tödlich verletzt, schaffe ich es, ihn mit erschrockenen Augen anzusehen. Dabei versuche ich, den Gesichtsausdruck zu reproduzieren, den ich heute Morgen hatte, als ich mich in diesem Körper einer Vierzehnjährigen wiederfand. Weinen kann ich nicht, aber das wird zu diesem Zeitpunkt anscheinend auch nicht unbedingt von mir erwartet. Ins Haus lassen die Beamten mich nicht; vermutlich wollen sie mir den Anblick der Leiche ersparen. Wenn die wüssten!

So setzen wir uns auf die Mauer am Garagenhof. Mein Bruder sei im Haus, teilt mir der Polizeimensch mit, der sich als Hauptkommissar Krägele vorgestellt hat. Meinen Vater habe man in der Universität erreicht, er sei auf dem Weg hierher. Als ich nach Details bezüglich des Sturzes meiner Mutter frage, macht Herr Krägele dicht. Man stehe noch ganz am Anfang der Ermittlungen. Dann fragt er mich, woher ich gekommen sei. Ich antworte wahrheitsgemäß und nenne als Grund für die neue Frisur die Attacke der Jungs an der Schule. Dabei vergesse ich nicht, Heike als Zeugin zu benennen und gebe auch den Namen des Rädelsführers preis.

In diesem Moment rast ein roter Audi unsere schmale Straße entlang und hält mit quietschenden Reifen in der Zufahrt zum Garagenhof. Professor Brunert springt heraus, läuft zu uns hinüber und nimmt mich fest in die Arme. Obwohl er ja nicht wirklich mein Vater ist, tut sie gut, diese tröstliche Umarmung. Meine neue Frisur scheint ihm nicht aufzufallen. Dann fragt er nach Johannes. Hauptkommissar Krägele erklärt, mein Bruder sei in der Obhut einer erfahrenen Polizeibeamtin. In meiner Zeit hätten sie schon einen Polizeipsychologen und einen Seelsorger hinzugezogen, aber vor 40 Jahren war man offenbar noch nicht so weit.

Einige Stunden später ist der Leichnam unserer Mutter abtransportiert, die Polizei mit unseren Aussagen wieder abgezogen. Unser Vater sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa mit den Teakholzlehnen und starrt auf den ausgeschalteten Fernseher. Er scheint sehr weit weg mit seinen Gedanken.

Mein Bruder und ich sitzen uns in meinem Zimmer gegenüber, er auf dem roten Drehstuhl und ich auf dem Hocker vor meinem Klavier, mit Socke auf dem Schoß. Am liebsten würde ich mich bei Johannes dafür entschuldigen, dass er seine tote Mutter hat finden müssen und ich in dieser Situation nicht bei ihm war. Doch ich weiß nicht, wie ich das formulieren soll, ohne gleichzeitig meine Rolle bei dem Ganzen preiszugeben. So erzähle ich ihm von Socke, Kai und seiner Bande und meinem Entschluss, mich von meinen langen Haaren zu trennen. Er hört mir zu und fragt mich dann, ob ich dabei war, als Mutter starb. Noch bevor ich eine Lüge formulieren kann, greift Johannes in seine Hosentasche und holt einen Gegenstand hervor: „Das lag unter den Füßen von Mutters, nun ja, ihrer Leiche“, sagt er leise. Es ist das Haargummi mit der roten und der weißen Plastikkirsche, mit dem ich meine Zöpfe vor dem Abschneiden verbunden hatte. Ein paar lange rotbraune Haare hängen noch daran.

Daraufhin erzähle ich ihm, was passiert ist. Johannes nimmt das alles sehr gefasst auf.

„Sie war wieder einmal betrunken, nehme ich an“, meint er nach einer längeren Pause. Ich nicke, denn ich bin davon überzeugt.

Johannes sieht mich voller Zuneigung an.

„Dann ist es auf keinen Fall deine Schuld. Und hab' keine Angst, Schwesterherz. Von mir erfährt niemand etwas.“

Irgendwie überstehe ich den Rest des Tages: Das traurige Schweigen unseres Vaters beim Abendessen, bei dem niemand von uns Appetit hat, den Anruf bei Heike, die ebenso geschockt wie fasziniert ist und gewiss in diesem Moment dafür sorgt, dass morgen früh bereits die ganze Schule Bescheid weiß. Aber darum werde ich mir morgen Sorgen machen. Den Abend verbringe ich in meinem Zimmer mit endlosem Klavierspiel. Dabei kann ich eigentlich höchstens auf einem Kamm blasen, aber hier gehen mir Mozart und Clayderman gleich flüssig von der Hand.

Schließlich mache ich mich bettfertig, wünsche Johannes und meinem Vater eine gute Nacht und lege mich hin. Sofort nimmt Socke den Platz neben meinem Kopfkissen ein und schnurrt mich in verblüffend kurzer Zeit in einen erstaunlicherweise traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen weckt mich weder ein Klopfen an der Tür noch laute Gongschläge. Die Sonnenstrahlen, die meine Nase kitzeln, reichen aus. Als ich wissen will, wie spät es ist, fällt mein Blick auf mein Smartphone auf der Nachtkonsole. Moment mal – ein Smartphone? Ich springe aus dem Bett. Offenbar bin ich wieder in meiner Gegenwart. Ein Blick in den Spiegel an der Tür zeigt mir das gewohnte Bild eines Mannes Mitte Fünfzig, der dringend weniger hochwertiges Marzipan und auch nicht so viele Gummibärchen essen sollte. Bekleidet bin ich mit Boxershorts und einem T-Shirt. Hatte ich den ganzen gestrigen Tag nur erträumt? Den Briefumschlag mit dem hasserfüllten Geständnis finde ich jedenfalls nicht mehr, ebenso wenig wie den Zeitungsartikel. Der kleine Kater Socke scheint ebenfalls in der Vergangenheit, dem Traum oder was immer es gewesen sein mochte, zurück geblieben zu sein.

In diesem Moment klopft es an der Tür: kurz, lang, kurz, kurz. Als ich sie aufreiße, steht mein alter Freund Johnny davor, kein vierzehnjähriger Junge. Er lächelt mich an, wünscht mir einen guten Morgen und kündigt mir eine Überraschung an. Danke, davon hatte ich in den letzten Stunden genug. Aber bitte, was soll mich jetzt noch schocken?

Als ich frisch geduscht nach unten komme, ist der Frühstückstisch bereits gedeckt – für drei Personen. Auf meine Frage, ob wir einen Gast erwarten, kriege ich wieder nur sein Lächeln zur Antwort und die Bitte, mich doch noch ein bisschen zu gedulden.

Als es wenig später läutet, bin ich als erster an der Haustür. Davor steht eine Frau in unserem Alter mit einem strubbelig geschnittenen Longbob, einer Stubsnase und grünen Augen, bei deren Anblick ich mich am Türrahmen festhalten muss. Sie gleicht vollkommen meiner verstorbenen Lexi, eben bis aufs Haar. Das ist nämlich rotbraun an Stelle von hellblond und reicht knapp bis zur Schulter statt über den halben Rücken.

„Da ist die Überraschung offenbar geglückt“, freut sich Johnny hinter mir. „Darf ich vorstellen: Meine Zwillingsschwester Alexandra. Sie ist heute sehr früh in Ascona aufgebrochen und wird uns hier helfen, klar Schiff zu machen“.

„Sandra reicht völlig, schon immer!“ Mit diesen Worten tritt mein persönliches Wunder ein, beugt sich lächelnd zu mir vor und flüstert: „Danke für die zweite Chance!“




Aus einem Polizeibericht, 40 Jahre alt:


Ermittlungen ergaben Unglücksfall

Ulm. Der tödliche Sturz einer Ulmerin (47) vor zwei Wochen war offenbar ein tragischer Unglücksfall. Irmgard B., Ehefrau des stellvertretenden Dekans der örtlichen Universität, stürzte demnach in alkoholisiertem Zustand auf der Treppe ihres Hauses. Dabei zog sie sich Verletzungen zu, die zu ihrem sofortigen Tod führten. Nach Erkenntnissen der Ermittler befand sie sich zu diesem Zeitpunkt allein im Haus. Ein Verschulden Dritter wird daher ausgeschlossen.
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Zoepfer,

spät kommt er - aber er kommt, nämlich der Kurzkommentar von mir.
Ich muss schon sagen, ich durfte endlich mal wieder an dieser Stelle eine Erzählung lesen, die den Namen "Erzählung" auch verdient.
Die Handlung ist sehr präzise und vor allem schlüssig konstruiert. Wie bei einem guten Essen - nichts fehlt an den notwendigen Zutaten und - noch wichtiger - nichts ist zu viel. Dieses wirklich ansprechende Gericht wird auch noch in einem leicht bekömmlichen Stil serviert. Was soll man da noch kommentieren, wenn es nichts zu meckern gibt? Zumindest mir war das ein richtiges Lesevergnügen. Chapeau!

Es grüßt
Ralph
 

Spirulina

Mitglied
Hallo Zoepfer,

deine Geschichte hat mich aufgesogen wie ein Schwamm. Am Anfang hat es ein bisschen gedauert, aber dann nahm
das Geschehen Fahrt auf und ich konnte nicht mehr aufhören bis zum Ende.

Sehr gerne gelesen
Spirulina
 
Klasse Story mit einen schönen Ende.

Lediglich am Anfang ein wenig holprig beim Telefonat, aber ansonsten sehr gut. Die Geschichte war gut zu lesen.
 

ArneSjoeberg

Mitglied
Puh! Sollte ich deine und meine Art zu schreiben vergleichen - was völliger Blödsinn ist - wäre meine wie Treppen auf- und absteigen. Deine hingegen wie das genussvolle Segeln über ein Meer voller Worte. Keine Ecke, keine Kante ... Ein Genuss.

Danke
Arne
 

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