Scherbengrube

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kwge

Mitglied
Vielerlei hat man hineingeworfen,
meist alte zerbrochene Keramik,
scheinbar über die Kante geschmissen,
nur nicht zu nah an den glatten Wänden,
alles das keine Verwendung mehr fand,
kam wohl hinzu, auch etlicher Unrat,
oben ist nur ein bisschen zu sehen,
bereits verdeckt von der Erosion

manch Triviales einige Ästhe-
tik oft verschnörkelt bisweilen reich ver-
ziert mit vielen Motiven wie manchem
Dekor was geglaubt und gemeint wurde
manche Eleganz auch Ostentati-
on was erstrebt und gemessen wurde
manche Norm zuweilen Vision was
recht fragwürdig sowie veraltet er-
schien manche Hymne dazu Exzesse
was besonders und anziehend erschien
manches Fatum inmitten von Deka-
denz was ersonnen und erwogen wur-
de manche Manie selten Ingeni-
en was alltäglich und gewöhnlich war

vieles das gebraucht und verlebt wurde
liegt nun irgendwo in dieser Tiefe,
wahrscheinlich willkürlich sowie verquer
stapeln sich unzählige Bruchstücke,
alles häuft sich dort übereinander,
in hunderten zeitspannenden Schichten,
jener Rest könnte sie doch bezeugen,
die entsorgte menschliche Existenz.
 
Hallo kwge,
ich habe einst an einer Sandbank am Fluss entdeckt, dass dort unglaublich viele Scherben zu finden waren, und wenn ich „abgeerntet hatte, waren zwei, drei Wochen später wieder neue Schätze im Sand. Diese Schatzsuche betrieb ich mit meiner Frau zwei Jahre lang. Dabei kamen mehrere Kartons zusammen. Die Scherben sortierte ich zeitweilig nach ihrer alten Funktion, so dass fast museale Haufen von Gefäß- Böden, Henkeln, Rändern, Wänden, oder besonders glasierte Teile usw. Es waren sogar ein paar nahezu intakte Stücke dabei, zum Beispiel ein ganzer keramischer Kautabaktopf, mit Bemalung. Der ganze Kram wurde sicher jahrhundertelang von Stadtbewohnern „schwupp!“ über die Stadtmauer in den Fluss geworfen, der es dann mit seiner Strömung flussabwärts wegtrug. Okay, wenn es sich dabei um solchen Müll handelt, ist es eine Freude, als Nachgeborener darauf zu stoßen. Die Scherben wollte ich eigentlich im großen Umfang bei der Sanierung in unsere Wände als Schmuck integrieren, es blieb aber aus Zeitnot bei ganz wenigen Teilen. Aber eigentlich müsste ich noch mal irgendwo damit beginnen.
Liebe Grüße
vom Clown
 

Ubertas

Mitglied
Hallo @kwge ,

ich bin mal so frei und nehme die letzten Zeilen:
in hunderten zeitspannenden Schichten,
Gefällt mir außerordentlich gut, diese Verszeile, neben den anderen. Das "zeitspannenden" hat es mir angetan, so unterschiedlich und fein und bitter es ist
jener Rest könnte sie doch bezeugen,
Gefällt mir außerordentlich gut, der danach aufkeimende Konjunktiv
die entsorgte menschliche Existenz.
Gefällt mir außerordentlich gut, mit diesem Funken Hoffnung und Verlorenheit, den ich finde irgendwo vor und nach den Trennungsstrichen, zerscherbelt und fast ganz (? ) in einer Scherbengrube, sich selbst (nicht nur im Lesen) zusammenformend und teilend. Ob es alle diese Bruchstücke braucht oder ob sie letztlich der Grund werden, sich wieder zusammenzusetzen? So lese ich dieses wunderbare Gedicht, das Vielerlei tut, aber nicht erodiert.
Nur meine Momentaufnahme, dein Gedicht ist viel mehr!
Ich bin begeistert. Danke für dieses Gedicht:) Ausrufezeichen: !

Liebe Grüße,
ubertas
 



 
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