schöpferische freiheit (hexameter)

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Mondnein

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schöpferische freiheit


sonst musst du zahlen – gemäsz den bedingungen: zahlen die rechnung
derer die durch die zahlen strahlen wie prime faktoren
die deine tage gezählt und stunden pläne organi
sierten damit du die nächsten generationen hervorwälzt:

lock sie ans licht befrei ihre eigenen wissenden wege!
bring ihre schätze zutage – das ist was sie dir überlieszen
die dich entdeckt – da du deine zeit jenen älteren anbotst –
frei dich setzten zu setzen frei dieser jüngeren wege

was ist die gröszere freiheit? in wochenenden am abend
leinwand zu ölen die farben hinein zu tauchen den pinsel
in jenen schosz zu versenken da landschaften grün malachitten
rosige quarzband zucker auf lösen bis beige und ocker

sonnenglut durchglänzt in gold sich verwandeln des morgens?
denn in der nacht da schmelzen die deodoranten neriden
okeaniden und gieszen in lieder die flieszenden schlieren
setzen dich frei in den wogen des welten verschlingenden schlafes
 

DOSchreiber

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Fordernd ... lehrend ... dichtend ... malend - hier zeigt sich auch die Denk- und Kunstwelt des Autors. Was will man mehr! Der plaudernde, hexametrisch bedingte Erzählton macht das Lesen zum Vergnügen. Erkenne ich in den Senkungsanfängen der dritten Verse Absicht? Was ich originell finde, ist, dass das finale (Empfindungs-)Bild sich uns zugleich als Gemälde zeigt - stark!

Schönen Gruß von
Dyrk
 

Mondnein

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Das mit den "Senkungsanfängen", dear Dyrk,
ist natürlich genau ins Auge zu fassen - ich würde mir unbetonte Hexameteranfänge streng verbieten. Das Problem liegt darin, daß es einsilbige Anfänge sind, denen jambische Zweisilbler folgen, die hier als Doppelkürze (bzw, im Deutschen Doppelunbetonte) gelesen werden müssen. Solche ambivalenten Lesarten einsilbiger Wörter sind besonders am Hexameterende schon seit der Antike verpönt, wo sie die Klausel stören. Einsilbige Unbetonte (antik: Kürzen) kommen z.B. bei Vergil nur in den Versen vor, die aus dem archaischen Ennius zitiert werden:
únus homó nobís cunctándo réstituit rem​

Die einsilbigen Hexameter hier oben sind als Betonte gemeint.

Selbstkritisch würde ich anmerken, daß die wichtigste "Freiheits"-Rolle des lyrischen Ichs die pädagogische in den ersten beiden Strophen ist: Das Freilassen oder Freisetzen anderer. Die "eigene" Freiheit des Künstlers in der pointierten Endwirkung des Gedichts könnte Walther als "Wortonanie" entlarven (siehe seine Besprechung des Musensonetts in "Walthers Anthologie", zugetextet), in Bezug auf die Malerei auch als "Farbenejakulation", und er hätte recht damit. Wer nicht auf Häßliches aus ist, kann gar nicht anders, als seine Arbeit selbst zu genießen.

Allerdings wohl eher als unentfremdete Arbeit für die Sinne anderer. Selbst der Autor ist letzten Endes nur ein Leser.

grusz, hansz
 

Mondnein

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korrekturen:

statt "jambische Zweisilber" muß es heißen: "trochäische Zweisilber": "die deinen" und "in jenen": Ich lese sie (aber) als daktylische Hexameteranfänge.
"Die einsilbigen Hexameter hier oben sind als Betonte gemeint." => muß heißen:
"Die einsilbigen Hexameteranfänge hier oben sind als Betonte gemeint."
 

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