Schreibwarenfetischismus

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sohalt

Mitglied
Ich habe nichts zu besorgen, was schade ist. Gerade die Einkäufe zu Schulbeginn habe ich immer geliebt.


All die schönen, neuen Sachen: Mappen, Federn, Radiergummis, Spitzer, Federschachteln, Bleistifte, Farbstifte, Tintenkiller, Hefte, Trennblätter, Löschblätter, Linienspiegel - ich bedauere fast, dass ich meine Ausstattung mittlerweile auf einen Kugelschreiber, einen Textmarker und einen College-Block beschränkt habe. Es ist auch besser so, ich verludere doch alles, schönes Schreibzeug hat bei mir keinen Sinn; alles wird unausweichlich angenagt, verborgt, verlegt und verstreut, Hefte werden geknickt und bebröselt, mit Kaffee befleckt und eingerissen. Eine unerfüllte Liebe.

Die neuen Hefte nämlich, was für ein Anblick, ungeknickt, unbefleckt, rein, wer könnte sich angesichts dieses Weißes (bzw. Graues, ich schreibe ja auch auf Recycling-Papier, aber vielleicht eine Idee nicht ganz so gern) des Vorsatzes enthalten, diesmal Sorgfalt walten zu lassen? Wer schwelgt da nicht in der Vorstellung, wie er diese Zeilen mit der neuen Feder, die so viel besser in der Hand liegt, mit sauberen, geraden Buchstaben und Ziffern füllen wird? Die überwältigende Mehrheit der Menschheit vermutlich; Schreibwarenfetischismus ist unter Umständen doch eher ein Minderheitenschicksal.

Egal.

Die Schreibwarenfetischistin jedenfalls träumt davon, während sie am frischen Papier schnuppert, wie ordentlich sie ab heute sein wird. So wird sie selbst eine tadellose Mitschrift führen, was schließlich auch nicht unklug wäre, erspart sie sich so doch das demütigende Betteln um die Mitschriften der tüchtigen Mitschüler vor dem Test, den zermürbenden Kampf mit dem Kopierer und das Lernen nach wirren Schmierereien. (Tüchtige Mitschüler schreiben immer mit, aber nicht notwendigerweise schön, vielmehr üben sie sich oft in prestige-trächtiger Sauklaue, weil ja schließlich auch Ärzte nicht leserlich schreiben).

Stattdessen werden dann die Mitschüler sie um ihre Mitschrift bitten, sie werden aber nicht betteln müssen, denn sie wird großzügig sein. Sie wird beim Mitschreiben darauf achten, fest genug aufzudrücken, damit die Schrift auch auf der Kopie gut sichtbar ist, sie wird grübeln, ob sich das Thema bei kleiner Schrift nicht vielleicht doch noch auf dieser Seite ausgeht, damit nicht zu viele Seiten kopiert werden müssen. Sie wird vielleicht sogar einzelne Seiten daheim noch einmal schreiben. Sie trägt schließlich eine gewisse Verantwortung.

In der Nacht vor dem Test, realistischerweise vielleicht eher auch bei der Straßenbahnfahrt auf dem Weg zur Schule am Tag des Testes wird sie sich dafür den schönen Gedanken gönnen, dass sich gerade in diesem Moment die halbe Klasse über ihre Schrift beugt, sie wird in diesem Moment durch die Schrift mit ihnen verbunden sein, mit denen sie manchmal verzweifelt wenig verbindet. Und auch er, in den sie ein bisschen verliebt ist, wird nach ihrer Mitschrift lernen. Er hat etwas von ihr. Etwas von ihr ist bei ihm. Später wird sie zuschauen müssen, wie er sein Bankfach ausmistet, in dem all ihre Kopien waren, die er sich in der Regel kein zweites Mal anschaut, weil er sich letztlich doch lieber auf sein Glück verlässt.

Aber schon während sie das noch nicht weiß, hat der schöne Gedanke etwas Bitter-Süßes. Bitter, weil sie jetzt natürlich plötzlich all die peinlichen Rechtschreibfehler sieht und schlimmer noch, manchmal sogar faktische Fehler, Sachverhalte, die sie falsch verstanden hat, die ihre Mitschüler jetzt womöglich durch ihre Schuld beim Test falsch wiedergeben werden. Sie wird also wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Klasse rennen und jeden darauf aufmerksam machen, dass auf dieser Seite dieses nicht stimmt und auf jener Seite jenes und allen fürchterlich auf den Wecker gehen, weil das nur Details sind und sie sich viel lieber ungestört erst einmal das Grundsätzliche eintrichtern würden. Aber hauptsächlich wird man ihr dankbar sein. Und sie wird sich kuscheln in wohlig weiche Dankbarkeit, in die genüßliche Gewissheit, dass man Grund hätte, sie zu vermissen.

Träume werden ja noch erlaubt sein.
Erübrigen sich mitunter aber:

Für Ergänzungen zu Skriptum und Foliensatz reicht natürlich der Kugelschreiber.
 

Black

Mitglied
Ist ein traurige Geschichte, doch kennt jeder eine solche Person, oder ? Sie bemühen sich mit allen Mitteln, gern auch während des Studiums, den anderen zu helfen und darüber letztlich auch zu gefallen. Ihre Dienstleistung wird in Anspruch genommen, der Rest durchgekaut und ausgespuckt. Das kommt in der Story gut rüber ! Ich würde allerdings erst bei "Die Schreibwarenfetischistin..." einsteigen, denn die Einleitung durch den Autor verwirrt durch den Schwenk in die Erzählung etwas...

Grüße !
Black
 

sohalt

Mitglied
Hab ich auch schon überlegt.
Allerdings wird die ganze Geschichte durch die Einleitung noch einen Tick trauriger, ich würde das ungern verlieren.
 

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