Schon viel zu lang geschwommen

Michele.S

Mitglied
Als der Zug die Dunkelheit des Tunnels verließ, bot sich David ein beeindruckendes Bild. Zu seiner Rechten lag ein blau-grauer See, von nacktem Felsgestein umgeben, zu seiner Linken der Gipfel des Berges, oben vom ewigen Schnee bedeckt. Die Baumgrenze zeichnete sich deutlich ab. Der Zug bog um eine Kurve, und die Räder kreischten, als sie gegen die Schienen gedrückt wurden. Er hatte den Zug in irgendeinem Kaff in Graubünden bestiegen, und nun ging es schon seit über einer Stunde immer weiter bergauf. Kalte Luft kam durch das gekippte Fenster. Er schloss es und zog den Reißverschluss seiner Jacke bis ganz nach oben. Sein Handy vibrierte. Tante Beate hatte geschrieben: „Bist du schon da?“
Er antwortete: „Bald.“
Er hatte sich im Vorfeld nicht über die Klinik informiert, hatte den Namen nicht mal bei Google eingegeben. So machte er das immer. Er wollte sich überraschen lassen und ganz unvoreingenommen dort ankommen. Er fühlte tatsächlich etwas wie Aufregung, vielleicht sogar eine leichte Vorfreude. In den letzten Monaten war da nichts als Taubheit gewesen. Er hatte sich schon seit etwa zwei Jahren abgeschlagen gefühlt. Und vor drei Monaten war er morgens einfach nicht aus dem Bett gekommen. Er war liegen geblieben, bis es draußen schon wieder dunkel gewesen war. Dann hatte er seine Tante angerufen. Aber anstatt zu sprechen, hatte er angefangen zu weinen und hatte einfach nicht mehr damit aufhören können. Seine Tante hatte ihn zu ihrem Psychiater geschickt. Das war ein etwas exzentrischer Mann gewesen. Er hatte ein Hemd mit buntem Blumenmuster getragen und einen langen, grauen Vollbart gehabt. David hatte ihn auf mindestens 70 geschätzt. Und der hatte ihm diese Klinik empfohlen. „Sie ist etwas anders als vergleichbare Einrichtungen, aber ich glaube, für Sie jetzt genau das Richtige.“
Er hatte nicht widersprochen. Der Zug wurde langsamer. Dann quietschten die Bremsscheiben, und er kam schließlich zum Stehen. Der Bahnsteig war kurz und bis auf einen einzelnen Mann vollkommen menschenleer. Er öffnete die mechanische Tür des Zuges von Hand, wozu viel Kraft nötig war, und hievte seinen Koffer auf den Bahnsteig. Der Mann trat auf ihn zu. „Sind Sie Herr Rahmahni?“
„Ja, richtig.“
„Ich bin Ihr Fahrer. Es sind noch ungefähr zehn Minuten zur Klinik.“



Es ging einen steilen, asphaltierten Weg ohne Mittelstreifen oder Leitplanken hinauf. David lehnte sich im ledernen Rücksitz des Mercedes zurück. Der Fahrer fuhr angenehm gleichmäßig. Er blickte ihn aus dem Rückspiegel an. "Ist das ihr erstes Mal in einer Klinik?".
"Ja, das erste Mal"
„Sie sind noch sehr jung.“
„Ja, danke“, sagte David.
„Es ist eine sehr gute Klinik.“
„Das hoffe ich.“
„Vertrauen Sie mir. Alle Leute, die von dort zurückkommen, sind ganz ruhig und gelassen. Wie so Buddhisten.“ Er lachte.
„Hört sich doch gut an“, meinte David.
Der Wagen hielt.
Er nahm seinen Koffer und gab dem Fahrer ein Trinkgeld.
Die Frontseite der Klinik lag jetzt direkt vor ihm. Es war ein historisches Gebäude, im Jugendstil errichtet. Die Fassade war mit einem durchgehenden Relief verziert, und das Gebäude war von hellrosa und türkiser Farbe. Alles machte einen pittoresken, zerbrechlichen Eindruck. David freute sich darüber. Ästhetik war ihm schon immer wichtig gewesen. Vor der Klinik erstreckte sich ein weitläufiger Garten mit einigen großen, alten Bäumen und vielen eleganten, weißen Sitzbänken. Im Zentrum des Gartens lag ein großer, hölzerner Pavillon, in einem angenehmen, frischen Weißton gestrichen. Gleich dahinter befand sich ein kleineres Gebäude, das im Vergleich zur restlichen Anlage wie ein Fremdkörper wirkte. Es war ein scharfkantiger Block aus rohem, unverputzten Beton, mit sehr schmalen aber langgestreckten, vertikalen Fenstern, die parallel zueinander standen und das Gebäude wie Rippen durchzogen.
Er ging durch die breite, zweigeteilte Eingangstür. Das Innere des Gebäudes hatte denselben historischen Stil. Die Wände waren mit dunkelgrünen Kacheln bedeckt. Im Sekretariat schickte man ihn mit ausgesuchter Höflichkeit direkt weiter ins Pflegezimmer. Er ging eine breite, steinerne Treppe mit geschwungenem Geländer hinauf und folgte dem Gang dahinter bis zum Ende. Das Pflegezimmer stand offen, aber er klopfte trotzdem sachte gegen die hölzerne Tür. Eine junge, blonde Frau stand sofort vor ihm. „Rahmahni. Ich bin gerade angekommen.“
Die Pflegerin lächelte herzlich. „Natürlich. Setzen Sie sich doch erst mal hierhin. Wir messen Puls und Blutdruck.“ Sie legte ihm die Manschette um den linken Oberarm, die sich gleich darauf eng zusammenzog und sich dann nach und nach wieder lockerte. „122 zu 79. Puls 84. Könnte nicht besser sein.“
„Das ist gut“, sagte David nur.
„Jetzt brauche ich noch Ihr Gewicht.“
Er stellte sich auf eine altmodische, mechanische Waage. Die Pflegerin beugte sich dicht über die Anzeigenadel. „74,3 und ein halb“, sagte sie konzentriert und notierte sich den Wert sofort. „Ist noch im Rahmen“, sagte sie dann knapp und etwas unterkühlt. Doch gleich darauf lächelte sie schon wieder. „Sie können jetzt erst mal eine Pause machen, während wir schnell Ihren Koffer durchschauen. Wenn Sie rauchen wollen, haben wir unten einen wunderschönen Pavillon.“
David war etwas verwirrt. „Brauchen Sie nicht noch Name, Geburtsdatum und so?“
Die Pflegerin sagte sofort: „Ja, natürlich. Bitte Ihr Name und Geburtsdatum.“
„David Mardin Rahmahni. 17.4.1996.“
„Dankeschön.“ Jetzt stand sie einfach scheinbar unmotiviert da, mit ihrem eingefrorenen Lächeln, und schien darauf zu warten, dass er das Zimmer verließ. „Müssen Sie sich das nicht aufschreiben?“, fragte er unsicher. Die Pflegerin hatte sich schon umgedreht und antwortete, ohne ihn weiter anzuschauen: „Ich merke es mir und schreibe es dann später auf.“
David verließ zögerlich das Zimmer. Sie hatte gar nicht gefragt, wie „Rahmahni“ buchstabiert wurde. Jetzt spürte er aber wirklich ein starkes Verlangen nach einer Zigarette, ging die Treppe wieder hinab, stieß die Wendeltür auf und betrat die Gartenanlage.



Die Sonne war herausgekommen, und es war nun angenehm warm. Trotzdem lag eine Frische in der Luft, die David an ferne Gletscher denken ließ. Er schritt auf den Pavillon zu. Viele Leute waren gerade nicht im Garten. Er bemerkte einen jungen, sehr schlanken Mann mit kurzen, dunklen Haaren, der allein auf einer der Bänke saß und leise Musik über seine Handyboxen hörte. Neben ihm auf dem Boden stand eine Tasse. Er ging auf den Mann zu und lächelte. „Hi. Ich bin heute angekommen.“
„Hab ich mir schon gedacht.“
„Ich bin David.“
„Clement“, antwortete dieser und streckte ihm die Hand entgegen. David ergriff sie. Clement drückte sie so fest, dass es wehtat.
„Und was macht man hier so den ganzen Tag, Clement?“
„Jetzt wird erst mal der Morgen richtig gestartet.“ Clement lächelte, aber es war ein ernstes, fast feierliches Lächeln. David setzte sich neben ihn auf die Bank. Sie schwiegen eine Weile. Schließlich sagte Clement: „Was sagst du zu der Musik?“ Bevor David antworten konnte, sagte Clement schon „Kann man schon hören, oder?“ und blickte ihn mit einem gewissen Stolz an. David hatte überhaupt nicht auf die Musik geachtet, sagte aber sofort: „Ja, ist richtig stark.“ Er zeigte auf die Tasse. „Gönnst du dir einen Kaffee?“
„Tee“, antwortete Clement augenblicklich und bestimmt. „Die Leute hier trinken den ganzen Tag Kaffee, und abends rennen sie dann zu den Pflegern und sagen: ‚Ich kann nicht schlafen, gebt mir Tavor.‘“
David lachte.
Clement nicht. Es wirkte fast so, als hätte der Gedanke an die Kaffee-Trinkenden Patienten ihm kurz die Laune verdorben. Links von ihnen, aus dem Pavillon, hörte man nun eine laute Stimme, die aus einem Handy kam. Es war wohl irgendein Comedyprogramm. Clement sprang auf und lief schnell auf den Pavillon zu. „Kannst du das leiser machen, Daniel? Ich glaub nicht, dass das alle hören müssen.“
„Schon gut“, antwortete dieser und drehte den Ton sofort deutlich herunter. Clement kam zu ihm zurück. Sein Gesicht war jetzt hässlich verzerrt. „So was Rücksichtsloses. Einfach kein Respekt“, sagte er laut. Schmerz und eine leichte Verzweiflung lagen in seiner hohen Stimme.
„Er hat doch gleich leiser gemacht“, versuchte David ihn zu beschwichtigen.
„Mir egal, der Typ hat mir den ganzen Morgen ruiniert mit seiner Dummheit“, rief er und lief davon. David setzte sich auf die nun frei gewordene Bank und zündete sich eine Zigarette an. Er sog den Rauch tief in die Lunge und fühlte sich sofort besser. Nur war er sich nicht sicher, was er von Clement, seiner ersten Bekanntschaft hier oben, halten sollte. Irgendwie fand er ihn rührend und unheimlich zugleich. Ein Gong ertönte. Die beiden anderen aus dem Pavillon erhoben sich und liefen zum Eingang. „Müssen wir irgendwo hin?“, rief David ihnen hinterher. „Essen fassen“, sagte der junge Mann, der wohl Daniel hieß, ohne sich umzudrehen.



Der Speisesaal war geräumig und elegant. Ganz in Weiß, mit einer sehr hohen, leicht gerundeten Decke. Die langen Tische waren vereinzelt mit Menschen besetzt, die meisten noch recht jung. Die Mehrzahl von ihnen saß in kleinen Grüppchen zusammen, einige andere allein. David setzte sich an den Tisch gleich bei der Eingangstür. Daniel saß dort, ihm gegenüber ein junger Mann, groß und breit gebaut, mit blond-rötlichem Vollbart, und ein Mädchen, wohl höchstens zwanzig. „Morgen. Ich bin David.“
„Dani. Freut mich, Bruder.“
Daniel war ungefähr fünfundzwanzig, mittelgroß und hatte schwarze Haare und einen Zehn-Tage-Bart. Große Kopfhörer hingen ihm um den Hals. „Ja, wegen Clement. Hör nicht auf den.“
„Der hat das, glaube ich, einfach in den falschen Hals bekommen vorhin“, sagte David diplomatisch.
„Das ist einfach ein Opfer.“
Das Mädchen lachte kurz, verstummte aber sofort wieder und hielt sich die Hand vor den Mund.
„Sorry, aber ich kann nicht lügen. Kannst hier jeden fragen. Ich komm mit jedem klar, aber halt nur auf korrekter Basis.“
David versuchte, das Thema zu wechseln. „Und wie heißt ihr beide?“
„Larissa“, antwortete das Mädchen und wurde etwas rot.
„Sergey“, sagte der bärtige Mann.
„Wie gefällt dir dein erster Tag hier?“, fragte Larissa mit leiser Stimme.
„Kann ich noch nicht sagen.“
Sergey meldete sich jetzt zu Wort: „Ich bin fünf Monate hier. So gesehen bin ich der Älteste in der Klinik.“ Er öffnete eine Dose Red Bull und kippte sich etwas davon in seinen Kaffee. „Ungewöhnliche Mischung“, bemerkte David lachend.
„Ja, aber weißt du, ich hab ADHS. So gesehen beruhigt mich Koffein“, antwortete Sergey ernst. „Ja dann.“
„Lass fetzen“, sagte Daniel. Er hatte seine Mahlzeit sehr schnell heruntergeschlungen, und Brotkrümel hingen ihm im Bart. Er stand auf und sagte dann noch: „Ja, auf jeden Fall, David, wenn du mal Bock auf Basketball oder Tischtennis hast, dann lass einfach wissen.“
„Gerne“, antwortete David lächelnd.
„Oder Tischkicker wär eigentlich noch geiler“, sagte Daniel dann noch, stand auf, legte sich die Kopfhörer um die Ohren und verließ den Speisesaal. Seine Schritte folgten anscheinend irgendeinem Beat, den er gerade hörte.
„Der ist bipolar. Also manisch, mein ich damit. So gesehen hat er morgen wieder Depriphase“, sagte Sergey in seiner tiefen, langsamen Stimme, wobei er das 'R' rollte. Ein junger, dunkelhaariger Mann, der sich wohl etwas verspätet hatte, stellte jetzt sein Tablett auf den Tisch und setzte sich David gegenüber. Er hatte sehr feine, angenehme Gesichtszüge, und die braunen Augen, mit denen er David eine Sekunde lang betrachtet hatte, hatten eine eindringliche Wärme. In David stieg ein Gefühl und dann eine vage Erinnerung an irgendetwas auf. Und als der Mann sich mit einer Serviette langsam und sehr sorgfältig über den Mund strich, wusste er es: Er erinnerte ihn an Markus...


Als David in die Oberstufe des Gymnasiums eingetreten war, hatte er neben Physik auch Sozialkunde für sich als Hauptfach ausgewählt. Nicht nur, weil ihm dieses Fach immer sehr leicht gefallen war, sondern weil er ein aufrichtiges Interesse dafür hatte. Da nur wenige Schüler Sozialkunde gewählt hatten, wurde das Fach gemeinsam mit einer Klasse aus einer nahegelegenen Kleinstadt unterrichtet. Als David den Klassenraum für die erste Unterrichtsstunde betrat, sah er Markus sofort. Zwei Jahre zuvor war David auf einer Wanderfreizeit in Schweden gewesen, an der unter anderem auch Markus teilgenommen hatte. Er hatte damals sofort eine tiefe Sympathie für Markus empfunden, aber wegen seiner Schüchternheit nur wenig Kontakt zu ihm gehabt. Jetzt stand Markus also zwischen den anderen Neulingen. David trat zu ihm. „Markus? Krass, dass wir uns jetzt so wiedersehen.“ Markus hatte ihn mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck angeschaut und höflich geantwortet: „Hallo. Ja, das ist schon cool.“ Beide waren noch ein paar Sekunden schweigend dagestanden, dann hatte Markus sich weggedreht und mit jemand anderem geredet. David war sich nicht sicher gewesen, ob Markus sich überhaupt an ihn erinnert hatte. Von da an kam David zu jeder Sozialkundestunde mit Absicht zehn Minuten zu spät, um nicht in eine Situation zu kommen, in der er mit Markus hätte sprechen können. Das Problem war, dass er ja eigentlich sogar mit ihm hätte sprechen müssen, alles andere wäre merkwürdig gewesen, denn er konnte die Bekanntschaft mit ihm ja schlecht einfach ignorieren. Ein paar Mal hatten sie dann doch ein paar Worte gewechselt. Seine Stimme hatte dabei gezittert, und er war rot geworden, obwohl er genau das unbedingt hatte vermeiden wollen. Schließlich schwänzte David dann den Großteil der Stunden. Am Ende des Jahres war er in Sozialkunde gerade noch so auf eine Vier gekommen.



Das erste Therapieprogramm fand erst am Mittwochnachmittag statt. Alle Patienten versammelten sich in dem modernen, box-artigen Gebäude hinter dem Pavillon. Es war innen fast komplett leer. Keine Tische, Stühle, keine Bilder an den Wänden. Der gesamte Boden wurde von einem dünnen, beigefarbenen Teppich bedeckt. Am Ende des Raums stand eine riesige, voluminöse Box, die fast bis zur Decke reichte. Alle Patienten setzten sich in ordentlichen Reihen auf den Teppich. Es wurde nur geflüstert. Dann betrat ein großer, dunkelhaariger, glattrasierter Mann den Raum. Er war etwa Mitte fünfzig, sein noch volles Haar war an den Seiten von Grautönen durchzogen. „Das ist Chefarzt, Dr. Ginser“, flüsterte Sergey. David fühlte sich angenehm gespannt. Der Arzt trat vor ein Mikrofon. „Für die Neuzugänge erklär ich noch mal, um was es hier eigentlich geht“, sagte er. „Die allgemein verbreitete Auffassung heute ist ja, dass psychische Krankheiten mit einem chemischen Ungleichgewicht im Gehirn zusammenhängen. Das ist auch gar nicht falsch, auf dieser Ebene betrachtet. Man kann das Ganze aber auch anders und allgemeiner sehen. Dazu werf ich mal die Frage auf: Was ist eigentlich das, was wir als ‚Ich‘ bezeichnen? Für ein Baby gibt es noch kein Ich. Das spielt mit seinen Zehen ganz genau so wie mit einem Bauklotz und sieht zwischen beiden gar keinen Unterschied. Erst durch Schmerzen lernt es dann irgendwann, dass es einen Körper hat, der zu ihm gehört, und der von der restlichen Welt getrennt ist. Und das Kleinkind lernt zu sprechen. Irgendwann versteht es Lob, Schimpfen, Stolz, Scham usw. und konstruiert sich dann daraus eine Identität. Und in der Pubertät kommen dann noch Sachen wie Status, sexuelle Anziehung etc. dazu. Also, das ‚Ich‘ ist nicht von Anfang an da und auch nicht immer gleich deutlich ausgeprägt, sondern entwickelt sich erst nach und nach und bei jedem ganz individuell. Jetzt ist es so, dass manche Menschen das ‚Ich‘ stärker spüren als andere. Im Deutschen gibt es den dämlichen Begriff ‚Selbstbewusstsein‘. Dämlich, weil das Wort positiv besetzt ist. Im Englischen ist es übrigens genau andersrum, da bedeutet ‚self-conscious‘ etwas Unangenehmes, nämlich ständige Selbstbeobachtung. Dass man sich die ganze Zeit hinterfragt und sich halt ständig bewusst ist, dass man von den anderen gesehen und vielleicht bewertet wird. Und psychische Krankheiten entstehen jetzt also genau dann, wenn das ‚Ich‘ zu stark wird, wenn man es also zu deutlich spürt. Am besten geht es einem doch immer dann, wenn man sein ‚Ich‘ mal vergisst, oder? Das passiert zum Beispiel bei richtig spannenden, sinnvollen Tätigkeiten, bei Gruppenereignissen, bei religiösen Erweckungen oder auch beim Konsum von bestimmten Drogen. Aber das vertiefe ich jetzt mal ganz bewusst nicht. (Er lachte kurz).Sie werden jetzt gleich eine Stunde lang sehr niederfrequenten Schwingungen ausgesetzt. Im besten Fall wird dadurch die Region im Gehirn, die ständig zwischen ‚Ich‘ und der restlichen Welt unterscheidet, kurzfristig blockiert oder zumindest abgeschwächt. Es kann sein, dass Sie bei der ersten Sitzung noch gar nichts merken. Das braucht manchmal seine Zeit. Aber das tun Antidepressiva ja auch, nur dass die noch dazu meistens wirkungslos sind. Also bitte versuchen Sie, sich darauf einzulassen. Bitte keine Gespräche währenddessen. Dass hier drinnen nicht geraucht werden darf, muss ich, glaub ich, nicht erwähnen.“ Er lachte kurz. Dann sagte er: „Gutes Gelingen“, und verließ eilig den Raum.
„Ich schwöre, ich kann den ganzen Vortrag von dem schon auswendig. Der sagt jedes Mal das Gleiche. Hat er bestimmt heimlich auswendig gelernt, der kleine Gauner“, flüsterte ihm Daniel zu. Das glaubte David sofort. Und trotzdem hatte Ginser das Ganze nicht einfach heruntergeleiert, sondern hatte mit einer Überzeugung und Begeisterung gesprochen, die David für einen Arzt ungewöhnlich fand und die ihm irgendwie etwas beklemmend vorkam. Er flüsterte Daniel zu: „Ja, glaub ich auch“, aber da fing es schon an. Der Pfleger drehte langsam an einem Knopf an der Box. Erst passierte gar nichts. Dann fühlte David eine leichte Vibration in der Luft, zuerst kaum wahrnehmbar, dann aber immer deutlicher. Und schließlich meinte er, einen ganz tiefen, dumpfen Ton wahrzunehmen, der aber mehr in seinem Körper als in seinen Ohren zu sitzen schien. Er saß im Schneidersitz auf dem Teppich, zwischen Sergey und Daniel, und wartete darauf, dass irgendetwas passierte. Aber es geschah überhaupt nichts. Nach einer Viertelstunde begann er, sich zu langweilen, und fragte sich, wie er die volle Stunde herumbringen sollte. Clement war nicht da. Er hatte zu David gesagt: "Was hab ich denn auf der Welt, außer meinen klaren Kopf?Den setz ich doch nicht aufs Spiel". David lächelte. Dann dachte er: „Ich glaube, man kann Clement ganz leicht verletzen. Es reicht schon ein kleines bisschen, um seine filigrane Welt zu zertrümmern.“ Der Gedanke machte ihn tief traurig. Dann dachte er, dass das ein merkwürdiger Gedanke gewesen war und dass es noch merkwürdiger war, wie sehr dieser Gedanke ihn berührte. „Seine filigrane Welt.“ Er lächelte über diesen Ausdruck. Wie war er ausgerechnet darauf gekommen? Das Klinikgebäude war auch filigran und sah zerbrechlich aus. Vielleicht war Clement ja deshalb jetzt hier? Er blickte auf das Beige des Teppichs und fühlte ganz deutlich, dass der Teppich nur beige sein konnte. „Jede Amsel ist ein Vogel, aber auch jeder Vogel ist eine Amsel“, dachte er. Dann zuckte er zusammen und fragte sich, wie er auf so einen Unsinn gekommen war. Er blickte aus dem Fenster, aber es war so schmal, dass er praktisch nichts sehen konnte. Zu seiner großen Überraschung trat jetzt der Pfleger an die Box und verkündete: „So, das war’s für heute.“ Konnte wirklich schon eine ganze Stunde vergangen sein?



Die Sitzungen mit der großen Box fanden immer mittwochs und freitags von 15 bis 16 Uhr statt. Sie waren das einzige Therapieprogramm, das die Klinik anbot, bis auf einen halbstündigen Spaziergang am Morgen, an dem aber kaum jemand teilnahm. Dies kam David merkwürdig vor, aber andererseits war er noch nie in einer Klinik gewesen und wusste nicht, wie es normalerweise ablief. Die Patienten mussten den Tag also weitgehend selbstständig ausfüllen. Die meiste Zeit verbrachte er mit Daniel, Larissa und Sergey. Er setzte sich auch immer wieder zu Clement, der fast immer für sich blieb. Clement schien ihn sehr zu mögen. Schon bei ihrer zweiten Begegnung hatte er zu ihm gesagt: „Du bist einer der wenigen hier, vor dem ich Respekt habe, weil du deine Krankheit nicht als Ausrede dafür benutzt, dich gehen zu lassen.“ David hatte sich über das Kompliment ganz aufrichtig gefreut. Clement hatte ihm neulich auch erzählt, sein Vater sei ein berühmter Widerstandskämpfer im Iran gewesen und ermordet worden, als Clement zwölf gewesen sei. David war sich nicht sicher, ob das stimmte. Clement hatte in seinem Leben schon vier Psychosen gehabt und ihm gesagt, er merke, dass bald wieder eine käme.



Am Donnerstag, dem Tag nach seiner ersten Schalltherapie, fiel ihm beim Mittagessen ein junger Mensch auf. Etwa 1,60 m groß, sehr schlank, kurze, blau gefärbte Haare und viel zu große Klamotten. Das wirklich aufällige war aber, dass er absolut nicht sagen konnte, ob das ein Junge oder ein Mädchen war. Die Person saß in seiner Nähe, und er konnte die Stimme unter den vielen anderen kurz ausmachen. Eine Männerstimme war es nicht, dazu war sie zu hoch. Sie klang aber auch nicht nach einer Frauenstimme, eher nach der Stimme eines zwölfjährigen Jungen. Die Bewegungen waren maskulin und gleichzeitig kindlich-unwillkürlich. David war enttäuscht, als die Person schließlich ihr Tablett wegstellte und den Speisesaal verließ. Aber von da an begegnete er ihr mehrmals am Tag: vor dem Pflegezimmer, in den Gängen und bei den Mahlzeiten. Nur im Garten war sie komischerweise nie. Jedes Mal, wenn er sie sah, fühlte er sich hinterher seltsam belebt, ungefähr wie nach einer kalten Dusche. Am Samstagmorgen betrat er die Klinikküche, um sich einen Kaffee zu machen. Mit plötzlichem Herzklopfen sah er, dass der merkwürdige junge Mensch auch hier war. Sie waren nun zu zweit. „Hi“, sagte David lächelnd.
„Hi.“ Keinerlei Anflug eines Lächelns.
Jetzt fiel ihm auf, dass sie heute rote Haare hatte, nicht mehr blaue. David durchsuchte die Schublade, aber die Box mit dem Kaffee war leer. Er beschloss, die Gelegenheit zu nutzen. „Ist kein Kaffee mehr da?“, fragte er und versuchte, seiner Stimme einen ärgerlichen Tonfall zu geben.
„Kein Filterkaffee, aber in der Schublade oben links sind ganz viele Packungen Pulverkaffee.“
„Ah, okay, danke.“ Er versuchte zu lächeln, aber seine Gesichtsmuskeln gehorchten ihm nicht mehr.
„Ist halt ’ne Billigmarke“, fügte sie mit lethargischer Stimme hinzu und gähnte. Er tat sich etwas Pulver in die Tasse, dann musste er warten, denn er brauchte den Wasserkocher, und den benutzte sie gerade.
„Wie heißt du eigentlich?“ Er hatte versucht, das ganz beiläufig zu sagen, aber er hatte den Satz unnatürlich deutlich ausgesprochen.
„Milo.“
„Ich bin David.“
„Okay.“
Milo machte sich ihren Tee und verließ die Küche, ohne sich noch mal umzudrehen.



David konnte nicht sagen, ob die Sitzungen mit den Boxen ihm nun halfen oder nicht. Aber er merkte, dass seine Gedankengänge mit jeder neuen Sitzung immer ungewöhnlicher wurden. Er hatte auch das beunruhigende Gefühl, dass manche der Gedanken gar nicht seine eigenen waren, sondern irgendwie von außen in seinen Kopf gelangten. Und er war sich immer sicherer, dass er sich an große Zeitabschnitte der Sitzungen hinterher nicht mehr erinnern konnte. Es war so: Plötzlich merkte er, dass er noch immer auf dem Teppich saß, und hatte die absolute Gewissheit, dass Zeit vergangen war, aber da waren keinerlei Eindrücke oder Erinnerungen, die in diese Zeitspanne fielen.

Seit er hier oben war, hatte er Schlafprobleme gehabt. Er ging schon vor 21 Uhr ins Bett und war immer schon nach wenigen Minuten weg, aber er wachte jede Nacht auf, immer zur exakt gleichen Zeit, um 2:12 Uhr. Das wusste er, weil er immer als Erstes nach seinem Handy griff. Nachdem er sich rasch eine Hose und ein T-Shirt angezogen hatte, ging er rauf ins Pflegezimmer, um sich Risperidon zu holen. Meist konnte er danach wieder einschlafen. Auf einem der Stühle vor dem Zimmer saß Milo. „Wartest du?“, fragte David.
„Ja, da ist keiner drin"
Er setzte sich auf den Stuhl neben ihr. „Kannst du auch nicht schlafen, Milo?“
Auf der elektronischen Anzeigetafel vor ihnen stand, dass es morgen gewittern würde.
„Ich hab Kopfschmerzen. Und ich heiße Ryan.“ David war sich vollkommen sicher, dass er den Namen nicht vergessen oder verwechselt hatte. „Echt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass du Milo gesagt hast.“
Sie legte die Finger ineinander und ließ sie knacksen. Ihre Haare waren jetzt hellblond. „Ja, Milo war früher. Jetzt ist es Ryan.“
Er verstand nicht, was sie damit meinte, sagte aber: „Ah, okay.“
Die Pflegerin kam durch den Gang auf sie zugelaufen. „Guten Morgen. Kann ich helfen?“ Milo stand auf und sagte, völlig ohne bittende Höflichkeit in der Stimme: „Ich brauch Ibuprofen, 600.“



Je länger David in der Klinik war, desto schneller verflogen die Tage. Abends vor dem Schlafengehen waren seine Erinnerungen an den Tag seltsam verschwommen und unbestimmt, etwa so, wie man sich nach dem Aufstehen an einen Traum erinnerte. Obwohl Davids „Clique“ aus Daniel, Sergey und Larissa bestand, war längst jemand anderes für ihn zur wichtigsten Person hier oben geworden: Milo. Er sprach nur selten mit ihr, und wenn, bestand das Gespräch nur aus wenigen, kurzen Sätzen. Aber die Begegnungen mit ihr, auch wenn sie fast immer wortlos abliefen, wurden für ihn zu den eigentlichen Höhepunkten seines Aufenthalts. Milo gab sich alle paar Tage eine andere Haarfarbe und einen neuen Namen. David war auch noch etwas anderes aufgefallen: Sie trug dieselben Klamotten nie zweimal. Es war nicht nur so, dass sie jeden Tag ihre Kleidung wechselte, sondern tatsächlich trug sie jedes Kleidungsstück an sich exakt einen Tag lang und danach nie wieder. David wusste das, weil er eine Art Tagebuch begonnen hatte, in dem er jeden Tag Milos Garderobe, ihren Namen und ihre Haarfarbe notierte. Warum er das tat, konnte er sich selbst nicht ganz erklären, und dass das ein ungewöhnliches, obsessives Verhalten war, darüber war er sich nur undeutlich bewusst. Aber dank des Tagebuchs erkannte er bald ein Muster: Milo änderte ihren Namen und ihre Haarfarbe immer genau am Tag nach den Therapiesitzungen, und zwar ohne Ausnahme. Es war auch gut möglich, dass sie es direkt danach tat, denn seltsamerweise sah David sie mittwochs- und freitagabends niemals. Das alles war merkwürdig, aber er störte sich nicht weiter daran. Erst eine Szene, die er an einem Dienstagnachmittag (er war mittlerweile seit zwei Monaten in der Klinik) beobachtete, beunruhigte ihn ungewöhnlich stark. Er kam gerade aus dem Pflegezimmer, um sich Bedarfsmedikation zu holen, und der Flur vor ihm war menschenleer. Da öffnete sich die Tür von Dr. Ginsers Büro, und Milo trat halb in den Gang hinaus. Er hörte Ginsers Stimme: „Mach dir da keine Gedanken. Ich regel das für dich, ich versprech's dir.“
David hatte nie gehört, wie Ginser einen Patienten geduzt hatte. Und dann trat Ginser aus dem Zimmer, legte seine Hände auf Milos Schultern und küsste ihr auf die Haare. David drehte sich schnell um und ging möglichst lässig, als hätte er nichts gesehen, um die nächste Ecke.




Als David eines Morgens nach dem Frühstück den Pavillon betrat, sah er ein neues Gesicht, eine Frau, die er auf Anfang vierzig schätzte. Er setzte sich der Frau gegenüber und sagte freundlich: „Du bist neu hier, oder?“
Die Frau nickte. „Ich bin die Heike.“
Er lächelte ihr zu. „Ich heiße David.“
Auch die Frau lächelte jetzt und zeigte dabei unregelmäßige, etwas gelbliche Zähne. „Freut mich“, sagte sie, „aber ich kann mir Namen ganz schlecht merken, also nimm es nicht persönlich.“
„Keine Sorge“, versicherte er schnell. „Bist du zum ersten Mal in einer Klinik?“
Heike sah aus, als hätte sie nur auf diese Frage gewartet. „Nee“, sagte sie sofort, „ich komme gerade erst aus einer anderen.“ Bevor David fragen konnte, sagte sie: „Katastrophe!“
„Oh, warum das?“
„Weil die Klinik von Scientology kontrolliert wurde.“
David gab sich große Mühe, nicht zu grinsen „Wirklich? Von dieser komischen Sekte?“
Heike nickte und machte dabei ein Gesicht wie jemand, der bereits alles erlebt hat und völlig abgebrüht ist. „Ja, genau die. Die sind jede Nacht auf mein Zimmer gekommen, während ich geschlafen habe, und haben mir Testosteron gespritzt.“
David nahm sich vor, nur noch seine Zigarette zu Ende zu rauchen und sich dann unter einem Vorwand zu verabschieden. „Und warum haben die das gemacht?“, fragte er in gezwungen ernstem Tonfall.
„Ja, weil die nichts Besseres zu tun haben. Die sind ja alle arbeitslos.“ Er nickte nachdenklich. Das musste er nachher alles Daniel erzählen. „Sorry, ich muss noch mal nach deinem Namen fragen“, sagte Heike.
„David.“
„Ah, natürlich. Du glaubst mir doch, oder?“ Er blickte auf den Aschenbecher und antwortete nicht gleich.
„Die haben mir wirklich Testo gespritzt! Mein Gesicht hat sich auch total verändert. Ich muss mich sogar rasieren.“
Er nickte nachdenklich und drückte seine Zigarette aus. „Ja, Heike, das hört sich wirklich übel an.“
Heike schien zufrieden.
„Aber ich geh jetzt mal langsam wieder rein“, sagte er.
Sie machte ein enttäuschtes Gesicht. Als er schon aufgestanden war und sich umgedreht hatte, rief sie: „Tut mir so leid, aber wie heißt du noch mal?“
„David“, sagte er, lächelte noch einmal höflich und ging dann auf sein Zimmer. Dort angekommen setzte er sich grinsend aufs Bett. Er versuchte, sich das Gespräch noch mal genau ins Gedächtnis zu rufen, um Daniel nachher davon berichten zu können.
Und da merkte er es: Er hatte Heike dreimal seinen Namen gesagt. Und er hatte ihn dabei dreimal völlig falsch ausgesprochen. Das „v“ hatte er wie ein „f“ ausgesprochen, und er hatte den Namen auf der falschen, der zweiten Silbe betont. „Dafied“ hatte er gesagt. Dreimal. Das Zimmer war sommerlich überhitzt, aber er zog sich einen dicken Pullover an. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Es wirkte seltsam fremd. Dann legte er sich aufs Bett und starrte auf die weiße Zimmerdecke, auf der ein paar kleine, dunkle Flecken von toten Fliegen waren. Schließlich dachte er: „Ich kann mich in letzter Zeit nur schlecht an Sachen erinnern. Das ist alles.“ Er griff nach seinem Buch, das aufgeschlagen auf dem Schränkchen neben seinem Bett lag, und begann zu lesen.



Am Freitag verließ Clement die Klinik. David hätte gar nichts davon erfahren, aber als er an Clements Zimmer vorbeilief, war die Tür geöffnet, und zwei Koffer und mehrere Taschen lagen davor. Clement packte gerade Pfandflaschen in eine Tüte. „Du gehst?“, rief David mit ehrlicher Bestürzung. Clement kam auf ihn zu und blieb im Türrahmen stehen. „Ja, mein Freund. Für mich geht’s jetzt weiter. Und wie es weitergeht!“ Er zeigte wieder sein ernstes, feierliches Lächeln. „Oh Mann. Dann alles Gute dir, Clement. Du wirst mir echt fehlen.“ Er streckte ihm seine rechte Hand zum Abschied entgegen. Clement ergriff sie sehr fest, blickte ihm fast ohne zu blinzeln in die Augen und sagte: „Keine Sorge, wir sehen uns wieder. Dann trinken wir ein Bier zusammen. Und glaub mir, das wird eine astreine Gesellschaft werden.“
David lächelte gerührt.
„Aber jetzt geh bitte, ich muss das alles noch irgendwie fertig bekommen“, sagte Clement und verschwand wieder im Zimmer.



Am nächsten Morgen erwachte David schon um 5 Uhr mit Kopfschmerzen. Er hatte ganz komisch geträumt. An den Traum konnte er sich nur in verschwommenen Bruchstücken erinnern. Milo und Clement waren darin vorgekommen. Sie hatten ganz anders ausgesehen, aber er hatte gewusst, dass es die beiden waren. Und sie hatten sich irgendwie über den Boden gerollt, während sie sich gegenseitig mit den Armen umschlungen hielten. Er trat zur Spüle, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und putzte dann etwa eine halbe Minute lang seine Zähne. Dann ging er in den Garten, um eine zu rauchen. Das tat er immer direkt nach dem Aufstehen. Er lief langsam auf den Pavillon zu. Es war schon hell draußen, aber alles war noch matt gedämpft. Er war er nicht der Einzige, der schon wach war. Allein auf einer der Bänke saß Sergey und hörte leise Musik über seine Handyboxen. David trat auf ihn zu und sagte mit verschlafener Stimme: „Morgen, Sergey.“
Sergey blickte zu ihm auf, mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, und sagte: „Was soll das jetzt?“
David war wie vor den Kopf gestoßen. Er hatte Sergey noch nie gereizt oder wirklich schlecht gelaunt erlebt. „Wie meinst du das?“, fragte er unsicher.
Sergey blickte ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den David noch nie bei ihm gesehen hatte, irgendwie streng, und sagte: „Ich meine, warum nennst du mich Sergey?“
„Hä?“, machte David nur.
„Wir haben uns doch schon hundertmal gesehen, du weißt doch ganz genau, dass ich Clement heiße!“ Seine Stimme war immer lauter geworden.
David fragte sich kurz, ob er immer noch träumte, und sagte dann: „Soll das ein Witz sein oder so was?“
Sergey stand jetzt auf und blickte ihn wütend und gleichzeitig irgendwie traurig an und sagte sehr laut: „David, ich hab dich immer respektiert. Ich dachte, du bist jemand, der keine Psychospielchen mit einem macht.“
„Ich hab echt keine Ahnung, was das jetzt soll, Sergey“, sagte David betroffen.
Sergey blickte ihm ein paar Sekunden fest in die Augen und sah dabei traurig und enttäuscht aus. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung, lief davon und rief: „Ich glaub’s nicht, der Typ macht meinen ganzen Morgen kaputt mit seinen dummen Spielchen. Kein Respekt!“
David blieb eine Weile völlig verdattert stehen. Dann setzte er sich in den Pavillon und zündete sich eine Zigarette an. Hatte Sergey jetzt den Verstand verloren? Immerhin war er hier, weil er eine Psychose gehabt hatte. Äußerten sich Psychosen so? Aber dann fiel ihm etwas auf, das er schon vorher die ganze Zeit gefühlt hatte, ohne es klar benennen zu können: Sergey hatte ganz anders gesprochen als sonst. Völlig ohne Akzent. Und er hatte das R bei „Respekt“ nicht gerollt. David blieb zwei Stunden lang im Pavillon sitzen, bis es Zeit für das Frühstück war, und rauchte währenddessen eine halbe Packung Zigaretten.



Am Mittwochnachmittag saß David wieder auf dem dünnen, beigen Teppich und wartete auf den Beginn der Frequenztherapie. Daniel saß neben ihm, war aber sehr schweigsam. Er hatte nicht geschlafen und hatte einen seiner schlechten Tage. Seit dem Vorfall am Samstagmorgen hatte David versucht, Sergey aus dem Weg zu gehen. Wenn er ihm in einem der Flure entgegenkam, blickte Sergey starr geradeaus und tat so, als wäre er Luft. Der Raum begann zu vibrieren, und David versuchte, an nichts zu denken. Die Nachmittagssonne fiel durch die schmalen, langgezogenen Fenster und warf parallele Lichtstreifen auf den Teppich. „Ich vermisse Clement. Er war irgendwie ein richtiger Mensch, trotz allem“, dachte David und fühlte sich auf einmal schwermütig. „Das Licht um diese Tageszeit ist immer so eigenartig. So friedlich. Aber gleichzeitig sieht es aus wie Abschied. Wie ging noch mal dieses Lied? ‚Mein Freund und ich, am Bahnsteig. Wenige Worte und ein ›Mach’s gut‹.‘ Es ist eine Übersetzung aus dem Spanischen. Das ist von ‚Los Abuelos de la Nada‘, also ‚Großeltern des Nichts‘. Kann das Nichts überhaupt Eltern haben?
Mama Nichts. Papa Nichts …. -
Er schwamm im Meer. Er schaute um sich. Nichts als Wasser um ihn herum. Er wusste, dass er schon sehr, sehr lange geschwommen war. Er wollte nun nicht mehr schwimmen. Das Wasser hatte genau die richtige Temperatur. Er ließ irgendetwas los. Dann versank er unter der Meeresoberfläche. Er sank tiefer und tiefer. Das Wasser um seinen Körper fühlte sich angenehm an. Er musste schon sehr tief gesunken sein, es war dunkel um ihn. Aber es war genau richtig. Da war nichts mehr, was blendete oder störte. Und dann hörte er eine Melodie, die aus keiner bestimmten Richtung kam, sondern einfach da war. Aber das war keine wirkliche Melodie. Es war ein Rhythmus, eine Wiederholung, die sich aber gleichzeitig in jedem Augenblick veränderte, sich auf unzählige Weise variierte. Es klang unsagbar schön. Hatte er je etwas so Schönes gehört? Er schwebte im Nichts und war nur noch ein Lauschen. Dann dachte er: ‚Es muss unendlich schön sein, zu ertrinken.‘ Aber komisch. Das war gar nicht seine Stimme, die das eben gedacht hatte. Es war eine andere. Eine viel schönere als seine eigene. Ja genau, es war die Stimme von Milo gewesen. Ob Milo auch gerade hier unten war?“
Etwas stieß ihn unangenehm in die Seite. Er erwachte. Tageslicht.
„David! Schlaf doch nicht, du kleiner Stinker“, sagte irgendjemand.
Er gähnte und blickte sich um. „Natürlich, es ist immer noch Sitzung“, dachte er.
Das Licht im Raum sah so mild und rein aus. Er fühlte eine vollkommene Ruhe. Einen noch nie dagewesenen Frieden. Er gähnte erneut und streckte sich.
„So, wir sind fertig. Danke fürs Kommen“, sagte der Pfleger und schaltete die Boxen aus. Gemurmel setzte ein.



Am Freitag verließ Sergey die Klinik. Am Abend zuvor hatte man ihm einen großen Abschied mit Pizza, Salat und Karaoke gegeben. Fast alle waren gekommen.



Am Montagmorgen saß er im Pavillon und rauchte ein Zigarillo. Nach dem Aufstehen war er zum Automaten in der Cafeteria gegangen und hatte sich eine Dose Red Bull herausgelassen. In der Küche hatte er sich dann noch eine Tasse Kaffee gemacht. Die Dose und die Kaffeetasse standen vor ihm auf dem Tisch. Es war ein sonniger, kalter Morgen.
Ein etwa fünfzigjähriger Mann mit schwarzen Haaren und einem großen Schnurrbart lief auf den Pavillon zu und setzte sich auf die Bank ihm gegenüber.
„Schöne Morgen. Ich heiße Nicolas“, sagte der Mann mit fremdländischem Akzent.
„Freut mich. Willkommen bei uns.“
Nicolas lächelte und zeigte regelmäßige, weiße Zähne.
„Nicolas? Kann es sein, dass du Grieche bist?“
„Ja, genau, Grieche“, antwortete Nicolas stolz. „Cool. Ich bin übrigens Russe. So gesehen sind wir beide Ausländer.“
Nicolas lachte. „Meine Sohn sagt immer ‚Kanake‘, aber das ist keine schöne Wort.“
Kurz schwiegen beide.
Dann sagte Nicolas: „Entschuldige mich bitte, ich dich gar nicht gefragt habe nach deine Namen.“
„Kein Problem. Ich heiße Sergey.“
„Auch eine schöne Name. Sage mir, Sergey, ist das eine gute Klinik?“
„Die beste, in der ich je war.“
Nicolas schien sich darüber zu freuen.
„Und sind die Leute hier nett?“
„Ich kenne hier alle, und sie sind mir wie Brüder und Schwestern.“
Nicolas zündete sich eine Zigarette an und sagte lächelnd: „Ich bin sicher, ich werde mich hier sehr wohlfühlen, Sergey, meine junge Freund.“
Die Tür des Haupteingangs öffnete sich.
Milo lief langsam durch den Garten, in Richtung des Pavillons.
 
Zuletzt bearbeitet:



 
Oben Unten