Schlechter Esser

Im Lauf seines Lebens konnte ich im Umgang mit meinen Mitmenschen die Erkenntnis gewinnen, dass in vielen von ihnen Zurückgehaltenes und Unerlöstes und damit Unerzähltes vor sich hinschlummert; Psychologen würden Verdrängtes dazu sagen. Doch wenn zu einem passenden Zeitpunkt ein auslösendes Momentum hinzukommt, drängt es ein solches Erlebnis – denn um solche handelt es sich meist – unabweisbar an die Oberfläche und will von dem Betroffenen offenbart werden. Genau das ist kürzlich geschehen in einem Café, in dem ich mich mit einem guten Bekannten getroffen habe. Wir kennen uns seit der unserer gemeinsamen Studentenzeit und kommen immer wieder mal zusammen. Obwohl ich ihn mag und wir schon einiges gemeinsam unternommen haben, scheue ich mich, ihn als Freund zu bezeichnen. Ihm wird es genauso gehen, was aber für das, was sich in der Stunde in dem Café ereignet hat, Bedingung ist. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Person eher bereit ist, sich etwas von der Seele zu reden, wenn sie gegenüber dem Zuhörenden eine nicht zu große Innigkeit hat. Es reicht aus, wenn die beiden eine vertrauensvolle Distanz verbindet.

Es begann damit, dass mein Bekannter von dem bestellten Kuchen wieder mal die Hälfte stehen ließ. Ich kannte das ja von ihm, doch ich weiß nicht warum, aber dieses Mal störte es mich und ich ließ eine kritische Bemerkung fallen. Er reagierte darauf aber nicht verärgert, sondern mit dem Geständnis: „Du weißt ja, ich bin ein schlechter Esser.“ Nun, das war nichts neues, seine hagere Figur legte beredtes Zeugnis davon ab. Überraschend war allerdings das, was dann folgte. Er fuhr in sich gekehrt weiter fort: „Das war schon immer so, auch als Kind war ich ein schlechter Esser. Ich habe zeitweise das Essen regelrecht verweigert und meine Eltern wussten sich oft nicht mehr zu helfen. Auch, als ich in die Schule kam, wurde es nicht besser. An mich wuchs nichts hin und meine Mitschüler hänselten mich mit Ausdrücken wie Suppenkasper, dürrer Hering oder Krischperl*. Oder man ließ mich meine körperliche Unterlegenheit handgreiflich spüren.

Als ich in der vierten Klasse war, beschloss man, mich in ein Kinderheim zu schicken. Dass das während des Schuljahres war, gefiel mir am Anfang. Was sich dann aber schnell änderte. Ich kam in ein Kinderheim in Bad Wörishofen; es war ein großer alter Kasten, das von Nonnen betrieben wurde. Diese trugen alle ein dunkelgraues Ordensgewand mit weißen Krägen und eine schwarz-weiße Kopfbedeckung. Erst viel später habe ich recherchiert, dass es sich um die Kneipp´sche Kinderheilanstalt handelte, deren Träger das Kloster Mallersdorf war, eine Ordensgemeinschaft der Armen Franziskanerinnen. Damals, Anfang der sechziger Jahre, sagte man noch Verschickungsheim dazu und ich war somit ein Verschickungskind auf Verschickungskur, die, glaube ich, sechs Wochen dauern sollte. Übrigens gibt es das Heim nicht mehr. Untergebracht war ich in einem Zimmer mit drei gleichaltrigen Knaben, an die ich heute keine Erinnerung mehr habe. Was ich aber noch ganz genau weiß, ist, wie es mir dort erging. Im Vordergrund stand natürlich das Essen. Gleich am Anfang wurde mir von den Schwestern eingebläut, dass ich nur wieder nach Hause dürfe, wenn ich mindestens sechs Kilo zugenommen habe; ich wog damals nicht mal dreißig Kilo. Dementsprechend große Essenportionen bekam ich vorgesetzt. Schon mit dem Frühstück ging das Grauen los, da sollte ich eine große Tasse heißer Milch trinken. Man hielt mich an, die Butter dick auf das Brot zu streichen; genau das, was mir immer schon zuwider war. In meiner Erinnerung gab es fast jeden Tag Mehlspeisen – Kaiserschmarrn, Pfannkuchen, Quarkplinsen –, die ich eigentlich ganz gern mag. Aber bei den aufgehäuften Mengen ist mir der Appetit vergangen. Zu Mittag häufte man mir bis zum Erbrechen sogenannte Sättigungsbeilagen auf den Teller. Dabei hatte man in der Küche eine Vorliebe für Kartoffeln, vor allem in den Variationen Kartoffelsalat-, stampf-, brei- und püree. Abends gab es Wurstaufschnitt mit pfenniggroßen Fetteinlagerungen.

Du weißt ja, was man damals allgemein sagte: ´Aufstehen darfst du erst, wenn der Teller leer ist´ oder ´Gegessen wird, was auf den Tisch kommt´. In dem Heim waren das beinahe religiöse Glaubenssätze. War meine Widerständigkeit bisher eine verhalten glimmende Glut, loderte es nach den Befehlen der Schwestern züngelnd auf. Jede Mahlzeit war wie ein trockener Scheit, der meinen Widerwillen schürte. Ich aß immer nur kleine Portionen oder schob die Teller von mir weg. Die Schwestern versuchten es zunächst mit gutem Zureden. Als das nicht half, schimpfte man mit mir in sich steigender Tonlage und schließlich drohte man mir mit Strafe. Diese folgte dann auch, nachdem ich immer noch nach aufaß. Man sperrte mich tageweise in einen kleinen karzerartigen Raum mit spartanischer Ausstattung und einem kleinen Fenster zu einem düsteren Hinterhof. Zum Ende solcher Arresttage nötigte man mir, der ich sehr unter der Isolierung litte, das Versprechen ab, ab sofort besser zu essen. Ich riss mich dann den nächsten Tag zusammen und würgte mir das Essen hinunter. Ich muss allerdings ehrlicherweise sagen, dass die Schwestern gar nicht schlecht gekocht haben. Aber es dauerte nicht lange und ich fand mich ein weiteres Mal in der Zelle wieder. So stellte sich bald ein fester Rhythmus ein. An einem dieser Tage musste ich vom Fenster aus mit ansehen, wie eine weiße Gans ohne Kopf und mit blutigem Hals umherlief, verfolgt von zwei Männern mit blutigen Schürzen. Das einzig Gute an diesen Tagen war, dass ich nach dem Mittagessen dem Zwangsschlafen im Gemeinschaftssaal entging. Trotzdem konnte ich abends nach dem Zubettgehen um sieben lange nicht einschlafen.

Es gab aber noch einen Grund, eigentlich sogar zwei Gründe, warum man mich einsperrte. Da die Schwestern einem katholischen Orden angehörten, gab es alle zwei Tage eine Religionsstunde, wozu ein Katechet erschien. An diesem ganz in schwarz gekleideten Mann mussten zu Beginn und am Ende alle Kinder vorüber paradieren. Die Knaben – so sagte damals zu den Jungs – mit einer Verbeugung und gefalteten Händen und die Mädchen mit einem Knicks und ebenfalls gefalteten Händen. Ich unterließ die Verbeugung, nicht weil ich evangelisch war, sondern ganz einfach, weil ich das albern fand. Das betrachteten die mit Argusaugen wachenden Schwestern geradezu als Sakrileg.

Ebenfalls einmal die Woche kam ein beleibter Arzt und wir mussten Schlange stehen. Uns wurde eingeschärft, den ganz in weiß gekleideten Mann mit ´Guten Tag, Herr Doktor…´ - seinen Namen hab ich vergessen -, zu begrüßen. Auch das befolgte ich nicht, zumindest nicht in dieser Form. Stattdessen sagte ich nur ´Grüß Gott´ ohne etwas dazu. Ich kannte das so von zuhause. Der Arzt sah sich jeden an, insbesondere die herausgestreckte Zunge, und sprach zu jedem die immergleichen Satz: ´Brav, mach weiter so.´ Mich dagegen ermahnte er, folgsamer zu sein und mehr zu essen; er tat das mit einem väterlichen Schmunzeln, an das ich noch heute gerne denke.

Ungern erinnere ich mich allerdings daran, dass ich nach dem Gemeinschaftsduschen eiskalte Kneippgüsse bekam, die mir den Atem nahmen. Das rege den Appetit an, hieß es. Um meine Essensrenitenz zu brechen, dehnte man diese Behandlung von Mal zu Mal aus.

Du kannst dir vorstellen, dass mir das alles sehr zugesetzt hat. Verstärkt wurde die Qual durch mein zunehmendes Heimweh. Ein Kontakt zu meinen Eltern war nicht möglich, es gab ja noch keine Handys. Nach einer Woche bekam ich einen Brief von meinen Eltern, in der sie mir Mut wünschten und sich auf meine Rückkehr freuten. Es durfte freilich nicht die Ermahnung fehlen, immer schön zu folgen und gut zu essen.“

Danach unterbrach mein Bekannter seine Erzählung und er blickte gedankenverloren vor sich hin. Als die Pause über die Dauer hinausging, die man braucht, um sich neu zu sammeln, ergriff ich das Wort und sagte: „Und wie ging es weiter. Was habt ihr denn untertags gemacht? Erzähl´ mal.“

Daraufhin schreckte er leicht hoch, sah mich kurz an und nahm seine Erzählung wieder auf: „Das, mit was wir beschäftigt wurden, ist nahe vollständig aus meinem Gedächtnis getilgt. Ich weiß aber noch, dass wir öfters zu Spaziergängen in die nähere Umgebung auf stets gleichen Wegen aufgebrochen sind – immer artig zu zweit hintereinander.

Als ich in Ende der dritten Woche wieder mal auf die Waage musste – eine dieser schweren Geräte mit verschiebbaren Eichgewichten – sah mich die Schwester böse an. ´Du hast ja wieder nicht zugenommen, du unfolgsamer Junge´ waren ihre Worte, die ich bis heute nicht vergessen habe. Zwei Tage später, es war nach dem Frühstück, forderte mich eine Schwester auf, mitzukommen. Es ging die Treppe hoch und einen langen Gang entlang, der Bohnerwachsgeruch war hier noch strenger als unten. Sie klopfte in devoter Haltung an die letzte Tür, trat ein und zog mich hinterher. Da sah ich plötzlich meine Eltern vor mir stehen, ich war gleichermaßen erschrocken wie erfreut. Daneben hatte sich eine unbekannte Schwester postiert, die mich streng musterte.

Ehe mich versah, war ich zuhause und schon am nächsten Tag, obwohl es ein Freitag war, fand ich mich in meinem Klassenzimmer wieder – bei der Lehrerin und unter den Schulkameraden. Es wurde kein großes Aufheben um meine Rückkehr gemacht, was auch daran lag, dass die Lehrerin mich nicht besonders mochte – warum auch immer. Sie ließ mich das immer wieder spüren. Regenmäßig überging sei mich, wenn ich auf eine ihrer der Klasse gestellten Frage die Hand hob. Behielt ich sie jedoch unten, nahm sie mich dran. Wenn ich dann nicht im Bilde war oder falsch antwortete, verzog sie hämisch ihre Lippen.

Noch am selben Tag gab sie mir als Hausaufgabe auf, einen Aufsatz über meinen Heimaufenthalt zu schreiben. ´Damit wir alle erfahren, was du da gemacht hast und warum du schon wieder da bist´, war ihre mit einem höhnischen Grinsen hervorgebrachte Begründung. Ich musste somit das Wochenende – mein erstes Wochenende wieder zuhause – damit verbringen, diesen Aufsatz zu schreiben. Aber ich nahm mir vor, mich auf meine Art dafür zu rächen.“

Wieder trat eine Sprechpause ein. Mir war, als ob mein Bekannter innerlich Anlauf nahm, eine besonders hohe Hürde zu überwinden. Dass, war er mir dann erzählte, bestätigte meinen Eindruck:
„Am darauffolgenden Montag übergab ich der Lehrerin meinen Aufsatz, den sie wortlos in ihre Tasche steckte. Am nächsten Tag zeigte sie sich mir gegenüber völlig verwandelt, was so weit ging, dass sie mich sogar anlächelte. Wenn ich nun die Hand hob, nahm sie mich dran und wenn meine Antwort richtig war, lobte sie mich. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Du wirst dich sicher fragen, was der Grund hierfür war. Auch ich fragte mich das anfangs und konnte mir das erst Jahre später erklären. Es musste mit einer Passage meines Aufsatzes zu tun haben. Ich hatte nämlich etwas hinzugedichtet, was mich zu einer bemitleidenswerten Kreatur machte. Zudem wollte man wohl mit dem freundlichen Verhalten etwas unter den Tisch kehren und Aufsehen vermeiden.“

Nach einer abermaligen Pause – diesmal, um die Spannung zu steigern –, fuhr er leise fort:
„Ich habe geschrieben, dass bei meinen Arresttagen der Katechet in meine Zelle kam und mich gestreichelt hat. Wie kam ich dazu? Nun, ich hatte mal von meinem größeren Bruder gehört, dass sich in Heimen Erzieher gerne mal an Jungs heranmachen. Was das im Einzelnen bedeutete, davon hatte ich keine Ahnung. Aber es hörte sich irgendwie aufregend an.

Merkwürdig war, dass weder in der Schule noch sonst irgendwer nachgefragt hat, was da vorgefallen sein könnte. Man hat die Sache auf sich beruhen lassen, worüber ich ganz froh war, wie du dir vorstellen kannst.

Und noch was war erstaunlich: Am Ende des Schuljahres bekam ich ein Zeugnis mit Einsern in fast allen Fächern. Was mich allerdings nicht so freute, war, dass man mich als folgsamen Schüler bezeichnete. Ich wurde also für meine Unwahrheit auch noch belohnt. Nur gut, dass ich diese Erfahrung nicht zu meiner Lebensdevise gemacht habe. Was ich aber glaube, ist, dass der damalige Schwindel die Geburtsstunde meiner Schriftstellerei war.“



„Das ist ja starker Tobak“, sagte ich zu ihm, nachdem er seine Erzählung beendet hatte. Dass er gerne schreibt und das gar nicht mal schlecht, trifft ja tatsächlich zu. Aber gerade deswegen frage ich mich, ob er nicht in Teilen seinem Hang zur Dichtung erlegen ist? Wie auch immer, jedenfalls verabschiedeten wir uns zum Schluss so, wie es Freunde tun.







*Krischperl: Schimpfwort bayerischer Mundart für eine magere, schmächtige und schwächliche (männliche) Person
 

jon

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Der Schluss ist unrund, irgendwie fehlt eine Quintessenz, etwas, das nachklingt. Hier merkt man am stärksten, dass die Konstruktion nicht stimmt: Das mit dem Treffen und dass er die Sache erzählt, ist ein (wie) nachträglich dazugebauter Rahmen; die Erzählung selbst klingt extrem geschrieben und passt überhaupt nicht zu der Situation der spontanen "Offenbarung".

Die Binnengeschichte – also das, was er erzählt – ist deutlich besser.
Allerdings fehlt auch hier irgendwie der Aufhorch-Moment. Diese Rolle sollte wohl die Sache mit der Lüge im Aufsatz und der Folge, die sie hat, spielen. Aber leider verpufft das. Zum einen wird dieser "Knüller" nicht vorbereitet (dazu würde sich schon die Überschrift eignen, die eben nicht so tun sollte, als ginge es im Grunde nur um die Essensschwäche*), zum anderen wird ihm stilistisch (Sound, Rhythmus etc.) nicht das ihm zustehende Gewicht verliehen. Und im Ausklang wird das bisschen "Oha!" dieses Elements dann nochmal so übertüncht, regelrecht getötet, dass es sich anfühlt, als hätte es nicht stattgefunden. Schade, sehr sehr schade.
(* Man kann die Überschrift aber auch so lassen, dann muss aber im Text durchscheinen, dass das nicht der Knaller ist. Ich vermute jedoch, dass dir das viel schwerer fallen würde als die Überschrift-Lösung.)
 
Hallo Jon, danke für deine Nachricht. Mit deinem Hinweis, dass das Treffen und die Erzählung der angetroffenen Person den Rahmen abgeben soll, ist richtig. Ich will damit erreichen, dass die Offenbarung nicht alleine dasteht, gewissermaßen als Protokoll, sondern aus einer persönlichen Betroffenheit (daher die Ich-Form), womit die Geschichte zugleich nicht mir mir als Autor in Verbindung gebracht wird (das ´Ich´ soll nicht ich sein). Durch die extrem klare Beschreibung scheine ich als Autor aber doch durch. Genau diese Antinomie wollte ich erzeugen
Mit der angesprochenen Lüge will ich keinen Knüller landen, sondern die Lesenden zu verunsichern, so dass man sich fragt, was an der ist denn nun wahr und was nicht oder übertrieben dargestellt bzw. in der Rückschau subjektiv verzerrt. Beichte insgesamt als nicht ganz glaubwürdig ist.
Ich hoffe, du bist nun etwas gnädiger mit deinem Urteil.
 

jon

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Danke für die Erklärungen. Die beheben aber das Problem nicht - es funktioniert "spannungstechnisch" nicht.

sondern aus einer persönlichen Betroffenheit
Der Rahmen erzeugt diesen Effekt leider nicht, weil die - wie schon erwähnt - die Binnenerzählung nicht spontan wirkt, sondern sehr überlegt und gut vorbereitet (wie "geschrieben" eben).

Mit der angesprochenen Lüge will ich keinen Knüller landen, sondern die Lesenden zu verunsichern, so dass man sich fragt, was an der ist denn nun wahr und was nicht oder übertrieben dargestellt bzw. in der Rückschau subjektiv verzerrt.
Auch das funktioniert nicht, dafür ist das Element zu glaubhaft. (Leider, muss man ja sagen.) Wenn du - warum auch immer - die Glaubwürdigkeit des Schwach-Essers erschüttern willst (was eigentlich absurd ist, wenn du gleichzeitig persönliche Betroffenheit vermitteln willst), solltest du entweder etwas Unglaubhafteres einbauen oder die Erzählung lebendiger machen, sodass der Erzähler mimisch oder per Tonfall oder wie auch immer dem Zuhörer gegenüber sowas wie "Augenzwinker - das ist natürlich übertrieben"-Botschaften vermitteln kann.
 



 
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