Schattenweg

Omar Chajjam

Mitglied
Schattenweg

Goldbetupft mit Sonnenschein
ist noch der Weg.
Doch die Hände suchen schon
nach dem Geleit,
weil die Schattenbilder greifen
nach den Spuren
derer die voraus gegangen sind
durchs Tal.

Die Auffahrt greift in den Wald am Hang. Darunter glänzt der Fluß herauf, der seinen Weg in die Ebene sucht.

Das Taxi folgt den Serpentinen zur Pforte. "Fräulein, wir sind da!", sagt der Taxifahrer. Er überlegt: "Was will die denn im Krankenhaus? Ist höchstens Mitte zwanzig. Hat ja einen scharfen Pulli an. Also, die Hände. Das ist nie ne Krankenschwester - eher ne Ärztin, angehend. Scharfe Frau. Aber nix für Ausländer." Mehmed ist schon lange hier. Eigentlich wollte er Arzt werden. Das ist aber sein anderes Leben vor der Flucht gewesen. Jetzt ist er Taxifahrer und verheiratet. Kinder? Ja, auch die - drei. "Das auf dem Bild, Fräulein, das ist meine Frau und da sind die Kinder. Zwei Söhne." Sie hat die Fotografie über dem Tachometer betrachtet.

Hier fährt er oft her. Das Krankenhaus ist berühmt - ein orthopädisches Krankenhaus - und die Passagiere nehmen immer das Taxi vom Bahnhof zur Klinik. Mehmed sprichtt mit ihnen. Er kennt die Geschichten der Kranken und die Namen der Ärzte. Aber mit jungen Frauen spricht man nicht.

Mehmet blickt in den Rückspiegel. Sie hat langes, brünettes Haar, dunkelbraune Augen, ein schmales, blasses Gesicht, und über den geschwungenen Lippen liegt ein selbstverständliches, belangloses Lächeln. "Fräulein, wir sind da." Mehmed steigt aus, die Frau steht bereits neben ihm, drückt im die 15 Mark in die Hand. Aus dem Kofferraum reicht er ihr die kleine, braune Reisetasche. Sie ist hoch gewachsen. Mehmed muß zu ihr aufblicken. Gegen solche Frauen hat er eine unwillkürliche Abneigung, darum beeilt er sich, wieder hinter sein Steuer zu kommen. Eine kurze Weile blickt er ihr hinterher, wie sie durch die beginnende Dämmerung zum erleuchteten Eingang geht. Er ist fasziniert von ihrem geraden Gang und dem Po, der sich unter der langen braunen Hose des Anzugs abzeichnet.

Die Patientin blickt auf das Kunstwerk auf dem gepflasterten Vorplatz. Eine Stahlschiene durchbricht eine Betonwand. Dahinter öffnet sich der Eingang, Glastüren, Gebäude, ockergelb, unter geschwungenen, gegliederten Dächern. Die Fassaden bewahren die Zeiten, als die Welt noch ihre Ordnung hatte. Hier war vielleicht schon die Großmutter in Behandlung gewesen. Sie hatte sie nicht mehr kennen gelernt. Aber sie war an der Krankheit gestorben.

Was wird sie hier erwarten? Sie fühlt das Alter dieser Wände auf ihrer Jugend. Die Eingangstüren schließen sich hinter ihr mit einem leichten asthmatischen Ausatmen, befreit von dem Druck der Hebel, so als wollten sie nicht mehr hergeben, was sich einmal hinter sie geflüchtet hatte. War es eine Flucht? Wirklich das? War es nicht vielmehr ein Abenteuer? Die Frage hatte sich schon in sie gebohrt, damals, als sie von ihrer Krankheit erfahren hatte.

Auf den Fluren warten Menschen. Es ist eine orthopädische Klinik, daher sieht man ihre Krankheiten, verbundene Arme und Hände, Menschen in Rollstühlen, mit Drahtgestellen, mit Binden über Schultern. Sie tragen ihre Krankheit wie Aushängeschilder vor sich her.
Der Blick der Frau gleitet hinüber zu einem jungen Mann, der mit dem Bauch auf einer Art fahrbarem Gerüst liegt , dessen Räder er mit den Händen antreiben kann. Die Arme sind nach hinten gekrümmt. Den Blick richtet er vor sich auf den Boden, aber er spürt die Augen der anderen auf seinem Körper, wie sie nach der Sensation tasten, hinunter, dort, wo einmal seine Beine waren. Er weicht den Menschen und Blicken aus und ist doch hier zu Hause. Denn er fühlt in den andern die gleichen Schmerzen, das gleiche Leiden.
Mit den Gedanken der anderen entsteht eine Gemeinsamkeit, die das Leben erträglich macht.

Durch dieses geheime Einverständnis hindurch geht die Patientin, ohne es in dem von Desinfektionsmitteln gebleichten Gang zu spüren. Sie fühlt sich nur einsam. Ihr Gesund Sein wehrt wehrt sich gegen die möglichen Gefährdungen, die dieser Ort ausstrahlt. Auch der schmerzende Punkt in ihrem Nacken beginnt sich aufzulösen.. Nur der Zwang der Gesetzmäßigkeit führt sie weiter hinein in das kalte Weiß, das hinter den psychologisierenden Farbspielen schimmert, die die Innenarchitekten wie eine Tarnkappe über die Wände gelegt haben.

"Der Empfang? Links, den Wegweisern nach," deutet das Mädchen am Schalter, lange, blonde Haare, Dauerwelle? - Nein, Natur. Aber warum trägt sie einen weißen Kittel? Muß sie das? Sie wirkt auf Männer. Die Gedanken an Paul wandern mit ihren Schritten zum Empfang. Paul, das hält sie am Leben, das weiß sie. Da ist die Erinnerung an seine Hände, die über ihren Brüsten liegen, die Fingerspitzen, die in Spiralen sanft zu ihrem Schoß hinuntergleiten. Ihr Mittelpunkt dreht sich um diese Hand, bis der Schmerz durch sie hindurchgreift und sanft von ihm wegzieht und zurückführt in das Abenteuer.

Da sitzt sie, dem Empfang gegenüber und hält sich an dieser lächerlichen Modezeitschrift fest. Los lassen - Paul, das Zuhause, die kleine Wohnung. Wie alte Fotografien legt sie die Bilder zurück in das Album aus Erinnerungen.

Das Dach des Atriums faltet über ihr die Abenddämmerung auf. Durch das Glas wird das Licht der untergehenden Sonne tausendfach gebrochen und fällt in mattroten Spiralen auf den Marmor. Weiße Metallrahmen trennen den Stein von der Erde. Die dämmernde Kunstwelt schließt sich vom Garten aus, der allmählich zum Dunkelblau des Waldes übergeht, durch den sie vorher mit dem Taxi gekommen war.

Sie ist aufgenommen.
 

Chrissie

Mitglied
Der Kreis schließt sich um die Protagonistin und versinnbildlicht ihre Gefangenschaft.

Perfekt erzählt.
Bin betroffen.

Bravo!

Liebe Grüße
Chrissie
 

Omar Chajjam

Mitglied
Ich empfand beim Schreiben den Abschluß nicht als Gefangenschaft. Wohl wars aber ein Gefühl von Neugier und Traurigkeit.

Gruß
Omar
 

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