Schafe als Rasenmäher: pro und contra

- Dieser Text war am Anfang in einer falschen Kategorie. Beim Wechseln zur Kategorie "Tagebuch" ist der Text leider verlorengegangen. Das ist der 2. Versuch.-


Ein bildlicher Ausdruck fürs Dumm- oder Verwirrtschauen ist: „Wie ein Schafbock auf das neue Tor glotzen“. Schafe gelten als dumm. So dumm, dass ein Schafbock angeblich seinen Hof nicht erkennen wird, sollte ein neues Tor gesetzt worden sein.

Sie mussten bei uns keine Intelligenz besitzen. Sie mussten lediglich auf der Fläche von 5.600 m² den Rasenmäher ersetzen. Mit drei jungen Tieren fingen wir am 11. Mai 2013 an. Die Kalkulation war einfach, einen Schafbock zum Herbst auszuleihen und aus drei Schafen mindestens sechs werden zu lassen. Wir waren voller Energie, offen für alles Neue und schön ahnungslos, deshalb auch mutig. Der damalige Schäfer unseres Vertrauens meinte im Nachhinein, er hätte uns das gar nicht zugetraut. So schlimm können wir aber nicht ausgesehen haben, oder?

Wir haben mit der Zeit vieles erfahren und gelernt. Schafe müssen entwurmt werden. Schafe können ausbüxen. Junge Schafe müssen nicht geschoren werden. Schafe gehen „durch den Zaun“ an das Gemüse im Garten. Solche Schafe kann man nicht erziehen. Von solchen Schafen kann man sich nur verabschieden und hoffen, dass die Wurst schmeckt. Wir hofften das. Gekostet haben wir die nie. Wir brachten es nicht übers Herz, unsere Schafe selbst zu schlachten.

Der Schafbock war bei uns über einen Monat zu Gast. Zwei Tage hätten eigentlich vollkommen gereicht. Der Schäfer wollte aber selbst ein paar Tage seine Ruhe haben. Die Kenntnis davon und die Erfahrung kamen mit der Zeit. Der Gastbesamer stopfte sich die ganze Zeit mit Äpfeln und Birnen voll und machte sich irgendwann mal, Gott sei Dank, davon. Wir waren „in freudiger Erwartung”.

Am 26. Dezember 2013 ging es mit den ersten Schäfchen los. Mein Mann war „eine tapfere Hebamme“. Die kalte Winternacht war sehr unruhig. Am nächsten Morgen waren zwei Lämmer tot und eins so gut wie tot. Die Mutter gab keine Milch. Das Euter entzündete sich. Wir waren ahnungslos genug. Die Mutter verabschiedete sich von uns in Kürze in die bessere Welt. Wir blieben mit einem Flaschenlamm auf dem Arm zurück. Der geplante Silvesterabend bei Freunden im Harz war gestrichen.

Das Lämmchen im Karton war sehr schwach, bewegte sich nicht und atmete kaum hörbar. Wir holten ein Körnerkissen und machten es warm. Wir hofften, dass die Wärme ein Wunder bewirkt. Die Zeit lief. Die Hoffnung schwand. Das Kissen wurde kalt und musste nochmal in die Mikrowelle. Oh, Wunder!... Das Lämmchen sprang auf. Das Körnerkissen war einfach zu schwer. Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt! Die Freude kannte keine Grenzen. Die Ersatzmilch für die erste Zeit wurde auf die Schnelle in der Agrargenossenschaft geholt. Das Lämmchen blieb im Karton bei uns im Schlafzimmer. Alle zwei Stunden strampelte es und verlangte nach Futter. Später gab es eine Extra-Ecke in der Werkstatt. Das Schlimmste war überstanden. Mit der Milchflasche die Mutter spielen muss man nicht kurz, nicht lang, so drei bis vier Monate. Auch das schafften wir.

Zurück zur These: „Schafe sind dumm.“ Ein Schaf ist bekanntlich ein Herdentier. Unser Mädchen musste langsam zu den anderen zwei älteren Schafen. Sie akzeptierten das Kleine nicht. Sie duldeten sie eher. Unglaublich! Keiner erwartete jegliche Intelligenz bei den Schafen.

Anfang März 2014 brachten die anderen zwei Schafe je ein Lämmchen zur Welt, ein Mädchen und einen Jungen. Das Mädchen war schon am zweiten Tag ein Schaf, wenn ihr versteht, was ich meine. Ihr fehlte nichts. Sie war wohlauf. Ein Schafsbaby aus dem Bilderbuch. Aber der Junge… unser Hermann… Er war so dürre, gegen die Sonne gesehen fast durchsichtig und hatte zwei „Löcher“ in den Seiten… ein Rippengerüst mit Haut überzogen. Er war immer müde und pennte ständig. Ich musste ihn immer wieder wecken und in Richtung Mutter steuern. Er ging erfolgreich am Euter vorbei. Ich hatte Angst, dass er verhungert.

Auch das konnten wir überstehen. Die Kinder waren schön verspielt. Alles entwickelte sich zum Besten. Aus dem heiteren Himmel kam eine neue Erkenntnis. Wir mussten das Böcklein kastrieren. Sonst ginge er in ein paar Wochen an die eigene Mutter. Lieber Hermann, Du konntest uns das ganz bestimmt verzeihen.

Die Methode ist einfach. Der etwas straffere Gummiring wird um die Eierchen gemacht. Es zwickt, um es mild auszudrücken. Der arme liebe Hermann war ständig mal auf, mal musste er sich hinlegen. Man darf aber wirklich die richtige Zeit nicht verpassen. Mit dem Alter bis zu 10 Tagen gelingt die „OP“ am besten und hinterlässt kein Trauma.

Um die Geschichte abzukürzen - wir haben alle Tiere verkauft. Ein paar Jahre in Folge hatten wir nur Gastrasenmäher. Letztes Jahr fiel die Entscheidung, einen Rasentraktor zu holen. Ein Rasentraktor ist das bessere Schaf.
 

Oben Unten