satzchemie (hexameter)

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Mondnein

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[ 4]satzchemie


säuren sättigen sich mit laugen
[ 4][ 4]verwandelt zu salzen
verben auch bieten person und valenzen
[ 4][ 4]verhandeln objekte

subjekte glauben durch prädikation sich
[ 4][ 4]als haupt zu behaupten
fragen noch suchen nach sättigung dürstend
[ 4][ 4]die antwort offen

was wollen imperative? kein wort kann
[ 4][ 4]mit reden sie trösten
einzig die tat: sie verlangen den täter
[ 4][ 4]sie zielen aufs tu du
 

Willibald

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satzchemie


säuren sättigen sich mit laugen
verwandelt zu salzen
verben auch bieten person und valenzen
verhandeln objekte

subjekte glauben durch prädikation sich
als haupt zu behaupten
fragen noch suchen nach sättigung dürstend
die antwort offen

was wollen imperative? kein wort kann
mit reden sie trösten
einzig die tat: sie verlangen den täter
sie zielen aufs tu du

(1) Zwölf Zeilen, eine Überschrift zweigliedrig

Einmal in meinem Leben sechs Monate an einer Arbeit gesessen über Ernst Jandl und Thomas Kling ("elegn: troerinnen als flugsilbe, grauköpfin,
abhebende partikel. stimmstörung rußsenkung.
ruß, der sich, gelähmte d
ardanellen, auf di gestn senkt.")

Seit damals – trotz Faszination – eine gewisse Abstinenz gegenüber dem, was man avantgardistisch (äh) „fragmentarische“, „experimentalistische“ Lyrik nennen könnte. Mondnein präsentiert sie oft, Wörter und Worte, Phonemkaskaden, zersplitternde Syntax.

Eine Art Reflex damals nach den sieben Monaten: Der Griff nach den Gedichten von Wystan Hugh Auden, hatte ihn durch die Übersetzung von Ernst Jandl kennengelernt, hier W.H. Auden´s „Roman Wall Blues“, Jandl-Blues-Übersetzung ein andermal:

Over the heather the wet wind blows,
I’ve lice in my tunic and a cold in my nose.

The rain comes pattering out of the sky,
I’m a Wall soldier, I don’t know why.

The mist creeps over the hard grey stone,
My girl’s in Tungria; I sleep alone.

Aulus goes hanging around her place,
I don’t like his manners, I don’t like his face.

Piso’s a Christian, he worships a fish;
There’d be no kissing if he had his wish.

She gave me a ring but I diced it away;
I want my girl and I want my pay.

When I’m a veteran with only one eye
I shall do nothing but look at the sky.
Heute las ich mondneins „satzchemie“ und war fasziniert: „Satzchemie“ setzt Sprache und Chemie, Elemente und Prozesse in eine Ähnlichkeitsbeziehung. Tatsächlich: Die dritte Zeile bietet „Valenzen“ und Tesniere mit seiner chemisch gezeugten Valenzgrammatik steht auf dem Plan. Und für die High-Brow-Semiotiker sogar Goethe mit seine "Wahlverwandtschaften".

Das Verb als der King besitzt Leerstellen, verfügt über sie, das Verb „bieten“ bietet etwa drei solche Positionen oder Valenzen, die nach Sättigung gieren: Den Anbieter, was er anbietet und den eventuellen Interessenten oder Abnehmer.

Die „Subjekte“ eines Satzes “glauben“ sich in der Kingrolle, meinen, sie seien Haupt, man beachte die feine Assonanz (au). Doch eigentlich ist es das Verb, so wohl der Subtext für den stillvergnügten Leser.

Die Durst- und Sättigungsmetapher funktioniert dann auch beim Fragesatz und seiner „offenen Antwort“ in der zweiten Strophe.

Die dritte Strophe fällt auch den theoriefernen und ‚hochliterarisch‘ ungebildeten Hörern oder Leserinnen auf. Zweimal ein Einschnitt mitten in der Zeile. Ein Satzende nach „imperative“, ein Doppelpunkt nach „tat“. Und ein Wortspiel mit „täter“, „tun“, „tat“ und „tu du“.

(2) Hex

Nicht sehr weit hergeholt: Die zwölf Zeilen sind eigentlich sechs Hexameter, Daktylen oder Trochäus, umgebrochen regelmäßig, jeweils normgerecht endend auf und mit dem Fuß Xx, beginnend am Zeilenanfang mit der Hebung.

Aber: Die Sprache verlangt bei „Subjekte“ in der dritten Strophe „eigentlich“ auf der ersten Silbe die Senkung. Der Dudenphonograph sagt es an. Ein Versehen des Texters? Zumal das vorhergehende „Objekte“ alltagssprachlich und poetisch mit seiner Betonung von „jekt“ ganz in die poetische Ordnung passt, also SubJEKT?

Aber: Näherliegend, dass sich die Subjekte in ihrem Glauben, "Haupt" zu sein, täuschen. Sie sind „in Wirklichkeit“ „sub“ und untergeordnet, untertan dem Verb und seinen Valenzen. Gerade in der Prädikation, die meist mit dem Verb als Prädikat fungiert, sind die Subjekte dominiert. Allenfalls dass sie in der Kongruenz einen gewissen Einfluss ausüben. Aber das ist eher ein Zuordnungssignal als ein Dominanzritual?

Tja, wo versteckt sich in aller Chemie das lyrische Subjekt, der spielende Autor und seine Sprachfigur? Vielleicht, wahrscheinlich, ... in den letzten beiden Wörtern „tu du“. Rein phonetisch gleichklingend. Graphematisch zuerst das Verb in Imperativform „tu“, dann die angesprochene Person, das „du“.

Ob Imperative das Verb in seiner Valenz berühren? Da gibt es ein sprechendes Ich, das den Imperativ formuliert. Da gibt es den Adressat, den Hörer. Er ist das freiwillige oder unfreiwillige Subjekt des Tuns, egal erst mal, was da zu tun sei. Und ob er sich weigert.

Und im Sprachspiel von TU du oder Tu DO (DU) löst sich der Befehl in seiner Ernsthaftigkeit auf. Da ist die „To-Do-Liste“ nicht weit, das kindleinbedrohende und mahnende „Du du“ ist da, das englische „too“ nicht weit. Und schon tut man was, man kostet von dem magisch-hexenden Sprachtrank und gerät ins prä- und postludieren. Die chemische Sprache übrigens - sie hat die Valenz, den Autor zum Tun zu bringen und er schreibt. Eine Partnerschaft. Auch irdisch-chemisch-verbale Hexerei seit Urzeiten?

Und wir schreiben mit und weiter.


(3) Zum Bücherschrank

gelaufen, Buchrücken gestreichelt (Gottfried Benn, Probleme der Lyrik, 1951; Paul Celan, Der Meridian, 1960; Robert Gernhardt, Zehn Thesen zum komischen Gedicht, 2004) und an die Mutter gedacht, wenn sie wie im germanischen Spruchzauber dem Jungen das Gänschenlied sang:

„Heile, heile Gänschen,/Es ist bald wieder gut,/Das Kätzchen hat ein Schwänzchen,/Es ist bald wieder gut./Heile, heile Mausespeck,/In hundert Jahren ist alles weg.“ Zwei „männliche“ Kadenzen bei „Speck“ und „weg“.

Kadenz-Oszillation im „Tu du“ von mondnein. Was will man heute mehr?

Und doch will man gleich noch ein weiteres Buch öffnen, den Gesang vom Kindchen lesen, den Mann:
Einen Silbenfall weiß ich, – es liebten ihn Griechen und Deutsche, – Mäßigen Sinnes ist er, betrachtsam, heiter und rechtlich; Zwischen Gesang und verständigem Wort hält er wohlig die Mitte, Festlich und nüchtern zugleich. [ ...] [ ...] Frühe fiel er ins Ohr mir, auf Deutsch, übertragener Weise, Als der Knabe den Sinn sich erhöht an den Kämpfen Kronions [ ...]. Die Weise blieb mir geläufig Immer seitdem; sie geht mir bequem von der Lippe; und manchmal – Ihr merktet’s schwerlich – schlich sie sich ein in meine Erzählung.
Dank an den Görlitzer Kölner
 

Mondnein

Mitglied
Ich bin so narzissenhaft hingerissen von Deinem Kommentar, Willibald, daß ich fast im Spiegelteich ertrunken wäre -

Treffsicher, richtig, genau: Es geht vor allem um die Valenzen der Verben.

grusz, hansz
 

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