Schicksalswende (eine Bärengeschichte)

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Zoepfer

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Krieg! Genauso muss sich Krieg anfühlen: Plötzlich kein Zuhause mehr, nicht einmal ein Obdach. Neben einem Tote, Verstümmelte. Zwischendurch der infernalische Lärm der Flugzeuge. Jule jammerte, ihre rechte Hüfte tue so weh. Charly wimmerte, weil ihm ein Auge fehlte. Ich konnte nur noch schwarz sehen. Wie hatte das nur so kommen können? Und immer sind Unschuldige die Opfer – in diesem Fall: Unschuldige Teddybären.

Dabei konnte man es kommen sehen. Wer Augen im Kopf hat wie ich – auch wenn es Glasaugen sind – dem war schnell klar, dass es in einer Katastrophe enden würde. Miriam war so nett, so lieb, viel zu naiv für einen Typen wie Marvin. Das war mir klar, gleich beim ersten Mal, als er in die gemütliche Dachgeschosswohnung kam, die wir zusammen bewohnten, also Miriam und wir Bären. Das abschätzige Grinsen, als Marvin uns auf unserem Regal und der Sofalehne musterte, sagte mir bereits alles, was ich wissen musste. Aber Miriam war ja sooo verliebt in diesen Typen, der so cool tat und dauernd von großen Plänen faselte. Plänen, die er dann mit Miriams Geld in die Tat umsetzen wollte. Aber es ging alles den Bach runter: Als erstes der Einkaufsservice, weil er die alten Leutchen, denen Marvin seine Dienste anbot, bei jeder Gelegenheit übers Ohr haute – bis er einmal an den Falschen geriet und der ihn prompt bei der Polizei anzeigte. Und so vermasselte der Kerl sich eine Chance nach der anderen, während Miriam Überstunden in der Firma machte, damit sie beide über die Runden kamen. Denn inzwischen wohnte Marvin längst bei uns, also bei ihr, denn ihre geliebte Bärensammlung tat er geringschätzig als „Mottenfänger“ ab. Dabei waren wir durchweg handgearbeitete Sammlerbären aus der „Museums-Kollektion“ einer bekannten Münchener Manufaktur.

Monatelang habe ich gehofft, dass Miriam Vernunft annehmen und diesen faulen Hallodri in den Wind schießen würde. Doch als es dann kam, wie es hatte kommen müssen, war das keineswegs die Rückkehr zu dem harmonischen Leben, wie es vor Marvin gewesen war. Anlass für den großen Knall war, dass Marvin das Geld aus Miriams Kaffeedose genommen hatte. Dort hatte sie, was sie zurücklegen konnte, für einen gemeinsamen Urlaub gesammelt. Viel blieb ja nicht übrig, weil sie diesen Schmarotzer mit durchfütterte. Und das Bisschen, was sie doch gespart hatte, fehlte eines Tages dann auch noch. Als Miriam am Spätnachmittag von der Arbeit heimkam, lag ihr geliebter Marvin auf der Couch vor dem neuen Flachbildschirm, der gefühlt die Ausmaße einer Kinoleinwand hatte.

„Wo kommt dieser Riesen-Fernseher her?“ Miriam riss überrascht ihren schönen veilchenblauen Augen auf.

„Den habe ich von Abdul“, erwiderte Marvin stolz und grinste sie an. „Der ist da günstig an ein Dutzend von den Dingern rangekommen.“

„Von deinem feinen Kumpel Abdul? Na toll, ich möchte nicht wissen, von welchem Laster die gefallen… Moment mal, den hat er dir aber doch nicht geschenkt? Woher hast du das Geld gehabt?“

Marvin wand sich auf der Couch direkt unter uns wie ein Aal. „Naja, das war `ne einmalige Gelegenheit, und bis zum Urlaub sind es doch noch…“

In diesem Moment drehte sich Miriam um und rannte in die Küche. Sekunden später war sie zurück und warf Marvin die leere Kaffeedose ins Gesicht. „Du Dämlack! Jetzt ist das Maß aber endgültig voll! Du hast das ganze Urlaubsgeld für diesen blöden Apparat ausgegeben? Und ich hatte mich so sehr gefreut, auf Strand und Sonne und…“ Tränen der Wut traten ihr in die Augen.

„Ach, nun mach doch nicht so ein Theater! Was ist schon so toll an Billighotels und Sonnenbrand? Aber das hier, das ist echtes Ultra-HD Feeling! Da können wir wenigstens mal richtig toll Filme gucken, zocken und es uns gem… Wo willst du denn hin?“

Miriam hatte nach ihrer Geldbörse und den Schlüsseln zu ihrem VW Polo gegriffen. „Erstmal zum Friseur! Ich werde meine Haare verkaufen und von dem Erlös einen Urlaub buchen. Für mich allein, genau gesagt. Wenn ich zurückkomme, bist du verschwunden, samt deinen Klamotten. Aber den Fernseher lässt du hier – der ist schließlich von meinem Geld bezahlt!“ Miriam drehte sich auf dem Absatz um, dass ihre mehr als hüftlangen honigblonden Wellen um sie herumflogen wie ein Cape, und stürmte aus der Wohnung.

„Was sollte das denn jetzt?“ Marvin rappelte sich vom Sofa hoch. „Wenn die kleine Ische meint, sie kommt ohne mich besser klar – von mir aus! Andere Mütter haben auch schöne Töchter, und die machen nicht gleich aus jeder Mücke `nen Elefanten!“ Er verschwand im Schlafzimmer und packte dort wohl tatsächlich seine Sachen zusammen. Wir Bären atmeten im Stillen bereits auf. Es konnte Miriam und uns nur guttun, wenn dieser glatzköpfige Möchtegern-Macho aus unserem Leben verschwand. Als Marvin wieder auftauchte, hatte er eine Sporttasche bei sich, die wohl seine Habseligkeiten enthielt. Seine schlechte Laune war förmlich mit den Pfoten zu greifen. Er sah sich im Zimmer um und begann, den Wohnzimmerschrank zu durchsuchen.

„Irgendwo hatte die Ische doch immer ihre Notreserve“, murmelte er. Schließlich stieß er auf das kleine rote Ledermäppchen, dass Miriam bereits seit ihrer Kindheit besaß. „Boah, das sind ja nicht mal hundert Euro. Wie weit soll ich denn damit kommen?“ Marvins Gesicht färbte sich rötlich. Oje, das kannten wir schon. Einer seiner gefürchteten Wutausbrüche stand offenbar kurz bevor. In dem Moment hatte er bereits den rechten Fuß gehoben und mitten in den Bildschirm des neuen Riesen-Fernsehers getreten. Dann drehte er sich um. Sein Blick fiel auf die Lehne der Couch, und ein gehässiges Grinsen erschien in seinem Gesicht. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich kreidebleich geworden.

„Na ihr Staubfänger, dann wollen wir doch mal ein bisschen Spaß zusammen haben!“ Was immer er vorhatte, ein Spaß würde es mit Sicherheit nicht werden. Marvin kramte in seiner Tasche und holte jene silbrig glänzende Maschine hervor, mit der er sich sonst immer seine Glatze schor. Dann zog er Jule vom Regal, die größte Bärendame in Miriams Kollektion. Nein, nicht Jule, meinen heimlichen Schwarm! Aber ich konnte ihr nicht helfen, ebenso wenig wie Romeo, ihr Partner. Marvin schaltete das Gerät ein und begann, ihr das lockige hellbraune Fell abzuscheren. Weit kam er allerdings nicht, denn nach wenigen Sekunden begann der Apparat zu stottern. Dann verstummte das Brummen vollends.

„Mistding, der Akku ist leer!“ Marvin warf den Clipper wutentbrannt zurück in seine Tasche. Doch er hatte offenbar nicht die Absicht, es bei Jules Verstümmelung bewenden zu lassen. Er holte einen schwarzen Müllsack aus der Abstellkammer und ergriff erneut nach unserer großen Bärenschwester. Mit einem Ruck riss er ihr das rechte Bein aus und warf sie in den Müllsack. Arme Jule, und der bedauernswerte Romeo hatte das alles mit ansehen müssen, so wie wir alle. Romeo – nun war er in den Händen dieses Dreckskerls. Inzwischen hatte Marvin sich in eine regelrechte Raserei hineingesteigert. Er packte Romeo, riss ihm erst die Arme aus, dann die Beine. Schließlich fetzte er ihm den Kopf vom Rumpf, den er ebenfalls in den Müllsack warf. Dann traf es Ludwig, unseren Bohemien in seiner Hippie-Weste. Auch seine Gliedmaßen lagen schließlich auf dem Tisch, der Körper im Müllsack. Der kleine Charly in seinem gelben Ölzeug war der Nächste. Ihm riss Marvin mit einem Nagelknipser, der auf dem Couchtisch lag, das linke Auge aus. Dann aber sackte er regelrecht zusammen. „Sie kann mich doch nicht einfach rauswerfen!“ Marvin sah sich im Zimmer um, als werde ihm jetzt erst bewusst, was er angerichtet hatte – und dass er sich damit jeden Weg zurück zu Miriam verbaut hatte. Er griff wieder ins Regal, holte einen nach dem anderen herunter und warf ihn in den Müllsack. Immerhin war ihm die Lust am Verstümmeln und Umbringen von Teddybären offenbar vergangen. Aber was würde Miriam sagen, wenn sie heimkam und ihre geliebte Bärensammlung verschwunden sein würde? Wenn da nur noch herausgerissene einzelne Gliedmaßen und zwei Köpfe lagen? Das hatte diese liebenswerte junge Frau gewiss nicht verdient!

Marvin warf die Tasche mit seinen Sachen und den Müllsack mit uns darin hinten in den schäbigen weißen Transporter, den er fuhr. In der Klapperkiste hatte er auch geschlafen, bevor er bei Miriam untergekrochen war. Das hatten wir irgendwann erfahren. Der Wagen startete, aber die Fahrt dauerte nicht sehr lange. Als Marvin den Müllsack heraushob und in ein Gebüsch warf, hörte ich das laute Jaulen von Düsentriebwerken. Das Geräusch kannte ich aus Miriams Wohnung, doch hier war es so laut, dass es einem in den Ohren weh tat. Wir mussten ganz in der Nähe des Flughafens sein. Charly war aus dem Sack heraus gekollert und lag nun ein Stück weiter unter dem Strauch. Ich konnte das aus dem Augenwinkel sehen, denn ich lag durch den Schwung von Marvins Wurf nun mit dem Kopf und einem Teil des Oberkörpers im Freien. So konnte ich erkennen, dass wir in der Nähe einer Straße lagen. Auf ihrer anderen Seite stand ein Zaun mit einem Schild, das vor dem unbefugten Betreten des Flughafengeländes warnte.

Stunden vergingen. Miriam war gewiss längst wieder zuhause und vermisste uns bestimmt schrecklich. Sie würde uns wohl nie wiedersehen, denn woher hätte sie wissen sollen, wo sie uns suchen sollte? Plötzlich hielt ein Auto. Ob Marvin zurückgekommen war? Reumütig vielleicht – aber das konnte ich mir bei diesem gewissenlosen Egoisten nicht vorstellen. Nein, der Mann, der sich nun dem Müllsack näherte, war eindeutig älter. Er nahm den Sack hoch und schaute interessiert hinein. „Habe ich doch richtig gesehen“, bemerkte er und wollte sich umdrehen, um mit dem Sack zu seinem Auto zurückzukehren. „Hilfe!“ wimmerte Charly in diesem Moment, leider in unserer Sprache, die nur Teddybären und artverwandte Tiere untereinander wahrnehmen können – der einzigen, die ihm zur Verfügung stand. „Bitte lasst mich hier nicht allein!“

In diesem Moment nahm der Mann den gelben Fleck im Gebüsch offenbar wahr. Er setzte den Sack ab und beugte sich hinunter. „Charly im Regen“, las er verwundert von dem Schild ab, das unser Freund von jeher trug, ebenso wie den leuchtend gelben Friesennerz und den Südwesterhut. Er behielt den kleinen Kerl in der Hand und nahm den Sack in die andere. Sein Auto war ein hellblauer Kombi, offenbar sehr alt, aber gepflegt. Der Mann öffnete die Heckklappe und entleerte den Sack in den Kofferraum. Sein interessierter Blick verwandelte sich in Entsetzen.

„Was ist denn mit euch passiert?“ Ratlos den Kopf schüttelnd, betrachtete er die toten Körper von Romeo und Ludwig. „Um Himmels Willen, wer tut denn so was?“ Mit Bedauern im Blick zog er Ludwigs Körper Hose und Weste aus, Romeos Leib ebenfalls die Hose und das karierte Hemd. Dann betrachtete er traurig Jule. „Dir haben sie aber auch richtig übel mitgespielt, armes Mädchen“, meinte er und legte sie zur Seite. Charly wurde ebenfalls einer genauen Musterung unterzogen, bei der sein fehlendes Auge natürlich auffiel. Nun waren noch Freddie und ich übrig.

„Ihr scheint immerhin schadlos davon gekommen zu sein“, bilanzierte der Mann, der grau melierte Haare, einen Bauch wie ein Teddybär und recht sympathische Züge hatte. Dann schloss er die Heckklappe, setzte sich ans Steuer und fuhr los. Plötzlich schien ihm eine Idee zu kommen, denn er wendete unvermittelt. Nach kurzer Fahrt stoppten wir neben einer Mauer. Als der Mann die Heckklappe öffnete, sah ich, dass dort viele Kerzen standen. Einige Plüschtiere saßen bereits auf der niedrigen Friedhofsmauer. Das musste die spontane Gedenkstätte für den tödlich überfahrenen vierjährigen Jungen sein, von dem wir vor ein paar Tagen aus dem Lokalfernsehen erfahren hatten. Miriam, die selbst gern ein Kind hätte und auf der Fahrt zur Arbeit jeden Tag an dieser Stelle vorbeifuhr, war danach sehr traurig gewesen. Aber das war sie jetzt gewiss wieder, angesichts des Massakers in ihrem Wohnzimmer. Der Mann nahm Jule und Charly aus dem Wagen und trug sie zur Mauer, um sie dort abzusetzen. „Hier habt ihr immerhin noch eine Aufgabe als Trauerbären“, meinte er, als er Jules Kleid so arrangierte, dass man ihr abgerissenes Bein nicht bemerkte. „Und vielleicht sieht Euch Miriam, wenn sie hier vorbeifährt“, sprach ich den beiden Mut zu, bevor die Heckklappe wieder zufiel und wir weiterfuhren. Wenig später standen wir vor dem Haus, in dem der Mann offenbar zuhause war. Er trug uns direkt in die Waschküche und spendierte uns eine Feinwäsche bei niedrigen Temperaturen in der Waschmaschine. Anschließend gab es noch eine Karussellfahrt im Trockner. Schließlich fanden wir uns eine Etage höher wieder, in einem Raum, der teils mit modernen Büromöbeln, teils mit Antiquitäten eingerichtet war.

Der Mann lächelte Freddie und mich an. „Für euch habe ich eine neue Aufgabe“, erklärte er. „Ihr werdet Stammbesetzung in unserem Oldtimer-Wohnwagen. Dann könnt ihr immer mit auf Reisen fahren, zu Camping-Oldie Treffen und in den Urlaub. Wäre das was?“ Nun, das klang interessant. Und ich sah, was der Mann nicht sehen konnte: Freddie nickte bestätigend und kniff mir ein Auge zu. Es schien so, als würde es doch eine Zukunft für uns geben!
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Zoepfer,

eine entzückende Geschichte!

Ich würde nur den Hinweis "eine Bärengeschichte" im Titel entfernen, um die Spannung zu erhöhen.

Meine Lieblingsstelle - eigentlich alle!
:)

Viele Grüße

DS
 

Ji Rina

Mitglied
Eine richtig süsse Geschichte...

Dann traf es Ludwig, unseren Bohemien in seiner Hippie-Weste.

Ich musste mehrmals Schmunzeln...:)

Liebe Grüße, Ji
 

ArneSjoeberg

Mitglied
Hallo Zoepfer,

hat Spaß gemacht, zu lesen. Immer das Gefühl von Tempo, dass es vorwärts geht. Einige Attributdopplungen drin, aber sie passen da, wo sie stehen.

Eine persönliche Anmerkung noch: Natürlich verstehe ich, dass der Anfang bereits Spannung aufbauen soll, Action vermitteln. Aber muss es wirklich Krieg sein? Ich weiß, er schreit uns von überall her an, in jeder politischen Rede, in vielen Zeitungsartikeln. Krieg ist "in". Das er das Schlimmste ist, das Grausamste, das Entsetzlichste, was Menschen sich antun können, wird dabei verwässert. Ein Videospiel ... Ist wirklich nur eine persönliche Ansicht und schmälert keineswegs die von mir empfundene Qualität einer schönen Geschichte.

Liebe Grüße
 
Hallo Zoepfer.

Ich bin neu hier. Ganz frisch vor einer Woche beigetreten, habe aber vorher schon mal in den Geschichten gestöbert. Deine Geschichte hat mir gefallen. Eine anrührende, spannende Sache für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Beziehungsthemen, wie Freundschaft, Menschlichkeit, Beziehungen, kurz auch Krieg, hast du gut in dieser Geschichte angesprochen. Die Teddybärfiguren sind einfach toll. Die Geschichte ist witzig mit ernstem Hintergrund. Was wenn die Teddybären der jungen Frau, ihre Kinder gewesen wären?
Schöne Grüße!
 

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