Schönredner (aus der Schreibwerkstatt)

Schönredner von Beruf
Eine Satire
von Willi Corsten

Ich war lange Zeit Politiker, doch dann entschloss ich mich, etwas für die Menschheit zu tun. Um den Übergang ins Arbeitsleben verträglich zu gestalten, nahm ich zunächst an einer zweijährigen Umschulung teil. Eine unnötige Maßnahme zwar, aber nun darf ich mich wenigstens offiziell Schönredner nennen. Der neue Beruf ernährt seinen Mann, wirft jede Menge Geld ab - und müde wird man davon eben so wenig, wie von der früheren Tätigkeit.
Gestern wurde ich zu einem Herrn gerufen, der das Meckern seiner Frau nicht mehr ertragen konnte. Der etwa vierzigjährige Mann war untröstlich über seine Glatze und begriff nur allmählich, dass diese segensreiche Fügung endlich den Friseur ersparen würde. Vollends überzeugte ihn jedoch erst mein Computerausdruck, den ich ihm spottbillig für dreißig Mark unterjubelte. Darauf stand geschrieben: ‚Glatzen schützen ein für alle mal, vor ungeliebtem Haarausfall.‘
An dieser Stelle mischte sich die Ehefrau ins Gespräch und beklagte lautstark den Bauchumfang ihres Gatten. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, fluchte leise über die Dummheit des gewöhnlichen Volkes und sagte: „Gnädige Frau, die enorme Leibesfülle ihres Mannes zeugt vom seinem unbändigen Fleiß, denn eines steht wohl fest: Nur wer sich pausenlos durchs Leben futtert, hat rund um die Hüfte etwas zu bieten. Außerdem schont der Bauch Wurzelbürste und Schuhcreme, weil er gnädig die ungeputzten Stiefel verdeckt.“
„Aber was mache ich mit den Augen“, stotterte der Mann und starrte hilflos den Küchenschrank an. Diesmal war ich verwirrt und erkannte erst nach geraumer Zeit, dass sein Scharfblick mir gegolten hatte. Dann fing ich mich wieder und sagte mit honigsüßer Stimme: „Schielen bedeutet innige Zuneigung. Ihre Äuglein lieben sich abgöttisch und können den Blick nicht von einander lassen. Danken sie dem Herrgott für das vermeintliche Missgeschick, denn so dürfen sie das Liebesspiel der Augen Tag für Tag hautnah beobachten und können nebenher ihren Gesprächspartner total verwirren.“
Als ich den Herrn endlich ins seelische Lot gebracht hatte und ungeduldig auf die Uhr schaute, fing die Alte erneut zu keifen an. Einem tosenden Wasserfall gleich redete sie vom knarrenden Holzbein ihres Gatten und von seinem klappernden Gebiss. Doch das bekam der Mann zu meiner großen Erleichterung nicht mit, weil er gerade sein Hörgerät suchte, das in den abscheulich brodelnden Suppentopf gefallen war. Derweil kassierte ich mein bescheidenes Honorar von 500 Mark, rieb mir vergnügt die Hände und machte mich auf den Weg zum nächsten Kunden.
 
Lieber Willi,

nach dem ich den Beitrag deiner Lesung bereits original hören durfte, auch hier nochmal ein dickes Lob für die Geschichte!

Lediglich an der Stelle:

"Als ich den Herrn endlich ins seelische Lot gebracht hatte und ungeduldig auf die Uhr schaute, fing die Schlampe erneut zu keifen an...."

würde ich den Begriff "Schlampe" - wie während der Lesung vorgeschlagen - nicht verwenden.

Wie gefällt dir stattdessen: der Besen, der Drachen, seine bessere Hälfte, die Alte,......

Lieber Gruß

Femi
 
Liebe Femi,
vielen Dank fürs aufmerksame Lesen. Deinen Vorschlag setze ich gleich in die Tat um. Die Schlampe ist also verbannt, hat sich vielmehr in eine Alte verwandelt.
Ist wirklich besser so.
Es grüßt Dich ganz lieb
Willi
 
Liebe Femi,
Du sitzt am PC? Prima! Wenn Du ein wenig Zeit hast, könntest Du vielleicht einmal in die Schreibwerkstatt wechseln. Dort wartet mein Räuber Ruprecht auf den Feinschliff. Er soll für die nächste Anthologie druckreif gestaltet werden. Dein Urteil ist mir sehr wichtig.
Liebe Grüße
Willi
 

Druidencurt

Mitglied
grummel... :)
Eure Satire paßt glatt auf den Druiden
(er ist wirklich zu dick und seine .... :) )
habt Ihr hellseherische Fähigkeiten

Verbeugend schleicht der Druide
von dannen
 
Hallo Druidencurt,
vielen Dank fürs reinschauen.
Und für die witzige Anmerkung. Keine Sorge, wenn der Schönredner mal Zeit hat, schicke ich ihn vorbei. Glaube aber, dass du den Kerl nicht nötig hast, denn so schlimm wirds wohl nicht sein.
Es grüßt dich lieb
Willi
 
Lieber Willi,liebe Morgana

da habt ihr ja bereits ganze Teamarbeit geleistet!!!

Bleiben nur noch Kleinigkeiten übrig...

1..Hoch oben im Bergwald lebte ein Räuber mit Namen Ruprecht. Er lauerte den reisenden Händlern auf,..(Händlern statt Händler)

2...betrachtete die wunderschöne Spieldose, die in das Geschenkpapier gewickelt war. Da hörte er eine leise Stimme sagen:

Räuber Ruprecht, sei gescheit
verspiel' nicht die Gelegenheit.
Stück für Stück ist abgezählt
für brave Kinder ausgewählt.

Der Austausch der Puppe durch die Spieldose gefällt mir besonders gut, weil hiermit ein wunderschöner doppeldeutiger Bogen zum Vers
... „verspiel nicht die Gelegenheit“... gelingt.


3. Und als im folgenden Jahr der erste Schnee fiel und bald darauf ein Schlittengespann durch den Bergwald fuhr, stand Ruprecht vor seiner Hütte und rief: „Tritt ein, Freund Nikolaus, dein Pferdchen braucht eine Ruhepause."
"Hast Recht", antwortete der Nikolaus und zwinkerte dem Pferdchen lustig zu, "denn der Weg ist weit, den wir morgen gemeinsam gehen."

Lieber Willi, lass in diesem Schlussabsatz doch den Ruprecht dem Nikolaus seine Bereitschaft verschämt signalisieren, ihn zu begleiten.

Und als im folgenden Jahr der erste Schnee fiel und bald darauf ein Schlittengespann durch den Bergwald fuhr, stand Ruprecht vor seiner Hütte und rief: „Tritt ein, Freund Nikolaus, hab dich schon erwartet. Dein Pferdchen braucht eine Ruhepause und für morgen bin ich bereit."
"Hast Recht", antwortete der Nikolaus und zwinkerte dem Pferdchen und Knecht lustig zu, "denn der Weg ist weit, den wir morgen gemeinsam gehen."

Insgesamt ist dir da wieder mal ein Meisterstückchen gelungen, Willi!!!
 
S

Sansibar

Gast
Schön

Guten Abend Willi,
also so weit weg ist deine Satire nicht. Kannst du besonders gut in Modehäusern beobachten, wo die Dummschwätzer mit Vorliebe dem Mann, die unmöglichsten Sachen aufschwatzen wollen.
Mir hat deine kleine Geschichte Spaß gemacht, eben weil sie gar nicht so unwahrscheinlich ist..
l
kreative Zeit noch
Sansibar
 
Vielen Dank, Sansibar,
dein Lob freut mich. Ja, ich finde auch, dass die Sache recht realistisch ist. Heute wird doch aus allem Geld gemacht.
Viele Grüße
Willi
 
S

Sansibar

Gast
Schön!!!

Morgen Willi,
dein Text, das ist mir gerade eingefallen, würde sich wunderbar als Sketsch eignen. Ich sehe als den Dummschwätzer den Hape Kerkelingund sein Opfer wäre idealerweise BLÜM (der frühere Minister, der sich nie zu blöd für etwas war!
Lieben Gruß
Sansibar
 


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