Schicksalhafte Begegnung - letzter Teil

visco

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Schicksalhafte Begegnung

Teil 5 von 5​


Vor dem gläsernen Wohnzimmervorbau auf der Terrasse sitzend ließ Vivian verträumt ihren Blick durch den Garten schweifen. In den vergangenen anderthalb Jahren seit ihrer Verhaftung hatte sich ihr Leben grundlegend verändert. Ihre Bewährungsstrafe in der Obhut des gerichtlich anerkannten Bürgen war inzwischen bis auf einen einzigen verbleibenden Monat absolviert, aber in dem näher rückenden Fristende sah sie nicht länger einen Motivationsspender.

Bisher hatte ihre Anstrengung ausschließlich der Verteidigung dessen gegolten, das gemäß eigener Definition als bewahrenswert galt. Klammerte man jedoch das unwiederbringlich Verlorene aus, dann blieb nur die Gewißheit, daß sie auf den bevorstehenden Tag, an dem sie ihre Selbstbestimmung wiedererlangen würde, in keiner Weise vorbereitet war.

Eine erfrischende Brise versetzte die Sträucher und Äste in Bewegung. Das zeitversetzt aufbrausende Rauschen zog mit dem Atem der Jahreszeit davon, verstummte kurzzeitig und kehrte zurück, noch bevor das ausschwingende Grün zum Stillstand gekommen war.

Sie mußte sich wohl damit abfinden, daß die einschneidenden Veränderungen aller Wahrscheinlichkeit nach irreversibel waren und somit eine Wiederherstellung des früheren Zustands unmöglich machten. Daher schien es nicht länger vertretbar, allen Anzeichen zum Trotz an etwas festzuhalten, das eine unbefriedigende Beschränkung ihres Daseins auf die nackte Existenz ohne Vergangenheit und vor allem ohne Zukunftsaussicht bedeuten würde. Schon der Gedanke daran löste vielmehr ein gewisses Unbehagen aus.

Das bislang favorisierte Selbstbildnis, das sie als leidvoll aufschreiende Gestalt inmitten einer surreal anmutenden Umgebung zeigte, war es einfach nicht wert, um sich mit einer fortgesetzten kategorischen Abwehrhaltung der Chance auf ein reales Leben zu verschließen, das so viel mehr zu bieten hatte. Dabei spielte es im Grunde keine Rolle, ob sie das Opfer einer Verschwörung geworden war oder den Hauptgewinn in einem zugegebenermaßen ungewöhnlichen Preisausschreiben gezogen hatte.

Es verging kein Tag, an dem Lydia ihr nicht genau das vorhielt - sie formulierte es nur anders. Dabei konnte einem ihr hochtrabendes Gequatsche, dessen sie sich beizeiten befleißigte, mächtig auf die Nerven gehen. Aber wenngleich sie ihre wahren Gefühle geschickt zu kaschieren verstand, so kannte Vivian sie doch inzwischen gut genug, um hinter den bisweilen kunstvoll arrangierten Worten einen tief verwurzelten Schmerz zu erkennen.

Über dessen Ursache konnte sie natürlich nur Mutmaßungen anstellen, aber es hatte ohne Zweifel etwas mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun. Vivian graute bei der Vorstellung, daß Lydia am Ende sogar darin verwickelt sein könnte.

Unweigerlich mußte sie an Jason denken, der in einem englischen Hochsicherheitsgefängnis eine 18-jährige Haftstrafe unter verschärften Bedingungen und ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verbüßte. Seine Komplizin, auf die er bei seiner Verhandlung immer wieder verwiesen hatte, konnte nicht ermittelt werden. Immerhin hatte man nach einem Vergleich der auf Drängen britischer Ermittlungsbehörden diesen eingereichten Haar-, Gewebe- und Blutproben mit am Tatort sichergestellten Spuren Vivian von diesbezüglichen Verdächtigungen freigesprochen.


Die Terrassentüre hinter ihr öffnete sich, und Lydia steckte ihren Kopf hindurch.

»Alles in Ordnung?« fragte sie vermutlich in Mißinterpretation des romantischen Sitzplatzes als sorgenerregende Absonderung.

»Sicher. Und bei dir?« fragte Vivian mit ausgelassenem Stimmfall zurück.

»Es ist ziemlich kühl hier draußen. Willst du nicht ´reinkommen?«

»Ich finde es herrlich. Magst du dich zu mir setzen? Wir könnten uns etwas unterhalten.«

»Worüber möchtest du reden?« bot Lydia sich an, als habe Vivian etwas auf dem Herzen, das nach einer Schulter zum Ausweinen verlangte, und nahm neben ihr Platz.

Vivian reagierte jedoch völlig anders als erwartet.

»Was ist ein Versprechen wert, zu dem man gezwungen wurde?« begann sie die Unterhaltung auf ungewöhnliche Art und Weise.

»Ist das eine philosophische Frage?« wich Lydia einer direkten Beantwortung aus, um erst durch weitere Ausführungen zu erfahren, ob sie sich auf das im Gefängnis abverlangte Versprechen bezüglich der Akzeptanz und Verteidigung ihrer neuen Identität bezog.

»Ich weiß nicht, ... nein, ich glaube, nicht. Ich würde nur gerne wissen, was dir ein Versprechen bedeutet.«

»Generell?«

»Ja. Ganz allgemein.«

»Nun, ich halte es für eine Zusicherung mit verbindlichem Erklärungswert hinsichtlich eines zukünftigen Handelns, dessen Einhaltung je nach Äußerungsrahmen die Ehre oder auch das Gesetz gebietet.«

Vivian blickte genervt gen Himmel.

»Ich wollte keine Definition aus einem verdammten Fachwörterbuch hören sondern wie du, Lydia Kereth, dazu stehst.«

»Ich halte, was ich verspreche, falls du das meinst.«

»Ach tatsächlich?« gab sich Vivian mißtrauisch. »Und wie war das mit dem „immer füreinander da zu sein“ an Vaters Sterbebett?« erinnerte sie an das Versprechen, das sich die beiden wahren Schwestern einst gaben, und von dem Lydia ihr vor einiger Zeit erzählt hatte.

Lydia war so perplex, daß sie kurzzeitig wie versteinert einfach nur da saß und in das triumphierend naserümpfende Gesicht ihrer von behördlicher Seite anerkannten Schwester blickte. Vivian schien stolz darauf zu sein, daß es ihr endlich einmal gelungen war, ihrerseits einen wunden Punkt zu treffen und damit eine vorübergehende Sprachlosigkeit hervorzurufen.

Scheinbar nachdenklich senkte Lydia ihren Blick, als ob sie sich erst selber darüber klar werden mußte, ob dieser Vorwurf berechtigt war oder nicht. Erst nach einer ausgiebigen Bedenkzeit schweigsamen Abwägens nahm sie den Augenkontakt wieder auf, aber selbst danach verging noch eine ganze Weile, bevor sie endlich antwortete.

»Darüber möchte ich nicht mit dir sprechen«, erklärte sie dann.

»Du hast ihn sehr geliebt, hm?«

»Himmel, nein!« lachte Lydia verächtlich auf, daß Vivian das Blut in den Adern gefror. »Gehaßt hab´ ich ihn! Er war der verabscheuungswürdigste Mistkerl unter Gottes Sonne, und wenn überhaupt jemand einen grausamen Tod verdient hatte, dann er!«

»Und Merenda? Hast du die auch gehaßt?«

»Also schön«, lenkte Lydia nach einer Weile in die Fortsetzung dieses Gesprächsthemas ein. »Nein, ich habe Merenda nicht gehaßt. Im Gegenteil. Ich habe sie geliebt, ... mehr als alles andere auf der Welt.«

»Das glaube ich dir nicht! Du hast das Versprechen gebrochen! Oder etwa nicht?« unterstellte Vivian ihr vorwurfsvoll, daß sie mehr über Merendas Verschwinden wußte als sie bisher zuzugeben bereit gewesen war.

»Und wenn es so wäre?« gab Lydia kaltschnäuzig zurück.

»Ich würde gerne die Wahrheit erfahren.« Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Sie ist tot, nicht wahr?«

»Bist du sicher, daß du darauf eine Antwort willst?« erkundigte sich Lydia einer Drohung gleich, daß die Kenntnis grausamer Geschehnisse weit über das hinausgehen könnte, was ein zart besaitetes Gemüt zu verkraften im Stande war.

»Hast ... hast du sie ...?« Vivian brachte es nicht fertig, ihre Vermutung vollständig auszusprechen.

»Ich konnte es nicht verhindern«, entgegnete Lydia trocken. »Sie wollte es genauso wie ich, aber als es dann so weit war, bekam sie kalte Füße. Als er endlich tot war, trank auch sie davon. Sie wurde wohl nicht damit fertig. ... Es gab nichts, was ich tun konnte. Als ich sie fand, war es bereits zu spät.«

Vivians Gesichtsmuskeln verkrampften. Die unerwartete Offenheit und gleichzeitige Kälte, mit der Lydia sie an dem schrecklichen Geheimnis teilhaben ließ, schockierte und verletzte zugleich. Das von Verachtung ausgelöste Entsetzen war so groß, daß es ihr regelrecht die Sprache verschlug.

»Sein unerträglich schwitziger Atem verfolgt mich noch heute!« fuhr Lydia unterdessen mit vor Haß funkelnden Augen fort. Ein gequältes Lachen erschütterte die Abendluft. »Arme, unschuldige Merenda! Wehrloses Opfer schrankenloser Ausbeutung! Aber auch naive Merenda! Zu lange war sie wohl der Unmenschlichkeit, seiner mit Bösartigkeit durchsetzten Gleichgültigkeit ausgesetzt gewesen, daß sie das gnadenlose Ausleben sadistischer Triebe stillschweigend über sich ergehen ließ und seine unbarmherzige Rücksichtslosigkeit ohne die geringste Auflehnung ertrug.«

Durch Lydias niederschmetternde Enthüllungen hatten sich längst kleine Brandherde entzündet, die sich nun unaufhaltsam ausbreiteten, Barrieren und Gräben überwanden und nichts zurückließen als öde Wüste. Das ohne erkennbaren Anspruch auf Trost oder Mitgefühl beschriebene Leid war alles verzehrend, jede Hoffnung auf Barmherzigkeit erstickend und in seinen tragischen Auswirkungen schier unabsehbar.

»Es gibt keine Rechtfertigung für das Unverzeihliche!« betonte Lydia mit furchteinflößender Miene, während sich Vivians Herzschlag rapide beschleunigte. »Nichts konnte ihn mehr retten, als sich die Gelegenheit bot, uns dieses Jochs zu entledigen, unter dem wir beide litten. Dabei hat es ihn noch viel zu gnädig dahinrafft! Ich hatte gehofft, er würde die aufweichenden Stadien des Dahinvegitierens erleben, aber ich habe ihm wohl etwas zuviel verabreicht.«

Eine Zeit lang saßen sie wortlos nebeneinander und blickten wie erstarrt auf die vom aufbrausenden Wind in Bewegung gehaltenen Äste und Sträucher.

»Du wirst mich nicht gehen lassen, oder?« brach Vivian schließlich das Schweigen.

»Wo wolltest du denn hingehen? Etwa zurück nach England?«

»Warum nicht? Immerhin bin ich von da zu Hause.«

»Nicht mehr.«

»Und wenn ich trotzdem gehen wollte?«

Statt zu antworten wandte Lydia lediglich ihren Kopf in Vivians Richtung und blickte sie aus kalten, emotionslosen Augen an.

»Würdest du mir dann einen Gefallen tun?« bat Vivian nun vorsichtig, während ihr die Angst vor Lydias Kaltblütigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

»Welchen?«

»Enbindest du mich von dem Versprechen, das ich dir im Gefängnis geben mußte?«

»Warum bittest du mich darum?«

»Es ist doch nicht mehr wert als ein erpreßtes Geständnis. Ich dachte, du empfindest etwas für mich. Willst du mir dann nicht vertrauen?«

»Ich habe nicht die Absicht, dir zu vertrauen.«

»Und wie soll ich dann jemals dir vertrauen?«

»Das brauchst du nicht. Es genügt völlig, wenn du tust, was ich sage.«

»Ich bin nicht dein Eigentum!« wagte Vivian ihr mit unterdrückter Lautstärke zu widersprechen.

»Mag sein, aber ich nehme an, du erinnerst dich, daß ich dir ebenso etwas versprochen habe?«

»Was meinst du?«

»Sagte ich nicht, daß ich nicht zulassen werde, daß du weder mich noch dich selbst jemals wieder in Schwierigkeiten bringst?«

Vivian bemühte sich nach Kräften, den drohenden Gefühlsausbruch zu unterdrücken, mit dem sie ihre Unterlegenheit eingestehen würde, doch es gelang ihr nicht. Zu sehr war sie davon überzeugt, daß sie Lydia in keiner Weise gewachsen war. Eher würde sie sich dem fügen, das sie ihr vorschrieb als durch Auflehnung oder gar eine Flucht ihr Leben auf´s Spiel zu setzen. Wohin hätte sie auch fliehen sollen? Lydia standen durchaus die Mittel zur Verfügung, sie auf jedem Fleck dieser Erde aufspüren zu lassen. Demnach schien der einzige Ort, an dem sie keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt war, an Lydias Seite zu sein.

Inzwischen war es dunkel geworden, und die Sterne zeigten sich am Firmament. Sie war wieder allein. Das Rauschen der Blätter, deren dem Wind gehorchenden Bewegungen von der Dunkelheit verschluckt nur mehr zu hören waren, beruhigte und ließ ihren sehnsüchtigen Blick zu den endlos weit entfernten Lichtern reisen. Das war er also, der Sternenschimmer, der sich ihr in einer ihrer Träume angekündigt hatte und fortan ihr Schicksal bestimmen würde. Es war wohl eine Vorahnung gewesen, eine verschlüsselte Botschaft ihres Unterbewußtseins, die ihr auf unerklärliche Weise den Weg gewiesen hatte, und die sie noch nicht vollständig verstand.

Vielleicht war es besser so. Fröstelnd wandte sie sich von dem zauberhaften Anblick ab, dem sie sich noch vor einiger Zeit die ganze Nacht lang hätte hingeben können, und folgte Lydia hinein.


- Ende -
 

visco

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Hinweis der Autorin:

Hier nun die Auflösung, weshalb es diese Intrige überhaupt gegeben hat (Lydia hatte natürlich ein Motiv).
Jetzt eröffnet sich Vivian auch das gesamte Ausmaß ihrer Entscheidung, der behördlichen Irreführung zuzustimmen, was sie voreilig als das kleinere Übel eingeschätzt hatte.

Obschon es nicht explizit erwähnt wird, so hoffe ich doch, daß sich die Vermutung verdichtet, wer Jasons Komplizin in dem Mord an Vivians Eltern war.

Ich hätte gerne von euch gewußt:
Wie ist der Dialog?
Genügt es, Lydia sich nur über diesen Dialog selbst beschreiben zu lassen?

In Bezug auf alle 5 Teile:
Läßt sich der Text flüssig genug lesen?
Ist euch etwas aufgestoßen (Widerspruch, Unverständnis, etc.)?
Fehlt euch etwas? Bzw. kommt euch etwas zu kurz?
Oder im Gegenteil: was scheint euch übertrieben?

Viele Grüße,
Viktoria.
 

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