Schnittblumen.

EsMi

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Schnittblumen

Ich kann Lücken füllen.
Ich kann Narben sehen.
Und ich kann Glühbirnen zerplatzen lassen.


Die S-Bahn hält am P-Friedhof - ich stolpere hinaus und humple zum nahegelegenen Blumengeschäft
(an der Strasse gibt es ausschliesslich Steinmetze und Blumenläden), um Gestrüpp oder eine einzelne Blume zu erwerben. Die Verkäuferin überzeugt mich, eine "faire" Blume kaufen zu wollen, aus fairem Handel. Mit einem Bund bunter Blumen, sehr fairen, in der linken Hand und der Krücke in der rechten wandere ich durch den Haupteingang.

Ich lasse das Krematorium links liegen und bewege mich weiter in Richtung des alten Friedhofes mit seinen schwarzen Grabsteinen, Riesenengeln, die sich voller Gram auf Marmor stützen und Inschriften, wie "Warte auf mich" und einem rührenden Buntstiftbild an einem naturbelassenen Stein, sowie etlichen ovalen Porträts, in Stein eingelassen.

Ich stecke eine einzelne Schnittblume mit etwas Grünzeug umwickelt durch das Gitter und -swiff- schubse diese in den Vorraum der Familiengruft. Auf die Sitze im Inneren wird sich keiner der Grafen setzen, und die Blume wird unbesehen welken. Dennoch spüre ich hier keine Hinfälligkeit, Trauer, noch Tod. Der Friedhof wird nicht gerade stark frequentiert - und doch bekommen Tote mehr Besuche, auch von Fremden, als zu ihren Lebzeiten?

Als ich neuen Jahre alt war und zehn werden sollte, wußte ich plötzlich, ich würde sterben. Irgendwann. Oder vielleicht schon im Alter von zehn. Oder einer anderen zweistelligen Zahl. Erst im Alter von etwa neun ist man in der Lage, Gefahren richtig abzuschätzen. Und diese auch zu erkennen, z.B. im Straßenverkehr.

Nun, ich lebe noch. Ich bin kein Geist und auch kein Steinengel mit gezerrten Bändern, der versehentlich annimmt, er lebe. Ziemlich munter gehe ich weiter und steure auf den Seitenausgang zu, an einem regelrechten Massengrab vorbei: Alle Familienmitglieder samt Angeheirateten ruhen hier. Gestapelt?
 

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