Schlagtag

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HerbertH

Mitglied
Schlagtag

Im Nachbarhaus ist heute wieder Schlagtag. Morgens haut sie, abends beide, er und sie. Wir schließen immer das Schlafzimmerfenster, sonst ist es einfach nicht zum Aushalten.

Natürlich hören wir auch so fast alles, bis auf das ganz leise Wimmern danach, hab ich nur einmal gehört, oder wenn er die Frau losschickt nach Bier aus dem Keller.

Obwohl, man weiß ja gar nicht, was er mit dem Kind macht, wenn es so still ist. Ehrlich gesagt wollen wir das ja gar nicht wissen, aber man macht sich halt so seine Gedanken, was denken Sie denn!

Und manchmal hört man ja trotz geschlossener Fenster, wie der Kommandos gibt, furchtbar, von wegen auf den Bauch legen oder in den Mund nehmen und was nicht noch alles!

Und ich sage Ihnen, was man manchmal durch die Vorhangritzen sieht, das ist kein Vergnügen, wirklich gar nicht. Eigentlich müßte man das ja melden, aber was kannste denn machen, so ganz ohne Beweise! Nachher zeigen die einen noch an, wegen Verleumdung oder übler Nachrede!

Und mit guter Nachbarschaft wär dann sicher auch Schluss. Und überhaupt, dann wäre unsere Straße ja Abschaum, was die Leute über uns lästern würden, und ob wir nicht mitgemacht hätten, oder Schweigegeld bekommen, da könnten wir uns nirgends mehr sehen lassen.

Wo wir unserm Jungen doch höchstens mal ne ordentliche Tracht Prügel angedeihen lassen, wenn er zu frech war, oder mal wieder zu faul. Meistens nehmen wir ja auch nur die Hand und nicht die Gerte oder den Gürtel oder was sonst grad zur Hand ist.

Uns hat das ja auch nicht geschadet! Unserer ist ja auch schon sieben und nicht so lütt wie das Kleine von drüben!

Nur das mit dem Schweinkram, das ist nicht in Ordnung, wirklich nicht! Ob anonym anzeigen helfen würde? Glaub ich ja kaum, also warum das Risiko eingehen? Hätte ja doch keinen Zweck, höchstens dass sie es nicht totschlagen.

Na ja, so schlimm wird es schon nicht werden, ist ja ihre Privatsache, und eigentlich sind sie ganz nett, vor allem die Frau.

Was würden Sie denn machen? Auch nix, oder?
 
G

Gelöschtes Mitglied 8846

Gast
Hallo HerbertH,

ich bin schon erstaunt, dass es zu deinem Text noch keinen Kommentar gab, aber vielleicht liegt es ja am guten Wetter, da ist man lieber im Wasser und nicht in der Lupe.
So will ich mal den Anfang machen:
Dein Text geht ganz schön unter die Haut, er spiegelt das Verhalten vieler Mitmenschen wider. Was interessant ist, dass du hier nichts direkt anspricht und für mich gibt es dadurch eine richtige Gänsehaut. Leider kenne ich solche Geschichten aus meiner beruflichen Praxis und dadurch wird es real.
Ich denke noch darüber nach, ob der letzte Satz nicht evt. überflüssig ist.

LG und einen schönen Sonntag.
Franka
 
Hallo Herbert,
ich überlege schon eine Weile, wie würde ich mich verhalten?
Deine Geschichte hat mich erschüttert.

Viele entsetzte Grüße
Von Marie-Luise
 
E

eisblume

Gast
Hallo HerbertH,

was mir an deiner Geschichte sehr missfällt, ist die direkte Ansprache an den Leser. Das empfinde ich – völlig unabhängig von der Thematik einer Geschichte – immer als sehr aufdringlich und auch völlig unnötig. Ich denke nicht, dass die persönliche Leseransprache einer Thematik zu mehr Eindringlichkeit verhilft. Ich meine, das schafft ein gut geschriebener Text ganz allein (und das sollte er m. M. n. auch).

Lieben Gruß
eisblume
 

rogathe

Mitglied
Der Mief zieht mir direkt in die Nase, wenn die Vorhänge zugezogen und das Spitzendeckchen auf dem Wohnzimmertisch zurechtgezupft wird, Sofakissen den ordentlichen Knick erhalten, der brave Bürger bei Kaffee und Kuchen sitzt ...
gut geschrieben!

Die direkt an den Leser gerichteten Passagen solltest du meiner Ansicht nach streichen, insbesondere den letzten Satz.
 
Hallo HerbertH,

kein schönes Thema! Aber offensichtlich Realität unserer Gesellschaft. Diese und ähnliche Themen habe ich schon oft gehört, gelesen, aber noch nie gesehen. Und jedesmal habe ich mich gefragt, warum sind eigentlich immer wir Männer die Dreckschweine? Eine Antwort darauf habe ich nie erhalten. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte diese Frage bei mir nie zugelassen.



Im Nachbarhaus ist heute wieder Schlagtag. Morgens haut sie, abends beide, er und sie. Wir schließen immer das Schlafzimmerfenster, sonst ist es einfach nicht zum Aushalten
.Hier ist nicht ganz klar, wer geschlagen wird. Schlagen er und sie sich gegenseitig, oder vielleicht Dritte. Das hätte herausgearbeitet gehört.

Natürlich hören wir auch so fast alles, bis auf das ganz leise Wimmern danach, hab ich nur einmal gehört, oder wenn er die Frau losschickt nach Bier aus dem Keller.
Das ist ein sehr langer Satz. Es könnten drei daraus gemacht werden.
Das "wir" hätte ruhig benannt werden können. Ist es ein Ehepaar, sind es zwei Frauen, oder was, oder wer auch immer.
Und dann das "leise Wimmern". Auch hier sollte klar sein, wer genau "wimmert". Es kann zwar gedacht werden. Doch auch falsch. Unbestimmt!

Obwohl, man weiß ja gar nicht, was er mit dem Kind macht, wenn es so still ist. Ehrlich gesagt wollen wir das ja gar nicht wissen, aber man macht sich halt so seine Gedanken, was denken Sie denn
Auch hier könnte ab und zu mal ein Punkt als Satzschlusszeichen gesetzt werden.
Jetzt wird also klar, dass ein Kind in Spiel ist. Und vielleicht schon zuvor bei den Schlägen. Ob wir das wirklich nicht wissen wollen ...? Das wäre ja dann unterlassene Hilfeleistung. Und die ist strafbar. Ich glaube schon, dass wir wissen wollen, was da so im Nachbarhaus läuft. Gott sei Dank schon aus Neugier. Und wer unterstellt, jemand wolle sich am Verbrechen gegen ein Kind aufgeilen, dem gehört "es" auf den Amboss gelegt und mit dem Vorschlaghammer kräftig draufgehauen.

Und manchmal hört man ja trotz geschlossener Fenster, wie der Kommandos gibt, furchtbar, von wegen auf den Bauch legen oder in den Mund nehmen und was nicht noch alles!
Also, das mit dem Nachbarhaus ist alles ein wenig unbestimmt. Zuerst hört man es nur bei offenem Fenster. Nun auch bei geschlossenem. Ist das "Haus des Verbrechens" jetzt gegenüber dem Schlafzimmerfenster, oder nebenan. Dann müssten die Wände aber sehr dünn sein, wenn bei geschlossenem Schlafzimmerfenster die Laute der/ Gequälten zu hören gewesen sein sollten.

Und ich sage Ihnen, was man manchmal durch die Vorhangritzen sieht, das ist kein Vergnügen, wirklich gar nicht.
Hier könnte nach "sieht" ein Doppelpunkt stehen. Und nach "Vergnügen" ein Punkt als Satzschlusszeichen.
Also - wenn es kein Vergnügen war, dann war es ein Verbrechen. Und das Nachbarhaus stand doch dem Schlafzimmerfenster gegenüber. Denn sonst hätte man ja durch Vorhangsritzen nichts sehen können. Ein Nachbarhaus, das neben einem steht, kann man nicht einsehen. Weil niemand um die Ecke sehen kann.

Eigentlich müßte man das ja melden, aber was kannste denn machen, so ganz ohne Beweise! Nachher zeigen die einen noch an, wegen Verleumdung oder übler Nachrede!
Hätte man gemusst. Ja! Ohne Beweise ...? Das was gesehen würde, detailliet geschildert, kann jedes Gericht überzeugen. Denn die Macht der Wahrheit besteht aus: Details! Details! Details!


Und mit guter Nachbarschaft wär dann sicher auch Schluss
.Gibt es denn, trotz des Beobachteten noch eine gute Nachbarschaft zu dem vermutlichen Verbrecher?

Und überhaupt, dann wäre unsere Straße ja Abschaum, was die Leute über uns lästern würden, und ob wir nicht mitgemacht hätten, oder Schweigegeld bekommen, da könnten wir uns nirgends mehr sehen lassen.
Das hätte sein können. Aber vielleicht lässt sich ja so etwas auch anonym anzeigen.

Nur das mit dem Schweinkram, das ist nicht in Ordnung, wirklich nicht! Ob anonym anzeigen helfen würde? Glaub ich ja kaum, also warum das Risiko eingehen? Hätte ja doch keinen Zweck, höchstens dass sie es nicht totschlagen.
Nein! Das ist ein Verbrechen. Und wenn gehofft wird, dass das kleine Mädchen totgeschlagen werden könnte, dann hätte unbedingt Anzeige erstattet gehört.

Na ja, so schlimm wird es schon nicht werden, ist ja ihre Privatsache, und eigentlich sind sie ganz nett, vor allem die Frau.
Aber wirklich nicht, Privatsache. Und nett sind sie auch noch. Also die Bemerkung verstehe wer will. Ich kann sie nicht nachvollziehen.

Was würden Sie denn machen? Auch nix, oder?
Wird das noch ernsthaft gefragt?

Also - so etwas möchte ich nicht oft beurteilen. Da ist man ja hinterher fix und fertig.

Jürgen Pfeiffer.
 

HerbertH

Mitglied
Hallo an alle,

vielen Dank für die vielen Rückmeldungen, die mir zeigen, dass das Thema leider immer noch realer ist, als "man" es sich eingestehen mag, selbst in der von mir bewußt gewählten Zuspitzung.

Anscheinend habe ich zu wenig herausgearbeitet, dass es sich um eine Gesprächssituation handeln soll, in der die Apologie eines oder einer "Zuschauenden" aus dem Nachbarhaus quasi als Monolog vorgetragen wird. Daraus erhellt die bewusst umgangssprachliche Wortwahl. Ausserdem sollte der Sachverhalt auch nur indirekt über das Gespräch klar werden, das habe ich bewusst als Stilmittel verwendet. Dadurch sollte sich die schreckliche "Wahrheit" erst allmählich erschliessen lassen, mit einer sich immer weiter steigernden Fassungslosigkeit des "zuhörenden" Lesers. Viele der Punkte, die in der langen Antwort von Jürgen angesprochen wurden, erklären sich damit von selbst. Natürlich hätte das angezeigt werden müssen etc. Der Text soll vor allem die scheinheilige Argumentation des/der Zuschauenden entlarven. Das da noch irgendwie der Verlust der guten Nachbarschaft eine Rolle spielen soll, ist ja nicht grade dünn aufgetragen..

Ich werde die direkte Frage am Schluss in Richtung des fiktiven Gesprächspartners wohl herausnehmen, die ja als zu direkt eingestuft wurde. Die Intention des letzten Absatzes ist hoffentlich auch nach der Streichung noch erreicht, allerdings indirekt.

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Schlagtag

Im Nachbarhaus ist heute wieder Schlagtag. Morgens haut sie, abends beide, er und sie. Wir schließen immer das Schlafzimmerfenster, sonst ist es einfach nicht zum Aushalten.

Natürlich hören wir auch so fast alles, bis auf das ganz leise Wimmern danach, hab ich nur einmal gehört, oder wenn er die Frau losschickt nach Bier aus dem Keller.

Obwohl, man weiß ja gar nicht, was er mit dem Kind macht, wenn es so still ist. Ehrlich gesagt wollen wir das ja gar nicht wissen, aber man macht sich halt so seine Gedanken, was denken Sie denn!

Und manchmal hört man ja trotz geschlossener Fenster, wie der Kommandos gibt, furchtbar, von wegen auf den Bauch legen oder in den Mund nehmen und was nicht noch alles!

Und ich sage Ihnen, was man manchmal durch die Vorhangritzen sieht, das ist kein Vergnügen, wirklich gar nicht. Eigentlich müßte man das ja melden, aber was kannste denn machen, so ganz ohne Beweise! Nachher zeigen die einen noch an, wegen Verleumdung oder übler Nachrede!

Und mit guter Nachbarschaft wär dann sicher auch Schluss. Und überhaupt, dann wäre unsere Straße ja Abschaum, was die Leute über uns lästern würden, und ob wir nicht mitgemacht hätten, oder Schweigegeld bekommen, da könnten wir uns nirgends mehr sehen lassen.

Wo wir unserm Jungen doch höchstens mal ne ordentliche Tracht Prügel angedeihen lassen, wenn er zu frech war, oder mal wieder zu faul. Meistens nehmen wir ja auch nur die Hand und nicht die Gerte oder den Gürtel oder was sonst grad zur Hand ist.

Uns hat das ja auch nicht geschadet! Unserer ist ja auch schon sieben und nicht so lütt wie das Kleine von drüben!

Nur das mit dem Schweinkram, das ist nicht in Ordnung, wirklich nicht! Ob anonym anzeigen helfen würde? Glaub ich ja kaum, also warum das Risiko eingehen? Hätte ja doch keinen Zweck, höchstens dass sie es nicht totschlagen.

Na ja, so schlimm wird es schon nicht werden, ist ja ihre Privatsache, und zu uns sind sie ja eigentlich ganz nett, vor allem die Frau.
 
Hallo Herbert,
dass alles sehr überspitzt war, merkt man ja, und dazu hätte der Satz
Was würden Sie denn machen? Auch nix, oder?
m.E. sehr gut gepasst.
Die meisten Leser waren ja leider dagegen, so dass du ihn gestrichen hast. Ich finde das schade.

Viele Grüße
Marie-Luise
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Mary,

danke Dir sehr für die tolle Wertung. Mit dem letzten Absatz war ich eigentlich auch glücklich, allerdings hatte es tatsächlich etwas für sich, mehr die indirekte Variante zu wählen.

Liebe Grüße

Herbert
 
E

eisblume

Gast
Hallo Herbert,

nach der Streichung wirkt der letzte Absatz viel stärker!

Versuche doch mal, auch diese beiden direkten Anreden zu streichen. Vielleicht kann empfindest du es dann auch so, dass der Text das nicht nötig hat.

Ehrlich gesagt wollen wir das ja gar nicht wissen, aber man macht sich halt so seine Gedanken, [strike]was denken Sie denn[/strike]!
[strike]Und ich sage Ihnen,[/strike] was man manchmal durch die Vorhangritzen sieht, das ist kein Vergnügen, wirklich gar nicht.
Die Lage des Nachbarhauses kann ich jetzt auch nicht einordnen - nebenan oder gegenüber?

Lieben Gruß
eisblume
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Eisblume,

der Charakter des Rechtfertigungsversuchs im direkten Gespräch ginge völlig verloren, wenn ich Deinem Vorschlag folgen würde.

Daher habe ich mich nach längerer Überlegung entschlossen, den Text in der jetzigen Version zu belassen.

Dass manches Detail in diesem Versuch unklar bleibt, dient dazu, die Rechtfertigung noch mehr als das darzustellen, was sie ist: In sich widersprüchlich und an den Haaren herbeigezogen. Beim Lesen soll man das merken, und Du hast dieses Detail (wo spielt sich das denn wirklich ab?) ja auch prompt aufgespießt :)

Vielen Dank für Dein Verständnis und Dein Interesse an diesem Text.

Liebe Grüße

Herbert
 

Paloma

Mitglied
Guten Morgen Herbert,

das ist ein richtiger Reiztext und ich schleiche schon ein paar Tage drum herum.
Einerseits finde ich ihn schrecklich – andererseits piekst er mich immer wieder und genau das ist es wahrscheinlich, was du bezwecken wolltest.
Ich würde ihn kürzen – prägnanter schreiben. Manches ist mMn überflüssig, z. B.: die ganzen Füllwörter raus. Mir ist bewusst, dass sie den Text realistischer machen sollen – so sprechen Prolls wohl. Ich meine dennoch, dass es zu viele sind. Vielleicht magst du darüber nachdenken.

Und das hier:

Natürlich hören wir auch so fast alles, bis auf das ganz leise Wimmern danach, hab ich nur einmal gehört, oder wenn er die Frau losschickt nach Bier aus dem Keller.
ist kein guter Satz. Da müsste nach alles ein Punkt. Und dann: Das leise Wimmern danach, habe ich nur ... So wie du es geschrieben hast, liest es sich unlogisch. Man hört fast alles nur das Wimmern nicht.

Guter Text – wenn auch nicht schön.

Liebe Grüße
Paloma
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Paloma,

darüber muss ich erst mal nachdenken. Die vorgeschlagenen Kürzungen sind schwierig, würden den Charakter des Textes meines Erachtens stark verändern.

Zu dem Punkt mit dem Wimmern: Hier "wirkt" es, gerade weil es so in den Hintergrund gerückt wird, so nebensächlich, an den Rand gedrängt. Denn das fällt auf, macht die Aussage des erzählenden Ichs fragwürdig, entlarvt sie.

Mich würden zu diesem Punkt auch noch andere Meinungen interessieren.

Vielen Dank für die Kritik und die lobenden Worte über diesen Text mit dem furchtbaren Thema.

Liebe Grüße

Herbert
 

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